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5.0 von 5 Sternen Flucht aus den Nazi-Todeszügen 764 Sprünge in die Freiheit, 28. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden (Broschiert)
[...]

Jeder kennt die Bilder der Waggons, mit denen Juden in Konzentrationslager transportiert wurden. Dass Hunderten die Flucht aus den Todeszügen gelang, ist kaum bekannt. Nun dokumentiert eine Studie die Ausbrüche und liefert Erklärungen, warum die Geflüchteten jahrzehntelang schwiegen. Von Christoph Gunkel

Das dreistöckige Hochbett im SS-Sammellager war sein Trainingsplatz, so stellte er sich das jedenfalls vor. Simon kletterte hoch, konzentrierte sich und sprang in die Tiefe. Immer wieder. Er war elf Jahre alt, und das Bett im Lager Mechelen bei Antwerpen wurde in seiner Vorstellung zu einem stampfenden Zug, aus dem er sich mit einem weiten Satz retten musste.

Ein Sprung in die Freiheit, zu seinem Vater, den die Gestapo nicht geschnappt hatte, zu seinen Pfadfinderfreunden, zu seinem Hund Bobby. Das alles, sagte Simon Gronowski im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, habe für ihn damals auch ein wenig nach Abenteuer geklungen. Damals, im Frühjahr 1943, wusste er nichts von Todeszügen, Vernichtungslagern, Gaskammern. Er hatte nur Gerüchte gehört, dass noch nie jemand die Flucht aus Mechelen gelungen sei, wohl aber aus jenen Waggons, mit denen die Juden zu Tausenden Richtung Osten transportiert wurden. Die Züge machten Angst und Hoffnung zugleich.

Am 19. März 1943 wurde Simon Gronowski zusammen mit seiner Mutter in einen überfüllten Waggon des 20. Deportationszugs aus Belgien gezwängt. Das Ziel für die 1636 Juden: Auschwitz. Mitten in der Nacht hielt der Zug plötzlich an. Schreie, Schüsse. Drei Résistance-Kämpfer hatten mit einem nachgemachten Warnsignal den Transport gestoppt. Bewaffnet nur mit einem Revolver, griffen sie den Zug an und konnten tatsächlich 17 Juden befreien. In Simons Waggon begann derweil das Rätselraten. War das ein erster Fluchtversuch gewesen? Verängstigt und erschöpft schlief der Junge im Arm seiner Mutter ein. Dann geschah es:

Ich hörte noch, wie einige Männer, ermutigt durch den Vorfall, versuchten, die Waggontür aufzubrechen. Plötzlich weckte mich meine Mutter. Der Zug fuhr immer noch, aber die Tür stand nun offen. Meine Mutter führte mich zur Öffnung. Zwei oder drei sprangen vor mir. Erst habe ich mich nicht getraut, der Zug war zu schnell. Das waren auch die letzten Worte, die ich von meiner Mutter hörte, sie flüsterte mir auf Jiddisch ins Ohr: "Der Zug fährt zu schnell!" Dann wurde er plötzlich etwas langsamer. Und ich sprang.

Fliehen oder nicht? Prügeleien in den Waggons

Simon Gronowskis Flucht ist kein Einzelfall. Mehr als 70 Jahre nach dem Beginn der Deportation in die Vernichtungslager ist immer noch kaum etwas bekannt über jene Juden, die in letzter Minute den Gaskammern entkamen. Die Ausbrüche aus den Waggons, sagten Überlebende nach dem Krieg stolz, seien durchaus Teil des jüdischen Widerstands gewesen.

Die Historikerin Tanja von Fransecky hat die vergessenen Fluchtversuche in einer umfangreichen Studie erstmals systematisch dokumentiert. Am 21. März wird der Band mit dem Titel "Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden" im Metropol-Verlag erscheinen. Als Fransecky 2006 zufällig die Geschichte eines Überlebenden hörte, war sie selbst "ziemlich erstaunt, dass es so etwas überhaupt gab", sagt sie SPIEGEL ONLINE. "Bis dahin war mein Bild gewesen, dass die Waggons in den Deportationsbahnhöfen verrammelt und bei Ankunft wieder geöffnet wurden - und dazwischen nichts passierte."

Doch "dazwischen", so fand die Historikerin heraus, spielten sich lange verschwiegene Dramen ab. Verzweifelte versuchten stundenlang, mit in die Waggons geschmuggelten Werkzeugen Fensterluken aufzubrechen, Löcher in die Wände zu sägen oder Gitterstäbe zu verbiegen. Nicht selten wurden sie daran von anderen Juden gehindert, die eine Flucht für unverantwortlich hielten. Was würde mit den Alten und Kranken werden, die nicht springen konnten? Hatten die Deutschen nicht gedroht, alle zu erschießen, wenn bei der Ankunft auch nur einer fehlte? War es nicht besser, Zwangsarbeit zu verrichten, als das Leben aller zu riskieren? Die Fluchtwilligen entgegneten: Sie werden uns sowieso umbringen! Es ist unsere einzige Chance! Wir haben ein Recht auf Freiheit! Es kam zu Diskussionen, Handgreiflichkeiten, Panik. Manchmal schrien die Skeptiker laut los, um die Zugwachen zu alarmieren. Manchmal wurden sie überwältigt, geknebelt oder niedergeschlagen.

"Die Situation in den Waggons war nicht nur wegen der katastrophalen hygienischen Verhältnisse extrem entwürdigend", sagt Historikerin Fransecky. "Die Flucht stürzte viele in ein tiefes moralisches Dilemma, wenn sie etwa Angehörige zurückließen. Das dürfte ein Grund sein, warum viele Überlebende nach dem Krieg jahrzehntelang schwiegen." Vier Jahre lang hat die Berlinerin in Archiven in Israel, Frankreich, Belgien, Deutschland und den Niederlanden deshalb nach Spuren der Entflohenen gesucht. Sie hat Hunderte Dokumente durchforstet, Zeitzeugen aufgespürt, Interviews geführt und dabei viele berührende Lebensgeschichten erfahren.

Da gab es zum Beispiel diese Gruppe französischer Juden, die wochenlang einen 38,5 Meter langen Tunnel grub, um aus dem Sammellager Drancy zu entkommen. Nur anderthalb Meter vor der Freiheit wurden sie erwischt, dann gefoltert und deportiert. 14 von ihnen konnten dennoch fliehen - aus dem Zug. Verärgert notierte der deutsche Transportführer, dass die Tunnelgräber "bestimmt nicht entwichen" wären, wenn sie, "wie vor der Abfahrt besprochen", nackt in die Waggons "verladen" worden wären. Immer wieder kam es auch vor, dass Geflohene wieder gefangen wurden - und ein zweites Mal aus den Zügen sprangen.

Insgesamt fand Fransecky Belege für 764 Fluchten. Wie groß die Überlebensquote war, kann sie statistisch nicht herleiten, da sich viele Spuren in den Akten verlieren. Muster ließen sich dennoch finden: Viele Flüchtlinge waren ungebunden, mussten also keine Rücksichten auf Angehörige nehmen, und viele hatten schon zuvor im Widerstand gekämpft. Oft gelang es ihnen, Sägen, Feilen und Messer aus den Werkstätten der Sammellager in die Waggons zu schmuggeln. Meldelisten wurden manipuliert, damit Fluchtwillige im selben Waggon saßen. Manchmal waren sogar die Lokführer eingeweiht, die unauffällig die Geschwindigkeit drosselten.

"Da sehe ich, dass es der Junge nicht geschafft hat"

Doch selbst bei besten Bedingungen, etwa wenn der Zug bergauf fuhr und sich in einer Kurve befand, waren die Transporte noch etwa 50 Stundenkilometer schnell - und ein Sprung lebensgefährlich. Willy Berler wollte es am 19. April 1943 dennoch versuchen:

"Aufgeregt sehe ich den Kameraden, der vor mir an der Reihe ist, durch die Luke verschwinden, dann ziehe ich mich hoch. Da sehe ich, dass der Junge, der vor mir gesprungen ist, es nicht geschafft hat. Es ist ein entsetzliches Bild. Der Junge ist am Waggon hängengeblieben, und sein Kopf ist zwischen zwei Stoßdämpfern wie eine Melone zerquetscht worden. Es schwindelt mir vor Augen, ich will mein Leben nicht riskieren - und lasse mich in den Waggon zurückfallen. […] Hätte ich nur die geringste Ahnung gehabt, was mich im Lager [Auschwitz, d. Red.] erwartete, hätte ich trotz meiner Todesangst den Sprung gewagt."

Dem elfjährigen Simon Gronowski gelang dagegen der Sprung aus demselben Zug. Er rollte sich unverletzt den Bahndamm hinunter. Doch die Wachen hatten etwas bemerkt.

"Der Zug hielt an, die Wachen brüllten und schossen in unsere Richtung. Meine Mutter konnte jetzt nicht mehr springen. Mein erster Gedanke war, zurück zu ihr zu rennen. Doch dann, in einem unbewussten Reflex, wandte ich mich nach links und rannte, so schnell ich konnte, davon. Ich lief und lief, in die Wälder, die ganze Nacht."

Auf Flüchtende "sofort schießen"

Er hatte Glück und landete in einem Dorf bei der Familie eines belgischen Polizisten, der ihn versteckte, ihm unauffällige Kleider gab und die Zugfahrt nach Brüssel bezahlte. Dort fand er seinen Vater wieder.

Insgesamt 215 Deportierte hatten wie Simon die Flucht aus dem 20. Deportationszug geschafft. Doch je mehr Juden flohen, desto drakonischer wurden die Gegenmaßnahmen. Die ersten Transporte aus Belgien hatten noch aus Personenwaggons mit großen Fenstern bestanden. Danach stieg die NS-Verwaltung auf Güter- und Viehwaggons mit kleinen, von außen vernagelten Luken um. Bewacht wurden die Transporte von Kommandos der Schutzpolizei, verstärkt mitunter von SS-Wachmännern. Es gab strikte Anweisungen, bei jedem Halt auf frische Beschädigungen wie "lose oder entfernte Bretter" zu achten. Bei Fluchtversuchen gelte es, "ohne Anruf sofort zu schießen".

Wie sehr solche Befehle verinnerlicht waren, zeigt das Beispiel des Bottroper Schutzpolizisten Walter Kantim: Er stoppte im März 1943 einen Deportationszug per Notbremse, sprang aus dem Zug, borgte sich von einer Passantin ein Fahrrad, verfolgte damit einen französischen Flüchtling - und erschoss ihn an der Marne. In einem Bericht lobte sein Vorgesetzter ausdrücklich die "Geistesgegenwärtigkeit" des Todesschützen, der nach dem Krieg unbehelligt Beamter auf Lebenszeit wurde. Auch kein anderer Zugwächter wurde in Deutschland je strafrechtlich belangt; juristisch galten sie lediglich als weisungsgebundene Gehilfen.

Das lange Schweigen der Überlebenden

So wurde wenig bekannt über die oft gnadenlosen Bewacher. Aber auch viele der Geflohenen schwiegen nach dem Krieg. Manche, weil sie von anderen KZ-Überlebenden nicht als gleichwertig respektiert wurden - schließlich hatten sie den Horror in den Vernichtungslagern nicht erlebt. Andere aus Schuldgefühlen, weil sie geflohen waren. Die Belgierin Claire Prowizur etwa hatte ihren todkranken Vater im Waggon zurückgelassen. Erst Jahrzehnte später erfuhr sie zufällig, dass er noch einmal im Waggon das Bewusstsein erlangt hatte - und überglücklich war, dass seine Tochter geflohen war.

Auch Simon Gronowski schwieg fast sechs Jahrzehnte. Seine Mutter und Schwester wurden in Auschwitz ermordet, sein Vater zerbrach daran und starb kurz nach dem Krieg. Gronowski wollte nach vorne blicken, wurde Anwalt, spielte Klavier, begeisterte sich für Jazz und redete kaum über den Krieg.

Doch die Vergangenheit ließ ihn nicht los. Er musste an den belgischen Polizisten denken, der ihm damals womöglich das Leben rettete. Fühlte sich verpflichtet, gegen den immer noch grassierenden Antisemitismus vorzugehen. Also begann er 2002, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und Vorträge zu halten.

Sechs Wunder

"Mein Leben besteht nur aus Wundern", sagt der 82-Jährige mit kraftvoller Stimme. Der Sprung aus dem Todeszug. Der Krebs, den er besiegte. Die lebenslange Freundschaft zu dem Sohn eines flämischen Nazis. Das späte Treffen mit einem Wachmann, der ihn einst mit vorgehaltener Waffe zum Zug geführt hatte: Die beiden alten Männer trafen sich, der Wachmann bat aufrichtig um Verzeihung, dann fielen sich beide weinend in die Arme.

Kürzlich berichtete das "Wall Street Journal" über den Belgier. Gronowski erzählte darin auch von seinem Traum, einmal sein Vorbild Woody Allen zu treffen. Der ist, wie er, ein begeisterter Jazzmusiker. Der weltberühmte Regisseur las den Artikel, war gerührt - und lud den Belgier nach New York ein.

Am 10. März haben die beiden gemeinsam Jazz gespielt. In Simon Gronowskis Zählweise ist das bereits das fünfte Wunder, seit er jenen Sprung wagte, den er als Elfjähriger so akribisch geübt hatte.
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