Kundenrezensionen


1 Rezension
5 Sterne:
 (1)
4 Sterne:    (0)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

34 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unvollendentes als Lebenserfüllung, 28. Januar 2002
Rezension bezieht sich auf: Religion und Alltag: Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts (Broschiert)
„Die nicht vorhersehbare und planbare Endlichkeit des Lebens, die jeder Tod markiert, läßt Leben immer zum Bruchstück werden“ (S. 168). Ob der Autor die autobiographische Bedeutung dieses Satzes beim Niederschreiben geahnt hat? Henning Luther starb 1991, erst 44jährig. „Religion und Alltag“ ist die letzte Publikation des sehr erfüllt und „verdichtet“ lebenden Theologen. Luther wollte „Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts“ anbieten. Er begründet: „Mit der stärkeren Ausrichtung der Praktischen Theologie am einzelnen Subjekt sind programmatisch zwei unterschiedliche Perspektiven angesprochen: Es geht zum einen um die Individualisierung der Religion, d.h. um die Frage, wie die einzelnen im Kontext ihrer je verschiedenen Lebenswelt und Lebensgeschichte mit religiöser Tradition umgehen, zum anderen um die Individualisierung durch Religion, d.h. um die Frage, was Religion zur Subjektwerdung des einzelnen beitragen kann“ (S. 12). Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass ein solcher Ansatz der Praktischen Theologie für die Erarbeitung eines eigenen Standpunktes sehr hilfreich ist. Wie schwer tun sich Predigerinnen und Prediger, die für den sonntäglichen Dienst sich zuvor durch voluminöse Kommentare durchquälen müssen! Solide Textarbeit gehört selbstverständlich dazu. Die subjektiven Zugänge zum eigenständigen Glaubensvollzug der Hörer markieren und eröffnen, halte ich für die Hauptaufgabe des Predigers. „Was und wie zu glauben ist, klären die einzelnen Subjekte selber“ (13). Die dogmatische Theologie kann dabei „Anregungspotential ins Spiel“ bringen, sie soll jedoch nicht normieren wollen als Begründungsinstanz! Wer dem zustimmen kann, der wird seinerseits der „Laienperspektive“ Raum geben und es nicht versäumen, auf die „Theologie des Volkes“ zu achten. Konsequent artikuliert Luther sein „Grenzbewusstsein“: „Mir scheint aber, daß der Praktischen Theologie der sichere Ort der Mitte verwehrt ist. Die Mitte der Praktischen Theologie – das, worum es ihr in allem, was sie treibt, letztlich geht – ist nichts anderes – so meine These – als die Bearbeitung der Erfahrung von Grenze oder von Grenzen. Ihre Mitte ist also ihre Grenze“ (S. 45). Ein nichtängstliches Grenzgängertum wirkt befreiend: „Es kommt darauf an, die Welt nicht zu ignorieren, sondern zu relativieren, so zu leben, als ob man nicht in ihr lebte“ (S. 56). Im Sinne des Diktums von Paul Tillich, dass „die Grenze der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“ sei, zieht der Autor auch drei methodologische Konsequenzen für die Praktische Theologie: 1. Zweckmäßiger, unbefangener „Grenzverkehr“ mit den sogenannten Humanwissnschaften; 2. Beachtung der Theorie-Praxis-Grenze, d.h. Weiterentwicklung von „Offenheit und Wahrnehmungsbereitschaft für Probleme und Prozesse der Praxis“; 3. Überschreitung der „Grenze zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren“, womit die Unterscheidung zwischen theorielastig rationalem Denken und emotionalem Erfassen der Gehalte von Kunst und Literatur angesprochen wird (S. 60).
Die praktisch-theologischen Überlegungen zur Unabschließbarkeit von Bildungsprozessen (S. 160-182) unter der Überschrift „Identität und Fragment“ erhalten ihr Profil in dem Satz: „Blickt man jedoch auf menschliches Leben insgesamt, d.h. sowohl in seiner zeitlichen Erstreckung als auch in seiner inhaltlichen Breite, so scheint mir einzig der Begriff des Fragments als angemessene Beschreibung legitim“ (S. 168). Die Identität des einzelnen wird treffend erläutert durch die beiden Aspekte „Fragment aus Vergangenheit“ und auch „Fragment aus Zukunft“: „Wir sind immer zugleich auch gleichsam Ruinen unserer Vergangenheit, Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen ... Andererseits ist jede erreichte Stufe unserer Ich-Entwicklung immer nur ein Fragment aus Zukunft. Das Fragment trägt den Keim der Zeit in sich. Sein Wesen ist Sehnsucht. Es ist auf Zukunft aus“ (S. 168f.). Zusammenfassend hält Luther fest: „Aus mindestens drei Gründen ist das Ideal der vollständigen und dauerhaften Ich-Identität unzulänglich und nur der Gedanke einer fragmentarischen Ich-Identität angemessen: 1.) Jedes Stadium der Ich-Entwicklung stellt immer auch einen Bruch, Verlust dar (und nicht nur Wachstum und Gewinn). Insofern sind wir immer auch die Ruinen unserer Vergangenheit. In Krisen wird dieser normale Tatbestand nur dramatisch erfahrbar. 2.) In jedem Stadium der Ich-Entwicklung sind wir aber immer auch Ruinen der Zukunft, Baustellen, von denen wir nicht wissen, ob und wie an ihnen weitergebaut wird; wir wissen immer nur, daß der Bau noch nicht vollendet ist. Gegen die Erstarrung steht die Sehnsucht ... 3.) In jedem Stadium der Ich-Entwicklung sind wir durch andere in Frage gestellt. In jeder Begegnung mit anderen wird unsere Identität neu herausgefordert. Das Beharren auf einer sich gleichbleibenden Identität wird durch die Erfahrung der Differenz erschüttert“ (S. 170).
Praktisch-theologische Implikationen einer solchen Verhältnisbestimmung von Identität und Fragment konkretisiert Luther für die beiden Handlungsfelder Religionspädagogik und Homiletik. Zur Religionspädagogik: Naheliegend ist ein Verzicht auf verabsolutierte Erfolgsmaßstäbe in der Identitätsentwicklung. Religionspädagogik und Religionsunterricht sollten inhaltlich vornehmlich die jungen Menschen für die Erfahrung der Fragmentarität in den Lebensgeschichten sensibilisieren und auch zur eigenständigen Deutung unter Einbezug der christlichen Überlieferung befähigen. Dazu bedarf es allerdings kundiger und engagierter Lehrer/innen, weil die hermeneutisch-didaktische Vermittlung von „subjektiv erfahrener, situativ verorteter und verallgemeinerter christlicher Tradition“ getragen sein muss (S. 179).
Auf dem Handlungsfeld der Homiletik wird die Relation von Identität und Fragment bei der Frage des Umgangs mit Texten relevant: „Auch die Annäherung an die Texte des Glaubens bleibt prinzipiell fragmentarisch“ (S. 180). Somit bleiben grundsätzlich auch Bildungsprozesse unabgeschlossen, offen für stets neue Interpretationen. Dementsprechend wird der Prediger darum bemüht sein, seinen Hörern eine Interpretationskonstellation zu vermitteln, durch die dessen Empfinden für die Differenz zwischen seinem Glaubensverständnis, seiner Situationserfahrung und seiner Erwartung gefördert wird. „Soll Predigt gelingen, so muß sie diesen offenen wechselseitigen Erschließungsprozeß zwischen den Koordinaten dieser Konstellation ermöglichen und vorantreiben“ (S. 181).
Das letzte Kapitel des Buches reflektiert „die Zwiespältigkeit des Alltags“. Der Leser wird anschaulich über die unterschiedliche Bewertung von „Alltag“ und „Lebenswelt“ durch einen Literaturbericht informiert. Zur Frage der Mehrdeutigkeit des Alltags im Blick auf den einzelnen ist bemerkenswert: „Das Eigentümliche der Alltagswelt besteht aus dem Zugleich von sozial (rituell) Geregeltem und Vorgegebenem und subjektiver Eigensinnigkeit ... Im Alltag handelt das Subjekt Wirklichkeit immer wieder neu aus. Damit wird Wirklichkeit nicht nur verschieden gedeutet, sondern auch verschieden konstituiert. Darum i s t der Alltag immer schon mehrdeutig“ (S. 243). Das Buch steht seit einem Jahrzehnt griffbereit in meinem Arbeitszimmer. Einzelne Passagen lese ich wiederholt gewinnbringend nach, weil sie zur Weiterarbeit anregen. Etwa den Abschnitt über den „mikrologischen Blick“, der dazu verhelfen kann, „im Alltäglichen den Widerschein des Nicht-Alltäglichen zu erkennen“ (S. 252f.).
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Religion und Alltag: Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts
EUR 22,00
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen