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4.0 von 5 Sternen Auch Populärkultur kann etwas Theorie vertragen, 7. Januar 2010
Von 
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Rezension bezieht sich auf: Comics: Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums (Broschiert)
Comic Studies, ein "komischer" Begriff für eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Semantik und der Geschichte einer sich stetig ausdifferenzierenden Visual Culture in Panels und Blasen, haben mittlerweile auch in Deutschland Fuß gefasst, und dass es die Wissenschaftler ernst damit meinen, dafür ist dieses Buch Beweis genug. Dass Graphic Novels mit Lacan gelesen werden können und sogar die Semiotik - immerhin hat sich Umberto Eco mit Freude z. B. mit den Peanuts beschäftigt - zur Anwendung kommen, wäre zur Jahrtausendwende noch verlacht worden. Das bedeutet aber auch, dass man auf Sätze trifft wie diesen: "Der Cartoon kann also psychosemiotisch als ein Zeichen definiert werden, dessen ikonische Form durch einen indexikalischen Bezug zur imitativen Körperimagination des Rezipienten zum propositionalen Symbol ergänzt wird." Capito? Wer es vorzieht, Werke, Autoren, Zeichner und Stile vorgestellt zu bekommen, könnte von dieser Publikation enttäuscht werden. Einige Beiträge sind inhaltlich recht anspruchsvoll, fast scheint es, als würde der Gegenstand (Cartoons, Comics, Graphic Novels) von einigen Autoren in eine Höhe gehievt werden, die unangebracht und unnötig kompliziert erscheint. Belassen wir es bei dieser Randbemerkung, welche die Lektüre keinesfalls eintrübt. Sprachlich bewegen sich die Texte auf einem gleich bleibend hohen Niveau, die Formulierungen sind immer treffend und souverän ausgeführt, niemand bedient sich einer Wissenschaftssprache, die er womöglich nicht vollständig beherrscht (wäre das nur immer so!). Insofern ein absolut empfehlenswerter Band, der eine ideale Ergänzung ist zu Büchern von Beaty, Groensteen und den Comic-Studies-Readern (alle in englischer Sprache) und den deutschen Veröffentlichungen von Platthaus über Dittmar bis hin zum hervorragenden Band aus der Reihe text+kritik, der deutlich theorieärmer ist, dafür umso lesbarer. Aber darum kann es auch nicht immer gehen.

Ein häufiger Bezugspunkt für eine Reihe von Autoren ist Scott McCloud. Stephan Packard sucht hiervon ausgehend Antworten auf die Frage: "Was ist ein Cartoon?" Seine Überlegungen verlangen mir als jemanden, der nicht "psychosemiotisch" geschult ist, einiges ab, und trotzdem finden sich darin wichtige Aussagen, die neu für mich sind und vor allem einleuchtend. Ergo: Ich habe etwas gelernt. Er arbeitet mit Beispielen von Chris Ware und Don Rosa, sogar ein einzelnes Bild aus "Tim und Struppi" wird heran gezogen. Es mag an meinem persönlichen Desinteresse an Neil Gaimans "Sandman" liegen, dass mir der folgende Beitrag zur "Intermedialität in Comics" nicht so viel gibt, aber auch hier finden sich - sogar Lessing wird bemüht - interessante Erklärungen dazu, wie das narrative Potenzial von Comics per se beschaffen ist, insofern geht es um Seitenlayouts, Körpersprache und Mimik von Figuren, Darstellung von Raum und Zeit (und wie diese vergeht), um Panelgestaltung und Symbolbedeutungen - wobei das alles nicht erschöpfend betrachtet werden, nur angerissen werden kann. Die Ursprünge des Mediums untersuchen Frank Kelleter und Daniel Stein in "Der frühe amerikanische Zeitungscomic", und stellen einen erstaunlichen Bezug zu John Zorns Ornette-Coleman-Paraphrasierung "Spy vs. Spy" her. Outcault, Feininger, Herriman werden selbstverständlich näher untersucht. Andreas Platthaus wagt einen Blick zurück auf "Gasoline Alley", für mich der am wenigsten fruchtbarste Text, weil das Thema allzu eng gefasst ist. Umso gewichtiger der Aufsatz zu Superheldencomics per se. Selbst als Achtjähriger habe ich mich für dieses Genre nicht erwärmen können, und trotzdem zeigen die Autoren wichtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf, die mir in dieser Form nicht bewusst waren. Dabei streifen sie anfangs fast die Parodie, wenn sie sich an eine Definition für Superheldencomics heran tasten, die "Buffy the Vampire Slayer" aber ganz sicher exkludiert. Die Frage bleibt: Ist das wirklich wichtig? Dieser Beitrag dürfte trotzdem zu denjenigen gehören, die in den kommenden Jahren häufiger zitiert werden müssen, wenn man über Marvel & Co. sprechen will. Ab Seite 179 gewinnt der Band noch zusätzlich an Triftigkeit. Denn ab hier beschäftigt sich Ole Frahm mit dem Phänomen "Independent Comics", und danach seziert Daniel Stein den Autorenbegriff und nimmt Spiegelmans Werk unter die Lupe, natürlich ist immer auch der Urvater der Selbstbespiegelung, Robert Crumb, dabei. Stein zeigt, dass viele Künstler, und nicht nur seit den späten 60ern, das Medium selbstreflexiv nutzen und sich selbst darin inszenieren. Zwei weitere Arbeiten sind noch hervorzuheben: Der brillante Beitrag zum Thema Mangas (absolut wesentlich und in einer kürzeren Fassung bereits in Reddition erschienen) und jener, der die Rezeption der kulturell interessierten Öffentlichkeit, vornehmlich im Feuilleton, nachvollzieht, auch den Begriff der "Graphic Novel", der in erster Linie aus Vermarktungsgründen gewählt wurde, problematisiert.

Selbstverständlich schafft der Band keinen Überblick über das gegenwärtige Schaffen wichtiger Protagonisten von Mattotti bis Mazzucchelli, das war von den Herausgebern auch gar nicht intendiert. Um sich diesen zu verschaffen, muss man andere Bücher lesen oder bestimmte Blogs bzw. Internetseiten besuchen, empfohlen seien jene von Paul Gravett und Derik A. Badman. Mit wegweisenden Arbeiten im Bereich der Comic Studies in deutscher Sprache darf in den folgenden Jahren gerechnet werden. Diese Publikation aus dem Verlag transcript gehört ganz sicher in eine solide Sammlung von Sekundärliteratur über Comics. Sie wird auch noch 2020 zu den Must-Reads gehören für diejenigen, die ernsthaft in das Medium einsteigen und sich Grundlagen erarbeiten wollen.
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Comics: Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums
Comics: Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums von Daniel Stein (Broschiert - 31. August 2009)
EUR 29,80
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