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23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Packend, schmerzhaft - und doch wunderschön!
Zuerst war der Film: Vom Atmen unter Wasser" und Lisa-Marie Dickreiter schrieb das Drehbuch dazu. Dass sie parallel dazu aus derselben Geschichte auch einen Roman entstehen ließ, war eine beglückende Eingabe und Idee, denn das, was Filme auslassen, können Worte erreichen - die Einbeziehung der eigenen Phantasie, des selbst Erlebten: ein ganz besondere...
Veröffentlicht am 6. August 2010 von Gabriele Gérard

versus
14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Vom Atmen unter Wasser von Lisa-Marie Dickreiter
Meine Meinung:
Erster Satz: Mit sieben Jahren beschloss ich, meine kleine Schwester für immer loszuwerden.

Dieser allererste Satz klang für mich sehr spannend und ich habe mich sehr gefreut dieses Buch zu lesen. Aber als ich dann die weiteren Seiten gelesen habe, war das Buch so öde geschrieben. Vorallem mit dem Schreibstil kam ich...
Veröffentlicht am 1. März 2012 von Anni's Leselounge


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23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Packend, schmerzhaft - und doch wunderschön!, 6. August 2010
Von 
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Zuerst war der Film: Vom Atmen unter Wasser" und Lisa-Marie Dickreiter schrieb das Drehbuch dazu. Dass sie parallel dazu aus derselben Geschichte auch einen Roman entstehen ließ, war eine beglückende Eingabe und Idee, denn das, was Filme auslassen, können Worte erreichen - die Einbeziehung der eigenen Phantasie, des selbst Erlebten: ein ganz besondere Buch.

Vom Atmen unter Wasser" erzählt in einer ungewohnt präzisen, fesselnden Sprache vom Auseinanderbrechen einer Familie, in die der Tod von Sarah, der 16jährigen Tochter, wie ein Erdbeben eingebrochen ist - und nichts mehr so sein lässt, wie es einmal war.
Jeder der drei Protagonisten erlebt dieses Verbrechen, das nur aus den Gedankenfetzen der Mutter Anne noch einmal rekonstruiert wird, völlig anders und abgetrennt vom anderen:
Anne begeht am 1. Todestag von Sarah einen Suizidversuch und soll nun, auf Wunsch des Vaters Jo, der der unstillbaren Trauer seiner Frau völlig hilflos gegenüber steht, von Simon, dem gemeinsam Sohn, der das Elternhaus bereits verlassen hatte, beschützt werden.

Simon, der immer im Schatten seiner kleineren Schwester stand, und - unglaublich schön erzählt auf den ersten Seiten des Romans - als Kind einen Versuch machte, sich dieser kleinen, ungeliebten Schwester zu entledigen - zieht in das Elternhaus zurück und versucht auf seine Weise, mit Anne in Kontakt zu treten, sich ihr in ihrer Trauer zu nähern.

Für mich, die ich selbst trauernde Mutter bin und weiß, wie sich der Verlust eine Kindes anfühlt, sind die Szenen des Buches, die die Trauer von Anne und ihre Angst, Sarah könnte verloren gehen", aus der Welt fallen, so wie Anne selbst aus dieser Welt gefallen ist das Eindringlichste, Berührendste und Schönste, was ich seit langem gelesen habe: Wenn Anne im Keller des Hauses den Wäschekorb, den sie vor den anderen versteckt hält, öffnet und die Wäschestücke, die Sarah getragen hat, einatmet, dann wird Trauer" sichtbar gemacht und ihr Ausmaß schmerzhaft erfahrbar!
Wenn Anne weiterhin mit Sarah spricht, Sarah dem kleinen Mädchen, Sarah am Abend des Mordes, als sie sich für die Party fertig macht und das Haus verlässt, dann ahnt man, dass dieses Nichtloslassenwollen", diese imaginäre Verbundenheit - ein wesentlicher Bestandteil der Trauer ist.
Jo hat den Zugang zu seiner Frau völlig verloren und aufgegeben. Simon gelingt er über ein gemeinsames Filmprojekt über Sarah und dieses Mutter-Sohn-Projekt" ist berührend schön geschrieben! Für kurze Zeit kann Simon Anne erreichen, dann trennen sich auch die Welten von Mutter und Sohn.

Hier noch einmal der kleine Monolog, der mich besonders berührt:
Anne (in die Videokamera von Simon):

Manchmal hab ich einen sehr schönen Traum. Ich lauf durch die Strassen und zieh einen Koffer hinter mir her. Wenn mich etwas an Sarah erinnert, dann pack ich es ein. Eine Stimme... ein Lachen... dieselbe Haarfarbe...Ich finde immer mehr, mein Koffer füllt sich, wird schwer. Ich bin glücklich.
Ich geb dann den vollen Koffer am Friedhof ab, und da steht sie am Tor und wartet auf mich. Ich wink und renn auf sie zu. Und sie steht da und lächelt. Ich renn schneller - dann wach ich auf."

Unsere Gesellschaft ist sich offenbar darin einig, dass der Tod eines Kindes das Schrecklichste ist, was einer Familie, einer Mutter, einem Vater widerfahren kann. In der konkreten Konfrontation allerdings erweisen sich eben diese Menschen sehr oft als unfähig zum entsprechenden Verständnis und der notwendigen Toleranz.
Dass es einer jungen Autorin gelingt, ein Familienschicksal so authentisch und überzeugend in einer immer wieder überwältigenden Sprache niederzuschreiben, das grenzt für mich an ein buchstäbliches Wunder. Ich möchte dieses Buch vor allem auch Menschen in der Trauer sehr ans Herz legen. Unter meinen Büchern hat es schon jetzt einen besonderen Platz!

Ich hoffe, dass wir von Lisa-Marie Dickreiter noch viel zu lesen bekommen und freue mich auf das nächste Werk von ihr! Danke, liebe Lisa-Marie Dickreiter für dies herausragende Buch!
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Vom Atmen unter Wasser von Lisa-Marie Dickreiter, 1. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Meine Meinung:
Erster Satz: Mit sieben Jahren beschloss ich, meine kleine Schwester für immer loszuwerden.

Dieser allererste Satz klang für mich sehr spannend und ich habe mich sehr gefreut dieses Buch zu lesen. Aber als ich dann die weiteren Seiten gelesen habe, war das Buch so öde geschrieben. Vorallem mit dem Schreibstil kam ich überhaupt nicht zurecht. Die Autorin schreibt so kurze Sätze, das man echt bei jedem Satz nachdenken muss, was sie dir eigentlich damit sagen will. An sich ist das eine schöne und traurige Geschichte, aber man hätte das viel weiter ausbauen können. Das Buch wird aus der Sicht des Sohnes, der Mutter und des Vater erzählt. Alle drei Charakter erzählen ihre Trauer und wie sie mit dem Tod von Sarah umgehen. In diesem Buch passiert nichts wirklich Überraschendes, darum habe ich auch schnell die Lust an dem Buch verloren. Ich habe mich dennoch durch das Buch gequält in der Hoffnung am Ende passiert noch etwas. Das Ende war dann doch ergreifend, aber nicht sonderlich überraschend. Ich denke mal das sich viele für solche Themen wie in diesem Buch interessieren, aber der Schreibstil ist einfach sehr anstrengend und langatmig.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Seltsam und sicherlich wahr, 25. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Da schon viel geschrieben wurde, hier nur eins: mir ist die Sprache und Beobachtung zu präzise, irgendwann verliert man den Faden, weil man selbst nur noch beobachtet, da so wenige echte, ungefilterte, lebendige Gefühle vorkommen, kann man auch selbst kaum Gefühle dabei haben, so zumindest ging es mir. Die Menschen darin sind trotz heftiger Ausbrüche ständig gebremst, festgezogene Handbremse und dann fahren, so kommt es mir vor.
Aber vielleicht ist das beabsichtigt: die Erstarrung wird nicht oder nur kaum gelöst. Auch wenn jede Menge passiert im Buch, am Ende sind die Menschen innerlich bis auf Nuancen genau dort wo sie am Anfang waren. Vielleicht muss der Augenmerk auf den Nuancen liegen.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch, das unter die Haut geht, 6. August 2010
Von 
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Nichts ist in Ordnung in der Familie Bergmann.

Vor einem Jahr ist die sechzehnjährige Sarah auf dem Heimweg von einer Party ermordet worden. Jetzt, als das Leben einigermaßen seinen Weg zu gehen scheint, schneidet Anne Bergmann sich die Pulsadern auf. Ihr Mann Jo, hilflos, bittet Sohn Simon, wieder zu Hause einzuziehen und seiner Mutter beizustehen. Und so unterbricht Simon sein Studium und kehrt ins Elternhaus zurück.
"Ach Mama ... Ich hab gedacht, es geht dir besser ..."
Das Haus, das seine Mutter, gefangen in ihrer Trauer, zu einem Schrein für Sarah gemacht; das Haus, in dem er seit der Geburt seiner Schwester die zweite Geige gespielt hat. Und während seine Eltern kaum zu normaler Kommunikation fähig sind, gelingt es ihm langsam, die Mauer aufzubrechen. Er, der Zwanzigjährige, geht dabei bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit und erweist sich als reifer als die, die ihn in ein erwachsenes Leben geleiten sollten.

Ein brutaler Mord, eine Familie, die lernen muss, damit weiterzuleben.
"Ich will so nicht weiterleben."
Kein schönes Thema, auf den ersten Blick.
Kein Buch, das man mal eben als Lesefutter vernascht.
Ein Coverbild, das Beklemmung erzeugt: Ein leeres Bett, die Falten des Lakens wirken wie Wellen; kaputte Stofftiere, glühende Augen im Dunkeln.
Ein Buch, das berührt, das unter die Haut geht. Sätze, die mit präzisem Werkzeug herausgemeißelt scheinen, jedes Wort an seinem Platz, kein Wort zu viel, der Text verdichtet, nichts wird aufgebläht.
Es gelingt der Autorin, uns die Protagonisten so nahe zu bringen, als wären wir selbst ein Teil der Familie. Die Kapitel sind abwechselnd aus der Perspektive von Anne, Jo und Simon erzählt, ihre Namen stehen als Kapitelüberschrift, im Text wird der Perspektivträger nicht mehr namentlich genannt. Der Leser folgt der Figur, als wäre er mit einer unsichtbaren Kamera auf ihrer Spur und erlebt die Gefühle hautnah mit.
Die stummen Vorwürfe, die Schuldzuweisungen, die Verletzungen. Man möchte die Protagonisten schütteln beim Lesen, ihnen zurufen: "Jetzt redet doch endlich miteinander!"
Auch Sarah, obwohl tot, ist sehr präsent. In kurzen, kursiv abgesetzten Rückblenden und Dialogfetzen wird aus der anfänglichen Skizze des ermordeten Engels ein Teenager aus Fleisch und Blut, mit Ecken und Kanten, und sie ist nicht die kleine Göttin auf dem Podest, zu der ihre Mutter sie in ihrem Gedenken erhoben hat.
"Nichts kann ich festhalten."

Lisa-Marie Dickreiter hat Drehbuch studiert und ihr Sinn für Dramaturgie ist in jeder Zeile, in jedem mit präziser Absicht gesetzten Absatz spürbar. Innerhalb jedes Kapitels steigert sie die Spannung und das ganze Buch läuft auf einen unerwarteten Höhepunkt hinaus. Nach dem Lesen fragte ich mich, wie so viel von allem, Emotionen, Handlungshöhepunkte, Bilder, auch durchaus komische Szenen in dieses auf den ersten Blick kurze Werk passen können.
Selbst nach dem Zuklappen des Buches konnte ich es nicht einfach abschütteln und zur nächsten Lektüre übergehen. Aber wer sagt denn, dass man das muss?
Es bietet sich geradezu an, nach Seite 272 wieder zu Seite 1 zurück zu blättern und es ein zweites Mal zu lesen.
Schon während Lisa-Marie Dickreiter an dem Roman arbeitete, konnte sie vier Arbeits- und Aufenthaltsstipendien dafür gewinnen, und aktuell ist der Roman für den Klaus-Michael Kühne Preis nominiert, der im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals verliehen werden wird.
Auf weitere Bücher aus ihrer Feder bin ich sehr gespannt.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbar komponiert, 11. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Über die Geschichte wurde schon viel gesagt: ein Jahr, nachdem die 16jährige Sarah ermordet wurde, suchen ihre Eltern Anne und Jo und ihr älterer Bruder Simon nach einem Weg, mit ihrer Trauer weiterzuleben. Bald wird deutlich, dass sie dabei nicht als Familie handeln, sondern dass sich jeder der drei etwas anderes wünscht. Anne möchte alles bewahren, was ihre Tochter in ihren Gedanken lebendig erhält, und reagiert mit Verzweiflung und Wut auf jeden, der ihr etwas wegzunehmen scheint. Jo kämpft darum, im Alltag so etwas wie Normalität aufrecht zu erhalten, hat sich innerlich aber schon weit zurückgezogen. Und Simon, der immer im Schatten der Schwester stand und die Familie eigentlich schon verlassen hatte, lässt sich von seinem Vater als Hüter seiner Mutter einspannen, findet tatsächlich Zugang zu ihr und ihrer Trauer und wird so immer stärker mit der Aggession konfrontiert, die sich in dieser Trauer verbirgt.

Was mich an "Vom Atmen unter Wasser" so fasziniert, ist die Sicherheit und Präzision, mit der Lisa-Marie Dickreiter diese drei Personen für uns zum Leben erweckt. Da gibt es keinen falschen Ton, keine unnötige Erklärung, keine einzige weichgespülte Kante - und vor allem: keine Parteinahme. Wir sehen die drei Personen agieren, wir erleben mit, wie sie sich gegenseitig verletzen; wir werden genau so unmittelbar mit ihrer Situation konfrontiert wie sie, so dass die Frage, wer von ihnen "im Recht" ist, sinnlos wird.

Dass es dem Roman gelingt, uns so tief in die Geschichte hineinzuziehen, liegt vor allem an der wunderbar genauen Sprache, die auf den ersten Blick so schlicht wirkt, in Wirklichkeit aber mit großer Sorgfalt komponiert wurde, mit einem feinen Gehör für Rhythmus und einem klaren Blick für das Wesentliche. So gut mir der Film mit Andrea Sawatzki als Anne gefallen hat - für mich erzählt der Roman die Geschichte der Bergmanns neu und anders, mit Mitteln, die nur einem Roman zur Verfügung stehen. Ein unbedingt lesenswertes Buch.
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13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nicht nur gut, 30. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Ich finde das Thema sehr spannend. Und finde jede Figur zu Anfang sehr spannend. Und ich fand auch den Film gut und berührend. Ich habe mich sehr auf das Buch gefreut.

Aber dann fand ich das Buch nach 30 Seiten - puh.... langatmig, schwerfällig, anstrengend, kaugummi, nervig. Ich mag die Erzählstimme einfach irgendwann nicht mehr, dieses kleinteilige Abarbeiten von Geräuschen, Kleidergeraschel hier, Karottengeknurpse im Kopf da, alles Geräusche die nichts mit dem zu tun haben was da gerade in der Szene erzählerisch, gefühlsmäßig für die Figuren passiert, und dem was da erzählt wird keine zusätzliche Dimension geben, sondern einfach nur immer wieder die Subjektive vermitteln.

Mir kam es so vor als hätte sich die Autorin ihr Drehbuch und den Film Szene für Szene vorgenommen und dann Hausaufgaben gemacht: Und die Szene aus einer Fiugurenperspektive durchgespielt - inklusive allen sinnlichen Eindrücken dieser betreffendne Figur.....uähhhh.....das ist erzählerisch vielleicht "interessant", intellektuell interessant aber emotional langweilig und literarisch....wirkt es auf mich wie eine Etüde.

Im Film funktionieren für mich auch einige der Gespräche besser, da sehe ich Leute, Gesichter, Menschen - und interetiere da was rein, denke mir, was die wohl denken. Die Gedanken, die den Charakteren dann im Buch gegeben wurden, waren dann im Vergleich dazu manchmal richtig flach, haben dem was shcon gesagt wurde nichts hinzugefügt, haben keine literarisch erzählerische Dimension aufgemacht. Und diese "im Kopf und Körper"-Subjektiven waren irgendwann nicht mehr sinnlich, sondern nervig für mich.

Also für mich wars enttäuschend. Auch wenn das Ende mit seinen zarten, wundervoll emotional logischen Lösungen für jeden einzelnen der Charaktere noch immer toll ist. Einfach toll erzählt, toll erfunden und gefunden.
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Tod verändert die Lebenden, 6. August 2010
Von 
H. P. Roentgen - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Vor einem Jahr wurde Simons Schwester ermordet. Warum hat seine Mutter sich jetzt, nach einem Jahr, die Pulsadern aufgeschnitten?

Simon versteht das nicht. Und jetzt will auch noch sein Vater, dass er wieder zu Hause einzieht. Dabei studiert er, hat eine eigene Wohnung. Doch sein Vater möchte, dass jemand auf Mutter aufpasst. Wer weiß, was sie als nächstes tut.

Eine kleine Familie sind sie jetzt wieder. Doch keine glückliche. Denn zwischen ihnen steht immer noch Sarah. Unsichtbar, aber sie bestimmt alles. Denn die Mutter hat den Tod immer noch nicht überwunden. Ganz im Gegenteil, für sie ist Sarah jetzt erst recht präsent. Sei es durch den Geruch ihrer Kleider, sei es durch ihr Zimmer, in das sich die Mutter immer öfter flüchtet.

Lisa Dickreiter schildert das Psychogramm einer Familie, die immer stärker in den Sog der Toten gerät, darein, was diese getan hat, darein, dass die Mutter sich nicht lösen kann von dem toten Kind und immer mehr alle anderen Beziehungen davon zerstört werden. Die Mutter reagiert immer unverständlicher, die anderen können sie nicht auffangen und sprechen darüber kann erst recht keiner. Denn welche Sprache gäbe es, in der man über das reden kann, was keiner begreift?

Das Buch ist kein Pageturner, denn immer wieder legt man es aus der Hand. Zu bedrückend ist das, was die Autorin schildert. Und doch muss man immer wieder zum Buch greifen, um weiter zu lesen. Bedrohlicher als mancher Horrorroman ist das, was hier geschildert wird, unverständlich, kaum nachvollziehbar, wie hier eine Frau in der Trauer über ein totes Kind alle anderen lebenden Personen vergisst. Wer es nicht miterlebt hat, wie der Tod einer nahen Person alles verändert, kann es oft nicht nachvollziehen. Dabei ist der Tod der häufigste Grund für psychische Abstürze. Lisa Dickreiter lässt das mit sezierender Genauigkeit nacherleben, schier unerträglich ist das Buch oft, aber ebenso schwer, es nicht doch zu Ende zu lesen.

Gekonnt geschrieben, kriecht es in seine Figuren hinein und verstört den Leser durch die Nähe des Todes und dadurch, was der mit den Überlebenden macht. Keine einfache Kost.

Das einzige, was dem Buch fehlt, wäre vielleicht ein Nachwort. Denn was hier geschildert wird, ist nichts außergewöhnliches, auch wenn es manchem Leser vielleicht so erscheinen mag. Oft können Außenstehende gar nicht ermessen, was in denen vorgeht, die einen Menschen durch den Tod, gar durch einen Mord, verloren haben. Dass das oft über Jahre hinweg einschneidende Folgen hat, Personen verändert, so dass die anderen sie kaum wiedererkennen.

So entstand ein bestürzendes Psychodrama über den Tod und die Folgen für die, die zurückbleiben. Ein Buch über Sprachlosigkeit und darüber, das bestimmte Traumata oft gar nicht benannt werden können.

Hans Peter Roentgen
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fast perfekt, 30. November 2010
Von 
Thomas Liehr (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Vor einem Jahr ist die sechzehnjährige Sarah auf dem Heimweg - von einer Party kommend - ermordet worden. Etwas wie Normalität ist bei Familie Bergmann längst nicht wieder eingekehrt. Anne, die Mutter, versucht, sich umzubringen, um der lähmenden Traurigkeit zu entkommen. Der Versuch scheitert, und fast minütlich wächst die Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit bei den drei Hinterbliebenen. Der Mann, Johannes, tröstet sich mit einem Seitensprung und stürzt sich zur Ablenkung mehr als nötig in seine Tätigkeit als Sozialarbeiter, im Rahmen derer er ausgerechnet Mädchen in Sarahs Alter davor zu bewahren hat, auf die allzu schiefe Bahn zu geraten. Simon, der Sohn, der eigentlich für sein Physikum pauken müsste, wird vom Vater in die Rolle des Mutterbeschützers gedrängt. Anne aber kämpft gegen das schleichende Vergessen an, sucht nach Schuldigen, obwohl der Täter gefasst und verurteilt ist. Sie wird bei Sarahs bester Freundin Elena fündig. Denn den Grund dafür, dass Sarah recht früh die Party verlassen hat, hat sie geliefert. Und ausgerechnet mit Elena hat Simon inzwischen ein Verhältnis.

Dieser größtenteils bemerkenswerte und bedrückende Roman ist entstanden, nachdem Lisa Marie Dickreiter das Drehbuch für den gleichnamigen Film geschrieben hatte. Dass sich die Autorin hier auf fachfremdem Boden bewegt, ist dem grandios betitelten Werk hin und wieder anzumerken. Ihre Bemühungen, den Verzicht auf die visuelle Komponente durch knappe, emotionsarme, prägnante Sprache, die zuweilen an Regieanweisungen erinnert, zu kompensieren, gelingt nach meinem Gefühl aber nicht immer. Es entsteht eine seltsame Distanz, aus dem Leser wird ein Zuschauer, was häufig durchaus packend und berührend wirkt, aber die Architektur des Romans lässt nie zu, dass diese Distanz gänzlich überwunden wird. Dickreiter lässt ihre Figuren agieren, dringt nur selten in sie ein, beschreibt Gefühlswelten mit Hilfe vieler kleiner Szenen und erzählerischer Tricks, was tatsächlich den merkwürdigen Eindruck vermittelt, einen Film zu lesen, eine Geschichte anzuschauen, aber unterm Strich fehlt an entscheidenden Stellen jene Nähe, aus der Empathie entstehen könnte. Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Autorin hat das Szenario auf vortreffliche Weise dramaturgisch verpackt, aber ich vermisste beim Lesen den wesentlichen Schritt in die Figuren hinein; es ist, als wäre die Hilflosigkeit ihres Romanpersonals manchmal auf die Autorin übergegangen. Zudem wirken einige Handlungselemente wie die Beziehung zwischen Simon und Sarahs Freundin oder der Seitensprung des Vaters, die im Film sicherlich nötig waren, um die Zuschauer fortwährend zu fordern, ein wenig überzogen, um nicht zu sagen überflüssig. Weniger wäre hier meiner Meinung nach tatsächlich mehr gewesen, zugunsten einer stärkeren Fokussierung auf diejenigen, die weiterleben müssen, obwohl ein wesentlicher Teil von ihnen gestorben ist. Stewart O'Nan hat das in seinem fantastischen Roman "Alle, alle lieben dich", der eine recht ähnliche Geschichte erzählt, dann doch etwas besser hinbekommen.

Aber das ist Nörgelei auf sehr hohem Niveau. "Vom Atmen unter Wasser" zeigt eindrucksvoll das Schicksal jener, die nicht strafrechtlich Opfer sind, aber als Überlebende und im Wortsinn Hinterbliebene ohne Hilfe von außen mit einer Situation zurechtkommen müssen, die nach menschlichen Maßstäben nicht zu bewältigen ist. Das Buch präsentiert eine ausweglose, deprimierende und sehr nachvollziehbar geschilderte familiäre Grenzsituation, vermittelt anschaulich die Wucht und Dramatik, im Kleinen wie im Großen, und großartigerweise unter Verzicht auf naheliegende Effekthaschereien. Lisa Marie Dickreiter ist zweifelsohne eine exzellente Studie gelungen, die vielleicht perfekt geworden wäre, hätte es das Drehbuch vorher nicht gegeben.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein schönes, nachdenklich machendes Debüt, 6. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Vom Atmen unter Wasser ist ein Buch, das mich sehr tief berührt hat. Das mich aufgesogen hat in seine Handlung, hinein in das Leben seiner Figuren. Es ist ein intensives Buch, eines, das man aus der Hand legt, weil man darüber nachdenken muss, und es doch schnell wieder weiterliest, weil man davon gefangen genommen wird.
Lisa Marie Dickreiter beherrscht ihr Handwerk. Das ist in jedem Satz zu spüren. Sätze, die nahezu perfekt durchdacht sind und so ihre Wirkung beim Leser erzielen. Jede Szene, jeder Dialog hat seinen Sinn, gibt dem Leser etwas zurück, öffnet eine Welt, die man betritt, die bisweilen weh tut und aus der man manchmal zu flüchten wünscht und doch wiederkehrt.
Lisa Marie Dickreiter erzählt in ihrem Debütroman von einer Familie, die ein Jahr nach dem Tod der Tochter beinahe unter diesem Schicksalsschlag zerbricht. Da ist die Mutter, die die Tochter abgöttisch geliebt und deren Tod nicht verarbeitet hat, da ist der Vater, der nicht in der Vergangenheit verharren, der wieder leben will, und da ist der Sohn Simon, der längst mit zu Hause abgeschlossen hat und nun zurückkehrt, weil ihn der Vater um Hilfe bittet.
Das Buch taucht tief in die Psyche der drei Protagonisten ein und zeigt in einer wunderschönen, schnörkellosen Sprache, wie die Familie mit dem Tod der Tochter zurechtkommt, wie das Leben der drei weitergeht, oder eben auch nicht.

Fazit:

Ein sehr schönes, nachdenklich machendes Buch mit einem ausdrucksvollen Cover, das ich jedem nahelegen möchte.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Trauer, Wut und Hilflosigkeit, 18. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Vom Atmen unter Wasser (Gebundene Ausgabe)
Ich habe den Roman gelesen nachdem ich den Film gesehen hatte. So gelang es mir nicht, mich von den Figuren des Films bzw. den Schauspielern zu lösen. Aber dies tat dem Roman keinen Abbruch.
Der Tod eines Kindes ist für Eltern furchtbar, noch grausamer wird dies, wenn es durch Mord geschieht.
Der Roman schildert eindrücklich wie Vater, Mutter, Bruder jeweils in ihrer eigenen Glocke aus Hilflosigkeit, Trauer und auch Wut eingeschlossen sind. Obwohl alle den gleichen Verlust erlitten haben, schaffen sie es nicht, daraus eine Gemeinsamkeitsgefühl und gegenseitige Unterstützung zu entwickeln. In ihrer undendlichen Trauer wird der noch lebende Sohn von der Mutter kaum wahrgenommen, wenn dann nur als Instrument zur Erinnerung. Der Vater fordert von ihm Unterstützung bei der Bewachung" der selbstmordgefährdeten Mutter ein. Die Eltern scheinen ganz zu übersehen, dass auch der Bruder unter dem Verlust leidet.
Trotz des eher beobachtenden Blickwinkels aus dem das Buch geschrieben ist, konnte ich mich sehr gut in die Personen einfühlen. Sie sind die eigentlichen Opfer, die nach dem Mord zurückbleiben.
Das Ende des Buches ist gelungen, hier glimmt ein Hoffnungsschimmer an Horizont auf. Man hat Zutrauen, dass die Protagonisten ihre Trauer überwinden werden.
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Vom Atmen unter Wasser: Roman
Vom Atmen unter Wasser: Roman von Lisa-Marie Dickreiter (Taschenbuch - 7. Januar 2012)
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