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115 von 127 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Interessante politisch-militärische Studie aus deutscher Sicht, 9. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
Einen ausführlichen Vergleich mit dem neuen Buch von Jörn Leonhard habe ich bei Leonhard geschrieben.

"Aus keinem Krieg kann soviel gelernt werden wie aus dem Ersten Weltkrieg", schreibt der Politologe (nicht Historiker!) Herfried Münkler in seinem 900 Seiten Buch. Als Politologe stellt Münkler daher immer wieder gerne Bezüge zur Gegenwart her, etwa zum Jugoslawienkrieg, dies unterscheidet das Buch von den vielen anderen neuen Publikationen zu diesem Thema.
Anders als Historiker stellt Münkler taktische und strategische Fragen in den Vordergrund. Er erklärt zum Beispiel die Paradoxien der Politik und des Krieges so: Deutschland hat den Krieg verloren, weil seine Führung nicht begriffen hat, dass man nach großen militärischen Erfolgen politisch bescheiden auftreten und eine Verhandlungslösung anstreben sollte. Stattdessen wuchsen nach den ersten Siegen nur die Ansprüche. Den gleichen Fehler machten die Alliierten später bei den Friedensverhandlungen 1919.

Faszinierend auch Münklers Analyse der Entscheidungsprozesse, die zur Schlacht von Verdun führten. Überraschend die ökonomischen Folgen des U-Boot Krieges für Deutschland.

Aha-Effekte stellten sich beim Lesen des Öfteren ein. Wo Historiker nur darstellen, versteht man bei Münkler plötzlich die Entscheiduntsprozesse und deren manchmal unvorhersehbaren Folgen.

Was die Ursachenanalyse betrifft, folgt Münkler dem Bestsellerautor Clark: Er verteilt die Verantwortung für die Katastrophe auf viele Schultern. Aber auch dem Zufall wird eine große Rolle zuerteilt, beispielsweise beim Attentat von Sarajevo. Wie Clark betont auch Münkler, dass alle beteiligten Protagonisten ihre Verantwortung gerne weggeschoben haben bzw. meinten, sie würden sich in einer Zwangslage befinden und nicht anders entscheiden können.

Leider ist der Untertitel von Münklers Buch, Die Welt 1914 - 1918". missverständlich. Denn Münkler beschreibt das Geschehen vorwiegend aus deutscher Perspektive. Wer wissen möchte, wie die Diskussionen in England, Frankreich, Russland, USA, verlaufen sind, muss zu Clark greifen.

Vor dem Kauf habe ich mir eine ganze Reihe von Büchern zum Ersten Weltkrieg angesehen. Münkler hat für mich am besten abgeschnitten, weil sein Buch glänzend geschrieben und am komplettesten ist.
Trotzdem hätte ich bei Münkler gerne mehr gelesen über die Vorgeschichte des Weltkrieges (Balkankrise) sowie Wirtschaft und Geld.

Münkler konzentriert sich auf den politisch-militärischen Bereich in Deutschland. Er beschränkt sich in der Analyse auf die kurzen Wege in den Krieg", also im wesentlichen Julikrise. Wer zu sehr auf die langen Wege" (Balkankriege) schaut setzt sich dem Vorwurf des Fatalismus aus, so Münkler.

Ich meine, Clark und Münkler ergänzen sich hervorragend: Clark beschreibt den langen Weg zum Krieg bis zum Kriegsbeginn, Münkler setzt die Geschichte bis zum Kriegsende und darüber hinaus fort.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erkenntnisreiche und gut lesbare Studie mit einigen Neubewertungen, 21. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
Herfried Münklers "Der große Krieg" ist eine lesenswerte Gesamtdarstellung des Ersten Weltkrieges, die politikwissenschaftliche Analyse und historische Erzählung miteinander verknüpft. Das lässt sie tatsächlich aus der Flut der gegenwärtigen Veröffentlichungen zu diesem Thema herausragen.

Zunächst präsentiert sich das Buch wie eine weitere historische Darstellung, doch Münkler analysiert in dem Buch durchgehend die Handlungen, Entscheidungen und Optionen der Akteure mit politikwissenschaftlichen Methoden. So differenziert er stets zwischen den verschiedenen handelnden Personen. Beispielsweise erläutert er ausführlich, inwiefern sich auf deutscher Seite der Kanzler Bethmann-Hollweg vom General Moltke unterschied. Ersterer suchte nach politischen Lösungen auf dem Weg der Kooperation mit den anderen Großmächten, Moltke dagegen sah das Reich militärisch eingekreist. Münkler vermag es überzeugend darzulegen, wie und warum sich welche Perspektiven und Wahrnehmungen schließlich durchsetzten. Das Ergebnis ist eine differenzierte und nachvollziehbare Ursachenanalyse der Dilemmata, Erfolge, Irrtümer und Fehleinschätzungen der handelnden Personen.

Der Schwerpunkt der gesamten Analyse und Darstellung liegt auf dem Deutschen Reich. Aber auch die Akteure der anderen Großmächte werden differenziert analysiert. Dennoch wünscht sich der Leser an manchen Stellen, dass hier genauso tief in die Materie eingetaucht würde, wie es für die deutsche Seite geschieht.

Insgesamt bleibt es aber dabei: Münkler hat eine erkenntnisreiche, gut lesbare und in vielen Aspekten innovative Studie zum Ersten Weltkrieg vorgelegt, die viele eingefahrene Urteile über so manchen Akteur ein wenig gerade rückt. Die Lektüre lohnt sich!
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12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Deutschland im Großen Krieg, 9. Februar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
"Der Große Krieg" von Herfried Münkler ist die erste größere Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs aus der Feder eines deutschen Autors seit der Arbeit Peter Kielmanseggs (Deutschland und der Erste Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1968). Freilich stützt sich das im Frühjahr 2009 konzipierte (S. 922), also hastig recherchierte und schnell geschriebene Buch überwiegend auf Sekundärliteratur.

Anders als der Untertitel suggeriert, handelt die Darstellung leider nicht von der "Welt 1914 bis 1918", sondern lediglich von der Welt AUS DEUTSCHER PERSPEKTIVE. Während die Entscheidungen, Entwicklungen und Verhältnisse im Deutschen Reich breit abhandelt werden, müssen sich die anderen kriegführenden Nationen mit spärlichen Bemerkungen begnügen.

Die deutlichsten Akzente setzt Münkler in seinen politischen Analysen. Schon der Buchtitel ist programmatisch, signalisiert er doch, dass der Erste Weltkrieg nicht aus der Perspektive des Zweiten, sondern als eigenständiges Ereignis betrachtet werden soll (S. 11), das uns in gewisser Weise näher steht als die Vorgänge zwischen 1939 und 1945. Die weltpolitische Multipolarität auf die wir uns heute zubewegen, sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Realität gewesen.

Aus Münklers Sicht lässt diese historische Parallele alle Deutungen zweifelhaft erscheinen, die den Kriegsausbruch von 1914 auf zwingende strukturelle Ursachen zurückführen. Wer die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik in der Julikrise herunterspiele, müsse sie auch in heutigen Krisen für gering halten. So spreche alles dafür, dass der Krieg durch vermeidbare politische Fehler herbeigeführt wurde. Kapitalistische und imperialistische Rivalitäten, die Mängel der deutschen Verfassung oder der deutschen Militarismus hätten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Letzterer sei ohnehin relativ gewesen, da der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt in Deutschland geringer war als in Frankreich und Russland (S. 63), und das Reich nur etwa 50 Prozent seiner Wehrpflichtigen einberief.

In der Julikrise hätten alle Großmächte Fehler begangen. "Die Zeit der einseitigen Schwarzweißzeichnungen in der Ursachenforschung zum Ersten Weltkrieg ist vorbei ..." (S. 784). Deutschland habe den Österreichern einen Blankoscheck erteilt, Russland den Serben und Frankreich den Russen (S. 100). Der Schlüssel zum Krieg habe in St. Petersburg gelegen. "Hätte man dort auf Mobilmachung und Kriegserklärung verzichtet, so wäre es nur zu einem Dritten Balkankrieg gekommen ..." (S. 101).

Nachdem er durch Ungeschicklichkeit in den großen Krieg hineingeschlittert war, habe der Reichskanzler Bethmann Hollweg bis zu seinem Rücktritt im Juli 1917 einen Verständigungsfrieden angestrebt, sich aber aus innenpolitischen Gründen genötigt gesehen, den Annexionisten Zugeständnisse zu machen. Bethmanns Dilemma sei nahezu unlösbar gewesen. "Um die von den Annexionisten geschürte Erwartung eines deutschen Sieges zu durchkreuzen, hätte er ... die schwierige militärische Lage Deutschlands öffentlich darstellen müssen. Das wiederum hätte die deutsche Position bei den Verhandlungen mit der Entente geschwächt, wenn sie denn unter diesen Umständen überhaupt zustande gekommen wären ..." (S. 624).

Sehr aufschlussreich sind die mentalitätsgeschichtlichen Ausführungen Münklers. Zu den großen Rätseln der Zeit gehört die Kriegseuphorie im Sommer 1914. Zwar betont die neuere Forschung den vorwiegend städtischen und bürgerlichen Charakter des Phänomens, doch mindert dies kaum seine politische Bedeutung. Münkler zufolge hat die Grundstimmung eines Teils der Bevölkerung damals den Charakter eines "mythischen Deutungsschemas" angenommen, das ein Sinnangebot für ALLE Volksangehörigen enthielt, indem es die Ereignisse in ein Gesamtgeschehen von unermesslicher Bedeutung integrierte. "Was auch immer sich im Einzelnen zugetragen haben mag und was die Menschen je empfunden haben - es wurde aufgesogen durch das mythische Schema, das Erlebnis und Empfinden mit Bedeutung ausstattete, beides dem Zufälligen entzog und den Einzelnen somit an etwas Größerem teilhaben ließ. So und NUR SO war, nachdem sich der Mythos erst einmal durchgesetzt hatte, die individuelle Erinnerung an die ersten Augusttage des Jahres 1914 kommunizierbar" (S. 229).

Die ausführliche Schilderung der Kampfhandlungen vermittelt ein recht klares Bild vom Geschehen an den Fronten, einschließlich derer in Nahost und Afrika. Da Münkler aber überwiegend darauf verzichtet, Ausgangsstärken und Verluste der beteiligten Armeen anzugeben, und kaum alternative Operationsszenarien diskutiert, kann der Leser den Ausgang vieler Schlachten nur bedingt nachvollziehen. Welche Erfolgsaussichten der Schlieffenplan oder die deutschen Frühjahrsoffensiven von 1918 hatten, bleibt nach der Lektüre des Buches unklar.

Überzeugend rekonstruiert Münkler den taktischen Lernprozess an der Westfront. Die frontalen Massenangriffe der ersten Kriegsmonate hätten fast zur beiderseitigen Ausblutung geführt. Der Ende 1914 angeordnete Übergang zum Stellungskrieg sei eine Notmaßnahme der militärischen Führungen gewesen, um den Zusammenbruch ihrer Armeen zu verhindern. Tatsächlich habe dieser Schritt die Verluste deutlich gesenkt (S. 298). In der Folgezeit sei es den Militärs gelungen, sich immer besser auf die Bedingungen des modernen Krieges einzustellen. Nachdem von 1915 bis 1917 alle großen Offensiven im Westen gescheitert waren, hätten die Optimierung der Artillerievorbereitung (S. 597; S. 687), die Entwicklung der Stoßtrupps (S. 470) und das Aufkommen der Infiltrationstaktik (S. 688) im Frühjahr 1918 wieder taktische Durchbrüche ermöglicht. Damit war der Stellungskrieg im Prinzip überwunden. Die Panzer erwiesen sich in diesem Zusammenhang als unwesentlich. Ihre große Stunde sollte erst im Zweiten Weltkrieg kommen.

Münklers Antwort auf die Frage, wie die Soldaten das Leiden und Sterben des Grabenkrieges so lange durchhalten konnten, ist originell. Soldaten, deren Überleben die Fähigkeit erforderte, unter Lebensgefahr kaltblütig entscheiden zu können, hätten sich als heroisch betrachten MÜSSEN, um ihre Handlungsfähigkeit zu bewahren. "Man war überzeugt, dass die Niedergeschlagenen und Verzagten mit größerer Wahrscheinlichkeit fallen würden. Zumindest ein wenig heroisch zu sein, wurde in dieser Hinsicht zur Überlebensstrategie" (S. 467). Infolge ihrer Selbstheroisierung hätten die Soldaten den Krieg länger ertragen, als man es sich in der postheroischen Gesellschaft unserer Zeit vorstellen kann.

Anders als die Operationsgeschichte scheinen die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte des Krieges Münkler kaum interessiert zu haben. Das Thema ist ihm nur 30 Seiten wert (S. 563-593).

Trotz großer materieller und personeller Unterlegenheit habe Deutschland gute Aussichten besessen, den Krieg nicht zu verlieren, denn Ende 1917 seien Frankreich und England kriegsmüde und Russland durch die Revolution gelähmt gewesen. Leider habe den glänzenden Lernerfolgen des deutschen Heeres eine Lernblockade der deutschen Politik gegenübergestanden (S. 20). Mit der von großen Teilen der Öffentlichkeit, zahlreichen Intellektuellen und einer Mehrheit des Reichstags gestützten Entscheidung zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg (S. 522) habe das Reich die USA in das Lager der Entente getrieben und seine Niederlage besiegelt. So wurde die Tragweite vermeidbarer politischer Fehler ein zweites Mal demonstriert.

Obwohl Münkler weder intime Quellenkenntnis noch eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Großen Krieg vorweisen kann, ist ihm ein eindrucksvolles Buch gelungen, das ebenso faktengesättigt wie anregend ist.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Buchbeschreibung, 15. April 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
Eine deutsche Veröffentlichung, die ohne n Clark`s Buch "Die Schlafwandler" höchstwahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre, Münkler wäre als "Schuldleugner" verunglimpft worden.
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9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Paradigmenwechsel, 23. Januar 2014
Von 
Albrecht Bär "albrecht_baer" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
Wie schon Christopher Clark in seinem großen Werk über die Ursachen des Ersten Weltkrieges betont auch der Politologe Herfried Münkler in seinem hier anzuzeigenden Buch, daß die Verantwortung für den Kriegsausbruch auf vielen Schultern lastet. Wo Clark jedoch die Politik aller verantwortlichen Mächte untersucht, bleibt Münkler wie so viele deutschsprachige Autoren der germanozentrischen Betrachtung verhaftet. So bleibt es nicht aus, daß er den Fokus einmal mehr auf den „verhängnisvollen Militarismus“ Preußen-Deutschlands mit Pickelhaube, Militärparaden und Kieler Matrosenanzug lenkt. Dabei entgeht ihm, daß dieselben Erscheinungen auch in Frankreich, England oder Rußland anzutreffen waren. In allen modernen Staaten vor 1914 stand das Militär in einem hohen Ansehen und war bei der Öffentlichkeit populär. Münkler schildert dann aber eindrucksvoll, wie die im Bürgertum häufig anzutreffende Kriegsbegeisterung mit Dauer der Kämpfe in Ernüchterung umschlug. Er analysiert richtig die strategisch-taktischen Fehler der deutschen Kriegsführung, vergißt dabei aber, ihre Erfolge zu erwähnen. Auch auf Seiten der Entente lief nicht alles so, wie die - von Münkler in bezug auf russische Regierungsvertreter so genannten - "Kriegstreiber" es sich gewünscht hatten. Davon erfährt der Leser aber kaum etwas, auch nichts von der Wirkung der alliierten Greuelpropaganda ("abgehackte Kinderhände") auf die Psyche der späteren Siegernationen und die der Hungerblockade auf die Deutschen. Genauer nimmt der Verfasser dann den Versailler „Friedensvertrag“ unter die Lupe, dessen brutale Bedingungen jedem Einsichtigen von vornherein deutlich gemacht hätten, daß ihm keine lange Dauer beschieden sein würde, wie Münkler verdienstvollerweise betont. Wären die Siegermächte nicht von Gier, Haß und Rachegefühlen beherrscht gewesen, hätte der Kontinent wirklich befriedet werden können. Und weiter führt er aus: Ohne das serbische Terrornetzwerk der „Schwarzen Hand“ kein Kriegsausbruch, ohne Erster Weltkrieg keine Russische Revolution und ohne die „Werbewirksamkeit“ der Versailler „Friedensordnung“ wäre der rasante Aufstieg der NSDAP undenkbar gewesen. Das ist nicht neu, und das haben bereits andere Historiker vor Münkler so klar herausgestellt, trotzdem bleibt es plausibel. So kann mit Fug und Recht vom Krieg 1914–18 als Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts gesprochen werden.
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5.0 von 5 Sternen Ein monumentales Geschichtswerk, sehr zu empfehlen, 12. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
"Der Große Krieg" ist ein sehr umfassendes Werk von ca 800 Seiten. Die Lektüre lohnt sich allemal, denn Münklers Buch enthält die Quintessenz von unzähligen Studien und Abhandlungen; all dies wird in einem flüssigen, gut lesbaren Stil präsentiert. Münkler schreibt zwar aus der deutschen Perspektive, doch gelegentlich wechselt er auch mal den Blickpunkt und bringt dann auch Abschnitte aus österreichischer, ungarischer, serbischer, türkischer, französischer, bulgarischer, russischer usw. Perspektive. So hat man als Leser das Gefühl, einen umfassenden Einblick in den großen Krieg mit seinen vielen Akteuren erhalten zu haben.

Bezüglich der Entstehungsgeschichte des Krieges folgt Münkler eher der Linie von Clark. Es gab viele Verantwortliche für den Ausbruch des Krieges. Münkler wendet sich damit vehement gegen Fritz Fischer und dessen einflußreiche Schüler, die in Deutschland quasi den Alleinschuldigen sehen. Die Fischer-Doktrin führte in der Folge zu einem rabenschwarzen, negativistischen Geschichtsbild. Einige Medien sahen es gar als ihre Hauptaufgabe an, belastendes Material gegen Deutschland zusammenzutragen.

Münklers Buch rückt vieles zurecht, er sieht Licht und Schatten bei allen Beteiligten. Er bringt einen neuen Ton in die deutsche Geschichtsschreibung: kritisch hinterfragend, dabei aber verständnisvoll und wohlwollend. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierteren Sicht auf die deutsche Geschichte.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großer Wurf, 17. Februar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Unter den vielen Veröffentlichungen zu Spezialthemen des Ersten Weltkrieges ragt dieses Werk als Überblicksdarstellung des Krieges heraus. Der (Unter-)Titel ist allerdings etwas irreführend, da Münkler das Kriegsgeschehen vor allem aus deutscher Perspektive schildert und dessen Verbündete sowie die Kriegsgegner nur streift. Dafür erhält der Leser aber einen umso tieferen Einblick in die inneren Entwicklungen des Kaiserreichs und die Überlegungen und Kalküle der politischen und militärischen Entscheidungsträger, welche ihren (Fehl-)Entscheidungen zugrunde lagen. Auch auf die wichtigsten Entwicklungen auf den Schlachtfeldern der verschiedenen Fronten wird ausführlich eingegangen, ohne sich dabei aber zu sehr in Details zu verlieren.

Fazit: Eine ausgewogene und gut lesbare Darstellung der vier Kriegsjahre aus deutscher Sicht, die momentan noch ihresgleichen sucht. Wer sich sich für den Krieg näher interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen der erste Weltkrieg als Auslöser für alle nachfolgenden Konflikte..., 11. Dezember 2013
Von 
Jouvancourt (Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
*
Der 1. WK war gerade gestern: erst 100 Jahre ist es her, 4 Generationen weiter ist jetzt auch der letzte Kriegsteilnehmer gestorben und doch war es der erste weltweite und vor allem der furchtbarste Krieg aller Zeiten! Professor Herfried Münkler arbeitet diesen Stoff in hervorragender Weise in seinem neuen, fast 1000 Seiten starken, Buch auf und leitet von diesem Krieg alle anderen nachfolgenden Kriege ab! "Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das ganze 20. Jahrhundert ein Rätsel bleiben", heißt es in Herfried Münklers Buch und der Historiker führt weiter aus: "Vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Balkankriegen der 1990er Jahre lasse sich alles daraus erklären!" Der erste Weltkrieg beendete Vormachtsansprüche, war der Auslöser für das Ende der europäischen Kolonialpolitik, provozierte Revolutionen, implizierte bereits den 2. WK und verteilte die Macht auf der Welt neu auf.

Deutschland war in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg erstarkt und stark militarisiert. Wenn sich das auch nicht in den Statistiken der Waffenkäufe niedergeschlagen hatte, so war doch jeder kleine Junge in Marineuniform gekleidet, jeden Sonntag gingen in ganz Deutschland Heerscharen von uniformierten Männern mit schönen Frauen am Arm durch die Parkanlagen Deutschlands! Man war stolz auf sein "Vaterland", auf seine zahlreichen Kolonien, über denen die Sonne nie untergegangen ist. Diese Kolonien hatte Deutschland nach langem Zögern als letztes europäisches Land erworben und versuchte mit Hochdruck, den Rückstand der kolonialen Entwicklung gegenüber Frankreich, England, Italien und Spanien aufzuholen. Eine riesige Flotte wurde in Auftrag gegeben, "die Zukunft Deutschlands liegt auf dem Meer" (Kaiser Wilhelm), die neuesten Hightech Waffen (P 08, K98, Krupp Kanonen, Maschinengewehre, Handgranaten), die Technologieträger der damaligen Zeit (U-Boote, Kampfflugzeuge) standen für den ersten Einsatz bereit und der leidenschaftliche Patriotismus unter der Bevölkerung kannte keine Grenzen mehr! Gleichzeitig erlebten in dieser Zeit viele Länder der Erde, allen voran die USA, einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg. Waffen waren zu dieser Zeit weltweit ein besonders gefragtes Handelsgut, sie waren "à la mode". Der preußische Militarismus mit Pickelhaube und Hurra-Patriotismus stand dabei an erster Stelle und gerade das wurde den Deutschen im Nachhinein zum Verhängnis! Durch die übertriebene Verherrlichung des Krieges in allen Gesellschaftsschichten war das Bild vom Kriegstreiber Deutschland in aller Munde. Und doch war gerade Deutschland für einen Angriffskrieg schlecht gerüstet: es fehlten Reserven an Nahrung und Munition, es fehlten Divisionen für einen 2 Frontenkrieg, man konnte also strategisch gesehen nur von einem sehr kurzen Krieg ausgegangen sein.

Das Attentat von Sarajewo verzeichnet Münkler als einen Zufall, einen Funken, den das kriegsbereite Europa benötigte. Anders als Clark sieht er den Auslöser nicht in den Spannungen im Balkan, sondern in der allgemeinen weltpolitischen Lage. Weder Clark, noch er, und auch nicht die berühmte amerikanische Historikerin Barbara Tuchman ("August 1914"), geben den Deutschen die Alleinschuld am Kriegsbeginn. Man glaubte damals an einen schnellen Sieg, einen Krieg à la 1870, in dem alles überrannt wird und es zu schnellen Friedensverhandlungen kommen würde. Eine bedeutende Anzahl von deutschen Männern meldete sich freiwillig an die Front und der Jubel war im August 1914 unbeschreiblich. Erst als die ersten Divisionen aufgerieben nach Hause kamen, es in vielen Truppenteilen 80% Verluste gab und man das Gemetzel des Stellungskrieges erkannte, das unbeschreibliche Grauen dieses Krieges in der eigenen Familie sah, schlug die Stimmung um. Aber es war zu spät. Die Wunderwaffen auf beiden Seiten brachten keine Entscheidung, die Armeeführer konnten mit den modernen Waffen (Maschinenkanonen, weitreichende Artillerie) nicht umgehen und schickten die Soldaten massenhaft ins Feld wie zu Zeiten der Völkerschlacht von Leipzig!

Viele Intellektuelle verklärten den Krieg als Heldentat, als Kampfzone für innere Einheit und sittliche Läuterung. Für Herfried Münkler ist diese Erkenntnis aus dem großen Krieg "tragisch", aber wahr. Viele Intellektuelle stellten sich für diesen "Schützengraben-Sozialismus" in den Dienst der Sache. Doch dann scheiterten Politik und Militär an einer "Mischung aus Großmannssucht und Ängstlichkeit", wie Münkler ausführt. Der große Krieg, "la grande guerre", kostete am Ende 17 Millionen Menschen das Leben, ohne dass es zu einer Entscheidung gekommen wäre. Es gab zahllose Schlachten, viele Siege und doch war man in 4 Jahren keinen Schritt weiter gekommen. Die Kapitulation des immer noch starken Deutschlands wurde dann auch als Verrat aufgefasst, verursachte Revolutionen und war die starke Keimzelle für den 2. Weltkrieg.

Münkler beschreibt die Auslöser des 1. WK vor allem aus deutscher Sicht und nicht aus Sicht der anderen Großmächte oder gar der Balkanländer. Das Leiden der Soldaten, diese unglaublich menschenfeindliche Komponente des Krieges, kommt hier zu kurz- es ist ein militärpolitisches Werk.

Fazit:

Ein Gesamtkunstwerk zum besseren Verständnis der Geschichte Deutschlands hat uns Professor Münkler hier vorgelegt! Aber es ist vor allem ein Wegweiser durch die nachfolgenden Zeiten - 2. WK, Balkankriege der 1990er - der uns die Augen öffnen soll und uns immer wieder einen Spiegel vorhält. Nur wer die Geschichte versteht, versteht auch die Zukunft, möchte man meinen, und Münkler mahnt an, mit der neuen wirtschaftlichen Stärke Deutschlands behutsam umzugehen, aus den Erfahrungen von 1914 zu lernen....
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5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Münkler, 23. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
Der Politologe und Think Tank Herfried Münkler hat wieder einmal ein Buch geschrieben, welches Maßstäbe setzt:
Unter Berücksichtigung der neuesten Forschung liefert er ein analytisch brilliantes Bild der Geschehnisse, beleuchtet die Ursachen derselben, erhellt die ideengeschichtliche Grundlage und schafft es dabei noch äußerst spannend und packend zu schreiben: Ein echter Münkler eben.
Besonders interessant die Darstellung der intellektuellen Debatten in Deutschland; der Debatte um die Kriegsziele ('Mitteleuropa', 'Ideen von 1914') und derjenigen um den uneingeschränkten U-Boot - Krieg. Faszinierend auch der historische Vergleich zw. Deutschlands damaliger und Chinas heutiger Lage.
Trotz der äußerst dichten Darstellungsweise bleibt Raum fürs Anekdotische (z.B. die Unterscheidung des 'Schießers' vom 'Waidmann' in Richthofens Pamphlet 'Der rote Kampfflieger'), auch die literarische Rezeption des Kriegserlebnisses kommt nicht zu kurz (Jünger, Barbusse, Ranke-Graves).
Münkles Buch hebt sich angenehm von den Büchern der Historikerkaste ab, als Politologe räumt er der Ideengeschichte ihren angemessenen Raum zu (erfrischend der zahreiche Rückgriff auf die Briefe Max Webers).
Salz in der Suppe ist sein Faible für Militärische, im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren, die zu diesem Thema schreiben, leistet er sich keinen Lapsus, wenn es um Militärtechnik oder Taktik geht.
Uneingeschränkt zu empfehlen!
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40 von 69 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Man lese diesen Artikel und werde schlauer...., 31. Dezember 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
Dr. Cora Stephan 30.12.2013
Hundert Jahre Traurigkeit

Wer in Nordfrankreich die Picardie besucht, ein Gebiet nördlich von Paris und Reims, ist meist weniger an seiner lieblichen Landschaft interessiert als an dem, was darunter liegt. Es sind die Toten, die Jahr um Jahr die Besucher anziehen. Vor allem Briten pilgern an die Somme, in das Dreieck zwischen Péronne und Abbeville, auf der Suche nach einem der rund 400 Friedhöfe, die zwischen Wiese, Rübenfeld und Wald liegen, dazwischen Monumente und Totenhallen, Kapellen und Denkmäler. Tausende weisser Steine über den Überresten von Briten und Franzosen – manchmal liegen darunter sogar die Knochen der Männer, deren Namen auf den Steinen stehen, mitsamt Rang, Geburts- und Todestag. Meist ist dazu ein Kreuz eingraviert, oft ein Davidstern, auf vielen aber steht kein Name, sondern nur «A Soldier of the Great War. Known unto God.»

In Thiepval erinnert der Ulster-Tower an die 2500 irischen Soldaten, die hier an einem einzigen Tag gefallen sind, in Beaumont-Hamel gilt die riesige Skulptur eines Karibus dem Regiment der Neufundländer, das dort fast völlig aufgerieben wurde. Noch heute erkennt man in der sanften Dünung des Bodens die Konturen der Schützengräben, in denen sich die gegnerischen Soldaten gegenüber lagen. Jeden Sommer, am 1. Juli, dem Datum, an dem 1916 die für die Briten mit fast 80 000 Toten verlustreichste Schlacht begann, sind die Stätten des grossen Sterbens übersät mit Poppies, jenen Mohnblumen, die zum Symbol der gescheiterten Offensive an der Somme geworden sind.

Das lothringische Verdun, im Nordosten Frankreichs, ist der wichtigste Erinnerungsort der Franzosen. Auch hier eine Parade weisser Steine, die sich bis zum Horizont erstreckt. Daneben verbotene Orte, unbetretbar, weil der Boden unter Krüppelbewuchs, Gestrüpp und schillernden Sümpfen noch heute explosiv ist. Der Erste Weltkrieg lebt: selbst im freigegebenen Gelände treffen die Pflüge der Bauern immer wieder auf Stacheldraht und Knochen, auf Geschosshülsen, Bajonette, Koppel. Und auf Blindgänger.

Noch vor zwanzig Jahren war man bei Reisen zu den Schlachtfeldern an der Westfront des Ersten Weltkriegs allein mit den Briten und Franzosen. Auch heute sind deutsche Besucher in der Minderzahl. Für viele Deutsche ist der Erste Weltkrieg «ein paar verwitterte Steine in Form von Kriegerdenkmälern und Soldatenfriedhöfen» und nicht weiter von Bedeutung, wie der ehemalige Aussenminister Joschka Fischer nicht ohne Bedauern anmerkt, er ist überschattet von der grösseren Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Und wie Joschka Fischer und sein Nachfolger als deutscher Aussenminister, Guido Westerwelle, reklamieren viele Deutsche die Schuld am Ersten, als ob es angesichts des Zweiten Weltkriegs darauf nun auch nicht mehr ankomme. Sie können mit den völkerverbindenden Trauerritualen der anderen wenig anfangen: Weil die Vorväter eine schmähliche Niederlage erlitten haben? Oder vielmehr, weil man glaubt, die Schützengräben hätten jede Menge williger Gefolgsleute Hitlers ausgebrütet, um die man nicht zu trauern hat?

Für die anderen aber ist der Erste Weltkrieg die bestimmende Signatur des 20. Jahrhunderts: hier begann, was in Strömen von Blut mündete und erst 1989 zu Ende ging. Und was derzeit auf ungemütliche Weise wieder nähergerückt zu sein scheint.

Mich hat das Thema nie losgelassen. Mehr als fünfzehn Jahre habe ich mit der Suche nach dem Grund verbracht, der die Männer in den Schützengräben ausharren liess, im stinkenden Schlamm, verseucht mit Rattenkot, Leichenresten und Chlorkalk. Was hielt sie dort? Vaterlandsliebe? Der Glaube an die Kultur (die Deutschen) oder die Zivilisation (die Briten)? Der Hass auf den Gegner, die Liebe zum eigenen Regiment? War es ein «guter», ein «gerechter» Krieg, den Briten und Franzosen führten; ging es um die lebensnotwendige Verteidigung gegen feindliche Umzingelung, wie die Deutschen dachten? War es gar der «Krieg, um alle Kriege zu beenden» und galt es, die Welt «sicher für die Demokratie» (der amerikanische Präsident Woodrow Wilson) zu machen? War das legitime Kriegsziel der Alliierten im Ersten ganz ebenso wie im Zweiten Weltkrieg, ein nach der Weltmacht strebendes barbarisches Deutschland in seine Schranken zu weisen? Und war man mit dem Deutschen Reich am Ende viel zu sanft umgegangen, hätte man es «zerschmettern» müssen? Oder war es, umgekehrt, just das ungerechte und rachsüchtige Diktat von Versailles, das Deutschland reif für Hitler machte?

Und was bedeutete noch ein «Sieg» nach einem vierjährigen Schlachten, in dem schätzungsweise zehn Millionen Männer umkamen, nicht zu reden von den tödlichen Folgen der Blockadepolitik und der Grippewelle, die vielfach auf eine ausgehungerte Zivilbevölkerung traf?

In Grossbritannien ist ein Etat von 50 Millionen Pfund für die Gedenkfeierlichkeiten ab 2014 beschlossen, doch dort streitet man schon jetzt um das, was genau das Grosse Erinnern denn nun vermitteln soll. Trauern um des Trauerns willen? Erinnerung um der Erinnerung willen? Was bei den Deutschen so auffällig fehlt, ist bei den Briten im Überfluss vorhanden, wo es in den letzten Jahrzehnten eine Flut von Literatur zum «Krieg des kleinen Mannes» gegeben hat. Während viele Deutsche ihre Vorfahren offenbar allesamt für irgendwie schuldig halten, sehen die Briten in ihren Gefallenen nur Opfer, und nicht Männer, die doch ebenfalls getötet haben, wie die Historikerin Joanna Bourke moniert, die fürchtet, dass Erinnerung auch verklären, verkleistern und Rachegefühle nähren kann.

Kurz: es geht um die Lehren aus dem Grossen Krieg, und die sind, sofern man es nicht beim mahnenden «Nie wieder Krieg!» belässt, nicht eben leicht zu ziehen. Kritiker unter den britischen Historikern bestreiten, dass es sich um einen «gerechten Krieg» gehandelt habe – und konstatieren, dass von einem «Sieg» wohl kaum gesprochen werden könne. Tatsächlich hat der Erste Weltkrieg nicht ein einziges Problem gelöst, dafür viele neue geschaffen. Er gebar die bolschewistische Revolution und den Stalinismus. Die Verträge von Versailles schufen keinen Frieden, sondern neuen Sprengstoff, etwa zwischen Polen und Deutschland. Sie ebneten Hitler den Weg, der die Welt glauben machte, in den Schützengräben hätten «Volk und Führer» zusammengefunden, eine Propagandalüge, die Thomas Webers «Hitlers Erster Krieg» abschliessend widerlegt hat. Ebenso wenig befriedete die Nachkriegsordnung den Balkan oder den Nahen Osten. Schon 1994 machten die Kriege im auseinandergebrochenen Jugoslawien klar, dass die Transformationsprozesse auf dem Balkan hinter dem Eisernen Vorhang nur ruhiggestellt, aber nicht abgeschlossen waren.

Tatsächlich war das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo am 28. Juni 1914 mehr als ein blosser Anlass eines aus anderen Gründen überfälligen Konflikts. Es war die (nur zufällig geglückte) Tat der «Schwarzen Hand», einer von Serbien unterstützten Terroristentruppe. Österreich hatte jedes Recht, Serbien dafür zur Verantwortung zu ziehen. Erst im Laufe der Julikrise weitete sich der lokale Konflikt im Chaos von Bündnisverpflichtungen und diplomatischen Fehleinschätzungen aus und wurde, zuerst durch die russische Mobilmachung und zuletzt durch den Kriegseintritt Grossbritanniens, global. Seine Ausweitung war, so argumentieren auch Historiker wie Sean McMeekin, Niall Ferguson oder Andreas Rose, alles andere als notwendig, zwingend oder konsequent. Und die Rolle des Schurken mit dem rauchenden Colt in der Hand bleibt unbesetzt, es sei denn, man möchte unbedingt Frankreich und Russland an die Stelle des Deutschen Kaiserreichs setzen.

Man darf das sicher einen Paradigmenwechsel nennen. Christopher Clarks «Die Schlafwandler» und Herfried Münklers Werk «Der Grosse Krieg» sind dazu die Bücher der Stunde. Zwei literarische Ereignisse, die zeigen, was Geschichtsschreibung vermag, die sich der moralischen Wertung und ideologischen Verzerrung enthält und die so weit wie irgend möglich auf jenen «Rückschaufehler» verzichtet, mit dem vergangene Ereignisse vom Wissen um ihr «Ergebnis» her beurteilt werden. Der historische Kanon muss neu aufgelegt werden.

Die Führungselite von Grossbritannien und Russland, Frankreich und Österreich-Ungarn, Serbien und Deutschland: sie alle haben ihren Anteil an der grossen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen, nicht nur, aber auch, weil sie dumm genug waren, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht zu erteilen; die Franzosen, die der russischen Führung versprachen, im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien den Bündnisfall zu erklären; die Russen, die als erste mobilmachten, und die britischen Politiker, die neben ihrer Bündnisverpflichtung gegenüber Frankreich und Russland keinen Grund hatten, sich einzumischen – ausser, dass sie Russland mehr fürchteten als Deutschland. War es wirklich das Leid Belgiens, das der britischen Regierung ein Eingreifen gebot? Oder diente die deutsche Verletzung der belgischen Souveränität, jene unbestreitbaren «Greuel» beim Durchmarsch durch Belgien, als Vorwand? Erst mit der britischen Intervention wurde der Konflikt global. Wussten sie, was sie taten?

Der Grosse Krieg war, wie Niall Ferguson schon vor Jahren schrieb, ein «falscher Krieg». Fergusons provozierende These: Hätte man das Deutsche Reich 1914 nicht bekämpft, sondern an den Tisch der Grossmächte gelassen, hätte man ganz ohne Millionen von Toten erreicht, was heute der Fall ist: Deutschland ist als stärkster (ökonomischer) Faktor die Zugmaschine Europas.

Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass man in Grossbritannien langsam vom nationalen Mythos Abschied nimmt, dass man im Deutschen Reich das Böse bekämpft habe und in diesem grauenvollen Gemetzel die Guten gewesen sei. Eine nationale Legende, die über den Verlust der Weltmacht an Amerika hinweggetröstet hat: Bei Kriegsende war Grossbritannien nicht mehr Gläubiger, sondern Schuldner der USA, des einzigen Beteiligten, der vom europäischen Krieg profitiert hat. Deutschland, sonst gewohnheitsmässig Objekt britischer Häme, ist im Land des Hun-Bashing heute so beliebt wie nie zuvor. Nur die Deutschen trennen sich ungern von der Rolle des schuldigen Schurken.

Warum? Weil Rechtsausleger nun frohlocken könnten, die «Kriegsschuldlüge» sei endlich widerlegt? Lasst sie doch. Dass es keinen gibt, den man als einzig Schuldigen am Tod von Millionen herausgreifen kann, macht die Sache ja nicht besser, ganz im Gegenteil. Der wahre Skandal ist die Erkenntnis, dass das grosse Schlachten vermeidbar gewesen wäre, dass es ganz und gar sinnlos gewesen sein könnte, dieses Ausharren und Sterben der Männer in den Schützengräben und der Menschen an der «Heimatfront». Und dass es beim besten Willen nicht gelingt, dem gigantischen Blutbad im Nachhinein auch nur ein Fünkchen Sinn zu implantieren. Der Krieg, der alle Kriege beenden sollte, endete in einem Frieden, der allen Frieden zunichtemachte. Es gibt keine Sinngebung des Sinnlosen.

Die Europäer haben nicht nur eine traumatische Erfahrung gemeinsam, wie man heute vielleicht deutlicher erkennt als je zuvor. Sie haben auch allesamt einen Trost verloren: dass es, hier wenigstens, Schwarz und Weiss gibt im Krieg, Täter und Opfer, Schuldige und weisse Ritter, Schurken und Helden. Nur, solange man an das Böse glauben kann, ist auch das Gute denkbar. Das mag einer der Gründe sein, warum man in Deutschland die Bürde des Schurken nicht erleichtert abwirft. Und könnte eine Paradoxie erklären: Wer an eine Inkarnation des Bösen glaubt, erwartet vom «Guten» oft mehr, als menschenmöglich ist.

Doch hat der deutsche Schurke nicht wenigstens den Nachbarn ein gutes Gefühl gegeben: den Franzosen moralische Überlegenheit trotz Niederlage, den Briten den Trost, ihr Weltreich für die richtige Sache riskiert zu haben? Gewiss. Zyniker verweisen überdies darauf, dass nur ein Schuldspruch den Siegern erlaubte, die enormen Kosten des Krieges auf den Besiegten abzuwälzen. Die Reparationszahlungen sind seit dem 3. Oktober 2010 abgeleistet.

Der Abschied von Gut und Böse führt ins Reich der Schatten und in die kalte Welt der Realpolitik, in der Interessen zählen, ohne dass Moral sie veredelt. Und das ist gut so. Denn der Erste Weltkrieg hat weiteres Unheil in die Welt gesetzt: die moralische Aufladung, aus der Notwendigkeit gezeugt, dem Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. Ging es wirklich, wie der britische Premier Asquith 1916 postulierte, um einen edlen Kreuzzug gegen «Barbarei» und «ungezähmte Machtgier»? Dass Grossbritannien wegen «Little Belgium» das Risiko der Globalisierung des Konflikts eingegangen ist, dass es moralisch dazu gezwungen gewesen sei, dass es eingreifen musste, ist natürlich eine entschieden sympathischere Deutung als die kühle Schilderung Christopher Clarks: Belgien sei das einzige Argument gewesen, dass die Regierung Grey noch hatte, um den Krieg vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen. Denn auch in den britischen und französischen Kriegsplänen war das neutrale Belgien als Durchmarschgebiet vorgesehen. Und die USA, die erst recht keinen Grund hatten, sich in die kontinentalen Querelen einzumischen? Woodrow Wilson wählte die hochtrabende Begründung, dies sei nicht weniger als «ein Krieg, um alle Kriege zu beenden».

Man bemühte höchste Ziele, weil naheliegende nicht zu haben waren. Dabei weiss jeder verstandesbegabte Befehlshaber, dass ein Sieg von überlegenen Kräften und dem Glück abhängt, und nicht vom moralischen Zuschnitt des Siegers.

Tatsächlich setzte der Erste Weltkrieg vor allem in Grossbritannien eine Propagandamaschinerie in Gang, die das Sinnlose mit den gröbsten Mitteln moralisch zu veredeln suchte. Es ist halt das Problem von Demokratie, dass man Kriegshandlungen nicht einfach anordnen kann, man muss das Volk überzeugen – was meistens heisst: es manipulieren. Wie immer man die Appeasement-Politik Chamberlains gegenüber Hitler beurteilen mag (und auch hier gibt es nicht nur schwarz und weiss): britischen Politikern war später sehr wohl bewusst, dass die britische Propaganda gegen das Kaiserreich sämtlichen Gepflogenheiten widersprach, die in den europäischen Staatenkriegen bis dato galten, wozu Respekt vor dem Gegner gehörte. Frontsoldaten hat der Jingoismus an der Heimatfront denn auch zutiefst abgestossen. Nicht zufällig gab es zu Weihnachten zwischen Deutschen und Briten Versöhnung über die Schützengräben hinweg.

Welche Lehren soll man also ziehen? «Nie wieder Krieg»? Das ist ein frommer, aber kindlicher Wunsch. Militärische Gewalt ist ja nicht immer sinnlos. Und berechtigte Interessen oder die nationale Souveränität muss man auch verteidigen können.

Mehr Europa? Auch das ist ein frommer Wunsch, wenn man ihn an der Realität misst. Nicht in erster Linie die EU oder die deutsch-französische Freundschaft haben dem Kontinent Jahrzehnte des Friedens geschenkt, sondern der Kalte Krieg. Mit dem Ende der bipolaren Welt 1991 ist Krieg wieder begrenzbar und damit möglich geworden. Die krisenhafte Neuformierung Ex-Jugoslawiens ist einstweilen beendet, die Brandherde im Nahen Osten aber sind noch lange nicht gelöscht.

Und was den Euro betrifft: ganz offenbar hat er Europa nicht vereint, sondern die unterschiedlichen Interessen, die seine Nationen vertreten, schmerzhaft deutlich gemacht. Deutschland zur Kasse bitten mit dem Argument, dass das Land nach zwei verschuldeten Weltkriegen mit seiner Euro-Politik die dritte Katastrophe verursache, ist keine überzeugende Basis für ein einiges Europa. Dass das Argument überhaupt eine Rolle spielt, zeigt, dass das neue Deutschland in einer Hinsicht das alte ist: wieder wirkt es isoliert, unsicher, in welche Richtung es schwanken soll, unwillig, eine Rolle zu übernehmen, die es nicht ein einziges Mal gemeistert hat, nämlich wenn nicht Weltmacht, so doch zumindest Führungsmacht zu sein. Es ist heute das, was Churchill ihm einst an den Hals wünschte: «fat and impotent».

Wir müssen, gerade jetzt, in seiner schwersten Krise seit 1945, Europa neu denken. Der Kontinent hat sich vereint die Wunde geschlagen, von der er sich bis heute nicht erholt hat. Hitlers unvorstellbare Verbrechen haben den Blick darauf verstellt.

Kann man die Wunde heilen? Die erneute Isolation Deutschlands als des ewigen Schurken ist fatal. Wenn der Euro als „Fortsetzung von Versailles mit anderen Mitteln“ betrachtet wird, muss er scheitern. Das starke Deutschland braucht starke Bündnispartner. Ein Tipp: man kann ihnen womöglich am 1. Juli an der Somme begegnen.
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Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918
Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 von Herfried Münkler (Gebundene Ausgabe - 6. Dezember 2013)
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