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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Interessante Ideen
Richard Dawkins bereits 1982 erschienenes Werk - der Autor meint, dass er auf dieses Buch besonders stolz sei, da es einen eigenständigen Beitrag sowohl zur Philosophie als auch zur Biologie darstelle - ist nun endlich auch in deutscher Sprache erhältlich - wenn auch zu einem für 300 Seiten reichlich stolzen Preis.

In den ersten zwei Dritteln des...
Veröffentlicht am 25. Oktober 2010 von karin1910

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2.0 von 5 Sternen Präzisierung der Theorie der egoistischen Gene
In diesem sich eher an Fachleute richtenden und in der deutschen Fassung ein wenig überteuerten Buch versucht Richard Dawkins seine in Das egoistische Gen vorgestellte Theorie der egoistischen Gene zu präzisieren. In der Einführung macht er deutlich, dass es sich bei dem von ihm präsentierten Weltbild um eine spezielle Sicht auf die Evolution des...
Veröffentlicht am 3. November 2010 von Lulu


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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Interessante Ideen, 25. Oktober 2010
Von 
karin1910 - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der erweiterte Phänotyp: Der lange Arm der Gene (Gebundene Ausgabe)
Richard Dawkins bereits 1982 erschienenes Werk - der Autor meint, dass er auf dieses Buch besonders stolz sei, da es einen eigenständigen Beitrag sowohl zur Philosophie als auch zur Biologie darstelle - ist nun endlich auch in deutscher Sprache erhältlich - wenn auch zu einem für 300 Seiten reichlich stolzen Preis.

In den ersten zwei Dritteln des Buches behandelt Dawkins verschiedene Fragestellungen der biologischen Forschung und versucht zu zeigen, dass mit dem Konzept der Auslese auf der Ebene der Gene (Stichwort "egoistisches Gen") viele Phänomene besser erklärt werden können als durch die Auslese auf der Ebene des Organismus.
Auch geht er hier auf Kritik an seinen vorherigen Veröffentlichungen ein und klärt Missverständnisse auf.
Anschließend wird die Idee des erweiterten Phänotyps eingeführt. Der Autor erklärt, dass die Auswirkungen der Gene eines Lebewesens nicht auf einen individuellen Körper beschränkt sind, sondern darüber hinausreichen. Als Beispiele werden etwa tierische Artefakte (wie Vogelnester oder die Dämme der Biber) oder die Art, wie Parasiten ihren Wirt beeinflussen, genannt. Hier wird auf relativ wenigen Seiten eine Vielzahl interessanter Themen angesprochen, teilweise hätte ich mir dabei aber eine etwas ausführlichere Darstellung gewünscht.
In einem letzten Kapitel geht Dawkins doch wieder auf die Einzelorganismen ein und überlegt, aus welchen Gründen Gene sich zu deren Aufbau zusammenschließen.

Richard Dawkins schreibt im Vorwort, dass sich dieses Buch vor allem an Fachleute richtet. Es ist aber auch für Laien mit gewissen Vorkenntnissen großteils gut verständlich.
Auch wenn einige der hier vertretenen Thesen noch immer umstritten sind, enthält dieses Werk eine Reihe von spannenden Ideen und entwirft eine interessante Sichtweise auf die Welt des Lebendigen.
Ich kann dieses Buch daher allen, die sich für das Thema interessieren und eine gewisse wissenschaftliche Ausdrucksweise nicht scheuen, nur empfehlen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Präzisierung der Theorie der egoistischen Gene, 3. November 2010
Von 
Lulu "Penny" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der erweiterte Phänotyp: Der lange Arm der Gene (Gebundene Ausgabe)
In diesem sich eher an Fachleute richtenden und in der deutschen Fassung ein wenig überteuerten Buch versucht Richard Dawkins seine in Das egoistische Gen vorgestellte Theorie der egoistischen Gene zu präzisieren. In der Einführung macht er deutlich, dass es sich bei dem von ihm präsentierten Weltbild um eine spezielle Sicht auf die Evolution des Lebens handelt, die man nicht zwingend teilen muss, für die aber nach seiner Meinung sehr Vieles spricht. Dies ist zunächst einmal eine vorbildliche Herangehensweise.

Das Buch ist sehr gut geschrieben und vermittelt einen wesentlich tieferen Einblick in die Theorie der egoistischen Gene, als es das eher populärwissenschaftlich gehaltene Hauptwerk Dawkins' noch tat.

Gleich zu Beginn erfährt man, worin der Hauptunterschied zwischen der herkömmlichen biologischen Sichtweise und der des Autors besteht (S. 4): "Für uns bedeutet 'Konflikt' normalerweise Streit zwischen Organismen, von denen jeder einzelne bestrebt ist, seine eigene individuelle 'Fitness' zu verbessern. (...) Ich setze mich dagegen für die folgende These ein: Man kann zu Recht behaupten, dass Anpassung einen Nutzen für etwas hat; aber man sollte in diesem 'Irgendetwas' besser nicht einen Einzelorganismus sehen, sondern vielmehr eine kleinere Einheit, die ich als aktiven Keimbahn-Replikator bezeichne."

Dabei wird deutlich, dass Dawkins evolutionstheoretisch in Replikatoren denkt (S. 88f.): "Ich definiere einen Replikator als etwas im Universum, von dem Kopien hergestellt werden. (...) Replikatoren können in zwei Klassen eingeteilt werden. Sie können 'aktiv' oder 'passiv' sein (...). Ein aktiver Replikator ist jeder Replikator, dessen Wesen irgendeinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit hat, kopiert zu werden."

In den anschließenden Erläuterungen erfährt man, dass auch Richard Dawkins Publikationen zu den aktiven Replikatoren gezählt werden müssen, da von ihnen Kopien hergestellt werden, und zwar aufgrund ihres "Wesens" mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit, als wenn ich mich einmal schriftstellerisch versucht hätte.

Wie auch immer: Die Replikatoren, um die es Dawkins hauptsächlich geht, sind die Gene (die "aktiven Keimbahn-Replikatoren") und die Meme, hinter denen er neuronale Gehirnzustände vermutet. Evolution geschieht also in der Vorstellung Richard Dawkins' zum "Nutzen" aktiver Replikatoren.

Dies ist kaum haltbar. Beispielsweise ist eine Honigbienen-Jungkönigin (bei einem Königinnen-Wechsel) mit den bei ihr verbliebenen Arbeiterinnen zunächst nur relativ schwach verwandt (es handelt sich um Halbschwestern). Ihre Nachkommen, die die bisherigen Arbeiterinnen sukzessive ersetzen werden, sind mit den Alt-Arbeiterinnen aber fast überhaupt nicht mehr verwandt. Das steht in klarem Widerspruch zu Kernannahmen von Dawkins' Theorie der egoistischen Gene.

Und dies ist biologistisch und teleologisch zugleich. Biologistisch deshalb, weil es zwar durchaus zutreffend sein mag, dass Vorformen des Lebens ihr Dasein auf der Erde zunächst als Replikatoren fristeten, die kaum etwas anderes taten, als die in ihnen vorhandene Information zu konservieren und zu vervielfältigen (mit anderen Worten: Information und Speichermedium bildeten noch eine Einheit), man aber deshalb noch lange nicht annehmen muss, dass auch alle höheren Formen der evolutionären Informationsgewinnung vom Wesen her auf diese Weise funktionieren. Hier wird meiner Meinung nach zu leichtfertig ein biologisches Modell auf nichtbiologische Phänomene übertragen, ohne dass dazu eine Notwendigkeit besteht. Auch merkt man der Sichtweise an, dass sie noch aus der Vor-Computer-Ära stammt. Denn wenn ich beispielsweise eine Amazon-Rezension verfasse, dann liegt der Text wohl zunächst auf den Festplatten irgendwelcher Amazon-Server. Zusätzlich speichere ich ihn meist selbst noch einmal ab. Es besteht nun aber überhaupt keine Veranlassung dazu, sich die Rezension oder gar die speichernden Festplatten als Replikatoren vorzustellen. Denn im Grunde handelt es sich bei der Rezension um nichts anderes als um eine Information, die auf irgendwelchen Speichermedien in symbolischer Form vorgehalten wird, und von Menschen gefunden, interpretiert und gedacht werden kann (siehe z. B. Über die Natur der Dinge).

Teleologisch ist die Vorstellung (zumindest partiell), da sie annimmt, Anpassung und damit Evolution geschehe zum Nutzen irgendwelcher Replikatoren. Andere Autoren machten demgegenüber deutlich, dass Evolution ein informations- bzw. kompetenzgewinnender Prozess ist, der sich aufgrund des auf der Erde vorherrschenden Energieüberschusses schlicht und ergreifend ereignet, sozusagen als Umkehrung des Prozesses, den der 2. Hauptsatz der Thermodynamik für abgeschlossene Systeme beschreibt. Dazu ist zwar erforderlich, dass die Information tradiert und verändert werden kann, wozu auf der untersten biologischen Ebene die DNA dient, doch dies muss keineswegs zum Nutzen eben jener DNA geschehen, die gemäß Dawkins dann irgendwann auch noch damit begann, Überlebensbehälter (d.h. Lebewesen) zwecks Nutzenoptimierung um sich herum zu bauen. Spätestens hier fühlte ich mich in das Reich der Science Fiction versetzt.

Durchaus interessant - aber keineswegs überzeugend - fand ich die Überlegungen zum erweiterten Phänotyp, wie sie im letzten Drittel des Buchs vorgetragen werden. Es geht hierbei um die Kapitel
11. Die genetische Evolution tierischer Artefakte (S. 209)
12. Wirtsphänotypen von Parasitengenen (S. 223)
13. Wirkung auf Distanz (S. 243),
bei denen es sich gemäß Dawkins um den eigentlichen Kern seines Werks handelt. Und in der Tat bekommt man in den Kapiteln höchst erstaunliche Dinge zu lesen, z. B. (212): "Wenn wir akzeptieren, dass es Gene für das Bauverhalten gibt, dann folgt aus den geltenden terminologischen Regeln, dass das Artefakt selbst als Teil des phänotypischen Audrucks im Tier behandelt werden sollte."

Mit anderen Worten: Baut ein Tier sein Haus aufgrund seiner Gene mit vorwiegend dunklen Steinen, dann ist das Haus aus genetischen Gründen dunkel. Oder in Richard Dawkins' Worten (212):

"Die Steine befinden sich außerhalb des Körpers dieses Organismus, aber gemäß der Logik handelt es sich bei einem solchen Gen in identischer Weise um ein Gen 'für' Hausfarbe, wie unser hypothetisches Gen B ein Gen für die Hautfarbe ist. B wiederum ist tatsächlich ein Gen für Hautfarbe, selbst wenn es durch Vermittlung eines sonneliebenden Verhaltens wirkte, und zwar in genauso strengem Sinn wie ein Gen für Albinismus ein Gen für Hautfarbe genannt wird. Alle drei Fälle folgen derselben Logik."

Nun ist es also endlich raus: Der King of Pop war ein Weißer, und zwar aus genetischen Gründen.

Dawkins resümiert (213): "Aus der Perspektive dieses Buches kann ein tierisches Artefakt wie jedes andere phänotypische Ergebnis, dessen Vielfalt durch ein Gen beeinflusst wird, als ein phänotypisches Mittel betrachtet werden, mit dem sich das Gen möglicherweise selbst in die nächste Generation hebelt." Die Systemische Evolutionstheorie würde dazu deutlich einfacher sagen: "Tierische Artefakte sind ein Mittel zur Bewahrung oder Erweiterung der Lebensraumkompetenzen bzw. ggf. ein Teil dieser Kompetenzen."

Im weiteren Verlauf des Buches wird das Konzept auf von mehreren Individuen erstellte Artefakte wie Biberdämme oder Termitenhügel ausgeweitet (214): "Es genügt, wenn wir zugeben, dass sich Biberdämme durch darwinistische natürliche Auslese entwickelt haben, woraus folgt, dass Dämme sich durch genetische Steuerung unterschieden haben (...)." Und zu den Termiten (217): "Der Hügel als Ganzes wird zum erweiterten phänotypischen Ausdruck der Gene des Königspaars. Dieser phänotypische Ausdruck manifestiert sich über das Verhalten einiger Millionen von Arbeitstieren, von denen jedes einen unterschiedlichen diploiden Satz dieser Gene enthält."

Zur Frage, wie Millionen Arbeitstiere trotz denkbarer Gen-Abweichungen letztlich zu gemeinsamen Entscheidungen und damit zu einem einheitlichen Bauwerk kommen können, verweist Dawkins auf die bei den Honigbienen beobachteten demokratischen Entscheidungsprozesse, die zum Beispiel in Die Intelligenz des Schwarms näher beschrieben werden. Ob dies nun stimmt, spielt im Grunde keine Rolle, da alle Ausführungen ohnehin im höchsten Maße spekulativ sind, wie Dawkins selbst konstatiert (221): "Leider mussten viele Aussagen dieses Kapitels zwangsläufig hypothetisch bleiben."

Wirklich überzeugen konnte mich Dawkins' Gen-Zentrismus (und Biologismus) nicht, zumal zu solchen Themen längst modernere Literatur vorliegt, die sich mit übergreifenderen Fragestellungen beschäftigt, z. B. was aus evolutionstheoretischer Sicht ein Unternehmen wie Nokia ist, wie deren Artefakte (Nokia-Handy) einzuordnen sind, und was man sich unter einem Markt vorzustellen hat.

Für Dawkins-Fans dürfte das Buch ein Muss sein. Für solche Leser kann ich es - abgesehen vom viel zu hohen Preis - auch durchaus empfehlen (ein Stern Abzug deswegen). Auf der anderen Seite wird darin ein evolutionstheoretisches Modell vorgestellt, das mir nicht tragfähig genug erscheint.
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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was lange währt..., 17. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Der erweiterte Phänotyp: Der lange Arm der Gene (Gebundene Ausgabe)
Dawkins schreibt, dass er dieses Buch für seinen besten Beitrag zum Thema Evolution hält und wenn der Leser nur eines seiner Bücher lesen sollte, dann dieses. Auch in der erweiterten Jubiläumsausgabe seines Bestsellers Das egoistische Gen meint er im Anhang, dass an diesem Punkt Der erweiterte Phänotyp die bessere Lektüre wäre.
Nun liegt dieses Werk endlich in deutscher Sprache vor. Zwar wird mit einem gewissen Recht moniert, dass der Preis (un)ziemlich hoch ist - wenn man aber bedenkt, was man sonst für 35 erhält, relativiert sich die Klage. Immerhin bekommt man ein Buch mit festem Einband und echter Fadenheftung, das ist auch in dieser Preisklasse keine Selbstverständlichkeit mehr. Und auch von Inhalt her kommt man auf seine Kosten, selbst wenn man dann und wann einen Blick ins Glossar werfen muss, sofern man nicht vom Fach ist.
In den ersten Kapiteln setzt sich Dawkins mit der Kritik auseinander, die ihm nach der Veröffentlichung des Vorgängerbandes entgegengebracht wurde. Nach dieser Lektüre ist man in der Lage, solche ungerechtfertigten Äußerungen, wie sie von Leuten wie Joachim Meisner oder Thilo Sarrazin vorgebracht werden, argumentativ auf sicherem Boden zu begegnen. Außerdem erfährt man, wie bei Dawkins' Werken üblich, eine Fülle interessanter Einzelheiten aus evolutionsbiologischer Diskussion und Forschung.
Mir ist z. B. erst durch dieses Buch klar geworden, was es mit egoistischer DNA auf sich hat, oder welche Implikationen mit Outlaw-Genen und Modifikatoren verbunden sind
Die Sichtweise, die Dawkins in den Kapiteln 10 bis 13 darlegt, unterstützt die Theorie, für die schon Das egoistische Gen plädiert und erweitert sie noch insofern, als sie die Grenzen der phänotypischen Wirkungen von Genen nicht beim Individuum setzt, von dem sie ausgehen. Die Wirkungen können sich sogar in anderen Genomen bemerkbar machen. Das erzeugt oft Konflikte, kann aber auch harmonisch ablaufen (Dawkins würde das wahrscheinlich umgekehrt formulieren).
Die Pointe des letzten Kapitels ist eine Rückbesinnung auf Wert und Funktion des Individuums für die Gene. Wer immer sich für das Thema Evolutionsbiologie interessiert, wird an diesem Buch seine Freude haben. Für dessen Aktualität spricht, dass Autoren wie Williams, Pinker oder Dennett sich in ihren Werken darauf beziehen.
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3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Evolutionsbiologisches Spezialwissen, 5. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Der erweiterte Phänotyp: Der lange Arm der Gene (Gebundene Ausgabe)
Mit dieser an sein Vorgängerwerk "Das egoistische Gen" anschließenden Monographie beabsichtigt Dawkins einen Perspektivenwechsel vom Organismus zum Gen vorzubereiten. Kopiermoleküle befinden sich nur zufällig in Einzelorganismen. Seine These, daß die phänotypischen Auswirkungen genetischer Replikatoren über Einzelorganismen hinaus wirken und sogar zwischen den Genen verschiedener Organismen stattfinden, erhärtet er mit den Forschungserträgen der Evolutionsbiologie, Genetik und Embryologie.

Dawkins bekämpft den Glauben, Gene seien im Unterschied zu Umweltursachen superdeterministisch. Genetische Verursachung ist nicht kausalgesetzlich, sondern statistisch, die Wirkungsweise der Gene abhängig von anderen Genen und von inneren wie äußeren Umwelteinflüssen! An vielen Beispielen zeigt der Autor anschaulich die Stärken und Schwächen des Adaptionismus und die der Evolution immanenten 'Beschränkungen'.

Evolviert ist die Möglichkeit, daß Tiere auf das Nervensystem und die Sinnesorgane anderer Tiere manipulativ einwirken. Dies läßt sich leicht veranschaulichen an der Räuber-Beute-Evolution, am 'Rüstungswettlauf' aus Anpassungen und Gegenanpassungen, den psychologischen Taktiken, mit denen ein Vogeljunges seine Eltern zur Fütterung bewegt, der Kosten-Nutzen-Abwägung bei asymmetrischen Bedrohungsszenarien (Leben/Mahlzeit-Prinzip, Seltener-Feind-Effekt) und an Fällen erfolgreicher Manipulation durch Brutparasiten (Kuckuck).

Stets jedoch geht es um das Überleben von Keimbahn-Replikatoren (Genen). Organismen scheiden als Replikatoren aus, weil sie bei der Meiose auseinanderbrechen. Populationen wiederum vermischen sich und verlieren so ihre Identität. Beide sind nur 'Vehikel'. Dawkins wiederholt seine 'Mem-Theorie' und das Konzept der 'Evolutionär stabilen Strategie'. Interessanterweise gibt es Gene, die ihr Überleben vorantreiben, indem sie den Überlebensmöglichkeiten der Mehrheit des übrigen Genoms schaden ('Schrott-DNA', 'Outlaws'), 'springende Gene', die ein- und auswandern, funktionslose Replikatoren mit der einzigen Funktion, sich selbst zu replizieren.

Die phänotypischen Wirkungen eines Gens reichen bisweilen über das Vehikel hinaus. Dawkins zeigt dies am Haus der Köcherfliege, Biberdämmen, Termitenhügeln und besonders dem Wettlauf zwischen Wirts- und Parasitengenen. Deren Interessen stehen durchaus nicht immer im Widerspruch zueinander, sondern können auch konvergieren, dann nämlich, wenn Parasit und Wirt dasselbe Mittel zum genetischen Ausgang wählen. So entstehen Symbiosen. Wahrscheinlich waren Mitochondrien, Chloroblasten und andere Zellorganellen ursprünglich Parasiten. So gelangt der Autor zu dem 'zentralen Theorem' des erweiterten Phänotyps: "Das Verhalten eines Tieres tendiert zur Maximierung des Überlebens der Gene 'für' dieses Verhalten, unabhängig davon, ob diese Gene sich innerhalb des Körpers des Tieres, welches das Verhalten ausführt, befinden oder nicht." (S. 248) Abschließend kritisiert er die 'Gaia-Hypothese' sowie die poetische und moralisierende Netzwerkrhetorik von Natursendungen. Plätze auf den Keimbahn-Chromosomen sind heißumkämpfte Besitzstände. Gene stehen auf vielen Ebenen in einem (nicht immer harmonischen!) Wechselspiel miteinander.

Durch den Perspektivenwechsel entsteht die Frage, warum Replikatoren sich überhaupt in Zellen anordnen und zu Organismen formen. Nun, frei im Meer herumschwebende Replikatoren wären evolutionär instabil, und grundlegende Verbesserungen auf der Organebene werden nur durch die geschlechtliche Fortpflanzung bei Eukaryoten möglich ('zurück ans Zeichenbrett').

Das Werk ist, wie auch sein Vorgänger, hochinteressant und üppig mit veranschaulichenden Beispielen angereichert. Doch im Unterschied zu diesem ist es (leider!) in anspruchsvoller wissenschaftlicher Fachsprache formuliert und eigentlich für Evolutionsbiologen und Genetiker gedacht. Laien ohne profunde Vorkenntnisse in diesen Disziplinen werden trotz dem hilfreichen Glossar die Lektüre als Strapaze empfinden. Für Fachwissenschaftler wiederum ist das Werk möglicherweise bereits veraltet.
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2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr gut! Dawkins enttäuscht nicht!, 1. April 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der erweiterte Phänotyp: Der lange Arm der Gene (Gebundene Ausgabe)
Ich kann mich voll den bereits abgegebenen 5-Punkte-Rezensionen anschließen!

Ich habe die anderen Bücher von Dawkins bzgl. Evolution mit Gewinn gelesen und war erfreut, dass "Der erweiterte Phänotyp" nun auch in Deutsch vorliegt. Ich denke es hat sich gelohnt!
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Der erweiterte Phänotyp: Der lange Arm der Gene
Der erweiterte Phänotyp: Der lange Arm der Gene von Richard Dawkins (Gebundene Ausgabe - 16. September 2010)
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