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5.0 von 5 Sternen Vom Wunsch, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.
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Thomas Stangl macht es dem Leser nicht leicht – umso schwerer wiegt, was er zu sagen hat.
Auch in diesem neuen Roman: Die Handlungsverläufe sind verschlungen, Gegenwart und Zukunft nicht immer gleich zu unterscheiden. Man könnte es bruchstückhaft nennen, wie der Autor seine Figuren aus ihrer jeweiligen Umgebung und ihren Beziehungen...
Vor 10 Monaten von Werner U. Titz veröffentlicht

versus
1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Der Froschkönig-Impuls
«Sollte man alles, was gesagt wird, unter die Knute der Verständlichkeit zwingen»? fragt Niklas Luhmann, der große Sozialwissenschaftler. Aber sicher doch, würde ich antworten, denn Sprache dient nun mal der Verständigung, es ist ihr eigentlicher Zweck, wo sie unverständlich bleibt, ist sie zwecklos. Was mir noch nie passiert ist als Leser, hier...
Vor 6 Monaten von Borux veröffentlicht


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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Wunsch, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen., 28. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Regeln des Tanzes: Roman (Gebundene Ausgabe)
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Thomas Stangl macht es dem Leser nicht leicht – umso schwerer wiegt, was er zu sagen hat.
Auch in diesem neuen Roman: Die Handlungsverläufe sind verschlungen, Gegenwart und Zukunft nicht immer gleich zu unterscheiden. Man könnte es bruchstückhaft nennen, wie der Autor seine Figuren aus ihrer jeweiligen Umgebung und ihren Beziehungen heraustrennt, ja, herausschält, bis zur sinnbildlichen und auch tatsächlichen Nacktheit.

Die Hauptpersonen sind zwei Schwestern und ein soeben pensionierter Mann mit seiner Lebensgefährtin. Diese Paare leben jeweils in ihren Wohnungen aneinander vorbei, wobei bald die Lebensgefährtin einfach nicht mehr in die gemeinsame Wohnung zurückkehrt, ohne wesentlich mehr als ein leeres Zimmer in derselben zu hinterlassen, und die jüngere Schwester sich ohne Erklärung in den Tod verabschiedet, nachdem sie ihrer Schwester "immer mehr zu dieser beinahe Fremden geworden ist, seit sie in Erinnerung an eine Katastrophe und in Erwartung einer Katastrophe lebten".

Auf welchen Umwegen der Mann mit der überlebenden Schwester in Kontakt kommt und zu welchen Konsequenzen das für beide führt, das ist die eigentliche Handlung. Das Thema ist aber die gesellschaftliche Gegenwart aus der Sicht der Proponenten des Romans, die sich "am Rande ihres eigenen Lebens" aufhalten, und die wohl auch die Sicht des Autors ist.

Stangl beschreibt seine Figuren aus verschiedenen Perspektiven. Es geschieht auch, dass er die Person, die er dem Leser gerade beschreibt, unvermittelt mit "du“ anspricht, und ihr sozusagen selbst sagt, was sie gerade tut (oder er sagt ihr, wie nebenbei, was sie, ohne es noch zu wissen, später tun wird: "wenn du in zwei Wochen vor Monas blumengeschmücktem Sarg stehst…"). Manchmal ist dieses Du auch an den Leser gerichtet, der dadurch selbst in die Handlung einbezogen wird.

Was anfangs irritierend sein mag, entwickelt sich zu einer vielschichtigen Durchdringung der beschriebenen Charaktere, in Außen- und Innensicht gleichermaßen. Man denkt an Picassos kubistische Porträts, in Gefühle übertragen.

Die Sprache, in der die existentiellen oder körperlichen Ausnahmesituationen der Personen deutlich werden, ist präzise und poetisch. Einige Beispiele:

"Sie geht aus dem Haus, als würde sie sich ins Leere stürzen, nie mehr zurückkehren…

… in die Stadt hinein, deren Häuser wie eine Horde von Feinden in der Landschaft stehen…

Als würde sich dort draußen etwas auflösen, ein Himmel und eine Stadt aus Teer, sickerte die Nacht ins Zimmer und in seinen schlaflos daliegenden Körper, das Klopfen seines Herzens erschien ihm wie ein Rhythmus, der sich aus der Nacht ins Zimmer und in ihn hineindrängte.

…. doch gerade die Müdigkeit hält sie an und treibt sie an, holt die Räume an sie heran: sie bewegt sich durch einen pulsierenden Horizont.

Du hüllst dich in deine schwere Lederjacke, die dir wie ein Panzer eines Insekts scheint.

Sie steckt in der sonntäglichen Wohnung wie in einem kratzenden Pullover."

Warum "REGELN DES TANZES"?
Dass es hier um den Tanz Ankoku Butoh geht, den "Tanz der Finsternis", muss hinzugefügt werden, bevor durch den Schauplatz Wien, an dem dieser Roman spielt, andere Assoziationen aufkommen.
Natürlich fällt einem Marx‘ Spruch ein, man müsse "Die Verhältnisse zum Tanzen bringen", und tatsächlich sagt die überlebende Schwester auch: sie wolle durch Tanzen "die Regeln der Gesellschaft hinter sich lassen. Völlig anderen Regeln folgen". Und an anderer Stelle: "man müsse so ungeschickt sein, dass man im Stehen stolpert, dann beginnt das Tanzen", bis hin zum Wunsch "im Tanz erstarren und erfrieren".

In dieser Reihenfolge wird auch die politische und persönliche Entwicklung gezeigt. Bei den Demonstrationen im Jahr 2000, gegen die rechte Koalitionsregierung in Österreich, bestand noch Hoffnung, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Es blieb ein kurzer Augenblick der Revolte, es blieben "Ideen, an die du nicht glaubst, Impulse aus einer anderen Zeit". Denn, "während das Land nach kurzer Verunsicherung wieder in Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit verfällt, sich als Opfer des Auslands bedauert, wird das, was man von dieser Regierung befürchtet hatte, in anderen Ländern der damals noch besorgten sogenannten Europäischen Union voll und ganz Wirklichkeit, ohne dass sich irgendjemand darum kümmerte".

Der entstehenden Kälte und politischen Ausweglosigkeit, der Einsamkeit, die als normaler (und gewollter) Zustand empfunden wird, entspricht der Wunsch, "im Tanz zu erfrieren“.
Das ist kein Widerspruch zu einem anderen Wunsch: "Kommunistin sein müsste heißen, sich entschlossen auf etwas beziehen das es nicht gibt, nie gegeben hat, niemals geben wird (das ist die einzige Politik)".
Ein Gedanke, der von Slavoj Zizek stammen könnte.

Es bleibt aber nur mehr "die Euphorie, auf einen Rest ausgedünnt, sinnlos, ein Wissen, das du nicht teilen kannst, eine Lust, die ins Leere läuft, eine Verliebtheit in jemanden, den es nicht gibt".

Stangl hat schon bisher bewiesen, dass er ein Meister im Ausloten von existenziellen Situationen ist. In diesem Buch fügt er die politische Dimension hinzu - oder soll man sagen er fügt der politischen Situation ihre existentiellen Auswirkungen hinzu?

Ein großer Roman. Er ist bisher schon viel gelobt und verschieden interpretiert worden.
Es kommt darauf an ihn zu lesen!
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Haut der Wörter, 20. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Regeln des Tanzes: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Also gut, es geht nicht anders, beginnen wir mit…“ dem Zitat, dass fast alle Rezenten benutzt haben, weil es einfach genial ist:

„Zwei bösartige Gnome wie aus einem schlechten Märchen haben mit einer Bande von Faschisten und Gaunern die Macht im Land übernommen“.

Dieses Statement bezieht sich auf die politische Situation in Österreich im Februar des Jahres 2000 und ist die Ausgangslage von Thomas Stangls Roman „Die Regeln des Tanzes“. Obwohl Politik, mal offensichtlicher, mal unterschwelliger, eine wichtige Rolle in seinem vierten Roman spielt, ist es kein politischer Roman. Im Mittelpunkt der fein verästelten Handlungs- und Zeitstränge stehen die beiden Studentinnen Mona und ihre ältere Schwester, deren Namen man erst auf der vorletzten Seite des Romans erfährt. Gleich zu Beginn des Romans verlässt Mona die gemeinsame Wohnung ohne eine Nachricht zu hinterlassen und hinterlässt ihre Schwester hilf- und ratlos.

Hilf- und Ratlosigkeit

Das Thema der Hilf- und Ratlosigkeit zieht sich durch den gesamten Roman und treibt auch den dritten Protagonisten um. Dieser lebt gleichfalls in Wien, doch ist es ein anderes, Zukünftiges. Dr. Walter Steiner, Mittsechziger und seines Zeichens Gutachter, lebt im Wien des Jahres 2015 gemeinsam mit seiner Frau Pre und „vier- bis fünftausend Büchern und seinem Computer“ in einer großzügigen Wohnung; Mercedes in der Garage. Vermutlich tritt er gerade seinen Ruhestand an. Dezidiert wird dies nirgendwo gesagt nur: „Er hatte nun wieder Zeit…“ und an einer anderen Stelle: „wie vor Jahrzehnten, als er noch Geheimnisse und kleine Wunder hinter jeder Ecke … erwartet hatte.“

Sowenig wie er mit seiner Frau redet, sowenig reden auch Mona und ihre Schwester miteinander. Alle drei leben in ihren inneren Welten, führen innere Monologe. Auf der Straße weichen sie anderen aus und wenn sie Kontakt zu anderen haben, dann nur flüchtig: auf ein Bier, lieblosen Sex oder um sich inmitten einer Demonstration bewusst einsam zu fühlen. Allen dreien, und der Schilderung der Landschaft/Wiens/der Wohnungen, gemeinsam ist ein Akt der Verwahrlosung und des Verfalls. Sieht sich Dr. Steiner am Anfang des Romans noch wie „George Clooney in zehn Jahren“ so hält er sich nur einige Wochen später für einen „wirren alten Sonderling“. Mona isst und trinkt während ihrer kurzen Flucht kaum und so sind „ihre Augen dunkel und groß, ihre Wangen mager; ihre Haut ist grau und dann papierweiß unter dem Neonlicht.“ Bei der dritten Protagonisten vollzieht sich die Verwandlung bewusst: sie will in die Fußstapfen ihrer Schwester treten und „ Butoh“ lernen, einen japanischen modernen Ausdruckstanz. Doch nur der Tanz reicht ihr nicht. „Dabei weiß sie, es ist nur eine Nachahmung, sie ist nur eine Verdopplung, geht an Monas Stelle, lebt an Monas Stelle.“ Und auch das prunkvolle Wien verfällt und „ist voll mit Papierfetzchen, Plastikflaschen, Zigarettenkippen, Flugblättern voller Fußspuren.“

Was die drei Figuren miteinander verbindet, sind zwei Filmdosen, in denen zwei analoge Kleinbildfilme stecken, welche von Dr. Steiner bei einem seiner ziellosen Spaziergänge in einer Mauernische gefunden werden: „… einen ganzen Film, in den er umsteigen könnte, wie in eine parallele, auf Zelluloidstreifen festgehaltene Existenz.“ Die Fotos stammen aus dem Jahr 2000 und zeigen u.a. zwei junge Frau; die Beerdigung von Monica und einen leeren Raum aus verschiedenen Perspektiven. Er lässt diese entwickeln und auf Fotopapier abziehen, um sie in Ruhe zu Hause betrachten zu können: „Von all dem erzählt er Pre nichts…. Er sieht Pre auftauchen und verschwinden, als bewohne sie einen anderen Raum, eine parallele Welt, die sich zufällig über seine Wohnung gelegt hat“. Als Pre ihn kurz nach Beginn der Erzählung kommentarlos verlässt, unternimmt er auch keinen Versuch, sie wiederzusehen. Er meidet einfach Plätze, Straßen oder Veranstaltungen, bei denen er auf sie stoßen könnte und bemerkt nur, dass eines Tages einige Dinge in der Wohnung fehlen, die ihr gehört haben.

Eine zweite Welt in dieser Welt

Es laufen nun drei Handlungsstränge parallel zueinander ab: Mona tanzt sich zur Selbstvernichtung, die Suche der Schwester nach Mona und ihre Hinwendung zum Tanz und Walters Suche nach den Mädchen auf den Fotos. Dabei „ist es reizvoll (für Ihn), sich mit den Mädchen zu identifizieren, sich für eines von ihnen, nein, eben nur für beide zugleich, zu halten …“ Erzählt wird der Roman in der zweiten und dritten Form, wobei sich dabei kein klares Muster erkennen lässt, wann und warum der Wechsel erfolgt. Und er folgt immer klaren Strukturen. Aus der Bewegung heraus kommt es zum Stilstand. In diesem Zustand erfolgen Betrachtungen der jeweiligen Protagonisten die dann wieder in Bewegung umgesetzt werden. Dies kann ganz klassisch sein in dem sie in einer U-Bahn sitzen und dann aussteigen. Aber es kann sein, dass sie vor einem Baum stehen und die Ästchen beginnen sich zu bewegen oder das Rinnsal eines Baches wird beschrieben. Während dieser Phasen des Stilstandes wird viel über parallele Wirklichkeiten und Räume und deren Inhalt nachgedacht:

„Fast immer ist ihr bewusst, dass es die parallele Wirklichkeit gibt, die sie genau so sehr betrifft und in der sie genau so wenig eine Rolle spielt….. sie wünscht sich einen Mechanismus, mit dem sie zwischen diesen Wirklichkeiten hin- und herwechseln könnte… „

Dieser Wechsel von Bewegung und Stillstand mach sich auch im Stil von Stangl bemerkbar. Teils hetzt er den Leser von Aktion zu Aktion, teils berichtet er sehr ruhig vom Innenleben, ja wird richtig karg wie der Februar Wald, den er so häufig beschreibt – Wiederholungen sind auch eine beliebte Methode des Authors. So kommt auch die oben beschriebene Stelle der Verschmutzung Wiens mehrfach in unterschiedlichen Zusammenhängen zur Sprache. Die Spitze dieses wohldurchdachten und erstklassig konzipierten Buches ist die kargste Stelle im Buch, welche den Leser ob Ihrer Unbeflissenheit völlig überrascht: Walther ist besessen davon, die „Überlebende“ zu finden; setzt alles daran; isst nicht, trinkt nicht, läßt die Wohnung verkommen. Und dann, als Finale seiner Suche, dieser Satz:

„Einmal stößt er auf eine Adresse, die ihm absurd erscheint, Straßennamen und Postleitzahl klingen nach tiefster Pampa; er ruft die Nummer an und ist enttäuscht, als eine Männerstimme ihm antwortet;…“

Von hier bis zum Ende des Romans ist es nicht mehr weit und ich überlasse es Ihnen, den Namen der älteren Schwester herauszufinden und ob auch Walther auf seine alten Tage zum Butoh-Tänzer wird.

Fazit:

Thomas Stangls ambitionierter Roman wird wohl so manchen Leser am Ende des Buches verwirrt zurücklassen. Er gibt keine Antworten auf die aufgeworfenen Fragen und man ist ihm schon dankbar, dass er wenigstens das Rätsel um den Namen der zweiten Schwester löst. Man muss sein Spiel der Wirklichkeiten, sein Eintauchen in eine Welt vor und nach dem Internet, mitmachen und darauf einlassen, dass Sätze häufig mehrfach gelesen werden müssen, um ein Verständnis für der Dimension des Geschriebenen zu erreichen. Sein Roman ist kunstvoll konzipiert, aber nicht zu artifiziell, dass man ihn nicht verstehen kann. Man sollte jedoch nicht versuchen, gleich beim ersten Auftauchen von bildhaften Metaphern diese zu entschlüsseln, weil sich erst aus dem Gesamtbild mit dem abrupten Ende diese Sinnbilder aufschlüsseln und verstehen lassen. Ein Roman, der zu Recht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2013 gelandet ist.
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5.0 von 5 Sternen Suggestiv erzählter Roman, 8. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Regeln des Tanzes: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Regeln des Tanzes“ ist Thomas Stangls vierter Roman und erzählt, über verschiedene Zeitebenen hinweg, das Leben dreier Menschen in Wien, deren Schicksale sich durch einen zufälligen Fund kreuzen.

Da ist zuerst eine junge Frau, die im Februar 2000 als Demonstrierende gegen die neue rechtspopulistische Regierung in Wien durch politisches Handeln ein neues Lebensgefühl erfährt. Ihre Schwester Mona, mit der sie zusammen in einer Wohngemeinschaft lebt, geht einen diametral entgegengesetzten Weg, der im Selbstmord enden wird. Gleichzeitig wird das Leben des in die Jahre gekommenen Kunsthistorikers Dr. Walter Steiner erzählt, der 15 Jahre später von seiner Frau verlassen wird.

Allen Figuren ist gemeinsam, dass sie sich im der bestehenden Ordnung nicht wohl fühlen und eine Art Ekel gegenüber der Welt und ihrer eigenen Existenz empfinden.

Stangls Erzählweise ist komplex und suggestiv. Man befindet sich beim Lesen meist im Bewusstsein der Figuren und bekommt die Geschehnisse so aus verschiedenen Innenperspektiven erzählt. Die Personalpronomina werden häufig gewechselt und der Autor experimentiert mit den Erzählzeiten. Es gibt Passagen die im Präsenz geschildert werden und wieder andere Passagen, die im Präteritum erzählt werden. Ein Literaturkritiker schrieb, dass Stangl die Fähigkeit besitz, die Zeit in Schleifen zu legen, bis die Figuren nicht mehr wissen, wo sie sich befinden.

Stangls Roman ist keine Mainstream-Literatur, aber trotzdem und gerade deswegen ein absolut empfehlenswertes Buch.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Der Froschkönig-Impuls, 17. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Regeln des Tanzes: Roman (Gebundene Ausgabe)
«Sollte man alles, was gesagt wird, unter die Knute der Verständlichkeit zwingen»? fragt Niklas Luhmann, der große Sozialwissenschaftler. Aber sicher doch, würde ich antworten, denn Sprache dient nun mal der Verständigung, es ist ihr eigentlicher Zweck, wo sie unverständlich bleibt, ist sie zwecklos. Was mir noch nie passiert ist als Leser, hier war der Impuls fast übermächtig: Ich hätte das Buch nämlich öfter mal am liebsten gegen die Wand geworfen, so hat mich der Roman «Regeln des Tanzes» von Thomas Stangl frustriert beim Lesen, – um schließlich genervt zwar, aber doch brav durchzuhalten bis zum Schluss. Manchmal kommt da noch was, hofft man ja immer, hier aber leider vergebens.

Im Wien des Jahres 2000 haben «bösartige Gnome» die Macht im Lande übernommen, eine rechtslastige Koalition, die nebenbei auch einen Geburtsfehler der Europäischen Gemeinschaft aufgedeckt hat, denn einen Ausschluss oder ein Instrumentarium von wirksamen Sanktionen gegen einen politisch abgedrifteten Mitgliedsstaat sieht der Vertrag nicht vor. Zwei Studentinnen, die der Uni schon für eine Weile den Rücken gekehrt haben, Mona und ihre fast bis zum Schluss namenlos bleibende Schwester, bewohnen gemeinsam eine von der Mutter finanzierte Wohnung, aus der Mona plötzlich ohne Nachricht spurlos verschwindet. Sie hat sich den Demonstranten gegen die verhasste Regierung angeschlossen, irrt allein ziellos durch Wien, taucht mal hier mal dort in der Menge auf - einmal sieht die Schwester Mona sogar ganz kurz aus der Ferne - ehe sie wieder verschwindet. Es gelingt ihr schließlich, einem jungen Polizisten den Revolver zu stehlen, sie bringt sich damit um. Andrea, ihre Schwester wendet sich später dem Butō zu, einem modernen japanischen Ausdruckstanz, sie tritt in Hinterzimmer-Theatern auf, bewegt sich in einem künstlerischen Untergrund von absoluten Außenseitern.

In einer zweiten Zeitebene der Jetztzeit begegnet uns der dritte Protagonist, Dr. Walter Steiner, ein alternder Kunsthistoriker im Ruhestand, gelegentlich noch als Gutachter tätig, der in gleicher Weise wie die beiden Schwestern ziellos dahin treibt, wie diese ratlos am Rande seiner eigenen Existenz zu stehen scheint, fast wortlos neben seiner Frau Pre her lebend, die ihn schließlich denn auch kommentarlos verlässt, um ihm später lapidar eine kurze Nachricht auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Er findet bei seinen ziellosen Streifzügen durch Wien zufällig in einer Mauerspalte zwei Filmrollen mit Fotografien. Er lasst sie entwickeln und trifft mit Hilfe der Fotografien nach langer Suche auf Andrea. Höhepunkt dieses wundersamen Plots ist dann ein gemeinsamer Auftritt der Beiden, bei dem ihm die Butōtänzerin die Kleider vom Leibe schneidet und ihm dann eine trockene Ganzkörperrasur angedeihen lässt, sein Geschlechtsteil eingeschlossen natürlich. Als das Licht angeht, erkennt er im peinlich hüstelnden Publikum unter den 23 Zuschauern Pre, seine Exfrau, eine mich unwillkürlich an Heinrich Manns «Professor Unrat» erinnernde Szene.

Was will mir der Autor sagen mit alldem, fragt sich der ratlose Leser, so er von meinem Schlage ist. Über weite Strecken in Form des Bewusstseinsstroms und ausschweifenden inneren Monologen erzählt, erzeugt Stangl, in einer allerdings klaren, unmanierierten Sprache, völlig verquere Zerrbilder einer Welt, die total kaputt zu sein scheint, in der nichts mehr stimmt und alles sinnlos geworden ist, in der sich seine beziehungsarmen Protagonisten folgerichtig auch nicht mehr zurechtfinden können. Alle drei, nicht nur die Selbstmörderin, erscheinen mir wie Psychopathen, die sich hilflos in einem vom Autor inszenierten Chaos bewegen, das leider völlig unglaubwürdig, weil regelrecht konstruiert ist. Ich war jedenfalls froh, diesem literarischen Alptraum nach knapp dreihundert Buchseiten glücklich entronnen zu sein, habe mir aber geschworen: Künftig werde ich den Wurf an die Wand praktizieren bei derart verkorksten Romanen.
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Regeln des Tanzes: Roman
Regeln des Tanzes: Roman von Thomas Stangl (Gebundene Ausgabe - 20. August 2013)
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