Kundenrezensionen


54 Rezensionen
5 Sterne:
 (22)
4 Sterne:
 (14)
3 Sterne:
 (7)
2 Sterne:
 (5)
1 Sterne:
 (6)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


32 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bittere Abrechnung
Bücher des französischen Autors Michel Houellebecq sind dafür berüchtigt, dass sie provozieren, regelmäßig lösen die Romane heftige Anfeindungen aus. Zumeist werden ihm Hetze und Sexismus vorgeworfen, dieses Mal kommt noch die Verharmlosung von Sektentum und Klonen hinzu. Dabei wird meist übersehen, dass selbst die drastischste,...
Veröffentlicht am 15. September 2006 von Holger Petersen

versus
51 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sphärengebrabbel aus der Klonmenschenwelt
Die erste Verringerung und die anschließende Eisschmelze ließ die Erdbevölkerung von 14 Milliarden Menschen auf siebenhundert Millionen schrumpfen. Die zweite Verringerung brachte eine große Dürre und das Ende des Menschengechlechtes, so wie wir es kennen. Überlebt haben nur die Neo-Menschen, die von ihren inselartigen Siedlungen mit...
Veröffentlicht am 29. April 2007 von euripides50


‹ Zurück | 1 26 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

51 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sphärengebrabbel aus der Klonmenschenwelt, 29. April 2007
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Taschenbuch)
Die erste Verringerung und die anschließende Eisschmelze ließ die Erdbevölkerung von 14 Milliarden Menschen auf siebenhundert Millionen schrumpfen. Die zweite Verringerung brachte eine große Dürre und das Ende des Menschengechlechtes, so wie wir es kennen. Überlebt haben nur die Neo-Menschen, die von ihren inselartigen Siedlungen mit Grausen auf die barbarisierten Reste der alten Menschheit blicken, die vor Zäunen oder Absperrungen oder in Steppen oder am Rande des Meeres als heruntergekommene Wilde herumlaufen. Die Weibchen halten ihre nackten Kinder bittend vor Elektrogittern in die Höhe, ohne dass sich irgendjemand ernsthaft um sie schert Daniel 24 und 25, Marie22 und 23, Esther 31 und die ganze Neo-Menschenmischpoke leben derweil im Luxus, kümmern sich nur noch um ihre abgeflachten Gefühlsresiduen und studieren unablässig die Lebensberichte ihrer Vorgänger - vor allem die Aufzeichnungen von Daniel 1, einer Figur aus der Zeit vor der ersten Verringerung und einem typischen Protagonisten des alten Menschengeschlechtes. Daniel 1, die genetisch noch unvollkommene Blaupause seiner geklonten Nachfahren Daniel fff. lebt am Beginn des 21. Jahrhunderts und hat als Komiker weltweiten Erfolg, ohne dass seine besondere Witzigkeit für den Leser in irgendeiner Weise erkennbar würde. Er liebt diverse Frauen, schreibt geschmacklose Drehbücher und reflektiert über Nietzsche und Pascal, die Liebe, den Hass, die Vergänglichkeit und was immer einer Houllebecqschen Kunstfigur aus den Zeiten des alten Menschengeschlechtes den lieben langen Tag so einfallen mag. Schon reichlich vom Leben gezeichnet, kommt Daniel 1 mit den Elohim in Kontakt, einer Sekte, die daran arbeitet, die Menschheit durch Klonung zu erlösen. Dabei stellt der Bekehrte seine DNA-Substanz der Datenbank der Elohim zur Verfügung, vermacht sein gesamtes Vermögen der Organisation und nimmt dann irgendwann (wenn im Alter der Spaß am Leben aufhört) einen frohgemuten "freiwilligen Abschied" (sprich: begeht Selbstmord), weil man ja als genetischer Klon bald rekonstruiert werden wird. So scheidet schließlich auch Daniel 1 aus dem Leben, ohne zu wissen, dass seine Gene noch geschlaGENE dreihundert Jahre warten müssen, bis die Wissenschaft der Elohim endlich in der Lage ist, ihre Verheißung zu erfüllen und fertige Duplikate im Alter von 18 Jahren zu klonen, die dann einfach den gleichen Namen und zur Identifikation nur eine fortlaufende Ordnungsnummer erhalten. So wurde nicht nur das lästige Embryonal- und Kindheitsstadium gänzlich eliminiert, durch die bald eingeführte "genetische Standardrevision" besitzen die Neo-Menschen schließlich sogar die Fähigkeit, sich über die Photosynthese und die Aufnahme mineralischer Salze zu ernähren. Aber - wer hätte das gedacht -wirklich glücklich sind auch die Klonmenschen nicht. Da ihnen die Fortpflanzung, die Liebe, die Not, der Hunger, kurz: alle elementaren Begierden bis auf kaum merkliche Reste zurückgeklont wurden, langweilen sie sich schier zu Tode, ohne dass klar würde, warum sie diese todlangweilige Existenz bis in alle Ewigkeit durch immer neue Klone fortsetzen sollten. Folgerichtig bricht auch Daniel 25 aus dieser inselartigen Existenz aus und macht sich mit seinem Klonhund Fox25 auf die Reise durch den verwaisten Planeten, ohne zu wissen was ihn erwartet.

Das ist der Plot des vorliegenden Buches. Wie aber ist er gelungen? Auch auf die Gefahr hin, mir jede Menge Minusbewertungen einzuhandeln, meine ich: mäßig! Sicher ist das Buch gespickt mit den typischen Houellebecqschen Apercus ("Es lag in ihrer Natur zu lieben wie bei der Kuh das Grasen" und so weiter), und auch die menscheitsgeschichtliche Totalperspektive, die Jugendwahn und Altsverachtung, Sexmanie und Erlösungssehnsucht zu einer apokalyptischen Melange verrührt, hat etwas durchaus Gedankenreiches. Doch wie immer bei Houellebecq gleichen sich die Charaktere der Frauen wie ein Bauhausschrank dem nächsten, und mit den Männern ist es auch nicht viel besser. Und warum der Leser stante pede darüber informiert werden muss, wann Daniel 1 "einen Steifen" bekommt und wann nicht und warum sich der Prophet der Elohim von seinen Gespielinnen einen "abkauen" lässt, während der Besuche empfängt, wird das Geheimnis des Autors bleiben. Schwer erträglich erscheint auch die pseudointellektuelle Attitüde, die das Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchtränkt - einerseits als Sphärengebrabbel der Nachgeborenen, die ihren Nonsens ungefiltert absondern ( vgl. S. 225 und an vielen anderen Stellen ) oder als die reine Zitatenornamentik, wobei die Metaphern und Anspielungen wie etwa bei Schumpeter oder bei Coetze, so schräg und gewölbt daherkommen sich man sich über die Zurückhaltung der Lektoren nur wundern muss Alles in allem ein ambitioniertes Buch mit einem interessantes Plot, dessen literarische Umsetzung aber pure Geste bleibt - oder um es in den Gedankenbildern des Autors ein wenig zugespitzt zu sagen: ein Menschengeschlecht, das ein solches Werk allen Ernstes für höchste literarische Auszeichnung in Erwägung zieht, hat das Aussterben vielleicht sogar verdient.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


32 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bittere Abrechnung, 15. September 2006
Von 
Holger Petersen (Wolmirstedt, Sachsen-Anhalt) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Gebundene Ausgabe)
Bücher des französischen Autors Michel Houellebecq sind dafür berüchtigt, dass sie provozieren, regelmäßig lösen die Romane heftige Anfeindungen aus. Zumeist werden ihm Hetze und Sexismus vorgeworfen, dieses Mal kommt noch die Verharmlosung von Sektentum und Klonen hinzu. Dabei wird meist übersehen, dass selbst die drastischste, vielleicht auch geschmacklose Szene nichts weiter als eine literarische Metapher ist, mit welchen Houellebecq seine Überzeugung zum Ausdruck bringt, dass die westliche Gesellschaft sich in einer Sackgasse befindet und auf die Katastrophe zusteuert.

Die Erde in etwa 2000 Jahren, Katastrophen haben sie völlig verändert, die menschliche Zivilisation ist untergegangen, jene, welche die Zerstörungen überlebt haben, sind auf die primitivste Kulturstufe zurückgefallen. Inmitten des Chaos existieren zivilisatorische Inseln, hermetisch von der Außenwelt abgeschottet leben die sogenannten Neo-Menschen, Klone, nach dem Tod werden sie durch ein identisches Exemplar ersetzt. Sie leben allein, halten nur Kontakt über ein vernetztes System, haben keine wirklichen Bedürfnisse und vor allem keine wirklichen Emotionen. Die Neo-Menschen kennen keine Ausscheidungen mehr, können per Photosynthese überleben, brauchen lediglich die Mineralien einer Salzlösung. Ihre einzige Aufgabe besteht darin, die Lebensaufzeichnungen ihrer Vorgänger zu studieren und ihnen eigene Aufzeichnungen hinzuzufügen.

Im Zentrum des Romans Daniel 1, dessen geklonter Nachfahre Daniel 24 seinen Lebensbericht liest. Daniel ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein erfolgreicher Komiker, dessen Sketche auf einer scharfen Beobachtung der Realität beruhen, seine Show „Am liebsten Gruppensex mit Palästinenserinnen“ wird ein Erfolg, er verdient Millionen. Allerdings sind seine Sketche und Kurzfilme nichts weiter als provozierende Karikaturen der Wirklichkeit, an die Möglichkeit, sich für Veränderungen zu engagieren, denkt Daniel in keinem Augenblick.

Sein Glück scheint vollkommen, als er mit der Zeitungsredakteurin Isabel eine ihm intellektuell ebenbürtige Frau kennen lernt. Isabel arbeitet verantwortlich beim Jugendmagazin „Lolita“, das nicht nur ganz jungen, sondern auch vielen erwachsenen Frauen den Jugendwahn suggeriert. Gerade letzteres zerstört die Beziehung der beiden. Isabel, Ende 30, fühlt sich alt und zeigt zunehmend weniger sexuelles Interesse und Daniel registriert nüchtern:

„Wenn die körperliche Liebe vorbei ist, ist alles vorbei; und dann verrinnen die Tage in gereizter trostloser Eintönigkeit. Und was die körperliche Liebe anging, machte ich mir keine Illusionen, Jugend, Schönheit, Kraft: Die Kriterien der körperlichen Liebe sind dieselben wie bei den Nazis. Mit einem Wort, ich steckte ganz schön in der Scheiße.“ (63)

Beide trennen sich, sind unglücklich. Dann flackern Daniels Lebensgeister noch einmal auf, als sich die 22jährige Schauspielerin Esther für ihn interessiert - eine Beziehung, in welcher der Sex im Mittelpunkt steht, bis Esther sich neuen Zielen und jüngeren Männern zuwendet. Daniel beginnt zu begreifen, dass er mit Ende 40 ganz einfach alt, nutzlos und letztlich von einer durch Lebensgenuss geprägten Gesellschaft ausgestoßen ist. Am Ende, kurz bevor er sich umbringt, versteht er, was er bei seiner Jagd nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse vergessen hat:

„Meine Abhängigkeit ist grenzenlos,

Ich kenne das Beben des Seins,

Das Zaudern zu verschwinden,

Die Sonne, die die Ränder auf dem Feldrain trifft

Und die Liebe, die alles so leicht macht,

Dir alles schenkt, und zwar sogleich;

Es gibt in der Mitte der Zeit

Die Möglichkeit einer Insel.“ (394)

Während seiner Beziehung zu Esther lernt Daniel eher zufällig die Elohimiten kennen, eine Sekte, die von einem außerirdischen Einfluss ausgeht und propagiert, dass man auf die Erlösung von außen warten müsse. Deshalb stellen die Elohimiten die Lebenslust und das Überdauern in den Mittelpunkt ihres Daseins, Werte wie Familie, Glauben oder politische Macht werden bedeutungslos, es gilt, einer kleinen Zahl Auserwählter das Überleben zu sichern, weshalb krampfhaft nach der Möglichkeit der Klonung von Menschen geforscht wird. Um die Zeit bis zum Erfolg zu überbrücken, werden DNA-Proben der Mitglieder gesammelt und konserviert. Es stellt sich übrigens heraus, dass die Gründer der Sekte dies im Drogenrausch als großen Scherz getan haben, doch schnell verselbstständigt sich die Sache, weil im Chaos einer untergehenden Welt, in der Glaube und Werte nicht mehr zählen, die Elohimiten den Nerv der Zeit treffen, denn sie bieten Hoffnung.

Houellebecq erspart dem Leser nichts, beschreibt seine Utopie bis zum bitteren Ende. Er lässt sogar den Klon Daniel 25 auf der Suche nach den von Daniel 1 beschriebenen Erfahrungen der Leidenschaft durch eine zerstörte Welt ziehen, in welcher die überlebenden Menschen auf ihr innerstes Wesen reduziert sind – gewalttätige, tierischen Hierarchien unterworfene, sich an Grausamkeiten ergötzende Tiere.

Die Welt taumelt am Abgrund, die Szenerie, welche Houellebecq beschreibt, ähnelt der Agonie des mächtigen Römischen Reiches, nur hatten die die Barbaren, welche die Geschichte weiterschrieben ...
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die (Un-)Möglichkeit einer Insel, 2. September 2005
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Gebundene Ausgabe)
Houellebecq ist wieder da, und präsentiert uns mit der "Möglichkeit einer Insel" seinen vierten Roman, von dem er meines Erachtens zu Recht behauptet, er wäre sein bester.
Seinen Themen ist er treu geblieben. Einmal mehr erzählt er von sexuellem Elend, dem Verschwinden der Liebe, dem Unglück des Alterns und dem Scheitern der durchschnittlichen, menschlichen Existenz.
Protagnonist des Romans ist Daniel1, ein berühmter Komiker, der uns seinen Lebensbericht vorlegt, von seinen gescheiterten Beziehungen zu Frauen erzählt, und einen Einblick in seine Erlebnisse bei der Klonsekte "Elohim" gewährt. Vollgepackt mit ätzender Gesellschaftskritik entfaltet sich in seinem Bericht eine philosophische Meditation, die einen ungemein weit gespannten Rahmen an Themen behandelt und viele Entwicklungen der Zukunft vorweg nimmt.
Immer wieder wird seine leidenschaftliche Erzählung von Daniel24, dem genetischen Nachfolger der 24ten Generation, unterbrochen und reflektiert. Daniel24 lebt 2000 Jahre in der Zukunft, und gehört einer neuen, gentechnisch veränderten Menschenrasse an, die den aussterbenden Menschen abgelöst hat. Vom Menschen in seiner alten Form ist nicht mehr viel übrig geblieben. Nach Klimakatastrophen, Kriegen und einer Selbstmordwelle bevölkern nur noch vereinzelt lebende Wilde die Ruinen der Welt.
Dem Neo-Menschen sind alle menschlichen Gefühle abhanden gekommen, er kennt weder Hass noch Liebe, pflegt keine menschlichen Kontakte, lebt ein einsames, gleichförmiges, ewiges Leben. Doch in seinem innersten brennt noch immer die Sehnsucht nach Liebe. Daniel24 wird am Ende des Romans seine abgeschottete Welt verlassen, um sich auf die Suche danach zu begeben...
Vieles ist beim alten Geblieben, und doch hat sich einiges geändert.
von dem stahlenden Weltuntergangsoptimismus der "Elementarteilchen" ist jedenfalls nichts mehr übrig geblieben. Die Zukunft des Neo-Menschen ist ebenso düster wie die des gegenwärtigen. Wenn auch das Maß an Grausamkeit, Leiden und menschlichem Wahnsinn reduziert wurde, bleibt die Sehnsucht nach Liebe bestehen. Die Tatsache ihrer Unmöglichkeit beschreibt Houellebecq auf ungemein ergreifende, poetische Weise. Es gibt also keinen Ausweg, die Möglichkeit einer Insel bleibt Utopie.

Zwar setzt Houellebecq auf bewährte Mittel, sein Zynismus ist immer noch spürbar, doch seine brennende Wut ist der deprimierenden Resignation gewichen. Und das ist gewiss kein Nachteil. Seine Erzählweise ist dadruch überlegter, feiner und facettenreicher geworden, womit er seinen essayistischen Gesellschaftsanalysen, die er immer wieder in den Text einbringt, zusätzliche Tiefenschärfe verleiht.
Weiters sind die Sexszenen auf ein erträgliches Maß reduziert worden, anstatt seitenweise genaue Beschreibungen von verschiedenen Praktiken zu geben, nimmt er sich diesmal noch mehr Zeit zum philosophieren, und überrascht immer wieder mit seiner bestechenden Intelligenz.
Natürlich kann man ihm eine "Überbetonung der Sexualität" vorwerfen, kann man seinen öden Stil bekriteln, seine Provokationen verurteilen oder ihm eine übertriebene Selbstinszenierung vorwerfen. Sein grenzenloser Pessimismus wird genausowenig jedermanns Sache sein.
Das ändert aber alles nichts an der Tatsache, dass er mit der "Möglichkeit einer Insel" ein hochaktuelles, tieftrauriges Buch von ungemeiner Vielschichtigkeit geschrieben hat.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Le bonheur n'était pas un horizon possible", 24. März 2013
Von 
jury - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Taschenbuch)
Houllebecqs ewiges Thema ist die Tragödie der menschlichen Existenz. Dabei hält er sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf, sondern steuert meist schnurstracks auf den Kern der Dinge zu: Sexualität, Vererbung, Tod - natürlich aus der Sicht, die das jeweilige Alter des Autors öffnet. "Die Möglichkeit einer Insel" erschien 2005, der - man weiß es wohl nicht genau - 56 oder 58 geborene Houellebecq schrieb das Buch also im Alter von Ende 50.

Wie schon in "Elementarteilchen" (1998) findet dabei nicht nur eine umfassende Analyse Raum, sondern der ganze Roman liefert gleichzeitig die Szenerie einer Lösung und deren Diskussion. Während die Utopie damals dahin ging, die sexuelle Erlebnisfähigkeit des Menschen zu steigern, unterscheiden sich unsere Nachfahren in diesem Buch gerade darin, ein gelasseneres Leben zu führen.

Ich möchte versuchen, eine Vorstellung des Konzepts kurz anzudeuten.

Kern des Romans bildet die Autobiografie des wohlhabenden Entertainers Daniel, dem das Glück vergönnt und das Schicksal bestimmt war, zwei Frauen lieben zu dürfen. Isabelle liebt ihn, verliert aber aufgrund ihres Alterns ihre Erotik. Esther, 25 Jahre jünger, ist geradezu eine Verkörperung von Sexualität, weigert sich aber, Liebe auf Kosten ihrer Freiheit zuzulassen. Ihrem unbändigen Lebenswillen aber kann der reife Mann auf Dauer nicht genügen. So scheitern beide Beziehungen aufgrund der schicksalhaften Unfähigkeit des Menschen, seine Jugend zu bewahren. Zurück bleibt ein Mann, dem die Unmöglichkeit einer weiteren Liebe ebenso bewusst ist wie die Tatsache, dass die Vollkommenheit der Sexualität mit Esther gleichzeitig seinen Tod vorherbestimmte.

Noch während seiner Beziehung zu Esther lernt Daniel den Künster Vincent und eine religiöse Gruppierung namens Elohimiten [1] kennen. Symbolträchtig versammeln sich die Elohimiten auf Lanzarote, einer kanarischen Insel mit besonders angenehmen und ausgeglichenen Klimaverhältnissen. Die Forscher dieser Sekte arbeiten an einer Möglichkeit, nach dem Ableben eines Mitglieds erwachsene, genetisch veränderte Clones herzustellen.

Houellebecq spinnt diese Idee aus und lässt im Wechsel zu Daniel 1 auch Nachfahren wie Daniel 25 berichten. Natürlich dienen auch diese Sprünge in eine ferne Zukunft 2000 Jahre nach uns, welche nur die Neo-Menschen unbeschadet erreichen werden, in erster Linie dazu, die Befindlichkeit von Neo-Menschen kennenzulernen - eine Befindlichkeit, die sich ergibt, wenn Überlebenskampf und Sexualität ebenso keine Rolle mehr spielen wie Schmerz und Liebe.

Wenn Leser, denen es an der notwendigen Lebenserfahrung - vor allem aber an intensiven Liebesbeziehungen - oder auch an den Möglichkeiten einer angemessenen geistigen Durchdringung mangelt, ausgerechnet an einen Extrem-Intellektuellen wie Houellebecq geraten, zeugt dies schon von einer gewissen Tragik - wobei die Versuche, die unvermeidlichen Verständnislücken und die daraus resultierenden Frustrationen anhand irgendwelcher Nebensächlichkeiten dem Autor anzuhängen, auch nicht frei von komischen Momenten sind.

Ein ähnlicher Dualismus gilt allerdings auch für die philosophischen Betrachtungen Daniels, die auf der einen Seite oft vor Zynismus triefen, aber auch verblüffend uneitel und gelassen wirken.

Ob die Ausschließlichkeit, mit der er sexuelle Befriedigung als einzig zählende Sinnerfüllung empfindet, für alle Menschen gleichermaßen zutrifft, mag dahingestellt sein.

Die Größe dieses bis dahin reifsten Buchs des großen französischen Autors liegt ohne Zweifel an der Natürlichkeit und bis zur Verletzung offenen Preisgabe der Empfindungen der Protagonisten, die offensichtlich in weiten Bereichen denen des Autors entsprechen. In einer Welt, in der die eigentlichen Götter Verdrängung und Verbrämung heißen, in der Intelligenz, Gefühl und Ehrlichkeit schon fast verfolgt und bestraft werden, muss ein solches Buch natürlich viele vor den Kopf stoßen.

Umso mehr kann es Lesern geben, die bereit sind, zumindest sich selbst gegenüber ihre eigene Situation, ihre eigenen Siege, Niederlagen und Perspektiven ebenso offen zu durchdenken. Aber dieser Roman ist alles andere als nur ein Kopfbuch. Er stößt zutiefst emotional vor zu den Wurzeln der menschlichen Existenz und lotet die Chancen einer Evolution aus.

print-jury 5* A1148 © 24.3.2013 ABR 16.013 Rezensionsexemplar

[1] Elohim lautet in der hebräischen Bibel der Name für Gott
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen brilliant, spannend, philosophisch, 21. April 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Taschenbuch)
hinter der fassade eines "vulgären skandalromans" oder eines "witzig ironischen science-fiction romans" verbirgt sich nach fortgeschrittener lektüre ein sehr tiefschürfend philosophisches werk über das menschliche dasein schlechthin: über fragen und ängste zum altern, sterben, lieben, etc.

zugegeben das buch ist keine leichte kost und stößt anfangs vielleicht schnell ab, aber wer sich durchkämpft, der wird belohnt. meiner meinung nach ist es eines der beeindruckendsten bücher die ich jemals gelesen habe. es hat mich noch viele tage beschäftigt.
ich habe sehr viele andere rezensionen darüber gelesen und kann die negativen kritiken auch verstehen (vor allem von houllenbecq einsteigern) zum glück habe ich schon vorher ein anderes buch von h. gelesen (plattform 4 ****) sonst hätte ich vielleicht auch nach 50 seiten enttäuscht aufgegeben. ich wollte dem buch aber eine chance geben, nach 200 seiten war ich bereits mitten drin, und mit jeder weiteren seite noch mehr begeistert und fasziniert. einzelne szenen sprühen vor brillianten schilderungen, provokative fragen werden in den raum gestellt...

die suche nach dem glück, dem ewigen leben, die ängste vor dem alter und körperlichem verfall werden für den menschen immer zutiefst aktuelle fragestellungen sein verbunden mit dem streben nach jugend, schönheit und liebe. houllenbecq schildert dies rücksichtslos, brutal, zynisch, aus sehr männlicher sicht. das buch erfordert viel aufmerksamkeit und schürft sehr tief aber es ist stellenweise auch eine sehr witzige, spannende lektüre!! - absolut empfehlenswert!!! -
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen vorwärts in die steinzeit, 26. März 2008
Von 
Katharina Feld (Hessen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Taschenbuch)
1.Zeitebene 21. Jahrhundert.
Daniel1 ist ein Kotzbrocken. Es erschließt sich nicht, warum er als Komiker so erfolgreich sein kann. Nur weil er zynisch ist? Jedenfalls wird er reich und kann alles erwerben, was mit Geld zu erwerben ist.

Interessant seine Freundschaft zu dem introvertierten Künstler Vincent, der das genaue Gegenteil von Daniel1 zu sein scheint. Vincent lebt ein äußerlich anspruchsloses Leben und ist der uneheliche Sohn des Sektenoberhauptes der 'Elohim', in deren engeren Kreis Daniel1 zufällig gerät. Nach dem gewaltsamen Tod des 'Propheten' tritt Vincent an die Stelle seines Vaters, als gelungener Klon, ein PR-Coup der Sektenführer.
Das Klonen gelingt der Sekte erst dreihundert Jahre später, im 24.Jahrhundert.

Daniel1 verliebt sich zweimal und bleibt unglücklich, beide Frauen verlassen ihn. Die eine, weil sie das Altern nicht ertragen kann, die andere, weil Daniel1 SEIN Altern nicht ertragen kann.
Seine Freundschaft zu Vincent und seine Liebe zu seinem Hund machen Daniel1 (nach vielen, vielen Seiten) einigermaßen menschlich, im großen und ganzen bleibt er aber doch ein schwer egoistischer Eigenbrötler, der seitenweise in Selbstmitleid badet.

2.Zeitebene 40. Jahrhundert.
Die neuen Menschen, 'Neo-Menschen', brauchen nicht viel, leben sicher und abgeschirmt in ihrem Hochsicherheitstrakt in der übriggebliebenen zerstörten Welt. Ihr Energiebedarf wird mittels Photosynthese abgedeckt, sie ernähren sich von Mineralsalztabletten und Wasser. Sie müssen nicht viel tun, eigentlich gar nichts. Sie haben keinen persönlichen Kontakt untereinander, sind frei von Gefühlen und Wünschen.

Es haben aber auch andere Menschen, Nicht-Klone, auf der von Kriegen, Naturkatastrophen, Atomexplosionen und einer Verschiebung der Erdachse zerstörten Erde überlebt.
Es ist mir nicht verständlich geworden, warum diese Menschen in den Überresten des 21. Jahrhunderts hausen und mit den offenbar erhalten gebliebenen Gegenständen wie Häuser (es stehen wohl noch welche, 2000 Jahre alt) Autositze, Fotoapparate, analoge natürlich, nichts anfangen können. Diese 'Ur-Menschen', 'Wilden', nichtgeklonte Nachkommen unserer Jetzt-Zeit, treten in Rudeln auf und haben das Gebaren steinzeitlicher Gestalten und sie sind Menschenfresser, wie der 25.Klon von Daniel1 beobachten kann, der sich auf Abenteuerreise begeben hat, um seinem stumpfsinnigen Dasein im Hochsicherheitstrakt zu entkommen. Um dann, am sich weit zurückgezogenen Meer angekommen, in weiteren 60 Jahren Stumpfsinn auf den Tod zu warten. Aber vielleicht kommt Marie23 ja doch noch vorbei.

Die Geschichte ist wirklich spannend, es wird in weiten Teilen verständlich, was Houellebecq beabsichtigt.
Aber diese Geschichte ist bestimmt kein Science-Fiction-Roman. Es wird ärgerlich, wenn ein visionärer Houellebecq Bilder aus schlechten Filmen bemüht, die das 40.Jahrhundert darstellen sollen.

Ich stelle dieses Buch ins Regal, werde über das Eine oder Andere weiter nachdenken und gespannt auf das nächste Werk dieses Autors warten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nachdenklich machend, 19. Mai 2006
Wenn man Die Möglichkeiten einer Insel" liest, erkennt man sehr schnell die gnadenlose Beobachtungsgabe Houellebecqs gegenüber den derzeitigen Entwicklungen der Werte unserer Gesellschaft. Und diese Entwicklungen sind nicht schön: Als alternder Mensch hat man einfach keine Chance, so dass Houellebecq von vielen Menschen erzählt, die depressiv werden, weil sie altern und sich nach Erkennen ihrer Lage letztlich suicidieren. Zwar scheint der Lebenssinn von Houellebecqs Protagonisten Daniel 1 hauptsächlich darin zu bestehen, möglichst guten Sex mit jungen, attraktiven Frauen zu haben, was gegen Ende 40 angeblich nicht mehr funktioniert. Und was macht Daniel 1? Er suicidiert sich. Seine Klonnachfolger im Roman lesen seinen Lebensbericht befremdet, weil das Verlangen nach Liebe, Erfolg und Anerkennung in der Zukunft abgeschafft sind. Schöne neue Welt.

Nun ahnt man schon: Houellebecq hat Unrecht. Die Wertschätzung des Lebens ergießt sich nicht in tollem Sex und schönen Frauen allein. Da gibt es glücklicherweise noch viel mehr. Leider ist davon bei Der Möglichkeiten einer Insel" aber keine Rede. So gesehen könnte man Herrn Houellebecq einen geradezu brachialen Chauvinismus unterstellen, der sich aber sicher heute gut verkauft und damit höchstwahrscheinlich kalkuliert ist. Anderseits stellt diese Reduktion des Erfolgs der Menschen auf gutes Aussehen und erfolgreiche Kopulationen eine sehr passende Parallele zu derzeitig herrschenden Marketingstrategien her, welche ja besagen, dass Personen über 49 Jahren für Werbung eher uninteressant seien. Und das ist der Spiegel der unserer Gesellschaft von Houellebecq vorgehalten wird. Darum wirkt dieses Buch.

Die Möglichkeiten einer Insel" erfüllt ganz sicher einen Zweck: es treibt den Leser/Hörer zum Nachdenken. Und zwar nicht über das Buch selbst, sondern vielmehr über das, was er selbst in der Welt macht, was er begehrt, welche Wertschätzung er genießt und wie er damit zurechtkommt zu altern. Und möglicherweise auch, was ihm wichtig ist. Und das könnte ja ein Grund sein, dieses Buch zu lesen/hören.

Die Hörbuchfassung ist gut umgesetzt, weil Daniel 24 emotionslos, ja geradezu teilnahmslos gelesen wird. Ganz so, wie man sich emotionsamputierte Klone vorstellt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


24 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gnadenlos, 7. September 2005
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Gebundene Ausgabe)
In einer Welt ohne Gnade geht es in Houellebecqs Roman um "Die Möglichkeit einer Insel".
Daniel ist ein Komiker, dem durchaus bewußt ist, dass das Leben an sich nicht lustig ist. Ein Zyniker halt und doch ein moderner Gralsritter auf der Suche nach Glück. Glück, dass er -klassisch- in der Vereinigung mit dem Weib sucht und dass ihm, - er wäre kein tragischer Held, wäre es anders,- natürlich verwehrt bleibt.
Daniel ist Opfer und Täter zugleich in einer Welt ohne Gnade, ohne Mitleid, ohne Güte, ohne Glaube und vor allem ohne Liebe. Es folgt natürlich das Unvermeidliche - die Vernichtung der Menschheit! Zu Grunde gegangen am ungezügelten Individualismus.

Daniels Erbe überlebt die Apokalypse. Einer seiner genetisch veränderten Nachfahren findet schließlich die Erlösung in der Vereinigung mit der Natur und es endet mit der Einsicht, dass weder Mensch, noch Neo-Mensch sich über die Natur erheben können, immer ein Teil von ihr bleiben und dass ein göttlicher Zustand nie erreicht werden kann.
Meiner Meinung nach ist "Die Möglichkeit einer Insel" unbedingt lesenswert, obwohl ich nicht viel "Neues" entdecken konnte. Aber einer immer oberflächlicher werdenden Welt kann man nicht oft genug den Spiegel vor das geliftete Gesicht halten. Ich habe mittlerweile eine lange Liste von Leuten, denen ich das Buch gerne an die Stirn tackern würde.
Vor der Lektüre an öffentlichen Plätzen wie Bussen, Bahnen und Zügen sei gewarnt, zumindest haben mich das ein oder andere Mal die Tränen übermannt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen DMEI - In Wahrheit Houellebecqs erste Utopie, 29. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Gebundene Ausgabe)
Daniel könnte glücklich sein. Beruflich auf dem Gipfel des Erfolges, zieht sich der "Privatier" mit 40 Millionen Euro in seine Villa zurück und verbringt fortan die Tage mit einer intelligenten, schönen Frau am spanischen Strand. Was unsereins als "Lebensabend" genießen würde, erzeugt bei Daniel einen bitteren Geschmack von Abschied, der ihm immer unerträglicher wird. In der Folge trennt er sich von seiner Lebensgefährtin Isabelle und "verliebt" sich in die 22-jährige Esther. In ihrer Gegenwart verlebt er sexuelle Ausschweifungen - nahe einem längst verloren geglaubten Glücksgefühl und immer im Bewußtsein der Zerbrechlickkeit des Augenblicks. Parallel hierzu verfolgt er als VIP-Gast der Elohimiten - einer Wiedergeburts-Sekte - "hautnah" den kometenhaften Aufstieg einer Guru-Sekte zur Weltreligion - was ihn in den Augen seiner geklonten Nachfahren zum Mit-Gründervater macht, dessen Lebensbericht es genau zu studieren gilt.
Die Auseinandersetzung mit den Themen Liebe, Altern und Tod als absolute Grenzen der menschlichen Existenz und der Entwurf einer künftigen Gesellschaftsform, die ihrerseits den Versuch einer Überschreitung dieser Grenzen wagt - mit allen Folgen und Rückschlägen, die der menschlichen Natur innewohnen - macht aus DMEI die "Möglichkeit einer Utopie", die den Vergleich mit Klassikern wie Huxleys SNW oder Orwells 1984 sucht. Der Grenzgänger Houllebecq läuft in DMEI zur Hochform auf - meine neue persönliche Nr. 1.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein schönes Buch...irgendwie krass, 30. Juni 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Möglichkeit einer Insel (Taschenbuch)
Ein sehr schönes Buch...

Ich dachte mit dem Thema Houellebecq wäre ich durch...falsch gedacht.

Vor Jahren meinte ein Freund zu mir ich solle mal Ausweitung der Kampfzone lesen, weil das irgendwie krass wäre. Er lieh mir das Buch aus und ich fande es wirklich irgendwie krass und war beeindruckt, danach las ich Elementarteilchen, was mich ebenso verstörte. Aber ähnlich wie bei Palahniuk (ohne die beiden jetzt direkt miteinander vergleichen zu wollen), der auch irgendwie krass war, war es nach den zwei Büchern dann auch gut, da es sich doch ein wenig vom Stil her wiederholte und dadurch auch abnutzte.

Jetzt, Jahre später, fehlte mir ein wenig die Inspiration für neue Bücher und ich schaute nach Büchern mir bereits bekannter Autoren und dabei sties ich auf dieses Buch und ich bereue nicht es mir gekauft zu haben.

Die Idee gefiel mir sehr gut. Anfangs war ich etwas irritiert aufgrund der zwei Zeitebenen, der merkwürdigen Gedichte und des Geredes über "intermediation" und ähnlichem, aber fand dann nach den ersten Seiten ganz gut den Einstieg.

Und dieses Buch ist auch irgendwie krass. Vielleicht liegt es auch daran das ich lange nichts mehr von ihm gelesen hab und das ich auch älter bin als damals als ich die beiden anderen Werke von ihm las, aber ich finde dieses Buch sehr erfrischend, es gefällt mir von den drei doch am besten.

Das Buch hat alles: Gesellschaftskritik, es ist melancholisch, tragisch-komisch, zynisch, zuweilen makaber, an manchen Stellen erfrischend politisch unkorrekt und stellenweise auf eine seltsame Art und Weise sogar lustig. Dazu die Idee mit der Sekte, herrlich.

Ich habe mich nie sehr mit Houellebecq beschäftigt, was das Buch glaube ich noch interessanter macht. Interessanter deshalb weil ich mich ständig fragte was meint er jetzt ernst, was ironisch, was hält er vielleicht wirklich für erstrebenswert und wovor will er uns warnen.

Das Thema was über allem steht ist die Einsamkeit, was er sehr einfühlsam und schön beschreibt wie ich finde. Es geht um Liebe und dabei bezieht er sich immer wieder und vor allem auf Sexualität, die er auch sehr ausführlich beschreibt. Das mag dem einen oder anderen jetzt pornographisch oder obszön vorkommen. Mich hat es nicht gestört weil ich den Eindruck hatte dass das für ihn ein Mittel zum Zweck darstellte und nicht selbstzweck war, kann aber auch die Leute verstehen die sich davon vielleicht abgestossen fühlten, bzw. fühlen.

Einige Ideen und Motive aus seinen anderen Büchern die ich kenne wiederholen sich durchaus (bei der Frau die sich übergibt als sie ihn beim onanieren sieht musste ich unweigerlich an die Katze aus Elementarteilchen denken, die bei selbigem Vorgang die Augen schließt und die er daraufhin erschlägt, die Katze, nicht die Frau), aber ihm gelingt es ihnen neuen Schwung und neue Dimensionen zu geben, wie ich finde.

Die Idee seinen Protagonisten einen Kabarettisten sein zu lassen und die Möglichkeiten die sich dadurch eröffnen sind genial. Ich gehe einfach mal davon aus das es autobiographische Bezüge gibt und denke das er damit geschickt spielt. Nach der Lektüre des Buches meine ich das er sich selbst auch nicht so ganz ernst nimmt, was mir grundsätzlich erst mal sympathisch ist und manch eine Äußerung von ihm vielleicht auch in ein anderes Licht rückt.

Fazit: Irgendwie krass...auch wenn der Begriff natürlich äußerst diffus ist, aber dieses Gefühl blieb bei mir auch nach der Lektüre des Buches, aber durchaus nicht im negativen sondern eher in einem positivem Sinne. Ein grandioses Buch und herrliche Utopie. Für mich das beste Buch von ihm das ich bisher gelesen hab, auf jeden Fall zu empfehlen. Für Leute die schon andere Sachen von ihm nicht mochten, sei hiervon wohl auch eher abgeraten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


‹ Zurück | 1 26 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Die Möglichkeit einer Insel
Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq (Gebundene Ausgabe - 14. September 2005)
EUR 24,90
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen