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5.0 von 5 Sternen Die Geburt eines Klassikers der Philosophie
Michael Schmidt-Salomon hat ein Werk vorgelegt, welches einen völlig neuen Blick auf die Realität ermöglicht. Eine kurze Anmerkung zum Untertitel des Buches, der leicht missverstanden werden kann:

'Moral' definiert der Autor als Abwägung der "subjektiven Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeindlich vorgegebener, metaphysischer...
Veröffentlicht am 14. September 2009 von T. Buchholz

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31 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessante Thesen, problematisches Fundament
Zunächst zu meinem Hintergrund, vor dem ich argumentiere: Ich selbst bin Atheistin und davon überzeugt, dass sich die Natur auf der Erde durch Evolution entwickelt. Gleiches nehme ich für unser kulturelles, soziales und technisches Umfeld an. Und die Willensfreiheit des Menschen halte ich gleichfalls für eine Illusion.

Michael...
Veröffentlicht am 12. September 2009 von Lena Waider


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140 von 168 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Geburt eines Klassikers der Philosophie, 14. September 2009
Von 
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Michael Schmidt-Salomon hat ein Werk vorgelegt, welches einen völlig neuen Blick auf die Realität ermöglicht. Eine kurze Anmerkung zum Untertitel des Buches, der leicht missverstanden werden kann:

'Moral' definiert der Autor als Abwägung der "subjektiven Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeindlich vorgegebener, metaphysischer Beurteilungskriterien (gut oder böse)".
'Ethik' hingegen beschreibe die "objektive Angemessenheit von Handlungen anhand intersubjektiv festgelegter und immer wieder neu festzulegender Spielregeln (fair und unfair)".

In 'Jenseits von Gut und Böse' wird 'das Böse' als ein ideologische Etikett entlarvt, womit Andersdenkende einfach und effektiv diffamiert werden können. Einfache Kategorien wie Gut und Böse seien ein zerstörerisches Relikt der kulturellen Evolution. Bei dieser Denkweise würden leider nicht nur die strukturellen Entwicklungsbedingungen des Individuums berücksichtigt, sondern vor allem dessen 'persönliche Schuldfähigkeit'. Die Eigenschaften eines jeden Menschen seien aber in Wirklichkeit allein auf Erbgut und Umwelteinflüsse zurückzuführen - nicht etwa auf freie, ursachenlose Entscheidungen zum Guten oder zum Bösen. Dieses metaphysischen Ideenkonstukt solle letztlich vor allem dazu dienen, andere Menschen(gruppen) pauschal zu verteufeln, um sie so aus der ethischen Berücksichtigung auszuschließen (zu dehumanisieren). Alle fanatisch-dogmatischen Ideologen hätten sich die Funktionsweise dieser Lehre letzlich (wenn auch unbewusst) zu Nutze gemacht.

Aus diesen Überlegungen folge dem Autor zufolge keinesfalls eine Reduzierung des Menschen zu einer 'biologische Maschine'. Dieses Urteil würde stark die Lebenskraft und Kreativität jedes Menschen verkennen, der die Vorzüge eines wirklich selbstbestimmten Leben verstanden hat. Als Alternative wird die offene Weltanschauung Humanismus und Aufklärung aufgeführt. Eine interessenorientierte Ethik könne niemals relativistisch in jeder Hinsicht sein. Sie könne nämlich auf Grundpfeiler wie Logik und Empirie nicht verzichten.

Der zweite Teil des Buches befasst sich vor allem mit praktischen Schussfolgerungen aus der Argumentation des ersten Teils. Schmidt-Salomon empfielt "heitere Gelassenheit" als "Kunst, sich selbst zu verzeihen", um sich dann mit "brennender Gelassenheit" für wahrhaft humane Ideale einzusetzen. Trotz der zunächst esoterisch anmutenden Sprache, gelingt dem Autor gelingt eine humanistische Synthese aus fernöstlicher Mystik und westlicher Rationalität. Dieser Ansatz kommt jedoch gänzlich ohne metaphysisch-dogmatische Spekulationen aus. Im Gegenteil, Schmidt-Salomon fühlt sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet: Kritik wird als Geschenk verstanden, Fehler einzugestehen als große Kunst und Vergeltung als Unglücksbringer in jeder Hinsicht.
Als Methode, ein glückliches Leben zu führen, empfielt Schmidt-Salomon eine Synthese aus drei verschiedenen Geisteshaltungen. Außerdem gibt er eine außerordentlich verblüffende und faszinierende Perspektive auf eine Politik, Rechtssprechung und Wirtschaft, die sich ethisch statt moralisch verhalten würde. An dieser Stelle soll jedoch nicht zuviel verraten werden, sonst bietet das Lesen selbst ja keine Aha-Erlebnisse mehr.

Die theoretische Herangehensweise des Buches ist nicht in allen Punkten völlig neu, aber noch nie so prägnant auf den Punkt gebracht worden. Kein anderer Autor unserer Zeit hat bisher so klar und logisch koherent die Zusammenhänge zwischen moralischem Denken und Demagogie sowie den daraus resultierenden fatalen Gewaltspiralen herausgestellt. Dank Schmidt-Salomons klarer und pointierter Sprache bereitet bei diesem Buch nicht nur der Inhalt, sondern auch der gewitze Schreibstil eine Menge Freude. Zudem wird jedes Argument mit Fußnoten und einem Literaturverzeichnis belegt, wodurch sich das Buch klar von populärwissenschaftlichen Werken abhebt. Der Lesefluss muss darunter aber glücklicherweise niemals leiden.

Lesen Sie selbst! Es könnte die aufklärende Befreiung im Denken und Handeln sein, auf die Sie immer gewartet haben!
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31 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessante Thesen, problematisches Fundament, 12. September 2009
Von 
Lena Waider "Leseratte" (Wiesbaden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Zunächst zu meinem Hintergrund, vor dem ich argumentiere: Ich selbst bin Atheistin und davon überzeugt, dass sich die Natur auf der Erde durch Evolution entwickelt. Gleiches nehme ich für unser kulturelles, soziales und technisches Umfeld an. Und die Willensfreiheit des Menschen halte ich gleichfalls für eine Illusion.

Michael Schmidt-Salomon versucht mit seinem ca. 300 Seiten starken Buch "Jenseits von Gut und Böse" dort fortzufahren, wo Nietzsche endete. Gleichzeitig scheint es sich dabei in vieler Hinsicht um einen Gegenentwurf zu Richard David Prechts Wer bin ich - und wenn ja wie viele? zu handeln, denn (21): "Schließlich geht es hier um Kernfragen unserer Existenz: Wer sind wir? Was wollen wir? Was können, was sollten wir wollen? Worauf dürfen wir hoffen?"

Gut und Böse sind gemäß Schmidt-Salomon religiös konstruierte Begriffe (34ff.), z. B. als Teil des sog. Sündenfall-Syndroms, welches für ihn die folgenden Prämissen hat:
1. Willensfreiheit des Menschen,
2. "das Gute" und "das Böse" existieren als absolute moralische Kategorien.
Der Mensch sei demgemäß für seine "bösen" Taten verantwortlich, weshalb das moralische Dreigestirn aus Schuld, Sühne, Strafe zum Tragen komme.

Die Wissenschaften würden demgegenüber solche Begriffe meiden, da sie
1. deskriptiv und nicht normativ argumentieren und
2. sämtliche Erscheinungen in der Welt auf natürliche Ursachen zurückführen.

Allerdings seien in menschlichen Gesellschaften und in der Natur Unterscheidungen wie Wohl bzw. Übel und komplexere Verhaltenskodizes im Rahmen des sozialen Zusammenlebens erforderlich (38). Die sinnliche Unterscheidung von Wohl und Wehe sei sogar ein entscheidender Schritt in der Evolution gewesen, denn mit ihr wäre die Bedeutung in die Welt gekommen (59). Die moralischen Kategorien Gut und Böse seien jedoch die Folge monotheistischer Religionen, d.h. neueren Ursprungs.

Sehr plausibel werden die Folgen der angenommenen Willensfreiheit an der Art und Weise, wie wir mit Schicksalsschlägen umgehen, verdeutlicht (40f.): Stirbt das eigene Kind, weil ihm ein Stein auf den Kopf fiel, dann sind wir geneigt, dies als Schicksal hinzunehmen, wurde es dagegen von einem Menschen erschlagen, dann sehen wir darin dessen Schuld und fordern Vergeltung.

Eingehend wird auf die Resultate der Hirnforschung eingegangen (110f.): "Den alten Dualismus zwischen Körper und Geist beziehungsweise Leib und Seele, der die abendländische Geschichte so stark prägte, hat die Hirnforschung bereits jetzt überwunden: Die Belege sprechen eindeutig dafür, dass es keinen über den körperlichen Prozessen schwebenden Geist gibt." Und (111): "Die Forschung hat gezeigt, dass wir in Wirklichkeit nur dann etwas bewusst wollen, wenn wir es auf der Basis unbewusster Prozesse ohnehin schon zu tun im Begriff sind."

Fein säuberlich grenzt der Autor Willensfreiheit von Handlungsfreiheit ab (122): "Denn die Freiheit, die wir meinen, wenn wir diesen Begriff emphatisch benutzen, ist stets eine Freiheit des Tuns, das heißt eine Handlungsfreiheit. Frei sein bedeutet, tun zu können, was man will - es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will."

Ein Verzicht auf das Axiom der Willensfreiheit hat für den Autor nur positive Konsequenzen (293). Menschen wären dann viel eher bereit, anderen Menschen zu helfen, die an ihrem Unglück selbst schuld sind. Denn (293): "Die Unterstellung von Willensfreiheit untergräbt das Empathievermögen." Ferner würde mit dem Abschied von der Willensfreiheit die Barriere zwischen Mensch und Natur in sich zusammenbrechen. (305) Dass sich damit auch wieder die Einführung der Todesstrafe (etwa in der Form: "Die Gesellschaft muss vor dem Täter geschützt werden. Eine langfristige Sicherheitsverwahrung ist jedoch zu teuer.") begründen ließe, erwähnt der Autor nicht.

Eingehend wendet sich der Autor gegen einen kulturellen Relativismus. Stattdessen sei die Universalität der Menschenrechte einzuklagen. Grundsätzlich stimme ich ihm hierbei zu, möchte jedoch zu bedenken geben, dass es eine solche Universalität nicht wirklich geben kann, da alle Menschenrechte evolutionär verhandelt werden. Beispielsweise gehört es aktuell zu den Menschenrechten, sich für beliebig viele eigene Kinder entscheiden zu können. Angesichts der globalen Überbevölkerung dürfte dieses allgemeine Menschenrecht schon sehr bald zur Disposition stehen.

So sehr ich mit dem Autor in vielen seiner Schlussfolgerungen übereinstimme, so sehr möchte ich erhebliche Einwände bezüglich den Grundlagen seiner Argumentation anmelden. Da ist einerseits seine genzentrische - oder genauer: replikatorenzentrische - Sicht der Evolution (57): "Die Metapher des egoistischen Gens will auf etwas anderes hinaus, nämlich auf das lange Zeit übersehene, jedoch zentrale biologische Faktum, dass in der Evolution prinzipiell nur Gene weitergegeben werden, nicht Individuen oder Gruppen." Das ist eine viel zu eingeschränkte Sicht (siehe etwa: Evolution in Four Dimensions: Genetic, Epigenetic, Behavioral, and Symbolic Variation in the History of Life). Im Rahmen der Evolution werden generell Kompetenzen - und nicht nur genetische Kompetenzen - weitergegeben.

Nicht unproblematisch sind auch die Aussagen zur Verwandtenselektion. Die Hamiltonungleichung K < r*N wird gar als das E = m*c(2) der modernen Evolutionsbiologie bezeichnet. Die Begründung der Organisation von Insektensozialstaaten mittels der Hamiltonungleichung mag zwar noch für Ameisen zutreffend sein, nicht jedoch für Bienen (siehe etwa Sandra Mitchell: Komplexitäten: Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen, S. 57ff.), und für nicht haplodiploide Arten sowieso nicht. Die Angaben und Begründungen zum Gewichtverhältnis der weiblichen und männlichen Nachkommen in Insektenstaaten (54f.) sind in dieser Form nicht zutreffend.

Bezüglich der kulturellen Evolution heißt es dann (77): "Wie die Natur, so unterliegt auch die Kultur einer Evolution." Für diese ist gemäß Autor ein weiterer "egoistischer" Replikator verantwortlich (82): "Als den universellen Replikator in den ersten drei Akten der Evolution hatten wir das Gen identifiziert. Im vierten Akt tritt nun ein weiterer Replikator hinzu: das Mem." Dieser empirisch bislang nie nachgewiesene und rein fiktive Replikator wird dann regelrecht zu einem Produkt der Hirnforschung hochstilisiert (142): "Gründe sind Meme, die ein Gehirn vor dem Hintergrund der ihm vorliegenden Informationen für die Klärung eines anstehenden Problems als so bedeutsam erachtet, dass es sie einer bewussten Bewertung im assoziativen Cortex unterzieht." Wissenschaftlich ist all das nicht haltbar, zumal andere längst eingewendet haben, dass Evolution ein von Akteuren angetriebener eigendynamischer Prozess ist, in dem die sog. Replikatoren nur Statuserhaltungssysteme sind. Schlimmer noch: Durch die Unterscheidung von Gen und Mem wird die im Buch wortreich beschworene Aufhebung der Trennung von Körper und Geist wieder zurückgenommen: Gene sind die Replikatoren für den Körper, Meme für den Geist.

Den Memen werden dabei wundersame Dinge zugesprochen (82): "Man kann sich Meme als 'geistige Viren' vorstellen, die von Gehirn zu Gehirn springen und die Gedanken, Einstellungen und Wünsche der Menschen 'infizieren'." Wie soll dies materielosen Objekten gelingen? Viren können sich nur vervielfältigen, wenn sie von ihrem Wirt Energie aufnehmen, Meme besitzen aber als geistige Konstrukte solche Fähigkeiten nicht. Immerhin liest man an anderer Stelle (139): "Ideelle Gründe müssen, sofern sie denn irgendetwas bewirken, materielle Ursachen sein!" Eben!

Ferner heißt es in diesem Zusammenhang (77): "Ein wesentlicher Unterschied zwischen biologischer und kultureller Evolution besteht in der Prozessgeschwindigkeit." Dabei werden die eigentlichen Ursachen des Phänomens verschwiegen, vermutlich, weil sie ein Tabuthema der Evolutionsbiologie berühren: Über Gene können keine erworbenen Kompetenzen weitergegeben werden, über alle höheren Kompetenzspeicherungsebenen (Epigenetik, Gehirn, externe Medien) aber sehr wohl. Selbstverständlich stellt die Möglichkeit der Weitergabe erworbener Kompetenzen einen evolutionären Vorteil dar, deshalb hat sie sich in der Natur auch so weit durchgesetzt.

Andere Konsequenzen aus dem Wegfall der Willensfreiheit sieht der Autor leider nicht: Wenn der Mensch nicht über Willensfreiheit verfügt, dann ist auch die Relativitätstheorie nicht einem freien Willen entsprungen, sondern der Evolution. Menschliche Erzeugnisse (inkl. Hypothesen) sind dann genauso "zufällige" Naturprodukte wie etwa der Apfel des Apfelbaumes. Es kann dann aber nicht mehrere Evolutionstheorien für jede einzelne Evolution geben, sondern nur eine einzige, die die gesamte evolutive Schöpfung aus den gleichen Prinzipien heraus erklärt, da ja alles gesamthaft in einem einzigen großen evolutiven Prozess entsteht. Ich kenne aktuell nur eine einzige Theorie, nämlich Merschs Systemische Evolutionstheorie, die die Anforderungen erfüllt. Interessant mag in diesem Zusammenhang sein, dass es für Schmidt-Salomon bei der Ethik, in Abgrenzung zur Moral, primär um faire Lösungen für Interessenkonflikte geht (197). Interessenkonflikte zwischen Evolutionsakteuren machen aber den eigentlichen Kern der Systemischen Evolutionstheorie aus.

Weitere Bedenken habe ich gegen die rigorose Anwendung von Ergebnissen der Soziobiologie auf menschliche Gesellschaften, wie dies im Buch getan wird. So etwas ist im Rahmen des Sozialdarwinismus schon einmal schief gegangen. Eine relativ formale Beschreibung der Darwinschen Evolutionstheorie wurde von Ernst Mayr in Das ist Evolution (S. 148) vorgelegt. In dieser Beschreibung folgt die natürliche Selektion (fittere Individuen hinterlassen durchschnittlich mehr Nachkommen als weniger fitte) aus gewissen Grundprämissen. Genau das ist aber für moderne menschliche Gesellschaften nicht der Fall ("Central Theoretical Problem of Human Sociobiology"). Doch anstatt dem Problem auf den Grund zu gehen, sind Soziobiologen gemäß Eckart Voland mittlerweile mehrheitlich der Auffassung (Die Natur des Menschen: Grundkurs Soziobiologie, S. 41), "dass alle Mitglieder einer Population eine 'genetische Äquipotenz' aufweisen, und der soziale und damit letztlich reproduktive Wettbewerb ohne evolutionsgenetische Folgen ist." Mal abgesehen davon, dass dies schon aus logischen Gründen nicht möglich und gemäß dem im Buch häufig genannten Hirnforscher Gerhard Roth bereits in Bezug auf die Intelligenz falsch ist (Aus Sicht des Gehirns, S.110ff.): Jede Ausweitung von soziobiologischen Ergebnissen auf menschliche Gesellschaften verbietet sich von selbst, wenn allein schon die Anwendung der grundsätzlichsten Grundlagen (die Darwinsche Evolutionstheorie) auf menschliche Gesellschaften zu Widersprüchen führt.
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15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gefangen im Wahn von Gut und Böse, 22. Januar 2010
Von 
Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne fina... (Bochum) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Wenn Michael-Schmidt-Salomon ein Buch veröffentlicht, sind heftige Reaktionen und Diskussionen vorprogrammiert. Bereits in der jüngeren Vergangenheit hat der Philosoph und bekannteste Vertreter der Neuen Atheisten in Deutschland in seinen Darstellungen, vor allem im Manifest des evolutionären Humanismus, in aller Deutlichkeit Position bezogen für eine säkulare Gesellschaft verbunden mit heftigen Attacken gegen den schädlichen Einfluss vor allem der monotheistischen Religionen auf unsere Gesellschaft. Für noch mehr Aufregung sorgte er mit seinem religionskritischen Kinderbuch Wo bitte gehts zu Gott?, gegen das von verschiedenen Institutionen ein schließlich gescheitertes Verbotsverfahren angestrengt wurde. Und auch sein neues Buch "Jenseits von Gut und Böse" lässt die Emotionen hoch kochen, wie sich auch in den verschiedenen Rezensionen sowie deren Kommentaren hier bei Amazon verfolgen lässt.

"Das Böse ist eine Wahnidee, die zwar in unseren Köpfen herumspukt, für die wir in der Realität jedoch keine Entsprechung finden" (9). In seinem einleitenden Satz stellt Schmidt-Salomon klar, als was er die Kategorien von "Gut" und "Böse" betrachtet: Es handele sich um von Menschen gemachte Konstrukte, um einfache Antworten und Handlungsrichtlinien für eine als zu komplex empfundene Umwelt zu erhalten. Hauptakteure dieses Konstruktionsprozesses seien seit jeher die Religionen dieser Welt gewesen, welche das "Böse" mit bestimmten Wesensmerkmalen versehen haben (vgl. 39f.). Das Gut-und-Böse-Schema, oder, in der auf Richard Dawkins basierenden Terminologie Schmidt-Salomons, der "Gut-versus-Böse-Memplex" (85), habe sich in der kulturellen Evolution der Menschheit durchsetzen können, da sich die eigene Gemeinschaft besser habe behaupten können, wenn Abweichler in den eigenen Reihen oder fremde Kulturen mit dem absoluten Begriff des "Bösen" bezeichnet worden sind (vgl. ebd). Jedoch müsse man sich nun bewusst werden, dass die Einteilung der Welt in "Gut" und "Böse" zu viel Unheil geführt habe, so dass sich die Menschheit nun von dieser liebgewonnen Illusion verabschieden müsse: "Aus Auschwitz lernen, heißt daher, auf den Memplex des Bösen zu verzichten, der in der Geschichte der Menschheit immer wieder zur Eskalation von Ingroup-Outgroup-Konflikten und auch maßgeblich zum Völkermord unter Hitler beitrug" (99).

Im 2. Kapitel begründet Schmidt-Salomon, warum es für die Kategorien "Gut" und "Böse" keine Rechtfertigung mehr gebe. Die Willensfreiheit, und somit auch die Freiheit, zwischen gut und böse zu unterscheiden, sei lediglich eine Illusion. Dazu der Autor in den Worten Schopenhauers: "Du kannst tun, was du willst: aber du kannst in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nichts Anderes, als dieses Eine" (121). In eigenen Worten formuliert er: "Willensfreiheit ist nichts als eine Chimäre, ein Trugbild, für das es in der Realität keinerlei Entsprechung gibt" (146). Besonders lesenswert ist hierbei Schmidt-Salomons Differenzierung zwischen Willens- und Handlungsfreiheit, auf die er seine Argumentation stützt" (vgl. 122ff.).

Schmidt-Salomon sieht in dem Abschied von der Willensfreiheit jedoch keinen Grund zur Verzweiflung, sondern begreift es vielmehr als Auf- und Herausforderung, sein eigenes Leben in den gegebenen Grenzen frei zu leben und zu gestalten: "Die Tatsache, dass wir stets nur das wollen können, was wir [...] wollen müssen, steht keineswegs im Widerspruch zu der für unser Freiheitsempfinden so wichtigen Intuition, dass die Zukunft offen ist. Vielmehr sind wir als lebende, Wohl und Wehe empfindende Wesen geradezu dazu determiniert, tagtäglich auf kreative Weise Probleme zu lösen, was den Fluss der Ereignisse immer wieder in neue Bahnen lenkt" (177f.). Es sei, so der Autor, gerade diese "Akzeptanz der metaphysischen Sinnlosigkeit unserer Existenz" (232), die uns Menschen die Freiheit zur individuellen Sinnstiftung gebe. Hier steht Schmidt-Salomon ganz in der Tradition des großen existentialistischen Freiheitsphilosophen Jean-Paul Sartre, der die Verantwortung des Menschen nach dem Tod Gottes mit den Worten "[W]ir sind zur Freiheit verurteilt" (Das Sein und das Nichts, S. 838) umschrieb.

Fazit: Der Weg zu einem im wahrsten Sinne des Wortes zwanglosen Leben liegt für Schmidt-Salomon in der Überwindung eben jener Konstrukte, die seit Jahrtausenden die Menschen mithilfe falscher Gewissheiten manipulieren. Erst so könne man sich seiner individuellen Verantwortung für sich und seine Mitmenschen bewusst werden, worin der Schlüssel zu einer friedlicheren Welt liege. Egal, wie man persönlich zu dieser Thematik steht oder ob einem der sicherlich provozierende Stil der Darstellung zusagt: "Jenseits von Gut und Böse" ist ein mit Feuer geschriebenes und höchst aktuelles Buch, welches eine möglichst breite Leserschaft verdient.
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32 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Evolution frißt ihre Kinder, 18. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Um eine Metapher aus dem Buch aufzugreifen, hat die Evolution Michael Schmidt-Salomon in die Kellerbar der Giordano-Bruno-Stiftung gespült, wo er das Glück hatte mit Wissenschaftlern wie dem Evolutionsbiologen und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits und anderen seine Theorien zu diskutieren. Herausgekommen ist ein kluges Buch, welches dem Leser (z. B. mir) hilft, seinen Horizont in vielfältiger Weise zu erweitern.

Michael Schmidt-Salomon macht hier den Versuch eine menschenfreundliche Philosophie jenseits von Gut und Böse zu skizzieren, denn unsere "altbackenen Moralvorstellungen ... haben uns", wie er schreibt, "summa summarum krank, kritikunfähig, selbstsüchtig und dumm gemacht." Darum bietet er uns nichts weniger an, als das, worum Christen seit Jahrhunderten beten: Die Erlösung von dem Bösen! Er lädt zu einem Perspektivwechsel ein, der zu einer entspannten Weltsicht verhelfen soll, dem jedoch eine kritischen Überprüfung unserer Annahmen über die Welt vorausgehen muss. Als Konsequenz soll sich eine alternative, heiter-gelassenen Lebenseinstellung, eine "neue Leichtigkeit des Seins" einstellen können, die bereits von Albert Einstein ähnlich begründet wurde. Dass heißt allerdings keine Erlösung von allen Übeln, dafür aber eine wahrlich erleuchtete Lebenshaltung, die es uns erlaubt mit den "Widrigkeiten des Lebens etwas vernünftiger, etwas gelassener, etwas humorvoller umzugehen." Das Buch soll einen winzigen Beitrag zur Entwicklung einer solchen alternativen, lebensbejahenden Bewusstseinskultur leisten". Mit seinen Ausführungen knüpft Schmidt-Salomon bewusst an Friedrich Nietzsche an (dessen Erinnerung das Buch auch gewidmet ist), der im Abschied vom moralischen Dreigestirn "Schuld - Sühne - Strafe" den Fortschritt aller Fortschritte erblickte. In einer Anmerkung heißt es, dass man vieles, was er hier schreibe, unter dem Stichwort "Nietzsche Reloaded" durchgehen lassen könnte.

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat aus Kleists Marionettentheater, in dem es heißt, wenn wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen würden, wäre das das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt. Das die Abkehr vom Paradigma von Gut und Böse ein neues Kapitel der Geschichte einläuten würde, dürfte einsichtig sein. Um dahin zu führen wird in der Einleitung gezeigt, dass der Apfel im Mythos vom Sündenfall auf einem Übersetzungsfehler beruht (das lateinische Wort malum kann sowohl als »Apfel«, als auch als »böse« übersetzt werden). Schmidt-Salomon interpretiert den Sündenfall aus psychologischer Sicht, und stellt die Grundaxiome Willensfreiheit und den Gut/Böse-Dualismus in Frage. Dem Beleg dafür und dem Aufzeigen der positiven Konsequenzen ist der erste von zwei Teilen des Buches gewidmet, den er mit "Die neuen Früchte der Erkenntnis" überschreibt.

Im zweiten, mit "Die neue Leichtigkeit des Seins" überschriebenen Teil, wird zunächst ein entspanntes Ich entwickelt, dann für entspannte Beziehungen argumentiert sowie für eine entspannte Gesellschaft und zuletzt "eine frohe Botschaft für nackte Affen" verkündet. Er nennt dies eine Lektion in Bescheidenheit und führt aus: Das sowohl die negative (schuldbeladene) als auch die positive (stolzgeschwängerte) Bilanzierung eigener Leistungen die Möglichkeit individueller Weiterentwicklung hemmt. In seiner Argumentation baut er auf dem Fundament des ersten Teils auf und plädiert statt für moralisch motivierte Schuldgefühle, für die Veränderung und Wiedergutmachung hervorrufende, ethisch motivierte Reue. "Reuegefühle sind ein wichtiger Anstoßgeber für die persönliche Weiterentwicklung, Schuldgefühle hingegen stehen ihr im Wege. ... Sie verhindern nicht nur, dass wir akzeptieren, der zu sein, der wir sind, sondern hemmen uns auch darin, der zu werden, der wir sein könnten." Es werden die Weisheitslehren Buddhas und Epikurs für ein glückliches Leben verglichen, und der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit große Bedeutung beigemessen. "Erst wenn wir anerkennen, dass unser Leben keinen über uns selbst hinausweisenden Sinn hat, kommen wir in den Genuss, über uns selbst hinauszuwachsen, indem wir unserem Leben einen über uns selbst hinausweisenden Sinn geben."

Die Quintessenz einer west-östlichen Weisheitssynthese ließe sich nach seiner Meinung so formulieren: "Lernen wir, die Übel zu ertragen, die sich nicht abwenden lassen, uns aber keineswegs mit jenen abzufinden, die wir beseitigen können" (erinnert an das sogenannte Gelassenheitsgebet, dem jedoch noch der Wunsch hinzugefügt ist, man möge die Weisheit aufbringen, das eine vom anderen zu unterscheiden).

Im Folgenden erläutert er, warum Kritik als Geschenk anzusehen ist, aber besser angenommen wird, wenn das Paradigma der Unschuld bereits verinnerlicht ist. Dann werden die Ergebnisse der Vergebungsforschung referiert und die Folgen der bisherigen Erkenntnisse für die Rechtsprechung untersucht. Hier geht es dann um die Funktion der Strafe, den Umgang mit dem Täter und der Bedeutung der Prävention. Festgestellt wird, dass "je stärker die Idee der Willensfreiheit etabliert ist, desto eher wird soziale Ungleichheit toleriert und desto drakonischer fallen auch die Strafmaßnahmen des jeweiligen Rechtssystems aus." In sofern könnte das Paradigma der Unschuld ein wirksames Gegengift gegen die Arroganz der Macht sein."

Nach Schmidt-Salomon ist es höchste Zeit mit einem moralischen Abrüstungsprozess zu beginnen und er empfiehlt jedem Einzelnen dies als Graswurzelrevolution zu beginnen. Obwohl er es für die friedliche Zukunft unseres Planeten für unumgänglich hält, ist er sich über die Erfolgsaussichten nicht sicher.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Abschied von der Moral - eine kritische Analyse, 21. April 2012
Von 
Klemens Taplan (Ahaus) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Michael Schmidt-Salomon (MSS) skizziert eine menschenfreundliche Philosophie jenseits von Gut und Böse. Er verabschiedet sich von den archaischen Denkmustern Schuld und Sühne. Das Böse sei eine Wahnidee. Das Sündenfall-Syndrom beruht auf den zwei Axiomen "Der Mensch verfügt über einen freien Willen" und "Gut und Böse existieren als absolute moralische Kategorien", die zwar zum festen Bestandteil unserer Kultur geworden, jedoch nicht zwingend sind.

Es ist ein Mythos, dass das sogenannte Böse erst mit dem Menschen in der Welt aufgetaucht ist. Auch in der Tierwelt gibt es grausame Verhaltensweisen. MSS nennt Beispiele aus dem Reich der Affen. Ursache für grausame Verhaltensweisen bei Mensch und Tier ist das (biologisch erklärbare) Prinzip Eigennutz.

Die moderne Hirnforschung lehrt uns, dass das Ich eine Konstruktion des Gehirns ist (siehe z.B. Thomas Metzinger "Der Ego-Tunnel"). Die grundlegende Funktion des Bewusstseins ist es nicht, das Verhalten zu steuern, sondern dem Ich einleuchtende Begründungen dafür zu liefern, warum es sich so und nicht anders verhält.

Bereits Schopenhauer erkannte, dass ein von Ursachen unabhängiger (also freier) Wille gegen das Kausalitätsprinzip verstoße. Die Menschen schließen aus der Handlungsfreiheit (tun zu können, was man will) auf die Existenz von Willensfreiheit (beliebig wollen zu können, was man will). Ein freier Wille ist mit wissenschaftlichen Überlegungen nicht zu vereinbaren. Fallen innere und äußere Zwänge weg, haben wir Handlungsfreiheit und fühlen uns frei.

Das Thema Willensfreiheit ist nicht nicht in Stein gemeißelt. Es gibt sehr wohl unterschiedliche Auffassungen, wie in "Was ist der Mensch?" von Michael Pauen und "Hirnforschung und Willensfreiheit", herausgegeben von Christian Geyer, deutlich wird. Dies gilt auch für den Zusammenhang der Begriffe "Ursachen" und "Gründe".

Im dritten Kapitel erläutert MSS seine Definitionen von Moral und Ethik. In der Moral geht es um subjektive Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeintlich vorgegebener metaphysischer Beurteilungskriterien, in der Ethik hingegen um die objektive Angemessenheit von Handlungen anhand intersubjektiv ausgehandelter Spielregeln. Die Ethik sucht faire Lösungen, die Moral beruht auf religiös geprägten Dogmen. Bei der Moral steht die persönliche Schuldfähigkeit im Fokus, die notwendigerweise Willensfreiheit impliziert, womit sich der Kreis schließt (siehe Sündenfall-Syndrom). Provokant wirkt die Anwendung von MSS Thesen auf Verbrecher des Nationalsozialismus. Da wird noch viel Wasser den Rhein entlang fließen, bevor die Moral im konventionellen Sinne gesellschaftlich fallen gelassen wird.

Im Hinblick auf diese Thematik will auch nicht so recht eine heitere Gelassenheit aufkommen, wie MSS sie in den folgenden Kapiteln propagiert. Die Leichtigkeit des Seins soll sich einstellen, wenn keine Schuldgefühle, kein Stolz und keine Versagensangst mehr da sind. "Wer mit sich selbst Frieden schließen will, der sollte sein Selbst nicht zu ernst nehmen" klingt nach Psycho-Ratgeber. Schuldvorwürfe beruhen auf falschen (moralischen) Denkvoraussetzungen; Reue korrespondiert mit Ethik. Wenn der Wille nicht frei ist, welchen Einfluss habe ich dann, diese Denkmuster zu ändern? "Lernen wir zu ertragen, der zu sein, der wir sind, um gleichzeitig daran zu arbeiten, der zu werden, der wir optimalerweise sein könnten" ist MSS rational mystische Antwort.

Im fünften Kapitel thematisiert MSS Kritikfähigkeit, die ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklungsgeschichte der Naturwissenschaften ist, jedoch bei den (statischen) Religionen fehlt. Bei Aussagen, die einen hohen Wahrheitsanspruch für sich reklamieren, ist das Prinzip der Kritik unerlässlich.

Die Folgen für die Rechtsprechung erläutert MSS am Beispiel von Dostojewskis "Schuld und Sühne". Ein unfreier Wille führt nicht dazu, vor Gericht freigesprochen zu werden. Für das Gericht ist der Inhalt des Handelns entscheidend. Es geht nicht um subjektive moralische Schuld, sondern um objektive Verantwortung. Die Zeche ist zu bezahlen, daran ändert auch die Abkehr von Gut und Böse nichts.

In "Die frohe Botschaft für nackte Affen" erteilt MSS den Lesern eine Lektion in Bescheidenheit "Denn es ist nicht bloß so, dass unsere Vorfahren Affen waren, wir sind im Grunde genommen Affen geblieben!". Und weiter "Wir maßten uns an, etwas zu besitzen [Willensfreiheit], was sonst in der gesamten Natur nicht vorkommt, wollten "unbewegte Beweger" sein, Miniaturausgaben jenes ursachenfrei agierenden Gottes, als dessen Ebenbilder wir uns wähnten." Und noch ein Zitat von MSS: "Wir können unserem Leben einen Sinn geben, der sinnlich erfahrbar ist und nicht übersinnlich herbeihalluziniert werden muss."

Eines der m.E. wichtigsten Themen "Emergenz", welches thematisch mitten ins Buch gehört, hat MSS, der Komplexität wegen, als letztes Kapitel angefügt. Es geht um Mikrodetermination (Bestimmung des emergenten Systems durch Ursachen auf niederer Integrationsebene) und Makrodetermination (Rückwirkung des emergenten Systems auf niedere Integrationsebenen).

MSS lehnt sowohl den radikalen eliminatorischen Reduktionismus (Phänomene der Biologie und Kultur sind vollständig auf physikalische Prinzipien zurückzuführen) als auch das starke anti-naturalistische Emergenz-Prinzip (emergente Prozesse sind nicht durch Ursachen auf niederer Integrationsebene determiniert) ab. Er favorisiert ein starkes, naturalistisches Emergenz-Prinzip: Kausalität wird durch das Auftreten emergenter Phänomene nicht durchbrochen; kulturelle Phänomene widersprechen nicht den grundlegenden biologischen, chemischen und physikalischen Determinanten, werden durch diese jedoch nicht hinreichend erklärt.

Im Bereich der Makrodetermination liefert MSS mit dem evolutionären Selektionsprinzip einen naturalistischen Ansatz, wie diese denn funktionieren kann. Die Frage, wie ein Gedanke Auswirkungen auf Moleküle und Atome hat, ist mit dem evolutionären Selektionsprinzip, wo Häufigkeiten beeinflusst werden, nicht hinreichend erklärt. Das Modell erklärt, wie ein emergenter Prozess seinen "Fußabdruck" in der physikalischen Welt hinterlässt, es erklärt aber nicht, wie ein Gedanke auf die physikalische Welt wirkt.

Wir unterliegen einer Jahrtausende alten Prägung von Gut und Böse. MSS versucht diese mit naturalistischen Argumenten aufzubrechen. Er rüttelt, wie auch schon die Hirnforschung in den letzten Jahrzehnten, am Selbstverständnis des Menschen. Ob es gelingt, das Weltbild zu verändern, wird die Zukunft zeigen. Das Buch, welches sich an eine breite Leserschaft richtet, sollte man lesen, wenn man bereit ist, sich kritisch mit dem Thema "Gut und Böse" auseinander zu setzen. Es sollte aber nicht das einzige Buch zum Thema sein.
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51 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jenseits von Gut und Böse ist nicht jenseits von Eden?, 12. Oktober 2009
Von 
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Wie geht es einem bis vor Kurzem eher unreflektierten Atheisten mit dem vermutlich normalen Rechtsempfinden eines unzureichend philosophisch gebildeten Ingenieurs nach diesem Buch?
Nach dem ersten Durchgang durch "Jenseits von Gut und Böse" von Michael Schmidt Salomon? Nach der Verunsicherung oder Versicherung durch ein Buch, das alle paar Seiten die Nackenhaare aufstellt?
Da gibt es einige mächtige Brocken zu schlucken. Oder wie man so sagt, einen Paradigmenwechsel in Erwägung zu ziehen oder eigentlich deren mehrere. Je nach weltanschaulichem Ausgangspunkt und Bedürfnis nach externen Stützen zieht einem das Buch erst mal fast alle Teppiche weg. Und dennoch fällt man weich, wenn man sich darauf einlassen kann. Eigentlich wollte ich sagen: einlassen will - aber schon dieses Wollen zu Wollen steht ja nicht zur Auswahl - folgt man einem Hauptgedanken dieses Buches.

Schon bei der Vorstellung des Buches in Regensburg konnte ich erleben, dass auch Menschen, die nicht von der Gottlosigkeit (meint Abwesenheit von Gotteswahn) der Denke und des Autors irritiert sein können, mit den verzwickten Folgerungen erhebliche - auch emotional bedingte - Schwierigkeiten haben. Dabei waren die Anwesenden grundsätzlich dem Autor wohl gesonnen.

Seine zentrale Aussage, wir hätten keinen freien Willen, also in gegebenem Augenblick, Situation und Historie keine Handlungsoption, ist offenbar nicht Gemeingut - vorsichtig gesagt. Sofort anstehende Fehlschlüsse hin zu Fatalismus, Rechtlosigkeit und Sinnlosigkeit aber sehr wohl.
Ich weiß immer noch nicht, ob ich mehr daran zu beissen habe, dass mir es nicht bewusst war oder dass ich nicht mal wusste, dass diverse Philosophen und Naturwissenschaftler schon lange den freien Willen verneinen - teils aus theoretischen Überlegungen, teils abgeleitet aus Gehirnforschung.

Irritierend! Immer wieder Auflehnung in mir und Mühe bei der Eingrenzung oder Eindämmung der Folgen: Tatsächlich ist die Neigung groß, bei jedem Schritt den Verlust allen Sinns, aller Werte, aller Rechte, aller Menschlichkeit zu wittern und damit vielleicht den Verlust aller Lebensfreude.
Dabei folgt aus der Abwesenheit "des Bösen" noch ohne Kopfschmerzen das Konzept der Unschuld (im Gegensatz zur Ur-Schuld = Ur-Sünde).
Aus der Unschuld folgt zusammen mit dem nicht freien Willen die Un-Schuld, also die Unmöglichkeit, Schuldig im moralischen Sinn zu sein. Weil auch gleich Moral zugunsten der Ethik eliminiert wurde.
Nicht schuldig sein zu können bedeutet aber nicht, nicht bestraft zu werden von der Gesellschaft. Vielleicht sollte man anstatt Strafe auch gleich sagen: zurechtgewiesen.

Hoppla, jetzt bin ich schon mittendrin im Inhalt und seinen Herausforderungen. Das führt zu weit hier beim ersten Bericht.

Nun ahne ich schon, wie Manche jede Konstruktion in Jenseits von Gut und Böse verreissen werden, als jenseits von Gut und Böse sozusagen, also als indiskutabel. Man kann leicht jede Folgerung unter Anwendung jedes denkbaren (und oft gedachten) Fehlschlusses ins Lächerliche und vermeintlich Unmögliche ziehen. Die Welt untergehen sehen, weil sie keine Moral mehr hat. Und damit nur noch Langnasenaffen mit Haarausfall, Neigung zu Schweissfüssen und Denkfehlern ohne Sinn und Zweck auf einem Staubkorn im Universum dahinvegetieren.
Soll heißen, ich kann mir vorstellen, dass es dieses Jenseits von Gut und Böse gibt wie beschrieben.
Einerseits.
Andererseits bleibt das unbehagliche Gefühl eines Zuschauers beim Hütchenspiel: Nur einmal gelesen und das Meiste noch nie gedacht (jedenfalls nicht im assoziativen Cortex, weil das dort so teuer und mühsam ist, wie ich gelernt habe) - würde ich da gleich logische Brüche entdecken? Bisher habe ich keinen gefunden - aber das muss nichts heissen.
Allerdings habe ich mich auch gerne auf Nuancierungen in Wortbedeutungen eingelassen. Als Ingenieur und Mann der Software fällt mir das noch vergleichsweise leicht. Aber als Programmierer weiß ich auch: Ein Fehler ist schnell gemacht, schwer gefunden und nicht immer leicht entfernt.
Vielleicht ist das Buch ja noch im Beta-Stadium und versteckte Fehler nerven mich bald.

Empfehle ich also dieses Buch?

Geschrieben ist es leicht verständlich, was Wortwahl und Satzbau anbelangt. Der Aufbau ist angemessen und zielführend. Jeder an einem Sachbuch interessierte Leser dürfte es ohne Probleme in sein "blumenkohlartiges Organ" hineinbekommen. Ungleich leichter verständlich beispielsweise als das Traktat über kritische Vernunft von Hans Alber (Trotzdem ein Muß!).

Für mich war die Reise aus "dem Paradies" durch unfassbar viel Leid produzierende Überzeugungen in Richtung zu einem Fast-Paradies faszinierend und spannend, erhellend und ermutigend.

Heftige Empfehlung also für robuste freigeistige Gemüter, die in Erwägung ziehen können, auf ihren freien Willen zu verzichten und zu Vergeben statt zu Vergelten.

Wer dagegen für sein Leben auf Konstruktionen wie Gott, Das Böse, Rache, Schuld und Sühne, apokalyptische Ereignisse und seinen freien Willen keinesfalls verzichten kann, sollte es sich nicht antun. Er könnte erheblich desorientiert und verletzt werden. Was ausdrücklich nicht an einer scharfmachenden Diktion liegt. Da ist Richard Dawkins im Gotteswahn wesentlich weniger zimperlich. Aber diesem Personenkreis könnte dieser Inhalt selbst mit "Engelszungen" überbracht existentielle Schmerzen bereiten.

Nun sind 5 Sterne ja immer gefährlich, weil zu vermuten ist, daß die kritische Distanz fehlt. Also sage ich noch, warum ich "trotzdem" 5 Sterne vergebe:

Trotz viel und teilweise nerviger Redundanz, weil das tun "die Anderen" ja dauernd und seit Jahrhunderten. Aber das ist ja ein Ingroup / Outgroup Denk-Reflex - ich werde mich bessern.

Trotz wenig zu Lachen während der Lektüre. Aber es ist ja auch nicht von Douglas Adams geschrieben, der in "Die letzten Ihrer Art" traurige und erste Tatsachen höchst humorvoll verpackt.

Trotz viel Provokation durch abgekürzte Überschriften und unvermitteltes Kappen von tragenden Seilen, ehe die Ersatzseile zu sehen sind. Schon der Titel und Untertitel reicht aus, um das Buch gar nicht erst anzufassen - weil nicht erkennbar ist, dass nicht der Fall in die unendliche Leere folgt, sondern das Sprungtuch schon aufgespannt ist.

Ich sage Danke für diese erste Version einer existentiell wichtigen Paradigmenwechsel-Sammlung für ein besseres und freundlicheres und erfüllteres Leben. Und wünsche dem Autor gute Nerven respektive heitere Gelassenheit angesichts der anstehenden Verrisse.
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30 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufschlussreich und Befreiend, 21. September 2009
Von 
A. Salzmann (Battenberg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Nach dem Manifest des evolutionären Humanismus ein, wie ich finde sehr gut gelungenes noch einigermassen allgemeinverständliches,vom Umfang überschaubares literarisches Werk,welches mich sehr berührt hat.
Der Autor zeigt ein sehr hohes Mass an wissenschaftlich-interdisziplinärem Verständnis und ist sich nicht zu schade auch seine sehr persönlichen Gefühle und Erlebnisse mit dem Leser zu teilen.
Ein weiterer kleiner Baustein auf dem langen, beschwerlichen Pfad des Sysiphus im Ausräumen von zwischenmenschlichen Missverständnissen und moralinsauren Vorurteilen.
So macht Philosophie wieder Spass.Wer einen Weg aus der konservativ verstaubten Kellerwohnung auf das durch sonnenlicht durchflutete Penthouse der Erkenntnis sucht,dem kann dieses Buch bei der Wohnungssuche und dem anschliessenden Umzug helfen.
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15 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Intelligentes Lesevergnügen, wenn es kritisch gelesen wird, 22. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Ich habe beschlossen, es jetzt doch mal mit einer Rezension des Buches zu versuchen. Ich bin vorsichtig damit, weil ich, je mehr ich mich mit dem Inhalt und der Rezeption des Buches beschäftige, immer unsicherer werde, wie man das Buch "fair" bewerten soll. Also: als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, war ich absolut begeistert. Der Stil ist ansprechend und flüssig und das Thema und die Argumentation werden auf interessante und oft sogar spannende Weise dargestellt. Außerdem gewinnt man schnell den Eindruck, dass der Autor wirklich einen tiefen Einblick in das Themengebiet besitzt.
Auf den Inhalt möchte ich nicht mehr im Detail eingehen. Ich denke, dass das andere Rezensenten schon sehr ausführlich getan haben. Nur soviel: der Autor zeigt auf angenehm rationale Weise, dass wir selbst in unserer "modernen" Gesellschaft immer noch der religiösen Weltsicht von "Gut und Böse" anhängen. Diese Sichtweise basiere auf der Annahme, dass der Mensch einen freien Willen besitzt. Mit Hilfe der Evolutionsbiologie und der modernen Neurowissenschaften kommt er zu dem Schluss, dass dem nicht so sei und entwickelt daraufhin eine Ethik, die frei von Schuld und Sühne zu einem weitaus rationaleren Umgang mit dem Fehlverhalten von Menschen führt. Auch zeigt er auf, dass ein Abschied von der Willensfreiheit keineswegs zu Nihilismus oder ethischem Relativismus führt.
Die scheinbar undogmatische und logische Argumentation hat - obwohl ich mich zwischendurch immer wieder mal gefragt habe, ob die wissenschaftliche Basis, v.a. die Ablehnung der Willensfreiheit durch die Hirnforschung, auch korrekt ist - dazu geführt, dass ich das Buch nahezu in den Himmel gehoben habe. Ich war vom Inhalt überzeugt und fragte mich mal wieder, ob der Naturalismus/Materialismus nicht doch eine ausreichende Erklärung der Welt liefere. Erst als wir in einer Philosophiegruppe über das Buch diskutierten und ich mich anschließend mit anderen Rezensionen des Buches befasste wurde mir klar, dass ich das Buch zu unkritisch beurteilt hatte. Streng genommen ist die zentrale Prämisse des Buches, nämlich das Nichtvorhandensein von Willensfreiheit, wissenschaftlich nicht haltbar. Selbst renommierte Hirnforscher wie z.B. Wolf Singer halten die Frage nach wie vor für offen (s. z.B. seinen Vortrag "Philosophische Implikationen der Hirnforschung", Leipzig 2007). Zwar halte ich die Unterscheidung des Autors zwischen Willens- und Handlungsfreiheit für interessant, aber leider lässt er viele Details (z.B. warum ausgerechnet das "Prinzip Eigennutz" den Determinismus der menschlichen (Un-)Freiheit aufhebt) im Dunkeln. Dogmatisch könnte man jetzt behaupten, dass seine komplette Argumentation damit in sich zusammenfällt. Soweit möchte ich aber sicherlich nicht gehen. Ich halte das Buch auch weiterhin für sehr lesenswert. Es ist ein Buch, das zum philosophischen Nachsinnen einlädt und viele interessante Fragen aufwirft. Wichtig ist wie gesagt nur, dass man sich nicht zu sehr in der Argumentation des Autors verliert und seine Argumente kritisch für sich überprüft. Dann steht einem intelligenten Lesevergnügen nicht mehr im Wege.
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21 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen einfach lesen, 2. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Legt sie beiseite, eure "heiligen" Schriften, eure Revolutions-Manifeste, spirituellen Erbauungsbücher, Glücksratgeber oder Lebenshilfen und lest einfach einmal, möglichst vorurteilslos, dieses Buch. Es könnte sein, dass euch die Lektüre zu völlig neuen Erlebnissen eures Selbst verhilft. Und dieser Genuß ist allemal knapp zwanzig Euro wert.
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20 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Jenseits von klug und blöde, 21. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Man hat die Freiheit zu tun, was man will, aber nicht zu wollen, was man will. In Bezug auf diese Einschätzung auf der deskriptiv-anthropologischen Ebene gibt es eine Jahrhunderte übergreifende Übereinstimmung zwischen so unterschiedlichen Denkern wie Paulus und Einstein, Calvin und Zimbardo. Erasmus, Rousseau und Sartre mögen es anders gesehen haben - gewiss aber glaubten auch sie nicht an einen bedingungslos freien Willen.

M. Schmitt-Salomon baut in seinem Buch mit seiner sehr extremen Deutung der Willensfreiheit zunächst einen Popanz auf, den er dann im weiteren Verlauf mit allen Mitteln zu bekämpfen versucht. An eine Willensfreiheit, wie er sie definiert, dürfte jedoch kaum jemand glauben! Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass er oft genug nicht so kann, wie er gern möchte. Alle (Neu-)Jahre wieder, scheitern wir an unseren guten Vorsätzen. Dennoch gibt es Entscheidungsspielraum. Wir trauen uns und anderen zu, uns zumind. einigermaßen vernunftorientiert zu verhalten, destruktiven Impulsen etwas entgegenzusetzen, Handlungen mit Schadenswirkung zu unterlassen. Auf einer objektivierenden Ebene mag ein Willensbildungsprozess - je nach Weltbild - determiniert erscheinen oder auch nicht. Einvernehmen sollte jedoch darin bestehen, dass wie gar nicht anders können, als uns dabei als willensfrei im Sinne der Fähigkeit, zwischen verschiedenenen Handlungsoptionen abwägen und wählen zu können, zu erleben. Der philosophische Begriff der Handlungsfreiheit deckt dieses Faktum keineswegs ab.

Nun ist freilich der eigentliche Knackpunkt des Autors ein anderer. Ihm geht es um die Berechtigung von Schuldzuschreibungen. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass hier ein Mensch eine Art Selbsttherapie gegen die eigene Schuldproblematik betreibt. MSS sieht das Schuldgefühl als uneingeschränkt, dramatisch negativ. Das Schuld - im Grunde ebenso wie die vom Autor als Substitut vorgeschlagene Reue - auch bedeutet: ich bin verantwortlich, also meinen Defiziten nicht ausgeliefert und frei, an diesen - ggf. mit entsprechender Hilfe - etwas zu ändern, scheint ihm gar nicht in den Sinn zu kommen. Ebensowenig wie die christliche Sicht der Dinge, die keinen Menschen von Schuld frei spricht und doch jedem Vergebung und Befreiung anbietet, vor Überheblichkeit in Bezug auf das Versagen anderer warnt, Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft anmahnt. Vergeltung kommt im Neuen Testament ebensowenig vor, wie eine Glorifizierung menschlicher Willensfreiheit. Dergleichen entspringt - soweit es sich in der abendländischen Geistesgeschicht überhaupt findet - ohnehin weit eher stolzer humanistischer Hybris.

Warum es hier also seiner - den meisten Lesern offenbar ohnehin schwer verständlichen - Begriffsakrobatik und philosophischen Pirouetten bedarf, ist alles andere als einleuchtend. Archaischen Impulsen wie Vergeltung und Rache mit einer so gearteten Willensfreiheitsphilosophie bei kommen zu wollen ist jedenfalls so albern, als wollte man einer neuen Sexualethik mithilfe der Endokrinologie zum Durchbruch verhelfen.

Überhaupt überrascht das Buch durch seine anthropologische Unbedarftheit. Schaut man sich die Gegenwart einmal genau daraufhin an, wird deutlich, dass ein archaischer Kampf gegen das Böse, wie MSS ihn an jeder Ecke auszumachen scheint, so es dergleichen überhaupt je gegeben hat, längst der Vergangenheit angehört. "Googled" man den Begriff "BÖSE" stellt sich heraus, dass dieser kaum mehr anders als mit ironischem Unterton oder metophorischem Akzent verwendet wird. Diskriminierung findet nicht deshalb statt, weil andere als "böse" erlebt werden. Im Gegenteil: die Schwäche, die Krankheit, die Andersartigkeit des Anderen - das alles ist dafür völlig ausreichend. Auf den Schulhöfen werden nicht die "Bösen" drangsaliert, sondern die "Opfer". Rücksichtslosigkeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist hinreichend durch die Aussicht, die eigenen Interessen durchsetzen zu können, motiviert.
Selbst die katholische Kirche unterstellt Homosexuellen keine "Böswilligkeit". Im Strafrecht spielt der Gedanke der Vergeltung kaum noch eine Rolle. Es geht um Abschreckung, mehr noch um Resozialisierung.

Vollends abstrus wird es, wenn der Autor solch erschreckende historische Entgleisungen wie den Holocaust mit seiner Theorie begründen möchte. Was immer man Juden an destruktiven, kulturzersetzenden Verhaltensmustern unterstellte - man ging jedenfalls nicht davon aus, dass man sie - wie es auf der Basis einer Anthropologie der Willensfreiheit zu erwarten wäre - in Richtung einer Veränderung beeinflussen könnte. Dem naturalistischen Zeitgeist der Nazis zufolge lag das destruktive Potenzial in Blut und Genen. Hier half eben nur eins: die Vernichtung. Gewöhnliche Verbrecher kamen für ein paar Jahre ins Zuchthaus, hilf- und harmlose jüdische Frauen und Kinder wurden vergast.

Natürlich ist nachvollziehbar, dass für einen Menschen, für den Gott nur eine Idee ist, die eigene Schuld zur lähmenden Belastung werden kann und der Gedanke, im Grunde nicht anders zu können, etwas Entlastendes hat. Doch lässt sich dieser Gedanke ganz einfach nicht auf der subjektiven Handlungsebene implementieren. Hier erlebt man sich als - relativ -entscheidungsfrei. Hier meldet sich folglich auch das eigene Gewissen, wenn man die Möglichkeiten zum Guten vernachlässigt.
Man kann Schmitt-Salomons Angebot also nur um den Preis nutzen, dass man sich über die kategoriale Verwirrung und intellektuelle Widersprüchlichkeit, die zwangsläufig damit verbunden ist, hinweg täuscht. Menschen in der Konfliktzone der Selbststeuerungsfähigkeit, denen mitunter alles in ihrem Inneren in eine Richtung zu streben scheint, die sie vernunftmäßig nicht bejahen können, bietet es schon gar keine Hilfe - im Gegenteil.

Unterm Strich bleibt die Konzeption des Autors so ein selbst eine Vielzahl seiner Anhänger nicht recht überzeugender Versuch, ein säkularisiertes Evangelium zu entwerfen. Zu unausgegoren, um es zumindest als ernsthaften Denkversuch zu betrachten, zu elaboriert immerhin, um es völlig unbeachtet zu lassen - Jenseits von klug und blöde also. Nimmt man die naturalistische Perspektive ein, könnte man es bestenfalls als zaghaften Schritt in Richtung einer "Desillusionierung", die mit den - vermeintlichen - "wissenschaftlichen" Fakten wirklich ernst macht, bezeichnen. Der "Philosoph mit dem Hammer" jedenfalls hätte für diesen Versuch, seine stets bis zur letzten Konsequenz durchdachte Anthropologie in weichgespülter Fassung den wohlstandsverwöhnten Gutmenschen unserer Tage schmackhaft zu machen, wohl nur ein müdes Lächeln übrig gehabt.
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Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind
Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind von Michael Schmidt-Salomon (Gebundene Ausgabe - September 2009)
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