Fashion Sale Öle & Betriebsstoffe für Ihr Auto Fußball Fan-Artikel calendarGirl Cloud Drive Photos Erste Wahl Learn More HI_PROJECT Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Lego Summer Sale 16

Kundenrezensionen

3,9 von 5 Sternen192
3,9 von 5 Sternen
Format: Gebundene Ausgabe|Ändern
Preis:22,99 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 14. März 2016
Bahnhöfe in japanischen Großstädten sind ein Phänomen. Shinjuku in Tokio zum Beispiel zählt mit bis zu vier Millionen Passagieren täglich zu den verkehrsreichsten Bahnhöfen der Welt. Die Hauptfigur des Romans „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami ist jedenfalls derart fasziniert, dass er sogar Bahnhofsarchitektur studiert, um beim Bau mitzuwirken.

Das ist aber auch so ziemlich das Einzige, wofür sich der Protagonist jemals interessiert hat. Mit 36 Jahren erzählt Tsukuru Tazaki seiner Angebeteten Sara Kimoto von seiner Schulzeit in Nagoya. Damals gehörte er zu einer unzertrennlichen Clique, bestehend aus zwei Mädchen und drei Jungen. Dabei verstand er gar nicht, was sie an ihm fanden. Er kam sich nichtssagend und farblos vor – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die anderen vier trugen alle Farbbezeichnungen in ihren Namen. Trotzdem war es die glücklichste Zeit seines Lebens – bis zu dem Zeitpunkt, als er ganz plötzlich ohne jegliche Erklärung aus der Gruppe verstoßen wurde. Erst 16 Jahre später ermutigt ihn Sara, der Sache auf den Grund zu gehen. Tsukurus Reise in die Vergangenheit führt ihn bis nach Helsinki und zu der Erkenntnis, wie stark Selbst- und Fremdbild voneinander abweichen können.

Haruki Murakami zählt zu meinen Lieblingsschriftstellern und spielt auch in diesem Roman seine besondere Stärke aus, vermeintlich gegensätzliche Welten miteinander zu verschmelzen. Aus der Sicht von Tsukuru erleben wir, wie die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Realität und Traum, zwischen vollkommener Harmonie und Zerrüttung zerfließen. Tsukurus Stimmung schwankt zwischen düsterer Todessehnsucht und heiterer Melancholie. Stets findet der Autor den perfekten Ton, um etwa die perfekte Chemie in der Clique oder Tsukurus tiefste Depression zu beschreiben. An Murakamis typischen philosophischen Exkursen und Episoden, die ans Mystische und Fantastisch-Absurde grenzen wie zum Beispiel die Frage, ob sechs Finger wohl nützlich oder eher hinderlich seien, mangelt es auch diesmal nicht. Darüber baut der Autor geschickt einen Spannungsbogen und lässt die Leser bis zum Schluss grübeln, was wohl die vermeintlich perfekte harmonische Gemeinschaft von damals entzweit hat.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 9. Februar 2016
Achtung Spoiler.

Ich gehöre zu den Leuten die keine Lust haben, sich nach dem Ende eines Buches oder auch Filmes Gedanken darüber zu machen, wie die Geschichte weitergehen könnte. Daher war dieses Buch nur eines mehr in einer langen Reihe von Büchern wo ich vom Ende enttäuscht war. Ich hätte gerne gewusst, ob er seine Traumfrau kriegen konnte und was es mit dem anderen Mann auf sich hatte. Die Sache mit seinem Freund, der ihn nach ein paar Monaten wieder verlassen hatte, fand ich auch seltsam, genau wie die Geschichte die dieser erzählt hatte irgendwie nur eine Geschichte in der Geschichte war. Eine interessante Geschichte, die aber keinen Bezug zum Rest des Buches hat und auch wieder nur offene Fragen zurücklässt. Naja. Also ich finde die Geschichte hört zu früh auf, da wäre noch Potenzial gewesen. Zumindest das Anfangsmysterium wurde aufgeklärt, das war ja auch wichtig.
Ansonsten mag ich den Erzähl-/Schreibstil von Murakami sehr gerne, kann seine Bücher recht flüssig lesen wo ich sonst oft Konzentrationsprobleme habe und Absätze mehrmals lesen muss bis ich das Gefühl habe sie bewusst gelesen und verstanden zu haben. Aber bei ihm passiert das selten, also lese ich seine Bücher sehr gerne. Manche Leute haben anscheinend Probleme mit der Übersetzung ins Deutsche, die nehmen es wohl sehr genau, mir macht das garnichts aus, solange es Sinn macht. Er kann sehr schön und bildhaft Szenerien und Landschaften beschreiben, man fühlt sich direkt vor Ort; dies und die Melancholie in seinen Büchern mag ich am liebsten. Zumindest die, die ich bisher gelesen haben waren immer ein bißchen traurig. Jetzt habe ich Sputnik Sweetheart angefangen, mal sehen ob sich da auch solche Gefühle einstellen.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 11. Januar 2014
Murakami feiert morgen seinen 65. Geburtstag, sein neuer Roman rast mit Lichtgeschwindigkeit auf Platz 1 der amazon-Liste...sein Erfolg ist auch u.a. auch für Kritiker nicht ganz nachvollziehbar. In seinem neuen Roman, scheint er den Nerv den Zeit zu treffen: Er schildert Traumsequenzen, die sich zwischen Realität, Unterbewusstsein, Grenzen und vielleicht deren Übergänge bewegen. Es skizziert den Beginn von Liebesgeschichten, unausgedrückten Liebesbezeugungen, die Frage nach den den wichtigsten Werten durchzieht - wie ein stiller Ton diesen Roman. Der Hang zum Suizid und dem was ihn nährt spielen hier genauso eine wichtige Rolle, wie etwa die Erfahrung von Verlust, der Wert von Freundschaft und sie Sehnsucht nach Liebe. Ein Cocktail, der wohl den Erfolg den er auch in seinem Land feiert, erklären lassen dürfte. Glaubt man den Zahlen in den Medien, hat er alleine in Japan schon 1. Mio. Exemplare verkauft, eine gigantische Zahl. Das Phantastische hat genauso hier ein Schwergewicht, wie die Fähigkeit - Menschen an ihren inneren Abgründen zu beschreiben. Ein Buch das sich zwischen der Polarität von Glück und Unglück bewegt. Menschen bewegen sich an Abgründen, erleben Verluste und sehnen sich nach Liebe, und all das nicht selten verloren in der eigenen Introvertiertheit und dem Alleingelassensein, ein Puls der zweifelsohne die heute Welt kennzeichnet und von Murakami treffender und ausgezeichneter nicht geschildert werden könnte. Nicht zu vergessen, dass Japan meines Wissens immer noch bis dato die höchste Selbstmordrate vorzuweisen hat. Doch keine Angst es geht hier nicht um Selbstmord, sondern u.a. um unsere innere Entsprechung dazu.

Tsukuru Tazaki ist der stille Held in diesem Roman. Beruflich scheint sein Leben zufrieden zu sein, er baut Bahnhöfe und hat ein geregeltes Leben. Doch die Vergangenheit sitzt wie ein tiefer stiller Schmerz in seinem Herzen. Privat ist sein Leben mehr als grau. Wir begegnen dem 36-Jährigen am Anfang des Buches in seiner Todessehnsucht. Grund dafür liefert die nicht ganz durchschaubare Zeit seiner Jugend- und Studienzeit. Eine damalige Clique von 5 Leuten (2 Mädchen / 3 Jungen) inkl. ihm, haben ihn ohne ihn aufzuklären, die Freundschaft aufgekündigt. Das komische daran ist, dass er nie nachgefragt hat. Für mich der einzige Schwachpunkt in dieser Geschichte, aber vielleicht soll das ja ev. die japanische Mentalität vor Augen führen, wer ausgeschlossen wird, fragt nicht nach. Der junge Tsukuru sehnt sich nach einer Freundin, beschreibt erotische Träume, erste Erfahrungen mit S*x bis er Sara kennenlernt, die spürt, dass er etwas Vergangenes nicht verarbeitet hat. Als sie ihn konfrontiert, macht sie eine Aufarbeitung und Klärung jener unaufgedeckten Geschichte zu einer Bedingung um überhaupt eine Beziehung zu führen. Die Sehnsucht nach Liebe konfrontiert ihn also damit, seine Vergangenheit aufzusuchen, und er beginnt seine damaligen Freunde, auf Drängen seiner Freundin aufzusuchen, um Licht in eine unausgedrückte Vergangenheit zu bringen. Was er nicht weiss: Das eines der Mädchen ermordet wurde. Murakami hält den Leser verhältnismässig lange hin, bis irgendwann klar wird, dass offenbar Tsukuru mit jenem Mord etwas zu haben muss, ohne nicht zuviel hier zu verraten.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass ein introvertierter jungen Mann, der an inneren Abgründen steht, mit der Liebe zu einer Frau, seine eigene Vergangenheit beginnt aufzuarbeiten. Es braucht keinen grossen Aufwand bis er sich entscheidet, jene ehemaligen Freunde aufzusuchen, die ihm einst viel bedeutet haben, um heraus zu finden, was die Gründe jenes Ausschlusses waren. Somit ist dieses Buch auch ein Buch nach inneren Werten, der Bedeutung von Glück und die Frage danach, in welchem Verhältnis Liebe, Glück und Unglück zugleich bedeuten kann. Murakami versteht es die innere Auslotung seines Protagonisten in einer Weise nachzuzeichnen, die mehr als nachvollziehbar erscheint, nimmt man einmal jene erwähnte Einschränkung vorne weg. Der Wille Vergangenheit aufzuräumen um Liebe in der Gegenwart zu ermöglichen, ist ganz sicher eines der Themen um die es hier geht. Es ist aber auch eine Suche nach der Wahrheit, nach dem was Menschen bewegt Freundschaften zu kündigen, Erlebtes zu verschweigen, stilles Leid für andere unsichtbar zu halten. Mit dem Aufbruch, die damaligen Freunde aufzusuchen, beginnt auch eine Suche nach sich selbst und das Ziel sich selbst zu finden. Alleine schon wie Murakami versteht, Se*ualität zu schildern ist ein literarischer Genuss, den man selten so lesen kann. Und doch wandert dieser Roman, zwischen Tagtraum und Realität, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Farben und Farblosigkeit, zwischen Abgrund und Sehnsucht und Glück und Unglück. Doch die Liebesgeschichten bleiben bei Murakami offen, erreichen nie wirklich eine bis zum Schluss erlebte Ganzheit, nein, vieles lässt er offen, will gar nicht vollenden. Mit Sicherheit trifft Murakami den Nerv unserer Zeit, weil er Menschen beschreiben kann, die zwischen Sehnsucht und Abgrund, ihre eigene Identität suchen und auszuloten beginnen, auch wenn es nicht einfach für sie ist. Das sind Polaritäten, in denen sich meiner Meinung kein Leben entziehen kann, im Gegenteil. Genau hier findet Leben statt, genau hier entscheidet sich, welche Weichen Menschen in ihrem Leben stellen. Es ist der authentische Versuch, dem Leben so etwas wie Glück abzuringen, das vielleicht nie wie hier, ohne Liebe möglich wäre. Auch wenn mich dieses Buch nicht ganz zu 100% überzeugt hat, sei doch eines gesagt: Haruki Murakami ist ein fantastischer Autor. Eine zweideutige Aussage, die wirklich auch so gemeint ist. (Phantasie und Qualität auf höchstem Niveau) In der Gegenwartsliteratur gehört er zweifelsohne zu den Besten, die wir derzeit lesen dürfen. Und: Klar dürfte sein, dass Leser sich auch für frühere Bücher interessieren, weil man Lust bekommt noch mehr von diesem Autor zu lesen, inkl. mir.

Detail: Der klasse gemachte Schutzumschlag ist ein Wirklicher, den man sich öfters so wünschen würde! (Und seinen Namen erstmals richtig verdient.)
Und: Der Autor ist begeisterter Marathonläufer und sagte in Kyoto an Universität im Mai 2013, er möchte noch 85 Marathons laufen…

Empfehlung.

Nachtrag: (12.1.2014)

Das zuletzt neu übersetzte Buch von Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne (vom Mai 2013 / aus dem Japanischen übersetzt) das ursprünglich unter dem Titel "Gefährliche Geliebte: Roman" (2000 / aus dem Englischen übersetzt) veröffentlicht wurde, hat mir persönlich jedoch besser gefallen und konnte mich auch vollends überzeugen. Eine Neuübersetzung die für mich wirklich Sinn macht und weniger mit "Geldmacherei" zu tun hat, als damit, dem erstklassig geschriebenen Werk eine neue Frische zu verleihen, die sich auch im Lesegenuss bemerkbar machen dürfte. Neuübersetzungen sind vielleicht nicht immer besser, diese jedoch (vom Original und nicht vom Englisch übersetzt) ist wirklich gelungen. Viele Buchhandlungen haben heute beide Ausgaben, so dass man getrost sich beide Exemplare in eine ruhige Ecke nehmen kann, um Textpassagen zu vergleichen…Was man natürlich getrost auch mit 2 kostenlosen Leseproben einer Kindle -oder sonstigen ebook-Version machen kann…(Beide Versionen sind als ebook verfügbar)
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 28. März 2016
Nicht umsonst ist "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ein SPIEGEL Bestseller, ist es doch wieder typisch für einen Murakami-Roman und somit für all die Murakami-Fans auf der Welt, zu denen ich mich seit Kurzem zähle, ein Kauf in der Buchhandlung.
In dieser Geschichte beschreibt Murakami die Freundschaft von Tsukura Tazaki und seinen vier Freunden in ihrer Heimatstadt Nagoya. Auch nach seinem Umzug nach Tokio treffen ich die fünf Freunde in allen Ferien und verbringen genauso viel Zeit wir früher. Doch eines Tages geht nicht mehr ans Telefon, keiner ruft zurück und die Freunde teilen Tazaki mit, dass sie keinen Kontakt mehr wünschen...
Ich habe das Buch verschlungen, beschreibt es doch auf sehr philosophische und poetische Weise ein Leben in Japan (sehr Murakami-typisch). Es zeigt verschiedene Aspekte der japanischen Kultur in ruhiger und entspannter Atmosphäre und das Einzige, worüber man sich ärgert, ist die Tatsache, dass das Buch irgendwann ausgelesen ist. Ich werde mir nach dieser Lektüre zumindest alle weiteren Murakami-Titel kaufen und einen Japan-Urlaub buchen!
Einen Extrapunkt gibt es für das schöne Cover, das mich persönlich sehr anspricht.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Wer Glück malen möchte, braucht viel Blau: Für den weiten Himmel, das Meer und einen Hauch von Freiheit. Wer wütend ist, sieht rot. Wir werden gelb vor Neid oder ärgern uns schwarz. Farben sind untrennbar mit Gefühlen verbunden. Zehn Millionen Farbtöne kann der Mensch unterscheiden. Ein magischer Regenbogen, der sich seit Urzeiten in unserer Seele widerspiegelt. Farben sind aber auch Signale, werden weltweit verstanden und sind in ihrer Wirkung seit Jahrhunderten gleich. Dennoch interpretiert sie jede Kultur auf ihre ganz eigene Weise. In den traditionellen japanischen Handwerkskünsten zum Beispiel nehmen sie oft eine wichtige Rolle ein. Das glänzende Schwarz und erdige Rot der Lackwaren, das unergründlich tiefe Indigo-Blau von Noren (Vorhänge), der intensive Kontrast japanischer Schlösser mit ihren weißen Wänden und Renraku-gebrannten Kacheln in Anthrazit, die fein abgestimmten matt-erdigen Töne einer vermeintlich einfachen Teeschale und natürlich die immense Farbenvielfalt der prächtigen Kimono-Stoffe.

Farben spielen auch im neuen Roman Huraki Murakamis eine tragende Rolle. Fünf junge Leute zwischen sechzehn und siebzehn bilden den Kern. Alle eint eine zufällige Gemeinsamkeit: Sie tragen in ihrem Nachnamen eine Farbe. Die beiden Mädchen heißen Shirane (weiße Wurzel) und Kurono (schwarzes Feld), die Jungen Akamatsu (Rotkiefer) und Oumi (blaues Meer) und rufen sich auch in ihren Farben: Aka, Ao, Shoro und Kuro. Zudem verfügen sie jeder über ganz individuelle Eigenschaften. Shiro ist eine musisch begabte Schönheit, Kuro eine anregende, unermüdliche Leserin mit einem einmaligen Sinn für Humor, Aka ein bescheidener Schüler mit einem hervorstechenden Intellekt und Ao ein physisch markanter, geradliniger Typ und zudem ein herausragender Rugby-Spieler. Stop! Das sind erst vier! Da fehlt doch noch einer. Richtig: Tsukuru Tazaki teilt als einziger die farbliche Stofflichkeit der anderen nicht. Sein Name verweist auf keinen kolorierten Bezug. Dieser Umstand, der ihm schwer zu schaffen macht, lässt ihn glauben, dass er in allem eher mittelmäßig sei (einzig eine besondere Affinität zu Bahnhöfen ist ihm eigen). Tsukuru fühlt sich farblos, fad, unauffällig und reizlos. Um Robert Musils berühmtes Werk heranzuziehen: Er hält sich für einen Mann ohne Eigenschaften.
Ein einschneidendes Vorkommnis zerbricht die freundschaftliche, intensive Bande der fünf radikal. Ab sofort wird Tazaki von den anderen geschnitten, aus ihrem Kreis ausgestoßen. Er fällt in ein schwarzes Loch und steht kurz vor der Selbstaufgabe. Knapp zwanzig Jahre soll er seine Freunde nicht mehr sprechen und sehen. Nun, mit 36 Jahren und einer neu beginnenden, zarten Liebe zu Sara, macht er sich auf den (Pilger-)Weg in seine Vergangenheit, um die Ursache des damaligen dramatischen Zerwürfnisses herauszufinden. Vielleicht aber auch, um doch noch Farbe in sein Leben zu bringen, das die letzten Jahre nichtsagend an ihm vorbeigeglitten ist und das auch sein neuer, ebenfalls "farbiger" Freund Haida ("graues Feld") nur kurz beleben konnte. Denn dieser verschwindet ebenso mysteriös und symbolhaft wie die Vier zuvor.

Für surreale Beschreibungen von dystopischen Welten ist Haruki Murakami schon lange bekannt. Gefühlsmäßig verarmte und vereinsamte Menschen, mitunter Gewalt, Paralleluniversen, deren Grenzen zur realen Welt fließend und daher von dieser kaum zu unterscheiden sind, durchziehen das gesamte Oeuvre des japanischen Autors. Sein neuestes Werk allerdings bildet hierbei eine Ausnahme. Das Surreale hält sich dezent zurück, auch wenn es einige schwer greifbare Situationen gibt. Der mysteriöse Herr Midorigawa ("grüner Fluss") zum Beispiel, der die ganz individuellen Farben eines jeden Menschen sehen kann, dafür aber bald sterben wird, die in Formaldehyd eingelegten, kleinen, 6.!! Finger eines Menschen oder diverse andere vage angedeutete symbolische Botschaften. Zudem durchlebt sein Protagonist zeitweise wirre (Wach-)Träume an der Grenze zum Übergang in ein anderes Bewusstsein. Aber auf mystische Wesen wie die nächtens aus dem Maul einer toten Ziege steigenden und aus imaginären Fäden eine "Puppe aus Luft" spinnenden "Little People" ("IQ84") oder sprechende Schatten und mysteriöse Einhörner ("Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt") wird der Leser vergeblich warten. Dies könnte die Murakami-Fan-Gemeinde vielleicht enttäuschen, wie die sehr gespaltenen Meinungen auf dem japanischen Buchmarkt, wo das Buch bereits im Frühjahr 2013 erschien, aufzeigen.

Warum gefällt mir der Roman trotzdem ausgesprochen gut?
Die Stilistik ist es jedenfalls nicht. Mit seinem lapidar-kühlen Duktus und einfachem Satzaufbau zählt Murakami nicht zu den Sprachkünstlern. Bei ihm liegt die Finesse im Detail: im formalen Handlungsaufbau, in seiner gewieften Erzählweise, in der strukturellen Melange unterschiedlicher Themen. "Vereinfacht ausgedrückt war es die Aufgabe einer Geschichte, eine bestimmte Problematik in eine andere Form umzuwandeln. Durch Merkmale und die Richtung dieser Wandlung deutete sich auf der erzählenden Ebene eine Antwort an.", ist in "IQ84" zu lesen. Darin ist Haruki Murakami zweifelsohne ein Meister. Soziologie, Literatur und Musik fließen in einem wohldurchdachten Potpourri zusammen, werden perspektivisch verwirbelt und zeitlich verschliffen, auch wenn dies im jüngsten Werk nicht direkt ins Auge sticht, sondern eher zwischen den Zeilen verborgen liegt. Neben dem zentralen Farbthema finden sich zum Beispiel immer wieder Einschübe zu Franz Liszts "Le mal du pays" (Heimweh). Entstand diese Musik doch gleichfalls als Teil eines Entwicklungsprozesses bei dem der Komponist unter dem Eindruck seiner Reisen musikalisch immer mehr zu sich selbst fand. Ein Merkmal, das auch Murakamis Protagonist auszeichnet. Der japanische Autor fungiert jedenfalls erneut als souveräner Strippenzieher, als Mittler zwischen Vergangenheit und Jetztzeit. "Bald tauchen, wie von der Melodie angelockt, gewisse Bilder hinter seinen Augenlidern auf - tauchen auf und verschwanden wieder. Es war eine Reihe von Schemen ohne Form und Inhalt. Verschwommen stiegen sie vom dunklen Rand seines Bewusstseins auf, durchquerten lautlos sein Gesichtsfeld und gelangten auf die andere Seite, wo sie verschluckt wurden und verschwanden. Wie winzige Lebewesen mit einem rätselhaften Umriss, die die Linse eines Mikroskops durchquerten."

Murakamis jüngstes Werk entpuppt sich als Buch über die Bedeutung der Werte im Leben eines Menschen, der Entdeckung seines wahren Ichs und dessen möglichen Freiheiten. Es ist ein sensibler Text über Einsamkeit, die Wichtigkeit von Freundschaften und persönliche Wertigkeiten. Dem Japaner ist es erneut hervorragend gelungen, seine an der Wegkreuzung der Gegenwart stehenden Figuren, von dort aus die Vergangenheit genau in Augenschein nehmen zu lassen und Wege zur Zukunftsgestaltung zu entwickeln. Ein Buch, das voller Wahrheiten über das Leben steckt und den Leser in einen permanenten Sog zieht. Es liest sich flüssig, ohne flach zu sein. Einen nicht unerheblichen Anteil hat daran gleichfalls die Übersetzerin Ursula Gräfe, die dem deutschen Leser das japanische Werk ohne spürbare Qualitätsverluste zugänglich machte. Auch wenn das offene Ende den Leser grübelnd und nachdenklich zurücklässt. Aber: "Ein Schriftsteller ist kein Mensch, der Fragen löst. Es ist ein Mensch, der Fragen aufwirft." Denn auch wenn einiges im Unklaren bleibt, so hat Haruki Murakami alles gesagt. Oder vielleicht doch nicht? Für mich persönlich ist Tsukuru Tazaki keineswegs so farblos, wie er sich selbst hält. Er strahlt in einem warmen, goldenen Sonnununtergangsgelb. Ein Gelb, das neben Rot und Blau zu den Primärfarben gehört und Bestandteil der schillernden Orange- und Grüntöne des Schmetterlingsflügels auf dem außergewöhnlich schönen Buchcover ist. Und letztendlich ist Gelb in Japan eine kaiserliche Farbe. Sie steht für Mut und Stärke, Weisheit, Glück und für die Zukunft. Eine Zukunft, die Tsukura vielleicht neu gestalten wird. Auch wenn er zunächst noch ziemlich ratlos vor ihr steht: "Das Leben war wie eine schwierige Partitur (...). Sechzehntelnoten und Zweiunddreißigstelnoten, seltsame Zeichen und kryptische Anmerkungen. Alles richtig zu lesen war eine Aufgabe, die beinahe unmöglich zu bewältigen war, und selbst wenn man alles richtig lesen und sogar in die richtigen Töne umwandeln konnte, hieß das noch lange nicht, dass man den Sinn verstanden hatte und anderen verständlich machen konnte. Ganz zu schweigen davon, jemanden glücklich zu machen. Warum musste das Leben so unendlich kompliziert sein?"

Haruki Murakami, meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum 65. Geburtstag am 12. Januar 2014!
1111 Kommentare|174 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 10. Mai 2016
Das Auseinanderbrechen einer Jugendfreundschaft hat die Seele von Herrn Tazaki nachhaltig verletzt. Er hat die Wunde tief im Inneren verscharrt und erst die neue Beziehung zu einer Frau veranlasst ihn, sich dieser Verletzung zu stellen und sie aufzuarbeiten.
Haruka Murakami ist ein einfühlsames Werk gelungen, in dem er all die seelischen Qualen einer verwundeten Seele beschreibt, während die Person an der Oberfläche einfach nur funktioniert. Vieles bleibt unausgesprochen und ungelöst, aber der Hauptcharakter findet einen Weg, mit diesen Schlaglöchern in seinem Leben fertig zu werden, sich dem inneren Dämon zu stellen und den Weg frei für seine Zukunft zu bekommen.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 11. Februar 2016
Ich hatte vorher nie etwas von Murakami gelesen, hatte das Buch aber in einer Erwähnung wahrgenommen und es mir durch gewecktes Interesse bestellt. Die Geschichte kam zu einem Zeitpunkt in dem ich (nicht in gleicher Form) viele der gemalten Bilder selbst erlebte und nachempfinden konnte, so konnte ich dies Buch nicht in einem Zug lesen wie ich es sonst halte, sondern musste mehrere Pausen machen (dies hatte ich zu letzt beim Lesen von Die Wand).

Die Geschichte ist gut aufgebaut, und nimmt einen mit, eine Empfehlung.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 17. Februar 2014
Andere Rezensenten haben sich auf Schilderung von Handlung und Personen konzentriert. Ich möchte einen Blick auf die eher weichen Faktoren dieses Meisterwerks werfen. Es ist einige Zeit seit der letzten Lektüre eines Murakami vergangen.

Doch mit "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" liegt wieder ein großartiges Buch vor uns – auch wenn "Kafka am Strand", das ich sowohl in der deutschen als auch in der englischen Fassung gelesen habe, mir nach wie vor als sein bemerkenswertestes Werk erscheint.

Der Einband mit dem transparenten Schutzumschlag ist alles andere als farblos und deutet grafisch die Farbensymbolik der Geschichte an. Sehr praktisch und wertig auch das leuchtend rote Lesebändchen. In Zeiten digitaler Bücher spielt der bibliophile Charakter von Hardcover-Büchern eine zunehmend wichtigere Rolle.

Wie immer bei Dumont sind Typografie und Papier optimal auf einander abgestimmt. Im Gegensatz zu den Einbänden der IQ84-Trilogie bleibt das Buch – einmal aufgeschlagen – jedoch nicht offen liegen.

Wie kaum ein anderer beherrscht Murakami die Kunst, den Leser absolut mit der Handlung zu verschmelzen; als würde der Leser das Buch selbst schreiben, während er es liest! Man hat das Gefühl, dass alle seine Bücher in den gleichen Landschaften spielen.

Die Personen scheinen miteinander verwandt und sind in ihren Wesenszügen so klar und reduziert, dass einem die sonst eher fremden Japaner hier sonderbar vertraut vorkommen. Ebenso geht es dem Protagonisten, der sich auf seiner ersten Auslandreise in Helsinki zwar einsam – aber nicht fremd fühlt.

Während frühere Bücher häufig in zeitlosen Räumen des vergangenen Jahrhunderts spielen, so ist diese Handlung fest in unsere Jetzt-Zeit gesetzt. Ein bei Murakami auffälliges Stilmittel hierfür, ist die unverblühmte Nennung von Markennamen wie Facebook, Lexus, Marlboro, TAG Heuer.

Wiederkehrendes Stilelement ist auch die Inszenierung vordergründig unbedeutsamer, spekulativer und bizarrer Gegebenheiten – wie in diesem Buch der sechste Finger, der im Laufe der Geschichte zu einem mystischen Hintergrundmotiv aufgeladen wird.

Auch die Verwendung seltener Worte und Fremdworte ist ihm lieb: "Diese Möglichkeit schwebte wie eine feste, kleine Lenticulariswolke ständig über ihnen." Erst ein Blick in Wikipedia gibt Aufschluss: eine Wolke in Linsenform, die an ein außerirdisches Raumschiff erinnert.

Und wer hat Beiläufigkeit besser so konzis inszeniert: "Sara nahm einen Schuck von ihrem Mojito und inspizierte die Form des Minzblatts von allen Seiten."

Synästhesie, das Zusammenklingen und Überlagern verschiedener Sinneseindrücke um Stimmungen zu erzeugen, ist wohl sein wichtigstes Stilmittel. Meist benutzt er dafür Musik, hier das Thema "La Mal du Pays" aus den Années de Pèlerinage von Franz Liszt. Die wiederkehrenden Erinnerungen daran legen einen Schleier grundloser Trauigkeit über die Handlung.

Und immer wieder das Spiel mit der fast nicht wahrnehmbaren feinen Linie, die das Realistische vom Phantastischen trennt: "Er hatte gelebt wie ein Schlafwandler … wie jemand, der von einem Orkan überfallen wird, sich von einer Straßenlaterne zur nächsten hangelt."

"Er hing gerade noch an der Welt wie die trockene Hülle eines Insekts, die an einem Ast schaukelt und kurz davor ist, vom nächsten Windstoß für immer davon geweht zu werden." Ständig grenzüberschreitend, Assoziationen auslösend, abschweifend jedoch immer wieder in den Alltag zurückkehrend: " … und stupste mit einer sanften Geste, die an die weiche Nase eines großen Hundes denken ließ, eine Taste des Haustelefons an."

Oder wenn seine Gedanken sich nächtens im Kreise drehen und er immer wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt: "Es war wie bei einem Schraubenkopf ohne Schlitz – er wußte nicht mehr, wo er noch ansetzen sollte."

Den wie gelähmten Zustand zwischen Träumen und Wachen, kann kein anderer so gut beschreiben wie Murakami: "Er konnte weder seine Lippen noch seine Zunge bewegen. Nur lautloser, trockener Atem entströmte seiner Kehle."

Wenn es in dem Buch Längen geben sollte, sind diese so gut bemessen, dass genau in dem Moment, wo man sie wahr nimmt, wieder ein spannendes Element auf der Bühne erscheint. Beim Lesen wird Bewußtheit erzeugt – oft durch das Dehnen und Zusammenziehen von Zeitempfindung.

Das Buch lebt von dem Faszinosum der Versenkung; lebt von der Suche nach Erkenntnis und endgültigen Wahrheiten in philosophischen Dialogen: "Die Freiheit des Denkens kann man nicht erreichen, wenn man willentlich danach strebt."

Manchmal ahnt man eine Verwandschaft zu Hermann Hesses "Glasperlenspiel": die Bewunderung der Perfektion des Geistes und die Ohnmacht und Zerissenheit gegenüber der Unvollkommenheit und Hinfälligkeit des Körpers.

Vermutlich ist auch in diesem Buch viel Autobiografisches eingearbeitet. Es geht um die metaphysischen Transformationen menschlicher Existenzen, die mit unsichtbaren Schicksalsfäden aneinander gebunden scheinen: Verhaftung überwinden, loslassen, überleben …

Es geht um Schuldigkeit, Todessehnsüchte und Identitätsverlust… Kann schlechtes Gewissen töten? Es geht um die Sinnhaftigkeit des Lebens, darum für andere bedeutsam zu sein.
Ein Leitmotiv des Buchs ist unterdrückte Sexualität und die Angst von deren Auswüchsen, die scheinbar immer unterhalb der Oberfläche lauern.

Im letzten Kapitel werden alle Geschenisse noch einmal kontemplativ zusammengefasst:
"Es ist schon seltsam … dass diese wunderbare Zeit vorbei ist und niemals wieder so sein wird. Dass der Fluss der Zeit all unsere fabelhaften Möglichkeiten mit sich fortgetragen hat und sie nun verschwunden sind."

Das Ende ist diffus optimistisch, fast heiter – aber auch melancholisch, immer mit der Melodie des Themas von "La Mal du Pays" im Ohr …
22 Kommentare|73 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 26. Juni 2016
Ich mag Haruki Murakami, seit ich begann fast alle seiner Geschichten zu lesen. Der Mann aus Kyoto hat eine Art zu schreiben, die mich fasziniert und in jede seiner Stories mitnimmt. Dabei haben mir nicht alle seiner Bücher gefallen. Einige haben mich tief beeindruckt, andere eher kalt gelassen. Vom handwerklichen Standpunkt eines Autors jedoch war ich immer zufrieden. Murakami beherrscht sein Handwerk perfekt.

Nach 318 Seiten -Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki- kann ich sagen: Brillant geschrieben, sehr interessant erzählt, aber leider unaufgelöst offen beendet. Für manche Geschichten sind solche Endungen ideal, bei dieser jedoch war es für mich so, als hätte der Maler beim Streichen der Wohnung einen Raum vergessen. Schade.

Die Geschichte ist schnell erzählt. In der Jugend ist die Freundschaft zwischen Ao, Aka, Shiro, Kuro und Tsukuru Tazaki scheinbar unzerstörbar fest. Doch irgendwann wird Tsukuru von den vier anderen verbannt. Warum weiß er nicht. Er fragt auch niemals nach. Tsukuru wird Ingenieur für den Bau von Bahnhöfen. Als er 16 Jahre später Sara kennenlernt, merkt diese sofort, dass mit Tsukuru etwas nicht stimmt. Als er ihr von damals erzählt, schickt Sara ihn auf eine Reise. Er soll alle vier Freunde aufsuchen und erfahren, wieso sie ihn damals ausgeschlossen haben. Tsukuru willigt ein. Er beginnt seine Vergangenheit aufzuarbeiten und stößt auf unerwartete Ergebnisse…

Sie wissen ja: Die Geschmäcker sind verschieden. Über die Reputation eines Haruki Murakami brauche ich kein Wort zu verlieren. Bei dieser Geschichte, die so unglaublich reizvoll erzählt wurde, fühlte ich mich lediglich am Ende vom Autor allein gelassen. Sie können und dürfen das völlig anders sehen. Probieren sie es einfach aus.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Tsuruku Tazaki ist 36 Jahre alt und ein Experte für Bahnhofsbau. Er lebt zurückgezogen in Tokio, macht die eine oder andere Dienstreise, erlebt ab und an eine Affäre, führt aber ansonsten eine Nischenexistenz. Erst seine Bekanntschaft mit der erfolgreichen Reisekauffrau Sara Kimoto zwingt ihn, sich über sein bisheriges Leben Rechenschaft abzulegen. So wie Murakami Tazakis Leben in unterschiedlichen Rückblenden darstellt, war es ein Leben, das von einem wesentlichen Verlust geprägt wurde, denn unmittelbar nach Abschluss der Oberschule in Nagoya war er von seinen vier besten Freunden, mit denen er bis dahin ein Herz und eine Seele gewesen war, ohne Begründung aus dem gemeinsamen Kreis ausgestoßen worden. Bei diesen vier Freunden handelte es sich um den hochintelligenten Aka, den sportlichen Oumi, die schöne Shirane und die kesse Kurono, deren Namen übrigens alle eine Farbanspielung beinhalten, während allein Tsuruku Tazakis Name mit Farben nichts zu tun hat, im Sinne des Buchtitels also „farblos“ ist. Die unerklärliche Verstoßung führt bei Tsuruku Tazaki zu regelrechten Todessehnsüchten und körperlichem und sozialem Verfall, von denen er sich erst nach geraumer Zeit befreien kann. Maßgeblichen Anteil an dieser Befreiung gewinnt die Freundschaft mit dem Physikstudenten Haida, einer klassisch gebildeten und philosophisch interessierten Persönlichkeit, die Tazaki eine Reihe von Denkanstößen vermittelt, unter anderem die Bekanntschaft mit Liszt „Le Mal du pays“, einem Klavierstück, das auch die schöne und musikbegabte Shirane gerne gespielt hat. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, sich dieses Klavierstück von YouTube herunterzuladen und als Hintegrundmelodie zur Lektüre dieses Buches zu hören.
16 Jahre nach der Verstoßung Tsuruku Tazaki macht sich der Protagonist nun also nach Nagoya auf, um endlich den Grund für seine Verstoßung herauszufinden. Der ehemals so sportlich Aka arbeitet inzwischen als erfolgreicher Lexus-Verkäufer für Toyota, der intelligente Oumi hat sich in der Personaloptimierung selbständig gemacht. Von ihnen erfährt Tazaki zu seiner grenzenlosen Überraschung, dass die schöne Shirane vor sechzehn Jahren behauptet hatte, von ihm, dem blassen Tsuruku Tazaiki, bestialisch vergewaltigt worden zu sein. Die Beweise für eine echte Vergewaltigung der sogar eine Schwangerschaft und eine Totgeburt folgte, waren so überwältigend, dass die drei Freunde Shirane glaubte und den Kontakt zu Tazaki abbrachen, obwohl mit der Zeit immer mehr Zweifel aufkamen. Zu allem Unglück war Shirane nach diesen Vorfällen seelisch und musikalisch retardiert und am Ende in einer Provinzstadt von einem ungekannten Mörder getötet worden. Shiranes Freundin Kurono, die sich eine Zeitlang um die labile Shirana gekümmert hatte, war vor dieser sozialen Last noch vor dem Mord mit ihrem finnischen Ehemann nach Helsinki geflohen, wo Tazaki sie schließlich überraschend besucht. Im Gespräch zwischen Kruno, die inzwischen finnische Staatsbürgerin geworden ist, und Tazaki werden das gemeinsame Leben der Fünfergruppe und seine damals unbemerkten Bruchstellen noch einmal aufgerollt. Wie sich zeigte, war der Freundeskreis nicht lange nach dem Ausstoß Tazaikis auseinandergebrochen, weil bald keiner dem anderen mehr etwas zu sagen hatte. Am Ende des Buches kehrt Tazaki nach Tokio zurück, resümiert sein Leben und seine weitgehend falsche Selbstwahrnehmung und gesteht der Reisebürokrauffrau Sarah seine Liebe
So erzählt, ist es nicht ganz einsichtig, warum das Buch mich spontan derart in Beschlag nahm. Wahrscheinlich war es der thematische Aufhänger des „Ausschlusses“ einer Person aus einer Gruppe, der mich interessierte, weil ich derzeit ähnliches zwar nicht erlebe, aber deutlich empfinde. (vgl. auch den Voodoo Tod“ in Junot Diaz „Oskar Wao“). Außerdem ist die Diktion in der wunderbaren Übersetzung von Ursula Gräfe ungemein eingängig, es ist eine Sprache in der man sich geborgen fühlt und die man endlos weiter lesen könnte. Murakami gelingen einer Reihe von herrlichen Sätzen und Bildern, etwa die vom „Talent“, das einem „Gefäß“ gleicht, in das man noch so viel hineinschütten könnte, ohne dass es größer wurde, dem überraschenden „Verblassen“ von Menschen, so dass man unwillkürlich eine Fernbedienung mit Scharfeinstellung vermisst. Alle Figuren bis hin in die Nebendarsteller sind scharfsinnig und akribisch ausgeführt, wenngleich die dabei verwendete Psychologie etwas Werkzeughaftes besitzt. Wie immer bei Murakami stößt man sich allerdings auch an der einen oder anderen Formulierung, die eher an Bastei-Lübbe Romane erinnert als an das Buch eines großen Erzählers - wie etwa „Das meiste staute sich unausgesprochen irgendwo in den Tiefen ihrer Seele“ oder die Wendung, „Schamhaar, so feucht wie der Regenwald“, bei denen sich mir unwillkürlich die Frage aufdrängt: War das Absicht oder hat der Lektor gepennt?
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden