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Kundenrezensionen

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am 11. Juli 2006
Obwohl ich Thomas Manns Werke bereits seit über 15 Jahren lese und liebe hatte ich mich bis vor kurzem um den 'Dr. Faustus' gedrückt, da dessen Reputation als verkopfter Bildungsbürgerroman ja kaum zu überbieten ist.

Nachdem ich aber Liebhaber klassischer Musik und dazu geschichtsinteressiert bin, habe ich mich schließlich zur Lektüre überwunden und war nach Anfangsschwierigkeiten äußerst angetan: Zwar ist die Einführung, die Leverkühns und Zeitbloms (des Ich-Erzählers) Jugend in Thüringen schildert trotz netter Milieuschilderungen noch etwas langatmig und gespreizt geraten - Mann-Anhänger mögen mir verzeihen.

Was aber bei der Schilderung der Lehrjahre bereits beginnt und sich im weiteren Verlauf des Buches weiter steigert und entwickelt, das sind die ausdrucksstarken und feinsinning analysierten Bezüge zur Zeitgeschichte, in denen sich dem Leser oft weniger der fiktive Erzähler Zeitblom als vielmehr Thomas Mann selbst zuwendet, um von den düsteren Erfahrungen der letzten Kriegstage und dem Untergang des 3. Reichs zu berichten.

Diese Abschnitte werden gegen Ende der Geschichte (also auch gegen Kriegsende) immer länger und intensiver, wie etwa die Schilderung der Bombardements von München und Umgebung. Für mich stellen diese fast autobiographischen Passagen neben dem komplexen aber makellosen Erzählstil Manns die eigentlichen Höhepunkte dieses Romans dar!

Weiterhin faszinierend sind die viel beschworenen Parallelen zwischen fiktivem Teufelspakt des Künstlers und realem Faschismus sowie der Untergang der jeweils 'verführten' Seite - beides meisterlich miteinander verknüpft. Dagegen sollte man bei den viel gelobten musikalischen Exkursen selbst entscheiden, ob man sie detailliert lesen - oder eher überblättern möchte: Außer für Freunde klassischer Musik und hier besonders der neuen Wiener Schule bieten sie dem Laien kaum Unterhaltsames, so beachtlich Manns Fachwissen über Schönberg und Konsorten auch ist.

Insgesamt ist dieses Buch natürlich stark kopflastig und ganz sicher nicht der richtige Einstieg für an Thomas Manns Werk interessierte Leser. In Anbetracht seiner Längen und seiner doch stark formalisierten Sprache kann ich es auch nicht uneingeschränkt empfehlen. Wer aber komplexen Schreibstil gewohnt ist und sich für Zeitgeschichte interessiert wird hier auf allerhöchstem Niveau brilliant unterhalten und lernt gleichzeitig mehr über Musik und deutsche Geschichte.
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am 16. November 2007
Doktor Faustus ist mein persönliches Lieblingswerk von Thomas Mann. War daher sehr gespannt als ich dieses Hörbuch geschenkt bekam. Ich bin nicht enttäuscht worden!

Zu aller erst muss man sagen, dass es (zum Glück!) kein reines Hörbuch ist, in dem ein Erzähler den Text einfach so runterliest. Verschiedene Sprecher und ein Erzähler führen den Hörer hörspielhaft durch das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn. Dies ist in meinen Augen eine sehr geschickte Art und Weise, die Aufmerksamkeit des Hörers aufrechtzuerhalten (dies hat sich ja zum Glück bei vielen größeren Hörbuchproduktionen halbwegs durchgesetzt, reine "Vorleseorgien" irgendwelcher Einzelsprecher sind für mich einfach nur zum einschlafen!).

Dramaturgisch halte ich die Umsetzung ebenfalls für sehr gelungen. Natürlich ist der Text gekürzt, sonst müssten es ja 30, 40 oder gar mehr CDs sein. Germanisten, die ins Detail gehen wollen, werden aber wohl sowieso zum Buch greifen, daher fällt dies für mich nicht negativ ins Gewicht.

Alles in allem eine sehr gelungene Umsetzung als Hörbuch/Hörspiel, die es hier bei Amazon zum fairen Preis/Leistungs Verhältnis gibt. Unterhaltung auf hohem Niveau, nicht nur für Thomas Mann Fans.
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Da meine "Vorredner" zum Roman selbst eigentlich alles gesagt haben, möchte ich jetzt besonders die FRANKFURTER AUSGABE dieses Buches empfehlen. Machen Sie nicht den Fehler eine Taschenbuchausgabe davon zu kaufen, das ist dem "Doktor Faustus" in keinster Weise angemessen. Von allen S.Fischer Ausgaben ist diese Serie aus den 80er Jahren noch immer die mit Abstand schönste. Zum Roman bleibt noch anzumerken, daß es sehr erstaunlich ist, daß Thomas Mann im amerikanischen Exil der 40er Jahre die oberbayerische Vorkriegsstimmung (1912-1914) so intensiv und stimmungsvoll schildern konnte. Er selbst hatte ja zu diesem Zeitpunkt Oberbayern schon über ein Jahrzehnt verlassen (müssen). Sehr, sehr lesenswert!!!
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am 8. Oktober 2010
Doktor Faustus. 22 CDs: Das Leben des Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Wenn man Thomas Mann gelesen hat, sollte man einen Versuch mit dem unvergleichlichen Gert Westphal als Vorleser wagen, es eröffnet einen neuen Zugang zu Thomas Mann. Z.B. ist mir bei der Lektüre früher nicht so deutlich aufgefallen, wie witzig TM sein kann. TM's wunderbare Sprache - einschließlich seiner spezifischen Wortschöpfungen - werden von Gert Westphal sehr eingängig und vor allem in den unterschiedlichen Rollen gelesen.
Zu empfehlen auch die Kombination von i-Pod und Hörbuch, als abendliche Unterhaltung einfach besser als Fernsehen (die Zeiten der Fußball-WM sind hiervon natürlich ausgenommen).

monsieurfuchs
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am 2. November 2013
Ich habe „Der Zauberberg“ und „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ mehrmals mit Begeisterung und großen Vergnügen gelesen, - und auch die genialen Hörbuchfassungen mit Gert Westphal genossen, - aber ich muss hier freimütig gestehen, dass ich beim Lesen des „Doktor Faustus“ mehrmals gescheitert bin – und dies obwohl ich ein großer Verehrer von Thomas Mann bin.

Thomas Mann bilanzierte 1954, dass „Doktor Faustus“ und seine Hauptgestalt, der Komponist Adrian Leverkühn, ihm von all seinen Werken und Helden am nächsten stehen und er beide am meisten liebe, selbst die Kälte und Lebensferne des Helden.
Das Buch sei „… von fast sträflicher Schonungslosigkeit, ein Lebensbuch eine sonderbare Art von übertragener Autobiographie.“
Thomas Mann sieht in seinem Roman drei Zeitebenen
• die erste, in der der Chronist Adrians, Serenius Zeitblom, die Geschichte seines Freundes aufschreibt,
• die zweite umfasst das Leben und Sterben Adrians,
• und die dritte ist die, in der der Leser, das Buch liest.

Im Frühjahr 1943 begann Thomas Mann im kalifornischen Exil die exemplarische Künstlerbiografie, in der kunstphilosophische, musiktheoretischer Betrachtungen und eine Analyse der inneren Befindlichkeit der Deutschen zu Beginn des 20. Jahrhundert vorgestellt werden.

Der Chronist, der pensionierten Lehrer Dr. phil. Serenius Zeitblom, schreibt in der Zeit des Infernos des Bombenkrieges 1943 über Adrian Leverkühn, seinen Freund seit Kindheitstagen, der 1930 in geistiger Umnachtung stirbt.
Thomas Mann bekennt sich zu den deutlichen Anleihen an der Biografie Friedrich Nietzsches, aber auch zu Zitaten aus den musiktheoretischen Schriften Adornos und Schönbergs.

Das zentralen Teufelsgespräch (25. Kap.), ein fantastischer, Dostojewski verpflichtetem Dialog, zeigt die Inspiration als dämonischer Quelle künstlerisch schöpferischer Genialität.
»Der Künstler ist der Bruder des Verbrechers« (Thomas Mann)

Nun also das Hörspiel des Hörverlages München, das der Hessischer und der Bayerischer Rundfunk 2007 in Zusammenarbeit mit der Akademie des „Internationalen Ensemble Modern“ produziert haben.
Selbst bei einer Spieldauer von 774 Minuten (13 Stunden!) kann der Roman dem Hörer nur in einer gekürzten Fassung angeboten werden.

Die Bearbeitung von Leonhard Koppelmann, Hermann Kretschmar und Manfred Hess kann man insgesamt nur als außergewöhnlich gelungen bezeichnen.
Hermann Kretschmar, geboren 1958 und PIANIST des „Ensemble Modern“, zeichnet auch als Komponist für die Musik der Hörspielfassung verantwortlich.
Welch eine geniale Idee und welch spannende musikalische Lösungen findet er !
Man höre nur als Beispiel die Passage, in denen Wendell Kretzschmar, ein Mann mit einem „besonders schwer und exemplarisch ausgebildetem Stottern“, die Beethovens Klaviersonate Opus 111 interpretiert und dazu singt - „ „Lie-besleid“ „Leb - mir wohl“. Das ist gleichermaßen berührend und lustig.

Der anspruchsvolle Text Manns wird durch die Musik und die Vielzahl exellenter Sprecher (Serenius Zeitblom: Hans Zischler, Adrian Leverkühn: Werner Wölbern, in anderen Rollen u.a. Ulrich Noethen, Michael Habeck, Matthias Habich) für den Hörer hervorragend strukturiert und ist damit wesentlich leichter zu erfassen.
Ebenso wie die Hörspielfassung von "Der Zauberberg" nicht nur für Kenner Thomas Manns, sondern auch für anspruchsvollen Neulingen, ein absoluter Hörgenuß - auch beim zweiten oder dritten Hören!
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am 10. November 2010
Es ist 1943. Vor dem akustischen Hintergrund der Kriegsnachrichten und dem Heulen der Bombardements teilt Serenus Zeitblom, ein emeritierter Gymnasiallehrer aus Freising in Oberbayern, dem Hörer mit, dass er im Begriff ist, die Niederschrift der Lebensgeschichte seines langjährigen Freundes Adrian Leverkühn anzufangen. So beginnt dieses Hörspiel über einen talentierten Komponisten, der den üblichen Deal mit dem Teufel geschlossen haben soll.
Der Erzähler breitet vor uns in der Mann-spezifischen distinguierten Sprache das Panorama Adrians Lebens: die Kindheit auf dem Land im ausgehenden 19. Jahrhundert, die Jugend in der Provinz, Studienjahre, Münchens Boheme-Kreise vor dem 1. Weltkrieg, die labile Nachkriegszeit. Der plastische Erzählfries mit vielen zeittypischen Charakteren - vor allem aus dem intellektuellen Milieu - vermittelt dem Hörer einen vitalen Eindruck über die geistige Färbung jener Epoche. Das eigentliche Leitmotiv des Werks ist jedoch die Kunst und Kultur als Inspirationsquellen des Lebens. Es ist ein Labsal für den Geist den sorgfältig komponierten Diskussionen, Gedanken und kulturhistorischen Exkursen Thomas Manns zu folgen. Darüber hinaus entbehrt das Werk mitnichten der herkömmlichen belletristischen Vorzüge wie Spannung und Unterhaltsamkeit. Betörend wirkt die düster-mystische Grundstimmung des Romans, die der Autor, ohne ins Kitschige abzugleiten, während des gesamten Handlungsverlaufs aufrechterhält.
Ein Riesenkompliment an das Produktionsteam, das Hörspiel ist eine sehr vorteilhaft akustisch ausgeleuchtete Version der Romanvorlage. Die von Hermann Kretzschmar speziell für das Stück komponierte wundervolle Musik akzentuiert einfallsreich die Wirkung des Textinhalts. Die Vortragsweise der Schauspieler ist sehr nuanciert, wobei ihre Stimmen ausnahmslos markant und unverwechselbar sind, was für das Erfassen eines Hörspiels - wie ein routinierter Hörer weißt - essenziell ist. Angesichts des Schreibstils Thomas Manns, bei dem die Subjekt-Verb-Zuordnung in einem Satz schon mal zu Herausforderung werden kann, sowie aufgrund der erwähnten ästhetischen Feinheiten ist das Stück weniger zum Hören im Auto geeignet. Nehmen Sie sich dafür extra Zeit und Ruhe. Bei günstigen Rezeptionsbedingungen jedoch ist die Wahrscheinlichkeit eines transzendentalen Entschwebens nicht gering.
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am 27. Mai 2012
Der pensionierte Lehrer Dr. phil. Serenus Zeitblom schreibt im Mai 1943 die Lebensgeschichte seines Jugendfreundes Adrian Leverkühn nieder. Zeitblom und der zwei Jahre jüngere Leverkühn besuchen gemeinsam das Gymnasium und studieren zeitgleich an den Universitäten in Jena, Gießen, Leipzig und Halle, Leverkühn Theologie und Zeitblom Klassische Philologie. Sie verlieren sich aus den Augen und Zeitblom verfolgt aus der Ferne die Entwicklung seines Jugendfreundes zum genialen Komponisten. Spätere Lebensstationen führen die beiden zusammen und trennen sie wieder. Doch Zeitblom hält den Kontakt zu Leverkühn bis zu dessen Zusammenbruch und seinem Tod im Jahr 1941.

Thomas Mann nimmt in seinem Spätwerk Bezug auf die "Historia von Dr. Johann Fausten" des Buchdruckers Johann Spiess von 1587. Dieses Volksbuch, dem die legendenumrankte Geschichte des wandernden Wunderheilers Johann Georg Faust (etwa 1480 bis 1540) zugrunde liegt, inspirierte bereits Johann Wolfgang Goethe 1808 zu seinem Drama "Faust".

Die Lebensgeschichte seines Helden Leverkühn lehnt Thomas Mann an die Biographien des Philosophen Friedrich Nietzsche und des Komponisten Hugo Wolf an, die sich beide mit Syphilis infizierten und als Krankheitsfolge eine manische Entfesselung ihrer künstlerischen Produktivität bis zum Zusammenbruch erlebten.

Anders als Goethe, der keinen Zweifel daran lässt, dass die Ereignisse sich wirklich zugetragen haben, lässt Mann den Leser im Unklaren, ob Leverkühn tatsächlich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat. Das Gespräch mit dem Leibhaftigen, in dem Leverkühn seine Seele verkauft, wird von ihm selbst wiedergegeben und von seinem treuen Chronisten Zeitblom schriftlich festgehalten. Zeugen für diese Begegnung gibt es keine. Die genialischen Höhenflüge des Komponisten können so auch als Spätfolgen der Syphilis gedeutet werden, die sich Leverkühn als junger Mann beim Besuch eines Bordells und der einzigen geschlechtlichen Vereinigung seines Lebens zugezogen hat.

Manns Alterswerk ist Bildungs-, Musik-, Gesellschafts- und Künstlerroman in einem. Mit seiner modernen Montagetechnik arbeitet Mann theologische Diskurse, philosophische Abschweifungen, Arnold Schönbergs Kompositionslehre über die Zwölftonmusik und Theodor Adornos Musiktheorie in seinen Roman ein. Darüberhinaus ist "Doktor Faustus" auch als Kommentar zur poltischen Entwicklung Deutschlands von den Dreißigerjahren bis zum Zusammenbruch des dritten Reiches 1945 zu verstehen.

Zentral ist im Doktor Faustus" die Frage, ob und wie der Künstler sich in die Gesellschaft integrieren kann. Tonio Kröger im gleichnamigen Roman Manns findet seinen Platz in der Gesellschaft, während Adrian Leverkühn nur außerhalb der Bindungen, die ein gesellschaftliches Leben mit sich bringt, existieren kann. Liebe und Freundschaft sind ihm verwehrt. Nach dem qualvollen Tod seines über alles geliebten Neffen Echo, der an einer Hirnhautentzündung erkrankt, schafft Leverkühn sein expressives und verstörendes Meisterwerk, die symphonische Kantate "Dr. Fausti Weheklag". Verlust und Trauer stürzen ihn in einen künstlerischen Rausch, eine Reaktion, die seine Mitmenschen nicht nachvollziehen können. Mit seiner großen Lebensbeichte vor den Menschen, die ihn über viele Jahre begleitet haben, kappt Leverkühn die letzten Verbindungen zur menschlichen Gesellschaft und bricht zusammen.

Der Chronist Zeitblom tut sich schwer, die unglaubliche Lebensgeschichte seines Jugendfreundes zu berichten. Er windet sich, kommt nicht auf den Punkt, rettet sich in ellenlange Sätze, zu furchtbar ist, was zu erzählen er sich verpflichtet fühlt. Auch wer Thomas Manns gestelzte Sprache und seinen ausufernden Stil nicht schätzt, sollte sich nicht abschrecken lassen, diesen Roman zu lesen. Hier harmonieren Manns sprachlichen Eigenarten perfekt mit dem Erzählten.

"Doktor Faustus" ist bei allem einschüchternden bildungsbürgerlichen Hintergrund vor allem ein wirklich spannendender Roman über ein genialisches Künstlerleben und eine Wiederentdeckung wert.
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am 1. Mai 2005
"Ja ... wir sind verloren. Will sagen: der Krieg ist verloren, aber das bedeutet mehr als einen verlorenen Feldzug, es bedeutet tatsächlich, daß *wir* verloren sind, verloren usere Sache und Seele, unser Glaube und unsere Geschichte. Es ist aus mit Deutschland, ... ein unnennnbarer Zusammenbruch, ökonomisch, politisch, moralisch und geistig, kurz allumfassend, zeichnet sich ab, - ich will es nicht gewünscht haben, ws droht, denn es ist die Verzweiflung, ist der Wahnsinn."
So fasst der Erzähler von Thomas Manns letztem vollendetem und, meiner Meinung nach, bedeutendstem Roman das Schicksal Deutschlands nach dem Ende der national-sozialistischen Barbarei zusammen. Aber es ist nicht nur eine Romanfigur, die da spricht: Dies ist Mann selber; er, der sich einst selbst als "Unpolitischen" bezeichnete und der, dazu verdammt, den Terror aus der Ferne seines kalifornischen Exils zu beobachten, noch einmal zu der mächtigen Feder griff, die ihm einen Literatur-Nobelpreis eingebracht hatte, und durch einen gewissen Dr. Serenus Zeitbloom (der Name selbst tief-ironischer Kommentar auf Manns eigene Lebensumstände) das Land zur Rechenschaft zog, in welchem er auch nach seiner Rückkehr nach Europa (1952) eine Heimat nicht mehr suchte.
Ausweislich seiner Tagebücher hatte Mann bereits 1904 die Idee, anhand der Versuchung eines genial begabten Musikers (und damit einer Abwandlung des urdeutschen Faust-Themas) die Korruption der Kunst durch das Böse darzustellen. Nachdem er mit angesehen hatte, wie ganz Deutschland den Verführungen Hitlers und seiner Henkertruppe verfiel - auch das Bildungsbürgertum, jener selbsternannte Wächter des deutschen Kulturgutes, um dessen Anerkennung der nicht universitätsgebildete, dunkelhaarige Kaufmannssohn Zeit seines Lebens ringen musste, so gut sich seine Bücher auch verkauften - lag es nur nahe, den vierzig Jahre zuvor entwickelten Gedanken wieder aufzugeifen, der zwischenzeitlich weitere Nahrung durch die Exil-Bekanntschaft mit Arnold Schönberg gefunden hatte (dessen Zwölfton-Kompositionslehre diejenige der tragischen Hauptfigur des Romans, des Komponisten Adrian Leverkühn wurde), sowie durch Friedrich Nietzsche, an dessen Gedankengut und persönlichem Schicksal Mann großen Anteil nahm. Sowohl philosophisch als auch musiktheoretisch zeigt sich desweiteren der Einfluss Theodor Adornos, mit dem Mann ein eingehender Briefwechsel verband.
Polyphone Musiktheorie also mit dem Untergang des humanistischen Gedankenguts, dem Aufstieg des Faschismus und der unheilvollen Macht der schwarzen Magie verbindend (und damit anknüpfend an Manns frühere Behandlung dieser und ähnlicher Themenkreise im "Zauberberg" und, sehr pointiert, beispielsweise auch in der Erzählung "Mario und der Zauberer") ist "Doktor Faustus" demnach gleichzeitig Kommentar auf die politischen Entwicklungen der Zeit, Warnung, und Auseinandersetzung mit Deutschlands hochfliegendem, und doch scheinbar so angreifbarem philosophisch-moralisch-geistigem Horizont - und auch, wiewohl meisterhaft konstruiert, ein Aufschrei der Verzweiflung im Angesichte blanken Wahnsinns. Denn bei aller Fülle seiner Bezüge zur deutschen (und mitteleuropäischen) Kulturgeschichte, von der mittelalterlichen Faust-Sage bis hin zu Goethe, Webers "Freischütz", Martin Luther, dem Protestantismus, und Sachsen und Thüringen als des geographischen wie auch kulturellen Herz Deutschlands, ist zentraler Punkt des Romans doch die Parallele zwischen dem Schicksal Deutschlands und demjenigen Leverkühns, die nach Vollendung ihres Pakts mit dem Teufel gleichermaßen in Ruin und Stumpfsinn, in der Erstarrung tiefer geistiger Umnachtung versinken.
Anders als Goethe, der die Versuchung seines Faust an den Anfang seiner Tragödie stellt und keinen Zweifel über die physische Realität des Ereignisses aufkommen lässt, hebt Mann Leverkühns Verführung auch erzähltechnisch auf die Ebene der Allegorie und des bloß Vorgestellten, indem er das Geschehen in zwei Teile zerlegt, deren gemeinsame Wirkung erst im Schlussteil des Romans ihre volle Bedeutung entfaltet. Bei keinem dieser beiden Schlüsselereignisse ist Zeitbloom, der "eigentliche" Erzähler anwesend; für die Glaubhaftigkeit beider sind wir deshalb ausschließlich auf Leverkühns eigenes Wort angewiesen. Und doch deutet bereits der erste Bericht - ein Brief, in dem der angehende Komponist beschreibt, wie er von einem gerissenen Führer in ein Freudenhaus geschleppt wurde und dort den Verführungskünsten einer Prostituierten erlag - all' das Üble an, was noch bevorsteht; nicht zuletzt die Geschlechtskrankheit, die schon bald als äußere Ursache von Leverkühns Wahnsinn hervortreten wird; und so endet der Brief denn auch nicht nur mit der Anweisung Leverkühns, diesen sofort zu vernichten, sondern beinhaltet auch den Ausruf, "Amen hiermit und betet für mich!"
Viel später im Verlauf der Erzählung - wiewohl andeutend, dass das Schriftstück selbst bereits zu einem früheren Zeitpunkt verfasst wurde, und es dadurch auf eine weitere (nun auch zeitliche) Abstraktions-Ebene hebend - führt Mann schließlich Leverkühns Niederschrift seiner Teufelsbegegnung ein; eine traumhafte Sequenz, in der der Verwandlungskünstler Sammael in Worten, denen das Echo Goethes und gar mittelalterlicher Redewendungen nachklingt, Leverkühn nichts weniger verspricht als den "Wandel eines Gottes": bei seinem Namen werde "eine ganze Horde und Generation empfänglich-kerngesunder Buben" schwören, "die dank [seiner] Tollheit es nicht mehr nötig haben, toll zu sein"; und sein Name werde ewig weiterleben. Und doch haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits Leverkühn seine Zwölfton-Musik erklären gehört; haben mitangehört, wie er Zeitblooms Frage nach der freiheitsberaubenden Strenge seines Konzepts mit den Worten "gebunden durch selbstbereiteten Ordnungszwang, also frei" abzutun versuchte und sodann in einem hochsymbolhaften Dialog auf eine weitere, der zufallshaften Bildung harmonischer Klänge geltenden Frage seines Freundes auf die würdeerhaltende Kraft der kompositorischen Konstellation als solcher verwies - womit er, wie Zeitbloom folgerichtig sogleich anmerkt, natürlich unmittelbar auf Konzepte der schwarzen Magie Bezug nimmt, und so in Verbindung mit dem musikalischen sowie dem politischen Thema der Unterhaltung erneut den sich bereits in seinem Wesen breitmachenden Einfluss des Irrationalen und Teuflischen zu erkennen gibt, weit vor dem Zeitpunkt, zu dem der Leser endlich von seinem Zusammentreffen mit Satan (oder Sammael) erfährt.
Zweifelsohne eines von Manns persönlichsten Werken, ist "Doktor Faustus" sicher auch eines seiner komplexesten; und wenn auch keines seiner Bücher sich nun unbedingt zur Strandlektüre eignet, so sind doch die ironischen "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", die beinahe humoristische "Königliche Hoheit" und selbst die "Buddenbrooks" nicht mehr als leichtes Florett im Vergleich zu der hier blank gezogenen Degenklinge des gereiften, meisterhaften Erzählers. Anspruchsvollstes Gut mit Sicherheit - aber auch im höchsten Maße empfehlenswert!
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am 18. August 2006
ich habe den faustus inzwischen drei mal gelesen und entdeckte immer noch etwas neues. das erste mal - ich gebe es zu - war harte arbeit. hier schreibt der alte thomas mann, der gereifte, vergeistigte, das fühlt man in jeder zeile, noch mehr, wenn man nur unwesentliche musikalische kenntnisse hat. dennoch habe ich bereits bei der ersten lektüre so viel gelernt, wie durch die 20-30 sogenannten bestseller nicht, die ich davor gelesen habe, und immer wieder dachte ich: DAS ist literatur! noch viel mehr denke ich das nun, nachdem ich das buch zum dritten mal beseite lege und mir noch immer unsicher bin, ob ich alles tatsächlich verstanden habe. vielleicht ist das bei einem solchen werk gar nicht bis ins letzte möglich. vielleicht ist es das ziel eines solchen buches, zum nachdenken anzuregen, einem nachdenken, das nicht so schnell wieder nachlässt, und mit anderen, mit ganz neuen augen auf die welt zu blicken. nicht für jedermann geeignet, wohl aber für die erkenntniswilligen.
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Kein anderer Text Thomas Manns ist derart kontrovers diskutiert worden wie "Doktor Faustus". Selbst heute, Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung, stellt Manns Neubearbeitung des alten Faust-Stoffes noch eine Herausforderung dar - sowohl für den Leser als auch für die literarische Forschung. Vor dem Hintergrund der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und des zerfallenden Nazi-Deutschlands lässt Mann seinen Erzähler Serenus Zeitblom vom Leben des Komponisten Adrian Leverkühn berichten: von der frühen Syphilis-Erkrankung, dem Pakt mit dem Teufel, den großen kompositorischen Erfolgen, von einem Leben ohne Liebe und dem Ende in geistiger Umnachtung. Unter Verwendung einer virtuosen Montagetechnik baut Mann zahlreiche philosophische und kulturtheoretische Ansätze des frühen 20. Jahrhunderts in seinen Großroman ein, so etwa die Zwölftonmusik Schönbergs und deren Analyse durch Theodor W. Adorno. "Doktor Faustus" ist zugleich ein Künstler- und ein Epochenroman, eine epische Parabel von der Verstrickung des Genies in die Katastrophe des Nationalsozialismus.
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