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am 27. Oktober 2012
"Sie können doch nicht wegen eines Ehebruchs eine Frau umbringen ..." stößt ein ehrlich entrüsteter Gaius Pontius Pilatus hervor: "Das ist unglaublich", meint er. "In der heutigen Zeit!"
Und sogleich erlässt er ein Edikt, das den Juden die Vollstreckung von Todesurteilen verbietet. "Alle formellen Todesurteile müssen mir vorgelegt werden", ordnet er an. "Das wird Ärger geben", warnt sein landeskundiger Offizier Demetrius.
Deswegen also hatten die Römer der jüdischen Obrigkeit die Blutgerichtsbarkeit entzogen. Interessante Theorie, nur historisch leider völlig daneben.

Das Motiv der Steinigung von Ehebrecherinnen (eine im Palästina zur Zeit Jesu in Wirklichkeit äußerst selten tatsächlich vollzogene Bestrafung) durch spießige Dorfbewohner ("Recht muss Recht bleiben", maulen sie, als Jesus ihnen Einhalt gebietet) wird in der Schilderung des Verfassers zu einem Massenphänomen in Israel: Praktisch an jeder Landstraße liegen gesteinigte Frauen herum. An dieser erschreckenden "Tatsache" hängt er seinen unangenehm unhistorischen Roman auf. Schon gleich zu Beginn wird die Teenagerin Mirjam mit ihrem ersten Lover Simon im Heu (!) erwischt und muss Hals über Kopf aus dem Dorf fliehen.
Was sie eigentlich verbrochen hat und warum sie die Eiferer aus dem Dorf verfolgen, verrät der Autor allerdings nicht. Eine Ehebrecherin kann sie nicht sein, denn verheiratet war sie in der Phantasie des Autors offenbar gar nicht. Die Ehe brechen konnten im alten Israel aber nur verheiratete Frauen (das Fremdgehen eines verheirateten Mannes galt nach jüdischem Recht überhaupt nicht als Ehebruch und dafür wurde auch niemand gesteinigt).
Schwamm drüber, egal, sind ja nur historische Details, über die man sich als Dichter "großer Literatur" problemlos hinwegsetzen kann.

Dieses Schema wiederholt sich in dem Plot laufend. Lehrreich ist dieser Roman im Ergebnis nur für die, die sich die Geschichte lieber selbst ausdenken, statt Quellen zu recherchieren.

Aber was Philo von Alexandria schreibt, eine der wenigen außerbiblischen Quellen, in denen Pontius Pilatus überhaupt vorkommt, ist in den Augen des Autors nur "antirömische Propaganda". Das jedenfalls sagt die von ihm frei erfundene Figur des Archelaus, ein (hellenistisch) "assimilierter" Jude, der als Gehilfe für Pilatus gearbeitet hat und sich im Greisenalter für eine differenzierte und gerechte historische Beurteilung des Statthalters einsetzt. Wenig glaubwürdig, zumal die Römer Jerusalem inzwischen zerstört und den Tempel in Schutt und Asche gelegt haben. Und woher das Detailwissen stammt, offenbaren weder der Autor noch sein Gewährsmann Archelaus (noch ein historisch-kritischer Anhang oder Anmerkungsapparat, der einem romanschreibenden Historiker gut angestanden hätte).

Überhaupt schlägt das Herz der "guten" Juden in diesem Roman mehr für die "Pax Romana" (in den Augen des Autors offenbar eine Art Menschenrechtscharta) als für ihr Volk. Schon Mirjam fand die Römer eigentlich Klasse und wünschte sich in ihrer Not so einen römischen GI herbei, der sie ganz bestimmt vor den aufgebrachten Dorfbewohnern beschützt hätte (man denkt unwillkürlich an US-Soldaten, die im Nahen Osten die Menschenrechte gegen islamistische Extremisten verteidigen).
Stattdessen trifft sie auf Jesus, einen antiken Hippie, der mit einer Gruppe Fans durch die Gegend zieht: "Du bist neu hier, wie heißt du?", erkundigt er sich gleich, um dann seine etwas salbungsvolle Standardbegrüßung abzuspulen: "Sei willkommen bei uns, Mirjam, und finde Frieden und Geborgenheit." Klingt wie der Moderator einer Selbsthilfegruppe.

Wir lernen aus dem Buch, dass Pilatus ein ganz toller Hecht war, ganz nach dem Geschmack eines Karl May, der diese Figur ebenso gut ersonnen haben könnte. Gebildet und aufgeklärt, unbestechlich und mutig, ein intelligenter, agiler Realpolitiker, der nichtsdestotrotz seinen humanistischen Grundsätzen treu bleibt, bisweilen etwas spitzbübisch, vertritt er die westliche Welt in einer durch rückständige Religionsanhänger gebeutelten Kultur. Seine hübsche Frau Priscilla liebt er abgöttisch und drückt sie im Laufe des Romans immer wieder zärtlich an sich. Sportlich ist er auch, beim Wagenrennen wäre er gern mitgefahren und fiebert mit den Gespannbesitzern. Dass kein religiöser Jude in Jerusalem mit ihm redet, empfindet er als zutiefst beleidigend. Über die warnenden Ratschläge seiner Offiziere setzt er sich beherzt hinweg. Immerhin haben sie ihn belehrt, dass nur ein Teil der jüdischen Bevölkerung zu den Eiferern hält. Andere sympathisieren mit der "modernen" (hellenistischen) Kultur und wohnen im weltoffenen Cäsaräa. Und wenn Pilatus die religiösen Hardliner mit geschickten Provokationen aus der Reserve zu locken sucht, tut er das nicht etwa um der Staatsräson willen, sondern um den ins Stocken geratenen "Dialogprozess" in Judäa wieder in Gang zu bringen. Der Nahostkonflikt lässt grüßen.

Die spinnen die Römer, würde Obelix sagen. Seine Römer sind zweifellos authentischer als die Figuren in diesem Buch, und lachen kann man über seine Abenteuer auch besser. Bei Asterix wird mit gängigen Klischees gespielt, in diesem (hier völlig zu Unrecht hochgelobten) Roman werden sie dagegen kultiviert und unter dem Deckmantel historischer "Aufklärung" über angeblich in der Geschichtsschreibung verbreitete Fehlurteile über Pontius Pilatus verkauft.

Erzählerisch konventionell und vorhersehbar, schwach in den Dialogen, dilettantisch in den dozierenden Passagen, grobe Schnitzer bei den historischen Fakten (s.o.), klischeebehaftete Figuren, die alle irgendwie der zeitgenössischen Moderne entsprungen scheinen und nicht in ihre Zeit passen wollen. Ich würde sagen: mittelmäßiger bis besserer Groschenheftstil. Also: Wer das lesen will, mag es tun, aber immer daran denken: Mit "historisch" hat das alles nichts zu tun. Das hier gezeichnete Bild des antiken Palästina ist unhistorisch und frei erfunden und dazu geeignet, ein romantisch-modernisiertes, falsches und von keiner Quelle gestütztes Bild in die Köpfe zu zaubern.

NACHTRAG:
Die schlechte Kritik hat den Romanautor etwas verärgert, seine sachliche Reaktion auf diesen zugegebenermaßen ziemlich unverschämten Verriss spricht für ihn. Seine in Teilen durchaus berechtigte Replik bitte ich unter den Kommentaren zu dieser Rezension nachzulesen und sich selbst ein Urteil zu bilden.

Ich für mein Teil werde mir das Buch zur Strafe kaufen, allerdings zuerst Ralf Peter Märtin,Karl Jaroš und Alexander Demandt (Pontius Pilatus und Hände in Unschuld) sowie Jörg von Uthmanns (fiktiven) Briefwechsel zu dem Thema lesen, bevor ich die Wertung ggf. auf "nicht schlecht" heraufsetze.

Der Eindruck, dass wir es hier mit der grotesken und wenig fundierten Vereinnahmung eines unbedeutenden römischen Verwaltungsbeamten, über den es kaum verlässliche Quellen gibt, für die Sache eines unhistorisch-humanistischen Menschlichkeitsideals zu haben, bleibt vorerst bestehen. Wertungen wie "grandios erzählt" und "große Literatur" sind in jedem Fall lachhaft übertrieben.

NACHTRAG 2 (Sommer 2015):
Mittlerweile habe ich das hier "vorab rezensierte" Buch zuende gelesen, dgl. die o.gen. Sekundärliteratur gekauft und gelesen, meine Strafe also abgesessen. Den Verriss halte ich nach alledem auch in seiner Schärfe aufrecht. Das Buch ist im Grunde eine Realsatire auf einen historischen Roman. Man kann es zur Unterhaltung lesen, hat aber nicht viel davon, wenn man sich für Geschichte interessiert.
In einzelnen Punkten war meine Vorabrezension in der Tat uninformiert oder vorschnell. So hatte ich weder das komplizierte Beziehungsdrama zwischen Gaius und seiner Procula (!) durchschaut noch begriffen, dass Mirjam als junges Mädchen mit einem Schläger zwangsverheiratet wurde. Dem Urteil der Romanfigur Archelaus, der Philos negative Darstellung des Pilatus für propagandistisch überzeichnet hält, muss ich jetzt wohl oder übel zustimmen: Alexander Demandt und Werner Eck ("Rom und Judaea", 2007; "Die römischen Repräsentanten in Judaea: Provokateure oder Vertreter der römischen Macht?", 2011) sehen das ähnlich. Trotzdem ist es historisch natürlich wenig plausibel, dass ein Jude (nach 70) für Pilatus schwärmt. Philo und Josephus tun das - trotz beiderseits guter Kontakte zu den Römern - gerade nicht.
Auch die gesteinigten Frauen ziehen sich tatsächlich als Aufhänger- und Leitmotiv durch den Roman, wenn auch nicht immer so prominent, wie ich es oben behauptet habe. Gerade dieser Punkt illustriert den unhistorischen Blick des Autors auf Juden wie Römer.
Pilatus wird als gescheiterter humanistischer Held dargestellt, der die Werte der Moderne in ein rückständig-fanatisiertes Entwicklungsland zu tragen versucht. Als Romanidee natürlich legitim, auch gewisse historische Parallelen zum tatsächlichen römischen Selbstverständnis mag es geben. Aber in der Umsetzung ist das Ganze extrem konventionell und in der unkritischen und ungebrochenen Übertragung heutiger Denkmuster (liberaler Westen gegen fundamentalistischen Fanatismus) in eine fremde Zeit fürchterlich platt und uninspiriert. Man gewinnt keinerlei wirkliche Aufschlüsse über die damaligen Denkweisen, sondern läuft stattdessen Gefahr, sich eine falsch-modernisierte Sichtweise einzuprägen. Nicht empfehlenswert.
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am 1. September 2014
Ich bin keine Leseratte, lese aber ab und zu mal sehr gerne historische Romane. Mir gefiel sehr der Blickwinel der Geschichte, weil Pilatus in der katholischen Sichtweise immer als ein Bösewicht, als ein mieser Intrigant, als Schwächling dargestellt wird. Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, dass der historische Pilatus - wie jeder andere - seine Schwächen und Stärken hatte. Der Pilatur im Roman ist eine eher starke und meist sehr sympatische Figur. Seinen Entscheidungen wohnt man immer sehr nahe bei und kann sich ständig fragen: Würdest du das auch so machen?

Das Buch ist sehr gut recherchiert (Fußnoten auf der Homepage des Autors), und die Handlung ist in das historische Umfeld wunderbar eingebettet. Außerdem lassen sich durchaus Parallelen zum Verständnis der jetzigen Situation in dieser Region ziehen.
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am 11. November 2012
In einem Urlaub habe ich den Roman gerade nahezu verschlungen und nähere mich nun leider dem Ende. Darauf aufmerksam geworden bin ich durch meinen Vater, der Religionslehrer ist und selber viel liest.

Besonders gut gefallen hat mir die Szene des ersten Attentats, die man sowohl aus Sicht der Attentäter, als auch aus der des Statthalters und seiner Leibwächter erlebt. Nachdem die Attentäter nicht gefasst werden können, stellt sich Pilatus und seinen Beratern die Frage, wer und wie bestraft werden soll. Sollen die Stadtbewohner, die vielleicht sogar selber gar nichts von dem Attentat gewusst hatten, für die Geflohenen bezahlen? Ist bei einer zu brutalen und erbarmungslosen Strafe noch das Regieren der Region möglich? Bestraft man hingegen zu schwach, besteht jedoch die Gefahr vor weiteren Attentaten und Unruhen.

Eigentlich wollte ich nicht unbedingt eine Rezension schreiben, aber als ich hier eine äußerst schlechte Bewertung las, habe ich mich doch dazu entschieden.
In der Rezension wird behauptet, die Steinigung von Ehebrecherinnen sei im Roman ein Massenphänomen. Dem kann ich nur widersprechen! Man muss schon einige Tage lesen, bis man nach der Anfangsszene zur zweiten Steinigung kommt. Und das war es dann auch.

Der Roman ist sehr spannend, man kann zwischendurch kaum aufhören, weil man wissen möchte, wie es weitergeht. Allen Freunden historischer Romane kann ich diesen auf jeden Fall empfehlen!

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Noch ein Hinweis:
In der Online-Ausgabe der Zeitschrift G/Geschichte befindet sich eine weitere sehr positive Rezension des Romans:
[...]
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am 14. Dezember 2013
Pilatus kommt mit den besten Absichten in seine Provinz. Doch für religiöse Fanatiker ist er nur ein Fremder, der ihr heiliges Land beschmutzt, für die "Nationalisten" ist er der Besatzer. Das kann natürlich nicht gutgehen. Wilhelm schreibt fesselnd, lässt aber auch für jeden persönlich Raum, die Geschehnisse weiter auszumalen oder regt an, über sie nachzudenken. Der Roman-Pilatus wie auch der historische Pilatus können viele ihrer Pläne mit großem Geschick durchsetzen. Ein Beispiel ist der Aquädukt für Jerusalem, den die Römer/Griechen bauen und der Tempel trotz gewalttätiger Demonstrationen der Fanatiker bezahlt.
Eine nachhaltige Empfehlung für alle, die gern historische Romane lesen.
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am 9. Oktober 2012
Der historische Roman mit aktuellen Zeitbezügen hat mich fasziniert! Er beginnt mit einigen Stimmungsbildern („Mosaiksteine einer Welt“), die den Leser in seine vergangene, aber einmal gewesene Welt mitnehmen. Eine junge jüdische Ehebrecherin flieht vor den Bewohnern ihres Dorfes. „Sie ist zu steinigen!“ schreien sie. „Soll etwa Moses Gesetz nicht mehr gelten!“ – Es folgen eine Sitzung beim Kaiser Augustus, ein Gespräch über die Lebensängste der Menschen (Es sterben so viele so jung. Und was wird danach aus uns?), und schließlich erzählen einige Personen bewundernd-freundschaftlich über den jungen Pilatus.
Der Autor führt seine Hauptperson also indirekt ein. Man hat schon ein Bild von Pilatus im Kopf, dann tritt er auf. Der Kaiser ernennt ihn zum Statthalter – ausgerechnet in einer der ganz schwierigen Provinzen (Aufstand vor dreißig Jahren, als Herodes, der König von Roms Gnaden, starb, Varus ließ damals zweitausend jüdische Aufständische kreuzigen, seitdem ständige Querelen). Aber Pilatus hat einen so guten Ruf beim Kaiser, und so schickt der ihn dorthin.
Die Nachricht erreicht Judäa vor dem neuen Statthalter. So kann einer der Wortführer der religiösen Fanatiker das erste Attentat vorbereiten. Herrlich sein Gespräch mit dem Hohenpriester Kaiphas, in dem er Kaiphas kompromittieren will, und ihn um den Segen für den Mordanschlag bittet! („Ich hasse diesen Menschen!“ schreien Kaiphas' Gedanken. Und: „Sieh dich vor, Jakim, mancher Mörder ist vor seinem Opfer gestorben.“). Der Anschlag geht fehl, die Attentäter flüchten, die Dorfbewohner haften für die Sicherheit des Statthalters. (Das war noch Völkerrecht bis in den Zweiten Weltkrieg, wo für jeden erschossenen deutschen Soldaten zehn einheimische Menschen sterben mussten.) Was soll Pilatus jetzt tun? Großmütig wegen seines Amtsantritts verzeihen? Dann kannst du gleich wieder nach Rom abreisen, sagt ihm sein Stellvertreter, schlag zehn Männer ans Kreuz und schick fünfzig auf die Galeeren. – Die Hälfte der männlichen Dorfbewohner…
So nimmt der Roman seinen Lauf. Im Wechsel zwischen action und Nachdenklichkeit. Wie der Hass (das ist die Steigerung von Mobbing) den Menschen zusetzt, vor allem den gutmütigen. Großartig erzählt!
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am 11. Oktober 2012
Ich möchte gern vermeiden, dass ein Leser oder eine Leserin aller Rezensionen den Roman schon komplett kennt. Aber wahrscheinlich erzähle ich zu viel. Der Roman bietet so viele Aspekte und Erzählstränge, dass jeder Rezensent sich vermutlich in eine andere Richtung bewegt. Meine ist diese:

Ich war etwas skeptisch, als ich das Buch geschenkt bekam. Ein Pilatusroman – das ist sicher auch ein Jesusroman. So fromm bin ich aber nicht, dass ich das unbedingt lesen müsste. Aber keine Sorge, es ist ein Pilatusroman. Pilatus und sein Umfeld stehen im Zentrum der Erzählung. Die anderen Rezensionen bestätigen das auch.

Aber Pilatus hört natürlich von Wanderpredigern und Wunderheilern und schickt ihnen gelegentlich Spione (unter dem Deckmantel der Religion könnten sich auch Aufständische verstecken). Pilatus gefallen diese Prediger, weil sie ausnahmslos Kritiker des Tempels in Jerusalem sind, und daran hat er nicht nur seinen Spaß, sondern er erfährt über diesen Umweg auch manches. Daher bekommt er einen mittleren Tobsuchtsanfall, als Herodes Antipas den am Jordan über Herodes herumnörgelnden Johannes (den Täufer) festnehmen und hinrichten lässt und Pilatus eine Infoquelle nimmt.

Zu einem anderen Wanderprediger schickt Pilatus ebenfalls Beobachter, zu Jesus. Die berichten von allerlei Wundern. Hast du welche gesehen? - Nein, als ich da war, gab es keine.

Diese Berichte hat der Autor mit viel Sorgfalt und behutsamem Einfühlungsvermögen geschrieben. Auf seiner Homepage kann man sich über die Theologieliteratur informieren, die er herangezogen. Beim Leser entsteht ein Jesusbild, das moderner Theologie entspricht, und die Bibeltexte auf ihren vermutlich realen Kern reduziert (eine Leistung der Theologie übrigens, die der Islam noch vor sich hat, vgl. z.B. DIE ZEIT aus der vorigen Woche, S. 4).

Jesus hat mit zahlreichen Sabbatverletzungen todeswürdige Verbrechen nach jüdischem Recht begangen. Pilatus' Berater erwarten, dass er bald gesteinigt oder ganz unauffällig von gedungenen Mördern erstochen wird. Pilatus nimmt ihn in Schutzhaft. Dort sucht er ein Gespräch mit seinem Gefangenen. Und das ist ganz große Literatur geworden! Vielleicht kennen Sie Dostojewskis Parabel Der Großinquisitor. Das Streitgespräch Pilatus ./. Jesus ist eine Nummer besser/anspruchvoller. Ich habe diese Abrechnung eines Menschen mit der Gottheit (Pilatus' Sprachgebrauch) schon zweimal gelesen. Sehr beeindruckend.

Der ganze Roman ist ungewöhnlich gut geschrieben.
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am 9. September 2012
Wer gern historische Romane liest, für den gibt es einen neuen Leckerbissen! Der Roman ist ein erzählerisches Meisterwerk.

Es geht um folgendes: Pilatus war zehn Jahre lang Statthalter (Präfekt) der römischen Provinz Judäa. In Judäa lebten Juden und zahlreiche zugewanderte Griechen und Syrer, die etwa in den Küstenstädten die Bevölkerungsmehrheit bildeten. Strenggläubige Juden hatten mit dieser Situation unüberwindliche Schwierigkeiten. Sie wollten das Reich ihres Königs David wiederherstellen. Eine damals - real betrachtet - einfach irre Vorstellung. Die Mehrzahl der Strenggläubigen glaubte auch, Gott werde ihnen den Messias schicken, - einen gewaltigen Feldherrn, der Römer, Griechen, Syrer und sonstige Ungläubige ins Meer fegen werde, und in dieses dann von Ungläubigen gereinigte Land werde Gott persönlich vom Himmel herunterkommen, im Tempel von Jerusalem Quartier beziehen und von Jerusalem sein auserwähltes Volk, die gläubigen Juden, regieren.

So, hier also war Pilatus zehn Jahre lang der politisch und militärisch Verantwortliche. Er musste sich fast täglich mit dem Hass der Menschen, mit Gewalttaten, mit Mord und Totschlag und Attentaten herumschlagen. Theateraufführungen in der hellenisierten Residenzstadt Caesarea werden gestört, weil sie nicht gottgefällig" sind. Umgekehrt werden Wanderprediger, die das nahe Ende der Welt verkünden, durch PilatusŽ Spitzel beobachtet.

Eingestreut werden Geschichten über love affairs - aber die Menschen haben es in diesem Umfeld schwer.

Das alles wird überzeugend entwickelt und meisterhaft erzählt. Ich kenne keinen tiefgründigeren und gleichzeitig spannenderen historischen Roman. Volle 5 Punkte.

Auf der Webseite des Autors gibt es ein historisches Nachwort und weitere Erläuterungen - auch interessant.
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am 4. März 2013
Ich habe das Buch geschenkt bekommen, war zunächst skeptisch und wegen der furchtbar kleinen Schrift auf nahezu 500 Seiten nicht motiviert es zu lesen. Wahrscheinlich wäre es im Regal verstaubt, wenn mich die Lektüre der kontrovers geführten Amazon-Rezensionen nicht neugierig gemacht hätte, es doch noch in die Hand zu nehmen.
Die Geschichte hat mich recht schnell gepackt und das Buch sich im positiven Sinne als ein Schmöker erwiesen, den ich nicht mehr aus der Hand legen wollte.
Da das Buch ein Roman ist, gehe ich davon aus, dass es zunächst unterhalten möchte und der Autor in dichterischer Freiheit Handlungsstränge, Personen und den Charakter des Pilatus, über den historisch ja wenig bekannt ist, beschrieben hat. Gleichzeitig scheint mir der Autor sehr viel Sorgfalt darauf verwandt zu haben, Sitten und Gebräuche, politische Systeme, religiöse Vorstellungen etc. historisch möglichst korrekt wiederzugeben.
Sehr hilfreich fand ich das Stilmittel, uns Leser in kursiver Schrift die Gedankengänge der Protagonisten nahe zu bringen. Anders wäre es wohl schwer möglich gewesen, die Weltanschauungen und daraus resultierende Handlungsmotive der Personen zu verstehen.
Während der Lektüre war ich sehr gespannt, wie der Autor jene Ereignisse beschreiben würde, die wir aus den Evangelien kennen. Es sei hier so viel verraten, dass er im Handlungsverlauf genau diese Szenen übersprungen und stattdessen ein fiktives Gespräch eingeflochten hat, das einige Jahrzehnte später der Evangelist Johannes während seiner Recherche für seinen Jesus-Bericht mit einem Zeitzeugen geführt hat. Die Rekonstruktion der Ereignisse um Jesus hat mich doch sehr überrascht, da sie in ungewohnter Weise die Darstellungen in den Evangelien in Zweifel zieht.
Gegen Ende fand ich das Buch zunächst etwas langatmig, musste dann aber eingestehen, dass es schließlich ein Pilatus- und kein Jesus-Roman ist und die Geschichte zu Ende erzählt werden will.
Für die insgesamt kurzweilige Lektüre und einige Impulse, mich mit bestimmten theologischen Fragestellungen erstmals oder nochmals auseinanderzusetzen, geb ich dem Buch gerne die fünf möglichen Sterne.
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am 10. Oktober 2012
Bin begeistert, weil der Roman die historischen Umstände veranschaulicht, aus denen das Neue Testament und damit unsere christliche Kultur erwachsen ist. Wie sahen die Sitten und Gebräuche in der damaligen römischen Provinz aus, in der Jesus zum Tode verurteilt wurde? Die Sicht auf die Dinge durch die Augen von Pontius Pilatus ist ein Abgesang auf jeglichen Fundamentalismus und macht Mut zum täglichen Überdenken der eigenen Entscheidungen und des richtigen Lebensweges.
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