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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Innere nach Außen gewölbt
„Er sollte ihr aus dem Weg gehen. Er sollte sich in ihrer Nähe aufhalten. Er hat so lange befürchtet, dass sie kommen wird. Er hat so lange gehofft, das sie kommen wird“.

So wirft es Ghostboy in einer der zehn Geschichten im Buch innerlich hin und her. Er, der als Attraktion eines Zirkus versteht, zu ertrinken. Und nach Minuten erst wieder...
Vor 12 Monaten von M. Lehmann-Pape veröffentlicht

versus
13 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Übler Kitsch mit literarischer Verpackung
Habe die Rezensionen in der Zeitung gelesen, und war neugierig, wenngleich schon zu vermuten war, wohin die Reise geht, doch der schöne Titel hat mich dann doch überzeugt. Und natürlich kann Katharina Hartwell schreiben, das ist keine Frage, aber ein Loblied auf die heilende Kraft der Literatur zu singen, auf ihr Vermögen, Liebe und Leben zu retten,...
Vor 11 Monaten von lesen_leben veröffentlicht


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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Innere nach Außen gewölbt, 20. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Er sollte ihr aus dem Weg gehen. Er sollte sich in ihrer Nähe aufhalten. Er hat so lange befürchtet, dass sie kommen wird. Er hat so lange gehofft, das sie kommen wird“.

So wirft es Ghostboy in einer der zehn Geschichten im Buch innerlich hin und her. Er, der als Attraktion eines Zirkus versteht, zu ertrinken. Und nach Minuten erst wieder an die Oberfläche des Lebens zurückzufinden. Sein Herz aber, das ist sein Geheimnis, schlägt nicht. Weder im ertrunkenen Zustand noch im lebendigen.

„Und in der besten aller schrecklichsten Zeiten wird mein Magen zum sperrigen Kästchen voller rostiger Nägel, hinter meinen Rippen ziept und rattert es....... Ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich auffliege und der rechtmäßige Gewinner seinen Gewinn einfordern wird“. Wobei „Er“ der Gewinn ist für „Sie“. So geht es Marie mit ihrer Liebe zu „ihm“.

Marie, aus ihrer gewohnten Kinderumgebung von ihrer Mutter in die Stadt befördert und innerlich wie isoliert dort, trifft später als Studentin Jan. Eine Liebe entwickelt sich, doch mit sehr ungleichen Vorzeichen. Marie ist die, die in der Außenwelt ungelenkig wirkt und sich dort unwohl fühlt im Kontakt mit Menschen. Jan ist der, der sich in der Außenwelt zurechtfindet, „den jeder irgendwie berühren möchte“, doch der innerlich wie eingekapselt wirkt. Nicht von sich erzählt, keine emotionale Sicherheit geben kann.

Marie also sucht und bohrt, hält und fragt, und spürt, dass Jan „gerettet“ werden muss. Wovor? Warum? Während Maries Lebensgeschichte im Buch vorweg erzählt wird, ist dies bei Jan zu entdecken, erst spät zu erfassen, warum er ist, wie er ist. Und was es mit dieser panischen Angst vor Spinnen auf sich hat.

Jan stellt die Zweisamkeit nicht in Frage, ist aber auch für sich selbst im Kern seines Wesens kaum erreichbar. Vielleicht, weil „der Taucher“ ihn bedroht, nicht ins Leben hinauszutreten? Vielleicht, weil in seiner inneren Welt sich ständig die „Mobile“ verrücken und er die Orientierung verloren hat? Vielleicht, weil der „Kapitän“ des Totenschiffes ihn mit aller Kraft zu fassen bekommen will und nicht klar ist, ob er überhaupt schon auf dieses Schiff gehört? Oder vielleicht, weil seine „Bleichkrankheit“ in der fest von Wolken verhüllten Stadt ihm alle Farbe genommen hat und der Weg zurück auf dem Luftschiff kaum möglich scheint?

„Mobile Stadt“, „der Taucher“, „der Kapitän“, „der Ghostboy“, „die Bleichkrankheit“, das sind einige Motive nur aus den zehn im Buch versammelten Geschichten, in welchen Hartwell in luftiger, bildkräftiger, poetischer und sehr, sehr wortkräftiger Sprache ihre Rahmenhandlung von Jan und Marie, die Rettung Jans durch Marie, immer wieder aus anderen Perspektiven wie in einem (spannenden und teils gruseligen) Märchen erzählt.

Geschichten, in denen die äußeren Ereignisse aber nichts anderes sind als Ausformungen und erzählende Erläuterungen des inneren Zustandes beider Personen einerseits und ihrer Beziehung andererseits. Ganz deutlich ist dies erkennbar an den beiden Kindern, Junge und Mädchen, die auf zwei Inseln aufwachsen müssen. Je allein mit ihrer Mutter, den Leuchtturm der anderen Insel nur aus der Ferne zu sehen. Und doch beginnt der Kontakt, wird der Wunsch, zueinander zu kommen bei den beiden Kindern groß und wird die Gefahr dieses Zusammenkommens über das Meer, in dem „der Taucher“ auf Beute harrt, für den Leser intensiv greifbar erzählt.

Zwei Leuchttürme im Meer, die eine drängend, der andere ängstlich, die eine den Zugang suchend, der andere mit dem tiefen Wunsch, sich zu öffnen, ohne es zu können.

Beeindruckend ist es, wie Hartwell diese inneren Befindlichkeiten immer wieder neu und anders in Fiktionen ausdrückt. Wie sie sensibel die Sehnsucht, die Verschlossenheit, die Angst in Symbolen auszudrücken versteht. Eine Bildsprache, die nicht plump daherkommt, sondern wirken will und kaum in jeder Faser vom Leser einfach so entschlüsselt werden kann.

Das die zu Grunde liegende Rahmengeschichte hier abfällt, das, bei Licht betrachtet, diese Überhöhung der eigenen drängenden Nähe zum anderen oder eben diese Stille und Angst in der eigenen Person hier und da auch ein wenig nervt (warum lässt Marie den redefaulen Jan nicht einfach? Warum ist dieser nicht genervt von dem ständigen Angang? Ist das wirklich real, so etwas magisch Verbindendes zwischen Mann und Frau oder liegen hier fast Hollywood-Beziehungsraster zu Grunde?), das ist zwar „zwischen den Geschichten“ ein wenig hinderlich, vermindert aber kaum die Lesefreude und die sprachlich hervorragende Darstellung der „Innenwelten“ in den eigentlichen „Fantasie-Geschichten“.

Ein sprachlich gelungener und in seiner Symbolsprache der Innerlichkeit der beiden Liebenden im Buch anspruchsvoller, sehr intensiver und zum Versinken einladender Roman.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grandioses Romandebüt, 26. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Man braucht Zeit, um diesen Roman zu lesen und ihn in seiner ganzen wunderbaren Gesamtheit zu erfassen. Das Buch verführt den Leser regelrecht. Er darf in die Fluten des fremden Meeres eintauchen, wird von ihm umhüllt und getragen, bis es ihm erlaubt, wieder aufzutauchen und das Ufer zu erklimmen. Denn erst wenn man buchstäblich die letzte Seite und die letzten Worte gelesen hat, ergeben alle Teile zusammen ein Bild und man erkennt fast ehrfurchtsvoll die wunderbare Architektur dieses Romans.
Katharina Hartwell erzählt uns die Liebesgeschichte der beiden Studenten Jan und Marie. Marie - fast dreißig Jahre alt – promoviert über ein Thema, das sie selbst kaum erklären kann und verbringt alle Tage in der Universitätsbibliothek. Jan ist an der Kunstakademie eingeschrieben. Beide treffen zufällig zusammen – fast im wörtlichen Sinne, denn Marie erleidet bei der ersten Begegnung eine leichte Gehirnerschütterung – verlieben sich augenblicklich, brauchen dann aber mehrere Wochen, um es so einzurichten, dass sie sich gewollt „rein zufällig“ wieder über den Weg laufen, aufeinander zugehen können und wirklich ein Paar werden.
Diese Liebe wird in 4 Teilen mit 10 Geschichten - eigentlich Märchen - erzählt, wobei die Märchen, in denen eine weibliche Heldin jeweils versucht, einen ihr nahestehenden Menschen vor einer tödlichen Gefahr zu retten, einzeln daherkommen und den größten Teil des Buches ausmachen. Diese teilweise etwas düsteren Märchengeschichten sind selbst wieder Teil der Lebensgeschichte von Marie und wurden in Kindertagen abends vor dem Einschlafen von ihrer Großmutter erzählt.
In dem Roman gibt es ein Ereignis, das den Ablauf der Welt in ein davor und danach einteilt und so geht es einem mit diesem Roman. Bis zum Ende der ersten Lektüre befindet man sich im „Davor“, hat man den Roman zu Ende gelesen, ist man im „Danach“, staunt über die geniale Konstruktion und fängt wieder an zu lesen.
Ein unerhörtes Leseerlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zarte Tiefheit, 27. Januar 2014
Von 
Thomas Liehr (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Während der vergangenen zwölf Monate habe ich (nur) sechs überzeugende Erzählungen von deutschsprachigen Autoren gelesen, was keine ungewöhnliche Bilanz wäre, gäbe es nicht diesen bemerkenswerten Unterschied: Es handelte sich zur Hälfte um weibliche Autoren. Auf der Männerseite trumpften Clemens Berger ("Ein Versprechen von Gegenwart"), Thomas Glavinic ("Das größere Wunder") und Michael Köhlmeyer ("Die Abenteuer des Joel Spazierer"), aber anders als in den Jahren davor schafften genauso viele Frauen unter meine persönlichen Favoriten: Eva Menasse ("Quasikristalle"), Monika Zeiner ("Die Ordnung der Sterne über Como") - und jetzt Katharina Hartwell. Im Jahr davor gelang es nur einer Autorin, überhaupt auf meiner Leseliste zu landen, aber Juli Zehs küchentischpsychologische Tauchernovelle "Nullzeit" überzeugte mich lediglich davon, vorerst keine weiteren Romane der Absolventin des "Deutschen Literaturinstituts Leipzig" zu kaufen.

Nun also ein Debüt. Von Katharina Hartwell kann man wissen, dass sie im Jahr 2009 den renommierten Literaturpreis des Radiosenders "MDR Figaro" gewonnen hat. Drei weitere Jahre hat es gedauert, bis ihr erster Roman erschien. Und ich habe ihn gelesen. Gerne gelesen. Sehr gerne.

"Das Fremde Meer" erzählt nicht eine Geschichte, sondern zehn. Nein, genau genommen sind es elf. Da ist die im Präsens verfasste Liebesgeschichte von Marie und Jan, die die dramaturgische Klammer bildet. Marie, die Ich-Erzählerin, ist schüchtern, introviertiert, fast menschenscheu, schreibt seit Ewigkeiten an der Doktorarbeit und hat keine sehr hohe Meinung von sich, aber dann trifft sie Jan und lernt neue Seiten kennen. Neue Seiten an sich und neue Seiten des Lebens. Diese Liebe, die auf so leisen Füßen daherkommt, ist tief, aufopfernd, aber auch fragil und verletzlich. Sie ist zugleich fundamental und existentiell. Sie ist wie nichts sonst.
Und dann sind da diese zehn Geschichten, die den Roman in der Hauptsache ausmachen. Seltsam utopische, zuweilen deprimierende, fantasievolle, merkwürdige Geschichten, die (möglicherweise) in einem Land spielen, in dem es dunkle Winterwälder, geheimnisvolle Küsten, wandernde Häuser, Totenschiffe, herztote Zirkusartisten, muffige Irrenanstalten, Geisterfabriken und undurchdringliche Wolkenformationen gibt. Diese Geschichten erzählen immer von Rettungen - Rettungen in letzter Sekunde. Aber es geht auch um das Gerettetwerdenwollen. Um Dunkelheit und Hoffnung. Und, klar, um Liebe.

Ich habe noch nie ein Buch wie dieses gelesen. Es ist dem Berlin Verlag hoch anzurechnen, ein so merkwürdiges (im Wortsinn) Buch als Spitzentitel ins Programm genommen zu haben, denn "Das Fremde Meer" ist formal sperrig, fast bis zum Ende rätselhaft, folgt keiner klassischen Dramaturgie, eigentlich aber überhaupt keiner. Von der erzählerischen Schönheit der Geschichten und der stilistischen Sicherheit abgesehen besteht der Reiz scheinbar darin, das Rätsel zu ergründen, das die einzelnen Erzählungen verbindet, doch dieser Gedanke wird über die gut 560 Seiten hinweg irgendwann zur Nebensache. Das Buch verfügt über eine ... wie soll ich sagen? Eine zarte Tiefheit. Das trifft es nicht ganz, aber mir fehlen verblüffenderweise die richtigen Worte. Diese Geschichten, die ihre eigene Normalität ganz selbstverständlich, oft lakonisch, immer eindringlich und ohne jeden Zweifel vermitteln, sind einfach bewundernswert und transportieren eine auf wohltuende Weise irritierende Ästhetik. Außerdem sind sie verdammt spannend und fesselnd.

Wollte man einen negativen Aspekt anmerken, dann jenen, dass "Auflösung" und Ende des Romans vergleichsweise hastig daherkommen, fast sogar ein bisschen lapidar. Aber das wäre Nörgelei auf sehr, sehr hohem Niveau, denn "Das Fremde Meer" ist ein rundum gelungener, unkonventioneller und empfehlenswerter Roman.
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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ich stelle mir vor, in einer Welt zu leben, 19. Juli 2013
Von 
Kalamaria - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
... in der es ein Makel ist, nicht auf einer Insel geboren zu sein. Es gelingt mir besser als gedacht." (S.183) Dies ist Maries Reaktion auf Jans Schilderungen seiner Kindheit.

Marie und ihre Liebe zu Jan - davon handelt das Buch. Es ist eine große Liebesgeschichte, die in allen Facetten, das sind hier zehn Geschichten, erzählt wird - weniger würde nicht ausreichen. Diese Geschichten haben andere Protagonisten, es sind in Wahrheit aber doch immer wieder Marie, Jan und ihr Umfeld.

Dabei ist es ein Hochgenuss, den Ideenreichtum der Autorin , ihre Belesenheit, ihr Wissen und ihre Recherchierfähigkeiten zu genießen - vor allem jedoch ihre wunderschöne, ganz besondere Sprache.

Das Meer ist - so verrät es ja bereits der Titel - immer wieder ein entscheidender Player, doch es gibt auch andere Settings: die Salpetriére, die altehrwürdige psychatrische Klinik in Paris in einem anderen Zeitalter, in dem wir auch Blanche, der Freundin von Marie Curie - und dem Leser möglicherweise aus "Das Buch von Blanche und Marie" von Per Olov Enquist bekannt - begegnen, ein Luftschiff und die Wechselstadt. Es sind Settings, die dem Leser einerseits vertraut, andererseits aber auch wieder völlig neu vorkommen. Und immer wieder Katharina Hartwells beeindruckender Stil - Ich komme nicht umhin, hier eine Kostprobe dieser Fabulierkunst, die ihresgleichen sucht, zu hinterlassen:

"...von der Welt hat er bereits genug gesehen, die Welt ist eine zu schnelle Kutsche, die sich einem im toten Winkel nähert und wenn sie einen erfasst, weiß man nicht einmal mehr, wo oben und unten ist." (S.109), so der männliche Protagonist in "Astasia-Abasia", der Geschichte, die in der Salpetriére spielt. So auch dieses Buch - von Zeit zu Zeit wirbelt es den Leser so durch, dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist - und beginnt, die Zusammenhänge in einem anderen Kontext zu sehen.

Ein stilles Buch, ein lautes Buch, ein zartes Buch, ein wildes Buch, immer wieder ist es auch ein spannendes Buch - aber vor allem ist es ein kluges, ein gekonnt konstruiertes und aufgebautes Buch, das all dies vereint. Katharina Hart hat hier ein Kunstwerk geschaffen, eine filigrane Gesamtkomposition aus Sprache, Inhalt, Recherche und Emotionen, die ihresgleichen sucht. Ich muss sagen, ich bin ehrlich froh, dass es sich hier um eine junge Autorin handelt, die ihren 30sten Geburtstag noch vor sich hat, denn das lässt mich auf weitere wunderbare, erkenntnisreiche, prägende und möglicherweise das Leben oder zumindest die Sicht darauf verändernde Werke hoffen. Hartwell schreibt vollkommen anders als jeder Autor, den ich vor ihr gelesen habe, sie hat ihren eigenen Stil, aber vor allem hat sie etwas zu sagen, sie trägt die Geschichten in sich. Das merkt man vor allem daran, dass das Buch weit entfernt davon ist, gekünstelt bzw. konstruiert zu wirken - all das kommt aus dem tiefen inneren der Autorin und fügt sich durch ihre gekonnte Feder zu einem wundersamen Gesamtkunstwerk.

Dieses fremde Meer ist überwältigend und tosend, manchmal ruhig, aber immer wieder schlagen die Wellen über dem Leser zusammen. Ich kann es es wirklich jedem ans Herz legen, der gute Geschichten mag, vor allem aber denjenigen, die sich gern überraschen lassen!
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Beeindruckend..., 28. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Das fremde Meer" von Katharina Hartwell ist kein Buch, das man so eben nebenbei schnell liest, vielmehr fordert es die absolute Aufmerksamkeit des Lesers, um all die kleinen sorgfältig ausgearbeiteten Nuancen auch vollständig erfassen und den wundervollen Schreibstil, die poetische Sprache genießen zu können.
Schwierig die Beschreibung des Inhalts. Letztlich ist es die Geschichte der Beziehung zwischen Jan und Marie, die immer wieder neu in einer völlig überraschenden Art und Weise erzählt wird, an Tiefe gewinnt.
Für sich genommen hinterlassen die einzelnen Abschnitte, zehn an der Zahl, gewiss einen bleibenden Eindruck. Solch einen Ideenreichtum und fesselnden Schreibstil findet man selten. Hier aber liegt für mich das Problem, so beeindruckt und begeistert ich jedes Mal von den neu entstanden Handlungskonstruktionen ( beispielsweise die Schilderungen der Wechselstadt, in der Häuser und Gegenstände keinen festen Platz mehr haben) war, so sehr bedauert habe ich es, dass diese stets nur knapp angerissen wurden um immer wieder mit zahlreichen offenen Fragen zu enden... Gerade nach den ersten Kapiteln stellte sich mir die Frage, was der Sinn all dieser sehr düsteren und bedrückenden Erzählungen wohl sei. Zudem der allumfassende Symbolismus, die versteckten Anspielungen und offenen Fragen haben bei mir irgendwie das Gefühl geweckt, Essentielles überlesen bzw. bedeutsame Aspekte nicht verstanden zu haben. Furchtbar!
Dennoch geradezu zwanghaft musste ich immer weiter lesen, das Bedürfnis Zusammenhänge zu erschließen übermächtig und hier enttäuscht das Ende des Romans keineswegs. Gekonnt gelingt es der Autorin den vorhergegangenen Seiten einen Sinn zu verleihen, überzeugende und berührende Antworten zu präsentieren.
Ein Buch das unbestritten in Erinnerung bleiben wird und dessen Lektüre sich in jedem Fall lohnt.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitozeane oder: "Alles ist mit allem verbunden" (John Wheeler), 17. Juli 2013
Von 
HG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Albert Einstein, Max Planck, Nils Bohr und Louis de Broglie die ersten Grundlagen für die spätere Quantenmechanik legten, ahnte man noch nicht, dass diese das bis dahin gängige physikalische Weltbild völlig auf den Kopf stellen würden und deren Erkenntnisse direkt zum "Quantensprung" und damit verbunden, einem erweiterten Bewusstsein des Mensch-SEINS führen würden. Rätselhafte Begriffe wie Quantenverschränkung, -fluktuation und Unschärferelation geistern seitdem durch Raum und Zeit. Restlos erfassbar sind sie bis heute nicht. Werner Heisenberg brachte dies in seinem Werk "Physik und Philosophie" (1958) treffend auf den Punkt: "Aber die existierenden wissenschaftlichen Begriffe passen jeweils nur zu einem sehr begrenzten Teil der Wirklichkeit, und der andere Teil, der noch nicht verstanden ist, bleibt unendlich."
Was hat dies nun mit dem belletristischen Debüt von Katharina Hartwell zu tun? Sehr viel sogar. Denn auch bei der 1984 in Köln geborenen Autorin liegt permanent etwas hinter Grenzen. Und trotzdem ist Alles mit allem, wenn auch auf diffuse Art, miteinander verbunden.

"Alles ändert sich. Das Gute und das Schlechte.", stellt Marie, die Protagonistin, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, fest. Sie, die Ängstliche, die Außenseiterin, die sich eher zurückzieht, als ins pralle Leben einzutauchen, die sich "als Verschwendung von Raum, als ein sperriges Zuviel" sieht, hadert mit dem Leben und droht in der großen Woge einer Depression zu versinken. Doch dann reißt die Liebe in Gestalt des Kunststudenten Jan die fast dreißigjährige Doktorandin im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden. Wieder aufgerappelt kommt nun tatsächlich so etwas wie verlässliche Beständigkeit in das bis dato konturlos verschwommene Leben von Marie. "Wir kannten und sahen dieselbe Welt." Eine gewisse Skepsis wird bei beiden dennoch nicht restlos ausgeräumt. Ihrer beider Sensibilität für die steten der Wechsel der Welt ist besonders stark ausgeprägt: "Sie war voller Risse und Falltüren und Unsicherheiten und Abgründe."

Von Tiefen und Schattenreichen, von Zweifeln, Wurzellosigkeit und Bedrohungen berichtet der ungewöhnliche Roman von Katharina Hartwell in neun fantastischen und einer kumulierenden in der Realität angesiedelten Geschichte. Diese tauchen teilweise in die Vergangenheit ein oder aber nehmen deutlich visionäre, teils futuristische Züge an. Wie ein Zahnarzt gelingt es der Autorin "durch die Löcher und bis in die Abgründe im Kopfinneren [ihrer Protagonisten] zu blicken". Der Leser betritt zum Beispiel eine mysteriöse Stadt, in der die physikalische Errungenschaft der Teleportation außer Kontrolle geriet und in der sich nun Häuser und ihre Bewohner willkürlich materialisieren. Er liest von einer Prinzessin, die eine Ritterausbildung absolviert, um einen gefangen gehaltenen Prinzen im kalten Winterwald zu befreien. Oder von einem im Meer lebenden, geheimnisvollen Taucher, der von Zeit zu Zeit Menschen auf den Grund zieht, so dass sie ihm Gesellschaft leisten. Eine andere Geschichte wiederum berichtet aus einer seit Jahren von tiefen dunklen Wolken verhangenen Küstenstadt, deren Bewohner nach und nach von einer geheimnisvollen Krankheit befallen werden. Ein über den Wolken verankertes Luftschiff soll die Kranken mittels Lichttherapie heilen. Der Ghostboy wiederum, Hauptattraktion eines fahrenden Zirkus, stirbt in jeder Veranstaltung in einem gefüllten Wassertank, um nach endlosen Minuten ohne Herzschlag wie von Zauberhand die Augen aufzuschlagen. Um geschlossene Behälter geht es auch in Geschichte neun, in der in einem neu entwickelten Verfahren die Seelen der Verstorbenen - ihr Bewusstsein - in einem speziell entwickelten Verfahren konserviert werden, um sie hernach entsorgen zu können. Spirithographie nennt sich diese Transformationstheorie.

Katharina Hartwell ist mit ihrem Text ein beeindruckendes, ja großartiges literarisches Debüt gelungen. Ein Buch, das wie eine riesige, unaufhaltsame Welle über den Leser und das Geschehen hinwegschwappt und alles, was sie dabei überspült, verändert. Aber, so stellt Marie fest, "die Veränderung ist ja schon in uns, ist in unseren Körpern angelegt, die zerfallen, sich neu aufbauen, sich reparieren und wieder zersetzen und endgültig zersetzen." Der Grundtenor des flüssig und gut lesbaren Textes ist eher düster, als optimistisch, der Inhalt eher vage, als klar geformt. Ein Werk, das sich gängigen Vergleichen entzieht. Rätselhaft, ja beinahe magisch, zieht es den Leser immer tiefer in seinen Bann. Welche Bedeutung haben die erzählten Geschichten? Auf welche Art hängen die ständig präsenten Gemeinsamkeiten und Verflechtungen zusammen? In jeder der zehn Erzählungen kehren bestimmte Gegenstände und Personenkonstellationen wieder, sei es zum Beispiel ein zusammengefalteter Zettel, ein mysteriöser Wassertank, ein verfallenes Haus, ein düster-drohendes, schwarzes Individuum, das als Kern einer "gebündelten Leere" fungiert. Dinge sind nicht recht greifbar, undurchsichtig. Immer wieder verschwinden Personen oder scheinen sich selbst entrückt. Ausgefranst und nicht klar definierbar wabern Schemen und Schatten durch den Raum, analog der mysteriösen Zwillingsteilchen, deren "geisterhafte" Verbindung von Albert Einstein als "spukhafte Fernwirkung" bezeichnet wurde. Etwas Unvorhergesehenes und Unaufhaltsames ist omnipräsent. Himmel und Meer verwischen ständig neu gezogene Grenzen. "Wie ein kompliziertes Puzzle, eine Anordnung eng anliegender Plättchen. Verschiebt sich eines, verschieben sich auch alle anderen, nichts bleibt ohne unmittelbare Auswirkung. (...) Alles könnte in etwa so, vielleicht aber auch ein wenig anders sein. (...) in dem Gewebe dieser Welt, fühlst du die Schichten, die Wände, bis du etwas erkennst, ein Pulsieren, eine Wärme, ein geheimes, deinen Augen noch verborgenes Zentrum." Letztendlich schwebt über allem die große Frage: Wer sind wir? Wohin gehen wir? Und: Kann man durch Erzählen die Vergangenheit begreifen lernen? Denn eines wird zunehmend präsent: "Dass man eine Heimat auch verlieren kann, ohne sie zu verlassen; während man noch dort ist und an allem festhält, kann sie einem entgleiten."

Fazit: "Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viele Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer. Und es gibt nicht viele milde Tage, und es gibt so viele Möglichkeiten, Schiffbruch zu erleiden. Und auf jeden Sturm folgt der nächste und auf jede Untiefe eine weitere. Und es ist eine Kunst, eine Herausforderung, eine unbedingte Notwendigkeit, jeden Tag und immer wieder aufs Neue nicht unterzugehen." "Das fremde Meer" offenbart einen Text, der gleichzeitig erschüttert und fasziniert, der den Atem anhalten lässt und zu Tränen rührt, ohne pathetisch zu werden. Ein großartiger Roman, dessen Handlung sich nur langsam formt und schier auf den letzten zwei, drei Seiten den Knoten entwirrt. Ein Buch, das den Leser nach dem Zuschlagen der letzten Seite atemlos zurücklässt, in dessen Wellen er allerdings noch einmal eintauchen sollte, um die immense Vielschichtigkeit vollends zu erfassen.
Katharina Hartwell: Eine Autorin, die man sich unbedingt merken sollte.
Ich bin begeistert!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wow!, 22. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Also das war mit Abstand das beste Leseerlebnis, das ich seit Jahren hatte. Das Buch hat mich dermaßen gefesselt und begeistert! Ich fühlte mich beim Lesen wie in einer anderen Welt. Was hat die Frau für Fantasie! Hammer! "Wie kann man sich sowas ausdenken", dachte ich immer wieder. Für mich ein einzigartiges Buch, das ich ohne Umschweife jedem, der gerne liest, weiterempfehle. Katharina Hartwell ist ein Name, den man sich merken sollte. Wir sind im selben Alter, ich denke aber nicht, dass das eine Rolle für meine Begeisterung spielt. Ich jedenfalls freue mich schon jetzt auf weitere Bücher. Sie hats echt drauf!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Außergewöhnlich und anders, 12. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Klappentext:
Dieses Buch ist eine Reise: in die Salpetrière, die Pariser Psychiatrie, in der Sigmund Freud Schüler bei Charcot war; in den Winterwald, aus dem eine gelangweilte Prinzessin einen Prinzen retten will; in die Wechselstadt, in der ganze Häuser als "Mobilien" durch die Stadt wandern; in die Geisterfabrik, wo Seelenfragmente zu Spiritografien verarbeitet werden… Zehn Kapitel, zehn mal die Geschichte von Marie und Jan. Marie gehört zu den Menschen, die glauben, dass Katastrophen immer nur die treffen, die nicht auf sie vorbereitet sind. Sie rechnet darum stets mit dem Schlimmsten - und behält recht: Sie ist eine Außenseiterin, ängstlich, verzweifelt, meist stumm und voller Sehnsüchte. Womit sie nicht rechnet? Gerettet zu werden, von Jan, der so anders als sie selbst scheint. Von ihm fühlt Marie sich gefunden, miteinander teilen sie Geheimnisse, stille Stunden und wache Nächte. Doch ganz traut sie ihrem Glück nicht, denn sie weiß: »man kann alles trennen, teilen und spalten, sogar ein Atom«. Was haben Marie und ihre Geschichten dem Schicksal entgegen zu setzen? Kann die Literatur ein Leben retten? Kann sie erzählen, wofür es keine Worte gibt? Katharina Hartwells magischer Debütroman erzählt von der Rettung einer Liebe und eines Lebens, er erzählt von allen Zeiten und allen möglichen Welten. Nicht zuletzt ist »Das Fremde Meer« die Rettung durch das Erzählen selbst - und darum all das, was Literatur vermag.

Die Autorin:
Katharina Hartwell, 1984 in Köln geboren, studierte mit Auszeichnung Anglistik und Amerikanistik und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie war u.a. Gewinnerin des MDR-Literaturpreises und Stipendiatin des Landes Hessen und des Freistaates Sachsen. 2013 war sie Sylter Inselschreiberin. »Das Fremde Meer« ist ihr erster Roman und wurde ausgzeichnet mit dem Jungen Literaturpreis Pfaffenhofen und dem Förderpreis für phantastische Literatur Seraph.

Meine Meinung:
Marie, die zurückgezogen lebt und eine Außenseiterin ist, verliebt sich in Jan, einen introvertierten Studenten. Sie versucht, sein Eis zu brechen und dahinter zu kommen, warum er so ist. Wer nun denkt, das sei ein gewöhnlicher Liebesroman, der irrt gewaltig. Der Leser taucht in außergewöhnliche Kurzgeschichten ein, die verschiedener nicht sein könnten, und doch sind sie miteinander verknüpft, und erzählen die Geschichte von Marie und Jan.

Man findet sich in der Salpetrière, der Pariser Psychiatrie wieder, wird in ein schauriges Märchen entführt, in dem die Prinzessin den Prinzen erretten will, kommt dem Geheimnis der Wechselstadt auf die Spur oder stattet einem Zirkus einen Besuch ab, um nur einige Erzählungen zu benennen.
Und immer findet sich das Element Wasser wieder, das fremde Meer, das zum Dreh- und Angelpunkt wird. Dort, wo Licht ist, ist auch Schatten, und genau wie Marie müssen sich auch die Figuren der einzelnen Geschichten damit auseinandersetzen, dass sie gejagt und nicht verstanden werden.

In dem Buch spielt Freiheit eine große Rolle. Man muss es selbst lesen, weil man entweder zuviel verrät oder es nicht erklären kann, so außergewöhnlich sind die Ideen, die zusammenfließen und es so anders machen.

Man muss sich darauf einlassen, es mit Sorgfalt lesen, um nichts zu verpassen und es auf sich wirken zu lassen.
Dabei sei anzumerken, dass die Geschichten düster sind, voller Melancholie und Trostlosigkeit, aber gerade davon lebt der Roman. Jeder wird ihn anders interpretieren, Fragen werden offen bleiben, man wünscht sich, dass die ein oder andere Erzählung hätte länger sein können. Aber so bleibt auch Freiraum für eigene Gedanken, und das macht ein gutes Buch aus, vorallem wenn es so komplex und vielschichtig ist.

Mit beeindruckender Sprachgewalt, viel Fantasie und Gefühl.
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dunkle Tiefen, 28. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Eine Liebe, viel zu groß, um sie nur einmal zu erzählen." Das klingt vielversprechend romantisch - aber Vorsicht: Wer einen Roman á la Niffenegger erwartet, ist hier falsch. Happy Ends werden nicht geliefert, und auch in punkto Eros, Leidenschaft und markige Helden ist Fehlanzeige. Stattdessen erfordert Katharina Hartwells Erstling die Bereitschaft, sich zu öffnen und konventionelle Erwartungen fahren zu lassen. Wem das gelingt, bekommt als Lohn eine ganz besondere Leseerfahrung geschenkt.

Hartwell erzählt die Geschichte des verschlossenen Jan und der Außenseiterin Marie, die auch die Rahmenhandlung darstellt, die Roman"realität". Wie Marie zu der wurde, die sie ist, erfahren wir gleich zu Anfang, Jans Werden hingegen Schritt für Schritt. Der Roman kontrapunktiert die Rahmenhandlung mit Einschüben märchenhafter Geschichten, für die die Autorin tief in die Märchen- und Liederkiste greift. Zutage fördert sie unter anderem Dornröschen, Rapunzel und die zwei Königskinder, aber auch Figuren aus anderen Romanen wie z. B. Blanche aus Enquists "Blanche und Marie", und manche Geschichten lassen sich als Dystopie oder Science Fiction lesen. Alle haben jedoch etwas Magisches und eine Reihe von Elementen gemeinsam, die immer wieder auftauchen, und stellen stets andere Varianten von Jan und Maries Geschichte dar. Immer geht es um Bedrohung und Rettung, und mit fortschreitender Rahmenhandlung verflechten sich die Märchengeschichten immer mehr - was in der einen Geschichte Phantasie oder gar Lüge ist, wird in der nächsten zur "Realität" und oftmals nur durch bloße Gedanken oder Worte in die Existenz geholt. Es gibt also die Fiktion in der Fiktion in der Fiktion, und je weiter wir lesen, desto mehr ist alles mit allem verbunden. Dabei vollzieht sich von Geschichte zu Geschichte eine fast unmerkliche Wandlung: Wir sind uns nicht mehr sicher, was mit "Rettung" eigentlich gemeint ist.

Geschrieben ist das in einer exquisiten Sprache, die wunderbare Bilder und eine ganz einzigartige, melancholisch-ätherische Atmosphäre erschafft. Manche Sätze in diesem Roman sind deutlich älter als die verblüffend junge Autorin - man kann sich nur wundern und hoffen, dass dieser Roman nicht der letzte ist, den wir von ihr zu lesen bekommen.

Etwa in der Mitte des Buches wurde ich ungeduldig und hätte gern, bitteschön, etwas weniger Sprachschönheit und mehr Eros, Leidenschaft etcetera, kurzum etwas mehr Handfestigkeit gehabt. Trotzdem konnte ich von dem Buch nicht lassen, und mit der nächsten Geschichte hatte es mich schon wieder vereinnahmt. Gut so, denn das unerwartete! Ende ließ mich GANZ tief einatmen: Jedes einzelne Puzzleteil fiel an seinen Platz, die ungemein kunstvolle Konstruktion (Chapeau!) - die ich schon des Selbstzwecks verdächtigt hatte - ergab perfekten Sinn.

Worum geht es also in diesem Roman? Es geht um die Kraft der Worte, aus der ganze Welten erwachsen können, und vielleicht auch Rettung, was immer das sein mag. Es geht um Treue, Beharrlichkeit und den Mut der Verzweiflung. Es geht um nichts weniger als die dunklen Tiefen des Lebens, in die die Autorin schaut, ohne den Blick abzuwenden.

Begeisterte Leseempfehlung.
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Magie, nicht in Worte zu fassen!, 18. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Fremde Meer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Jetzt stehe ich da, habe das Buch ausgelesen und muss mir überlegen, wie ich dem in einer Rezension gerecht werden kann – ich wette: gar nicht!
Wie soll man etwas in Worte fassen, was man nur selbst fühlen kann? Wie soll man etwas beschreiben, was man selbst nicht versteht, sondern jeder für sich interpretieren muss?

Der Begriff „Liebesroman“ wird diesem Buch definitiv nicht gerecht. Natürlich ist es eine Liebesgeschichte, jedoch keine, die man so schon tausendfach gelesen hat. Es ist Fantasy, Märchen, Gruselgeschichte und irgendwie alles in einem.
Es geht um Marie und Jan – zwei Seelen, die sich nicht gesucht und doch gefunden haben.
Es geht um Gefühle – gute wie negative zugleich, denn: Ängste spielen eine sehr große Rolle in diesem Roman.
Es geht um den Tod, die Vergänglichkeit und düstere Charaktere, Menschen, die in ihrer Lebensweise gefangen sind und nicht aus ihrer Haut können.
Doch hauptsächlich geht es darum, sich von einer Erzählweise fesseln, berühren und gefangen nehmen zu lassen, die mich persönlich nicht mehr los lässt.

Ich habe die Leseprobe gelesen und wusste: Dieses Buch MUSS ich lesen, weil es mich sofort in seinen Bann gezogen hat.
Jetzt, wo ich es gelesen habe sage ich: Dieses Buch sollte jeder gelesen haben, denn sonst verpasst man etwas ganz Besonderes, Außergewöhnliches, Faszinierendes, Unbeschreibliches!

Fazit:
5 Sterne sind nicht genug, für dieses Werk, aber da mir nichts anderes bleibt, gebe ich eben diese und denke mir 1000 weitere dazu.
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Das Fremde Meer: Roman
Das Fremde Meer: Roman von Katharina Hartwell (Gebundene Ausgabe - 16. Juli 2013)
EUR 22,99
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