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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sprachfest
Wie kann man heute eine frühmittelalterliche Legende erzählen, die einem modernen Leser in ihrer wunderdurchsetzten Unglaubhaftigkeit nicht einfach phantastisch erscheinen muss? Dieser hohe Herausforderung stellte sich Thomas Mann in 'Der Erwählte' - und fand eine überzeugende, in mancher Hinsicht provozierende Antwort. Und mit dieser konfrontiert er,...
Veröffentlicht am 7. Februar 2010 von Bücherkeule

versus
8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Enttäuschend
Der große Name des Schauspielers verführt zum Kauf. Aber wie enttäuschend ist seine Lesung! Man müsste sie, wäre nicht die vortragsgeschulte Stimme, indiskutabel nennen. Gert Westphal würde sich im Grabe rumdrehen. An ihm Quadflieg zu messen wäre ungerecht, aber Quadflieg liest so lustlos, als hätte er den Text kurz vor der...
Veröffentlicht am 8. November 2009 von Rontrus


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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sprachfest, 7. Februar 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Erwählte: Roman (Taschenbuch)
Wie kann man heute eine frühmittelalterliche Legende erzählen, die einem modernen Leser in ihrer wunderdurchsetzten Unglaubhaftigkeit nicht einfach phantastisch erscheinen muss? Dieser hohe Herausforderung stellte sich Thomas Mann in 'Der Erwählte' - und fand eine überzeugende, in mancher Hinsicht provozierende Antwort. Und mit dieser konfrontiert er, um gar nicht erst Missverständnise aufkommen zu lassen, den Leser bereits auf den beiden ersten Seiten: Er beginnt mit einem Wunder, das im Verlauf der Geschichte erst sehr viel später geschehen wird, dem Läuten der Glocken von allen Kirchtürmen Roms beim Einzug des Papstes Gregor. Keine Hand rührte an die Glockenseile, schlaff hängen sie in den Türmen, doch, so mahnt die Erzählstimme, sei es unrichtig zu sagen, die Glocken läuteten ohne auch zu sagen, sie werden geläutet. Der Geist der Erzählung ist es, der die Glocken zum Läuten bringt, ein Geist, der überall sein kann und der sich doch zu einer konkreten Person verdichtet, einem irischen Mönch, der im späteren Mittelalter die Geschichte Gregors in St. Gallen aufs Pergament bringt. Damit ist der Geist der Erzählung als eigenständig Handelnder eingeführt, und es dieser Geist, der durch Humor und wechselnde Nähe und Ferne zu den Figuren das Unglaubhafte der Legende erträglich macht. Damit ist bereits in der Erzählung eine reflektive Ebene eingezogen, die sich im weiteren als tragfähiger Schutz gegen das allzu legendenhafte der Geschichte erweist.

Doch der Roman wäre nicht von Thomas Mann, wenn er die Gelegenheit nicht nutzen würde, sich ein weiteres Mal als Meister der Sprache zu erweisen: Mit sicherer Hand konstruiert er eine pseudo-mittelalterliche Sprache, die, obwohl vordergründig altertümelnd, doch zutiefst modern ist. Satzbau und Vokabular fügen sich geschickt in die Aufgabe, eine andere Zeit hörbar zu machen. Und doch ist die sprachliche Reflektion modern.

Das geschickte Wirken des Geistes der Erzählung und die meisterliche Sprachgestaltung sorgen für ein Sprachfest erster Güte. Man mag sich für die Geschichte des Gregorius interessieren oder nicht - lesen wird man dieses Werk vor allem als eine Feier der Sprache.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hörspiel aus dem Jahre 1971, 23. März 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Untertan, 5 Audio-CDs (Audio CD)
Dem aufmerksamen Hörer fällt natürlich auf, daß die Inszenierung des WDR inzwischen dreißig Jahre alt ist. Besonders bemerkt man dies beim "Klangteppich". Ludwig Kremer, der Regisseur, setzt die Hintergrundgeräusche sehr behutsam und feinfühlig ein, so daß es sich manchmal fast wie eine Lesung mit verteilten Rollen anhört. Dies ist in diesem Fall aber kein Nachteil, denn der Hörer kann sich voll auf die Dialoge konzentrieren und wird nicht durch den sogenannten "Dolby-Sourround-Effekt" von der anspruchsvollen Handlung abgelenkt. Hier wird deutlich, daß weniger oftmals mehr ist.
Als Erzähler führen Walter A. Schwarz und Heiner Schmidt durch die Handlung; die Rolle von Diederich Heßling spricht Heinz Drache, der allen durch die "Edgar-Wallace-Filme" bekannt ist, großartig. Auch die weiteren über 50 Sprecher (u.a. Walter Jokisch, Gisela Zoch, Gerd Baltus, Ernst Fritz Fürbringer, Horst-Michael Neutze, Karl Lieffen, Hans Caninenberg, Matthias Ponnier und Irmgard Först) sind hervorragend.
Die Figuren - allen voran Diederich Heßling - werden so lebendig, daß man glaubt seine Lehrer und Vorgesetzen - und manchmal, leider, auch seine Freunde und sich selbst - zu erkennen. Dadurch wird deutlich, daß der Roman von Heinrich Mann immer noch zeitgemäß und keineswegs "verstaubt" ist.
Dem Hör Verlag kann man zu dieser Produktion gratulieren. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt und die CD-Version ist nicht mehr teuerer als die auf Kassette.
Es wäre wünschenswert, wenn der Hör Verlag weitere ältere Hörspiele aus dem Fundus der Rundfunkanstalten veröffentlichen würde - aber bitte als CD. Ich denke dabei z.B. an "Des Teufels General".
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27 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Legendenstoff in moderner Bearbeitung, 2. August 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Erwählte: Roman (Taschenbuch)
Thomas Manns Erzählung gründet sich in Hauptzügen auf den mittelalterlichen Epos „Gregorius der gute Sünder" geschrieben von Hartmann von der Aue. Beide sind sich sehr ähnlich, was für eine Adaptation eines Legendenstoffs, wie es „Gregorius der gute Sünder" ist durchaus im Bereich des Erlaubten ist. Nichts dagegen zu sagen. Ist das Original aber noch in Reimform und Mittelhochdeutscher Sprache geschrieben, so bezieht sich Thomas Mann doch auf das, was er am besten kann - Prosa. Und die ist im gelungen. Der Text liest sich ungemein gut und, er ist, trotz des heiklen Themas, Inzest nämlich, nicht unkomisch. Genaugenommen finden sich einige für den Leser im ersten Moment groteske Formulierungen und Situationen, die sich im Nachhinein aber doch selbst erklären. Zum ersten Mal kam Thomas Mann mit der Gregorius Legende im Wintersemester des Jahres 1894 / 95 in Kontakt und diese Geschichte um den „christlichen Ödipus" mit der „Kraft der Reue zur Vergebung jeglicher Sünde" lies ihn nicht mehr los. Gregorius ist das Kind einer freiwillig unfreiwilligen Liaison eines Bruders mit dessen Schwester. Da das Kind nicht bekannt werden darf, wird es auf das Meer ausgesetzt, wo es von Fischern geborgen wird, in einem Kloster aufwächst, um im Erwachsenenalter in seine Heimatstadt zurückzukehren, ohne es zu wissen seine Mutter ehelicht. Das Vergehen wird entdeckt und Gregorius beschließt seine Sünde zu büßen, indem er auf einem Stein im Meer leben will. Schlußendlich wird er aber doch zum Papst gekrönt, warum, das lese möglichst jeder selbst, es lohnt sich tatsächlich. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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57 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nein, dieses Buch ist hochaktuell, 14. Dezember 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Untertan (Gebundene Ausgabe)
Die armen Schüler, die sich an diesem Ort über die ihrer Meinung nach nicht mehr vorhandene Aktualität des Buches beklagen haben entweder zweifelhafte Lehrer oder schlichtweg eine unterentwickelte Fähigkeit zur Selbstreflektion. Es geht nicht um die Vergangenheit, es geht viel mehr um die Mechanismen und Automatismen in der Formung des Charakters eines Menschen unter immer wieder aktuellen Machtkonstellationen. Und es glaube bitte keiner, dass die dargestellten Verformungen eines Charakters nur in dieser Zeit geschehen sind, man schaue sich aufmerksam um und siehe da, die Heßlings von heute sehen anders aus, sind häufig seminargeschliffene Schönredner. Hinter der Fassade aber steckt leider oft genug der nahezu skrupellose Machtmensch. Das wird aktuell bleiben solange es Menschen gibt und schon deswegen ist es gut und wichtig, zu wissen was diese Menschen treibt und wie sie sich selbst gegenüber ihr Handeln, ihr Tun und Lassen zu rechtfertigen versuchen.
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr spannender Roman über einen typischen "Untertan", 7. Januar 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Untertan (Gebundene Ausgabe)
„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt." So fängt die Lebensgeschichte des Diederich Heßling an und man ahnt schon beim ersten Satz, dass dieses kein gutes Ende haben wird. Sein Leben wird von Anfang bis Ende beschrieben und man sieht, wie sich die Hauptperson entwickelt, wie sie sich zu einem Untertan entwickelt, dessen höchstes Erlebnis es sein wird, den Kaiser aus der Nähe gesehen zu haben. Andere Werte, wie jedoch Liebe und menschliche Gerechtigkeit bzw. menschliches Mitgefühl sind ihm leider jedoch eher fremd. Das Buch schreib einerseits eine spannende Geschichte, andererseits beschreibt es aber sehr gut das deutsche Gedankengut von damals (und sicher auch teilweise von heute), ausgedrückt durch die soziale Unterdrückung, deutsche Burschenschaften, das Militär, die Autoritätenverehrung usw. Eins meiner Lieblingsbücher. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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24 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die anderen Erzählungen, 30. April 2005
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Über die Haupterzählung dieses Bandes, "Der Tod in Venedig", ist von meinen Vorrezensenten schon viel geschrieben worden; ausreichend, um sich ein gutes Bild dieses Meisterwerks der Jahrhundertwende zu machen.
Allerdings beinhaltet dieses Buch auch andere Erzählungen, auf die ich kurz eingehen möchte, da sie in den vorigen Rezensionen zu kurz gekommen sind.
"Tristan" ist ein Frühwerk von Thomas Mann. Seine Leser werden den Schauplatz wiedererkennen, ein Sanatorium in den Schweizer Alpen. Der Protagonist: Ein Möchtegern-Schriftsteller, ein Einzelgänger und schwieriger Mensch. Die Frau eines Großkaufmanns taucht auf und die Szene für ein sehr problematisches, platonisches Liebesverhältnis ist gesetzt. Sehr gut zu lesen und mit der für Mann typische klare Psychologie ausgestattet.
Danach kommt meine Lieblingsgeschichte, "Die vertauschten Köpfe". Diese Erzählung ist in der indischen Märchenwelt angesiedelt, voller Wunder und farbenprächtig erzählt. Man könnte meinen, dass ein Inder diese Geschichte erzählt hätte. Eine ergreifende Handlung, wunderschön geschrieben und sehr weise. Eines der Spätwerke von Mann.
Dann geht es weiter mit einer sehr kurzen Erzählung, "Gladius Dei", in der es um die Unantastbarkeit der Heiligen Jungfrau Maria geht und um die Entfremdung von Religion und Heiligtum in der modernen Welt. Das Thema ist auch heute noch (mehr denn je) aktuell, allerdings habe ich mich mit dieser kleinen Geschichte nicht so richtig anfreunden können, da Mann hier zu sehr moralisierend den Finger hebt.
Anders sieht es wieder mit der kurzen Erzählung "Schwere Stunde" aus, eigentlich nichts mehr als eine Momentaufnahme im Schaffensprozess von Schiller. Eine kleine, aber feine Studie über Schiller, seine Ängste und Zweifel in einer schweren Stunde des Schaffens (oder eher Nicht-Schaffens).
"Das Gesetz" ist dann der Abschluss dieser Sammlung und wieder spielt Mann, wie zuvor schon in der indischen Erzählung "Die vertauschten Köpfe" mit der Sprache, lässt sie altertümlich und bibelhaft erscheinen. Allein durch dieses Sprachexperiment ist die Geschichte es wert, gelesen zu werden. Auch wird Moses entzaubert, seine Weltlichkeit und Menschlichkeit mit all seinen Fehlern in den Vordergrund gerückt - ein sehr interessanter Zugang zu dem Thema. Allerdings zieht sich die Lektüre ein wenig, sie hätte durchaus kürzer gefasst werden können.
Mein Fazit: Ein weiterer Beweis, welch ein großer Erzähler Thomas Mann war, allerdings schuf auch er nicht uneingeschränkt große Meisterwerke (wenngleich diese bei ihm in der Überzahl sind). Manchmal (wie in "Gladius Dei") brachte er auch nur Mittelmäßiges bis halbwegs Gutes zu Stande, deshalb die 4 Sterne. Dennoch eine echte Empfehlung - nicht nur wegen der berühmten Erzählung "Der Tod in Venedig" - denn dieses Buch hat noch viel mehr als diese zu bieten.
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45 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Habemus papam, 8. April 2005
Einfach nur wunderbar! Die Kirche lief Sturm gegen dieses 1951 erschienene Spätwerk Thomas Manns. Wie könne man sich nur so an der Schöpfung vergehen. Wie auch immer, für alle Nichtdogmatiker ist dieser Roman ein köstlicher Spaß.
Erzähler ist der Mönch Clemens, der uns diese Geschichte "zur Unterhaltung" berichtet. Protagonist ist Gregorius, das Kind von Wiligis und Sibylla, einem Geschwisterpaar. Als diese das unerhörte Ausmaß ihres Aktes begreifen, legen sie das Baby in ein kleines Schiffchen und setzen dieses auf dem Meer aus, beigelegt ein Bericht über die schändliche Herkunft des Kindes. Ein Abt auf einer kleinen Insel findet das Schiffchen, nimmt den kleinen Gregorius auf, verheimlicht aber vor aller Welt die Geschichte seiner Herkunft und lässt dem Jungen eine theologische Erziehung angedeihen. Als junger Mann erfährt Gregorius jedoch von seinem Makel und beschließt auf Ritterfahrt zu gehen, um seine Sünden zu büßen. Dabei befreit er eine Stadt und heiratet dessen Herrin. Diese Herrin ist, man hält es nicht für möglich, seine Mutter. Nach mehreren Jahren erfahren die beiden durch Zufall von dieser Misslichleit und der gute Gregorius beschließt, den Rest seines erbärmlichen Lebens auf einem kahlen Felsen in Meer zu verbringen. 17 Jahre später, die Kirche ist durch ein Schisma gespalten, haben zwei Kirchenmänner eine Vision, dass der neue Papst seit 17 Jahren sein Dasein auf einem Felsen fristen soll. Sie begeben sich sofort auf die Suche und finden auch tatsächlich Gregorius, der auf wundersame Weise überlebt hat und zum neuen Papst ernannt wird. Als Sibylla von diesem neuen, wundersamen Papst erfährt, begibt sie sich zu ihm, um Absolution von ihren Sünden zu erlangen. Sie erkennen sich gegenseitig, fallen sich in die Arme und dem Happy End steht nichts mehr im Wege.
Das Unterhaltsame an diesem Roman ist die durchweg vorhandene Ironie in der Erzählung Clemens. Er erwähnt zwar ständig, wie schlimm das doch alles sei und wie schwer es ihm doch falle, alles wahrheitsgemäß zu berichten, doch tut er es doch mit einer unverhohlenen Freude am Detail. Zusätzlich dazu macht Manns einmaliges Sprachniveau die Lektüre dieses Romans zu einem großen Vergnügen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Begehr ohne Liebe zur Form ohne Seele, 13. November 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Tod in Venedig. Novelle. (Taschenbuch)
Mit dieser höchsten literarischen Ansprüchen genügenden Novelle namens "Der Tod in Venedig" bot und bietet Thomas Mann (1875 - 1955) dem Leser eine spannende Symbolgeschichte, die nicht nur mit kunstvoller Sprache atmosphärisch detailliert ausgemalt ist, sondern auch eine tiefsinnige, poetische Darstellung der entlegenen Ebene einer Verwandschaft zwischen Begehr und Tod enthält.
Der Protagonist dieser anno 1913 erschienenen Novelle ist die Figur des überfünfzigjährigen Dichters Gustav von Aschenbach, der als Künstler anerkannt und gar mit einem 'von' im Namen geadelt worden ist. Dieser Aschenbach reist zu wiederholtem Male eines Sommers nach Venedig, wo er in seinem vornehmen Hotel unter anderen Menschen eines vielleicht zwölfjährigen polnischen Knaben ansichtig wird, dessen Körpers Wohlgelungenheit ihn an hellenische, vollkommene Götterstatuen erinnert, hingegen des Knaben dreie Schwestern ihn nicht im Geringsten reizen. Aschenbach ist von der Form dieses noch nicht pubertierenden Kindes entzückt, fasziniert und gefällt sich in stiller, stets angsthaft beobachtender Huldigung. Angst empfindet er gegenständlich vor einem Entdeckt- und Abgewiesenwerden.
Die feine Figur des schönen Knaben symbolisiert das hohle Ideal einer vollkommenen Form, die jedoch noch ohne nennenswert gediehenen Inhalt ist. Immer wieder bedenkt der von der äußeren Erscheinung des Knaben hingerissene Aschenbach die Form so dichterisch-philosophisch, als sei etwas an sich Seiendes, etwas Wunderbares, ja: Göttliches: sie sei als Gottesgedanke die eine und reine Vollkommenheit. Oder: die einzige Form des Geistigen, die wir Menschen sinnlich empfangen und sinnlich ertragen könnten, sei die Schönheit. Aschenbach nennt seine Verfallenheit an diese schöne Form eine 'Sehnsucht' und sieht diese als "Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis" an.
Von der fließenden Sehnsucht nach der Form findet Aschenbach eine stehende Formel der Sehnsucht, nämlich dem Bekenntnisse: "Ich liebe dich!" Dies denkt und empfindet Aschenbach, bekennt es jedoch niemandem.
Und dies beweist, dass der vornehm kultivierte, sinnlich suchende Dichter einem Irrtume aufsitzt: er nicht liebt, sondern begehrt. Die Liebe wertet keine Formen, sondern schaut, erkennt und umarmt das Innere: die Seele. Dies aber ist von dem begehrenden Aschenbach noch nicht erschlossen. So ist seine sinnliche Suche der schönen Form als des Vollendeten eine Suche ohne lebenden Inhalt, ohne Seele. Und der Begehr zu der Form hin wird von ihm als "Liebe" fehlgewertet. Diese wäre denn eine "Liebe" ohne innerlich einenden GEIST. Der Begehr sucht immer und stets einzig die Form und das Spielen mit ihr, denn geistiger Inhalt als die Form relativierend stört ihn nur. Die Liebe hingegen achtet nicht die Gestalt, sondern einzig das geistvolle Innere. Solche Liebe aber lebt in Aschenbach nicht.
Und so nennt denn auch der Name 'Tod' im Titel der Novelle nicht lediglich Aschenbachs Sterben in Venedig. Zwar stirbt er am Ende des erzählten Geschehens an der zu jener Zeit in Venedig grassierenden "Indischen Cholera", aber diese Notiz wird erst mit den letzten Worten des Textes lapidar, nahezu beiläufigen Tones nachgereicht. Nein, der 'Tod' nennt hier Aschenbachs angsthaften, lieblosen Begehr -- und ist mit diesem selbig, weil er etwas nur Äußerliches, nicht an sich Lebendes erstrebt, nämlich die vergängliche, letztlich tote Stoffgestalt eines von sich aus unbeteiligten Kindes, jedoch die Seele und mit ihr das LEBEN unbeachtet ausschließt.
In wunderschön gewählter, ja: zu Diamant geschliffener Sprache geleitet Thomas Mann den Leser durch Aschenbachs leidenschaftlichen Irrtum bis zum traumverlorenen Ende auf sanften, in das unendliche Meer hineinragenden Sandbänken am Ufer der zerrinnenden Welt; nachhaltig beeindruckt schließt der Leser das Buch, diese tote Form, um den tiefreichend belebten Bildern ergriffen-andächtig nachzusinnen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Milde wie die Lebensluft im Kloster Clonmacnois, 23. September 2008
Von 
Klaus Grunenberg (97447 Gerolzhofen, Bayern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der Erwählte: Roman (Taschenbuch)
Wie soll man dieses Werk lesen,wenn nicht mit Vergnügen. Und es ist ein echtes Vergnügen, das man sich gönnt. Wenn dann etwa Seiten aufgeschlagen werden, in denen lateinische Bedeutungen anklingen, was macht das schon. Das alles ist vielmehr passend und entspricht unserer Erwartung dieses Genres.
Es geht in diesem Alterswerk von Thomas Mann um die ironisch- distanzierte Aufarbeitung unseres christlichen Glaubens, dem sogen. abendländischen Codex, dem vielbemühten heutzutage, wenn es um den europäischen Geist geht. Aber es ist dennoch kein unbedarfter Willens-Entschluss, kein Vorzeigen einer Leitlinie also, vielmehr ein Lehrbuch des Vergnügens, wie gesagt.
Wie könnte es auch anders sein bei einem geistigen Menschen wie Thomas Mann?
Immerhin enthält das Werk genügend Hinweise auf echte Gefühlsregungen und die Versöhnungstheorie, vor allem die Sühne spielt eine gewichtige Rolle.
Wie aber die Menschen und Lebewesen in diesem Werk genau beobachtet werden, z.B. anhand des herrlichen Pferdes Sturmi beim entscheidenden Zweikampf, oder zu Beginn beim ähnlichen Ringkampf zwischen den ungleichen Brüdern, das ist schon eine Klasse für sich.
Und dann die entzückend treffenden Beweise seiner großartigen Satirekunst beim Beschreiben der hervortretenden Gesichtszüge frommer Seelen (die sich dafür halten, und wie!) oder etwa beim undeutlich zitternden (heiligen) Schein um dem Kopf des einfachen Fischerweibes in der Hüttendunkelheit bei Funzellicht.
Nein, hier hat jemand endlich mal wieder Wahres verkündet, wie es zustande kommt, das Geistige oder das Geistliche und wie es uns verkauft wird bis heute. Da mag Aufklärung noch sooft angesagt gewesen sein.
Die Glocken also klingen weiter, nicht nur in Rom und das liebliche Lied von Versöhnung tröstet Helden und Nichthelden. Selbst Richard Wagner hat ja im Parsifal sein Ideal vor Augen gehabt, was Friedrich Nietzsche so impertinent fand. Thomas Mann jedoch hat vielleicht für uns Heutige mehr zum Verständnis dessen beigetragen, woran Geistliche aller Konfessionen sich schwer tun, nämlich eine ehrliche, wenn auch manchmal rührend süße und mitunter gesalzene Rede zu führen im Hinblick auf das, was wir das geistige Erbe Europas im Munde führen. Dies ist hier aber geschehen.
Hartmann von Aue hat zwar das Original geschrieben und die Ödipussage enthält Ähnliches, doch hier wird das entsprechende Thema der Verfehlungen ins Extreme geführt. Jeder Leser und jede Leserin sollte sich also ein eigenes Bild davon machen und vielleicht muß man wirklich erst zum Murmeltier werden, um das Spiel mit dem lieben Gott richtig zu spielen, doch nun nichts weiter davon, denn:
Dieses Buch muß man öfter wieder zur Hand nehmen, es enthält einige Stolpersteine, an denen wir uns öfter stoßen sollten. Erzählt wird die ganze Geschichte vom Mönch Clemens, die Milde ist also schon im Namen enthalten. Erstaunlich ist, dass oftmals Fischer eine Rolle spielen, beim ersten wie beim zweiten Auffinden des Protagonisten. Auch Petrus war ja bekanntlich Menschenfischer und wir sehen wieder mal, wie weit ein Mensch sich entäußern kann, bis er nach Inzest, Mutterheirat und Wandlung zum Kleintier (vorübergehend und zwischendurch aber nach Ritterart sich benehmend!)zum Papst gekürt wird.
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schönheit und Tod, 30. Dezember 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Tod in Venedig. Novelle. (Taschenbuch)
"Der Tod in Venedig" von 1911 ist wohl die berühmteste Novelle des Nobelpreisträgers Thomas Mann. In eigentümlichen, zuweilen etwas zäh zu lesendem Stil beschreibt er die Geschichte des Schriftstelleres Gustav Aschenbach, der zur Erholung nach Venedig fährt. Dort sieht er in einem Hotel den Knaben Tadzio, von dessen Schönheit er fasziniert ist, woraus später Verlangen, so etwas wie Liebe wird. Obwohl später das Gerücht umgeht, Venedig sei von einer Seuche befallen, der man schnellstens entfliehen sollte, bleibt Aschenbach in der "sterbenden Stadt", stellt Tadzio nach, um dessen volle Aufmerksamkeit zu erringen. So karg die Handlung, so sehr versteht Mann es dennoch, sie für den Aufbau einer irrealen, bedrohlichen Atmosphäre zu verwenden: Das eigentliche Geschehen findet in Aschenbachs Seele statt, die hin- und hergerissen ist zwischen dem Verlangen nach Tadzio und seiner Haßliebe zu Venedig; der Stadt, die ihm gleichzeitig widerwärtig und Verlockung ist. Allein dies lohnt schon die Lektüre, doch bietet die Novelle dem kundigen Leser noch mehr: Eingeschobene Erwägungen über Kunst, Form und Tod; dazu einen umfangreichen Subtext, der die Geschichte gar ins Mythische hebt. Allerdings: Wer bei den antiken Mythen auf unsicheren Füßen steht, wird mit den entsprechenden Stellen nichts anfangen können (so erging es zumindest mir!), die z.T. recht lang sind und dann schon mal etwas nerven können. Dennoch ein Stück Literatur, das zum ordentlichen Bildungskanon gehört! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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Der Untertan
Der Untertan von Heinrich Mann (Audio CD - 28. Juli 2014)
EUR 34,99
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