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Erster Eindruck: Liebesränke in adeliger Gesellschaft

Um die von einer Krise gerüttelten Ehe ihrer Schwägerin Dolly zu retten, reist die adelige Anna Karenina aus ihrer Heimat nach Moskau. Sie erteilt ihr nicht nur den Rat, nach dem Seitensprung ihres Gatten ihre Liebe noch eine zweite Chance zu geben, sondern begleitet auch ihre Schwester auf einen Ball. Dort begegnen sie Graf Wronskij, für den Kitty eine tiefe Liebe empfindet. Doch Anna und der Graf fühlen sich sofort zueinander hingezogen – und das, obwohl Anna ebenfalls verheiratet ist…

Mit Anna Karenina hat Lew Tolstoi einen der bekanntesten Romane geschrieben, hoch geschätzt von Lesern wie Kritikern. Der Audio Verlag hat nun eine komplette Lesung mit Ulrich Noethen produziert, die sage und schreibe etwa 37 Stunden dauert. Jede Menge Zeit also, aber diese sollte man sich auch nehmen. Den Tolstoi beschreibt mit so treffenden, einprägsamen Worten die verschiedenen Liebschaften, die Emotionen der Protagonisten, dass sich diese völlig auf den Hörer übertragen. Dabei schafft er es auch, hochkomplexe Beziehungsstrukturen zu vermitteln und begreifbar zu machen. Dazu muss er keine hochtrabenden Wörter oder Satzstrukturen nutzen, sondern schreibt schlicht und gut verständlich – eine so intensive Nutzung von Sprache erlebt man in kaum einem anderen Roman. Zentrales Thema ist dabei die Liebe, drei Ehepaare werden auf ihrem Weg begleitet, fügen sich gegenseitig nie wieder heilende Wunden zu und vergehen in ihrer selbstzerstörerischen Leidenschaft. Immer wieder spielt auch der Ehebruch eine wichtige Rolle, zieht sich als wichtiges Element duch die gesamte Handlung. Es wird gezeigt, wie verletzlich man in einer Beziehung ist, wie sehr sich die Liebe im Laufe der Zeit verändern kann, und all dies in einer so treffenden Weise, dass wohl jeder sich in die eine oder andere Person hineinversetzen kann. Das Wechseln zwischen den drei Paaren erlaubt dabei ganz unterschiedliche Betrachtungsweisen, die lange Zeit von mehreren Jahren einen wesentlich tieferen Blick in die Materie. Die Ansiedlung in adeligen Kreisen Russlands bringt noch andere, sehr interessante Komponenten mit ein. So muss sich Anna Karenina zwischen ihrem sicheren und angesehenen Leben und der leidenschaftlichen Liebe zu ihrem Verehrer entscheiden. Gerade ihr Schicksal ist es, das bewegt, ihr dramatisches Ende hinterlässt den Hörer gleichsam erschüttert wie wachgerüttelt. Ein Roman von unglaublicher Güte, sehr eindringlich, treffend und emotional beschrieben.

Für die Lesung wurde der hoch angesehene Schauspieler Ulrich Noethen ausgewählt. Etwas ungewöhnlich für den Roman, in dem die weiblichen Protagonisten immer etwas mehr im Vordergrund stehen, eine männliche Stimme auszuwählen, doch er kann dies ganz wunderbar meistern. Er spielt mit den Worten Tolstois, kostet sie aus und geht in dessen Formulierungen völlig auf. Mit klarer, fester Stimme schildert er die Handlung, geht genau auf die kleinsten Gefühlsregungen ein und kann dabei mit der intensiven Schilderung Tolstois mithalten.

Sehr edel und hochwertig ist die Gestaltung der Verpackung, die wirklich sehr durchdacht wirkt. Die stabile und hübsch gestaltete Pappbox enthält gleich vier mehrfach ausklappbare Digipacks, in denen die 29 CDs hinter Papplaschen Platz finden. Diese enthalten Zitate aus dem Werk, auch Fotos aus der bekannten Verfilmung sind hier zu finden. Als Bonus ist die komplette Lesung noch einmal als MP3-Version auf DVD beigefügt. Zudem liegt ein umfangreiches Booklet bei, das weitere Fotos sowie diverse Informationstexte rund um die Produktion enthält.

Fazit: Völlig zu Recht gilt Anna Karinina als einer der bedeutendsten Werke moderner Literatur. Die so eindringliche und erfassbare Schilderung komplexer Gefühle, wie unerschütterliche Liebe, kaum zu bremsender Leidenschaft, Scham, Lust oder auch aufkommendem Wahnsinn, ist wohl einzigartig und kann den Hörer mitreißen. In dieser hervorragenden Lesung eines der besten Hörbücher, das ich in letzter Zeit gehört habe.
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am 27. Juni 2012
Anna Karenina ist auf Anhieb nicht dazu angetan, den heutigen Leser zu verführen: 1200 Seiten Familiendrama im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts? Wirklich?

Unbedingt. Dieses Werk kann nicht enttäuschen, heute nicht und nicht in 500 Jahren, ob es in Oldenburg oder Abu Dhabi gelesen wird. Die adelige Gesellschaft im Russland einer vergangenen Epoche bildet den nur den Rahmen für eine einzigartige, präzise und zutiefst beeindruckende Studie der menschlichen Psyche. Hier geht es um uns, unsere Antriebe, Begierden, Widersprüche, Ängste, unser ganzes inneres Dasein. Dieses Buch geht alle an, zu jeder Zeit.

Schon auf den ersten Seiten entwickelt Tolstois Prosa ihren unwiderstehlichen Sog: Ein ertappter Ehebrecher - Oblonski - erwacht auf dem Sofa und erinnert sich, während er langsam zu sich kommt, mit zunehmendem Grausen an die zurückliegende Auseinandersetzung mit seiner betrogenen Frau - da liest man doch gerne erst einmal weiter! Sofort zeigt sich die große Kunst Tolstois, den Leser teilhaben zu lassen an der Gefühls- und Gedankenwelt seiner Figuren. Das vollzieht sich so selbstverständlich, so mühelos, dass man fast meint, selbst der zu sein, von dem da die Rede ist. Wenige Seiten später beschreibt Tolstoi die Begegnung Oblonskis mit seiner kleinen Tochter, die er scheinheilig fragt, ob die Mutter "vergnügt" sei: "Das kleine Mädchen wusste, dass es zwischen Vater und Mutter Streit gegeben hatte und dass die Mutter nicht vergnügt sein konnte, dass der Vater das wissen musste und dass er sich verstellte, wenn er so leichthin danach fragte. Und sie errötete für ihren Vater. Er verstand das sofort und wurde ebenfalls rot." Es ist atemberaubend, mit welch scheinbar nonchalanter Präzision Tolstoi komplexe psychologische Vorgänge beschreibt. "Anna Karenina" ist prall gefüllt mit solchen beglückenden, meisterhaften Darstellungen innerer Abläufe. Und weil der Autor, wie bei aller großen Literatur, nicht viele Worte benötigt für seine Schilderungen (trotz der 1200 Seiten!), liest sich das alles ganz leicht, in Echtzeit geradezu. Man könnte viele Szenen herausgreifen und darüber in Verzückung geraten: sei es die seitenlange Schilderung eines dramatisch missglückten Pferderennens Wronskijs, oder die Beschreibung, wie Lewin beim Grasmähen mit den Bauern in einen Glückszustand gerät, den man neuzeitlich als "Flow" bezeichnen würde, oder die Jagd-Szenen, in deren packender Schilderung sich die Faszination dieser Freizeitbeschäftigung auch dem Skeptiker erschließt (aber keine Sorge: Dass man nun selbst mit dem SUV in die Sümpfe fahren und ein paar Schnepfen vom Himmel ballern möchte, soweit reicht die Erzählkunst dann doch nicht). Und natürlich stellen auch die großen Randpunkte unserer Existenz den Meister vor keine Probleme: Tod und Geburt werden so eindringlich, unverfälscht und gekonnt beschrieben, dass man beschämt verstummen und nie mehr von derlei sprechen oder darüber lesen möchte - hat Tolstoi alles schon besser gesagt. Der dramatische Höhepunkt des Romans schließlich, Anna Kareninas langes, verzweifeltes Umherirren vor ihrem Selbstmord und der letzte Akt auf dem Bahnhof, bricht einem das Herz. Es ist schon fast unheimlich, wie uns Tolstoi zum Begleiter dieser schönen, traurigen Figur macht, wie nah wir ihr kommen, bis zur ihrer letzten Sekunde und ihrem letzten verzweifelten Gedanken.

Ein großes, großartiges Buch. Man sollte es lesen!
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TOP 500 REZENSENTam 8. November 2010
Anna Arkadjewna Karenina kommt von Petersburg nach Moskau, um im Ehestreit ihres Bruders Stepan Oblonski (Stiwa) zu vermitteln. Kitty, Stiwas Schwägerin, ist in den Grafen Wonski verliebt und hat in Erwartung seines Antrages den Heiratsantrag des Gutsbesitzers Konstantin Lewin abgelehnt. Auf einem Ball trifft Anna Wronski wieder, er hat nur noch Augen für die verheiratete Anna und die junge Kitty versinkt in ihrem Unglück. Anna, nur nach außen hin glücklich scheinend, mit dem hohen Staatsbeamten Alexej Karenin verheiratet, stürzt sich in eine Affäre mit dem jungen Offizier. Diese Liaison bleibt nicht ohne Folgen, Anna bringt ein Mädchen zur Welt. Mit ihrem Ehemann kann sie nicht weiter zusammenleben, sie verlässt ihn und den gemeinsamen Sohn, lässt alle Konventionen hinter sich und ist bereit den Preis zu zahlen. Für die Gesellschaft ist sie damit untragbar geworden. Gesellschaftlich fallen gelassen, moralisch verurteilt und isoliert lebend, den Sohn vermissend und die Tochter nicht liebend, wartet sie auf die Einwilligung des Ehemannes in die Scheidung. Doch er versagt ihr diese. Auch in der Beziehung zu Wronski ist große anfängliche Verliebtheit gewichen, Eifersucht, Unverständnis, Wut haben im Alltag Einzug gehalten. Man spürt ihre innere Zerrissenheit. Für Anna erscheint die Situation ausweglos.

Kitty hat nach einem längeren Kuraufenthalt in Deutschland erkannt, dass ihr Herz doch für Lewin schlägt. Beide heiraten und schon bald wird der Sohn geboren. Er ist zwar glücklich, die Frau, die er aufrichtig liebt, geheiratet zu haben, zufrieden ist aber auch er nicht. Er strebt nach Veränderungen im Landleben und arbeitet an einem Buch über seine sehr fortschrittlichen Visionen zur Modernisierung Landwirtschaft.

Stiwa und Dolly Oblonski stellen das Bindeglied zwischen diesen zwei Handlungssträngen dar. Beide haben sich arrangiert, der Ehebruch Stiwas, der zu Beginn des Romans die Ehe fast hat zerbrechen lassen, ist kein Thema mehr. Beide leben mehr oder weniger ihr eigenes Leben, geprägt durch ständige Geldprobleme, denn Stiwa ist noch immer der Lebemann, inzwischen nur diskreter.

"Anna Karenina" ist für mich ein Meisterwerk, das Buch der Bücher, schon x-mal gelesen ist mir dafür kein Superlativ zu platt. Tolstoi ist ein begnadeter Beobachter und meisterhafter Erzähler. Er schafft es Szenen so mit Worten zu illustrieren, dass sie einem wie ein Film vor Augen ablaufen, genannt seien dafür stellvertretend das Pferderennen, Lewins Jagd im Schnepfensumpf und Dollys Besuch bei Anna. Seine Protagonisten sind alle lebensechte Menschen, sie haben Stärken und Schwächen. Kein einziger ist nur gut oder nur schlecht. Dabei beschreibt er die Charaktere ausgefeilt, facettenreich und psychologisch fundiert, so dass der Leser bei ihnen mühelos eine Entwicklung verfolgen kann. Lew Tolstoi breitet in diesem Mammutwerk verschiedene Lebensphilosophen und Lebensstile aus. Setzt sich mit der Familie und dem Sinn des Lebens an sich auseinander und baut darum die Geschichte um die drei adligen Familien auf.

Der Roman hat mehrere Handlungsstränge, zwischen denen wechselt Tolstoi immer wieder in seiner Erzählung, so dass das Schicksal seiner Hauptpersonen auch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Aber er arbeitet auch deutlich das Verbindende und Trennende zwischen den einzelnen Familien heraus, so dass wirklich der Eindruck entsteht, man kenne alle Protagonisten schon seit Jahr und Tag. Die Beschreibungen von Personen und Szenarien sind meist sehr umfangreich, bildhaft und detailliert. Aber beim Lesen der fast 1.300 Seiten kam nie Langeweile oder Ermüdung auf. Ich habe immer den Drang verspürt, mehr zu erfahren und weiter am Leben der Familien teilzunehmen. So wird dann letzten Endes deutlich, dass die glücklichen Familien einfach nur glücklich sind, sich die unglücklichen Familien jedoch in ihrem Unglück von einander unterscheiden.

Immer wieder werden "Effi Briest", "Madame Bovary" und "Anna Karenina", die großen Ehebrecherinnen in der Literatur, miteinander verglichen. Für mich ist Tolstois Werk auf Grund seiner Erzählkunst und seines Einfühlungsvermögens in die Charaktere der herausragende Roman. Etwas besseres und ausgereifteres habe ich in der Literatur noch nicht gefunden.
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am 15. Oktober 2014
Der Roman ist einer der größten Romane der Weltliteratur, da bedarf es keiner weiteren Worte. Aber in Rosemarie Tietzes Übersetzung beginnt dieser Roman zu funkeln und zu blitzen, ein einzigartiges Lesevergnügen. Man mag immer nur weiterlesen!
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am 19. Juni 2010
Diese Rezension bezieht sich auf die Übersetzung von Rosemarie Tietze, erschienen im Hanser-Verlag.

Zum Umfang:

Ich kann mich der Begeisterung, die diesem Buch und dieser Übersetzung überall zugesprochen wird, nur anschließen. Trotz eines Umfangs von 1227 Seiten ist der Roman sehr gut zu erfassen, er liest sich sehr fließend - einmal mit dem Lesen angefangen, will man nicht mehr aufhören. Tolstois Sprache erzeugt gewissermaßen einen Sog. Der Roman besteht aus acht großen Teilen, die jeweils in kleine Unterkapitel unterteilt sind. Diese Unterteilungen machen es einfach, den Roman ohne große Anstrengungen zu erfassen.

Namen:

Wegen der vielen Namen muss man sich ebenfalls keine Sorgen machen: Die Namen werden stets mit einer charakteristischen Beschreibung der Person eingeführt, so dass sie sich einem während des Lesens ohne Anstrengung einprägen, außerdem ist eine kleine Liste mit den wichtigsten Personen der Hanser-Ausgabe beigelegt.

Psychologische Beschreibungen:

Tolstoi wird oft wegen seiner psychologischen Beschreibungen gelobt. Meiner Meinung nach, ist dieses Lob aber etwas missverständlich: Ich denke nicht, dass man zu tieferen psychologischen Einsichten durch Tolstoi gebracht. Die psychologischen Beschreibungen - oft in kleinen brillanten, pointierten Nebenbemerkungen formuliert - haben für mich als Leser den positiven Effekt, dass ich mich in die Charaktere wunderbar hinein fühlen kann bzw. mich mit manchen identifizieren kann. Außerdem ist man jedes Mal entzückt, wie pointiert Tolstoi bestimmte Gefühle und seelische Regungen formuliert. Es macht einfach Spaß, in diesen Roman einzutauchen und diese Welt und Menschen kennenzulernen.

Humor:

Gelegentlich höre ich, dass Tolstois Werke mangelnden Humor hätten. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Es gibt sehr viele ironische und witzige Stellen. Es ist ein sehr feiner Humor, der sich oft in Form von Ironie an den Stellen zeigt, an denen sich die Personen mit ihren Ansichten zu wichtig nehmen.

Zeitgeschichtliches:

Ein wenig Bedenken hatte ich vor dem Lesen, ob ein Roman, der in den Jahren 1873-1878 in Russland spielt, noch in Beziehung zu unserer Zeit gesetzt werden kann. Dazu Zweierlei: Was die zwischenmenschlichen Probleme - die Liebe ! - anbelangt, wird der Roman wohl bis in alle Zeiten wichtig bleiben. Und was die konkreten Zeitumstände betrifft, so ist es sehr interessant, etwas über diese Welt zu erfahren (dabei helfen auch die sehr guten Anmerkungen in der Hanser-Ausgabe): Und auch hier werden viele Themen angesprochen, die bis heute die Debatten prägen.

Zur Hanser-Ausgabe:

Die Hanser-Ausgabe ist zwar gut gebunden, allerdings sind die Seiten - wie schon an anderer Stelle bemängelt - wirklich sehr, sehr dünn, so dass man dieses Buch etwas sorgfältig behandeln muss. Bei knapp 1300 Seiten Gesamtumfang ist das noch vertretbar, zumal das Buch dann nicht allzu dick ist. Ich befürchte allerdings, dass die 2500seitige "Krieg und Frieden"-Ausgabe, die im September erscheinen wird, ebensolche dünnen Seiten haben wird.
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am 2. Dezember 2012
Ausgabe: Hanser Verlag 2009, übersetzt von Rosemarie Tietze

Ein umfangreiches Buch, ja. Aber beim Lesen befindet man sich stets in einem lebendigen, realistischen, kleinräumigen Umfeld. Man erlebt direkt mit, was sich gerade in einem Salon, in einem Wald oder in der Seele eines Menschen abspielt. Und nach und nach kommt die Einsicht auf: Tolstoi ist eigentlich gar nicht so sehr der klassische solide Wert des 19. Jahrhunderts, als den man ihn sich meist denkt.

Vor allem im siebten Teil verwendet Tolstoi eine Erzähltechnik, den so genannten Bewusstseinsstrom, den man eigentlich einer viel späteren Literatur-Epoche zuordnet, mit Autoren wie James Joyce oder Arno Schmidt in Verbindung bringt. Anna fährt in einer Kutsche, und vor uns zieht der aufgeregte und ungeordnete Strom ihrer Empfindungen, Gedankenfetzen und äusseren Wahrnehmungen vorbei: "Gibt es keinen Konfekt, dann schmutziges Eis. Kitty ganz genauso: wenn nicht Wronski, dann Lewin. Und sie beneidet mich. Und hasst mich. Und wir alle hassen einander. Ich Kitty, Kitty mich. Ja, das ist wahr. Pusselkin, coiffeur. Je me fais coiffer par Pusselkin... Das sage ich ihm, wenn er zurückkehrt."

Einzige Kritik an dieser Ausgabe: Die Anmerkungen erläutern vor allem die sozialen und politischen Hintergründe dieses von 1873 bis 1878 entstandenen Romans. Doch im Text kommen viele fremde Ausdrücke oder Bezeichnungen vor, die nirgends erklärt sind. Wenn am Schluss jemand aufgeregt zum Kolok rennt, wüsste man gerne, was das ist.

Nicht zu vermeiden ist natürlich, dass man als deutschsprachiger Leser dauernd über diese russischen Namen stolpert. Eine uns lieb gewordene junge Frau, die Tochter von Fürst Schtscherbazki, heisst schlicht Jekaterina Alexandrowna Schtscherbazkaja, der Einfachkeit halber auch Katerina, Kitty oder Katja genannt (meistens jedoch Kitty).

Schön ist am Ende des Romans die innere Umstellung des Gutsbesitzers Lewin: Früher hatte er sich Gedanken darüber gemacht, was gut und richtig sei, doch die Handlungen, die daraus erfolgten, überzeugten nicht. Am Schluss macht er sich nicht mehr so viele Gedanken, oder er legt nicht mehr so grossen Wert darauf, doch was er tut, erfolgt aus einem sicheren inneren Impuls und bringt Resultate. Das Buch endet mit seiner Aussage:

"Noch genau so werde ich mich über den Kutscher Iwan ärgern, genauso werde ich streiten, werde meine Gedanken unpassend äussern. - Aber mein Leben, mein ganzes Leben, ist nun in jedem seiner Augenblicke unabhängig von allem, was mir zustossen kann. - Es ist keineswegs mehr sinnlos, wie es früher war, vielmehr hat es einen unanweifelbaren Sinn: das Gute, das hinein zu bringen in meiner Macht steht!"
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am 30. März 2010
"Anna Karenina" habe ich vor 20 Jahren erstmals gelesen und war damals schon schwer angetan von Tolstoi. Ehrensache, daß ich mir die Neuübersetzung von Tietze zugelegt habe. Das Buch liegt erst seit einem Tag hier und daher habe ich nur hier und dort ein wenig reingeschmökert. Was ich dabei aber gelesen habe, hat mich schon schwer begeistert. Aber! Hier kommt der Wermutstropfen: Die Hanser-Ausgabe ist mit knapp 40 Euro alles andere als ein Preisknüller und das dafür Gebotene eine herbe Enttäuschung. Ein Dünndruck, so hauchzart, daß man fast Angst hat, das Buch beim Umblättern zu beschädigen und das Schlimmste: der Druck der Rückseite schimmert durch das fadenscheinige Papierchen hindurch, was mich beim Lesen erheblich stört. Der Einband fühlt sich eher nach Softcover als nach einer gebundenen Ausgabe an und das Ganze kommt im Taschenbuch-Format daher. Das ist keine würdige Aufmachung für die neue "Anna Karenina". Nachsitzen, Hanser! Und nicht so unverschämte Preise für taschenbuchoide Ausgaben verlangen!
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am 21. November 2014
Die Handlung dieses 1227 Seiten umfassenden Wälzers findet in Russland des 19. Jahrhunderts
statt. Gesellschaftliches Ansehen, Konventionen, Liebe, Betrug, Familie, Ehe und der Sinn des
Lebens sind die Hauptthemen, die dieser Roman behandelt.

Genauer geht es, wie der Titel schon sagt, unter anderem auch um Anna Karenina. Eine
faszinierende Frau mit Ausstrahlung, die bewundert und geachtet wird, eine Dame von Welt.
Ihr Ansehen muss sie aber schon sehr bald einbüßen, denn als verheiratete Frau verliebt sie sich
in den Grafen Alexej Wronski, und das wird von der Gesellschaft natürlich nicht gebilligt. Nun
hat Anna Karenina ein erschwertes Leben, geplagt wird sie von Sorgen, Ängsten und ihrer
teilweise unbegründeten Eifersucht.

Für mich als Leserin war es erfreulicherweise total spannend Anna Kareninas Entwicklung
mitzuverfolgen, die sowohl von Hochs, glücklichen Momenten, aber von ebenso vielen Tiefs
geprägt war. Hochinteressant fand ich auch Vergleiche von damals und heute, das
gesellschaftliche und persönliche Denken betreffend, zu ziehen. Denn die Unterschiede waren
größtenteils gar nicht so klein, wie gedacht.

Neben Anna Karenina gab es klarerweise noch ein paar andere Charaktere, die ich liebgewonnen
habe, und die diesen Roman ebenfalls zu einem Genuss gemacht haben. Ganz besonders
erwähnen möchte ich hier Lewin und Kitty, ein wirklich herzerwärmendes Paar, von dem ich so
gerne gelesen habe.

Nicht ganz so gut gefallen haben mir ein paar wenige Kapitel, in denen viel über Politik, Wahlen,
Gesellschaft und Landwirtschaft die Rede war. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich
Langeweile empfunden habe und phasenweise auch abgeschweift bin.

Ansonsten bin ich restlos begeistert von diesem großen Stück Weltliteratur. Für mich hat es sich
gelohnt. Das Buch war gute Unterhaltung, aber auch lehrreich, deswegen möchte ich es hiermit
uneingeschränkt weiterempfehlen.
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am 12. Februar 2010
Ich hatte mir das Buch, zu dem es meines Wissens in der Tietze-Übersetzung derzeit auch keine Alternative gibt, etwas stattlicher vorsgestellt. "Klassischer". Als einen dicken, fetten Schmöker.

Tatsächlich erinnert das Format (vgl. auch die Angaben in der Produktbeschreibung) eher an ein Taschenbuch und wirkt damit auf den ersten Blick etwas unscheinbar und alles andere als bibliophil.

Die Buchdeckel sind von weicher Konsistenz, mit Leinen überzogen. Dazu ein Schutzumschlag. Ebenso gehört ein Lesebändchen zur Ausstattung. Durch das dünne Papier ist diese gebundene Ausgabe nur halb so dick wie z. B. die (aufgrund einer anderen Übersetzung allerdings nicht direkt vergleichbaren) Ausgabe des Patmos-Verlages.

"Handschmeichler"-Ausgaben, so klärte mich mein örtlicher Buchhändler über diesen offensichtlich gerade zunehmenden Trend auf.

Tatsächlich lädt das Format auch zum Zugreifen, Mitnehmen und "Hinlümmeln" ein. Es spricht also nichts dagegen. Ich bin sogar sicher, dass ich den Mobilitätsvorteil beim stundenlangen Lesen zu schätzen lernen werde.

"Handschmeichler" also als Verknüpfung der Vorteile handlicher Taschenbuch- und schön aufgemachter (aber bei zunehmendem Umfang vglw. sperriger und auch schwerer) gebundener Ausgaben?

Einziger Minuspunkt:

Zufällig habe ich Dostojewkijs "Verbrechen und Strafe" (Fischer Verlag, ebenfalls aktuellste Übersetzung, hier von Swetlana Geier) vorliegen. Ebenfalls Dünndruck, vergleichbares Format, allerdings reines Taschenbuch in attraktiver Aufmachung mit gestochen scharfem Druck. Kostet derzeit ca. 1/3 der Tolstoi-Ausgabe. Anders ausgedrückt: Bei Hanser Faktor 3 für Softcover und Bindung? DAS finde ich allerdings nicht so schmeichelhaft.

Fazit: Bis auf den Preis ein schöner Kompromiss zwischen klassischer Bindung und Taschenbuch. Weniger zum Angucken, mit klarem Schwerpunkt auf den Lesegenuss.
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am 17. September 2014
Anna Karenina, die eine Ehe mit einem gut gestellten älteren Beamten führt, trifft auf einen jungen Offizier, Wronski, der ihr ein Leben zu eröffnen imstande ist, was sie unbewusst lange bei ihrem Ehemann vermisst hat. Aus dieser Konstellation heraus beleuchtet Tolstoi die damalige Gesellschaft, ihre Intoleranz, ihr enges Etikettenkorsett und die Ungleichbehandlung, denn der junge Offizier hat all diese Probleme nicht. Aber anders als die unverständige Verfilmung neueren Datum bleibt Tolstoi hier nicht stehen.

Dem Modell Anna Karenina - Wronski stellt Tolstoi sein Modell gegenüber, dass Modell Lewin - Kitty. Beide Konstellationen werden beleuchtet, miteinander konfrontiert und ihrem Finale zugeführt, wobei der jeweilige Ausgang des Modells auch eine tiefgehende Aussage Tolstois über seine Vorstellung der Ordnung und der Freiheit in einer Beziehung enthält. Dieser Abgleich der Beziehungen und seiner Komponenten zeigt auch auf, welche Freiheit und welche innere Stärke Tolstoi für die wahre hält.

Damit ist Anna nicht nur ein Symbol für selbst genommene Freiheit und Rebellion gegen gesellschaftliche Ungleichgewichte und gesellschaftlich auferlege Verzichte, sondern der Betrachtungs- und Untersuchungsgegenstand in Tolstois Sittengemälde des damaligen Russlands. Aber es liest sich selbstverständlich nicht als Analyse, sondern als spannender Roman. Den die Spannung der Konstellationen wächst und belastet die Protagonisten immer mehr. Sprünge werden sichtbar, und nicht jeder Kampf führt zum Sieg.

Dieses Werk hat etwas unbeschreibliches, etwas fesselndes. Tolstoi lässt die Figuren dramatisch, aber sehr realistisch, in existenzielle Situationen treten, miteinander oder gegeneinander, wobei die Gesamtdynamik des Werkes nie absinkt, das Sichzuspitzen der gespannten Situation nimmt ungebremst seinen Lauf. Der Sprung in der Vase, den der Ehebruch verursacht hat, zieht sich über den Roman und verändert permanent das Bild, gibt auch in starker Dynamik Richtung und Spannungsgeflecht vor. Unbeschreiblich, was Tolstoi zu Papier gebracht hat.
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