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10 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wo ist der Haken?, 26. Februar 2008
Nachdem ich bereits die anderen Bücher von Peter Mersch gelesen hatte und sein "Hurra, wir werden Unterschicht!" für das beste halte, was zu dieser Thematik bisher geschrieben worden ist, war ich auf sein neues Buch richtig gespannt.
Was die fesselnde Schreibweise und die Originalität der Gedankenführung betrifft, die auch dem Fachmann noch etwas zu denken gibt, der sich seit Jahrzehnten mit der Thematik befaßt, so verdient auch dieses Buch wieder fünf Sterne. Doch diesmal, so scheint es mir, hat der Verfasser inhaltlich zu weit ausgeholt und zuviel auf einmal gewollt.

Daß die Darwinsche Evolutionstheorie nicht schon bei Darwin komplett war und Teil einer umfassenden Allgemeinen Evolutionstheorie ist, die sich nicht auf die Biologie beschränkt, mit dieser Einsicht rennt Mersch bei Evolutionstheoretikern offene Türen ein.
Aber in dem Bestreben, den Sinn dafür zu entdecken, daß in allen Industriegesellschaften die wirtschaftlich Leistungsfähigen und Gebildeten weniger Nachkommen haben als die auf diesen Feldern Untüchtigeren, schüttet Mersch das Kind mit dem Bade aus. Nach Darwin macht ein solches Verhalten ja tatsächlich keinen Sinn und sollte unmöglich sein. Aber dennoch ist es eine unbestreitbare Tatsache, die einer Erklärung bedarf.

Eine biologische Art konkurriert nicht nur gegen andere Arten, sondern auch gegen die unbelebte Natur. Hat sich durch die Geilheit fast all ihrer Individuen eine biologische Art so vermehrt, daß sie an die Grenzen ihrer Ausbreitung und ihrer sozialen und territorialen Individuendichte stößt und die energetischen Möglichkeiten vollständig ausschöpft, so hat die Evolution eine für das Einzellebewesen schreckliche Regulationsmöglichkeit für eine solche Art parat. Bei dieser Regulation wird das Schicksal des Individuums vorübergehend zweitrangig, denn die Verringerung der Individuenzahl der Art als Ganzes ist das Ziel. Die Energie- und Rohstoffpreise steigen und steigen, und der Lebensunterhalt wird für die breiten Massen unerschwinglich. Die Verzweifelten wenden sich gegeneinander und zerfleischen sich in Krieg und Revolution. Massenflucht und Seuchen tun ihr Werk, und die Einwohnerzahlen sinken auf ein Niveau, das eine Neuordnung und einen Neuanfang möglich macht. Ist es dieses Mega-Osterinsel-Szenario, das für Peter Mersch außerhalb des für ihn Denkbaren liegt?
Das Szenario kann nur dann eintreten, wenn die Menschen, die es verhindern könnten, so eine Minderzahl sind, daß sie allein schon dadurch völlig machtlos werden. Das heißt, die Evolution muß, wenn sie die Regulation durch das katastrophale zyklische Zwischenspiel erreichen will, die Anpassungsmöglichkeiten der Art zeitweilig herabsetzen und die relativen Spielanteile der Nicht-Leistungsträger aller Schattierungen dramatisch erhöhen. Ist es nicht das, was wir täglich erleben?

Der Däne Lars Witting hat sie 1997 veröffentlicht, diese Allgemeine Evolutionstheorie: "A General Theory of Evolution by selection by density dependent competitive interactions". Diese Theorie auf menschliche Gesellschaften auszuweiten und mit Statistiken zu belegen, das ist das Werk, das noch seinen Verfasser sucht. Zu schreiben für eine aufgeklärtere und intelligentere Welt, irgendwann danach.
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6 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dem Zeitgeist weit voraus, 19. Mai 2008
Von 
In letzter Zeit habe ich mich ein wenig mit Soziobiologie (u.a. mit Joachim Bauer, Dawkins) auseinandergesetzt und fand die Werke dieser Autoren sehr erhellend und horizonterweiternd. Doch manche Konzepte erschienen mir wenig einleuchtend. Ein vage definierter Kooperationsbegriff als Lösung für alle gesellschaftliche Probleme? Theistische Religionen als DIE Wurzel allen Übels? Lebewesen als verstandslose Transporter ihrer egoistischen Gene und Meme? Merschs Theorie von der "Allgemeinen Evolution", die alle sich reproduzierenden Organismen und Organisationen einschließt, trifft den Nagel um ein vielfaches präziser auf den Kopf und füllt die Lücken, die andere Autoren oft noch nicht einmal wahrnehmen.
Ich kam nicht aus dem Nicken heraus beim Lesen dieses Buches. Detailliert wird analysiert und erklärt, wie und warum sich Zivilisation entwickelt hat und wohin sie sich höchstwahrscheinlich entwickeln wird.
Sich-selbst-erhaltende (autopoietische) Systeme reproduzieren sich dadurch, dass sie gefallen. "Gefallen-wollen-Kommunikation" ist laut Mersch daher DER Mechanismus, durch den Individuen und Organisationen sich beliebt machen können. Am besten gefällt man durch (materielle) Verschwendung, die einerseits natürlich ist und produktiv, andererseits enorm destruktiv sein kann, wenn unreglementiert. Fast nebenbei löst der Autor das "central problem of human sociobiology" und reißt kurz sein sehr (und bisher einzig!) vielversprechendes Konzept von staatlich subventionierter Kindererziehung an, um dem demographischen Wandel entgegenzuwirken. Sollte ich in die Politik gehen, so würde meine Ideologie maßgeblich auf Merschs Allgemeiner Evolutionstheorie basieren.
Nur eine Frage bleibt offen: Wann kommt endlich die zweite Auflage?
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6 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hochinteressanter Ansatz, 25. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem (Taschenbuch)
Das vorliegende Werk führt in die "Systemische Evolutionstheorie" ein und erklärt dabei die Evolution des Lebens, die Anthropogenese sowie den sozialen, technischen, ökonomischen und kulturellen Wandel aus einem Prinzip: der sexuellen Selektion.

Eingebettet in energetische und systemtheoretische Betrachtungen wird Evolution als Prozeß biologischer Informationsentstehung beschrieben. Lebende Systeme erkennen und definieren eine System-Umwelt-Differenz und besitzen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen. Diese sind als Systemeigenschaften des Lebens emergent und stellen die treibende Kraft der Evolution dar. Nur Organismen und die auf ihnen aufbauenden Organisationssysteme können evolvieren, nicht jedoch Gene, Meme, Hypothesen oder Mobiltelephone.

In kritischer Auseinandersetzung mit der Darwinschen Evolutionslehre und ihren Nachfolgern gelangt Mersch zu der Überzeugung, daß die 'Natürliche Selektion' und der 'Kampf ums Dasein' keinen hinreichenden Antrieb für die Evolution darstellen, wohl aber die Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen der Organismen. Seit dem Auftreten sexueller Fortpflanzung findet sexuelle Selektion über das asymmetrische Elterninvestment statt: das Geschlecht mit dem höheren elterlichen Aufwand selektiert Fortpflanzungspartner nach Fitneßindikatoren. Dadurch bildete sich neben der 'dominanten' Kommunikation (Zwangsselektion) die sogenannte 'Gefallen-wollen-Kommunikation' heraus: Männchen werben darum, ausgewählt zu werden. Die mit der Getrenntgeschlechtlichkeit einsetzende sexuelle Selektion wirkte als Katalysator der Evolution und ermöglichte Kultur, Altruismus, Zivilisation, Höflichkeit, Demokratie, Marktwirtschaft, Werbung, Kunst, Wissenschaft und Technologie.

Der Darwinschen Evolutionslehre zufolge müssen besser an ihren Lebensraum angepaßte Individuen mehr Nachkommen haben als andere. Das ist in modernen Gesellschaften jedoch nicht der Fall. Dort besteht die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, die nicht beide zugleich optimiert werden können - ein Beispiel für durch die Gefallen-wollen-Kommunikation ausgelöste Selbstläuferprozesse, welche bisweilen die Überlebensfähigkeit einer Art bedrohen. Abschließend beschreibt Mersch die Genese des Zivilisationsprozesses und der Moderne, wobei er besonderes Augenmerk auf den Widerspruch zwischen der Egozentrizität von Individuen und dem Gemeinwohl legt.

Der Autor schreibt in klar verständlichem Stil, seine Argumentation ist in sich kohärent und seine These gut durch Fachliteratur abgesichert. Allerdings könnte eine Straffung des Textes und eine Beseitigung von Wiederholungen und Redundanzen seinem Anliegen mehr 'Durchschlagskraft' verleihen. Der Untertitel ist etwas unglücklich gewählt, denn es wird nicht der Ursprung von 'Allem' erklärt, z.B. nicht der Ursprung des Lebens (S. xii). Monokausale Welterklärungen rufen voraussehbar Widerspruch hervor. Mersch wäre daher gut beraten gewesen, im Deskriptiven zu verbleiben und sich nicht durch lebensweltferne 'Verbesserungsvorschläge' ('Familienmanagerin') noch zusätzlich angreifbar zu machen.

Ganz besonders fehlt mir in diesem Werk eine Auseinandersetzung mit der im Rahmen der Anthropogenese entstandenen propositionalen Symbolsprache, deren vielfältige Ausdrucksformen - deskriptiv, normativ, performativ, expressiv, evokativ, narrativ - einerseits zur Emergenz eines Werteuniversums mit der Konsequenz unauflösbarer Wertekonflikte und andererseits zur wirkmächtigen Dauergenese vollständig konfabulierter Gegenwirklichkeiten geführt haben. Arbiträre Bedeutungszuweisungen legen fest, was als 'Realität' zu gelten hat und erlauben dadurch beliebige Wirklichkeitskonstruktionen. 'Autoreferenzialität' bedeutet in diesem Zusammenhang, daß ein anthropomorphisierender und metaphorischer Sprachgebrauch kaum zu vermeiden ist. Daher ist es völlig üblich, beispielsweise zu sagen: "Die Mobiltelephone haben sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre enorm entwickelt."

Gut gefallen hat mir dagegen, daß der Autor unter der Überschrift "Verschwendung" doch noch zu der Einsicht durchgedrungen ist, daß unser Lebensraum originär endlich ist und die Gefallen-wollen-Kommunikation freien Zugang zu Ressourcen voraussetzt. Richtig! Globale Konzerne sind national nicht zu bändigen, Ressourcen schrumpfen, die Weltbevölkerung wächst, Großkonflikte werden eskalieren! Ein gegenwartsbezogener Vorgeschmack dieser Entwicklung findet sich bei Naomi KLEIN: Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus (2007) Das von Mersch angesprochene "Central theoretical problem of human sociobiology" ist ein auf die westliche Gegenwartskultur beschränktes Spezifikum, dessen Voraussetzungen - Ressourcenüberfluß, der einen üppigen Sozialstaat möglich macht und gleiche Lebensentwürfe für beide Geschlechter - in anderen Kulturen nicht gegeben sind und auch bei uns sehr bald der Vergangenheit angehören werden. Abgesehen davon liegen bereits wissenschaftliche Analysen der Selbstzerstörung der Moderne vor, beispielsweise von Hartmut ROSA: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (2005). Hinsichtlich einer wissenschaftstheoretischen Synthese natur-, sozial- und geisteswissenschaftlicher Ansätze empfehle ich ergänzend Ruppert RIEDL: Strukturen der Komplexität: Eine Morphologie des Erkennens und Erklärens (2000).
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Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem
Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem von Peter Mersch (Taschenbuch - 19. August 2008)
EUR 29,80
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