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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Form und Inhalt in perfekter Symbiose, 11. Juli 2014
Von 
T. Jannusch "rumble-bee" (Velbert) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
In letzter Zeit scheint es Mode zu werden, Bücher über Demenz und Gedächtnisstörungen zu schreiben. Vielfach wählen Autoren einfach die biographische Form, und beschreiben den Werdegang eines Erkrankten. Die finnische Autorin Selja Ahava ist einen anderen Weg gegangen. Sie erzählt die erfundene Geschichte der ebenfalls erfundenen Figur Anna - aber auf eine solche Art und Weise, dass sich der Leser genauso fühlt wie die Protagonistin!

Anna stammt aus Finnland, hat aber auch in England gelebt. Zum Zeitpunkt der Rahmenhandlung ist Anna alt und lebt im Heim. Von hier ausgehend, werden Episoden aus ihrem Leben vor dem Leser ausgebreitet. Das funktioniert sehr sprunghaft, eben so, wie es auch Anna erlebt: wie eine Flickendecke. Dem Leser wird die Perspektive eines Menschen mit Gedächtnisstörungen geradezu aufgezwungen, und das fand ich ausgesprochen faszinierend! Selten habe ich es erlebt, dass Form und Inhalt in einem derart stimmigen Verhältnis standen, wie bei diesem Roman.

Man muss als Leser wirklich mitarbeiten, um Anna zu verstehen. Das Buch zerfällt zwar in fünf Abschnitte, aber die sind nicht chronologisch. Und auch innerhalb der Abschnitte hat man als Leser Entscheidungen zu treffen. Was hat Anna wirklich erlebt, was hat sie sich eingebildet? Was folgt auf welches Ereignis? Was kann logisch erklärt werden, was ist eher unwahrscheinlich? Will Anna sich durch manche Erzählung nur schützen, oder enthalten die eher sperrigen Episoden doch eine "poetische Wahrheit"? Das Buch stellt auf ungemein subtile Art viele Fragen über Gedächtnis und Emotionen, die noch lange nachklingen. Und die nicht einmal unmittelbar mit Anna zu tun haben!

Hinzu kommt noch die unglaublich stimmungsvolle Sprache. Ein großes Lob ergeht hier an den Übersetzer! Besonders in den Naturschilderungen schlägt sich dies nieder. Man versteht sofort, warum sich Anna im eher rauen Finnland immer viel wohler gefühlt hat als im Moloch London. Und man bekommt einen sehr warmherzigen Eindruck davon, wie und warum Anna geliebt hat. Wirklich wunderschön.

Ich bin sozusagen selber "vom Fach", da ich mit alten und verwirrten Menschen täglich zu tun habe. Ich habe das Buch also - auch - aus einer ganz bestimmten Perspektive gelesen. Ich muss sagen, dass ich für mich viele Impulse für meine Arbeit mitnehme! Dies ist für mich tatsächlich das erste Buch über Demenz, das mich zu 100 Prozent überzeugt. Und dabei ist es eine erfundene Geschichte! Für mich beweist das wieder einmal, dass die menschliche Imagination der sterilen Wissenschaft überlegen ist.

Habe ich überhaupt Kritik an diesem Buch zu vermelden? Eigentlich nein. Schade ist es höchstens, dass die titelgebende Episode im Buch nur kurz vorkommt. Aber andererseits zeigt das wiederum, wie unsortiert das menschliche Gedächtnis eben arbeitet. Nicht alles, was wirklich viel Raum im Leben einnahm, gelangt im gleichen Maße ins Langzeitgedächtnis!

Ich kann das Buch wirklich nur wärmstens empfehlen. Und zwar auch solchen Lesern, die bisher bei derlei Themen eher zurückhaltend waren. Allerdings muss man Aufmerksamkeit, Zeit, und den Willen zu "verstehendem Lesen" mitbringen.
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4.0 von 5 Sternen Verwirrend und tieftraurig, 14. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
Die Buchbeschreibung kündigt ein Buch um Fantasie und die Kraft von Worten an. Das ist es zweifelsfrei auch, aber für mich ist es hauptsächlich ein Buch, das vom Vergessen erzählt, vom Krankwerden und vom traurigen Leben einer Frau.

Anna ist geistig verwirrt und lebt in einer psychiatrischen Anstalt. Sie hat Gedächtnislücken und Wahrnehmungsstörungen. Sie erzählt uns ihr Leben, so gut es in ihrem Zustand möglich ist. So purzelt die Handlung durch die letzten 40 Jahre hin und her. Mal erfährt man eine Episode aus ihrer Jugend in Finnland, mal ein Fragment ihrer aktuellen Situation. Zwischendurch hat sie Träume, manchmal auch Zwangsvorstellungen, gelegentlich kommt Gott zu Besuch, und dann war da auch der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm...

Wenn man das liest ist man verwirrt. Fast fühlt man sich wie Anna, durcheinander, auf der Suche nach dem Zusammenhang, hoch erfreut über gelegentlich erhellende Momente.
Die Sprache schwankt zwischen nüchtern und poetisch. Annas Angewohnheit Listen zu schreiben, von Dingen an die sie sich erinnern will, ist originell und verschafft ungewohnte aber auch prägnante Bilder.
Doch die Grundstimmung des Buches ist tieftraurig. Man verfolgt Annas zunehmende geistige Verwirrung, erlebt den Tod ihres ersten Mannes und ist dabei, wie sie desorientiert durch London irrt.

Ein brillant geschriebenes Buch, das beeindruckt und einen mitnimmt. Vielleicht hätte ich mir gelegentlich etwas mehr Aufklärung gewünscht.
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5.0 von 5 Sternen Ein wunderbares Buch über das Vergessen, 9. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
Die Hauptfigur Anna hat eine schweren Verlust erlitten. Dieser hat SIE, ihre Identität und ihr Gedächtnis existenziell erschüttert. Zu Beginn des Buches befindet sich Anna als alte Frau im Pflegeheim, sie hat eine Demenz. MIt den Symptomen dieser Krankheit ist man heute recht vertraut, durch das eigenen Erleben an älteren Angehörigen und durch Filme und Bücher (z.B. "Der alte König in seinem Exil" von Arno Geiger, "Iris" über Iris Murdoch oder ", "Demenz: Abschied von meinem Vater" von Tilman Jens). In diesem Buch hier passiert aber etwas anderes ... Die Geschichte von Anna wird nach dieser Einleitung von ihrer Jugend aus erzählt. Dazu werden einige zentrale biographische Abschnitte beschrieben und man begreift, dass das Vergessen und die Verwirrungen der Identität schon viel früher begonnen haben. Selja Ahava (hier ist auch dem Übersetzer Stefan Moster zu danken) hat einen atmosphärisch dichten und ausgesprochen berührenden Roman geschrieben ohne jemals am Kitsch entlang zuschrammen. Sie erzählt in wunderbaren Bildern, die man noch lange mit sich herumträgt und die einem viel leichter Zugang zu Anna, ihrer Geschichte und deren Folgen ermöglichen, als das jede Erklärung oder analytische Beschreibung hätte schaffen können. Ein wunderbares Buch, in das man schön versinken kann.
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5.0 von 5 Sternen Das Erinnern ist ein Fluss, 3. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
Anna liebt Listen. Wortlisten, die, kurz, knapp und prägnant, ihr Umfeld einfangen, ihre Umgebung, Situationen - alles, was ihr immer mehr zu entgleiten droht. Denn Anna ist alt. Und Anna ist dement. Sie vergisst, dass sie den Herd angemacht hat, sie vergisst, wie lange sie schon im Wald umhergeht, sie vergisst immer mehr aus ihrem Leben und von ihrem Tun.
So hält sie fest, was ihr wichtig erscheint, um nicht gänzlich den Boden unter den Füßen und sich selbst zu verlieren in der Strömung der Erinnerung, in den Fetzen von Gedanken, die ungeordnet durch ihren Kopf fließen.

In "Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm" lässt die Finnin Anna ihr Leben Revue passieren - in Schlaglichtern und einzelnen Situationen, so poetisch und klar beschrieben wie eine helle Mittsommernacht dem erscheinen mag, der sie durchwacht. Nicht immer chronologisch erzählt sie von Antti, ihrer großen Liebe, von ihrer kleinen Insel und deren karger Schönheit, von Momenten großer Zuneigung und solchen großer Einsamkeit, von Momenten des Verlusts und solchen der tiefen Erfülltheit.

Verwirrend ist dieses Buch - und gleichzeitig so zart und anrührend, dass man es und seine unvergessliche Protagonistin beschützen mag vor allen Unbillen des Lebens, dass man sie umarmen mag, um ihr Kraft zu geben und Trost.
Verwirrend ist dieses Buch - verwirrend wie die Gedanken und Erinnerungen in Annas Kopf, in Annas Leben.
Verwirrend ist dieses Buch - und so poetisch und klar, so kitschfrei und so assoziativ, dass es einen anstrahlt und gefangennimmt.

Mich hat Anna mit ihrer Geschichte bezaubert. Mich hat der Stil dieses Buchs bezaubert. Fünf Sterne für "Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm" und eine Leseempfehlung für dieses ruhige, einfache und dennoch unheimlich berührende Buch.
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4.0 von 5 Sternen Ein Roman und ein Leben wie eine Flickendecke, 24. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
"Anna war die Zeit zwischen den Händen zerfallen. Wie eine Flickendecke lag sie auf ihren Knien, alle Stücke gleich groß und gleich weit voneinander entfernt. Anna betrachtete sie verwundert, ohne darin eine größere Logik zu erkennen. Manchmal stiegen die Teilchen der Erinnerung vom Krankenbett in die Luft auf, fingen an zu tanzen und gerieten kreuz und quer durcheinander. Dann musste Anna lachen, ..." (S. 17)
Für Anna, eine Frau mit Gedächtnisstörung, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie, ihre Erinnerungen verblassen, verändern sich, ordnen sich neu. Sie hat ein Leben gelebt mit Episoden in Finnland und England, mitten in der Stille der Natur und mitten im Treiben einer Metropole, voller Liebe und in Einsamkeit. Wer ist Anna?
Der Roman "Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm, thematisiert auf besondere Weise das Thema Gedächtnisstörung. Form und Inhalt wirken auf eine faszinierende Art und Weise stimmig: Annas Erinnerungen werden verglichen mit einer Flickendecke, denn sie erinnert sich jeweils an kleine Bruckstücke, die sie nicht mehr in eine richtige Logik bringen kann. So sind auch die Episoden aus ihrem Leben thematisch und wild durcheinander, was mir als Leserin aufgrund der raschen Gedanken- und Zeitsprünge das Lesen, das Zuordnen, das Miterleben zunächst erschwerte. Da gerade diese Struktur- und Zeitlosigkeit ein Charakteristikum für Gedächtnisstörungen und Demenz ist, finde ich die stilistische Umsetzung jedoch trotz Brüchen im Leseverständnis einen Geniestreich. Die emotionale Komponente wird ebenfalls sehr gut und sehr vielseitig vermittelt: die Verzweiflung, die Freude, aber auch die Lethargie, mit der Anna manche Erlebnisse wiedererlebt, wird für den Leser spürbar und es scheint, als ob Anna die Erlebnisse viel emotionaler wahrnimmt als in der Vergangenheit. Im Laufe des Romans wird die Veränderung, die Anna durchläuft, sprachlich, inhaltlich und emotional deutlich. Die Metaphorik zieht sich weitgehend schlüssig durch den Roman und lässt dem Leser viel Raum für Interpretationen. Insgesamt war ich hin- und hergerissen zwischen Interesse und Faszination sowie Verwirrung und Langeweile. Im Titel schwingt nicht nur viel Poesie, sondern auch eine große Portion Fantasie. Leider kommt die Episode des Titels nur kurz und wenig wirkungsvoll zur Geltung, sodass ich mir rückblickend einen anderen Titel wünsche. Ein großes Lob gilt der Titelbildgestaltung, da einerseits ein Motiv im Ganzen betrachtet erahnbar ist und doch die Details verschwimmen - überaus ästhetisch-modern und zugleich mehr als passend in Hinblick auf den Roman.
"Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm" ist ein interessantes literarisches Kunstwerk über das zentrale Thema "Gedächtnisstörung". Trotz wesentlicher Thematik und interessanter Umsetzung konnte mich der Roman jedoch nicht vollständig für sich einnehmen, mich kontinuierlich emotional ergreifen, mich mit seiner Metaphorik endgültig überzeugen. Deshalb vergebe ich "nur" 4 Sterne und spreche dennoch eine klare Leseempfehlung für alle aus, die sich für die Thematik interessieren und sich gerne auf den außergewöhnlichen Stil einlassen möchten.
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5.0 von 5 Sternen Rezension zu „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“, 8. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
*** „Anna war die Zeit zwischen den Händen zerfallen. Wie eine Flickendecke lag sie auf ihren Knien, alle Stücke gleich groß und gleich weit voneinander entfernt. ... Manchmal stiegen Teilchen der Erinnerung vom Krankenbett in die Luft auf, fingen an zu tanzen und gerieten kreuz und quer durcheinander.“ (Seite 17) ***

Anna Lehtonen ist bereits eine alte Frau, die in einem Pflegeheim lebt, als sie auf ihr schicksalhaftes Leben zurückblickt. Manche ihrer Erinnerungen sind völlig verschwunden, und manche sind für sie noch greifbar. Anna leidet an der Alzheimer-Krankheit. Das wird in der Erzählung zwar nie klar definiert, doch alle im Buch angedeuteten Krankheitsanzeichen führen den Leser nach und nach zu dieser Erkenntnis.

Wie fühlt sich so eine Demenzerkrankung an? Wie ist das, wenn man im Begriff ist, sich selbst immer mehr zu verlieren? Wenn Dinge, Namen und Erinnerungen verloren gehen? Ist die Persönlichkeit eines Menschen nicht die Summe seiner Erfahrungen und Erinnerungen?
Diese und ähnliche Fragen gingen mir beim Lesen dieses Buches durch den Kopf. Derartige Gedanken sind beängstigend und ein jeder wünscht sich, dass er von solch einer Erkrankung verschont bleiben möge. Und dennoch, über eine Millionen Menschen sind beispielsweise in Deutschland von Demenz betroffen und leiden unter dieser krankheitsbedingten Hirnleistungsstörung. Deshalb ist dieses Thema sehr wichtig.

Der Autorin ist es wunderbar gelungen, dieses schwierige Thema in ihrem Buch umzusetzen. Man braucht etwas Zeit, um in die Geschichte hineinzukommen. Der Leser erfährt einzelne Bruchstücke, Ortswechsel und Zeitsprünge in der Erzählung. Man hat während der Lektüre immer mehr das Gefühl, in die Gedankenwelt von Anna einzutauchen, einschließlich ihrer zeitlichen und räumlichen Sprünge. Mit gemischten Gefühlen verfolgt man beim Lesen, wie das Vergessen und die Verwirrung bei Anna immer mehr die Oberhand gewinnen. Ständig taucht die Frage auf, was ist Realität und was ist Fantasie?

***MEIN FAZIT:***
Die Autorin Selja Ahava erzählt von ihrer Protagonistin in einer sehr berührenden Art und Weise voller Melancholie. Als Leser nimmt man Anteil am Schicksal von Anna und greift die Puzzleteile ihrer Erinnerungen auf, um sich ein Gesamtbild von ihrer bewegenden Lebensgeschichte zu machen.

Der angewendete Schreibstil hat mir sehr gut gefallen mit seiner klaren und schnörkellosen Sprache, die so hervorragend die Denkweise von Anna deutlich macht. Der geschickte Handlungsaufbau regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern lässt Raum für eigene Auslegungen. Durch die Erzählweise, die Annas Erinnerungssprünge und Gemütslage wunderbar einfängt, wird mitunter sogar beim Leser für Verwirrung gesorgt, und das macht die Geschichte so spannend.

Dieses Buch ist sicherlich keine leichte Kost, aber auf jeden Fall eine ganz besondere und bereichernde Leseerfahrung. Eigentlich kommt das bei mir sehr selten vor, aber ich weiß, dass ich diesen Roman zu einem späteren Zeitpunkt definitiv noch mal lesen möchte. Gerne vergebe ich für dieses außergewöhnliche Leseerlebnis 5 Sterne.
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5.0 von 5 Sternen Verloren in der Zeit, 7. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
Die finnische Autorin Selja Ahava hat mit ihrem ersten Roman ein unglaublich starkes Porträt einer außergewöhnlichen Frau erschaffen.
Man lernt Anna als alte Frau kennen, die in einem Pflegeheim lebt und Besuch von Gott bekommt; man vermutet relativ rasch, dass sie Alzheimerpatientin ist. Gott ermöglicht ihr einen Blick auf ihre Insel, den Platz auf Erden, wo sie sich rundum wohlfühlte. Dort verbrachte sie viele glückliche Sommer. Am unvergesslichsten sind für Anna jene Sommer, die sie gemeinsam mit ihrem Mann dort verbrachte. Doch auch schon während dieser glücklichen Zeiten, war Anna manchmal in Gedanken ganz weit weg, hielt Räume und Ereignisse in Listen fest. Als ihr Mann bei einem Autounfall stirbt, ist dies eine enorme Zäsur in Annas Leben. Nach außen hin akzeptiert sie seinen Tod, doch beginnt ihr Leben zu zersplittern. Zwischen ihren Erinnerungen befinden sich mehr und mehr Lücken.
Plötzlich trifft der Leser Anna nicht mehr auf ihrer kleinen finnischen Insel an, sondern in London. Sie hat sich ein neues Leben aufgebaut, hat eine Wohnung, einen Job und mit Thomas einen neuen Lebenspartner. Doch mehr und mehr beginnt Anna zu vergessen. Sie kann vieles nicht mehr einordnen. Vor Thomas hält sie ihre Vergangenheit geheim. Er weiß nichts von ihrer Insel und ihrem verstorbenen Mann. Und je öfter Thomas auf Lücken in Annas Lebenslauf stößt und ihre Handlungen in Frage stellt, umso öfter wird auch dem Leser klar, dass gar nichts sicher ist.
In Gedanken wird Anna von sechs Kindern begleitet. Dies sind ihre Kinder. Doch es wird nie ganz klar, ob Anna ihre ungewollte Kinderlosigkeit so auslebt oder ob es in ihrem Leben nicht noch eine weitere Tragödie gegeben hat. Schließlich beginnt Anna zu gehen, immer weiter, wird obdachlos, verliert sich vollkommen.
Um irgendwann wieder in ihrer alten Heimat angetroffen zu werden. Dort sind ihr Bruder und ihre Schwägerin, die sie unterstützen und ihr zur Seite stehen.

Es ergibt sich zu keinem Moment ein vollständiges Bild von Annas Leben. Ob sie nun geisteskrank ist, an Alzheimer leidet oder ihr reales Leben einfach zurückdrängt und in ihren Gedanken und verschwommenen Erinnerungen lebt, für den Leser werden nur Bruchstücke eines Lebens sichtbar. Die Kraft dieses Romans liegt in seinen unausgesprochenen Kapiteln, in seiner grenzenlosen Traurigkeit und in Annas Person. Selja Ahava hat kaum etwas über Annas Leben erzählt, die Faktenlage ist dürr, doch habe ich mich schon lange keiner Romanfigur mehr so nahe gefühlt. Die Tragödie, die Annas Leben scheinbar war, berührt den Leser und vermittelt einen Eindruck von der Kostbarkeit des Lebens.
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4.0 von 5 Sternen Der Tag an dem ein Wal durch London schwamm, 4. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
Das Buch beginnt mit einem Vers von Jeanette Winterson: "Es gibt keine einheitliche Geschichte, es gibt erleuchtete Augenblicke, und der Rest ist Finsternis". Ich finde dieser Spruch beschreibt wunderbar die Auswirkungen von Demenz. Erleuchtete Augenblicke - die Zeit der "klaren" Gedanken / die Finsternis - die Zeit des Vergessens.

In diesem Buch lernen wir Anna kennen. Eine ältere Dame, die in einem Altenheim lebt. Sie bekommt Besuch von Gott. Sie "durchlebt" - erinnert sich an verschiedene Zeiten in ihrem Leben. Die schönste Zeit in ihrem Leben war die, als sie mit Antti auf ihrer Insel lebte. Eins mit der Natur, in Liebe verbunden. Sie sind wie eine Person, bilden ein Ganzes. Eine große Vertrautheit, die selben Vorlieben, verstehen auch ohne Worte.

Selja verwendet einem wundervollen leisen Schreibstil, der den Leser mitnimmt auf eine Reise durch die Zeit, durch Annas Leben, durch den Flickenteppich der Erinnerungen, durch ein Puzzle, bei dem das ein oder andere Teil fehlt.
Das Buch hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Man muss sich nur auf das Buch einlassen. Es ist eins dieser Bücher, die noch lange nachwirken.
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4.0 von 5 Sternen Erleuchtete Augenblicke, 1. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
Wie ein Flickenteppich erscheint Anna, Alzheimer-Patientin in einem Pflegeheim, die Zeit und der Rückblick auf ihr eigenes Leben. Sie versucht sich an den Anfang zu erinnern und kehrt in Gedanken an den Ort zurück, an dem sie die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hat, ihrem Häuschen auf einer kleinen Insel in den Schären.

Aus Annas Perspektive erzählt die Autorin Episoden aus Annas Leben; nicht in einer chronologischen Abfolge von Ereignissen, sondern einzelne Bruchstücke, Augenblicke ihres Lebens.
Zunächst noch in länger zusammenhängenden Phasen geschrieben, wird (nach einem Schicksalsschlag) die Erzählung jedoch zunehmend sprunghaft, so wie Anna selbst auch.
Mit fortschreitender Krankheit wird Anna ruheloser, füllt ihr Leben mit erdachten Kindern (die sie sich immer gewünscht hat) und Gestalten aus Kinderbüchern und findet sich schließlich in der Realität nicht mehr zurecht. Auch der Leser, der Anna auf ihrem Weg durch die stetig fortschreitende Krankheit begleitet, hat Mühe, den Überblick zu behalten, ist beinahe ebenso verwirrt und orientierungslos wie Anna.
Er erlebt den langsamen Prozess des Vergessens gemeinsam mit Anna. Sehr einfühlsam beschreibt Selja Ahava das langsame „Verschwinden“ des eigenen Ich. Es beginnt mit „Bildern, … die aus ihren Halterungen sprangen…“ und endet damit, dass die Teile der Erinnerung immer kleiner werden. Zeitliche Abläufe werden unwichtig, geraten durcheinander. Die meisten Ereignisse in Annas Leben sind am Ende vergessen, genauso wie jener denkwürdige Tag „an dem ein Wal durch London schwamm“. Zum Schluss schließt sich der Kreis, es bleibt das friedliche, versöhnliche Bild ihrer Insel.

Die einzelnen Szenen sind geradezu bildlich vorstellbar, wie mit einer Kamera eingefangen.
Dieser Eindruck wird durch die schlichte, aber sehr schöne, bildhafte Sprache der Autorin hervorgerufen, eine Sprache, die zu Annas Wesen passt. Sie geht sorgsam mit Worten um, trifft stets das Wesentliche und berührt den Leser.

Man sollte sich Zeit nehmen für diesen nachdenklich stimmenden Roman und sich einfach mit der Erzählung treiben lassen. Sie macht sensibel für das eigene alltägliche (Er-)Leben.
„Es gibt keine einheitliche Geschichte, es gibt erleuchtete Augenblicke, und der Rest ist Finsternis“.
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5.0 von 5 Sternen Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm, 9. Februar 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm (Gebundene Ausgabe)
Anna Lehtonen ist krank. Zuerst war sie nur gelegentlich vergesslich, doch nach und nach verlor sie ihre Erinnerung, ihre Persönlichkeit, ihr Leben. Die Alzheimer-Krankheit, eine Erkrankung des Gehirns, hat sie fest im Griff und verändert Annas Leben auf schnelle und brutale Weise.

In einem Pflegeheim wohnend, erinnert sich Anna an ihr Leben und die glückliche Zeit auf der Insel, welche sie mit ihrem geliebten Mann Antti verbracht hat. Durch einige Ortswechsel und Zeitsprünge erhält der Leser einen Eindruck von Anna, ihren Sehnsüchten und Wünschen, sowie von dem Voranschreiten der Krankheit, welche in ziemlich jungen Jahren bei Anna einsetzt.
Anna wird zunehmend unbeholfen, verwirrt und die Ereignisse in ihrem Leben verschwimmen zusehends vor ihrem geistigen Auge. Sie wird müde, unsicher und kraftlos und kann ihre Erinnerung nur noch bruchstückhaft wiedergeben.

„Es gab Tage, an denen sie kaum wusste, wer sie war. Tage, an denen sie den Mund aufmachte und nicht wusste, welche Sprache herauskommen würde. Jemand schlich ihr hinterher, leise und unabweislich, und aß Stücke ihres Gedächtnisses auf.“ (S.184-185)

Der Leser begibt sich mit Anna auf eine Reise und Suche nach dem eigenen Leben und dem was davon übrig geblieben ist. Durch die bildhafte und emotionale Sprache ist es Selja Ahava gelungen, den Leser intensiv in die Geschichte einzubeziehen. Einige Stellen im Buch liest man ggf. mehrmals, um zu verstehen was geschieht oder blättert zeitweise zwischen den Kapiteln hin und her. Doch letztendlich schließt sich der Kreis und der Leser hat ein bemerkenswertes und außergewöhnliches Buch gelesen. Eine Geschichte die bedrückt, melancholisch macht und noch lange nachwirkt.
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Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm
Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm von Stefan Moster (Übersetzer) (Gebundene Ausgabe - 4. Februar 2014)
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