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38 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Derb und poetisch
In seinem Roman Mittelreich erzählt Joseph Bierbichler die Geschichte einer bayerischen Seewirtsfamilie über drei Generationen und beinahe einhundert Jahre deutsche Geschichte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert errichtet der alte Seewirt einen neuen Anlegesteg und setzt auf das ohnehin schon reichlich protzige Haus ein weiteres Stockwerk. Die idyllische Lage lockt...
Veröffentlicht am 5. Januar 2012 von Martina Sprenger

versus
48 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mittelgut
Ja, dieser Roman ist wuchtig, nicht nur von seiner Stämmigkeit, mit der er in der Hand liegt. Er wirkt wortgewaltig, Sprachverliebt, in seiner Mischung aus bayerischer Derbheit und poetischer Schilderung auch richtig neu. Was kraftvoll beginnt, lässt auch kaum nach, der Autor kann diesen mitunter anmaßend pathetischen Ton halten, und doch, leider muss ich...
Veröffentlicht am 28. Oktober 2011 von Bluesbrother


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38 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Derb und poetisch, 5. Januar 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Mittelreich: Roman (Gebundene Ausgabe)
In seinem Roman Mittelreich erzählt Joseph Bierbichler die Geschichte einer bayerischen Seewirtsfamilie über drei Generationen und beinahe einhundert Jahre deutsche Geschichte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert errichtet der alte Seewirt einen neuen Anlegesteg und setzt auf das ohnehin schon reichlich protzige Haus ein weiteres Stockwerk. Die idyllische Lage lockt die Ausflügler in Scharen an den See. Mit den Gästen kommt gesellschaftlicher Weitblick und ein gewisser Wohlstand. Man gehört nun nicht mehr zu den armen Leuten, ist aber auch nicht richtig reich: mittelreich eben.

Doch dem ältesten Sohn und Erben Toni zerstört im ersten Weltkrieg eine Gewehrkugel nicht nur den Stahlhelm, sondern auch Teile seines Gehirns.
Nach Jahren, in denen die geistige Zerrüttung Tonis immer weiter voranschreitet,
bringt der alte Seewirt seinen ältesten Sohn in einer Anstalt für Geisteskranke unter und stellt seinen zweiten Sohn Pankraz, der den zweiten Weltkrieg mit einem Granatsplitter im Bein überlebt hat, vor die Wahl. Entweder übernimmt der Jüngere die Seewirtschaft mit allen Konsequenzen oder er lehnt sein Erbe ab und wird vom Vater keine weitere finanzielle Unterstützung erhalten.

Pankraz, ein sanfter und grüblerischer junger Mann, der von einer Zukunft als Opernsänger träumt, entscheidet sich für die materielle Sicherheit und gibt seine Gesangsstunden auf. Er heiratet die Bauerntochter Theresa, mit der er einen Sohn und zwei Töchter zeugt und baut die Seewirtschaft weiter zur Touristenattraktion aus. Doch seine Frau leidet unter ihren beiden bigotten Schwägerinnen, die unverheiratet als Jungfrauen im Elternhaus wohnen bleiben, und darunter, dass ihr schwacher Mann sie und ihre Kinder nicht gegen seine Schwestern verteidigt. Erst ein Jahrhundertsturm, der das Dach des Seewirtshauses aus einer Verankerung reißt, holt den Pankraz aus seiner Lethargie und macht einen brauchbaren Familienvater und Unternehmer aus ihm.

Seinen ältesten Sohn Semi schickt Pankraz in ein katholisches Internat, damit dieser neben der Erziehung zur Frömmigkeit auch eine gute schulische Bildung erhält. Semi wird von einem der Mönche missbraucht und fleht den Vater an, ihm die katholische Erziehung zu ersparen. Aber Pankraz und Therese weigern sich, das Unfassbare zu glauben und schicken den Jungen nach den Ferien wieder ins Internat. Semi kehrt als zerbrochener Mensch nach Hause zurück.

Im ersten Drittel ist der Roman Bierbichlers anstrengend zu lesen. Sowohl die dumpfen, oft abstoßenden bäuerlichen Charaktere als auch die derbe, manchmal brachiale Sprache und die vielen langatmigen Beschreibungen, in denen das Gesinde und die Nachbarn der Seewirtsfamilie eingeführt werden, machen es dem Leser nicht leicht, in die Erzählung hineinzufinden.

Doch wer nicht aufgibt, wird beinahe unmerklich in die Geschichte der Seewirtsfamilie hineingezogen. Vor allem der eher intellektuelle Pankraz, der seine künstlerischen Ambitionen aufgeben muss und seine Frau Therese, die von ihren Schwägerinnen unterdrückt und als Häuslerin verachtet wird, bieten genug Identifikationspotential, um sich auf die Erzählung einzulassen.

Bierbichler entfaltet vor dem staunenden Leser ein wüstes Panoptikum dumpfen bäuerlichen Lebens. Man folgt der Geschichte mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu und kann sich dem Sog, den die Erzählung nach und nach entwickelt, nicht mehr entziehen.

Fazit: Keine leichte Lesekost. Aber wer sich auf Bierbichlers verqueres, derbes und doch poetisches Kunstbaierisch einlässt, wird mit einem grandiosen Blick auf hundert Jahre deutsche Geschichte belohnt.
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48 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ....bierbichlers wuchtiger, echter heimatroman ....., 25. September 2011
Von 
J. Fromholzer "fromholzer" (bayern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Mittelreich: Roman (Gebundene Ausgabe)
Josef Bierbichler hat einen echten bayerischen Heimatroman geschrieben, ohne Sentimentalitäten, ohne Kitsch. Er schreibt so, wie er spricht, man hört ständig seine Stimme im Kopf beim Lesen (wenn man ihn öfters auf der Bühne gesehen und gehört hat).

Bierbichler packt die familiären Geschichten und großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in stimmungsvolle, lokale Bilder. Das Leben auf dem Land (unweit von München) wird auch von der Nähe der Hauptstadt "Minga" dominiert. Die reichen und neureichen Münchner ("Sommerfrischler") erobern sich den See, wo das Ganze spielt. Dass der Autor diese Leute nicht mag, hat er schon in seinem ersten Buch "Verfluchtes Fleisch" geschrieben. Ein besonderer Glücksfall ist das "Mittelreich-Hörbuch", das eine Gesamtlesung des Textes durch den Autor bietet; man kann es nach dem Lesen des (gedruckten) Buchs zusätzlich anhören und wird durch Bierbichlers Vortrag ganz neue Facetten entdecken. Obwohl Josef Bierbichler auf Bayern-2-Radio angekündigt hatte, sein Buch so zu lesen wie Heiner Müller gelesen hat, also einen Text "runterzuleiern" (Zitat), macht er dies nicht. Bierbichlers Vortrag ist souverän bayerisch, jedoch mit großer Distanz zu professionellen Hörbuchsprechern.

Bücher wie "Mittelreich" sind eine Seltenheit in unserer Gegenwart.

Ein Nachtrag (1): Momentaufnahmen von Bierbichlers Lesung in St. Pölten am Landestheater, 19.10.2011, die ich besucht habe. Das Publikum "windet" sich bei eingeschaltetem Saallicht, als er die ganze Schlachtszene, Zuber Storch mit der Sau, liest. Das Publikum beginnt zu hüsteln, sich zu räuspern, den Zuhörern wird es unangenehm. Bierbichler ist in Topform, schaut demonstrativ ins Publikum hinunter, trinkt Rotwein und Weißbier durcheinander. Ein perfekter Abend. Bierbichler liest 90 Minuten, obwohl er eigentlich nur sechzig lesen wollte, wie er sagte.

Nachtrag (2): Bierbichler Lesung in Bamberg, Künstlerhaus Villa Concordia (15.06.2012). "Ich schalt jetzt mal mein Handy aus!", sagt Bierbichler, als er Platz genommen hat im Saal der Villa Concordia, sein schwarzes Hemd ist bereits zur Gänze aufgeknöpft, Freitag-Abend, der Saal ist voll, der Eintritt ist frei, es ist heiß in Bamberg. Der Freistaat Bayern bezahlt diese Lesung von Josef Bierbichler. Alle Fenster sind offen. Heute wird es kein Gespräch mit dem Autor geben, das erfahren die Zuhörer gleich zu Beginn. Bierbichler schaut nach "60 Minuten" aus heute, der Weißwein mit Drehverschluß, der vor ihm steht, ist noch nicht offen. Er fängt mit dem Sommer 1914 an, mit dem Stier, der verladen werden soll, der Kriegsausbruch. Dann geht es ohne Übergang in den 2. Weltkrieg. Er liest schnell. Vogelgezwitscher von draußen. Nach einer Stunde wird das Publikum schon unruhig. "Ist der von euch hier?", fragt der Schauspieler und deutet auf die Flasche Weißwein. Er nimmt einen kräftigen Schluck und liest weiter. Aber nach 65 Minuten ist Schluss. Er muss noch hinunter in den Garten der Villa, wo signiert wird. Ein eingefrorener Moment: er geht ab, nimmt sein Buch, die Süddeutsche Zeitung, die er dabei hatte, und eine Flasche Frankenwein mit roter Schleife (die er von der Veranstalterin geschenkt bekommen hatte). Bierbichler ist der größte Rockstar der Gegenwart.

Der gesamte Auftritt Bierbichlers spiegelt seine Texte wieder. So wie er auftritt, so schreib er auch. Ein Unikat.

( J. Fromholzer )
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48 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mittelgut, 28. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Mittelreich: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ja, dieser Roman ist wuchtig, nicht nur von seiner Stämmigkeit, mit der er in der Hand liegt. Er wirkt wortgewaltig, Sprachverliebt, in seiner Mischung aus bayerischer Derbheit und poetischer Schilderung auch richtig neu. Was kraftvoll beginnt, lässt auch kaum nach, der Autor kann diesen mitunter anmaßend pathetischen Ton halten, und doch, leider muss ich es sagen, kam es mir manchmal vor, als würden alle Worte die Figuren vor allem nur verschütten, sie unsichtbar machen hinter dem Anspruch, es auf die eigene Weise zu schildern, eben jenem kraftvoll bayerisch donnernden Tonfall. Auch bemerkte ich, wie mir die Personen lange oft fremd blieben, wie sie hinter all den vielen Worten ihr eigentliches Leben eher versteckten, wie es dem Autor wichtiger war, als allwissend darüberschwebender Erzähler seine Meinung über die dunklen Zeiten im Land und speziell dort am See kundzutun, statt sie seine Figuren fühlen und erleben zu lassen.

Wortgewalt heißt hier langsames, fast lähmend redundantes Erzählen, als wäre das schlichtere Leben der Figuren dahinter zu wenig. Ich hatte mich auf eine bayerische Familiengeschichte gefreut, kein Komödienstadel natürlich, sondern echte, handfeste Figuren und ihr Leben voller Brüche und Gegensätze. Auch auf Dialoge, doch diese liebt der Autor nicht sehr. Josef Bierbichler bleibt auch als Autor kantig und nicht jedermanns Sache. Was ich durchaus positiv meine. Aber eine hymnische Rezension wie andere kann ich nicht schreiben, dazu hat mich diese Geschichte einfach zu oft - sorry - gelangweilt.

Und noch was zum Schluss, aber dafür kann der Autor ganz bestimmt nichts: Warum geriet das Titelbild bloß so fad? Deutsche Tristesse at its best.
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16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ist nicht die Sorgenfreiheit der Boden für das Glück?", 22. Februar 2012
Von 
Th. Leibfried "TL" (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Mittelreich: Roman (Gebundene Ausgabe)
Eine grundsätzliche Anmerkung vorweg: Immer wieder stelle ich fest, dass gerade Werke aus der Ecke "literarisch wertvoll" oder welche, die von der Literaturkritik gelobt oder gar gefeiert wurden und werden, bei Lesern und ihren Rezensionen in erheblichem Umfang durchfallen. Aus meiner Sicht stellt sich das so dar, dass Leser, die normalerweise in der Unterhaltungs- beziehungsweise Trivialliteratur heimisch sind, gerade wegen der Verleihung eines Buchpreises oder nach dem Lesen einer Kritik in einem renommierten Feuilleton zu einem solchen Werk greifen und dann damit nicht klar kommen. Ein reflektiertes Urteil, wenn man denn dann schon rezensieren muss, wäre die Erkenntnis, dass man selbst mit dem Werk nicht zurechtkommt. Dass es einen überfordert beispielsweise. Und das dann in die Bewertung mit einfließen zu lassen. Ein Werk deshalb zu zerreißen ist ein Bärendienst an der Literatur.

Josef Bierbichler ist ein bayrischer Theaterschauspieler und Schriftsteller, Jahrgang 1948. Geboren am Starnberger See und zehn Jahre in einem Internat, lässt er seine eigenen Erfahrungen stark in sein zweites Buch, den Roman "Mittelreich" einfließen. "Mittelreich" klingt wie ein mythologischer Begriff aus einem Werk von Tolkien. Gemeint ist konkret aber der Bereich zwischen Armut und Reichtum. Denn die Protagonisten seines Romans, die "Seewirte" aus drei Generationen, gehören dem an, was man heute als Mittelschicht bezeichnen würde, in ländlicher Umgebung und bäuerisch.

Die Hauptperson des Romans ist Pankraz, der mittlere der drei Seewirte, etwa Jahrgang 1906. Ihm und seiner Zeit widmet Bierbichler gut zwei Drittel des Buches. Pankraz übernahm den "Seehof" in Seedorf nur, weil sein älterer Bruder als Soldat im ersten Weltkrieg schwer verwundet wurde und nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte nach Hause zurückkehrte. Er ist umgeben durch zwei ältere Schwestern und heiratet die Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers, mit der er drei Kinder bekommt. Zwar wird auch er im zweiten Weltkrieg eingezogen, aber von einem Einsatz an vorderster Front verschont. Eine schwere Verwundung trägt allerdings auch er davon.

Sehr dicht und eindrucksvoll schildert Bierbichler vor allem die Zeit um den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. Der Nationalsozialismus fällt in dieser bayrischen Idylle auf fruchtbaren Boden und wird auch in den Jahren danach verharmlost und verklärt. So ist ein Hitler-Kostüm auf einem Faschingsfest noch in den 40er Jahren ein bewundertes, auch wegen ihrer Trägerin, und Juden und Kommunisten werden aufgrund tief in den einfachen Köpfe verankerter Ressentiments weiterhin verachtet und gehasst. Das setzt sich fort bei der Be- und Verurteilung sozialer Veränderungen Anfang der 60er Jahre und vor allem der folgenden 68er-Bewegung. Umgekehrt wird das Reaktionäre sichtbar, verdeutlicht an einem Beispiel: "Der neue Staat war auch gerade fertig gegründet worden, Konrad hieß der neue Adolf, und die neue Mark begann nach und nach ein glänzendes Fett anzusetzen."

Bierbichler verdammt seine Figuren deshalb weder noch entschuldigt er sie. Seine Schilderungen sind neutral, lapidar, eben der Sprache und dem Denken der Figuren entsprechend. Angst vor allzu lokal gefärbtem Sprachkolorit müssen auch Leserinnen und Leser aus dem nichtsüddeutschen Raum nicht haben. Ungewöhnliche Begriffe wie "herbstkatzenhaft", "geschurigelt" oder "Grummet" sind dosiert eingesetzt, bereichern meiner Meinung nach den Text sehr und geben ihm eine entsprechende Atmosphäre und Authentizität.

Josef Bierbichler erzeugt großartig Stimmungen jener Zeit mit einer einfachen, aber dennoch gewaltigen Sprache. Wie deutlich wird das Verhältnis zwischen einer jungfräulich gebliebenen, alten Dienstmagd und einem ebenfalls alt gewordenen Wolfs-Schäferhund-Mischling, wenn er schreibt: "Dankbar schauen seine müden Augen zu ihr hinauf. Das ganze Zimmer stinkt nach seinen Gasen." Oder: "Etwas später breitet sich dann in der Küche eine fast sakrale Stimmung aus, wenn die Knechte nach dem vorweihnachtlichen Bad, das sie im selben, immer wieder aufgewärmten Badewasser nacheinander genommen haben, um den Tisch rum sitzen, in frischen Hemden, manche auch in frischen Unterhosen [...]"

Die Kritik mancherorten, die Figuren lebten nicht richtig, verschwänden sprachlos hinter der Sprachgewalt des Autors, kann ich möglicherweise zwar einordnen, aber nicht als angebracht akzeptieren. In den geschilderten Epochen, insbesondere bis ich die Nachkriegszeit der fünfziger Jahre, war die heute herrschende Individualisierung nicht eingetreten. Das Wort und das Leben des Einzelnen zählten nicht so viel wie heute, erst recht nicht in einer solch ländlichen Umgebung. (Wobei man sich auch heute manchmal wünschen würde, dass mancherorts eine Einsilbigkeit herrschte, wie sie im beschriebenen Umfeld üblich war.) Da wurden einfach keine Dialoge geführt, also können auch keine geschrieben werden. Einsilbigkeit war das Bezeichnende dieser Umgebung. Und die Brücke zwischen Einsilbigkeit und Sprachgewalt schlägt Bierbichler ganz hervorragend.

Und so kämpfen die Romanfiguren um so etwas wie Sorgenfreiheit. Ein Glück erreichen sie aber nicht wirklich, gefangen in Tradition und Erbe. So entfährt es Pankraz an einer Stelle: "Verfluchtes Erbe, verfluchter Zwang, ich will der Knecht nicht sein von diesem alten Krempel. Ich hasse dieses Haus und diesen ganzen Heimatkram. Ich will heraus, heraus aus allem, was ich muss." Nur um hinterher umso tiefer gefangen zu sein in seinem schwarz-weißen Mikrokosmos.

Eine absolute Leseempfehlung von mir an alle, die Literatur abseits des Mainstreams schätzen.
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24 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesen!, 30. September 2011
Von 
Susanne Preusker "SP" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mittelreich: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein Sturm spielt in "Mittelreich" eine besondere Rolle - und sturmgleich hat es mich auch umgehauen, dieses Buch. Familiengeschichten gibt es viele und wenngleich diese einige erstaunliche Wendungen aufzuweisen hat, ist es weniger der Inhalt, der mich begeistert, es ist die Form: Bierbichler bedient sich einer gewaltigen, wuchtigen, brachialen Sprache. Schier nicht enden wollende Sätze, für den ich jedem anderen Verfasser die Pest an den Hals wünschen würde, wechseln sich ab mit bestürzend kurzen. Ausdruck und Wortwahl zeigen Kreativität und großes Können. Bierbichler malt mit Sprache und erzeugt so ein Spannungsgefüge, dem man sich kaum zu entziehen vermag. Er läßt lebendige Bilder entstehen, Bilder von Landschaften, ihren Menschen und ihren Geschichten. Das ist, so meine ich, Schreibkunst auf allerhöchstem Niveau. Fünf Sterne für ein Meisterwerk. Lesen!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sanfter ist er nicht geworden...., 13. Februar 2015
Die süddeutschen Leser werden den Autor kennen, handelt es sich doch um den Schauspieler Josef Bierbichler. Trotz seiner vordergründig "bayerischen Urkraft" in Aussehen und Sprachklang glänzt Bierbichler für mich immer vor allem in seinen leisen Tönen (die SZ bezeichnete ihn mal so schön als "zärtlichen Schauspiel-Berserker").
Ich räume ein, daß ich in diesem Fall vielleicht kein allzu objektiver Kritiker sein kann, ist mir doch die Welt der bayerischen Provinz nur allzu vertraut, erliege ich genüßlich Bierbichlers ausdrucksstarkem, süddeutsch geprägtem Sprachduktus, diesem wunderbar "verschwurbelten Starkdeutsch", wie die FAZ es passend beschrieb.

Bierbichler erzählt im Roman die Chronik einer Familie, deren Lebensmittelpunkt das Gasthaus "Zum Fischmeister" an den malerischen Ufern des Starnberger Sees bildet. Die Geschicke der Besitzer des Gasthauses über zwei Weltkriege hinweg hinein bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts werden erzählt. Vor allem die politische Stimmung der frühen Nachkriegsjahre wird genauestens beobachtet, wenn Kriegsheimkehrer und Vertriebene auf die Daheimgebliebenen treffen und man sich in dieser neuen "Zusammensetzung" das Leben neu gestalten muß; wenn dann aber auch am Wirtshaustisch sich die anonyme "Volksseele" Luft macht und man mit Unbehagen feststellt, daß "der Teppich, der das unter ihn Gekehrte bisher deckte, noch immer tadellos den Heimatboden ziert"; wenn mit den Jahren die "Moderne" Einzug hält in die abgeschlossene Welt dieser Landbevölkerung und der Seewirt Pankratz in seinem Sohn Semi die Verflüchtigung und bewußte Aufkündigung der jahrhundertelangen bäuerlichen "Werte" erkennen muß; wenn das gelebte Leben an Religion und Glauben verzweifeln läßt und dem Seewirt kurz vor dem Tod nur die Erkenntnis bleibt, daß beides nur "Verdrängung und Feigheit" bedeutet...

Sprachlich bemerkt man durchgehend den in langen Theaterjahren geschulten Freund des präzisen Wortes. Unzählige Textstellen sind da schon beeindruckend in ihrer kraftvollen Metaphorik. Inhaltlich wird dem Leser so manch bittere und unbequeme Wahrheit über unser Land zugemutet. So geizt Bierbichler nicht mit politisch überaus korrekten Be- und Verurteilungen, persönlichen Einschätzungen und Ausblicken. So wie Bierbichler von den Bewohnern des Wirtshauses berichtet, wird man sich bewußt: so oder ähnlich mögen sich unzählige Familiengeschichten in jenen Jahren wohl in der deutschen, nicht nur bayerischen Provinz zugetragen haben; insofern steht das Buch für mich trotz aller subjektiven "Menschelei" exemplarisch für viele Erfahrungen und Lebensläufe des vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht hat gerade dies auch seinen Erfolg ausgemacht. Die FAZ schrieb 2011:
"Sanfter ist er nicht geworden, aber doch reif für Suhrkamp:
Josef Bierbichler wütet in seinem ersten Roman wie die Axt im Walde
gegen Gschaftlhuberei und Nationalsozialismus".

Ich muß dieses Buch einfach empfehlen, eine manchmal unbequeme, aber genau deshalb uneingeschränkte Lesefreude - übrigens auch für "Nicht-Bayern"!
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mehr als ein Heimatroman, 29. Januar 2013
Von 
Klaus Engelhardt (Portland/Oregon, USA) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Mittelreich: Roman (Gebundene Ausgabe)
Bierbichler hat die Handlung seines Romans Mittelreich zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Mitte der Achtziger Jahre angesiedelt. Sie umfasst also einen Teil des sogenannten Zweiten Reichs (1871 -1918), die Weimarer Republik, das Dritte Reich und den größten Teil der Bonner Republik. Wo aber soll man den Begriff Mittelreich einordnen?
Im letzten Teil des Buchs kann man lesen: Dort zählte er ...[der Bankbeamte]... vor des Viktors Augen auf den Pfennig genau dessen gesamte Ersparnisse [...]. Er endete bei 128 524 Deutschen Mark [...]. Reich war der Viktor dadurch nicht, das wusste er genau, aber ein Hungerleider war er auch nicht mehr. Er war jetzt mittelreich (eigene Hervorhebung. S 302f).
,,Mittelreich” bezeichnet also kein politisches Konstrukt, sondern das Kleinbürgertum, allerdings nicht das der Großstädte, sondern das der oberbayerischen Landbevölkerung. Im Mittelpunkt des Romans steht der Seehof, ein gut gehender Landwirtschaftsbetrieb mit Gaststätte, an einem der malerischen Seeen des Voralpengebiets südlich von München gelegen. Seit der Säkularisierung (1803) befindet er sich im Besitz der Familie Birnberger, deren letzte drei Generationen den Gegenstand des Romans bilden.
Die lebenslange Verpflichtung, den Familienbesitz zu erhalten und, wenn möglich, zu mehren, wird von den Erben oft als Last empfunden, als fremdbestimmter Daseinszweck, dem sie ihre Träume individueller Entfaltung opfern müssen. In Bierbichlers kraftvoller Sprache liest sich das so: Verfluchtes Erbe, schreit er, verfluchter Zwang. Ich will der Knecht nicht sein von diesem alten Krempel [...] Ich hasse dieses Haus und diesen ganzen Heimatkram. Ich will heraus, heraus aus allem was ich muss (S.169). Dieses Gefühl des ausweglosen Eingeschlossenseins wird
übrigens auch durch das Umschlagfoto, das kokonähnliche Ästegewirr einer laublosen Trauerweide, auf eindringliche Weise vermittelt (Entwurf: Markus Tedeskino).
Die großen politischen Umwälzungen jener bewegten Jahre, die gesellschaftlichen und ideologischen Umschichtungen und der technische Fortschritt bleiben nicht ohne Wirkung auf die Dorfgemeinschaft und die Familie des Seewirts. Während der Kriegsjahre müssen junge wehrtüchtige Bauernsöhne auf den verwaisten Feldern durch kriegsgefangene Zwangsarbeiter ersetzt werden. Wenig später müssen die Obdachlosen aus den zerbombten Städten aufgenommen werden. Ihnen folgen die Flüchtlingstreks und die Umsiedler aus den Ostgebieten, und schließlich die dramatische Ankunft der amerikanischen Truppen. Wenige Jahre später müssen sich die Dörfler an landfremde Gastarbeiter aus den Mittelmeerländern gewöhnen, und an die alljährliche Transhumanz der Sommerfrischler, deren freizügiger Lebensstil in scharfem Kontrast zu den Traditionen der Einheimischen steht. All dies und letztlich die flächendeckende Mechanisierung der Landwirtschaft verändern von Grund auf die traditionellen Lebensformen in dem kleinen Ort.
Manche der Seedorfer Kriegsveteranen kehren mit lebensverändernden Kriegsschäden zurück. Aber noch spät in der Nachkriegszeit tauchen in den Stammtischrunden beim Seewirt immer wieder halb verstandene Propagandaparolen und Versatzstücke rassistischer und nationalistischer Ideologien auf.
Auch wenn sich das Format eines Generationenromans weniger dazu eignet, den seelischen Strukturen einzelner Individuen in der Tiefe nachzuspüren, widmet Bierbichler doch einigen Gestalten größere Aufmerksamkeit. Dies gilt vor allem für Pankraz Birnberger (meist nur ‘’Seewirt” genannt) und dessen Sohn Semi. Der Beteiligung des Seewirts an der Ermordung jüdischer Kinder, der sexuellen Belästigung Semis durch einen geistlichen Internatslehrer, den er am Ende ermorden wird, und dem Schicksal des Hermaphroditen Fräulein von Zwittau, einer Umsiedlerin aus Ostpreußen, wird breiter Raum gewährt. An solchen Stellen sprengt Bierbichler den Rahmen des herkömmlichen Heimatromans etwa im Sinne eines Ludwig Ganghofer, obwohl der Autor selbst in einem ähnlichen Milieu, nämlich in Ambach am Ostufer des Starnberger Sees, aufwuchs und weite Teile des Romans autobiographischen Ursprungs sind.
In vielen Abschweifungen löst sich der Diskurs des allwissenden Erzählers von den konkreten Ereignissen ab und erlaubt dem Autor, zu zeitgenössischen politischen und sozialen Entwicklungen kritisch Stellung zu beziehen.
All das geschieht in einer Sprache, die ihren süddeutschen Ursprung nie verleugnet (z. B. bestimmter Artikel vor Eigennamen: ,,der Schnapp”, ,,die Schechin”) und die Nähe der gesprochenen Sprache sucht. Etwas anderes hätte man von dem weithin bekannten Schauspieler Josef Bierbichler kaum erwartet.
Übertriebene, hyperbolische Kennzeichnungen von Bierbichlers Stil, wie ,,derb”, ,,brachial”, ,,wuchtig”, ,,kraftvoll bayerisch donnernder Tonfall”, oder gar ,,verschwurbeltes (?) Starkdeutsch”, sind nur bedingt von kritischen Nutzen. ,,Authentisch” und ,,Vertrauen stiftend”, jedenfalls bei Lesern, die sich mit dem Milieu des Romans identifizieren können, sind hier weitaus angemessener.
Emigranten aus Bayern besonders empfohlen!
Auch als Hörbuch erhältlich, vom Autor selbst eingelesen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mittelreich sagt schon Vieles., 5. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mittelreich: Roman (Gebundene Ausgabe)
Bis man sich an den Schreibstil von Bierbichler gewöhnt hat, sollte man jede Zeile zweimal lesen. Nicht, weil er schwer verständlich wäre - ganz im Gegenteil. Jede Zeile, jedes Wort genau am richtigen Platz, keines zu viel, keines zu wenig. Kraftvoll und bildhaft geht es duch das Buch, bis man ahnt, was er mit Mittelreich meint. Spannend bis zu Letzt.
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5.0 von 5 Sternen Sprachliche Herrausforderung, 18. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mittelreich: Roman (Gebundene Ausgabe)
Bierbichler kennt mit Sicherheit "Das Leben meiner Mutter" von Oskar Maria Graf, was für mich ein ganz herrausragendes Buch ist. Der Unterschied Bierbichler bleibt in seinem Dorf, bleibt beim Seewirt, bleibt bei den einfachen Menschen. Das Buch ist an manchen Stellen derb, ja aber nach dem Krieg, wenn ich auch den Erzählungen meines Vaters entnehme, ging es im Dorf auch derb zu. Von daher empfinde ich es als ehrlich, erfühlbar, nachvollziehbar. Auch die unverdaute Nazizeit, immer noch schwer über die Juden herziehen. Flüchtlinge und Ihre Fremdheit. Unsicherheit, Zwänge, Unverständnis gegenüber dem Anderstsein. Noch Einen finden der noch tiefer steht. Nährboden bis heute.
Was einige Rezensenten schwierig fanden ist die bayrische Satzstellung, Grammatik. Mit Sicherheit für akzentfreie Mitbürger nicht einfach, aber wär sich darauf einläst wird reich belohnt. Nein das Buch ist nicht in Dialekt geschrieben, wie gesagt die Satzstellung und auch die fein zutreffende Art mancher im hochdeutschen nicht gebrauchter Wörter, sind es wert entdeckt zu werden. Normalerweise lese ich keine Bücher zweimal, jedoch dies werde ich alleine der Nuancen in der Sprache wegen, ein zweites Mal lesen.
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5.0 von 5 Sternen Deutsche Geschichte aus Sicht eines Gastwirts, 5. August 2014
Von 
Jens Neumann (Stadthagen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Knapp 80 Jahre lang hat der Leser das Vergnügen, das Auf und Ab einer bayerischen Seewirtschaft mitsamt ihren Besitzern zu verfolgen. Familiäre Streitereien, Skandale, aber auch schöne Erinnerungen werden auf herrlich amüsante, teils skurril bayerische Art und Weise erzählt. Von der harten Feldarbeit über die Mechanisierung, dem aufkommenden Tourismus bis zum leisen Abgesang in den 1980er Jahren spannt sich der Erzählbogen. Zusätzlich inhaltliche Tiefe erlangt Mittelreich durch die historische Komponente, denn der Leser erfährt anhand von Kneipengesprächen, Anekdoten und Episoden viel über die jeweilige Zeit, in der die Menschen leben. Sei es das Totschweigen der NS-Diktatur unter der Adenauer-Republik, das Aufbegehren der Jugend in den 1960ern oder die Protestbewegung in den 1980ern - die Protagonisten kommen auf privater Ebene immer wieder mit den geschichtlichen Umwälzungen in Berührung, müssen Veränderungen hinnehmen, bestehen oder scheitern an ihnen. Gerade dieser Aspekt macht Mittelreich zu einem wundervollem Schmöker, der auch für Geschichtsinteressierte definitiv geeignet ist!
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Mittelreich: Ungekürzte Autorenlesung
Mittelreich: Ungekürzte Autorenlesung von Josef Bierbichler (Audio CD - 16. September 2011)
EUR 39,99
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