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TOP 1000 REZENSENTam 20. Februar 2013
Der Neuro-Boom hat inzwischen alle Bereiche erfasst. Hasler listet ohne Anspruch auf Vollständigkeit": Neuro-Philosophie und Neuro-Epistemologie, Neuro-Soziologie, Neuro-Theologie, Neuro-Ethik, Neuro-Ökonomie, Neuro-Didaktik, Neuro-Marketing, Neuro-Recht, Neuro-Kriminologie und Neuro-Forensik, Neuro-Finanzwissenschaften, Neuro-Verhaltensforschung und Neuro-Anthropologie, Neuro-Ästhetik, Neuro-Kinematographie, Neuro-Kunstgeschichte, Neuro-Musikwissenschaften, Neuro-Germanistik, Neuro-Semiotik, Neuro-Politikwissenschaften, Neuro-Architektur, Neuro-Psychoanalyse, Neuro-Ergonomie, sozialen Neurowissenschaften. Auch die Neuro-Kriegsführung sei inzwischen weltweit mit milliardenschweren Forschungsetats ausgestattet.

Einen wesentlichen Anteil an bei der Initiierung dieser Entwicklung hätte George Bush sen. gehabt. Dieser verkündete Anfang der Neunziger: Ich, George Bush, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, erkläre hiermit die am 1. Januar 1990 beginnende Dekade zur Dekade des Gehirns." Damit begannen auch großzügige Finanzströme in entsprechende Forschungsprogramme zu fließen. Der Siegeszug der Neurowissenschaften begann. 2005 richteten sie mit 35.000 Teilnehmern bereits den größten Wissenschaftskongress aller Zeiten aus.

Dabei ist der Umfang der tatsächlich gesicherten Erkenntnisse eher bescheiden. Selbst das 2004 von 11 führenden Neurowissenschaftlern veröffentlichte "Manifest der Hirnforschung" gab sich - zumind. Stellenweise - demütig: Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als "seine" Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen. Mehr noch: Es ist überhaupt nicht klar, wie man dies mit den heutigen Mitteln erforschen könnte. In dieser Hinsicht befinden wir uns gewissermaßen noch auf dem Stand von Jägern und Sammlern."

Zwar gibt es mittlerweile gewisse Einsichten in das Zusammenspiel verschiedener Hirnareale, durch das kognitive Funktionen, wie etwa die optische oder akustische Wahrnehmung, das Sprachverständnis, das Gedächtnis, die Handlungsplanung oder emotionales Erleben möglich werden. Man kann die oberste Organisationsebene des Gehirns in ihrer Aufteilung nach Funktionskomplexen beschreiben. Gute Einsicht hat man inzwischen auch in Bezug auf den Aufbau von Neuronen, die Funktion von Neurotransmittern, Neuropeptiden, Neurohormonen etc., also gewissermaßen die elementaren Bauteile des Gehirns. Wie diese jedoch in ihrem Zusammenwirken die verschiedenen Hirnfunktionen konstituieren, ist nach wie vor weitgehend unerforscht.

Es sei eben nicht möglich, so der Autor, dem Gehirn bei der Arbeit zuzuschauen. Bei sensorischen oder motorischen Abläufen könne man noch handfeste Daten eruieren. Wie so etwas wie eine Empfindung oder gar Bewusstsein entstünde, könne man hingegen nicht annähernd erklären. Die bildgebenden Verfahren (funktionellen Magnetresonanz-Tomografie - fMRT) suggerieren dem Laien, dass Hirnaktivitäten in direktem Zusammenhang mit Reizen aus der Umwelt, Denk- und Gefühlsvorgängen unmittelbar einsehbar sind. Statt dessen steckt hinter den farbig aufleuchtenden Arealen eine Vielzahl statistisch-parametrischer Messdaten. Durch die Verarbeitung entsteht bereits eine zeitliche Diskrepanz zu den jeweils aktuellen kognitiven oder emotionalen Vorgängen.

Andere Aspekte kommen dazu: Die gleichen Hirnareale werden oft bei ganz unterschiedlichen Vorgängen aktiviert. Umgekehrt sind bei komplexen gefühlsmäßigen, wahrnehmungsverarbeitenden, mentalen Abläufen oft ganz verschiedene Funktionsbereiche eingebunden. Das gleiche gilt für die Neurotransmitter. Oxytocin bspw. wird im vertrauten Miteinander, bei Zärtlichkeiten und reichlich beim Orgasmus ausgeschüttet. Schon bald, nachdem Hirnforscher dies publik machten, wurde auf dem Markt "Liquid Trust"-Spray angeboten. Der Botenstoff der Liebe" sollte - bspw. auf den Arm aufgetragen - besonders bei ersten Kontakten mit potenziellen Liebschaften, Arbeitgebern oder Geschäftspartnern Wunder wirken. Bis Hirnforscher feststellten, dass das Hormon auch den Gruppenegoismus befördern und Abgrenzungsverhalten gegen Unbekannte verstärken würde.

Recht zweifelhaft erscheinen auch die Interpretation bestimmter Experimente, die auf erkenntnispsychologische und modifizierte anthropologische Einsichten abzielen. So zeigte etwa ein oft zitierter Versuch, dass die Entscheidung für die Ausführung einer Handlung im nachhinein von Versuchspersonen rationalisierend erklärt bzw. begründet wurde, obwohl sie auf die Stimulierung bestimmter Hirnareale zurückzuführen war. Dies wertet man als Indiz oder gar Beweis für den rein konstruktivistischen Charakter unseres Denkens sowie dafür, dass es keinen freien Willen geben könne.

Der Hirnforscher Wolf Singer dazu: "Die Annahme zum Beispiel, wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, weil wir es ja auch hätten anders machen können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar. Neuronale Prozesse sind deterministisch. Gibt man der nichtsprachlichen Hirnhälfte einen Befehl, führt die Person diesen aus, ohne sich der Verursachung bewusst zu werden. Fragt man dann nach dem Grund für die Aktion, erhält man eine vernünftige Begründung, die aber mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun hat. Wir handeln und identifizieren die vermeintlichen Gründe jeweils nachträglich."

Man muss nicht lange darüber nachdenken, bis einem klar ist, dass Generalisierungen dieser Art Unsinn sind. Wenn alle Entscheidungen völlig unabhängig vom Bewusstsein fallen würden, könnte man sämtliche Entscheidungsfindungsprozesse in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Alltag einstellen. Allerdings zeigt die Erfahrung, welch problematische Auswirkungen schon kleine Nachlässigkeiten in diesen Bereichen haben: eine ärztliche Fehldiagnose, ein fahrlässiges Agieren im Betriebsmanagement, eine aus Befangenheit resultierende parteiliche richterliche Entscheidung etc. Fahrlässig muss man es deshalb nennen, wenn aus solch voreilige Interpretationen einzelner Tests sofort weitreichende Konsequenzen für die Gesellschaft abgeleitet werden. Singer fährt fort: "Dieses Wissen muss Auswirkungen haben auf unser Rechtssystem, auf die Art, wie wir Kinder erziehen und wie wir mit Mitmenschen umgehen."

Auch jedes Kriterium der Wahrhaftigkeit löst sich für die Avantgarde der Hirnforschung in Luft auf: "Denn wenn Sie im Kernspintomografen sehen, wie sich im Gehirn eines halluzinierenden Menschen selbst erzeugte Erregung aufbaut, die der Mensch als Folge eines realen Ereignisses deutet, dann wird man großzügiger gegenüber den Berichten über Erlebtes. Man muss Menschen konzedieren, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen aussagen und sich nicht gewahr sind, dass dies in den Augen von Beobachtern als illusionär oder nicht zutreffend gesehen wird."

Ein weiterer Schwerpunkt der Haslerschen Kritik: In der Psychiatrie bzw. klinischen Psychologie gibt es inzwischen einen sehr starken Trend weg von der Therapie hin zur Psychopharmakologie. Von wem diese Entwicklung massiv befördert wird, steht für den Autor außer Frage: Die Pharmakonzerne finanzieren Kongresse und Forschungsprojekte, nicht ohne alles zu tun, um Ergebnisse in gewünschter Richtung zu erhalten. Psychopharmaka können zweifelsohne segensreich eingesetzt werden, bspw. bei Psychosen, schweren Depressionen. Bei einer unkritischen Verschreibung wird Menschen mit entsprechenden Schwierigkeiten in unzähligen Fällen jedoch eine emotionale Stabilität vorgegaugelt, wo eigentlich eine Reflexion des eigenen Lebens, Einstellungsänderungen, eine Aufarbeitung der Vergangenheit oder die Bearbeitung von Beziehungskonflikten angesagt wären.

Zudem, so Hasler, hat eine Selbstdefinition des Menschen nach dem Motto "Ich bin mein Gehirn" schwerwiegende Folgen. Deutlich wird das am Bsp. der Krankheits- bzw. Krankheitsbewältigungsgeschichte des an einer schizophrenen Psychose erkrankten Mathematikers und Nobelpreisträgers John Nash. Dessen Heilungsprozess hatte gerade damit zu tun, dass er erkannte, dass er viel mehr als sein Gehirn ist und so eine innere Distanz zu seinen Wahnvorstellungen entwickelte.

I.d.T. ist dies ein ganz wesentlicher Punkt in jeder guten Therapie - das Vermögen der Selbstdistanzierung gegenüber extremen emotionalen Zuständen, bedrängenden Gedanken, destruktiven Triebwünschen. Die Entwicklung von Autonomie und Selbststeuerungskompetenz hängt wesentlich davon ab. Am schönsten hat es vielleicht Viktor Frankl, der Vater der Logotherapie auf den Punkt gebracht, wenn er von der Trotzmacht des Geistes redet". Wenngleich alles Psychische bzw. Geistige zweifellos sein neurophysiologisches Korrelat hat - der Mensch ist keine Marionette seiner Dispositionen, Prägungen oder der Biochemie seines Gehirns - zumindest solange er nicht vermeintlichen "Neuro-Experten" auf den Leim gegangen ist und fest daran glaubt.

Hasler führt im Buch weitere Beispiele für die negativen Konsequenzen eines reduktionistischen Menschenbildes an, dass den Menschen auf seine Hirnfunktionen reduzieren will und den Stellenwert des Sozialen und Kulturellen außer Betracht lässt. Hasler untermauert alle seine Einwände und schreibt sehr fundiert. Er weiß wovon er redet. Der promovierte Pharmazeut forschte 10 Jahre lang an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, arbeitete am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und ist nun an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität tätig. So enthält sein Buch nicht nur Kritik, sondern vermittelt auch hoch interessante Einblicke in die tatsächliche Arbeit der Neurowissenschaftler.

Hasler ist selbst begeisterter Hirnforscher und betont, dass es eine große Zahl solide und seriös tätiger Wissenschaftler gibt, die sich nicht mit unausgegorenen Thesen und Schlagzeilen ins mediale Rampenlicht drängen. Es seien in den letzten Jahren auch durchaus viele wertvolle Erkenntnisse zutage gefördert worden, etwa in Bezug auf ein besseres Verständnis neurologischer Krankheiten und möglicher Hilfen. Inzwischen finden vermehrt neurokritische Fachtagungen statt. Es gibt das Netzwerk "Critical Neuroscience". Dies sei auch deshalb von großer Bedeutung, weil die Glaubwürdigkeit der Hirnforschung auf dem Spiel stünde. Ein weiteres jüngst erschienenes Buch zum Themenfeld: "Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung?" von Brigitte Falkenburg, in Physik promovierte Philosophieprofessorin an der TU Dortmund.
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am 17. Januar 2013
Es ist ein beliebtes und manchmal auch amüsantes Hobby einiger Wissenschaftsjournale, in regelmäßigen Abständen die größten Menschheitsrätsel in Form einer „Hitliste“ zu veröffentlichen. Ganz oben in den Charts steht dann zumeist (zusammen mit der kosmologischen „Ur-Frage“ nach der Struktur des Universums) die noch weitgehend ungeklärte Beziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein. Diese Beziehung heißt „Qualia-Problem“ und beschäftigt seit längerer Zeit Legionen von Philosophen, Psychologen und Medizinern (in neuerer Zeit auch Computerexperten und sogar Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler).

Der Autor Felix Hasler beginnt seinen Exkurs mit einem Streifzug durch das „neurozentrische Zeitalter“, und er beschreibt dabei unter anderem die Rolle der Medien, die ziemlich kritik- und ahnungslos jede vermeintlich neue Entdeckung aus dem Bereich der Neurologie zu Sensationsmeldungen aufbauschen. Dass hingegen in der Arena des wissenschaftlichen Disputs alles andere als eitel Sonnenschein herrscht, wird auf den folgenden Seiten klar. Gerade in den grundlegenden Fragen prallen die Meinungen hart aufeinander. Während manche etwas vorschnell das Bewusstseinsrätsel als gelöst betrachten, argumentiert die Gegenseite, dass die angepriesenen Lösungen den Kern der Sache verfehlen und dass es bis dato nicht mal gelungen ist, richtige Fragen zu formulieren (von Antworten ganz zu schweigen).

Natürlich ergreift Felix Hasler die Gelegenheit beim Schopf, ein Happening der besonderen Art zu schildern. Die Geschichte ist nicht ganz neu, verdient jedoch eine Erwähnung, da sie ein grundlegendes Problem beleuchtet: Vor einigen Jahren legten drei junge Psychologen einen ausgewachsenen Lachs in den MRT-Scanner und hielten ihm Fotos von Menschen in sozialer oder familiärer Interaktion vor die Kiemen. Pflichtschuldig zeichnete der Scanner die lachsspezifischen Gehirnaktivitäten auf, die bei der Auswertung als charakteristische rote Blasen im Tomogramm erschienen. Leider hatte das Experiment einen gravierenden Haken: Der Fisch befand sich im postmortalen Stadium, war also längst tot, und die vermeintlichen Aktivitätsmuster entpuppten sich als rechnerische Artefakte. Der „Lachs des Zweifels“ erlangte rasch Berühmtheit, doch die Fachwelt war darüber nicht sehr amused. Sie wies darauf hin, dass Scannerdaten, um falsche Signale auszuschließen, stets mit statistisch relevanten Methoden korrigiert werden. Soweit die Theorie. Inzwischen hat eine retrospektive Analyse jedoch gezeigt, dass dies in vielen Fällen eben nicht geschieht. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil beim Herausrechnen falscher „Blobs“ auch echte Signale spurlos verschwinden können.

Es würde hier zu weit führen, alle Tücken und Unwägbarkeiten aufzuführen, die sich bei der Vermessung des menschlichen Gehirns ergeben, wobei die mangelnde Reproduzierbarkeit nur ein Manko von vielen ist. Von manchen Forschern wird der Nutzen bildgebender Verfahren generell bezweifelt, da nach Ihrer Ansicht neuronale Korrelate des Bewusstseins nicht existieren. Nichtsdestotrotz widmen sich immer mehr wissenschaftliche Richtungen, die das Kürzel „Neuro“ im Titel führen, der Erforschung des menschlichen Zentralorgans. Ein Paradebeispiel, das in Haslers Buch ausführlich besprochen wird, trägt die Kapitelüberschrift „Neuro-Reduktionismus, Neuro-Manipulation und das Verkaufen von Krankheiten“. Es geht darin um die schlichte Tatsache, dass im klinischen Sektor die altbekannte Psychotherapie längst zur Neurotherapie mutiert ist. Frühe Versuche aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts trugen Bezeichnungen wie „Insulinschock“, „Elektrokrampftherapie“ und „Lobotomie“ und erinnerten in ihren Aus- und Nebenwirkungen lebhaft an eine Frankenstein-Geschichte. Inzwischen ist an die Stelle dieser Brachialanwendungen ein scheinbar sanfterer Umgang mit den Patienten getreten, nämlich die Verabreichung von Psychopharmaka. Der weltweite Markt für diese Mittel wird in Kürze das Volumen von einer Billion Dollar erreichen, und entsprechend ausgeprägt sind die Begehrlichkeiten, die dieses Wachstum weckt bzw. schon lange geweckt hat. An dieser Stelle sei nur kurz erwähnt, dass dieses Buchkapitel nicht nur ein langes, sondern auch ein sehr dunkles ist, mit allerlei zünftigen Zutaten wie Schweige- und Schmiergelder, größeren und kleineren Manipulationen, im Sande verlaufenen Gerichtsprozessen und falschen wissenschaftlichen Studien, die von „Ghostwritern“ der Pharmafirmen verfasst wurden.

Ein Eckpfeiler der gegenwärtigen Neuro-Konjunktur ist die völlig unbelegte, aber gleichwohl höchst aktuelle Annahme, dass der Mensch ein Bioautomat ohne freien Willen ist, der nach festgeschriebenen Programmschemata handelt, und dass dessen Ich und das damit verknüpfte Bewusstsein nichts anderes als Illusionen respektive Hilfskonstrukte des Gehirns darstellen. Weiter gedacht ergibt sich daraus die Konsequenz, dass nicht die Person für individuelle Verfehlungen zur Verantwortung gezogen werden kann, sondern bestenfalls das betreffende Gehirn. Nun kann man ein Gehirn schlecht separieren und bewachen, aber man könnte es – so die Vorstellung einiger Neuro-Forensiker und Gesundheitsbehörden – bereits im Vorfeld therapieren. Mit dem geeigneten Instrumentarium wäre es ein Leichtes, aggressiv-kriminelle Potenziale rechtzeitig zu scannen – möglichst in früher Jugend - und aus dieser „Vermessung des Bösen“ die optimale Medikation abzuleiten. Das Verfahren ließe sich auch bei einer vermuteten Drogensucht anwenden, da das Verlangen nach Rauschmitteln (einschließlich Alkohol) als Krankheit des Gehirns definiert wird. Wobei die Suche nach „pathologischen“ und „abnormen“ Gehirnen an diesem Punkt kaum aufhören und wohl direkt in eine schöne neue Neuro-Welt von Orwellschen Ausmaßen führen würde. Dieser von einigen Psychohygienikern gehegte Wunschtraum hat lediglich einen Schönheitsfehler: Die Fundamente, auf denen er ruht, erweisen sich als äußerst brüchig, wimmeln vor statistischen Fehlern und sind in keiner Weise empirisch gesichert. Nicht nur auf diesem Sektor hüllt sich die Neurobiologie in das gleiche Outfit, wie es in der Märchengeschichte „Des Kaisers neue Kleider“ beschrieben wird.

Felix Hasler hat ein wichtiges, informatives und rundum gelungenes Buch aus Sicht eines in der Neurobiologie bewanderten Insiders geschrieben. Der Autor schildert umfassend das Für und Wider verschiedener wissenschaftlicher Positionen, zeigt jedoch deutlich auf, wo seiner Meinung nach ein fehlender Datenfundus durch ideologische Inhalte ersetzt wird. Manches wird nur am Rande erwähnt, wie der komplexe Bereich veränderter Bewusstseinszustände, die Frage möglicher epigenetischer Einflüsse auf die Gehirnplastizität oder das weite Feld vererbter verhaltenspsychologischer Eigenschaften. Das ist indes leicht zu verschmerzen, da das Werk bewusst Schwerpunkte setzt. Es will kein trockenes Kompendium sein, sondern (wie bereits der Titel verheißt) eine ebenso aufrüttelnde wie fundierte Streitschrift gegen neurobiologische Allmachtsphantasien und allzu bequeme reduktionistische Sichtweisen.

Fazit: Haslers Buch ist ein ungemein faktenreicher und exzellenter Beleg dafür, welche Verwirrung (und das in jeder Hinsicht) eine knapp dreipfündige cerebrale Biomasse stiften kann.

Noch ein kleiner Tipp zum Abschluss: Wer mehr über philosophische, erkenntnistheoretische und physikalische Aspekte zu diesem Thema wissen möchte, ist bei „Brigitte Falkenburg – Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung?“ bestens aufgehoben.
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am 6. Januar 2013
Das Buch "Neuromythologie" mit dem Untertitel "Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung" wird vor allen Dingen diejenigen sehr interessieren, die sich noch an die "quälende" – teilweise intellektuell ziemlich platte – Diskussion über den "freien Willen" im Kontext der modernen experimentellen Hirnforschung und darüber hinaus auch an die Ankündigungen der zukünftigen Erfolge in dem "berühmten" Manifest[1] der elf Neurowissenschaftler aus dem Jahr 2004 erinnern können.
Die „Streitschrift“ ist ein wirklich spannend geschriebenes und sehr gut lesbares Buch, das eigentlich längst überfällig war. Dem Autor sei für seine Mühen gedankt, denn er hat sich die Arbeit gemacht und das Material aus ca. 400 Referenzen aus dem Bereich der (vorwiegend experimentellen) Hirnforschung in seinem Buch verarbeitet; – somit stellt das Buch auch eine wahre Fundgrube für alle diejenigen dar, die sich – aus welchen Gründen auch immer – weiter kritisch mit diesem Thema beschäftigen wollen, denn das Thema „Hirnforschung“ lässt sich natürlich von sehr vielen, sehr unterschiedlichen Standpunkten aus kritisch analysieren.

Das Buch mit seinen 260 Seiten ist in 10 kürzere Kapitel unterteilt:
1 Neuro-Enthusiasmus. Alle machen Hirnforschung.
2 Neuro-Evidenzmaschinen. Bildgebende Verfahren in der Kritik.
3 Neuro-Essenzialismus. Bin ich mein Gehirn?
4 Neuro-Philosophie. Jeder darf mitraten.
5 Neuro-Reduktionismus. Neuro-Manipulation und das Verkaufen von Krankheit.
6 Neuro-Doping. Ich, nur besser?
7 Neuro-Determinismus. Was will, wenn wir wollen?
8 Neuro-Forensik. Vom Umgang mit riskanten Gehirnen.
9 Neuro-Recht. Hirn-Scanner im Gerichtssaal.
10 Neuro-Skepsis statt Neuro-Spekulation.

Dabei ist das Kapitel 5 mit knapp ca. 95 Seiten das umfangreichste. Das ist auch kein Wunder denn der Autor ist promovierter Pharmakologe und hat – laut CV [2] – über die "Psychopharmakologie halluzinogener Pilze" an der Universität in Bern promoviert.

Eine Rezension aus der NZZ und einen kurzen Vortrag des Verfassers findet der interessierte Leser unter: [...]
Man kann sich eigentlich nur wünschen, dass möglichst viele – vor allen Dingen Studenten – sich dieses kritische (positiv-konstruktive) Buch als Lektüre einmal vornehmen, bevor ihnen an der Universität durch den Scientific Mainstream das Gehirn vollständig mit Nebel zugefüllt wird.

[1] [...]
[2] [...]
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am 25. März 2013
Als Neurologe beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit den Fragen, die in diesem Buch behandelt werden.
Ich bin beeindruckt von der Fundiertheit der Recherchen, den teilweise erschütternden Erkenntnissen und von den klaren Formulierungen, die die Hirnforschung in das richtige Licht rücken. Zuviel Marketinggeschrei existiert da draußen, insofern tut die Lektüre dieses Buches sehr gut. Das beste, was ich seit langem gelesen habe.
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am 12. April 2013
schon seit einigen Jahren interessiere ich mich für Neurowissenschaften (u.a. durch die gute Dokumentation über Eric Kandel), so dass ich mich in meiner Freizeit damit immer wieder beschäftigt habe.
In der diesjährigen Brain Awareness week bin ich allerdings auf diesen Autor gestoßen, so dass ich mir sofort dieses Buch hier bestellt habe, um auch einmal die andere Seite zu hören.
Und ich muss sagen: der Kauf hat sich vollkommen gelohnt und ich werde dieses Buch noch ein zweites Mal lesen, weil es sich wie ein spannender Krimi liest und man die Fakten förmlich aufsagt.

Ein "Highlight", das mir sofort im Gedächtnis geblieben ist: es ist wissenschaftlich nicht bewiesen, dass bei Depressiven - oder anderen psychisch Kranken - ein Serotoninmangel vorherrscht und dass SSRI-Antidepressiva ein hypothetisches psychopathologisch bedingtes chemisches "Ungleichgewicht" nicht ausgleichen, sondern dieses erst verursachen.

Ich empfehle dieses Buch allen, die - ebenso wie ich - auf den Neuro-Hype-Zug aufgesprungen sind und trotzdem ihre Sichtweise noch selbst-kritisch in Frage stellen wollen / können.
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am 26. Januar 2013
Felix Hasler räumt mit dem Mythos auf, daß nur das real ist, was sich mit Hilfe eines Scanners abbilden lässt. In den letzten Jahren flossen unglaubliche Mengen an Forschungsgelden in Projekte, die mit funktioneller Bildgebung des Gehirns zu tun hatten - Hasler zeigt auf, daß die Ergebnisse mehr als dürftig waren und daß das Selbstbewusstsein, mit dem neurobiologsich orientierte Forscher öffentlich auftreten, nicht durch Fakten gedeckt ist. Hasler sieht eine Ursache für den Bildgebungs-Hype in der Forschung darin, daß ein einseitig biologisch orientiertes Menschenbild, das psychische und soziale Aspekte außen vor lässt, sehr gut zu den Interessen der Geräte- und Pharmaindustrie passt. Nicht umsonst findet sich im Zentrum des Buches ein ausfürhrliches Kapitel über die Manipulation von Forschung durch Pharmagelder. Das Buch ist nicht nur spannend und anschaulich geschrieben, sondern die zentralen Aussagen sind wissenschaftlich nachvollziehbar belegt mit vollständigen Quellenangaben. Ein sehr lesenswertes Buch nicht nur für alle im Psych-Bereich tãtigen, sondern für alle am Leib-Seele-Problem und an neurowissenschaftlichen Fragen interessierten.
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am 11. August 2013
Buchbewertungen sind nicht einfach, aber auf Empfehlung habe ich dieses Buch gekauft und es liest sich wie ein "Krimi" "Neuro..." ist momentan in und "Mythologie" ist die richtige Ergänzung zu den unterschiedlichsten Neurowissenschaften, die augenblicklich den Markt überschwemmen. In vielen Forschungsprogrammen gibt es "nur" Forschungsgelder, wenn irgendwie ein Zusammenhang mit Neurologie angezeigt wird. Das Buch macht deutlich, das die wenigsten dieser Forschungen, halten können, was sie versprechen!!
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am 26. Oktober 2013
Das Buch ist spannend geschrieben. Es begründet vieles mit vielen Quellenangaben. Es zeigt, wie heute alles der Hirnphysiologie nachrennt, weil nur dann eine Karriere möglich wird. Damit wird aber auch manch wichtiger Aspekt verraten, wie z.B. gibt es keine Persönlichkeit mehr? Ist der Mensch nur noch biologisch gesteuert. Das Buch zeigt nachvollziehbar auf, dass diese absolute Orientierung nicht stimmen kann. Und es zeigt, wie gerade in der Psychiatrie viele Probleme damit entstehen (einschließlich der Medikamente). Es zeigt wir die Pharmazeutische Industrie diese biologische Orientierung gut für sich zu nutzen versucht. Die Autoren würdigen jeden Aspekt, möchten aber auch, dass man bei der Wissenschaft ohne Einflüsse irgendwelcher Interessensgruppen zu seiner ehrlich Form steht und diese auch zum Nutzen aller Menschen aufbaut. Sehr empfehlenswert
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am 28. August 2013
Felix Hasler hat mit Neuromythologie" ein dringend notwendiges Buch vorgelegt, das sich an all jene wendet, die der Überzeugungskraft der bunten Bildchen der Neurowissenschaften erlegen sind. Die Neurowissenschaften gelten als die neuen Leitwissenschaften: Jede noch so banale These wird mit den Ergebnissen von Hirnscans belegt. Bei genauerer Betrachtung aber ist der Kaiser nackt.

Wie nennt man eine Wissenschaft, deren Ergebnisse sich nicht reproduzieren lassen und deren Behauptungen oft unwiderlegbar (im Sinne Poppers) formuliert sind? Die sich unzuverlässiger Forschungsmethoden bedient, ihre Ergebnisse erst nach umfangreicher, extrem leicht manipulierbarer statistischer Aufbereitung gewinnt, zumeist ohne eine Ausgangshypothese gehabt zu haben, also nach der Methode des texanischen Scharfschützen? - So eine Wissenschaft" nennt man eine Pseudowissenschaft.

Hasler geht zwar nicht so weit, die Neurowissenschaften zu Pseudowissenschaften zu erklären, aber nach der Lektüre seines Buches ist dies die für mich angemessene Schlussfolgerung (zumindest für den Großteil der Neurowissenschaften). Er nennt sein Buch eine Streitschrift", dennoch ist es kein Pamphlet, sondern eine akribische Bestandsaufnahme, hundertfach mit Belegen untermauert. Er legt dar, dass man mit den Methoden der Hirnforscher (v. a. fMRT und PET) durchaus nicht das Gehirn bei der Arbeit" beobachten kann. Das, was die Scans zeigen, muss nicht nur interpretiert werden. Der Vorgang der Datengewinnung ist schon ausgesprochen fehleranfällig, ganz zu schweigen von der statistischen Auswertung. Die Befunde, die produziert werden, sind entweder banal oder nicht replizierbar.

Ein noch größeres Problem als die Forschungsmethoden sind jedoch die Konzepte der Neurowissenschaften. Es scheint, als habe es über 100 Jahre Psychologie und Verhaltenswissenschaft nie gegeben. Munter werden alltagspsychologische oder die mit ihnen korrelierenden kognitionswissenschaftlichen" Begriffe und Vorstellungen untersucht, ohne sich auch nur Gedanken zu machen, ob Liebe" und Hass" oder soziale Wahrnehmung" wirklich die angemessenen Untersuchungseinheiten für die bildgebenden Verfahren ist. Man sucht drauflos, in der Annahme, schon irgendwas im Hirn zu finden, dass Liebe" anzeigt.

Seit etwa 30 Jahren neigt man im öffentlichen Diskurs immer mehr dazu, das Erleben und Verhalten des Menschen auf eine vermeintliche biologische" Grundlage zurückzuführen. Insbesondere hat die pharmazeutische Industrie ein großes Interesse daran, dass psychische Krankheiten als "Störungen des Neurotransmitterhaushaltes" angesehen werden. Als solche können sie dann mit deren Produkten behandelt werden. Doch, wie auch Hasler aufzeigt, die Belege für die biologische Verursachung psychischer Erkrankungen (jenseits der schon lange offenkundig organisch bedingten Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson) sind null. Hasler - von Haus aus ein Dr. pharm. - widmet diesem Aspekt des Neuro-Hypes den weitaus größten Raum.

Auf nur acht Seiten schneidet Hasler das Problem des Neuro-Essenzialismus" an (Bin ich mein Gehirn?"). Die philosophischen Aspekte des Neuro-Hypes, die Frage nach dem Bewusstsein und der Willensfreiheit, sind sehr spannend. Hier hätte ich mir mehr Futter" erhofft.

Alles in allem: Ein Buch, dem ich viele Leser wünsche.
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am 30. September 2013
Das Buch schreibt in gut verständlicher Form die tatsächlichen Wissensstände der Neurowissenschaften. Etwas ernüchtert, aber mehr der Realität angepasst kann man in Zukunft mit Ergebnissen dieses Zweigs der Wissenschaft umgehen. Die Hybris mancher Wissenschaftler steht im Kontrast zu den harten Daten ihres Wissens. Kommen dann noch wirtschaftliche Interessen hinzu, wird dies eine gefährliche Mischung.
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