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38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kampf um Religion und Territorium
'Der letzte Kreuzzug', so lautet der Untertitel dieser umfassenden Betrachtung einer der blutigsten Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts. Dieses besondere Stück 'Kriegsgeschichte', dass gerade in Deutschland nicht allzu breit im Bewusstsein verankert ist, legt Orlando Figes auf knapp 700 Seiten nachvollziehbar strukturiert umfassend in Entwicklung, Verlauf und...
Veröffentlicht am 24. Oktober 2011 von M. Lehmann-Pape

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28 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gut recherchiert und geschrieben ABER.
Nach "Die Tragödie eines Volkes" mein zweiter Figes. Ich habe einige Lektüre über den Krimkrieg gelesen, darunter natürlich auch Tolstoi's "Sewastopoler Erzählungen". So war ich neugierig auf die "ultimative" Zusammenfassung dieses Themas durch den renommierten Historiker Figes. Doch wirkliche Begeisterung mag sich nicht einstellen. Dies kann aber...
Veröffentlicht am 28. März 2012 von Ramones 16


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38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kampf um Religion und Territorium, 24. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
'Der letzte Kreuzzug', so lautet der Untertitel dieser umfassenden Betrachtung einer der blutigsten Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts. Dieses besondere Stück 'Kriegsgeschichte', dass gerade in Deutschland nicht allzu breit im Bewusstsein verankert ist, legt Orlando Figes auf knapp 700 Seiten nachvollziehbar strukturiert umfassend in Entwicklung, Verlauf und Folgen dieses Krieges vor. Und mehr noch, nachvollziehbar weist er auf, dass durchaus religiöse Motive eine, wenn nicht die, entscheidende Ursache dieses Krieges waren.

Der Geschichtsprofessor am Birkbeck College in London nimmt sich dabei Zeit (und Raum) für seine Darstellung und belohnt den Leser für dessen konzentrierte Leseleistung mit einem detaillierten und, vor allem, umfassenden Blick nicht nur auf die kriegerische Auseinandersetzung selbst, sondern vor allem auf die Bedeutung des Krimkrieges für die Machtverschiebung in Europa.

Russland auf der einen Seite mit starkem Expansionsdrang, vor allem zunächst gegen die Türkei. England und Frankreich als (aus politischem Eigennutz) Verbündete der Türkei auf der anderen Seite sorgen in den Jahren zwischen 1853 und 1856 für den ersten, sogenannten, 'modernen Krieg', in welchem dem technischem Fortschritt ebensoviel Bedeutung zukam wie der reinen Quantität an Truppen und deren entsprechender Ausbildung.

Die Belagerung und Schlacht um Sewastopol ist sicherlich hier ein breit bekannter Begriff und gilt als zentrales Ereignis des Krimkrieges. Anhand vieler direkter Quellen und mit durchaus kraftvoll bildhaftem Sprachstil stellt Figes dieses Ereignis der Weltgeschichte mitsamt der umgebenden Schlachten und Scharmützel plastisch und in ganzer Härte dar. Was da an Berichten aus den Lazaretten vorliegt und an geschilderter Grausamkeit und teilweiser Verrohung mit im Raume schwingt, lässt den Leser nicht unberührt.

Vor allem aber den Kern der Auseinandersetzung und die späteren Folgen für die europäische Balance stellt Figes deutlich heraus. Das Streben von Zar Nikolaus I. nach einem religiösen Großreich, dem vor allem das osmanische Reich im Wege stand (Konstantinopel war zentraler Ort der Begehrlichkeit für ein 'orthodoxes Großreich', zudem hinderte die heutige Türkei den Weg nach Jerusalem) wird von Figes minutiös offen gelegt. Religiöses 'Großmachtstreben' einerseits, Konstantinopel und Jerusalem unter dem Dach der 'orthodoxen Kirche' und der Vorrangstellung Russlands einzunehmen einerseits und die Sorge um den Verlust politischen Einflusses und territorialer (ebenso auch religiöser) Ansprüche auf der anderen Seite sind die eigentlichen Ursachen des Krimkrieges.

Wie also die mittelalterlichen Kreuzzüge liegen die Wurzeln des Krimkrieges wiederum in der Begehrlichkeit, die sich auf das 'heilige Land' richtet. Dort beginnt im Übrigen letztlich auch die Auseinandersetzung, die zum Krieg führten und bei diesen Auseinandersetzungen zwischen Christen verschiedener Glaubensrichtungen (vor allem ausgelöst durch orthodoxe Christen) setzt auch Figes mit seiner Schilderung ein. Und vollzieht von da aus folgerichtig aus dem religiösen Anspruch heraus den dann weltlichen Krieg.

Ein Krieg, der, so legt Figes fundiert dar, keiner der beteiligten Parteien auf Dauer wirklich Nutzen eingebracht hat, im Gegenteil, auf die ein oder andere Weise haben alle beteiligten Großmächte des Krimkrieges letztendlich äußerlich oder innerlich verloren. Schon 15 Jahre später wurden die Verhältnisse in Europa nachhaltig wieder verändert. Im französisch-deutschen Krieg 1870/71, dessen innere und äußere Wurzeln Figes ursächlich mit dem Krimkrieg verzahnt.

Ein sprachlich und in seiner fundierten Recherche ganz hervorragendes Buch legt Orlando Figes vor, in dem er aufzeigt, wie aus eigentlichen Nichtigkeiten ein umfassender Krieg entsteht und wie aus der ersten modernen 'Materialschlacht' der Neuzeit nichts weiter entsteht außer Schwächung aller Beteiligten und späterhin neue Kriege. Das Buch ist jedem historisch interessierten Leser zu empfehlen als Paradebeispiel einer umfassend gelungenen historischen Betrachtung, fordert aber Zeit und Konzentration (und bei der Darstellung des Krieges selber auch gute Nerven) ab.
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35 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung..., 27. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
... hat Orlando Figes mit seinem voluminösen Werk Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug" geschaffen.

Wer die kurze, prägnante und sehr sachliche Darstellung liebt, sollte von diesem umfassenden, mit erzählerischer Leichtigkeit geschriebenen, umfassendem Details sowie zahlreichen Zusatzinformationen stark angereicherten Werk Abstand nehmen. Figes, ein profunder Kenner der russischen Geschichte, schlägt einen großen Bogen in dem er Vorgeschichte, den Krieg an sich und Nachwirkungen im europäischen Gesamtzusammenhang auf knapp 680 Seiten ausführlich darstellt.

Der Krimkrieg ist in der deutschen Historiographie bisher kaum betrachtet worden, vermutlich auch der fehlenden Beteiligung geschuldet. Gerade mal in einem neueren militärhistorischen Werk zur Geschichte des Krieges allgemein, dem Sammelband Wie Kriege entstehen", findet sich ein Aufsatz über den Krimkrieg. Ob die zeitgenössischen preußischen und österreichischen Militärs die Erkenntnisse der Franzosen, Engländer, Osmanen und Russen des Krimkrieges ausgewertet und in ihre zukünftigen militärischen Überlegungen einbezogen haben ist aus der Literatur auch kaum nachvollziehbar, aber unwahrscheinlich, finden sich doch im Krimkrieg zahlreiche Elemente des I. Weltkrieges, die bei einem sorgfältigen Lessons Learned" auf allen Seiten vermieden hätten werden können.

Für Figes selbst ist der Krimkireg der I. moderne Krieg der Weltgeschichte in dem nicht nur für damalige Zeiten moderne Waffen wie Hinterladergewehre, gezogene Kanonen mit deutlich höherer Reichweitegenutzt wurden, sondern in dem auch die Kriegsberichterstattung ausführlich und Dank der Nutzung des Telegraphen es schnell ermöglichte, Ereignisse von der Krim in den Hauptstädten der beteiligten europäischen Mächte Frankreich und England sehr schnell verfügbar zu machen. Hinzu kommt das gerade die Presse in England in der Vorgeschichte des Krieges erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung und damit auch auf die Politik ausübte und sowohl der Russophobie der Engländer Auftrieb gab, als auch danach rief, durch die Unterstützung der offenkundlich Schwachen Osmanen die Prinzip von Freiheit, Freihandel und Zivilisation zu verteidigen.
Ausführlich stellt Figes in den ersten vier Kapiteln die Vorgeschichte des Krimkrieges in der Entwicklung nach 1815 dar und geht dabei im Schwerpunkt auf die Motivation der beteiligten Mächte ein.
Russland, ein zutiefst religiös geprägtes Land, war auch primär religiös motiviert und sah sich als Schutzmacht der orthodoxen Christen im Osmanischen Reich und Schutzmacht der Rechte der orthodoxen Christen in Jerusalem an, nicht von ungefähr beginnt das Buch mit der Darstellung der Entwicklung in Jerusalem einige Jahre vor Ausbruch des Krimkrieges. Russlands Akt der Besetzung der Donaufürstentümer, begründet durch den Schutz der christlichen Minderheit, und die Weigerung diese wieder zu räumen war dann auch Anlass für die Kriegserklärung
Englands Interessen waren primär geostrategisch, um den Russischen Einfluss auf das osmanische Reich und in Zentralasien zu beschränken und vor allem den Zugriff auf die Dardanellen zu verwehren. Die fortschreitende russische Expansion lies die Engländer fürchten, auch Indien sei bedroht und eine russische Kontrolle der Dardanellen würde diesen die Expansion ins Mittelmeer erlauben und somit den englischen Handel bedrohen. Somit war man englischerseits bereit die erste Koalition von christlichen und muslimischen Mächten einzugehen, um diese Gefahr abzuwehren.
Frankreichs Kaiser Napoleon III. war vor allem an einer Revanche gegen die Russen interessiert, die maßgeblich die Verantwortung für Napoleons Niederlage hatten und den Platz Frankreichs als dominierende Macht auf dem Kontinent nach 1815 eingenommen hatten.

Die folgenden sieben Kapitel widmet Figes der ausführlichen Darstellung des Krimkrieges. Unter Verwendung zahlreicher Briefe und Erinnerung der beteiligten Soldaten, Offiziere und Kriegsberichterstatter vermag er eine erschütternde Darstellung von Schlachten, Kämpfen, Waffenwirkung, stümperhaften militärischen Planungen sowie den mangelhaften Lebensbedingungen der Soldaten während der fast einjährigen Belagerung Sewastopols zu geben. Die Masse der Toten des Krimkrieges fiel nicht durch Kämpfe sondern durch Krankheiten vor allem den unzureichenden hygienischen Lebensbedingungen und der schlecht organisierten und durchgeführten Verwundetenversorgung zum Opfer. Figes zeichnet durch seine bildhafte Sprache ein den Leser erschütterndes Gemälde des menschlichen Elends auf beiden Seiten. Das verantwortungslose Handeln der militärischen Führer in diesem Krieg ist aus heutiger Sicht nahezu unbegreiflich.
Im abschließenden Kapitel resümiert Figes die Folgen des Krimkrieges, die neben den politischen Auswirkungen innerhalb des europäischen Mächtekonzertes vor allem in Europa auf gesellschaftlicher Ebene stattfanden. Gerade in England rückte durch die horrenden Verluste und die zahlreichen Verstümmelten der einfache Soldat in den Focus, wie man an dem ersten Kriegerdenkmal für einfache Soldaten und der Stiftung des Victoriakreuzes als allen Soldaten zugängliche Tapferkeitsauszeichnung und zahlreichen Armeereformen nachweisen kann.
Russland wandte sich in seinem Expansionsdrang mehr nach Zentralasien, war an der Revision des für dieses Land demütigenden Friedensvertrages interessiert und näherte sich immer mehr Preußen an und sollte durch seine Position maßgeblich dazu beitragen, Bismarks Einigungskriege möglich zu machen. Innenpolitische Reformen wurden durch den Krimkrieg beschleunigt, wie etwa die Abschaffung der Leibeigenschaft unter Zar Alexander II.

Napoleon III. hatte für Frankreich seinen außenpolitischen Triumpf geschafft, der seine Popularität erheblich steigerte. Frankreich, dass im Zuge der Friedensverhandlungen die Engländer auf Mäßigung drängte und Russland gegenüber Entgegenkommen zeigte, verschaffte sich in der folgenden siegreichen Auseinandersetzung mit Österreich in Italien die nötige russische Rückendeckung, um Frankreich wieder als Hegemonialmacht auf dem Kontinent zu etablieren.

Figes umfangreiche Erklärung von Ursachen, Verlauf und Auswirkung des Krimkrieges überzeugen auf ganzer Linie. Seine lebhafte und bildreiche Sprache machen dieses umfassende Buch zu einem echten Lesevergnügen und wenn man solche umfangreichen historischen Darstellungen mag und die notwendige Zeit aufbringen möchte ist das Buch mehr als nur zu empfehlen.
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28 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gut recherchiert und geschrieben ABER., 28. März 2012
Von 
Ramones 16 (Absurdistan) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
Nach "Die Tragödie eines Volkes" mein zweiter Figes. Ich habe einige Lektüre über den Krimkrieg gelesen, darunter natürlich auch Tolstoi's "Sewastopoler Erzählungen". So war ich neugierig auf die "ultimative" Zusammenfassung dieses Themas durch den renommierten Historiker Figes. Doch wirkliche Begeisterung mag sich nicht einstellen. Dies kann aber auch mit meinen falschen Erwartungen zusammen hängen. Wie der Titel des Buches ja annehmen lässt, erwartete ich mir vor allem eine minutiöse Abhandlung des Krieggeschehens. Hier aber eine große Enttäuschung. Die Kampfhandlungen bleiben seltsam farblos, nur selten gelingt es dem Autor eine unmittelbare Wirkung zu erzielen. Strategie und Taktik der damaligen Truppenkörper bleiben weitgehend im Dunkel, die Bewaffnung wird auf wenige Bereiche (Minie-Gewehr) reduziert. Der Nebenkriegsschauplätz Kaukasus wird zum Mauerblümchen und kommt kaum vor. Auch die Tätigkeit der Flottenverbände wird auf wenige Informationen reduziert. Das Kartenmaterial ist dürftig. Vom rein militärhistorisch gesehenen Standpunkt aus daher meiner Meinung nach unbefriedigend. Anderseits, wie ich es schon von "Tragödie eines Volkes" kannte, sehr gelungene, dichte und interessante Zusammenfassung der politischen Vorgänge, welche letzlich zu diesem Kriege führten, sowie die langfristigen Auswirkungen, die bis zum Ersten Weltkrieg reichten. Auch die erstmalig gravierende Rolle der Medien (sprich Zeitungen) wird gut heraus gearbeitet. Die Quellenangaben sind umfangreich, das Fotomaterial gut (wenn auch hier noch mehr möglich gewesen sein sollte). Letzten Endes bleibt bei mir eine Enttäuschung zurück, da ich den rein militärhistorischen Informationsbedarf keinesfalls erfüllt sehe. Damit ist der Buchtitel für mich etwas missverständlich. Als knackiges Werk über Ursprung, Aktion und Auswirkung dieses Krieges aber sicherlich empfehlenswert.
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25 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwächen in der eigentlichen Kriegsdarstellung, 20. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
Ich ziehe vom Urteil meiner vor-Rezensenten einen Stern ab, da ich ihr Urteil in einem wichtigen Punkt nicht teile: Die Darstellung der eigentlichen Kriegshandlungen mißrät dem Autor völlig, da er die wichtigste Infanterie-Waffe - das sogenannte Minie-Gewehr, dem er selbst eine wichtige schlachten-entscheidende Rolle gibt - in seiner Wirkung auf dem Schlachtfeld völlig falsch einschätzt.

Hintergrund:
Das Miniegewehr war kurz vor dem Krimkrieg eingeführt worden und brachte den französischen und britischen Truppen Reichweiten- und Treffsicherheitsvorteile. Dieses neue Gewehr basierte auf dem Prinzip, dass eine Kugel mit Hohlraum am Ende sich beim Schuß durch die Gase leicht ausdehnt, dadurch in einem gezogenen Gewehrlauf den Drall mitnimmt und sich durch diesen Drall quasi in einer stabilisierten Bahn durch die Luft "schraubt".

Warum ist das so wichtig:
Dadurch stieg die Reichweite bei der ein guter Schütze noch gezielt treffen konnte von ca. 70m auf ca. 200m mit dramatischen Folgen für das Geschehen auf dem Feld. Erstmals wurden lockere Formationen mit gezielt schiessenden Soldaten möglich.
Da vorher mit Musketen gar kein wirklich gezieltes Schiessen möglich war - manche Musketen hatten nicht einmal Kimme und Korn weil es wegen der Unzuverlässigkeit der Waffe eh überflüssig war - war es nötig, in strenger Disziplin Massenfeuer auf den Gegner zu richten (daher die in Filmen über Kriege vor 1850 oft zu sehenden geschlossenen Formationen der Soldaten, die in Reih und Glied marschieren und auf Kommando eine Salve feuern)

Was macht Figes nun so falsch:
Er nimmt die theoretische Reichweite der Kugel (900 Meter für die Lee-Enfield (die britische Version eines Gewehres mit Minie-prinzip), 1200 Schritt laut Zeitzeuge General Totleben) und verlagert diese auf das Geschehen auf dem Schlachtfeld.
Er erwähnt zwar, dass die Russen noch nach alter Weise (geschlossene Formation) kämpften - versteht aber nicht warum sie das mußten. Einmal kritisiert er sogar die Russen für ihr altmodisches Vorgehen nach Exerzier-Reglement. Er weiß also um die entscheidenden Vorgänge, legt sie aber falsch oder gar nicht aus.
Und damit werden alle seine Darstellungen teilweise grotesk falsch - was man ihm leider vorwerfen muß, denn er hätte dies durch Befragung eines einzigen Fachmannes herausfinden können (oder durch so erstklassige Bücher wie James McPersons "Battle Cry of Freedom" über den eine Dekade später stattfindenden US-Bürgerkrieg)

Beispiele:
Er schildert die schottischen Highländer in ihrer legendären "thin red line" Formation mit einem Salven-Feuer auf 1000 Schritt entfernte Kosaken. Es mag sein, dass seine Quellle recht hat und wirklich eine erste Salve aus dieser Entfernung abgegeben wurde, aber es wäre seine Aufgabe gewesen zu fragen warum! (Der Vergleich sei zur Veranschaulichung gestattet: Das ist so, als ob jemand ein Fussballspiel schildert und behauptet die Freistöße gingen aus 170 m Entfernung ins Tor oder der Elfmeter sei eigentlich ein 55-meter.)

2. Beispiel:
Die Zuaven waren Meister der sogenannten Plänklertaktik (aufgelöste Formation, gezieltes Schiessen aus weiterer Entfernung). Figes schildert, dass sie, um den Gegner zu erschrecken, im Laufen in die Luft feuerten! Wodurch sie sich quasi selbst entwaffnet hätten, denn da das Miniegewehr ein Vorderlader war, brauchte man 30 sek. zum Nachladen.

3. Beispiel:
Er behauptet quasi Musketen-Schnellfeuer und vergleicht es bei einer Gelegenheit mit Maschinengewehren. Theoretisch ist das in seltenen Fällen und entsprechender Staffelung der Schützen an einem Hang möglich, aber wahrscheinlich ist es unter den von ihm erzählten Umständen nicht.

4. Beispiel:
Er schildert die hohen Verluste an russischen Offizieren in einer Artilleriestellung, aber nicht, wodurch diese möglich waren. McPherson (um zu zeigen wie ein sachkundiger Autor hier Schlußfolgerungen zieht) versteht grundsätzlich, was dieses neue Gewehr auf dem Schlachtfeld bedeutet und rechnet sogar aus, dass die Verlustrate im US-Bürgerkrieg nach Rang verlief: Die höchste prozentuale Verlustrate hatten die Generäle, die niedrigste die einfachen Soldaten, da durch das gezielte Schiessen es erstmals möglich war, Offiziere zu Pferd mit ihrer auffälligen Uniform gezielt auszuschalten.

Solches Verständnis fehlt Figes meines Erachtens völlig. Er schildert pittoresk, teilweise auf Zeitzeugen gestützt, die Grausamkeit des Krieges, aber er versteht grundsätzlich nicht, wer wen auf welche Entfernung mit welcher Taktik bekämpft und er versteht auch die Zeitzeugen in ihren Kommentaren dazu nicht.
Für ihn erschöpft sich die Analyse des auch von ihm als überlegen erkannten Miniegewehres darauf, dass es schlachtentscheidend ist, weil es 1000 m weit schiesst. Was völliger Unsinn ist. Selbst moderne Sniper/Scharfschützen mit modernsten Gewehren schiessen unter Gefechtsbedingungen selten über 1000 m, zielen dabei aber durch ein Zielfernrohr und berechnen Wind etc. ein, um einen gezielten Schuss auf einen feindlichen Befehlshaber oder wichtigen Spezialisten zu setzen.
Man fragt sich also bei seinen Schlachtenschilderungen, die naturgemäßig einen weiten und wichtigen Teil des Buches ausmachen, ständig: wenn's so nicht gewesen sein kann, wie war es wirklich?
Außerdem geht ihm gar nicht auf, was diese Waffentechnik sozialgeschichtlich bedeutet: Weil der Offizier nicht nicht mehr wie der adlige Ritter seinen Mannen voranreiten konnte, sondern sich genauso in den Dreck hinhauen mußte, um in Deckung zu gehen, wie der gemeine Soldat, war auch seine sozial bevorzugte Rolle nicht mehr haltbar.
An anderer Stelle hat Figes interessante Passagen über die sozialen Auswirkungen des Krieges auf britischen Adel, Mittelstand und gemeine Soldaten, ebenso beleuchtet er die Rolle von Tolstois Schilderung des unglaublichen Patriotismus der russischen Leibeigenen auf soziale Reformen in Russland - das hätte er wunderschön logisch mit den Veränderungen auf dem Schlachtfeld untermauern können - wenn er denn verstanden hätte, was dort Umwälzendes geschah.
Es geht eben beim Miniegewehr nicht um technische Einzelheiten einer Waffe - sondern darum, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Waffentechnik es erlaubte, den vor der Truppe hermarschierenden Helden/Offizier relativ feige aus der Deckung heraus als einfacher Soldat einfach "abzuknallen".
Letztlich verlor dadurch der Adel seine Vorzugstellung als Ritter der Krone, er war auf dem Schlachtfeld nicht mehr der Held oder das weithin sichtbare, leuchtende Vorbild auf das es entscheidend ankam.
Helden waren jetzt die einfachen Soldaten, die gezieltes mörderisches Feuer ertrugen und trotzdem bei der Fahne blieben und Angriffe durchführten - auch ohne oder mit sehr schlechter Leitung der oft betrunkenen Offiziere.

Für einen Historiker ist sein nicht-Erkennen der Zusammenhänge hier nicht akzeptabel - einem historischen Romanschreiber würde man schon mangelnde historische Genauigkeit bei der Schilderung des Einsatzes dieser neuen Waffe ankreiden.

Warum man das Buch trozdem kaufen kann: Es stellt einen in Deutschland recht unbekannten weltgeschichtlichen Krieg dar, der die Balkankrisen und damit den ersten Weltkrieg mit bedingt hat. Er erzählt Hochinteressantes über das religiöse Sendungsbewußtsein des Zarenreiches bzgl Konstantinopel und Jerusalem und die entsprechenden Zusammenhänge zum "Great game" zwischen Britisch-Indien und Russland.
Die sozialen Umwälzungen nach dem Krieg gelingen ihm recht gut (aber er vergibt eben die Chance einer weiteren Erklärung durch die neue kriegerische Taktik selbst)
Irgendwie fragt man sich, wie genau und glaubwürdig ist das alles - oder stecken weitere Fehler im Detail und bei der Erkenntnis der politischen und strategischen Zusammenhänge?
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12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Krimkrieg als Einstieg in das Zeitalter der Volkskriege, 2. November 2011
Von 
Dirk Wolff-Simon (Hannover) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde durch drei herausragende Kriege bestimmt, die militärhistorisch für die weitere Entwicklung militärischer Konflikte maßgeblich waren: Der Krimkrieg (1853 ' 1856), der Amerikanische Bürgerkrieg (1861 ' 1865) und die preußisch-deutschen Kriege (Deutsch-Dänischer Krieg 1864, Deutscher Krieg von 1866 und Deutsch-Französischer Krieg von 1870/71). Für den englischen Historiker Orlando Figes war der mittlerweile in Vergessenheit geratene Krimkrieg keiner von unzähligen Konflikten, sondern der zentrale Konflikt des 19. Jahrhunderts, mit Folgen, die wir bis heute spüren. Er kostete über eine Million Menschen das Leben, veränderte die Weltordnung und prägte die Konfliktlinien des 20. Jahr¬hunderts vor. Zudem revolutionierte er den Charakter militärischer Auseinandersetzungen grundlegend und leitete das Ende des Zeitalters der Kabinettskriege ein. Durch den Grad der Technisierung zeigte er die Richtung auf, in der sich die Kriegstechnik fortan entwickelte. Die innovativen Folgen dieser Entwicklung dokumentierten sich einige Jahre später im Amerikanischen Bürgerkrieg, der bereits die Dimension der späteren Volkskriege annahm.

Diesem vernachlässigten Kapitel der europäischen Geschichte, bei denen sich Russland auf der einen und ein Bündnis aus der Türkei, Frankreich und England auf der anderen Seite gegenüberstanden, widmet sich Orlando Figes in seinem neuen Buch 'Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug'. Er erinnert daran, dass dieser Krieg an der Schwelle zur Gegenwart stand und ein Vorbote der großen Konflikte des 20. Jahrhunderts war. Vornehmlich ging es zwar um geopolitische Machtfragen, aber auch religiöse Aspekte spielten eine wesentliche Rolle. Begann der Konflikt 1853 mit kleineren Auseinandersetzungen zwischen türkischen und russischen Truppen an der Donau und im Schwarzen Meer, so weitete sich seine Dimension im Frühjahr 1854 durch die Unterstützung der Türken durch englische und französische Truppen zu einem folgenschweren Krieg zwischen den europäischen Großmächten aus.

Da sich der russische Zar dazu berufen sah, mittels einer Petitesse bezüglich der auch für Orthodoxe relevante Wallfahrtsstätte im Heiligen Land die religiöse Führung unter den christlichen Religionen an sich zu ziehen, erhielt der Konflikt die Dimension eines Religionskrieges. Außerdem hielt es Zar Nikolaus I für seine heilige Pflicht, die Slawen auf dem Balkan von der muslimischen Herrschaft zu befreien. Zar Nikolaus I (1796-1855) ist für Orlando Figes der 'Mann, der mehr als jeder andere für den Krimkrieg verantwortlich war.' Angetrieben 'von übertriebenem Stolz und von Arroganz' führte er seine Nation durch eine Reihe von Fehleinschätzungen in den Krieg. 'In erster Linie glaubte er jedoch, einen Religionskrieg zu führen, einen Kreuzzug, der sich von der russischen Mission zur Verteidigung der Christen des Osmanischen Reiches herleitete. Der Zar gelobte, es mit der ganzen Welt aufzunehmen, um seinen, wie er meinte, heiligen Auftrag zur Ausweitung des Reiches der Rechtgläubigen bis hin nach Konstantinopel und Jerusalem zu erfüllen.'

Aber der Zar war nicht der einzige, der vom religiösen Furor angetrieben wurde. Auch die anderen betroffenen Staaten benutzten die Religion als Druckmittel in der orientalischen Frage, bei der es letztendlich um die Zukunft des von Zerfall geprägten osmanischen Reiches ging. Politik und Glauben waren in dieser imperialen Rivalität eng miteinander verflochten. Und so kämpften im Krimkrieg nicht nur Russen gegen Engländer, Franzosen und Türken, sondern orthodoxe Christen gegen Katholiken, Protestanten und Muslime.
Orlando Figes gelingt es, die versandeten Artefakte dieses Konfliktes durch historische Zeitzeugen an das Tageslicht der Gegenwart zu holen. Anschaulich werden Episoden dieses Krieges, wie der desaströse "Charge of the Light Brigade", geschildert oder die Krankenschwester Florence Nightingale und der junge Lew Tolstoi, der aus dem belagerten Sewastopol berichtet, dem Nebel der Nostalgie und des Heroismus entrissen. Vor allem auch durch die exzellente Übersetzung erzielt das Buch über diesen vergessenen Krieg des 19. Jahrhunderts ein hohes Maß an Lebhaftigkeit und Aktualität.
In vielerlei Hinsicht war der Krimkrieg einerseits ein herkömmlicher Krieg - Kanonen, Musketen, streng sortierte Schlacht¬reihen. Andererseits gilt der Krimkrieg als der erste totale, industriemäßig geführte Krieg. Gleichzeitig kamen erstmals dampf¬getriebene Schlachtschiffe und Eisenbahnen zum Einsatz. Weitere moderne Mittel wurden genutzt, die fortan die kriegerischen Auseinander¬setzungen des 20. Jahrhunderts prägten: Telegrafie, Innovationen in der Medizintechnik, wie beispielsweise die Anästhesie, der Einsatz von Krankenschwestern und die moderne Kriegs¬bericht¬erstattung in Wort und Bild.
Die verlustreichen Schlachten des Krimkriegs führten zu geradezu revolutionären Veränderungen im Umgang mit Verwundeten. Der Beschluss der ersten Genfer Konvention 1864, die Verwundeten auf dem Schlachtfeld Schutz und Hilfe zusprach, war im Wesentlichen eine Konsequenz der Erfahrungen im Krimkrieg. Auch das Verfahren der Triage, durch die in Situationen mit zahlreichen Verletzten Ärzte vor Ort eine Einteilung in verschiedene Verwundungsgrade und Behandlungsprioritäten vornehmen, wurde von dem russischen Arzt Nikolai Iwanowitsch Pirogow aufgrund seiner Erfahrungen im Krimkrieg entwickelt. Die britische Krankenschwester Florence Nightingale sorgte mit dafür, dass die rückständige britische Ver¬wunde¬ten¬versorgung straff organisiert wurde. Doch Figes ist differen¬ziert in der Beurteilung dieser Ikone des Viktori¬anismus. 'Florence Nightingale war eine fähige Verwalterin. Obwohl diejenigen, die sie später zum Mittelpunkt eines Kultes machten, ihren Einfluss überschätzten [...], besteht kein Zweifel daran, dass sie die Dinge im Haupt¬krankenhaus von Scutari in Bewegung brachte.'

Von der fast dreiviertel Million Soldaten die im Krimkrieg starben, fielen allein zwei Drittel auf russischer Seite. Die Zivilisten, die durch Hunger, Krankheiten, Massaker und ethnische Säuberungen umkamen hatte niemand gezählt; man schätzt ihre Zahl auf 300.000 bis zu einer halben Million. Hier erinnert Figes an die 'russische Nightingale' ' Dasha Michailova Sevastopolskaya. Dasha, wie sie von den Soldaten genannt wurde, wurde bereits mit 18 Jahren Weise und arbeitete in der Küstenregion um Sewastopol als Näherin und Wäscherin für die dort stationierten Marinesoldaten. Bei Kriegsbeginn verkaufte sie ihr gesamtes Hab und Gut, erwarb ein Pferd mit Wagen und Nahrungsmitteln, eilte den russischen Truppen nach und baute die erste Verwundetenversorgung in der Geschichte des russischen Militärs auf. Aufopfernd pflegte und versorgte sie die Verwundeten während der Belagerung Sewastopols. Am Ende des Krieges wurde sie hierfür als einzige Frau der Arbeiterklasse vom Zaren mit dem höchsten russischen Verdienstorden ausgezeichnet.

Für England und Frankreich wurde der vollkommende Sieg über Russland das vorherrschende Kriegsziel. Insofern wurde die Belagerung von Sewastopol, dem Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte, zu einem der herausragenden Meilensteine im weiteren Kriegsverlauf. Die Bezeichnung Krimkrieg wird jedoch seinen globalen Ausmaßen und der enormen Bedeutung nicht gerecht, die er für Europa, Russland und jene Teile der Welt hatte, in denen sich das große internationale Problem abzeichnete, das sich aus der zunehmenden Erodierung des osmanischen Reiches ergab - vom Balkan bis nach Jerusalem und von Konstantinopel bis zum Kaukasus.

Am 8. September 1855 fiel Sewastopol. 'Ich habe geweint, als ich die Stadt in Flammen und französische Fahnen auf unseren Bastionen sah', schrieb Lew Tolstoi, der am Krieg als Offizier teilnahm und später die Sewastopoler Erinnerungen verfasste. Ein französischer Offizier hält in seinem Tagebuch fest: 'Wir selbst bemerkten nichts von den Auswirkungen unserer Artillerie, die Stadt ist buchstäblich zermalmt, es gibt kein einziges Haus, dass unsere Geschosse verfehlt haben, kein Dach ist noch vorhanden, fast alle Wände sind zerstört.'

In den kurz darauf folgenden Friedensverhandlungen büßte Russland zwar nicht viel von seinem Territorium ein, jedoch wurde es durch den Vertrag gleichwohl gedemütigt. Innenpolitisch wirkte sich die Demütigung in ersten Reformen aus, die sowohl die Modernisierung des Militärs als auch die Abschaffung der Leibeigenschaft betrafen. Historisch konnte Russland erst 1945 die beherrschende Position, die es in Europa eingenommen hatte, zurückgewinnen. Tolstoi hatte es vorausgesagt: Noch für lange Zeit wird diese Epopöe Sewastopols, deren Held das russische Volk war, in Russland ihre Spuren hinterlassen. Orlando Figes ist es mit seinem neuen Buch gelungen die Erinnerungen und Mythen dieses verschütteten Konfliktes wachzurufen
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Lehrstück "metaphysischer Kriegsführung", 25. März 2012
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Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
Bezeichnenderweise sind die bisher zum Buch des britischen Historikers und Russland-Spezialisten Orlando Figes, "Krimkrieg - Der letzte Kreuzzug", an dieser Stelle erschienenen Rezensionen so ausführlich, detailgenau und hervorragend ausgeführt, daß sich eine weitere Wortmeldung im Grunde erübrigt. Alle Rezensenten sind dabei einhellig der Auffassung des Autors Figes, daß der zu Unrecht in der Geschichtsschreibung fast vergessene, zumindest aber historiographisch zu kurz gekommene Krimkrieg (1853-56) als eines der weltpolitischen Schlüsselereignisse der zweiten Hälfte des 19. Jhrdts. zu bewerten ist.

Seither ist das Geschehen um den Krieg auf der Krim wiederholt Ausgangspunkt für hochbrisante, dramatische, weltpolitisch historische Konstellationen gewesen, einschließlich des Geschehens, das auf dem Balkan, 1914 und in den Jahren zuvor, unmittelbar zum Entstehen des psychologischen Szenarios und schließlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anlaß gegeben hat. Sogar bis auf den heutigen Tag lassen sich bestimmte Ereignisse mittelbar zurückverfolgen bis zu den Geschehnissen auf der Krim-Halbinsel im 19. Jhrdt., die im Kern als Vorläufer eines "Weltkriegs" bezeichnet werden können. Bei der Entstehung der beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jhrdts. hat der Krimkrieg deutlich erkennbar Pate gestanden. Orlando Figes selbst bezeichnet den Krimkrieg als letzten Kreuzzug.

Ich möchte den bisherigen Kommentaren einige Gedanken anfügen, die sich in Zusammenhang mit der spannenden und in allen Aspekten aufschlußreichen Lektüre ergeben haben.

Der sogenannte Krimkrieg war als Krieg in vielem ein Novum, das seines Gleichen immer noch sucht. Im erklärten Anlaß war dieser Krieg ein völlig überflüssiges Absurdum, ging es doch vordergründig vor allem darum festzuschreiben, welche der beiden christlichen Kirchen, die Ostkirche (Orthodoxie) mit dem ehemaligen Mittelpunkt Byzanz (bis 1453), später Moskau, oder die Westkirche der römischen Päpste (Lateiner) Anspruch darauf erheben könne, die Schlüssel zur Grabeskirche in Jerusalem und zur Geburtskirche Jesu in Bethlehem zu verwahren.

Betrieben zunächst vor allem vom russischen Zaren Nikolaus I., der, aus einer Mischung von Arroganz und Großmannssucht einerseits und krasser Verkennung der machtpolitischen Möglichkeiten Russlands andererseits, angeregt darüber hinaus durch die Schwäche des Osmanischen Reiches (das zu dieser Zeit politisch als der "kranke Mann vom Bosporus" firmierte), die günstige Gelegenheit sah, von den innenpolitischen Problemen, denen das Zarenreich gegenübergestellt war, abzulenken und außenpolitisch "Erfolge" einzufahren. Hinter der albernen Schlüsselangelegenheit steckte dabei jedoch der Anspruch, sich die Reste des Osmanischen Reiches einzuverleiben, als "Schutzmacht" für die orthodoxe Christenheit in den osmanischen Ländern, die bis nach Ägypten reichten, aufzutreten und vor allem: für Russland für alle Zeiten freie Passage vom Schwarzen Meer durch die Dardanellen ins Mittelmeer zu gewinnen. Russland hatte sich damit allen bisherigen Partnern und den übrigen europäischen Mächten gegenüber ins Abseits gestellt.

Die Türken ließen sich jedoch wider Erwarten nicht so einfach von den Russen "über den Löffel balbieren" und behaupteten, für den Schutz der orthodoxen Christen in ihren Ländern selbst sorgen zu können. Als Schutzmacht wollten sie das Zarenreich zuallerletzt anerkennen. Die zur Hilfe eilenden Briten verfolgten, unter dem Vorwand, sich der Westkirche verpflichtet zu fühlen, ihre eigenen Interessen, die zu dieser Zeit deutlich kolonial geprägt waren und für den von ihnen propagierten Freihandel vor allem in Asien fürchteten. Den Expansionsdrang der Russen suchte man unter allen Umständen zu begrenzen, was vor allem für den freien Zugang zum Mittelmeer galt. Den ebenfalls beteiligten Franzosen und ihrem Kaiser Napoleon III. wiederum ging es darum, das geschädigte Ansehen Frankreichs im Ausland zu stärken, das nach Napoleon I. sehr gelitten hatte.

Im Kern ging es bei diesem, bei all dem "metaphysisch überhöhten" und damit unfaßbaren Kriegsgeschehen, welches entbrannte und als erster fürchterlicher Stellungskrieg (wie das spätere Verdun) endete, Russland vordergründig um Religion (und weltpolitischen Einfluß). England ging es um um seine relgiösen Interessen im osmanischen Reich (und seine weltwirtschaftlichen Interessen). Frankreich ging es darum, durch seine Beteiligung am Krieg auf der Krim dem Druck seiner eigenen Katholiken nachzugeben und "Flagge zu zeigen" für die römisch-katholische Kirche (und seine außenpolitische Reputation, also seine "Öffentlichkeitsarbeit"). England und Frankreich zusammen ging es schließlich um einen Kreuzzug des (vorgeblich) kultivierten und zivilisierten Westens gegen den (vorgeblich) despotischen und unzivilisierten Osten Russlands. Eine Melange von Aktionen und Reaktionen sondergleichen also.

Der Krimkrieg stellte über all dieses hinaus auch das erste Beispiel eines Krieges dar, der stark von der Presse der beteiligten Länder und deren Öffentlichkeiten mitgeprägt wurde, was die Regierungen, die Armeeführungen, die Stäbe an der Front, und nicht zuletzt die medizinische Versorgung der beteiligten Armeen vor völlig neue Herausforderungen stellte. Die englische Krankenschwester Florence Nightingale ist nicht zu Unrecht die wohl am häufigsten genannte Persönlichkeit, wenn es um den Krimkrieg geht.

Alles zusammengenommen ist festzustellen, daß der europäische Krieg auf der Krim, der schließlich ohne erkennbare Sieger und Verlierer zu Ende ging, sich klammheimlich selbst verzehrte und schreckensvoll ausbrannte, als Kriegsgeschehen in die Weltgeschichte eingegangen ist, das sich aller Art von rationaler Begründung und Beurteilung bis auf den heutigen Tag entzieht und als Lehrstück "metaphysischer Kriegsführung" einzustufen ist. Seine Bedeutung wird dadurch in keiner Weise geschmälert, weil es sich gezeigt hat, daß Kriege in der Folge ebenfalls kaum noch einer rationalen Begründung mehr zugänglich gewesen sind. Der Krimkrieg war demnach der Phänotyp eines Krieges, wie er seither die Welt bestimmt hat. Ganz besonders trifft dies natürlich auf die latent drohenden (und teilweise ausgetragenen) kriegerischen Auseinandersetzungen zu, die heute in schneller Folge im Vorderen Orient entbrennen - und ebenso schnell in der Regel wieder verlöschen. Im Hinblick darauf, daß diese Kriege jetzt sogar unter dem Namen "Heiliger Krieg" angezettelt und propagiert werden, war der Krimkrieg am Ende doch nicht wirklich "ein letzter Kreuzzug".
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5.0 von 5 Sternen Krimkrieg, 9. März 2014
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Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
ein interessantes Buch der Zeitgeschichte aus den vergangenen Jahrhunderten.
Aus der ganzen Situation, die zum damaligen Krieg geführt hat, hat sich bis dato nichts geändert.
Der damalige Konflikt zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch das Buch und ist gerade wieder ub to date !
Die Machtbesessenheit ist heute so wie damals nur die bewaffnete Auseinandersetzung ist minimal geringer!

Das Schicksal der Beteiligten wurde nur durch den übermenschlichen Einsatz von Florence Nightingail erträglicher.
Die sie in das Unheil geschickt hatten, ließen die Überlebenden im Stich. Daran hat sich nichts geändert!
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1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr interessanter Einblick, 21. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
Orlando Figes legt hier ein gutes Werk über den Krimkrieg vor. Dazu wertet er nicht nur westliche, sondern auch russische Quellen aus.

Besonders positiv ist, dass Figes die religiösen und geopolitischen Gründe für den Krieg und die diplomatischen Winkelzüge beleuchtet.

Auch auf die militärischen Besonderheiten und die Vorzüge und Nachteile der jeweiligen Armeen geht er ein. So legt er beispielsweise dar, dass die Franzosen besser als die Briten mit dem Krieg in seinen Anfangszügen klar kamen.

Indem er auch das Gedenken an den Krieg in den einzelnen Ländern und die Rolle der sich damals immer stärker abzeichnenden Massenmedien erwähnt, beschränkt sich der Autor lobenswerterweise nicht nur auf die politische und militärische Ebene. Besonders die Kriegslüsternheit der Engländer und die eher vorherrschende Kriegsunlust der Franzosen nennt er, und er erwähnt auch das Eingreifen Sardiniens auf Seiten der Westmächte.

Schonungslos legt er in seiner Schilderung die Grausamkeiten des Krieges und das abscheuliche Verhalten vieler Soldaten auf beiden Seiten dar. Aber er vergisst auch nicht zu erwähnen, dass Soldaten beider Seiten miteinander fraternisierten. Sehr klar wird dadurch, dass auf jeden Fall auf Ebene der einfachen Soldaten einfache Freund-Feind-Schemen nicht greifen (im Gegensatz etwa zu primitiven Machwerken aus der Fantasy und Science Fiction Ecke).

Etwas Schade ist aber, dass die Gliederung meiner Meinung nach ein wenig misslungen ist. Die Kapitel hätten kleiner sein sollen. Außerdem ist es schwierig, einzelne interessante Abschnitte wie die Sanitätsversorgung, die Waffentechnik, das Verhalten der Soldaten untereinander etc. in den großen Kapiteln wiederzufinden. Stattdessen muss man sich die entsprechenden Seitenzahlen auf einem Zettel vermerken.

Auch hätte ich mir gewünscht, Figes hätte auch türkische Quellen ausgewertet. Da Türkisch aber keine einfache Sprache ist und das Lernen Zeit erfordert, ist dies verständlich.

Schließlich kann ich mich wie andere hier nicht des Eindrucks erwehren, dass die Militärtechnik noch ausführlicher hätte dargestellt werden können.

Insgesamt aber ein gutes Buch über ein Thema, zu dem es leider zuwenige Veröffentlichungen gibt.
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5.0 von 5 Sternen erstaunlich aktuell, 19. März 2014
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Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
da soll noch mal jemand sagen, Geschichte wiederholt sich nicht. Figes hat sehr gut beschrieben, wie und warum es zum Krieg kam. Er hat auch hervorragend die rolle der Presse dargestellt. Es wird dabei erschreckend, das die Mechanismen der Politik immer noch die selben sind wie damals.
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0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen sehr eindrücklich, viele bisher für mich unbekannte Informationen., 16. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg (Kindle Edition)
Bin sehr an Geschichte interessiert.
Das vorliegende Buch bietet einen ausgezeichneten Einblick in die Machtpolitik
der Grossmächte im 19. Jahrhundert. Einflüsse und Auswirkungen der Politik dieser
Epoche sind bis heute sichtbar.
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Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug
Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug von Orlando Figes (Gebundene Ausgabe - 1. Oktober 2011)
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