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23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Handwerk: heute und gestern....., 2. Juni 2008
Rezension bezieht sich auf: Handwerk (Gebundene Ausgabe)
Richard Sennet Handwerk Berlin Verlag
ISBN 3827000335

Handwerk beobachtet im Verlaufe der langen evolutionären, biologischen und menschlichen Geschichte: eine Entwicklungs- und Sozialgeschichte von außergewöhnlicher Dimension.

Schon aus der Entwicklungsgeschichte von Kleinkindern wissen wir, dass die motorische Entwicklung mit der geistigen Entwicklung korrespondiert. D. h., wenn ein Kind sprachlich behindert oder entwicklungsverzögert ist, so ist die Behandlung einer motorischen Heilgymnastik das Mittel der Wahl, um die geistige Entwicklung zu fördern.

In seinem Buch 'Handwerk' zeichnet Sennet die philosophischen und gedanklichen Überlegungen zur Bedeutung des Handwerks im Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele auf.
Geist und Körper, Handwerk und Kultur gehen in eins.
Sennet bemüht Hannah Arendt und Heidegger, Adam und die Verführung durch Eva im Sündenfall und die griechische Götterwelt, um seine Anschauungen aus verschiedenen Richtungen anzugehen. Homers Hymne auf den Schutzgott der Handwerker, Hephaistos, steht zu Beginn eines Kapitels, in dem der Autor Hephaistos als modernen Gott sowohl für die Weber als auch für den Linux- Programmierer für zuständig erklärt. Hephaistos repräsentiert den Handwerker als Friedensstifter und Schöpfer der Zivilisation.
Nicht der Beginn der Zivilisation aber wird mit der Hymne gefeiert, denn die gab es schon lange zuvor. Das Nomadendasein der Menschen endete bereits, als der Mensch sich Handwerkzeug zunutze machen lernte. Das aber setzte Denkleistung und praktische Umsetzung voraus.
Sennet vermag ausgezeichnet, Beispiele aus dem Alltagsleben mit theoretischer Anschauung zu verbinden. Er ist ein Meister der praktischen Darstellung und der intellektuellen Verarbeitung seiner Erkenntnisse. Am Beispiel verschiedener Handwerke zeigt er die Möglichkeiten und Widerstände auf, die das Handwerk seinem Schöpfer bietet.
Dass Sennet in seinem Buch eine Kulturgeschichte des Handwerks entworfen hat, ist sein Verdienst,---- und ohne Zivilisationskritik ist diese Bilanz nicht möglich. Von der Arbeit in Konkurrenz und der Arbeit als Freude, von ihrer Bedeutung als Identitätsstiftung bis zu ihrer Verfremdung und Entartung hin zu Banalität des Bösen, nachzulesen bei Hannah Arendt, lässt Sennet nichts ungesagt. Für die Gefahren durch menschlichen Forscherdrang steht die Büchse der Pandora. Sie besiegelt die gefährlichen Risiken, die dem Menschen aus den Möglichkeiten seines Schaffens erwachsen können, wenn erst einmal erkannt ist, dass das, was möglich ist, auch machbar ist und zur Zerstörung werden kann.
Die Zusammenhänge zwischen Hand - Werk und Zivilisation, zwischen Arbeit, Krieg und Frieden sind erstaunlich.
Zur Ergänzung der Erkenntnisse über das Thema Handwerk sind Schriften wie die von Dawkins und Jared Diamond zu empfehlen.

Fundiert, leidenschaftlich und durchdrungen von seinem Wissen liest sich das Buch wie alle Werke Sennets gut und eingängig. Für den interessierten Leser bietet das Buch eine Zusammenführung von Wissen und Erkenntnissen über die alte und die moderne Welt und ihre Lebensbedingungen, über ihre Gefahren und ihre Chancen. Sein Plädoyer gilt der Vereinigung von Handwerk und Geist.

Richard Sennet ist ein bekannter amerikanischer Soziologe und Kulturhistoriker, der schon u.a. mit seinem Buch < Verfall und Ende des öffentlichen Lebens > ' kulturanthropologische Betrachtungen von eindringlicher Kraft aufgewiesen hat. Wie fast alle Wissenschaftsautoren amerikanischer Herkunft beherrscht er die Fähigkeit, schwierige Texte anschaulich und eindeutig zu vermitteln. Dass Wissenschaft faszinierend sein kann, das beweist Sennet mit diesem Buch einmal mehr. Es macht Lust auf Wissen, stimmt neugierig und bereichert den Leser um viele einschlägige Erkenntnisse.
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Plädoyer für die gekrümmte Linie, 5. April 2008
Von 
Bernhard Horwatitsch "horwatitsch" (Muenchen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Handwerk (Gebundene Ausgabe)
"Der klumpfüßige Hephaistos - mit seinem Stolz auf die eigene Arbeit und auch auf sich selbst - ist die würdigste Gestalt, die wer werden können." Mit dieser Reminiszenz an den antiken Gott der Arbeit, endet Sennetts großartige Studie über das Handwerk. Von der mittelalterlichen Goldschmiedewerkstatt bis zum modernen Architekturbüro untersucht er dabei die Fertigkeiten des Menschen. Zu Beginn kritisiert er die seiner Ansicht nach zu schlichte Unterscheidung Hannah Arendts zwischen homo faber und Animal laborans, und bringt den homo ludens ins Spiel. Während Ludwig Wittgenstein in seinem Versuch das perfekte Haus zu bauen scheiterte, weil keine ökonomischen Widerstände vorhanden waren, und Wittgenstein der Obsession unterlag, gelang dem immer wieder spielerisch Grenzen überwindenden Alexander Loos das Kunststück, gute Architektur zu schaffen, ohne die Geldmittel zur Verfügung zu haben, die eigentlich nötig gewesen wären. Für Sennett wird so der spielerische Einsatz des Handwerkers und dessen Kreativität und Fehlerakzeptanz zur eigentlichen Leistung im Gegensatz zu einer rein technokratischen Auffassung, die nur in toter Materie endet. Sennett stellt fünf Grundforderungen an das "gute Handwerk": Einmal Verständnis für die Bedeutung der Skizze. Der gute Handwerker hat ein Bewußtsein dafür, am Anfang noch nicht genau zu wissen, worauf es hinausläuft. Der gute Handwerker soll - Sennetts Ansicht nach - auf Zufall und Beschränkung positiv reagieren können. Sennett warnt vor der Obsession und erläutert den richtigen Umgang mit dieser Leidenschaft. Der gute Handwerker vermeidet Perfektionismus und er weiß, wann es Zeit wird, aufzuhören. Dieses Buch ist ein Plädoyer für interdisziplinäres Denken, für Kreativität und weiche Hierarchien. Ein ausgesprochen lesbares und bereicherndes Buch, ein Buch das Mut macht, sich einzumischen, sich seiner eigenen Fähigkeiten bewußt zu werden. Irren ist menschlich, aber nicht nur das, Irren ist ein kreativer Faktor, ein wichtiges Element im Gelingen einer guten Arbeit. Der Zwangscharakter, den Arbeit manchmal hat, zerstört die Freude am eigenen Tun und demoralisiert unsere Disziplin. Und Sennett versäumt es nicht, auf die drohende Pandora der gefährlichen Arbeit hinzuweisen. Hier ist sein Lösungsansatz nicht wirklich überzeugend, aber vermutlich gibt es auch keine ultimative Lösung für dieses zweischneidige Blatt das Arbeit (Atomenergie vice versa Atombombe) in sich trägt.
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28 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kopfarbeiter schreibt über Handwerker, 29. April 2008
Von 
Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Handwerk (Gebundene Ausgabe)
"Ich bin Handwerker", betont mein Grafiker immer wieder. Und er hat wohl Recht, obwohl er vorwiegend Befehle an die Software eines Rechners erteilt. "Ich bin Handwerker", sagt mein Kollege, der soeben einen modernen Sportwagen an das Analysegerät anschliesst, bevor er sich dann unter das Auto legt. Und ich bin Handwerker, erzähle ich mir auch oft selbst, wenn ich an einem Fünfzeiler herumbastle, der auf einem Plakat für Aufmerksamkeit sorgen soll. Richard Sennett sieht sich als Kopfarbeiter, der uns Kultursoziologie näher bringen will. Und das macht er oft auf so spannende und verblüffende Art, dass seine Bücher zu Bestsellern werden. Doch sein neustes Werk hat mich eher enttäuscht. Nicht weil es langweilig oder holperig verfasst worden wäre, sondern weil aus ihm ein Kulturpessimismus spricht, mit dem ich immer weniger anfangen kann. Denn mich interessiert mehr, was sich aus gegebenen Umständen herausholen lässt oder wie das Gegenwärtige aus dem Vergangenen heraus entstanden ist. Doch der Blick von Richard Sennett ist zunehmend rückwärts gerichtet. Und daher lese ich zwischen den Zeilen immer wieder von der guten alten Zeit.

Wieso ich dem Buch trotz etlicher Schwierigkeiten bei der Lektüre vier Sterne zubillige hat einen einfachen Grund. Richard Sennett ist eben ein so scharfsinniger Beobachter, dass er mich immer wieder auf Dinge und Zusammenhänge aufmerksam macht, die ich bei anderen Autoren nicht finde. Kurz: Er ermöglicht mir Entdeckungen. Und seine gegenteiligen Meinungen formuliert er so, dass sie Bilder ergeben und Zweifel wecken. Wer allerdings diesen Lesemomenten nicht so grosse Bedeutung beimisst und ein moderneres Bild handwerklichen Tuns hat, wird vom neusten Buch Sennetts eher enttäuscht sein. Irgendwo las ich, dass der Autor in einem Interview sagte, er habe ein positives Werk schreiben wollen. Das ist ihm nach meiner Ansicht nicht geglückt.

Mein Fazit: Das neuste Buch von Richard Sennett hinterliess bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Viele seiner Thesen und Ansichten überzeugten mich nicht. Vor allem weil sie auf einem Weltbild beruhen, das die reale Arbeitswelt schlecht widerspiegelt und in vielen Aspekten einem Idealismus huldigt, von dem sich Handwerker aus den verschiedensten Gründen grösstenteils verabschiedet haben. Empfehlen möchte ich das Buch nur Lesern, die sich an einem rückwärts gewandten Blick nicht stören und genügend Stehvermögen haben, aus über 400 Seiten die inhaltlichen und formalen Perlen herauszufischen.
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27 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Prinzip Stradivari ?, 29. Januar 2008
Rezension bezieht sich auf: Handwerk (Gebundene Ausgabe)
Schrauber sterben aus ? Einen Kotflügel der Ente konnte der Schrauber in drei Minuten abnehmen und heute ? Man braucht ein kompliziertes Gerät, um die noch kompliziertere Programmierung nachvollziehen zu können. Verstehen kann man es kaum, selber tun ohnehin nicht. Die technischen Lösungen sind von einer Komplexität, dass man froh sein darf, ein paar Anwendungen zu verstehen,geschweige denn, selbst etwas mit der Hand bewirken zu können.
Immer mehr Fähigkeiten werden delegiert an Systeme, an technische Hilfen, an Maschinen. Die Fähigkeit des Menschen geht verloren. Er kann nichts mehr reparieren, kein Instrument spielen, nicht im Kopf rechnen. Die Potentiale des Menschen schrumpfen.
Dem stemmt sich sich Sennett entgegen.Zitat:"Die Rede vom Handwerk lässt dabei zuallererst an das geschickte manuelle Hantieren mit Dingen und Werkzeugen denken, an Handarbeit, die nahe an den bearbeiteten Materialien und Gegenständen bleibt. Dieser Bedeutungsakzent ist für Sennett wichtig, denn an ihm hängt sein Appell, unser Weltverhältnis auf solide "materialistische" Weise in der Welt der Dinge zu verwurzeln, mit denen wir umgehen. Außerdem lässt sich in einer im engeren Sinn handwerklich verstandenen Dingwelt am leichtesten voraussetzen, dass man auch wirklich weiß, was es heißt, eine Sache gut zu machen."
Sennett versteht es, die Bedeutung des Hand-Werks an vielen Beispielen zu entfalten. Die Anfertigung einer Stradivari ist Hand-Werk auf allerhöchstem Niveau. Es ist die technische Fähigkeit, die unglaubliche Kenntnis über Holz und seine Verarbeitung, die Kunst , die Bearbeitung eines Gegenstands auf höchste Perfektionsebenen zu heben.
Dieser Teil seines Werks wir sehr belobigt. Zitat: "Es sind vielleicht die überzeugendsten Passagen des Buches, die sich an Analysen dieser konkreten Praktiken versuchen. Und kein Zufall ist es, dass dabei im soziologischen Sinn der Übergang vom eher bodenständigen Handwerk zu Kunsthandwerk und Kunst genommen wird. Nicht dass Sennett hier schummeln würde: Die Annäherung von Handwerk und Kunst über das Mittelglied Kunstfertigkeit steht explizit auf seinem Programm."
Die Übertragung dieser Erkenntnisse auf eine gesamtgesellschaftliche Orientierung hingegen stösst auf Kritik. Zitat:"Vom geschickten schlussfolgernden Umgang mit den - möglichst sinnlich konkret gedachten - Sachen sollen sich also Verbindungslinien ziehen lassen zur "geschickten", kompetenten Teilnahme an den Dingen des Gemeinwesens. Die demokratischen Institutionen hätten die in der Arbeit bewiesenen Kompetenzen ihrer Bürger aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Wie man sich dies genauer vorzustellen hätte, dass aus gut Arbeitenden gute Bürger eines demokratischen Gemeinwesens hervorgingen - ohne auch nur einen Seitenblick auf die konkreten ökonomischen Verhältnisse zu werfen, unter denen sie ihre Arbeit leisten -, verrät Sennett nicht. Er weiß auch, dass man auf Gegenbeispiele leicht verfällt." und "....Für Stoßrichtung und Programm des Buches zeigt der Rezensent viel Respekt, beklagt aber, dass Sennetts soziologische Tiefenschärfe kaum über das Niveau von "Manager-Ratgebern" hinausreicht".

Sennett ist seit Jahrzehnten ein brillianter Soziologe. Er hat sicher das Verdienst, auf wichtige Aspekte menschlichen Potentials hinzuweisen und dieses an vielen Beispielen zu entfalten. Aber er entgeht nicht der Gefahr, die Erkenntnisse zu überdehnen und damit die zutreffende Erkenntnisse vermehrten Einwänden auszusetzen.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Klugheit der Hände, 14. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Handwerk (Gebundene Ausgabe)
Die Klugheit der Hände.

Es sei vorangestellt: ich bin ein gelernter Handwerker. Wenn auch kein "Jack of all Trades". Sennett ist, was sein Thema betrifft, wie Goethe. Heimgekehrt vom Osterspaziergang, übersetzt Faust den ersten Satz des Johannesevangeliums; er zögert, probiert einige Wörter für Logos - "Sinn" oder "Kraft" - aus, bevor ihm "der Geist" zu Hilfe kommt: Auf einmal seh' ich Rat und schreibe getrost: "Im Anfang war die Tat!" Der Rat führt zur Tat - und bewirkt im Hintergrund die rasche Transformation des schwarzen Pudels, der Faust ins Studierzimmer gefolgt ist; gerade die Vision der Tat evoziert also den Teufel, die Kraft des Zweifels und der Negation. Fausts Behauptung, die Schöpfung entspringe der Tat, nicht der Sprache oder Reflexion - das Machen, nicht das Sagen setze also den Anfang -, antizipiert das Credo der Moderne, selbst um den Preis eines Übersetzungsfehlers.
Auch darin ist Faust unüberbietbar modern: Das Lob der Tat entsteht am Schreibtisch. (Auch der Schreibtisch in einer Bank oder Börse ist "Handwerk") Und nicht erst seit dem Kult um Napoleon oder seit der elften Feuerbach-These von Karl Marx werden die "Macher" und ihre Eigenschaften gefeiert: die Souveränität der Politiker, Manager und Unternehmer, die Kreativität der Ingenieure und Genies, die Energie der Arbeiter und Techniker.

Dann folgt Sennett einer neuen These.
Kaum jemand würde den Handwerker hier einordnen. Der Handwerker gilt nicht als Macher; Gerüchte und Witze erzählen oft genug von seiner Langsamkeit, von Pfusch und Fehlern oder von einer verhängnisvollen Neigung zur Perfektion. Der Handwerker scheint den Geist der Vormoderne zu repräsentieren, das Lebensgefühl mittelalterlicher Städte; bestenfalls fungiert er als romantisches Gegenbild - singender Wandergesell - der Ungestüme des Frühkapitalismus. Wäre es dennoch möglich, nach den verbreiteten Lobgesängen auf das Proletariat, nach Ernst Jüngers "Arbeiter" (1932) oder Hannah Arendts "The Human Condition" (1958), nach der immer noch anhaltenden Begeisterung für die Geschichte der Ingenieure ausgerechnet den Handwerker in den Mittelpunkt eines Buches, eines Essays zu stellen? Die Frage wäre noch vor kurzem überzeugend verneint worden, und zwar mit derselben Verächtlichkeit, mit der Künstlern gelegentlich attestiert wird, dass sie ihr Handwerk beherrschen. Wer die handwerkliche Qualität eines Kunstwerks lobt, ist zumeist schon unter Verdacht, dessen ästhetische Bedeutung in Abrede zu stellen. Doch wir haben heute eine, durch "Pfusch am Bau" entstandene Finanzkrise ohne Gleichen, (auch nicht 1929) deren Ende längst nicht in Sicht ist und deren Folgen dem öffnen der Büchse der Pandora entspricht.

Umso überraschender und wirkungsvoller kann der Essay heute über den craftsman, den Handwerker, argumentieren, den Richard Sennett - nach seinen Plädoyers für Respekt und Höflichkeit und seiner jahrelangen Erforschung der Kulturen des neuen Kapitalismus - zu Jahresbeginn veröffentlicht hat. Die Rückbesinnung auf den gewissenhaften Handwerker operiert mit einer doppelten Beweisführung. Einerseits wird die Reichweite des Begriffs erheblich gedehnt, indem beispielsweise Dirigenten, Programmierer, Philosophen oder Laborantinnen ebenso als Handwerker gewürdigt werden wie Glasbläser, Schreiner, Schlosser oder Schmiede; andererseits wird die neuentdeckte, zeitgemäße Ausstrahlung, die Sennett dem Handwerk verleiht, in den Horizont eines klugen Vorhabens eingeordnet: als Teil einer geplanten Trilogie zur materiellen Kulturgeschichte, zur Sozialgeschichte der Dinge, die neben dem Handwerker auch den Krieger und Priester und schließlich den Fremden zu untersuchen verspricht. Im Zentrum dieser Erforschung bestimmter Typen von Männern steht jedoch stets Pandora, Göttin und Symbol der aggressiven wie der kreativen Zerstörung.
Sennett hat seinen glänzend geschriebenen Essay in drei Teile gegliedert: Zunächst geht es um die Gestalt des Handwerkers, danach um das Werkzeug der Hand, zuletzt um die handwerkliche Kompetenz - als jenes Können, das zugleich ein Vergessen (die Übung und Automatisierung ungezählter Handgriffe) wie ein spezifisches Wissen erzeugt: den Wunsch und die Überzeugung, "eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen". Gerade die Evidenz handwerklicher Fertigkeit begünstigt darum einerseits die Evolution der Maschinen, um sie andererseits zu verwerfen, wie Sennett in einem anregenden Abschnitt zu John Ruskins Maschinenkritik demonstriert. "Technik sei eben niemals "seelenlos", ("Auch Dinge haben Tränen") sofern sie von Menschen praktiziert werde, die in ihren Händen ein hohes Maß an Übung erreichen"; für Virtuosen ist Technik identisch mit Ausdruck. Sennett verfolgt hier die These, dass alle Fertigkeiten - unabhängig von ihrem Abstraktionsgrad - aus einer körperlichen Praxis entstehen. Das Wissen der Hände, ein Wissen polymorpher Berührungen und Bewegungen, ist vermutlich älter als das Wissen der Augen, Zungen und Ohren. Als ständig lernbereiter, tätiger Handwerker, will ich das hier bestätigen.

Der Schlüsselbegriff der Analyse Sennetts, ist das Materialbewusstsein des Handwerkers: "Sein ganzes Bemühen um qualitativ hochwertige Arbeit hängt letztlich ab von der Neugier auf das bearbeitete Material." Eben diese Neugier, die Liebe zur Arbeit, zum Werkstück, die Lust an der Eigenart jeweils verwendeter Materialien, charakterisiert auch die Darstellungstechnik Sennetts. Historische Skizzen werden abgelöst von Referenzen auf klassische Mythen; Beispiele und Anekdoten bilden die Brücke zu Überlegungen, die eine longue durée handwerklicher Techniken und Praktiken kommentieren. Auffällig ist einerseits die Liebe zum Detail - die Beschreibung der Fingerübungen für Jazzpianisten -, andererseits die Liebe zur großen These: dass Motivation wichtiger sei als Talent, oder dass jedes Ritual als Handwerk charakterisiert werden kann, oder die dass wir ein "Umwelthandwerk" erst erlernen müssen.
Nicht immer ist Sennetts Essay in allen Schlussfolgerungen und Beobachtungen völlig konsistent: doch so gut geschrieben, so gut gemacht (im Sinn seiner eigenen Maximen), dass ich als guter Handwerker und Leser, ihm gerne gefolgt bin und hinzugelernt habe. Ein Buch, das in der nächsten Zeit bei mir in Reichweite bleibt.
Peter A. Bruns
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12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Buch von der Glocke, 10. Februar 2010
Von 
Dr. Christian Donninger "vulgo Chrilly" (Altmelon, Waldviertel) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Handwerk (Taschenbuch)
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist's ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.
F.Schiller, Das Lied von der Glocke.

Das Buch könnte man als Ausarbeitung dieses Schiller'schen Gedankens auf 400 Seiten betrachten. Sennett's eigener Ausgangspunkt ist die These seiner Lehrerin H.Arendt vom Menschen als Animal laborans und als homo faber. Wobei die stark vom Deutschen Idealismus beinflusste Arendt den Animal laborans - die direkte Arbeit - geringschätze.
"In dieser Studie habe ich versucht, Animal laborans vor der Verachtung zu retten, mit der Hannah Arendt es einst bedachte. Handwerkliche Fähigkeiten können das arbeitende menschliche Tier bereichern, der Geist handwerklichen Könnens kann ihm Würde verleihen".
Sennett unterscheidet sich nicht nur philosophisch, sondern auch sprachlich von seiner Lehrerin. Ihm ist das Hegeln und Heideggern fremd. Das Buch ist sehr schön und klar geschrieben. Auch die Deutsche Übersetzung macht einen gediegenen Eindruck.
Sennett fasst den Begriff Handwerk in einem sehr weiten Sinn. Bei ihm ist auch Geige spielen (seine persönliche Leidenschaft) oder Programmieren Handwerk. Ich bin selbst Programmierer und habe meine EDV-Firma "Nimzowerkstatt" genannt (Nimzo ist eine Referenz an den Schachspieler A.Nimzowitsch). Ich "spreche" mehr als ein Dutzend Programmiersprachen. Wenn ich eine neue Sprache lerne, tippe ich Beispielprogramme ab. In der Regel können meine Finger die neue Sprache früher als das Bewusstsein. Man kann nur wirklich gut programmieren, wenn die Programmierdetails vollkommen automatisiert sind und es - wenn man weiss was man will - von selber geht.
Insofern kann ich Sennett's Beschreibungen aus eigener Erfahrung direkt nachvollziehen und bestättigen.

In einem Punkt stimmen meine Erfahrungen mit Sennett's Thesen aber nicht überein. Laut Sennett hat jeder Mensch die Fähigkeit und auch das Bedürfnis etwas Gut zu tun, Stolz auf seine Fähigkeiten zu sein (siehe Schiller).
Ich arbeite seit Jahren mit Pakistani zusammen. Falls die dieses Bedürfnis ebenfalls haben, dann haben sie es bisher sehr erfolgreich verschleiert. Nach meinen Beobachtungen ist ihnen nur eines wichtig: "to please the boss". Und wenn der ahnungslose Boss den größten Unsinn will, dann machen sie ihm ohne mit der Wimper zu zucken diesen Blödsinn. Sie verstehen gar nicht was man meint, wenn man sie darauf anspricht. Schließlich war der Boss zufrieden und sie haben in ihrer Weltsicht Bestens gearbeitet. Wenn der Boss nix will, dann machen sie auch nix. Meine Vorschläge, man könnte doch dies und das noch verbessern, stossen auf Unverständnis. In ihrem Selbstverständnis kann jeder auch alles. Sennett geht von 10.000 Stunden aus die nötig sind, bis man in einem Gebiet gut ist. Für einen Pakistani reichen 10 bis maximal 100 Stunden. Diese Auffassung hat den Nachteil, dass alles relativ schleissig ist, sie hat aber auch den Vorteil einer wesentlich größeren Flexibilität beim Lösen von unverhergesehenen Problemen. Man muss nicht auf den Experten warten, jeder ist Experte und kann Hand anlegen.
Sennet geht von einer durch den "Geist des Protestantismus" (M.Weber) geprägten Kultur aus.
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4.0 von 5 Sternen Richard Sennetts Kunst zu schreiben, 13. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Handwerk (Taschenbuch)
Richard Sennett schreibt generell sehr schön und gut verständlich und fordert den Kopf zum Mitdenken auf. Seine Beschreibungen von Zusammenhängen zwischen dem Denken und Handeln machen einen neugierig für die Zukunft und den Veränderungen, die noch kommen werden. Ein schöner Anfang für seine Trilogie.
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Handwerk
Handwerk von Richard Sennett (Taschenbuch - 14. November 2009)
EUR 14,99
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