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Der Zauberberg
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21 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 25. November 2005
Der Zauberberg ist ein wundervoller, sprachgewaltiger und überaus lehrreicher Roman.
Wie Thomas Mann es schafft, selbst die langweiligste Handlung mit seinem fein verschlungenem und ästhetischem Stil zu einem unvergleichlichen Hochgenuss werden zu lassen und die Zeit eines Abends auf eine gefühlte halbe Stunde zu verkürzen, beweist seine grandiosen literarischen Fähigkeiten. So habe ich mich sogar öfters dabei ertappen müssen, mir einige Passagen betont und leidenschaftlichlich mit kindlicher Freude selbst vorzulesen und ich glaube nicht zu lügen, wenn ich sage, dass ich durch den Zauberberg ein völlig neues Verhältnis zur deutschen Sprache und ihrer wunderbaren Gebrauchs- und Variationsmöglichkeiten gewonnen habe.
Das Buch ist vornehmlich ein Bildungsroman, und kann diese Funktion auch vortrefflich erfüllen. Ich habe mich oft mit der Hauptperson, dem jungen Hamburger Kaufmannssohn Hans Castorp, dessen Durchschnittlichkeit vom Autor nicht selten besonders betont und hervorgehobenen wird, identifizieren können, und habe mich darauf eingelassen, seine Bildungsreise mit ihm anzutreten, denn Mann versteht es meisterhaft, geschichtliche Zusammenhänge resp. politische und gesellschaftliche Aspekte des frühen 20. Jhd. mit viel Witz zu erklären bzw. zu interpretieren.
Mein einziger Kritikpunkt, der für mich wohl deswegen soviel Gewicht hat, weil ich ein 17 Jähriger Jugendlicher bin, der in seiner Kindheit mit Unterhaltung von den Medien regelrecht bombadiert wurde, ist die fehlende Spannung des Buches, die vom Leser in einigen Passagen doch schon einiges an Disziplin abverlangt.
Das hindert mich allerdings nicht daran, den Zauberberg als ein Meisterwerk der Weltliteratur zu bezeichnen und ihn jedem, der sich ernsthaft fürs Lesen begeistern kann, wärmstens ans Herz zu legen, denn alleine schon der Sog der Mann'schen Sprachgewalt, der sogar Nietzsches verbale Verführungskraft übertrifft, rechtfertigt die Lektüre dieses ca. 1000-seitigen Meisterwerkes.
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32 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 1000 REZENSENTam 22. Januar 2001
Die Zeit ist ein seltsames Gut, und das ist, könnte man meinen, das Motto, die Prämisse dieses gewaltigen Buches. Zeit verhält sich nicht, sondern ergibt sich aus der Betrachtung, die sich hier sozusagen mit sich selbst in Rekursion befindet, denn sowohl Autor als auch Protagonist schwelgen in dieser. Hans Castorp, ein eher farbloses, ristokratisches Mittzwanziger-Weichei aus Hamburg, soeben als Ingenieur examiniert, aber eigentlich noch immer unentschlossen was die nähere Zukunft anbetrifft, tritt auf Anempfehlung seines Hausarztes einen Kurzbesuch im Davoser Sanatorium "Berghof" an, wohl auch, um seinen Cousin Joachim zu besuchen, der bereits monatelang dort verweilt. "Feuchte Flecken" an der Lunge und die sich aus dem verlockend-zeitlosen Ambiente der luxuriösen Sanatoriumsanlage ergebenden Befindlichkeiten bewegen Castorp dazu, seinen Aufenthalt zu verlängern. Auf über sieben Jahre schlußendlich, bis der Ausbruch des ersten Weltkrieges dem eher geselligen, denn therapeutischen Beisammensein zwischen fünf ausgiebigen täglichen Mahlzeiten, "Liegediensten" und gesprächsreichen Lustwandlungen ein Ende setzt. Einen solchen Klassiker zu rezensieren, das wage ich kaum. Ich kann nur meinen Eindruck wiedergeben. Die Hauptfigur, die ich nicht als den "Helden" des Buches bezeichnen möchte (und Mann tut dies auch nur augenzwinkernd), verfällt alsbald dem Reiz des Losgelöstseins von jeglicher Verantwortung und Entscheidung, pflegt sein kaum vorhandenes Zipperlein und einen wachsenden, höchst sittlich installierten Bekanntschaftskreis, nähert sich gar - vergleichsweise ungestüm - der verehrten Dame vom "guten Russentisch" an und lauscht gebannt absorbierend den Zwiegesprächen der - aus meiner Sicht - eigentlichen Hauptfiguren, zweier im Permanentdiskurs befindlichen Herren namens Settembrini und Naphta, selbst lungenkrank, der eine anarchistischer Jesuit und der andere humanistischer Pädagoge. Obschon die Dialoge zu allen Themen der Politik, Philosophie, Kultur und Religion zeitweise etwas weitschweifig ausfallen, ist es gerade die bestechend-ironische Eloquenz dieser Diskussionen, die mir große Freude bereitet haben. Gleichzeitig bindet das Buch auf beeindruckende Weise an Umfeld, zeitbezogene Moral- und Sittenvorstellungen, zeichnet feinfühlig, detailverliebt und mit unfaßbar subtiler Ironie eine Welt und ein Zeitgefühl, das nachzuempfinden unbändigen Genuß bereitet, mir bereitet hat. Besondere Dramatik findet im "Zauberberg" nicht statt, obwohl Hauptfiguren sterben, denn das ist immanent, wir sind schließlich in einem Lungensanatorium. Nein, die gefügten und akribisch geschilderten Wahrnehmungs- und Verhaltenskontexte sind es, die die Spannung erzeugen, in einem Buch, das gänzlich ohne drastische Handlungselemente auskommt, ganz im Gegenteil, da die Bindung des Lesers an eben jenen Kontext Identifikation und Mitfühlen erzeugt, ohne daß hierfür heutzutagige literarische Brachialmaßnahmen erforderlich wären. Spannend, bildend, überaus amüsant, und ein Zeitdokument von ganz besonderer Art.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
...und das liegt auch am Sprecher Gerd Westphal. Er versteht es, den Hörer in den Bann zu ziehen und den einzelnen Figuren einen ganz speziellen Charakter zu geben.

Hans Castorp, ein junger Hanseate, besucht seinen lungenkranken Cousin in einem Lungensanatorium in Davos.
Eine eher zufällige Untersuchung zeigt, dass auch er nicht ganz gesund ist. Letztlich bleibt er sieben Jahre.

Er lernt die unterschiedliche Menschen kennen, darunter den Idealisten und Humanisten Settembrini, der ihn durch intensive, fast kämpferische Reden beeindruckt. Bis hin zur dümmlichen Frau Stör aus Bad Cannstatt sind viele Charaktere dabei.

Doch er verliebt sich schnell in die laszive Clawdia Chauchat.

Zuerst irritiert ihn die Gleichgültigkeit, mit der die Patienten mit der Zeit umgehen. Doch bald versteht er, was sein Cousin damit sagen wollte, dass die Zeit "hier oben" anders eingestuft wird. Und so stellt sich auch bei ihm eine gewisse Gleichgültigkeit und Lethargie ein.

Inspiriert durch Erzählungen seiner Frau, die selbst in Davos Patientin war, und einem 3-wöchigem Besuch im Sanatorium, brachte Thomas Mann zu der Grundidee des Zauberbergs. Auch die Charaktere fußten oft auf diesen Eindrücken. So entstand dieses wundervolle Buch.

Ich weiß nicht, ob ich den Zauberberg als Buch gelesen hätte. In dieser Version hat es mich "verzaubert".
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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 26. Oktober 2005
Wer hier angesichts des Titels Abenteuer, Magie oder Fantasy erwartet, sollte dieses Werk auf keinen Fall lesen. "Der Zauberberg" ist ein klassischer Bildungsroman. Jeder, der die deutsche Sprache liebt und seinen geistigen Horizont erweitern möchte, wird an diesem Buch Gefallen haben. "Der Zauberberg" ist aber auch ein Roman über das Wesen der Zeit an sich.
In diesem Roman geht es um die charakterliche Reifung des Protagonisten Hans Castorp von einem schnöselig-versnobten, blutleer-unbedarften und ichzentrierten Jüngling zu einem leidenschaftlichen, aufgeweckt-gebildeten, loyalen und liebesfähigen Mann. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund eines siebenjährigen Sanatoriumsaufenthaltes Castorps, der dort eigentlich nur seinen Vetter besuchen wollte, aber auf dem "Zauberberg" hängen bleibt. Während der erste Tag nicht aufhören will und die erste Woche nur zäh vergeht , beschleunigt sich der Fluß der Zeit immer mehr, bis die sieben Jahre scheinbar wie im Flug vergangen sind und trotzdem wie eine Ewigkeit wirken.
Diese sieben Jahre im Sanatorium in Davos bilden die Kulisse für eine faszinierende Beschreibung des europäischen Geisteszustands vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Ausbruch den Roman beendet. Alle wichtigen Ideen, Moden, Glaubensrichtungen und politischen Strömungen treten als Personen in diesem Roman auf und ziehen in ihrer wechselwirkenden Dynamik den interessiert beobachtenden Castorp immer mehr in ihren Bann. Insbesondere zum Humanisten Settembrini entwickelt Castorp ein aufrichtiges und freundschaftliches Verhältnis. Was den Roman neben den Bildungs- und Liebesbemühungen des Protagonisten vor allem ausmacht, sind dann auch die Gespräche und Diskussionen, bei denen Castorp anfangs eher ein wißbegieriger Zuhörer ist als ein aktiver Teilnehmer.
Ein Höhepunkt dieses Werks ist die größtenteils unglückliche Liebesbeziehung Castorps zu Madame Chauchat und der französische Dialog, welcher sich zwischen den beiden im Rahmen einer Karnevalsfeier im Sanatorium entspannt. Typisch für Thomas Mann ist die einzigartige sprachliche Filigranität und Eleganz, mit der all dies erzählt wird. Ein derart tiefes Sprachverständnis und -gefühl hat meiner Meinung nach ansonsten nur Nietzsche erreicht. Alles in allem halte ich den Zauberberg für eines der wichtigsten deutschsprachigen Werke überhaupt, wovon nicht zuletzt der Stapel an Sekundärliteratur zeugt, der sich mit diesem Roman und seiner Interpretation und Bedeutung beschäftigt.
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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 15. Mai 2002
Der Zauberberg ist die Geschichte einer Reise, die Reise des typischen mittleren Helden Hans Castorp, die aus dem "normalen" Leben schrittweise entführt.
Die Geschichte spinnt sich um Castorp, er spielt nicht die Hauptrolle, er wird nur immer mehr ein Instrument der Zeit, die ihn einspinnt, ihn in seinen Bewegungen und Empfindungen langsamer werden läßt, so wie sie den Leser gefangen nimmt, ihn entrückt, wenn er sich einläßt auf ein Abenteuer in den Bergen, entrückt der Welt, in ihrer Selbstverständlichkeit.
Scholastisch geprägte Dialoge mit unbedingter Konsequenz reißen Fragen auf, die Nähe zu dem verständnislosen Castorp spüren lassen, der seine Liebe auf einem Röntgenbild erlebt. Eine tiefe Liebe, die um so tiefer wird je weniger sie erfüllt wird. Das alles in einer unerbitterlichen Landschaft, die Reisen bietet, die das Reale übersteigen.
Thomas Mann erzählt fast immer überwältigend, fesselt erst langsam, dann fester und - die Bereitschaft des Lesers ein wenig voraussetzend - letzlich schmerzlich, wenn die reale Zeit die letzen Seiten eines meisterlichen Roman deutet, der von der Idee her kein Ende haben kann (aber Bücher sind - leider - endlich).
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 13. Juni 2012
Der Zauberberg gilt deshalb zu Recht als großer Jahrhundertroman, weil er in einer Geschichte das lange 19. Jahrhundert allegorisch beschreibt und - es aprupt mit Beginn des 1. Weltkrieges enden lässt. Die Erzählgeschwindigkeit beginnt mit geradezu prätentiöser Langsamkeit und wird gegen Ende hin immer hastiger; wie bei einem Wasserfall. Nach seitenlangem - durchaus alles andere als langweiligem - Nichtstun wird in nur wenigen knappen Sätzen die übereilte Abreise des Protagonisten Castorps galoppartig erzählt. Thomas Mann hält das Ende bewusst offen und wird nicht müde, die simple Durchschnittlichkeit Castorps zu betonen. Mit Faszination beobachtet Mann die Metarmorphose dieses "durchschnittlichen Menschen", der sich von einem unbedarften Sommerfrischler, das Ingenieurspatent in der Tasche zu einem Denker, Spieler und vieles mehr entwickelt. Bilden Anfangs die eher unfreiwillig sokratischen Dialoge mit seinem Vetter Joachim Ziemßen, beispielsweise über die Zeit einen Höhepunkt, so wird er später in die Intellektuellen-Debatte seiner beiden "Mentoren" Settembrini und Naphta hineingezogen. Zwischendurch tauchen immer wieder allerlei interessante Figuren auf, wobei selbst diese noch vom Autor mit Leben gefüllt werden, die es nur über ein paar wenige Zeilen in dem doch sehr umfangreichen Werk geschafft haben, wie zum Beispiel jenem theoretischen Geschäftsmann, der einen komplexen Business Plan für das Recycling von Altpapier entwickelt hat - ohne je die Absicht bekundet zu haben, den Plan in die Tat umzusetzen. Auch Castorp selbst ist voller Widersprüche und ändert oft seine Meinung, selbst seine Interessen. Nur zum Flachland verliert er am Ende jegliches Interesse, jede Bindung. Bis er am Ende gewaltsam aus der Lethargie, dem gefüllten Stumpfsinn herausgerissen wird. In diesem Sinne ist der Zauberberg sogar mehr, als nur ein Jahrhundertroman - es ist ein Blick ins innere Ich, denn ein wenig Hans Castorp steckt in jedem von uns. Beängstigend? Durchaus. Und das dürfte von Thomas Mann durchaus auch intendiert worden sein.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 6. September 2011
Thomas Manns "Zauberberg" ist eines dieser groß angelegten, zum Meisterwerk er-/verklärten Werke der deutschen Literatur, denen man als Leser - gerade wenn man noch jung und unerfahren im Umgang mit solch anspruchsvoller Prosa ist - manchmal mit einer solchen Ehrfurcht gegenübersteht, dass man sich fragt, ob man sie überhaupt bewältigen kann. Was kann denn auf einem solchen Zauberberg alles passieren und so aufregend sein, dass es einen über die fast 1000 Seiten trägt? Die Antwort hierauf ist auch nach einer "erfolgreichen" und von Begeisterung geprägten Lektüre nicht leicht zu liefern, denn dieser Roman ist sicherlich nicht "plot-orientiert" verfasst. Vielmehr handelt es sich - auch wenn diese Gattungsbezeichnung dem Buch sicherlich häufig unreflektiert übergestülpt worden ist - um einen "Zeitroman". Denn auch wenn das zweite oft mit dem "Zauberberg" in Verbindung gebrachte Genre, der "Bildungsroman", auch seinen Einschlag auf dieses Werk Manns aus dem Jahre 1924 hat, so steht doch die literarische Verhandlung des Phänomens der Zeit deutlich im Vordergrund der Geschichte um den jungen angehenden Ingenieur Hans Castorp. Schließlich treibt der Roman sein (mindestens) doppeltes Spiel mit dem uns nur vermeintlich so geläufigen Begriff der Zeit, indem er einerseits seinen jungen und intellektuell völlig unbedarften, aber sehr aufnahmefähigen und -willigen Protagonisten mit den wichtigsten politisch-ideologischen Strömungen seiner Zeit konfrontiert, und andererseits auch explizit das Thema Zeit problematisiert, etwa ganz direkt im Kapitel "Exkurs über den Zeitsinn" oder eher indirekt, indem das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit sich mal ins eine, mal ins andere Extrem verirrt, und so den siebenjährigen Aufenthalt des Hans Castorp im Sanatorium Berghof - er wollte eigentlich nur für drei Wochen seinen Bruder Joachim dort besuchen - am Ende fast wie eine logische Entwicklung, und nicht wie eine unerklärliche Aneinanderreihung von (muss man sagen glücklichen?) Zufällen erscheinen lässt.
Doch wie kann diese Auseinandersetzung mit dem Thema "Zeit" eigentlich zustande kommen? Wie funktioniert der Roman "inhaltlich"? Ich denke, dass diese Fragen bei der Entscheidung für oder gegen die Lektüre eines solch herausfordernden literarischen Werkes in jedem Falle berechtigt sind, und werde deshalb versuchen, sie meiner obigen vergröberten Analyse der grundsätzlichen thematischen Ausrichtung des Romans nachfolgend nun zu beantworten: Der Roman erzählt aus der Perspektive eines auf den Protagonisten beschränkten, aber dennoch im Duktus des Allwissenden auftretenden Erzählers die Geschichte des Aufenthalts des jungen Ingenieurs Hans Castorp, der - ganz Preuße und Protestant - vor dem Eintritt ins "tätige Berufsleben" eine dreiwöchige Stippvisite bei seinem in den Schweizer Bergen, genauer im Sanatorium Berghof einquartierten Bruder Joachim plant und durchführt. Bereits die ersten Tage dieses Aufenthalts werden ihn jedoch derart beeinflussen, dass er so schnell nicht wiederkehren wird: Verstohlen fasziniert von dem Zusammenspiel der Bergwelt, den exzentrischen Charakteren der Angestellten- und Patientenschaft und der "horizontalen", sprich sehr viel langsamer und geruhsamer als im arbeitsamen Preußen verlaufenden Lebensweise, entwickelt er schnell eine "Berghof"-Mentaltität, die ihn lange am Ort halten wird - immer unter Mithilfe der sehr undeutlichen, dafür aber immer langfristige Behandlung verlangenden Diagnosen des verschrobenen Anstaltsleiters Hofrat Behrens (zum Schießen, die altbackenen Tiraden dieses kauzigen Arztes :-D). Auf diese Weise etabliert sich der junge Mann rasch in der illustren Gesellschaft des Berghofs und sammelt dabei allerlei Erfahrungen, die ihm die großen Strömungen des Zeitgeistes des beginnenden 20. Jahrhunderts nahebringen: Er macht Erfahrungen in Liebesdingen, die in ihm Erinnerungen wachrufen, die allesamt psychoanalytisch durchdrungen sind (wobei der Freudsche Diskurs der Psychoanalyse, insbesondere durch die Auftritte des zweifelhaften Analytikers Dr. Krokowski vielfach spitzzüngig ironisiert und kritisiert wird), er übt sich nach und nach in verschiedensten Disziplinen wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens, er wird zum passionierten Wanderer, Skifahrer etc., und er wird zum Gegenstand des Widerstreits zweier Intellektueller, die die politisch-ideologischen Grundströmungen der Zeit verkörpern und um die Seele des unbescholtenen Jünglings kämpfen - bis zum bitteren Ende: Der italienische Schriftsteller, Revolutionär und Humanist Settembrini vertritt dabei die, vereinfacht gesprochen, "westliche" Kultur mit ihrem Zukunftsoptimismus und Individualismus, ihren Anleihen bei der Antike und ihrer feierlichen Priorisierung der Würde des Menschen, während der zum Katholizismus konvertierte sefardische Jude Naphta als Hardliner einer auf das Kollektive gerichteten, von mittelalterlich anmutender Geistlichkeit geprägten Moral sich dem im Osten zur erzählten Zeit des Romans heranreifenden Kommunismus zuwendet und zum düsteren Propheten der totalitären Systeme des mittleren 20. Jahrhunderts avanciert.
All diese Dinge prägen die Seele des jungen Hans Castorp, und auf dem Zauberberg lernt er so nach und nach, sich von den Fesseln der bloßen Lebensnot zu befreien und ein freies Geistesleben zu führen, dass erst nach sieben Jahren Aufenthalt im Sanatorium jäh unterbrochen wird, von einem Ereignis, das als historische Zäsur mehr als passend gewählt ist...
Für mich persönlich stellt "Der Zauberberg" ein faszinierendes Loblied auf ein freies Geistesleben abseits der hektischen Betriebsamkeit der Arbeits- und Wirtschaftswelt dar, das von so viel erzählerischer Finesse und einem solch lebhaften Geschichtsbewusstsein durchdrungen ist, dass man das Werk einfach zu den bedeutendsten seiner Art überhaupt zählen muss. Dass es dabei gelingt, mit spitzer Feder immer wieder für humoristische Momente zu sorgen, individuelle Charaktere immer lebhaft und lustig zu zeichnen und sich auf diese Weise nicht in bedeutungsvoller Schwere zu verlieren, ist bei einem solch ehrgeizig und geschichtsträchtig angelegten Roman umso bemerkenswerter. Somit ist "Der Zauberberg" ein ebenso anspruchsvolles wie ästhetisch hochwertiges Leseerlebnis, für das man sich Zeit und geistigen Freiraum nehmen muss, dass unter diesen Umständen aber zu einem Werk werden kann, dass den Blick auf unsere Zeit, auf unser Leben nach wie vor prägen und ändern kann.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 4. Oktober 2005
weil er eine neue, interessante Welt findet bei Denen da oben. Nicht nur der ehrenfeste Vetter Joachim Ziemßen, der dem halbmilitärischen Sanatoriumsbetrieb sklavisch folgt, hält ihn da oben fest, bis er die Zigarren der Marke Maria Mancini" nicht mehr von zuhause kommen lässt, sondern sich am Ort einen Stumpen namens Rütlischwur" beschafft. Nein-Nein, denn da ist noch die reizende, schmiegsame, Türen schmetternde Clawdia Chauchat, mit der ihm eine Liebesnacht verbindet, am 29. Februar, die ihm aber dennoch entgleitet. Da sind der fortschrittlich-demokratische Settembrini und sein Gegenspieler, der jüdische Jesuit Naphta, denen Castorp interessiert zuhört, bis er entdeckt, dass sie um ihn buhlen und das ihr Antrieb ist. Da ist der Chefarzt Hofrat Behrens, der angesichts der vielen Toten und der Aussichtslosigkeit seines Tuns mit Experimenten herumwerkt, sich auch mit Stumpen tröstet und als Maler dilettiert. Da sind die Conférences Dr. Krokowskis, der sich um die moderne Psychologie kümmert und immer mehr abdriftet und da sind die häufigen Zusammenkünfte im Speisesaal, die Gespräche bei Tisch und zwischen ihnen. Aber das alles lässt Hans Castorp, zufälliger, frisch gebackener Ingenieur, regelmässig hinter sich, auch wenn er dem Sanatorium zunehmend entwächst und sich in Davos tummelt, vor allem, als Settembrini auszieht und dort Quartier nimmt. Er lässt es hinter sich, um auf den bequemen Liegen, die auf dem Balkon, Loge genannt, stehen, der Liegekur nachzukommen und das Fieber zu messen wie Vetter Joachim, mit dem Thermometer, der ihm die Oberschwester von Mylendonk in einer witzigen Szene verkauft hat.

Nachdem ich an den Joseph-Romanen früh gescheitert war, war ich happy, den Zauberberg" höchst unterhaltsam zu empfinden, auch wenn Vollmann anderer Ansicht ist. Manns interne Bezüge, wo z.b. die kirgisischen Augen des Mitschüler Hippe im östlichen Gesicht Clawdias wieder auftauchen, sind witzig. Das gilt auch oft für den vorherrschenden Ton, der nicht selten die Satire streift. Es ist auch spannend und die Farbigkeit der Figuren ist blendend. Bis weit hinten im Buch lernen wir neue Figuren kennen, Figuren, die es auch hier hoch getrieben hat, in den leicht hedonistischen Betrieb im Berghof, in dem die Kranken am Abgrund leben. Andere leben extern, zum Beispiel Karen Karstedt, die Castorp karitativ betreut, mit der er und Joachim den Waldfriedhof besuchen, wo sie bald auch liegen wird, die arme, die sie indessen erstmals ernsthaft ins Dorf führte, auf die Eisbahn, wo das Kurorchester spielte, im eleganten Holzgebäude, das anfangs der Neunziger des letzten Jahrhunderts traurigerweise in Flammen aufgegangen ist.

Das schöne Hochtal von Davos, gesäumt von sonnenreflektierenden Bergen, wo sich die bleiche, hustende, kränkliche Sanatoriumswelt mit der Welt der Fünfsternhotels und den gesunden, braungebrannten Skisportlern mischt, wo blasierter Geldadel in edlem Tuch neben Skifahrern an der Bar steht, die noch die Skischuhe an den Füssen tragen - meine Beobachtung - dieses schöne Hochtal wird von Thomas Mann genau und poetisch beschrieben, die Wetter-und Lichtwechsel, der Nebel, die Kuhglocken, der kurze Sommer und der lange Winter, in dem die da oben in der Loge in pelzgefütterten Säcken der Kälte trotzen. Ich bin Jahrgang 53 und habe das noch gesehen, als Knirps, der am bitterkalten Schattenhang gegenüber skifahren lernte.

Nur das Gramofon-Kapitel weit hinten erschien mit als Hänger. Aber es ist ein Buch, das ich nochmals lesen werde, was bisher nie vorgekommen ist. Dann erschliesst sich vielleicht auch dieses.

Ein grosser Roman in jedem Sinn!
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 30. Mai 2009
Der Zauberberg ist Thomas Manns bester Roman und enthält alles, was man über die Zeit, vor allem die Zeit, Liebe und Tod, Krankheit, Medizin, Religion, Atheismus, Charaktere, Gefühle, die Psyche, Angst, Hoffnung, bodenlose Dummheit und Stolz wissen muß. Ist Trivialliteratur das, von dem man nichts lernt, dann ist der Zauberberg das, aus dem man von fast allem etwas erfährt, damit deren exakter Gegenpol. Souverän geschrieben, klassisch und ruhig im Ton, markiert der Zauberberg für viele das Ende des großen, traditionellen Romans und faßt den Stand der Diskussionen seiner Zeit zusammen. Nicht so überfrachtet und barock wie Joseph und seine Brüder, nicht ganz so dramatisch und hoffnungslos traurig gehalten wie die Buddenbrooks, ist der Zauberberg der ideale Beginn für Mann-Neulinge. Ein Roman, den man immer wieder neu und mit Begeisterung ohne auszulernen lesen kann. Mein Lieblingsbild steht, Beschreibung eines Patientenmundes - einst ein starker Mann, nun kurz vor dem Ende - als Titel dieser bescheidenen Rezension. Wer lesen kann, der lese den Zauberberg.
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am 25. Januar 2009
ja, was mir immer wieder auffält, dass die Klassiker der dt. Literatur
nur als solche angesehen werden können, da sie eine gewisse Ernsthaftigkeit und Tragik in sich bergen. Ich habe den Zauberberg zuerst alleine gelesen und war wie selbstverständlich von der Sprache Manns, die eine Komposition zu nennen würdig ist, in den Bann geschlagen. Ich erzählte einem Freund von dem Buch und wollte ihm eine kleine Kostprobe geben, und las ihm einen Auszug vor. Und da geschah es. Im Akt des Vorlesens entfaltet sich der humoreske Charakter vornehmlich Hans Castorps in ungehanter Weise. Seit dem lesen wir uns abwechselnd aus dem Zauberberg vor und kommen immer wieder über die köstlichen Beschreibungen des komischen Verhaltens und auch Formulierungsweisen der Insassen des Sanatoriums Berghof, ins herzhafte Lachen. Und dieses Buch komisch zu finden zeigt nicht, dass man es nicht verstanden hätte. Denn
dass es zum größten Teil aus tiefschürfender Materie besteht ist ebenso erbaulich und immer wieder komisch, wenn Hans Castorp von solcherlei Klugheit bezaubert ist.
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