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153 von 171 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Genialisch!
Was für ein Brocken! Was für ein Werk! An Kühnheit kaum zu überbieten. An Komplexität und Vielschichtigkeit beeindruckend. Ein 1400-Seiten Roman über das anspruchsvolle Thema des 2. Weltkriegs und des Holocaust. Erzählt ausgerechnet aus der Perspektive eines SS-Offiziers. Geschrieben von einem jungen französischen Juden. Obendrein...
Veröffentlicht am 5. Januar 2009 von Thomas Reuter

versus
50 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wer ist Max Aue?
Das Buch ''Die Wohlgesinnten' stellt für mich keineswegs das befürchtete monströse oder auch epochale literarische Werk dar, das es zum Teil laut Presse hätte sein sollen. Viel eher erscheint es mir - stilistisch gesehen - eher schlicht, psychologisch sogar zu eindimensional zu sein. Allein der Umfang mag als monströs bezeichnet werden, was nicht...
Veröffentlicht am 4. Mai 2008 von Herr Odes


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153 von 171 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Genialisch!, 5. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Was für ein Brocken! Was für ein Werk! An Kühnheit kaum zu überbieten. An Komplexität und Vielschichtigkeit beeindruckend. Ein 1400-Seiten Roman über das anspruchsvolle Thema des 2. Weltkriegs und des Holocaust. Erzählt ausgerechnet aus der Perspektive eines SS-Offiziers. Geschrieben von einem jungen französischen Juden. Obendrein ein Debütroman. Man muss schon einige Superlative versammeln, um den Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell zu beschreiben. Allein schon beim Durchblättern mag man in die Knie gehen: 1400 eng bedruckte Seiten im Blocksatz. Nirgendwo die Spur eines auflockernden Dialoges mit zerfransten Zeilenenden. Stattdessen eine Flut von völlig identisch aussehenden Seiten, im Anhang ein 30-Seitiger Glossar mit den Fachtermini der Deutschen Wehrmacht und eine Konkordanz der Dienstgrade der SS, der Wehrmacht und der Polizei. Nimmt man noch das Inhaltsverzeichnis hinzu, ausschließlich bestehend aus Bezeichnungen der Musik und des Tanzes wie "Courante" und "Sarabande", weiß man: dieser Mann meint es ernst.
Da werden die Literaturwissenschaftler einiges zu bearbeiten haben, wenn erst einmal das empörte Geblöck des Feuilletons verstummt ist. Denn einen Vorwurf kann man Littell sicher nicht machen: dass er es sich leicht gemacht habe und dass er bloß provozieren wolle. Oder dass er gar politisch verdächtig wäre. Dazu ist dieses Riesenwerk viel zu komplex und viel zu genau.
Denn es geht ja nicht darum - wie manche Kritiker gerne glauben machen wollen - dass mit der Erzählung der Judenvernichtung aus der Perspektive eines SS-Manns letzte Tabus fallen sollen. Der erzähltheoretische Rahmen und die ganze Anlage des Werks ist so vielschichtig, dass jeder kurzgeschlossener Moralismus ins Leere läuft.
Dies fängt natürlich bereits bei der Titelgebung "Die Wohlgesinnten" an, die mit dem Verweis auf den griechischen Mythos der Orestie einen ganzen Kosmos der Auslegung aufschlägt. Die Wohlgesinnten sind bei Aischylos die endlich besänftigten, schrecklichen Schicksalsgöttinen Erinnyen, die nach der Verurteilung des Orest ins Freundliche gewandelt sind. Orest ist im Mythos schuldig des Muttermordes. Und auch Obersturmbannführer Aue erschlägt in der Mitte des Romans Mutter und Stiefvater. Aue unterhält aber zudem noch ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester, die, wie könnte es anders sein, Una heißt, was für 'Eins' oder 'Vereinigung' stehen mag. Mit dem Muttermord, bzw. dem stellvertretenden Vatermord und dem Inzest verknüpft Littell seinen Roman mit dem mythologischen Kern der abendländischen Überlieferung.
Das Spiel der Spiegelungen und Vereinigungen geht aber noch weiter: Bei dem Besuch bei den Eltern, in dessen Folge Aue sie ermordet, entdeckt er zwei bei ihnen lebende Kinder, Zwillinge. Aue ist von diesen Zwillingen, die er nicht zuordnen kann, höchst irritiert, bis zum Ende des Romans eine dumpfe Ahnung Gewissheit wird: es handelt sich um seine eigenen Kinder, inzestuös gezeugt mit seiner Zwillingsschwester Una.
Darüber hinaus ist Maximilian Aue aber, von der Vereinigung mit der Schwester abgesehen, schwul. Die Homosexualität ist ein weiterer Stein im Motivkomplex der Vereinigung des Unvereinbaren, in der sich der Zug zur Negation der Differenz offenbart. Dieser Furor der Identität, dieses Verlangen nach Ursprünglichkeit und Einheit, die ja auch als Fundament der Naziideologie angesehen werden kann, gipfelt in der Spiegelung von Juden und Ariern. So sieht beispielsweise Aue beim Besuch einer Führerrede in einer surrealistisch anmutenden Szene Adolf Hitler als Rabbi. Mehrfach wird das Zwillingshafte als Motiv zwischen den Juden und den Deutschen aufgerufen. Schließlich noch wird Aue nach der Ermordung seiner Eltern in fast kafkaesker Manier von einem wie Zwillinge auftretendes Ermittlerpärchen verfolgt. Und die Auflösung der Differenz im einzigen 'Scheitelauge', das Aue in Stalingrad in die Stirn geschossen wird, mit welchem er fortan eine geschärfte Sichtweise der Welt hat.
All dies schafft erst einmal einen literaturhistorischen und -theoretischen Rahmen, der es in sich hat! Die weiteren intertextuellen Bezüge sind zahllos!
Aber dies ist ja nur die eine Seite des Werkes, zeigt nur, auf welchem Niveau er angesiedelt ist. Etwas anderes ist die Handlung und das Erzählen selber:
Selbst Historiker bescheiden Littell unglaubliche Genauigkeit, was die Fakten der Darstellung angeht, wenn er Maximilian Aue als SS-Offizier das gesamte Panorama Europas im 2. Weltkrieg durchlaufen lässt.
Und was das Erzählen angeht: Es ist großartig! Über 1400 Seiten kommt keine Langeweile auf. Es gibt erschütternde Passagen, es gibt Passagen, die einem einiges abverlangen. Es ist ein gewaltiges Werk! Die literarische Auseinandersetzung mit Nazideutschland für das 21. Jahrhundert.

Thomas Reuter
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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Widerlich, abscheulich, genial, 26. April 2010
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wie wird gemeinhin ein SS-Offizier beschrieben? Eigenschaften und Auszeichnungen wie ein Doktortitel, eine sehr große Allgemeinbildung, die Bereitschaft, das Morden, die Massenerschießungen, irgendwie zu rechtfertigen und eine damit verbundene Abneigung gegen alle Sadisten in den SS-Reihen, aber auch Homo- und Transsexualität, Inzest, Muttermord und das Töten bester Freunde, die das eigene Leben mehr als einmal retteten oder Antriebslosigkeit ' solche Charaktermerkmale fehlen meist. Doch genau mit diesen ist der Ich-Erzähler in Jonathan Littells Roman, der bis zum Obersturmbannführer beförderte und mit zahlreichen Ehrenauszeichnungen versehene Jurist namens Maximillan von Aue, ausgestattet. In diesem Sinne stellt er gewissermaßen einen Anti-Nazi dar, auch wenn gewisse Überzeugungen ähnlich denen der 'typischen' SS-Mitglieder sind, wenn auch ungleich durchdachter. Dazu gehört die Ansicht, nichts zu bereuen und nur die Pflicht erfüllt zu haben; man war eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Aue, oder 'Max', wie ihn Littell selbst nennt, geht allerdings noch weiter. Er hält es nicht für entscheidbar, welche von den am Holocaust mitgewirkten Personen, die meiste Schuld träfe. Alle seien nur Rädchen im Getriebe gewesen, die meisten von 'euch' (Max wendet sich besonders im ersten Teil des öfteren direkt an den Leser) hätten ebenso gehandelt. Mit einem eindringlichen 'Ich bin wie ihr!' endet der erste Teil.
Littell hat die besondere Begabung, hinter die Kulissen zu schauen, zwischen den Zeilen zu lesen. Derart offenbaren sich dem Leser einige bis dato unklar gebliebene Motive von Himmler und anderen, die an der Schlächterei mehr oder minder direkt beteiligt waren; da auch einige wesentlichen Merkmale des Nationalsozialismus mit dem Ziel beschrieben werden, ihn zu rechtfertigen und nicht, wie gemeinhin üblich unter der Prämisse, dass er falsch ist, kann der Leser selbst die Fehler finden. Im Marginalienband erläutert Littell in einem Interview, weshalb eine systematische Ausrottung der Homosexuellen nicht stattgefunden hat, obgleich Himmler von ihnen besessen war und sie alle töten wollte: Die bürokratischen Apparate hätten gegeneinander operiert, bspw. schickte das Justizministerium sie ins Gefängnis, nicht ins Lager, wie von Himmler verlangt, da 'wenn Hitler keine Richtung angibt ... nichts voran' ginge (S.44). Littell schreibt in einem fast schon melodisch zu nennenden Stil, den der Übersetzer geschickt beizubehalten wusste und der sich vom ersten ('Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen.'; ja, ich weiß, dass waren zwei Sätze) bis zum letzten Satz ('Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen.'). Die Zeichensetzung läuft gängigen Konventionen zu wider; viele Semikolons 'zerhacken' die Sätze, Kommas statt Punkten lassen Sätze hier und da sehr lang werden. Absätze gibt es bewusst selten: 'Der Text soll Blöcke bilden, Blöcke, die den Leser ersticken und denen er sich nicht so einfach entziehen kann.' So Littell in einem Brief an seine Übersetzer (Mariginalienband, S. 10). Mit am meisten beeindruckt jedoch die Allgemeinbildung des Autors: Er kennt zahlreiche Werke der alten Griechen und Römer, von russischen Schriftstellern, Philosophen und Sprachwissenschaftlern, die Max oder seine Gegenüber zitieren. Wie Lanzmann, der Regisseur von 'Shoah' erwähnte, sei die absolute Exaktheit der Darstellung beachtenswert: Auch wenn es nie einen Obersturmbannführer Aue gegeben habe, so ist dieser doch sehr gekonnt in die auf Fakten beruhende Geschichte des 3.Reiches, eingeflochten worden.
Das Buch empfande ich stellenweise als nur schwer lesbar. Auch wenn die Progrome oder Massenerschießungen der Einsatzgruppen sehr plastisch und damit eindringlich geschildert werden, so wirken die Beschreibungen der immer abnormaler werdenden Phantasien von Max um ein vielfaches nervenzehrender, abstoßender, zumal der Ich-Erzähler nicht nur sein psychisches sondern auch physisches Innenleben detailreich zu beschreiben weiß ' er leidet übrigens seit den Massenerschießungen in der Ukraine an unregelmäßigem, dafür jedoch recht plötzlichem Erbrechen.
Das Buch ist in sieben Teile gegliedert, die nach alten Tänzen benannt sind, von Toccata bis Gigue. Und für wen ist es bestimmt? Die wirkliche Gefahr seien 'die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht.' Und nicht die Megalomanen und Psychopathen, diese würden vom Staat rasch zertreten. 'Die wirkliche Gefahr für den Menschen bin ich, seid ihr. Wenn ihr davon nicht überzeugt seid, braucht ihr nicht weiterzulesen. Ihr werden nichts verstehen und euch nur ärgern, nutzlos für euch ' wie für mich.' (S.35)
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99 von 119 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen EPOCHAL, 26. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman, beim dem man sich fragt, warum der erst jetzt geschrieben wurde. Er erzählt die Geschichte des SS-Offiziers Dr. Max Aue, der nolens volens in die Verstrickungen der NS-Menschenvernichtungsmaschinerie involviert wird. Er ist beteiligt an der Judenvernichtung in der Ukraine, er entkommt knapp dem Kessel von Stalingrad und ist später Sonderbeauftragter von Himmler für die Konzentrationslager. Aus seiner Sicht erlebt man den Krieg im Osten und den Untergang des Dritten Reiches hautnah mit.
Mit tiefem Einfühlungsvermögen erzählt Littell in der Ich-Form, also aus der Sicht des SS-Mannes. Seine Beweggründe, seinen Weltanschauung, sein Antrieb, seinen Probleme mit seinem "Job". Dieser einzigartige historische Roman wird nie langweilig, im Gegenteil: ich las die gut 1300 Seiten in knapp einer Woche. Bestimmt wird er die Leser spalten: in die Moralisten, die mit erhobenem Zeigefinger vor Verharmlosung, Beschönigung oder Schleichwerbung für den Nationalsozialismus warnen werden und solchen, die sich unvermittelt fragen: wie hätte ich mich anstelle von Dr. Aue verhalten? Von Beschönigung kann keine Rede sein: die Situation bei den Judenvernichtungen ist wohl derart realistisch geschildert, dass man manchmal innehalten muss. Die Schilderungen aus Stalingrad klingen so, als wäre Littell selber dabeigewesen: man spürt Trostlosikeit, Hunger, Kälte, Verzweiflung. Gnadenlos stellt Littell die Dinge dar, wie sie eben waren, und das mit einer überaus beeindruckenden Sachkenntnis.
Littell wollte den Nationalsozialismus und den Rassenwahn aus der Sicht der Zeit und der Täter darstellen. Ohne zu werten, ohne davon etwas gutzuheißen - der Verdacht entsteht nicht. Das ist das einzigartige an diesem Roman. Dies gelingt Littell vor allem in Form von meisterhaft dargestellten Diskussionen und Dialogen. Immer wieder stellt er subtil die mehr als privilegierte Situation der SS mit ihrem Fress- und Saufgelagen der darbenden Bevölkerung und den verhungernden KL-Häftlingen gegenüber. Faszinierend fand ich die Darstellung des "inneren" Zusammenwirkens der Machtapparate des Dritten Reiches, die Beschreibung der handelnden Personen und Umstände. Littell ist hier ein Werk gelungen, das ohne zu übertreiben als epochal bezeichnet werden muss.
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50 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wer ist Max Aue?, 4. Mai 2008
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das Buch ''Die Wohlgesinnten' stellt für mich keineswegs das befürchtete monströse oder auch epochale literarische Werk dar, das es zum Teil laut Presse hätte sein sollen. Viel eher erscheint es mir - stilistisch gesehen - eher schlicht, psychologisch sogar zu eindimensional zu sein. Allein der Umfang mag als monströs bezeichnet werden, was nicht zuletzt mit der akribischen Erzählweise von Littell zusammenhängt. Dabei ist es sicherlich ein Pluspunkt dieses Werks, dass es sehr gut und detailliert recherchiert ist, und gerade deswegen um so authentischer wirkt. Leider muss diese Detailverliebtheit aber als sehr einseitig bezeichnet werden. Im Hinblick auf manche Szenen nimmt sich Littell zwar viel Raum für minutiöse Ausführungen, beispielsweise das Judenmassaker bei Kiew, oder -' anderes Thema '- die Debatte über die Abstammung der Bergjuden, etc' ... auf der anderen Seite sind das beschreibende, rezipierende Ausführungen, die zwar vom Blickwinkel her zum Teil die interessante Facette der Ich-Perspektive (eben: des sog. Täters) beinhalten, die aber leider im Hinblick auf den Charakter Max Aues zu oft seltsam schwammig und ungriffig bleiben.

Vielleicht mag man diese Undifferenziertheit gerade im Sinne der Kernaussage des Werks deuten: Wir alle sind Wohlgesinnte, wir alle sind letztendlich so, wie auch Max Aue nur jemand ist, der tut, was getan werden muss (vor dem Hintergrund einer bestimmten Weltanschauung und deren Umständen), und wir hätten genau so gehandelt, wären wir an seiner Stelle gewesen. Diesem Determinismus, so möchte man meinen, kann man sich -' defätistisch gesehen - nicht wiedersetzen. Aber gerade weil es so ist, und weil es da eine Kraft gibt, die uns ab und an wie eine Marionette zu leiten scheint, gibt es nicht für jede Handlung ein klares Motiv, das uns vielleicht beruhigen oder entsetzen mag, aber das zumindest jeden Akt als etwas benennt, nach dem man es einordnen und erklären kann.

Diese blinden Flecke, die man in der Berichterstattung des Max Aue immer wieder wahrnimmt, führen dazu, dass man als Leser stets etwas mehr erwartet, weil man sich doch eine konkretere Erklärung für manch eine der beschriebenen (Gräuel-)Taten erhofft... gerade aus der Ich-Erzähler-Perspektive. Das mag wie oben angesprochen vielleicht an einem selbst liegen, da man sich nun mal generell immer nach klaren, eindeutigen Antworten sehnt. Zum anderen will ich doch hoffen, dass das Töten oder auch das Beiwohnen bei abartigen Massakern mehr auslösen muss, als nur Magen-Darm-Verstimmungen und einige wenige mäandernde Traumbilder, die Max Aue hin und wieder aus dem Schlaf schrecken lassen. In diesem Punkt versagt Littells Werk. Es kann nun mal nicht mehr liefern, als das, was eigentlich schon längst aus den Geschichtsbüchern, auch in Bezug auf die Eindringlichkeit der gelieferten Bilder, bekannt ist. Die Täterperspektive bleibt im Ansatz stecken. Mehr als Oberflächlichkeit gibt es nicht zu entdecken.

Leider meint Littell zudem, er müsste die primär historisch ausgelegte fiktive Biographie noch mit stellenweise absurd obszönen Sex-Phantasien und inzestuösen Verstiegenheiten des Ich-Erzählers unterfüttern. Das ist schade, denn diese Abschweifungen verwirren aufgrund ihrer Willkürlichkeit im Rahmen der Gesamtgeschichte. Sie wirken aufgesetzt und pseudo-individuell.

Bei aller Kritik: 'Die Wohlgesinnten' bleibt ein spannendes Buch, das den Leser damit lockt, ihn zum Voyeur zu machen, und in den Abgrund des Bösen eintauchen zu lassen, was immer da auf einen zukommen mag. Trotz des klaren aber sehr einfachen Stils hat mich Littells Werk gefesselt. Das Potenzial aber, das man aus der Möglichkeit, ein Täter-Buch über diese Zeit zu schreiben, hätte ziehen können, bleibt meines Erachtens gerade im Hinblick auf die psychologische Dimension flach und größtenteils ungenutzt.
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44 von 54 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erstaunlich und überraschend., 21. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es lässt sich nicht verleugnen: Der Medienrummel um Jonathan Littells Buch macht es schwierig, sich den "Wohlgesinnten" unvoreingenommen zu nähern. Nach dem "Prix Goncourt" in Frankreich nun die deutsche Übersetzung.

Meine Vor-Urteile hat das Werk auf jeden Fall widerlegt. Ich hatte nach den Rezensionen eine Art historischen Roman erwartet, aus belegbaren Details gestaltet, und durch die Erzählung des Protagonisten in eine Form gebracht.

Details enthält das Buch eine Menge, und manchmal verliert man die Übersicht in den vielen Namen, Abkürzungen und Ereignissen. Zudem macht es einem die Figur Max Aues oft schwer in seiner selbstzentrierten Art und seinen mäandrierenden Selbstbetrachtungen.

Und dennoch: In der Beschreibung von Aues Weg in der SS-Verwaltung, seinen Bekanntschaften und Kriegserlebnissen erreicht Littell eine außergewöhnliche Intensität. Vor den Augen des Lesers entsteht in den besten Momenten ein Panorama des 2. Weltkriges, für das man schwer eine Paralelle findet und das weit entfernt ist von platter Anti-Nazi-Rethorik.

Oft fühlte ich mich den Grimmmelshausens "Simplicissimus" und der Darstellung des 30-jährigen Krieges erinnert. Also ein echter "Voyage au bout de la nuit". Dem absoluten Schrecken kann man sich nur fiktiv nähern, und hier ist Littell wirklich Außergewöhnliches gelungen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erschütterndes Kriegsepos, selten sind Fiktion und Realität so hart aufeinander geprallt, 13. Februar 2014
Von 
Peter Mueller (Raetia) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Taschenbuch)
Zunächst mal zu den allgemeinen Kritikpunkten: Es wurde z.B. bemängelt, dass die Figur Max Aue unglaubwürdig sei, da zu paradox, einerseits ein Intellektueller, anderseits ein überzeugter, kaltblütiger SS-Offizier. Allerdings sollte man sich dann auch fragen, ob das nicht auf sehr viele Führungsfiguren der Nazis oder auch anderer totalitärer Systeme zutreffen würde. Oder direkt gefragt: war denn ein Heydrich, ein Dr. Goebbels oder ein Göring auf ihre Weise nicht mindestens genauso “irreal“ oder genrehaft? Natürlich ist diese Figur vom Autor so hinkonstruiert worden, dass es möglich ist (möglich, nicht zwingend), sich mit ihr ein Stück weit zu identifizieren, trotz aller Perversität und Skrupellosigkeit. Mit einer realen Figur wäre das schlecht möglich gewesen. Und dass dennoch historisch so exakt und mit einem tiefen Blick in Details und Zusammenhänge geschrieben wird, hätte ich vorher gar nicht erwartet, bzw. gar nicht für möglich gehalten, in dieses faktische Grundgerüst eine fiktive, spannende Handlung einzuflechten (bis auf ganz bewusste Ausnahmen wie der Nasenbiß). Zumindest kann ich das dort sagen, wo ich z.B. über die Speer-Biographie ausreichend Hintergrundwissen zu haben meine. So wurde etwa ein Ausspruch eines Speer-Mitarbeiters beim Anblick eines Zwangsarbeiterlagers 1:1 übernommen, da es die Szene perfekt beschrieben hat. In solchen Fällen war eine dichterische Steigerung also gar nicht notwendig und ein guter Autor muss so etwas dann auch erkennen und umsetzten.

Dass das Buch anderseits von Gewalt- und Sexszenen überlagert wird, würde ich so auch nicht behaupten. Dass eine Massenerschießung heutzutage auch mit brutalen und heftigen schriftstellerischen Mitteln inszeniert wird, wird jeder einsehen. Die realen und erdachten Perversionen des Protagonisten dagegen sind für die eigentliche Handlung zugegebenermaßen eher nebensächlich. Aber der Orest-Mythos bildet nun einmal einen Grundfaden und Leitgedanken des Romans, der 2. Weltkrieg dagegen bleibt letztlich nur Hintergrund oder Bühnenbild wenn man so will. Immerhin muss man die Sexszene auf dem Schafott oder die Selbstbefriedigung vermittels eines umgestürzten Baumes als originell bezeichnen. Wer sich von so etwas abgestoßen fühlt, sollte dann ganz einfach das Buch nicht lesen, das meine ich gar nicht hämisch, etwa meinem Vater, der sich auch für den 2. WK interessiert, würde ich das Buch niemals trauen zu empfehlen aufgrund dieser Szenen.

Was für mich letztlich den Ausschlag gegeben hat, das Buch zu hervorzuloben und mich reizt, es bald ein zweites Mal zu lesen, sind die Dialoge, vor allem mit dem Völkerforscher im Kaukasus, dem Arzt und seinem einzigen Freund Thomas. Hier wird, fast wie man es aus einigen Thomas Mann-Romanen kennt, aufs anregendste philosophiert. Wie sich die Nazi-Ideologie mit Kant vertrage etwa oder über die Musik von Bach und Wagner, über Lermontow und Stendal, die “Kollaborations“-Literaten Céline und Brasillach, die Ideologen Marx und Moses Hess und so weiter. Beeindruckend für einen relativ jungen Autor, ich bin sehr, sehr gespannt, ob er dieses Kunststück noch einmal wiederholen kann in den kommenden Jahren.
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56 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Es hätte ein großer Roman werden können, 20. Mai 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Seit Jahrzehnten lag ein Thema in der Luft, das den Schriftsteller, der sich seiner annahm, schlagartig berühmt machen musste. Jonathan Littell, ein des Deutschen unkundiger jüdischer Franzose amerikanischer Abstammung, hat es nun getan und die erste großangelegte Darstellung der Shoah aus der Täterperspektive geschrieben. Das Ergebnis ist grandios und enttäuschend zugleich.

Auf den ersten 1200 Seiten konnte ich die überschwängliche Reaktion der französischen Kritik nachvollziehen, auf den letzten 160 Seiten verstand ich die vernichtende Haltung der deutschen.

Hauptfigur des Buches ist Dr. jur. Maximilian Aue, ein SS-Offizier, der im Laufe des Krieges vom Obersturmführer zum Obersturmbannführer aufsteigt, dabei alle wichtigen Stationen mitmacht, - Babij Jar, den Kaukasus, Stalingrad, Auschwitz, Budapest, Dora-Mittelbau, Berlin - und Gelegenheit hat, den meisten Hauptfiguren zu begegnen: Reichenau, Best, Heydrich, Himmler, Eichmann, Ohlendorf, Kaltenbrunner, Schellenberg, Globocnik, Höss, Mengele, Speer, Frank und schließlich Hitler.

Der erstaunliche Weg seines Protagonisten erlaubt es Littell nicht nur fast alle Aspekte des Völkermordes mit eindrucksvoller Detailkenntnis zu behandeln, sondern auch Reflexionen über die Motive der Täter anzustellen. Hinsichtlich der direkten Mörder lässt er keinen Zweifel daran, dass nur wenige von ihnen aus niederen Beweggründen handelten. "Einige genossen erkennbar die Tat an sich, doch diese Soldaten konnte man wohl als krank betrachten, es war völlig richtig, sie abzuziehen ... Was die anderen betraf, die angewidert oder gleichgültig reagierten, sie entledigten sich ihrer Aufgabe aus Pflichtgefühl ... 'Aber das Töten macht mir überhaupt keinen Spaß', war häufig von ihnen zu hören, für sie bestand das Vergnügen eben in ihrer strengen Dienstauffassung und ihrer Tugend" (S. 141).

Gerade ihre Moralität habe diese Männer zu Mördern gemacht, denn sie verlangte von ihnen, sich den Normen einer Gesellschaft unterzuordnen, die das Töten von Juden nun einmal für richtig erklärt hatte. Indem sie sich fügten, hätten sie ebenso gehandelt, wie die Mehrzahl der Menschen aller Zeiten und Völker. Aus diesem Grunde kann Aue den Nachgeborenen entgegenhalten, dass sie nicht anders seien als er. "Ich bin schuldig, ihr seid es nicht, wie schön für euch. Trotzdem könnt ihr euch sagen, dass ihr das, was ich getan habe, genauso hättet tun können ... Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit geboren seid, wo nicht nur niemand kommt, um eure Frau und eure Kinder zu töten, sondern auch niemand, um von euch zu verlangen, dass ihr die Frauen und Kinder anderer tötet, dann danket Gott und ziehet hin in Frieden. Aber bedenkt immer das eine: Ihr habt vielleicht mehr Glück gehabt als ich, doch ihr seid nicht besser" (S. 33).

Nur wer absolute moralische Maßstäbe besitze, sei davor gefeit, zum Mörder zu werden. "Insofern ist es kein Zufall, dass die wenigen Menschen, die sich gegen die Macht auflehnten, in ihrer Mehrzahl religiös waren. Sie hatten sich einen anderen moralischen Bezugspunkt bewahrt, ... Ohne Gott wäre ihnen das unmöglich gewesen, denn woher hätten sie die Rechtfertigung nehmen sollen? Welcher Mensch könnte, auf sich selbst gestellt, ... eine Trennungslinie ziehen und sagen, dies hier ist gut und das dort ist böse? (S. 827). Zur Veranschaulichung dieses Gedankes fingiert Littell ein Gespräch, in dem er Aue dem Kant-Leser Eichmann demonstrieren lässt, dass die Ausrottungsmassnahmen der SS mit dem kategorischen Imperativ vereinbar seien.

In Bezug auf die oberste Verantwortungsebene muss die Darstellung einen Umweg einschlagen. Da Aues Begegnung mit Hitler erst am Ende des Romans erfolgt, können die Motive des "Führers" nur über einen Mittelsmann aufgeschlüsselt werden, in diesem Falle seinen Vertrauten Dr. Mandelbrod, der den Grund für die "Endlösung" in der Ähnlichkeit von Deutschen und Juden sieht. "Die Juden sind die ersten wahren Nationalsozialisten, schon seit fast dreitausend Jahren ... Das ist der Grund, warum die Juden von all unseren Feinden die schlimmsten und gefährlichsten sind ..." (S. 636). "Auf dieser Erde ist nur Platz für ein auserwähltes Volk ... Entweder sie sind es ... oder wir sind es." (S. 638).

Da diese Ausführungen der oft formulierten Überzeugung Hitlers, die Deutschen hätten nichts mit den Juden gemein, diametral widersprechen, sind sie zweifellos der historisch schwächste Teil des Buches. Trotz aller Recherchen scheint die Gedankenwelt des Diktators Littell fremd geblieben zu sein.

Im Gegensatz dazu ist seine Erklärung für das Verhalten der unmittelbaren Mörder durchaus erstzunehmen. Ihre Schwäche besteht allenfalls darin, dass sie nicht in die Erzählung eingebunden, sondern ihr thesenförmig angehängt wird. Was dem Roman fehlt, ist eine nachvollziehbare Schilderung der inneren Auseinandersetzung seiner Hauptfigur mit dem Mordgeschehen.

Den Platz dafür hat Littell geopfert, um einen zweiten Roman zu schreiben. Er handelt vom Privatmann Max Aue, der in seiner Jugend eine inzestuöse Beziehung mit seiner Zwillingsschwester Una hatte, aus Enttäuschung über die erzwungene Trennung von ihr homosexuell wurde und sich nun regelmäßig in erotischen Phantasien inzestuöser und fäkaler Natur ergeht, deren präzise, vor keiner Obszönität zurückschreckende Beschreibung deutlich an de Sade und Bataille erinnert. Daneben ist der private Aue ein humanistisch gebildeter Schöngeist, der fließend altgriechisch spricht, für Bach schwärmt und an der Ostfront Platon, Stendhal, Sophokles und Flaubert liest.

Um diesen zweiten, im Grunde völlig selbständigen Roman, mit dem ersten zu verbinden, bedient sich Littell einer Struktur, die er der Orestie des Äschylos entlehnt. Er lässt Aue in einem Anfall geistiger Umnachtung seine Mutter ermorden und schickt ihm zwei Berliner Kriminalbeamte auf die Fersen, die offenbar die Rolle der Eumeniden (der "Wohlgesinnten" - der Titel hat also nichts mit der SS zu tun) übernehmen sollen.

Diese problematische Konstruktion führt dazu, dass der Obersturmbannführer Aue gegen Ende des Buches fast völlig vom inzestuösen Muttermörder Aue verdrängt wird, dessen Verhalten nun endgültig ins Pathologische abgleitet. Als er in den letzten Kriegstagen drei weitere Morde begeht und obendrein Hitler in die Nase beißt, scheinen diese Taten aus heiterem Himmel zu kommen. Littell versucht nicht einmal, sie verständlich zu machen.

Der militärische Zusammenbruch des Dritten Reiches geht einher mit dem schriftstellerischen Zusammenbruch Jonathan Littells. Unfähig sich zu entscheiden, ob er ein neuer Tolstoi oder ein neuer Bataille werden wollte, hat Littell gleich zwei Romane geschrieben. Der Versuch, sie gewaltsam zu verschmelzen, musste zwangsläufig das ganze Buch ruinieren, denn er verwandelt die Hauptfigur in einen Psychopathen, dem am Ende kein Leser mehr die Erklärung: "Ich bin wie Ihr" (S. 39) glauben kann. Schade, es hätte ein großes Werk werden können.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Literarisches Gewitter, 23. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Taschenbuch)
Nach der These des Verdrängens und Verleugnens der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, der Antithese des unreflektierten (wenn auch notwendigen) Beschuldigens der 68-Generation liefert Jonathan Littell die literarische Synthese der objektiven Beschreibung.
Durch die Augen des SS-Offiziers Max Aue erfährt der Leser einen Blick auf die Stationen des zweiten Weltkriegs und der darin begangenen Verbrechen, erhält detaillierte Einsicht in die Organisation der SS (deren Bürokratie nicht ohne eine gewisse Komik geschildert wird) und vor allem eine Innenansicht eines Vertreters des Regimes. Vielleicht nicht einer typischen Ausgabe, zu reflektiert um verführt zu sein, zu leidenschaftslos um fanatisch zu sein, auch nicht brutal auf primitive Art, aber emotional abgestumpft genug um schlimmste Verbrechen ohne Regung zu begehen.
Dabei, und das ist eine der großen Leistungen Littells, bleibt einem dieser Mann nicht fremd. Schon am Anfang wird betont: Ich bin einer von Euch! Kein Ungeheuer, nichts Unfassbares, sondern ein Mensch (ein Paukenschlag schon der erste Satz: Ihr Menschenbrüder, lasst euch erzählen, wie es gewesen ist) Trotz seiner nazistischen Überzeugungen und Untaten begreift man, das hätte jeder (zumindest so mancher) sein können. Nur das Geboren sein in ein humaneres Umfeld hat den Leser selbst davor bewahrt, sich gegen einen Weg wie den von Max Aue entscheiden zu müssen (was unter dem Regime ja auch nicht nur eine moralische Entscheidung, sondern eine mit höchst persönlichen Folgen gewesen wäre).
Little geht weit über die Vergangenheitsbewältigung von Böll oder Grass hinaus. Indem er seine Figur nachvollziehbar macht, wenn auch nicht entschuldbar, ergänzt er den Aspekt eines nationalen Schuldigseins (was zweifellos zutreffend ist) um eine intime, persönliche Schuld (was schwerwiegender und nachhaltiger ist). Sein Blick auf das dritte Reich ist auch ein (unliebsamer) Blick auf eine Conditio Humana, der so schon lange überfällig war.
Trotz der großartigen literarischen Leistung, einiges konnte ich nicht nachvollziehen. Wieso macht Little seine Figur, über fast 1000 Seiten dem Leser glaubhaft und vertraut geschildert, fremd durch seltsame Schilderungen seiner sexuellen Neigungen, durch die Schilderung extremer persönlicher Abgründe, die nichts mit dem Kern der Erzählung zu tun haben (vielleicht habe ich eine Symbolik nicht verstanden) und dann noch mit einem etwas arg skurrilen, fast grotesken Abschluss.
Aber trotz dieser (zumindest von mir so empfundenen) Unruhen im ansonsten genialen Getriebe von Littles Epos, es ist zweifelsohne etwas ganz großes, und etwas anderes als 5 Sterne käme nicht in Betracht.
Nebenbei sie noch bemerkt, bei allem literarischen Anspruch und der Bedeutungsschwere des Werkes, es liest sich auch noch fesselnd und spannend, es nimmt sich seine Zeit, auch wenn man gerade eigentlich keine hat.
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Roman über die Untaten der SS aus der Sicht der Täter -, 15. Juli 2009
Von 
Tom Kadi (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Gebundene Ausgabe)
knapp 1400 Seiten lang, ein Erstlingswerk - das muss nicht sein, diese Lese-Strapaze erspare ich mir, habe ich lange Zeit gedacht. Bis eine Freundin mir erzählte, dass sie mit ähnlichen Vorbehalten das Buch zur Hand genommen und dann völlig darin versunken wäre. So ging es mir dann auch: Dieses bis ins kleinste Detail bestens recherchierte Werk ist ungemein spannend geschrieben, so dass es sich tatsächlich innerhalb von zehn Tagen (keine Ferien!) weglas. Die Perspektive erzeugt Grusel: Die Vernichtungsmaschinerie aus der Sicht eines Protagonisten, der sie als hoher SS-Offizier bedient hat, der auch jetzt lange nach dem Krieg seine Memoiren schreibend nichts bereut und kalt schildert, was er erelebt hat: Die Massaker nach dem Einmarsch in die SU, Babi Jar, Stalingrad, Auschwitz, das zerbombte Berlin. Dieser von Aue ist eine schwer gestörte Personlichkeit und diese Gebrochenheit seiner Person macht aus der Darstellung Literatur. In die Geschichte des 3. Reiches spinnnt sich seine Lebensgeschichte, die inzestuöse Beziehung zu seiner Zwillingsschwester, der mörderische Haß auf Mutter und Stiefvater, die Identifikation mit dem abtrünnigen Vater...Allein, wie Littell mit dem Zwillingsmotiv in diesem Roman umgeht, das seine Hauptfigur im privaten aber daraus folgend auch in seinem gesellschaftlichen Denken prägt, ist meisterhaft. Fantastisch auch, wie in der Darstellung der Zerfall des Reiches mit dem Zerfall der Hauptperson einhergeht, wie zu die Beginn sehr konzise Darstellung zum Schluss immer atemloser zerfasert!
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35 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wahrheit gesucht - Wahrheit gefunden: Ein Jahrhundertwerk, 22. Juli 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Auch wenn es noch so viele schon gesagt haben (in Deutschland waren es zu wenige): das hier ist ein Jahrhundertwerk, eine tief beeindruckende literarische und geschichtswissenschaftliche Zeitenwende, ein Buch das mit seiner Hauptfigur noch lange die Generationen nach uns begleiten wird.

Die kleinkarierte Kritik der Sorte "klassischer" Historiker, an denen Foucault schon spurlos vorrübergeweht ist, die allen Ernstes in der FAZ Debatten darüber führen, ob der ein oder andere militärische Titel, das ein oder andere Wort "richtig" oder "falsch" gebraucht ist, eine Datums- oder Orts-oder Zahlenangabe stimmt oder nicht - das ist alles belangloser Unfug im Verhältnis zu der Größe dieses Werks. Nichts als blanker Neid oder müde Verteidigungsversuche gegen das Überrolltwerden im eigenen Fach, von etwas Größerem, von einer Vorstellungskraft und Perspektive die uns die unzähligen verstreuten Tatsachen dieser Katastrophe zusammensehen lassen kann, die uns in die Nähe dessen führt, was wohl wirklich gewesen ist, in den einzelnen Köpfen, in dem Kopf Herrn Eichlers, Herrn Himmlers oder Herrn Blobels und wie das, was da war, zusammengewirkt hat. Und so ist dieses Buch, weil es uns mit der Wahrheit über die Täter konfrontiert, in die wir uns einfühlen, in die wir hineingezogen werden, in die wir uns, wenn wir ehrlich sind, in unzähligen belanglosen Situationen wiederfinden, eine den Opfern wirklich angemessene Betrachtung des Verbrechens. Man hat soetwas schon in "Kaltblütig" oder in "Schuld und Sühne" gelesen mit ähnlichem Effekt, aber nie mit diesem universellen Rahmen schier unermesslichen Leids. Trauriger hat mich ein Buch kaum je gemacht und es ging vielen so und wird noch vielen so gehen.

Und dann die literarische Kritik: auch alles Unfug. Stilistisch ist das Buch ein Meisterwerk, geschrieben mit der retrospektiv kaum erklärlichen Konstanz des großen Wurfs, ein sprachlicher Monolith der kongenial seine Figuren trägt, durch Landschaften von klarer knapper Präsenz, durch Dialoge, deren tiefenpsychologische Verknüpfung deutscher Sprachstrukturen mit deutschen Verbrechen einen noch in der Übersetzung aus dem Französischen erschaudern lässt, durch das Leiden russischer Juden, das einen aufhören lässt zu lesen und weinen. Was wollen die Kritiker, die dem Hyperrealismus (was immer das sein soll - wie soll etwas noch realistischer sein, als das wirkliche Leid der Opfer?), oder, in völliger Verdrehung des Wortsinns, Pornografie vorwerfen, wollen sie es vorsichtig umschrieben haben, wie einem Juden aus purer Laune mit einer Schaufel die Augen ausgeschlagen werden, wollen sie es nett zusammengefasst oder abstrakt erklärt haben?

Natürlich weiß ich, was sie wollen. Sie wollen wegsehen. Sie wollen, dass die Tabus bestehen bleiben, die uns am Hinschauen hindern und die uns helfen, weiterzuleben als ob nichts wäre. In welchem Zusammenhang auch immer. Diese menschliche Fähigkeit wegzusehen, weiterleben und sein Brötchen zu essen, sich über einen Kratzer am neuen A 8 zu ärgern obwohl 500 km weiter Menschen verhungern (oder 100m weiter Menschen ins KZ abtransportiert werden) - das ist sicher eines der Grundthemen des Buchs. In diesen Komplex der Gefangenheit (oder Aufgehobenheit) des Menschen in seinen konkreten Verhältnissen, in seiner unmittelbaren Umgebung, seinem Netz oder System, gehört auch die beeindruckend wertfreie Eigendynamik, mit der sich der einzelne in systemischen Umgebungen entfaltet. Ein SS Verantwortlicher ärgert sich, wenn im nächsten Dorf nicht ganz so viele Juden zum vernichten leben, weil er dann im Tagesbericht an Berlin "schlechte Zahlen" hat. Das ist schlecht für die Beförderung. So einfach ist das und so einfach war es.

Die eigentliche Leistung des Werkes und seiner genialen Verknüpfung nationalsozialister Verbrechen mit sexuellen Schwierigkeiten liegt aber in seinem Blick auf die gebrochene Vielschichtigkeit der menschlichen Psyche. Man kann homosexuell sein und Homosexuelle oder andere Minderheiten verfolgen, klassische Musik hören und ein grauenerregender Menschenschlächter sein oder hochintelektuell und von kindischen Ängsten verfolgt sein. Man kann ein ehrlicher und liebevoller Familienvater sein und heimlich Kinder töten wollen. Man kann eine Rede darüber halten, wie anständig man bei der Judenverfolgung geblieben ist. Man kann ein hässlicher schnauzbärtiger Wicht sein und die Zucht von blonden arischen Menschen propagieren. Der eigentliche Abgrund liegt nicht in diesen Zuständen, sondern in ihrem unerklärlichen Nebeneinander, in der fehlenden Verbindung also der Spaltung unserer Persönlichkeiten. Ich glaube, das ist der eigentliche Tabubruch dieses Buchs, seine eigentliche Revolution. Es zerstört, ganz auf der Höhe der Neurologie, auf persönlicher und staatlicher Ebene die Lehre vom einen Ich.
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Die Wohlgesinnten: Roman
Die Wohlgesinnten: Roman von Jonathan Littell (Gebundene Ausgabe - 23. Februar 2008)
EUR 36,00
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