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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dekadent, unappetitlich, rau, aber voller Energie, 21. August 2011
Von 
junior-soprano - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Please Kill Me: Die unzensierte Geschichte des Punk Erzählt von Lou Reed, John Cale, Patti Smith, Iggy Pop, Debbie Harry, Willy DeVille u.a. (Taschenbuch)
Die Hippies wollten die Welt verbessern und mochten wohlklingende Musik, die Punks wollten Spaß haben und mussten dazu nicht mal musikalisch sein. Keine Stars mehr. Jeder kann Punk-Musik zustande bringen. Oder so. Eine Verallgemeinerung fällt nach diesem Buch nicht so leicht. Es beginnt mit den Velvet Underground, geht dann über zu den MC5, zu Iggy Pop und seinen Stooges, den Ramones, Debbie Harry und vielen anderen Beteiligten der Punk-Bewegung. Die Autoren haben ihr Buch so gestaltet, dass die Zeitzeugen (sehr oft Iggy Pop) direkt zu Wort kommen. Somit liest sich Please kill me wie eine Fernseh-Doku mit Original-Zeitzeugen. Nicht schlecht die Idee, auf Dauer aber auch etwas ermüdend. Und sehr, sehr unappetitlich, wenn all die Exzesse und der Wahnsinn im Detail geschildert werden. Aber auch hochinteressant! Und mitunter auch sehr amüsant, etwa wenn Iggy (nein! es geht in diesem Buch nicht nur um ihn ;-)), von seiner gräßlichen, einmonatigen Ehe erzählt, bei der seine Frau gerne nachts schlafen, er aber immer dann wenn er Lust dazu hatte neue Songs komponieren wollte. Also verkroch er sich nachts im Schrank, spielte leise auf seiner Gitarre und kam ins Grübeln: Karriere oder diese Ehe? Ganz klar: Karriere! Also volle Power in die Saiten gehauen und einen Monat später wieder geschieden. Das ist natürlich nicht nur lustig, sondern auch etwas tragisch. Und etwas kurzsichtig und naiv und albern und größenwahnsinnig. So wie Punk eben.

Punk begann mit den Velvet Underground und Iggy Pop und war eben keine britische Erfindung aus dem Jahre 1977, sondern ursprünglich amerikanische Underground-Rockmusik, in der es nicht um Sicherheitsnadeln und Stachelfrisur ging, sondern um die Rückkehr zum 3-Minuten Song, nur eben mit Texten die sich mit der atomaren Bedrohung, der Perspektivlosigkeit und dem Frust der jungen Generation beschäftigte. Und es war eine selbstzerstörische Bewegung ohne Zukunft. Zu viel Suff, zu viele Drogen, zu viel Sex - ein wirklich unzensiertes Buch, mit fragwürdigen Statements. Die Plattenfirma schenkte Blondie nahezu Kiloweise Drogen, um sie gefügig und bei Laune zu halten, das ist eine dieser Anekdoten. Jeder zweite Künstler schien homosexuell zu sein und dann gab es Leute, die sich freuten kostenlos an Unmengen harter Drogen gekommen zu sein. Übermäßig selbstkritisch äußern sich die Zeitzeugen nicht, das dann doch so viele jung gestorben sind, spricht für sich. Eine völlig aus dem Ruder geratene Bewegung. Zwischen all den Exzessen geht es erfreulicherweise auch immer wieder um Musik, vom ersten, im Eiltempo und mit Mini-Budget eingespielten Ramones-Album bis zum überproduzierten, fast schon Millionen-Dimensionen verschlingenen Phil Spector Ramones-Album (ein Mann der in seinem Haus lauter wertlosen Merchandising-Schnickschnack hortet, wie zu lesen ist). Sogar Bruce Springsteen findet sich in diesem Buch. Er habe Because the night eben nicht für Patti Smith, sondern mit ihr gemeinsam geschrieben, erfährt der Leser.

Sehr ergiebige Quellen von den relevanten Zeitzeugen, mitunter etwas anstrengend zu lesen, aber definitiv ein Muss für Punkrock-Fans!

509 Seiten, Softcover, s/w-Fotos, Übersetzung: Esther & Udo Breger, Hannibal 2011
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