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77 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Geschichte des Meisters der Einsamkeit
Ein junger, bebrillter Mann schaute mir in der Literaturzeitschrift entgegen, in der sein Debütroman "Gegen die Welt" beworben werden sollte: ein 927 seitenstarkes Erstlingswerk! Der Autor: Jan Brandt, dessen Buch nun auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2011 zu finden ist - verdientermaßen.

Jan Brandt erzählt die Geschichte des Jungen...
Veröffentlicht am 4. September 2011 von Spaddl

versus
25 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Was bleibt? Dieser Roman? Ich sage: Nein!
Glauben Sie NIE der Werbung - und erst recht nicht, wenn Sie die überschwänglichen Kritiken lesen, die dieses Buch erhielt.
"Großer Roman: Über die Wende in Westdeutschland" - Die Wende wird nur so nebenbei behandelt. Aber das ist ja wohl noch ein Glück. Sonst wäre dieses langatmige, streckenweise höchst langweilige Werk noch...
Vor 22 Monaten von Gerrit Dieken veröffentlicht


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77 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Geschichte des Meisters der Einsamkeit, 4. September 2011
Von 
Spaddl "spaddl" (SH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Gebundene Ausgabe)
Ein junger, bebrillter Mann schaute mir in der Literaturzeitschrift entgegen, in der sein Debütroman "Gegen die Welt" beworben werden sollte: ein 927 seitenstarkes Erstlingswerk! Der Autor: Jan Brandt, dessen Buch nun auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2011 zu finden ist - verdientermaßen.

Jan Brandt erzählt die Geschichte des Jungen Daniel Kuper, der in dem kleinen Dorf Jericho aufwächst, zur Schule geht, Freunde findet und wieder verliert, sich für Mädchen interessiert und Schabernack treibt - ein typisches Teenager-Leben eines Jungen mit einer Prise zu viel Fantasie, die er nicht ausleben kann, da er in einem Dorf voller Borniertheit, Spießertum und Verlogenheit groß werden muss. Doch bald geschehen merkwürdige Dinge: ein Kornkreis taucht auf, ein Mitschüler begeht Suizid und Hakenkreuze werden an Hauswände geschmiert. Und für alles wird Daniel verantwortlich gemacht - den Kampf gegen die, gegen seine, Welt beginnt.

Beim ersten Lesen fällt direkt die einfache, aber sehr fesselnde Sprache auf. Der Autor überfordert den Leser zu keiner Zeit mit seiner sprachlichen Versiertheit, dennoch ist der Roman alles andere als stumpfsinnig. Viele Spielereien mit der deutschen Sprache und Doppeldeutigkeiten, die erst beim zweiten Lesen des Satzes auffallen, prägen die Geschichte: Nichts ist so wie es anfangs scheint. Diese Tatsache müssen Daniel und der Leser realisieren, ob sie wollen oder nicht.
Brandts Stil ist für einen Autoren seines Alters herausragend. Er wechselt gekonnt zwischen den Perspektiven seiner Dorfbewohner, um anschließend in einem fiktiven und vor Wut strotzenden "Stream of consciousness" Daniels Aggression auf die Welt freien Lauf zu lassen. Dieser häufige Perspektivwechsel zwischen den Charakteren mag anfangs störend wirken, denn der Leser möchte erfahren, wie die Geschichte Daniel Kupers weitererzählt wird. Viele Kapitel fokussieren Menschen in Daniels Umfeld, ohne dass dieser in ihnen eine große Rolle spielt: seine Freunde, sein Vater Bernhard und seine Mutter Birgit, die Lehrerin, der Dorfpfarrer. Stellenweise entsteht trotzdem der Eindruck, dass sich Jan Brandt in diesen Sequenzen zu sehr in Details verloren hat, da die Beschreibung dieser Nebencharaktere zu umfangreich geschieht - jedenfalls auf den ersten Blick.
Jan Brandt entwickelt mit "Gegen die Welt" ein gigantisches Panorama eines kleinen Dorfes, deren Bürger jeder von uns kennt.

Dieses Buch kann als ein Entwicklungsroman bezeichnet werden, in vielerlei Hinsicht. Zum einen die Veränderung der Gemüter, denn die scheinbare Fröhlichkeit und die Nettigkeiten weichen einer drückenden Atmosphäre voller unterschwelliger Frustration, Neid, Verlogenheit und Bigotterie. Auf der anderen Seite befindet sich Daniel Kuper, ein Don Quichotte der neuen Generation, der gegen riesige Windmühlen zu kämpfen hat und dabei konsequent scheitert. Daniel wird mehr und mehr in die Rolle eines Dorf-Soziopathen gedrängt, der verprellt, zurückgestoßen und für jedes Problem verantwortlich gemacht wird. Die Tragik an seiner Figur ist jedoch, dass er eigentlich nur alles richtig machen möchte - und daran kläglich scheitert.

Beim Lesen musste ich an zwei Romane denken, die den Autoren unter Umständen beim Schreiben begleitet haben könnten: "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace und "Das Haus" von Mark Z. Danielewski, denn die Klugheit des erst genannten und die Aufmachung des zweiten Buches vereinen sich in "Gegen die Welt". Foster Wallace verlor sich in seitenlangen Exkursen, z.B. über mathematische Formeln, die in Jan Brandts Roman in Ansätzen vorhanden sind. Die Gestaltung des Romans ist jedoch ein kleines Ereignis: Sei es der interessante Einband, der, entfernt man den Schutzumschlag, mit einer Auflistung prägnanter Worte aus dem Roman daherkommt, der Abdruck von Reklamezetteln, das Erzählen zweier, parallel verlaufender Handlungsfäden, die optisch durch zwei Schienengleise in der Mitte des Buches getrennt werden oder Daniels Ohnmachtsanfälle, die durch ein blasser werdenden Druck der Buchstaben dargestellt wird.

Jan Brandt begeistert durch ein Detailwissen der besonderen Art. Bibelstellen und dazu gehörige Interpretationen, das Aufeinandertreffen von kritischen Konfirmanden und einem erzkonservativen Pfarrer, physikalische Vorgänge, Weinanbaugebiete und ihre Vorzüge sind nur einige der speziellen Bereiche, die der Autor am Rande thematisiert. Und als wäre es selbstverständlich, lässt der Autor noch Zitate von Georg Büchner und Friedrich Nietzsche mit in seinen Text einfließen.

"Gegen die Welt" ist ein Roman über die Dialektik von Realität und Fiktion. Je mehr der Leser sich in die Geschichte verliert, desto weniger kann er sich sicher sein, ob er sich in einer Halluzination Daniels befindet oder tatsächlich in der Schule dem Englischunterricht folgt. Wie sagt Jan Brandt auf Seite 162 doch so treffend: "Die Wirklichkeit ist eine Grenzerfahrung, die sogar die stärksten Geister in den Wahnsinn treibt", weshalb sich im Prinzip alle Figuren seines Romans in Realitätsflucht befinden, egal ob Musik oder Drogen, keiner der Charaktere möchte die Wirklichkeit wahr haben.

Die letzten 50 Seiten drehen den Roman zum Schluss in eine völlig andere Richtung, erklärt einige (aber nicht alle) Hintergründe der Handlung und lässt den Leser mit einem, meiner Meinung nach, passenden, den Leser verdutzenden Ende zurück, das einige Leser jedoch sicherlich verärgern wird. Ich denke, dass ein anderer Schluss dem Buch nicht angemessen gewesen wäre.

Wenn Sie sich in einer detailversessenen, überbordenden Charakterstudie verlieren wollen, die zwar eine stringente Handlung vermissen lässt, aber durch ihre Intelligenz, Raffinesse und eine gehörige Portion "Sinn des Lebens" den Leser zu fesseln weiß, wird Ihnen "Gegen die Welt" gefallen.
"Das hier [...] ist nicht mehr als eine aus Bruchstücken zusammengeleimte Geschichte." (S. 671): Oh doch! Das ist sie.
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24 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eigenen Mikrokosmos erschaffen - aber mit Längen, 5. September 2011
Von 
Andreas Schröter "Andreas Schröter" (Dortmund) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Gebundene Ausgabe)
In seinem satte 928 Seiten dicken Debütroman "Gegen die Welt" erschafft Jan Brandt, geboren 1974, mit dem fiktiven ostfriesischen Ort Jericho einen ganz eigenen Mikrokosmos. Der Leser kennt sich nach einer Weile dort so gut aus, dass er ganz genau weiß, wo die Menschen einkaufen gehen, welchen Arzt sie aufsuchen und wer mit wem ein heimliches Verhältnis hat. Man meint, das Dorf und seine Bewohner schon jahrelang aus eigener Anschauung zu kennen.

Im Mittelpunkt steht der Junge Daniel Kuper, der deutlich intelligenter und aufgeweckter ist als seine meist dumpfen Mitmenschen. Doch bringt ihm dieser Unterschied nichts als Ärger ein: beim Konfirmanden-Unterricht, bei seinen Mitschülern und Lehrern, bei seinen Eltern, die eine Drogerie betreiben, und schließlich im gesamten Dorf, als er den Bürgermeister-Kandidaten als heimlichen Nazi entlarvt, aber selbst bezichtigt wird, Nazi-Symbole an die Hauswände zu schmieren. Am Ende ist Daniels Ruf derart ruiniert, dass er kaum noch einen Schritt tun kann, ohne sich wenig später auf der Polizeiwache wiederzufinden.

Ein 928-Seiten-Buch hat meist Längen. Und das gilt auch für "Gegen die Welt". Jan Brandt verliert sich gelegentlich in seitenlangen Aufzählungen (zum Beispiel was es in der Drogerie alles zu kaufen gibt). Auch wird der Sinn einiger Nebenhandlungsstränge, die zunächst über hunderte von Seiten ausgebreitet werden, dann jedoch keine Rolle mehr spielen, nicht klar. Beispiel dafür ist die Geschichte eines Lokführers, der psychisch an den Menschen zugrunde geht, die sich vor seinen Zug werfen und Selbstmord begehen. Graphisch interessant wird diese Nebengeschichte zwischen den Seiten 214 und 369 unterhalb einer horizontalen Linie erzählt, die sie von der eigentlichen Handlung, die oberhalb dieser Linie weitererzählt wird, abtrennt. Es gibt noch ein paar andere solcher Spielereien in diesem Buch: verblassende Schrift, wenn jemand das Bewusstsein verliert, zwei Briefe mit handschriftlichen Ergänzungen und Einschüben oder andere graphische Elemente wie dem Ankündigungsplakat für ein Rockkonzert. Das Buch endet auf Seite 921 mitten im Satz. Es folgen noch sieben komplett leere Seiten. Man kann sicherlich geteilter Meinung darüber sein, ob solche Gags zur Qualitätssteigerung eines Buches beitragen.

In einem weiteren Nebenhandlungsstrang führt der Autor den Leser ein wenig an der Nase herum, was durchaus spaßig und gelungen ist: So glaubt einer von Daniels Freunden, das ganze Dorf sei von Außerirdischen besetzt worden, die Besitz vom Körper der Menschen ergreifen. Auch Daniel habe einmal in einem Maisfeld, in dem sich ein Kornkreis findet, Kontakt zu diesen Außerirdischen, den Plutoniern, gehabt. Das würde jeder Leser sicherlich als typische Spinnerei eines Jugendlichen abtun, wenn es da nicht jenes Kapitel gäbe, das die Landung eines dieser Außerirdischen aus dessen Sicht in Jericho beschreibt ...

Trotz einiger Kritikpunkte bietet "Gegen die Welt", das auch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2011 steht, ein lohnendes Lesevergnügen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wie konnte es so weit kommen?", 15. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Broschiert)
So. Letzten Satz dieses immerhin mehr als 900 Seiten starken Romans gelesen. Das heißt, genau genommen war es nur ein halber Satz am Ende. Eigentlich müsste man enttäuscht sein. Ich zumindest bin es nicht ... enttäuscht. Denn die 920 Seiten davor waren voll von Sätzen, von Formulierungen, von Beschreibungen und Dialogen, die es oft in sich hatten.

"Gegen die Welt" stemmt sich Daniel Kuper. Seine "Welt" ist allerdings begrenzt und bewegt sich in der dörflichen Provinz Ostfrieslands zwischen der Drogerie des selbstgefälligen, fremdgehenden Vaters, der Überforderung der unzufriedenen Mutter, den Bahnschienen, der örtlichen Realschule und Freunden, die eigentlich keine Freunde sind.

Als der heranwachsende Daniel "Opfer" einer vermeintlichen Ufo-Landung wird, nachdem er halbnackt in einem Kornkreis gefunden wird, zieht er nicht nur die Aufmerksamkeit der Dorfgemeinschaft des fiktiven Ortes Jericho auf sich, sondern auch die der gesamten Weltöffentlichkeit. Fernsehsender wollen Interviews, in Talkshows wird über die Aliens diskutiert. Was tatsächlich passiert ist, weiß Daniel nicht, und der Leser erfährt es nicht. Man muss es sich halt denken. Als die Beachtung abflaut, bleibt an Daniel der "Ufo-Junge" hängen.

Als viel später im Roman und in Daniels Leben - da ist er 15 - überall im Dorf an den Hauswänden Hakenkreuze auftauchen, wird Daniel dafür verantwortlich gemacht. Dass er genau das Gegenteil wollte: Die Hakenkreuze "vernichten", glaubt ihm niemand, fortan ist er weiter gebrandmarkt, wird immer mehr zum Außenseiter, Bürgermeisterkandidat Rosing, den er als Nazi bezeichnet, kann seinen Ambitionen freien Lauf lassen. Der Vater geht weiter fremd, die Freunde füllen ihn mit Alkohol ab, er wechselt vom Gymnasium auf die Realschule, seine Bemühungen, nach einem Praktikum bei der "Friesen-Zeitung" als Reporter Fuß zu fassen, werden sabotiert.

Daniel scheitert an der "Welt" und nimmt doch immer wieder den Kampf gegen sie auf. Das liest sich sehr gekonnt beschrieben, der Autor Jan Brandt, der mit diesem Roman sein Debut vorlegt, weiß ganz offensichtlich, wovon er schreibt. Auch wenn Jan Brandt bestreitet, dass dieser Roman autobiografische Züge aufweise: Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, hat er einfach ZU gut recherchiert. Natürlich ist einiges "erfunden", mindestens der Name Jericho für einen ostfriesischen Ort hinter dem Deich, wie es sie aber viele in der dörflichen Provinz gibt, aber wenn man der Generation angehört, um die es in diesem Roman geht (derer der Anfang bis Mitte der 70er Jahre Geborenen), dann wird man einiges wiedererkennen: Fernsehsendungen, damals - in den 80ern - "angesagte" Filme, politische Diskussionen und sowieso das gesamte Lebensgefühl der damaligen Zeit (und das vielleicht nicht nur in der norddeutschen Provinz). Sehr genau beobachtet die Figuren, in ihrer ganzen Haltung, deshalb auch bis ins Detail beschrieben.

Und zwischendrin Daniels Gedankengänge, manchmal ohne Punkt und Komma. Sein Erleben, von dem er selbst nicht weiß, wie er es einordnen soll, so beschrieben, dass es den Leser "mitnimmt", in jeder Hinsicht, aber ohne erhobenen Zeigefinger: Sowohl emotional kann man Daniel folgen, als auch - ganz objektiv - seiner Entwicklung, was - vor allem bei seinen "Gedanken - zugegebenermaßen manchmal etwas mühsam ist.

Nicht nur sprachlich wagt der Roman Experimente: Zum Beispiel, wenn er - die in den 80er Jahren populäre Fernsehquiz-Sendung "Riskant" mit Hans-Jürgen Bäumler aufgreifend - auf scheinbar harmlose "Antworten" tiefgreifende Fragen stellt, die zunächst nicht zu den Antworten zu passen scheinen (eine davon ist in der Überschrift zitiert, S. 768, und könnte stellvertretend für fast alle Figuren und Ereignisse dieses Romans gelten), über etwa 150 Seiten hinweg werden parallel zwei völlig verschiedene Geschichten auf EINER Seite erzählt: Halbseitig die von Daniel und seinen Freunden sowie - auf der Hälfte darunter - die in Ich-Form erzählte Geschichte eines Lokführers, der mehrere "Schienenselbstmorde" zu verarbeiten hat, getrennt durch einen Doppelstrich mitten auf der Seite, eintönig wie die Schienen, die der Lokführer tagtäglich befährt.

Und obwohl keine der Figuren, der Dorfbewohner, der Vater, die Mutter, die Lehrer, die Freunde, die Eltern der Freunde, wirklich sympathisch werden, keiner von ihnen "gut" wegkommt, wachsen sie einem doch ans Herz, am Ende "weiß" der Leser, wie dieses Leben funktioniert. Fast genial wirkt da der Vorgriff auf die Lebensläufe einiger von Daniels "Freunden", die ein tragisches Ende nehmen.

Lakonisch, mit viel Hintersinn, nicht ohne einen SEHR hintergründigen Humor und damit viel der deprimierenden "Zukunftsaussichten" relativierend, erzählt Jan Brandt in diesem bei seiner Veröffentlichung sehr beachteten Roman-Debut, das seinerzeit auch für den Deutschen Buchpreis (2011) nominiert war, die Geschichte eines Jungen, aufgewachsen in einer strengen, ihn nicht verstehen wollenden, ihn nicht ernst nehmenden Umgebung, und nicht nur das: Er erzählt die Geschichte eines ganzen Dorfes und seiner Bewohner. Und zwar so, dass man JEDES Wort glaubt, was zugegebenermaßen gelegentlich deprimierend anmutet.

Bleibt am Ende die Frage: Muss man scheitern, an dieser dörflichen Enge, der Ignoranz der Erwachsenen, an sich selbst? Das ist natürlich eine rein rhetorische Frage, denn Jan Brandt, der - wenn er hier nicht ganz viel "Eigenes" einbringt - dennoch in genau dieser Umgebung (wenngleich das kleinstädtische Leer sich noch ein wenig unterscheiden dürfte von dem dörflichen Jericho) aufgewachsen ist und kenntnisreich von einer Zeit schreibt, die nicht nur dem Gedächtnis geschuldet sein kann, hat es geschafft: Einen umfassenden, wunderbaren Roman zu schreiben, in dem wirklich fast keine Zeile zuviel ist.

Eigentlich waren vier Sterne für dieses Leseerlebnis zu vergeben (weil einige Längen bei einem solchen Umfang nicht zu vermeiden sind), die sich beim Schreiben dieser Rezension und der damit verbundenen Rückbetrachtung auf fünf Sterne erhöht haben ;).
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25 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Was bleibt? Dieser Roman? Ich sage: Nein!, 27. September 2012
Von 
Gerrit Dieken (Ostfriesland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Gebundene Ausgabe)
Glauben Sie NIE der Werbung - und erst recht nicht, wenn Sie die überschwänglichen Kritiken lesen, die dieses Buch erhielt.
"Großer Roman: Über die Wende in Westdeutschland" - Die Wende wird nur so nebenbei behandelt. Aber das ist ja wohl noch ein Glück. Sonst wäre dieses langatmige, streckenweise höchst langweilige Werk noch weiter mäandert und hätte leicht und locker die 1000 Seiten überschritten. Dabei ist es mit seinen 921 (928) Seiten schon jetzt um mindestens 600 Seiten zu lang.
"Popkultur in der Provinz" - Auch hiervon gibt es (zum Glück) reichlich wenig und doch schon zu viel. Aber Liebhabern von 8os Heavy Metal mag das gefallen.
"Freundschaften, die nie zu Ende gehen" - geschenkt. Fast alle Freundschaften gehen hier durchaus zu Ende. Aber das soll kein Vorwurf an den Autor sein.
"Hier hätten die Brüder Karamasow sich einiges abschauen können: Ein beeindruckender Roman..." - Die Brüder Karamasow sind Romangestalten, werter Herr Kritiker. Und im Vergleich zur Romangestalt Daniel Kuper, dem 'Helden' dieses Romans sind die Brüder Karamasow wahre Lichtgestalten.
"Jan Brandt hat mit diesem gewaltigen Roman viel gewagt und (praktisch) alles gewonnen." - Was er gewonnen hat, ist das Wohlwollen einiger (vieler) Kritiker. Weshalb? Dazu komme ich noch. Was er gewagt hat??? Dass das Buch nicht veröffentlicht wird, und er sich die ganze Arbeit umsonst gemacht hätte. Nun, ich glaube, das wagen mehr.

Der 'Held' Daniel Kuper bleibt merkwürdig blass. Fast nie erfahren wir, was ihn bewegt, was er denkt. Wir erfahren nie, weshalb er sich in welche Richtung bewegt. Er ist ein Wischi-Waschi-Typ, wie er im Buche steht. Leider in diesem Buch. Aber engagiert er sich nicht gegen die Welt, und z.B. gegen vermeintliche Neo-Nazis? Ja doch, aber das WARUM bleibt völlig außen vor. Nennen wir ihn also einen Wischi- oder Waschi-Typ.

Die Story ist aus Versatzstücken zuletzt erfolgreicher Werke zusammengeschustert und bleibt doch am Ende nur Flickschusterei.. Das alles wird in mitunter endlos langen, öden Beschreibungen des Alltags des Daniel Kupers und anderer Personen geschildert. Als z.B. im Dorf Jericho, der Heimat Daniel Kupers, eine Versammlung stattfindet, wird auf zwei Seiten aufgezählt, wer alles da ist: Frau Wolters. Daniels ehemalige Grundschullehrerin, die Familien Kamps und Engberts, Pfeiffer und Reichert.... Bäckermeister Wessels mit seinen drei Angestellten... die Milchfahrer Schoon und Korporal, die jetzt, da die Molkerei stillgelegt war...." - Zeilenschinderei, und das nicht nur einmal! Verschwörungstheorien werden abwechselnd zwischen Realität und Fiktion angesiedelt. Vieles, ja fast alles bleibt hier nur angedeutet. Das mag für manche durchaus seinen Reiz haben, ermüdet aber letztlich.

Wie konnte es aber kommen, dass so (verhältnismäßig) viele Kritiker und Leser das Buch in den höchsten Tönen loben?
Ich nenne es den KIR-ROYAL-EFFEKT (Nicht zu verwechseln mit dem Werther-Effekt!). Kir Royal, diese Fernsehserie aus den achtziger Jahren wurde von den Fernsehkritikern trotz offensichtlich mangelnder Substanz in den Himmel gehoben. Und warum? Weil SIE SICH SELBST und Personen, die ihnen bekannt waren, in den handelnden Figuren wiedererkennen konnten! Ja, sie waren gemeint. Sie, die Schickeria, zu der sie gehörten. Das war Ihre Welt! Und - wie konnte diese Welt schlecht sein! Sie MUSSTE gut sein.
Ähnlich hier: Die Kritiker und Leser, die in den achtziger Jahren aufwuchsen, finden sich in Daniel Kuper (und anderen Personen aus seinem Umfeld) wieder. Das wird ihnen dadurch erleichtert, dass dieser Daniel Kuper wie seine Kumpel Personen bleiben, die keine klaren Konturen erkennen lassen. So dient Kuper als Blaupause, fast jeder aus dieser Generation kann mühelos in ihn hineinschlüpfen oder zumindestens (Daniel: "Zumindest!") wiedererkennen.

Nun ist nicht alles schlecht, was wir hier lesen. Da gibt es zum Beispiel die eingeschobene Geschichte eines Lokführers, die beweist, dass Jan Brandt durchaus etwas zu erzählen hat und dass er es kann. Das hat - bis auf den Schluss vielleicht (?) - durchaus Substanz und ist lesenswert. (Dass es über 150 Seiten nur die untere Hälfte des Buches einnimmt, während oben etwas anderes erzählt wird, soll ja wohl zum Nachdenken anregen: Was will uns der Schriftsteller damit sagen?" - bleibt aber Blödsinn. Es ist allenfalls dazu geeignet um z.B. im Zug (! passend zur Geschichte !) Eindruck zu schinden, wenn man dauernd umblättern muss -- Mann, der kann aber schnell lesen.

Ärgerlich ist u.a. auch der 'Gag' mit der aufgehellten Schrift. Wenn das nur einmal zur Illustration des Erwachens Kupers gebraucht worden wäre... Ein Witz sollte auch nur einmal erzählt werden.
Und schon kommt der Einwand, dass Brandt uns damit doch auch etwas sagen will. Leider will er uns viel zu viel sagen. Auch die im letzten Kapitel gehäuft eingestreuten Versatzstücke, die zeigen sollen, wie gebildet er doch ist, stören nur. Zwischendurch ahmt er auch einmal James Joyce's Ulysses nach. Es sind die Gedankengänge Daniel Kupers, die er in einer (!!) Sekunde hat.(Ja doch! Aber dieses Denken bleibt fragmentarisch und ist mehr eine Art Flashback mit einzelnen Bildern und Gesprächsfetzen - alles ohne Punkt und Komma) - Das geht dann auch über mehrere halbe Seiten (unten lesen wir die Geschichte des Lokführers). Entscheidet sich in dieser einen Sekunde das weitere Schicksal Daniels? Das ergäbe immerhin einen Sinn.

Zusammengefasst kann man aber nur sagen: Mit Hilfe eines Lektors, der sein Handwerk versteht, hätte man das Buch um zwei Drittel kürzen und einen halbwegs brauchbaren Roman bekommen können. So ist es leider nur ein gescheiterter Versuch, etwas Bleibendes zu schaffen.

PS: Da ich aus einem Nachbarort von Jericho komme, sollten... (Bitte selbst ergänzen)
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Machmal regelrecht anstrengend, oft genau auf den Punkt, insgesamt leider zu wenig, 17. März 2012
Von 
Schwalbenkönig - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Gebundene Ausgabe)
"Was will uns der Autor damit sagen?"

Bei dieser Frage haben sich mir während meiner Schulzeit mehr als nur einmal die Nackenhaare aufgestellt. Ich hatte sehr oft den Verdacht, der Autor weiß oder wußte es selbst nicht so wirklich. Oder es war ihm einfach egal. So wie mir damals. Vielleicht meinte er aber das wirr geschriebene Zeug auch genau so, wie es da stand?! Ohne tieferen Sinn. Naja, das war damals.

Meine Schulzeit ist nun schon einige Zeit her und auch mein Leseverhalten hat sich natürlich ein klein wenig verändert. Das Interpretieren von Büchern sorgt bei mir nicht mehr für nacktes Grauen, es macht teilweise richtig Spass und die Bücher vom modernen Meister des großen "Wirrwarrs" - H. Murakami - habe ich fast alle verschlungen.

Und nun kommt da also ein Norddeutscher mit einem prämierten Roman daher, der mit seiner Zeit, seinem
Lebensgefühl und seinem Schauplatz so ziemlich perfekt in meine Kindheit und Jugend passt. Habe ich gedacht! Doch hier wird relativ schnell klar, dass kurze Inhaltsangaben oft täuschen und das kein klassischer Roman über eine Ära, sondern.... ja, was ist es eigentlich? Science Fiction, Krimi, Thriller, Familienepos, Drama?
Und da war sie plötzlich wieder, die Stimme mit der bedeutenden Frage: "Was will uns der Autor damit sagen?"
Plutonier, Schlecker, Angela Merkel, Jericho (Ostfriesland), Kornkreise, Heavy Metal, Gott?
....................................?

Aber ich bin ein geduldiger und beharrlicher Leser und beurteile ein Buch niemals nur bis zur Hälfte oder lege es gar vorzeitg zurück in den Schrank. Selbst wenn Handlungsstränge ins Nichts verlaufen, wild durcheinander geworfen werden oder irgendwie keinerlei Sinn zu ergeben scheinen. Und so unbequem und ohne Faden "Gegen die Welt" zwischenzeitlich auch ist, ab dem letzten Drittel ist es das, was ich mir von Anfang an gewünscht hätte: Eine spannende & lesenswerte Geschichte über sich sich ändernde Zeiten, Freundschaft, Verrat, Liebe, Familie, Triebe, Erwachsensein, Erwachsenwerden und all den anderen Dingen, die das Leben (egal, ob Land oder Stadt, 80er oder 90er) so ausmacht. Insgesamt schade. Eine Geschichte muss ja nicht immer im konservativen Stil geschrieben sein, aber zuviele Experimente schaden einem Buch dann doch mehr als dass sie nützen.

Das Buchzitat: Der nächste Satz ist falsch. Der vorhergehende Satz ist wahr.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Außerirdische Absurditäten, 3. November 2012
Von 
Anke Przybilla "Leselöwin.blogspot.com" (Schönwalde) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Gebundene Ausgabe)
Alles, was Daniel Kuper auch in seinem Leben tut, ist "gegen die Welt". Ob er angeblich von Außerirdischen entführt und wieder im Kornfeld freigelassen wird, ob er angeblich Hakenkreuze an die Wände seines westdeutschen Heimatdorfes Jericho pinselt, ob er angeblich verantwortlich ist für den Freitod auf den Schienen eines Klassenkameraden.

So jedenfalls sehen es seine werten Dorfmitbewohner. Und selbst seine Eltern glauben ihm nicht, dass er immer wieder in Situationen gerät, an denen er weder Schuld ist, noch das getan hat, was ihm unterstellt wird. Und dies nur, weil er irgendwie dazu gehören will.

Eigentlich ist das Buch ein Sammelsurium skurriler Geschichten. Hard - Daniels Vater - zum Beispiel, liebt seine Frau, hat aber einige Affairen gleichzeitig und wie er diese händelt, ist allemal ein Schmunzeln wert. Oder Daniels Freund Onno, der Musikenthusiast, der sich ausgerechnet die Bühne wählt für seinen spektakulären Abtritt. Oder Stefan, der sich verfolgt fühlt von Außerirdischen, die seiner Ansicht nach die Welt erobern, indem sie sich den Menschen als Wirt bemächtigen.

Im Laufe des Romans fragt man sich als Leser, wohin uns die Geschichte führen will, was ist die Essenz. Aber sie lebt wie jeder großer Roman von der Schilderung alltäglicher Ereignisse, die ein Porträt einer Zeit sind. In diesem Fall die Zeit kurz vor und nach der Wiedervereinigung. Welche Auswirkungen die Einheit für die westdeutschen Provinzler hat, wie sie zu den zugezogenen Ostdeutschen im kurzerhand umgetauften "Kumponistenviertel" stehen. Wie schwer der Kampf der kleinen Läden gegen die sich geschwürartig ausbreitenden Filialisten wurde. Wie sich die Wahl der Schulform auf das gesellschaftliche Umfeld der Jugendlichen auswirkt.

Am Ende bleibt es dem Leser überlassen, ob er an eine Verkettung vieler seltsamer Umstände glaubt oder an den Einfluss der Außerirdischen an den gesammelten Absurditäten von Jericho (welch bezeichnender Name!). Ich selbst war geneigt, dem letzten Glauben zu schenken. Mich amüsiert dieser Gedanke.

Brandt bedient sich außerdem mit gewisser Freude drucktechnischer Stilmittel, die dem Buch einen gewissen Kick geben. So wird beispielsweise für ca. 150 Seiten das Buch zweigeteilt und zwei Erzählperspektiven parallel geführt. Solche Spielereien gibt es noch weitere: Briefe haben eine Schreibmaschinenschrift mit handschriflichen Einschüben. Die Vernebelung des Geistes aufgrund von Alkohol oder Ohnmacht verblasst auch im Schriftbild.

"Gegen die Welt" ist ein wirklich lesenswerter Roman. Zur absoluten Begeisterung fehlte mir noch die große Klammer, die alles (wirklich schlüssig) zusammenhält. Dennoch war der Roman in meinen Augen zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011. Eine Empfehlung!
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17 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mir hat es gefallen, mich aber nicht 100 %ig gepackt, 4. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Gebundene Ausgabe)
'Gegen die Welt' erzählt die Geschichte von Daniel Kuper, der in der kleinen Ortschaft Jericho in Ostfriesland aufwächst. Daniel (Sohn des nicht wenig einflussreichen Drogisten Hard Kuper) gilt schon immer als seltsames Kind, mit einer extremen Fantasie.
Als im Dorf seltsame Dinge geschehen, werden sie zum grossen Teil Daniel zugeschrieben. Da gibt es beispielsweise Schneefall im Spätsommer oder einen plötzlich auftauchenden Kornkreis im Maisfeld. Als Daniel dort schwer verletzt wird, sollen ihn angeblich Außerirdische entführt, untersucht und wieder abgesetzt haben.
Dann werden die Häuserfassaden des Dorfes mit Hakenkreuzen verunstaltet und als Daniel diese entfernen will, weil er sie einfach unmöglich findet, wird er erwischt und auch dies wird ihm in die Schuhe geschoben.
Ist es Daniel möglich unter diesen Voraussetzungen eine normale Kindheit und Jugend zu verbringen? Daniel versucht sein Bestes um normale Freunde zu haben und später ein einfacher, stinknormaler Teenager zu sein. Ob das gelingt '

***

Dieser Roman war eine nette Erzählung, ich würde ihn einen Generationsroman nennen, der mich irgendwie bis zuletzt nicht packen konnte.

Der Autor schreibt in einem angenehmen Schreibstil, mit einigen ausgefallenen Varianten. Er beginnt das Buch z.B. mit einem Brief an den Bundeskanzler im Jahre 1999. Dieser ist geschrieben von einer Person, die der Leser noch nicht kennt und zuordnen kann und der Schreiber warnt den Kanzler vor außerirdischen Wesen, die die Herrschaft übernehmen wollen und uns beobachten und dann in ihren Bann ziehen. Erst dann springt er zurück in die 70er Jahre und beginnt die eigentliche Geschichte zu erzählen. Diese Briefe gibt es mehrmals und es dauert eine ganze Weile, bis der Leser erfährt, wer sich hinter dieser Person verbirgt.
Dann erzählt der Autor über eine ganze Zeit hinweg zwei Handlungen, d.h. die Seiten sind zweigeteilt und es bleibt dem Leser überlassen, wie er dieses 'Leseproblem' löst :-) .

Dennoch hat das Buch mich nicht wirklich packen können. Sicherlich ist es nett und ich habe vieles aus meiner eigenen Zeit wieder erkannt, bin ich doch in etwa den gleichen Jahren aufgewachsen und ein lebenshungriger Teenager gewesen :-) .

Auf die Charaktere ist Jan Brandt gut eingegangen, ich habe Daniel Kuper gut kennengelernt und ich mag ihn auch gut leiden. Auch seine oft extrem durchgeknallten Freunde kamen gut rüber und deren ' zum Teil extrem ausgefallenes ' Ableben waren für mich dann mal Stellen, die mich in der Tat schmunzeln liessen.

Der Roman erzählt nicht nur von Daniel und seinen Kumpels, auch die ältere Generation in Jericho spielt eine wichtige Rolle. Das Leben der Eltern Daniels miteinander, heute und damals. Viele Vergangenheiten anderer Dorfbewohner der vorherigen Generation werden beschrieben. Alles nett, oft auch krass und extrem oder erschreckend real aber leider hat es mich einfach nicht mitgerissen. Oft gab es Längen, so dass ich mich selber überreden musste, meine Freizeit mit Lesen zu verbringen.

Einige zunächst ausgefallene Ideen wurden später nicht mehr aufgegriffen, was ich ein wenig schade fand. Doch am Ende gab es noch eine Offenbarung mit der ich nicht gerechnet hatte und die mir einen Charakter des Buches zum Schluß noch mal viel sympathischer machte, als er es sowieso schon war.

Das Erscheinungsbild des Buches ist sehr schön. Der Schutzumschlag ist sehr schlicht gehalten, dafür sieht das Buch ohne Schutzhülle um so besser aus. Eine sehr ausgefallene Idee. Ich werde gleich ein Foto einstellen.
Das Buch ist mit einem Leseband ausgestattet, was mir persönlich immer sehr gefällt. Die Seiten sind sehr dünn, ein angenehmes, weiches Papier, dass sich sehr gut anfühlt.

Mein Fazit: Insgesamt erhält dieses Debüt von mir 3 von 5 Sternen. "Ein Buch kann nicht enttäuschen, es kann nur Erwartungen nicht erfüllen", das hat mir ein Bekannter einmal gesagt. Für mich war dies hier der Fall. Ich hatte irgendwie mehr erwartet. Es war nett aber nicht umwerfend.

© Buchwelten 2011
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ganz mein Geschmack, 6. November 2012
Von 
Th. Leibfried "TL" (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Gebundene Ausgabe)
Auf die Short List für den Deutschen Buchpreis 2011 hat es Jan Brandts Debutroman "Gegen die Welt" geschafft. Zu recht, wie ich finde. Jan Brandt, Jahrgang 1974, ist ein Entwicklungsroman gelungen, der gleichzeitig ein Zeitgemälde einer deutschen Epoche ist. Konkret der 80er und frühen 90er Jahre. Schauplatz der Handlung ist ein fiktiver Ort in Ostfriesland, Jericho. Der Protagonist ist Daniel Kuper, ein Drogistensohn mit einer überbordenden Fantasie und einem Hang zum Extraterrestrischen.

Brandt erzählt eine Geschichte, in der der kleine und größer werdende Daniel durch seltsame Verwicklungen und Zufälle zum Feindbild eines ganzen Ortes, zur persona non grata wird. Um ihn herum tummeln sich Figuren, die alle mehr oder weniger mit sich im Unreinen sind. Allen voran sein Vater, der Drogerieinhaber, der gegen sich ausbreitende Handelsketten kämpft und wettert, seine Ehe mit Daniels Mutter mehr schlecht als recht aufrecht erhält und sich die eine oder andere Liaison am Ort nicht nehmen lässt. Daniels Mutter ist auf der Suche nach sich selbst, nach ihrem Platz im Leben. Eine unzufriedene Hausfrau und Mutter, die nach mehr Selbstbestätigung sucht, ohne die Gewissenslosigkeit ihres Gatten zu haben. Auch Daniels Schulfreunde, wechselnd je nach Entwicklungsstadium und Schulform, allen voran der dicke Volker, sind auf der Selbstsuche, nicht immer erfolgreich. Daneben werden prototypische Figuren gezeichnet, wie der jähzornige Pastor, der nach Erfolg schielende Unternehmer und angehende Bürgermeister oder die alleinstehende Lehrerin. Figuren, wie sie jedem von uns im Leben schon einmal begegnet sind.

Der Roman lebt unter anderem von der Frage, welche Passagen und Ereignisse tatsächlich (sprich: als Romanhandlung) stattfinden und welche alleine der Fantasie Daniels zuzuschreiben sind. Die Grenzen sind fließend, Brandt und der Verlag unterstreichen das durch Besonderheiten und handwerkliches Geschick. So sind Passagen als Gedankenstrom (wie bei Joyce und anderen) geschrieben, andere sind typografisch hervorgehoben, beispielsweise durch einen fast unleserlich-schwachen Druck (ein Grau in unterschiedlichen Tönen), um Momente des geistigen Dämmerns zu unterstreichen. Besonders herausfordernd könnte ein gewichtiger Teil des Romans empfunden werden, beinahe 200 Seiten, in dem zwei Erzählstränge parallel erfolgen, geteilt auf diesen Seiten durch einen Trennstrich, die eine oben, die andere unten. Jeder wird seine eigene Methode finden müssen, um diesen Abschnitt zu lesen.

Wenn sich einer fiktiven Lektüre mit realen Fakten (Politik, Musik, Zeitgeschichte) Realität und Fiktion so miteinander vermischen, dass die Trennung entweder schwer oder unmöglich wird, kann es im Kopf des Lesers schon mal eng werden. Anspruchsvoll darf der Roman genannt werden, aber ohne dass man Angst davor haben müsste. Brandt bleibt sprachlich auf dem Boden, hebt nur dort ab, wo es seine Figuren und die Handlung erfordern. Mein Fazit: unbedingt lesenswert!
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gegen die Welt, 21. Februar 2012
Von 
HeikeM - Alle meine Rezensionen ansehen
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Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Gebundene Ausgabe)
Jan Brandt erzählt in seinem beachtenswerten Debütroman die Geschichte des im fiktiven ostfriesischen Jericho lebenden Daniel Kuper. Der Leser begleitet Daniel rund 20 Jahre lang. Er sieht ihn aufwachsen, beobachtet ihn bei Jungenstreichen und begleitet ihn durch seinen Alltag. Durch häufige Perspektivwechsel ermöglicht es Jan Brandt dem Leser, das gesamte Umfeld des Jungen kennenzulernen und zu erfahren, wie er auf andere Menschen wirkt. Eigentlich ist er ein ganz normales Kind - mit ein bisschen viel Fantasie und nur wenigen Möglichkeiten, diese in die richtigen Bahnen zu lenken. So werden ihm von den Bewohnern Jericho's schnell alle möglichen sonderbaren Ereignisse zur Last gelegt, Nazischmierereien, Schneefall im Sommer, Kornkreise. Je mehr er versucht, seine Unschuld zu beweisen, umso mehr zieht er die Verdachtsmomente auf sich. Er wird zum Außenseiter und wirkt schon wie ein junger Don Quichote, der einen Kampf gegen Windmühlenflügel oder auch gegen die Welt aufgenommen hat. Mit großer Liebe zum Detail, man kann es auch fast schon als Detailversessenheit nennen, beschreibt der Autor das Leben in der Kleinstadt, charakterisiert die Bewohner, bis man schlussendlich glaubt, man kenne die Gegend, ihre Menschen und wäre den Weg vom Bahnhof zur Drogerie Kuper selbst schon x-mal gegangen. Das mag einerseits ein Vorteil sein, denn es schafft Nähe, andererseits entstehen durch die Ausführlichkeit unweigerlich Längen, die den Lesefluss hemmen. Besonders die schier endlosen und im ganzen Roman vorkommenden Aufzählungen haben meinen guten Gesamteindruck doch etwas getrübt. Ungewohnt, weil unüblich, ist auch das Layout des Romans. Er beginnt und endet mit jeweils 6 unbedruckten Seiten. Andere Seiten sind nur zum Teil mit Text gefüllt. In einer ganzen Passage existieren in einem oberen und einem unteren Teil unterschiedliche Handlungsstränge. Dann wieder verblasst das Druckbild.
Ungezählte Male gibt es Verweise auf Musik, Bücher und Filme der damaligen Zeit. Das lässt das Buch authentisch wirken, denn der Leser begibt sich in Gedanken auf die gleiche Zeitebene wie die Protagonisten.
Für mich ist "Gegen die Welt" ein unkonventionelles, mutiges Buch, das die Experimentierfreudigkeit eines jungen Autors belegt, der zum Teil mit Althergebrachtem und literarischem Einerlei bricht. Trotz meiner Kritik wird Jan Brandt bei mir nicht in Vergessenheit geraten. Auf einen neuen Romanen von ihm bin ich sehr gespannt.
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4.0 von 5 Sternen Interessant, nicht spannend, 29. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gegen die Welt (Broschiert)
Zum Inhalt haben andere genug geschrieben - ein besonderer Zug des Buchs ist, dass man sich tatsächlich zwischendurch mal fragt, ob die "typisch Spinner"-Briefe, die in den Text eingeflochten sind, nicht DOCH wahr sein könnten. Ich hatte keine Mühe, die 900+ Seiten zu bewältigen, die Geschichte liest sich flott. Es ist allerdings auch kein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, so sehr fesseln die Protagonisten und die Handlung (soweit überhaupt vorhanden) nicht.
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Gegen die Welt
Gegen die Welt von Jan Brandt (Gebundene Ausgabe - 1. August 2011)
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