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13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Empfehlenswert!, 22. Februar 2013
Von 
Caliban (Süddeutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Nachtmeerfahrten: Die dunkle Seite der Romantik (Die Andere Bibliothek, Band 338) (Gebundene Ausgabe)
Vielleicht darf ich mit einem Statement beginnen: Als lebenslanger Liebhaber der Schauergeschichten von E.T.A. Hoffmann dürfte es mir wie manch anderem gehen, der auf dieser Seite nachschlägt. Man hat sich im Laufe eines Leselebens einen typischen Kanon von klassischen Meisterwerken der unheimlichen Literatur im weitesten Sinne erlesen. Hier kommen die meisten dieser Texte im Rahmen eines anregenden Literaturführers zur Sprache, wobei sich am Wegesrand auch immer wieder neue Anregungen finden.

1. Zum Inhalt des Werkes
Nach der Verlagsankündigung war mir nicht klar, ob es sich vorliegend um eine Anthologie von Texten zur Schauerromantik handeln würde oder um eine Sammlung von Essays. Keinen dieser beiden Wege schlägt die Autorin ein, sondern gestaltet einen Literaturführer zur Schauerromantik im weitesten Sinne. In einen integralen Text, der Zusammenhänge und Erzählstrukturen aufweist, werden kurze (oft nur eine Seite lange) Originalausschnitte eingestreut.
Das Werk ist dabei in fünf große Kapitel unterteilt. Im Prolog (I. Seelenfinsternisse) werden die Entstehungsbedingungen der romantischen Literatur und auch der Gothic Novel erläutert. In Kapitel II geht es um Gespensterliebe: Der Braut von Korinth treten zunächst Le Fanus Camilla und eine Gespenstergeschichte von Gautier gegenüber. In einem weiteren Unterkapitel werden Ligeia und eine Gespenstergeschichte von Turgenjew dargestellt und miteinander verglichen. Im Kapitel III geht es um „Böse Meister“: Das kalte Herz, aber auch Preußlers Krabat kommen hier zur Sprache, daneben Frankenstein, der Golem (ohne Meyrink allerdings) und auf differenzierte Weise auch Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde. In Kapitel IV (Innenansichten des Wahnsinss) tritt Hoffmann mit dem Sandmann und den Elixieren des Teufels prominent hervor; später werden Tiecks Liebeszauber und Poes, Das verräterische Herz einander gegenüber gestellt. Der Epilog (Kapitel V: Weltenbrand) vergleicht den Untergang des Hauses Usher von E.A. Poe mit E.T.A. Hoffmanns Erzählung das Majorat, macht dann einen Sprung zu Lem, Solaris und dem Science Fiction-Genre und geht noch auf die Nachwachen des Bonaventura ein.

2. Stärken und Schwächen
Eine erste große Stärke des Werkes stellt die internationale Ausrichtung des Werkes dar. Nicht nur die deutsche Schauerromantik steht hier im Mittelpunkt, sondern auch die englische, französische, U.S.-amerikanische und vereinzelt auch spanische sowie russische Literatur werden in die Darstellung miteinbezogen. Dies zeigt sich bereits im Prolog bei einem Ausblick auf die Gothic Novel.
Allerdings werden gerade hier auch Schranken der Darstellung erkennbar. Die Darstellung der Gothic Novel beschränkt sich auf Kurzportraits von Walpole (Castle of Otranto), Radcliffe und M.G. Lewis (The Monk), um dann in einer kurzen Parodie der Gothic Novel im Ulysses von James Joyce zu enden. Auf diesen letzten, mE. nicht sonderlich starken Text hätte man gerne für anderes verzichtet. Denn den reifsten und vollendetsten Autor der Gothic Novels (Maturin) mit seinem Meisterwerk (Melmoth der Wanderer) vermisst man. Überhaupt staunt man über die Lücken im dargestellten Repertoire: Bei der Gespensterliebe geht die Verf. auf Goethes Braut von Korinth ein, erwähnt aber d i e Gespensterliebesbalade der deutschen Literatur überhaupt nicht, nämlich Bürgers Lenore. Das Thema Golem wird anhand von Auszügen aus der Kabbala dargestellt, der Roman von Meyrink aber in diesem Zusammenhang (im Buch kommt Stanislaw Lem und Alfred Kubin ausführlich zu Sprache) nicht herausgestellt (Meyrink kommt später bei einer Kurzdarstellung des expressionistischen Films einmal vor). Beim Thema Gespenster vermisse ich etwa Henry James, Die Daumenschraube, die womöglichst gelungste Gespenstergeschichte der englischsprachigen Literatur überhaupt. Eichendorff kommt mit zwei Gedichten vor (Mondnacht und passender: Zwielicht), nicht aber mit dem Marmorbild usw.

Fairerweise muss ich aber einräumen, dass die Verf. auch den Leser mit bislang unbekannten Geschichten (zB. eine Doppelgängernovelle von Joseph Conrad, von der ich nicht wusste) und Autoren (Julien Green (mir in diesem Zusammenhang nicht vertraut) und Julio Cortázar (für mich ganz neu)) verblüfft. Es ist deshalb wohl für jeden Interessierten schwer, das Repertoire zu überblicken.

Eine ganz große Stärke des Buchs liegt wiederum in der Zusammenschau und Gegenüberstellung der Werke. Ein Vergleich zwischen Poes, Untergang des Hauses Usher, und E.T.A. Hoffmanns, Das Majorat, zeigt im Detail wie Poe sich bei Hoffmann bedient hat. Der Autorin fällt zur Verblüffung des Lesers auf, dass die Helden in beiden Erzählungen denselben Vornamen tragen (Roderich!). Auch der Zusammenhang zwischen verfallenden Gemäuern und verfallenden Familien- bzw. Gesellschaftsstrukturen in beiden Erzählungen wird dem Leer knapp aber eindrucksvoll nahegelegt. An Stellen wie dieser hätte man sich aber manchmal auch mehr Tiefgang beim Vergleich gewünscht: Denn erkennbar war Poe, anders als E.T.A. Hoffmann, ein Meister der Form, Hoffmann dagegen verbindet den Spuk beeindruckender mit der Bedrohung menschlicher Existenz, während er bei Poe sich eher mit dunkler Schönheit wie in ein Prosagedicht einfügt. Wenn aber Dr. Jekyll und Mr. Hyde und das Bildnis des Dorian Gray einander gegenübertreten oder das „Kalte Herz“ von Hauff und das „Verräterische Herz“ von E.A. Poe, schlägt vor allem auch das Herz des Liebhabers höher.

Mir hat auch sehr gut gefallen, dass die Verf. sich nicht auf die Romantik im engeren Sinne beschränkt, sondern Maupassants, Horla, ebenso würdigt wie Gautier und Turgenjew. Besondere Freude bereiteten die Passage über Kubins, Die andere Seite. Immer wieder wird auch die Verbindung zur Filmkunst hergestellt (etwa in einem kurzen Kapitel über den expressionistischen Film auf der Basis von Eisners Klassiker „Die dämonische Leinwand).
So treten die oben dargestellten Einwände hinter dem positiven Gesamteindruck deutlich zurück: Der Verfasserin gelingt ein geistreicher Führer durch die klassische unheimliche Literatur, der dem Neuling zahlreiche Anregungen liefert, den der Kenner aber auf unterhaltsame Weise anregend findet und gerne verschlingt. Klare Empfehlung!
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4.0 von 5 Sternen Eine anregende Einführung in die Literatur der Schwarzen Romantik, 25. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Nachtmeerfahrten: Die dunkle Seite der Romantik (Die Andere Bibliothek, Band 338) (Gebundene Ausgabe)
Die "Schwarze Romantik" hat relativ lange ein Schattendasein gefristet. Viele Autoren und Werke, die ihr gemeinhin zugerechnet werden, erfreuen sich zwar anhaltender Beliebtheit beim lesenden Publikum, das Konzept der "Schwarzen Romantik" selbst war aber nur selten Gegenstand einschlägiger Veröffentlichungen. Mit der von Kritikern und Besuchern begeistert aufgenommenen Ausstellung im Frankfurter Städel ("Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst", September 2012 - Januar 2013) und den nun erschienenen "Nachtmeerfahrten" der Kulturwissenschaftlerin Simone Stölzel könnte sich dies ändern.

Stölzel geht in ihrem Werk von einer "weiten" Definition der Schwarzen Romantik aus. In diesem Sinne handelt es sich nicht nur um eine literarische Unterströmung der Romantik am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, sondern um eine Epochen übergreifende Thematisierung von Abgründigem, Diabolischem oder Unheimlichem in der Literatur und anderen Kunstformen. So berücksichtigt Stölzel etwa Beispiele aus dem Genre des expressionistischen Films oder literarische Werke des 20. Jahrhunderts wie Ottfried Preußlers "Krabat". Auch in geographischer Hinsicht ist ihr Ansatz extensiv: Neben der deutschsprachigen Literatur werden auch Klassiker aus unter anderem England, Frankreich, Russland und Amerika thematisiert.

Bei einer derart ambitionierten Herangehensweise ergeben sich fast zwangsläufig Lücken im verwendeten Textkorpus. Daher ist es wichtig zu betonen, dass Stölzel keinen erschöpfenden Kanon schwarzromantischer Literatur aufstellen will, sondern in einer Mischung aus essayistischen Betrachtungen und kurzen Textauszügen in das ganze Spektrum dieser Literatur einführen möchte. Man kann durchaus von einer Art literarischen Reiseführer sprechen: Hier und dort wird angehalten, um etwas Sehens- bzw. Lesenswürdiges zu betrachten. Jeweils erfährt man relevante Fakten und erhält einige kurze Anregungen, wie das Gesehene bzw. Gelesene einzuordnen sei. Wirklicher Tiefgang ist in diesem Rahmen allerdings nicht möglich. Ziel ist es vielmehr, das Aufsuchen der Orte bzw. der entsprechenden Werke für den Leser attraktiv zu machen. Das gelingt Stölzel überzeugend. Der Orts- oder Werkkundige wird sich aber möglicherweise darüber mokieren, dass wesentliche Aspekte ausgeblendet bleiben oder die Gesamtdarstellung zu einseitig ausfällt.

Am Beispiel von Adelbert von Chamissos "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" möchte ich zeigen, dass es der Autorin - bei aller Rücksicht auf die von ihr gewählte Darstellungsform und Adressatenorientierung - nicht immer gelingt, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Text- und Inhaltswiedergabe einerseits und sinnigen Interpretationsangeboten andererseits herzustellen: Auf rund 9 Seiten wird der Inhalt des "Schlemihls" referiert oder in Form von Textauszügen direkt wiedergegeben, der eigentlichen Deutung bleibt kaum mehr eine Seite vorbehalten. Offeriert wird dem Leser dort allein jene biographistische Lesart, wonach der Mann ohne Schatten (Schlemihl) der Mann ohne Vaterland (Chamisso) sei. Die behauptete Identität von fiktiver Figur und realem Autor kann die Erzählung jedoch nicht befriedigend erklären. Sie suggeriert Eindeutigkeit, wo in Wahrheit Ambiguität und Deutungsoffenheit vorherrschen. Unter anderem Peter von Matt hat dies in einem glänzenden Nachwort zu einer 2010 erschienenen Reclam-Ausgabe von "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte" herausgestellt. Lesenswert hierzu ist auch nach wie vor Gero von Wilperts detaillierte Studie "Der verlorene Schatten" von 1978.

Zum Beispiel an dieser Stelle in Stölzels "Nachtmeerfahrten" wäre eine andere Gewichtung zwischen Inhalt und Deutung sowie eine etwas differenziertere Interpretation wünschenswert und gewiss auch realisierbar gewesen. Gerade, dass die Erzählung sich nicht auf eine Lesart festlegen lässt, bedingt ja ihren Reiz. Insgesamt ist Stölzel aber ein anregendes, umfangreiches Werk zur "Schwarzen Romantik" geglückt, dass das Potenzial besitzt, neue Leser für die Nachtseiten der Romantik zu interessieren und zu begeistern. Auch Romantik-Kenner erhalten in ihrer Darstellung gewiss noch neue Impulse für eine lohnenswerte Lektüre.

Abschließend sollen noch die optische Aufmachung und edle Verarbeitung des Bandes gewürdigt werden, die den gewohnten Maßstäben der "Anderen Bibliothek" entsprechen und nicht unwesentlich zum Lesevergnügen beitragen. Schade ist dennoch, dass die zahlreichen Abbildungen des Bandes meist nicht inhaltlich eingebunden sind und damit eher einer allgemeinen Illustration schwarzromantischer Atmosphäre dienen.
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Nachtmeerfahrten: Die dunkle Seite der Romantik (Die Andere Bibliothek, Band 338)
Nachtmeerfahrten: Die dunkle Seite der Romantik (Die Andere Bibliothek, Band 338) von Dr. Simone Stölzel (Gebundene Ausgabe - 1. Februar 2013)
EUR 36,00
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