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Kundenrezensionen

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am 7. August 2009
Die Überarbeitung (einfühlsame Neudichtung?) des historischen Schelmenromans "Der abenteurliche Simplicissmus Deutsch" durch Reinhard Kaiser kann nur mit absoluten Superlativen beschrieben werden: eine Ruhmeswohltat für alle, die diesen Roman lieben. Wer sich durch die klassische Fassung mühsam hindurchgekämpft hat, erlebt nun literarischen Genuss ohne Reue. Der kaiserlich bearbeitete Text geht runter wie Öl und verführt zum Schlingen. Die Grimmelshausener Sprachgewalt wird in keinem Fall gestört, auch der innewohnende Bildungsexhibitionismus des Autors ist so viel besser verträglich.

Winzige Kritikpunkte: Die Anmerkungen sind nur mit * gekennzeichnet, die Erläuterungen finden sich seitensortiert im 2. Band, den man daher immer mit sich herumschleppen muss. Auch der Umschlag ist etwas empfindlich, hier hätte der Verlag durchaus eine abnehmbare Folie spendieren können. Ansonsten sind die Bände wunderschön geraten, der Satz im Zweifarbensystem steigert den ästhetischen Genuss. Besser kann man € 69,- nicht anlegen - Begeisterung!!!
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Ein Weltbuch - im wahrsten Sinne des Wortes. Natürlich kennt man es, vielleicht hat man es sogar (an-)gelesen. Was sich aber hinter diesem Schelmenroman, hinter dieser abenteuerliche Geschichte verbirgt - hinter diesem Buch, das alles zugleich ist: Satire, Gesellschafts- und Kriegsroman, ein Roman über Geld und Liebe und Erotik - wer weiß es schon. Bis heute.

Jetzt ist die großartige Übersetzung dieses Buches aus dem barocken Deutsch des 17. Jahrhunderts ins Deutsch von heute erschienen. Und wer einmal mit dem Lesen begonnen hat, wird nicht wieder aufhören wollen. So brillant, so schön, so spannend ist das.

Wie hat Thomas Mann von diesem Roman gesagt? Es gehe in ihm "bunt, wild, roh, amüsant verliebt und verlumpt" zu, "kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du". Recht hat er. Denn dieser Hans Jacob Christoff von Grimmelshausen, der auch German Schleifheim von Sulsfort oder Israel Fromschmidt von Hugenfelß oder Philarchus Grossus von Trommenheim heißt, hat auf unnachahmliche Weiße das Soldatenleben im Dreißigjährigen Krieg geschildert. Und damit ein Zeitbild der Sonderkasse und damit eine der bedeutendsten deutschen Romane geschaffen.

Das größte Lob aber gilt - noch einmal sei es gesagt - Reinhard Kaiser, der sich nicht nur dieser großen Herausforderung gestellt, sondern sie auch hervorragend gelöst hat.

Und noch etwas: Dier Ausgabe ist wunderschön. Die bibliophile Ausstattung, das Schriftbild - insgesamt ein kleines Gesamtkunstwerk.
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am 22. August 2009
Vom Simpli hatte ich erstmals in den 70gern durch die TV-Verfilmung erfahren. Die Hauptrolle spielte Matthias Habich. Ich bin daraufhin schnurstracks zu unser Stadtbücherei und lieh mir das Buch aus. Ich mühte mich tapfer, aber verlor mit jeder Seite mehr die Lust am Lesen. Zu weit weg war mir die Sprache und der Satzbau. Nun las ich von der "Neuübersetzung" und gab dem Simplicissimus ein neue Chance. Die Neuausgabe liest sich flüssig und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass es eine Umdichtung ist. Grimmelshausen schreibt für uns und nicht der "Übersetzer" R.Kaiser, dem dafür ein großes Lob gebührt.
Der Simplicissimus ist frisch, frech, spannend und in dieser Form eine faszinierende Brücke ins 17 Jahrhundert. Für mich war/ist das Buch ein Lesegenuss.
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am 23. August 2012
Der Simplicissimus von Grimmelshausen ist kein Schelmenroman und kein Entwicklungsroman, in dem ein Dorfdepp durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges stolpern würde - das ist nur der Anfang, der zum falschen Inbegriff des ganzen Buches wurde, weil der Verdacht offenbar mit Recht besteht, dass viele Leser das wegen seiner altertümlichen Sprache nur mühsam zu lesende Buch schon bald wieder aus der Hand legten und deshalb nur dessen Anfang bekannt war. Es ist ein wahres Glück, dass nun diese gelungene Übersetzung von Reinhard Kaiser in einem modernen, lesbaren Deutsch vorliegt, die diesen verkannten Schatz der deutschen Literatur wieder ans Licht des Tages befördert hat!

Beim Simplicissimus handelt es sich in Wahrheit um einen autobiographisch gehaltenen Roman, dessen drei Hauptthemen die folgenden sind:

a) Lebenserfahrung - wie es so zugeht in der Welt; wie vieles nicht so ist, wie es zu sein scheint. Man spürt, dass der Autor aus eigener und echter Lebenserfahrung schöpft, die einiges zeitloses Gewicht bis in unsere modernen Tage hinein hat.

b) Lebensweisheit - worin das wahre Glück besteht. Hier wird viel in christlicher Sprache formuliert, aber es lässt sich auch alles nichtchristlich denken und deuten.

c) Wissensordnung - was man als Mensch des 17. Jahrhunderts alles wissen konnte über Religion und Gläubigkeit, antike Literatur, Geographie, Geologie, Medizin, Alchemie, zeitgenössische Literatur, Sitten der Völker, Torheiten und Laster und vieles andere.

Die bereisten Länder und Städte sind u.a.: In Deutschland: Spessart und Hanau, Magdeburg, Soest in Westfalen, Lippstadt, Köln, Wien und ein Kurort mit "Sauerbrunnen" im Schwarzwald. Außerdem geht die Reise nach der Schweiz: Einsiedeln, Schaffhausen, Bern. Nach Paris in Frankreich. Nach Moskau, die Tartarei, Korea, Macao, Indien, Konstantinopel, Venedig, Rom. Nach Ägypten: Alexandrien. Schließlich nach einer südlichen Insel irgendwo bei Madagaskar. Die Rollen, in die Simplicius im Verlauf seines Lebens schlüpft, sind u.a.: Dorfdepp, Schüler, Narr, Soldat, Draufgänger und Jäger, Frauenheld, Ehemann, begehrter Schauspieler und Beau, Alchemist, Freund, Landwirt, Eremit, Pilger, Paradiesinselbewohner.

Einige der Abenteuer sind übertrieben phantastisch: Dreimal hat Simplicius es mit Geistern zu tun, jedesmal übrigens im Zusammenhang mit einem verborgenen Schatz. Einmal fährt er auf einer verhexten Bank zu einem Hexensabbat. Der Autor zwinkert mit den Augen dazu. In der Nachschrift schaut Simplicius die Hölle mit Lucifer. In der Mummelsee-Passage taucht Simplicius bis zum Mittelpunkt der Erde; das dabei geschilderte System von Wasserverbindungen von der Erdoberfläche zum Mittelpunkt der Erde könnte durch den Platonischen Mythos über das Schicksal der Seele nach ihrem Tode inspiriert worden sein (Dialog Phaidon 107d - 115a). Schließlich macht Simplicius zwei Fernreisen, einmal über Moskau bis Korea, dann nach Ägypten.

Der Leser wird zahlreiche Redewendungen wieder erkennen, die bis heute in der deutschen Sprache vorhanden sind und unsere Sprache lebendig machen. Man entdeckt auch ein entwickeltes deutsches Nationalbewusstsein; dieses ist also nicht erst im Gefolge der französischen Revolution entstanden. Für Grimmelshausen sind die Nationalstaaten klar abgesteckt, die typischen Eigenarten anderer Völker werden treffsicher beschrieben. Die Vision des Jupiter von einem Europa unter deutscher Führung kommt hinzu.

Das Buch ist auch sehr sozialkritisch. Man meint, ein Buch aus der Zeit der französischen Revolution in der Hand zu haben, wenn man die gesellschaftliche Hierarchie am Bild eines Baumes gezeigt bekommt, auf dem die Adligen hocken und um Karriere kungeln. Sehr modern wirkt auch die bereits angesprochene Vision des Jupiter über die Idealzukunft Europas, hier unter deutscher Führung. Ebenfalls verblüffend modern ist der Schluss des Buches: Simplicius flieht vor der Welt auf eine einsame Insel, wo er in Genügsamkeit paradiesisch lebt. Wer dächte da nicht an gewisse moderne westliche Menschen, die die Einfachheit weniger entwickelter Völker für das wahre Glück halten? Auch der Stil ist teils extrem modern. Das Buch scheint wie ein Verschnitt aus den Sonetten des Andreas Gryphius und den geistig weiten Überlegungen eines Montaigne.

Alles in allem macht das Buch einen wunderlich aufgeklärten Eindruck, der Autor zeigt eine sehr gesunde Skepsis und viel gesunden Menschenverstand, den er ohne Anleitung eines anderen benutzt. Er denkt auch nicht nur oberflächlich dahin, sondern macht sich tiefer seine Gedanken, jedoch immer aus der "Froschperspektive" des Einzelnen; ein alternativer Gesellschaftsentwurf entsteht nicht. Zahllose Anspielungen auf antike Autoren sind eingeflochten, ebenso einige Verweise auf zeitgenössische Autoren. Der Autor muss extrem belesen und gut bekannt mit der antiken Geisteswelt gewesen sein, was seine Aufgeklärtheit besser verstehen lässt. Nett auch, wie er den Raimundus Lullus beurteilt, das muss man selbst gelesen haben und versteht es nur, wenn man sich selbst schon mit Lullus beschäftigt hat.

Dennoch bricht der Autor noch nicht aus dem Korsett des christlichen Weltbildes aus, sondern benutzt es, um in ihm seine Gedanken zu entfalten. Man muss hinter der Frage nach der christlichen Moral und der christlichen Glückseligkeit auf Erden dieselben Fragen in säkularisierter Form erkennen, sonst würde das Buch für moderne Leser unerträglich sein.

Die Bedeutsamkeit des Buches und sein Einfluss müssen als sehr hoch eingeschätzt werden. Es stellt sich z.B. die Frage, inwieweit Goethes Faust davon beeinflusst war: Auch dieses Werk ist eine Summe von Lebenserfahrung und Lebensweisheit, auch dies eine Wissensordnung, und auch hier wird vieles in christlichen Bildern ausgedrückt. Es gibt überhaupt zahlreiche Parallelen zwischen Goethes Faust und dem Simplicissimus des Grimmelshausen. Ein wahrhaft unergründliches und unerschöpfliches Werk!
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am 20. September 2009
Ich habe ich die Lektüre dieses Buches rundum genossen. Es bietet einerseits einen durchaus unterhaltsamen Einblick in das Leben im 17. Jahrhundert, befasst sich aber andererseits (und das scheint mir der wichtigere Aspekt zu sein) sehr anschaulich mit den Wechselfällen des Lebens. Dass es sich um eine Übersetzung aus dem Deutschen ins Deutsche handelt hat mich überhaupt nicht gestört. Kaiser räumt selbst ein, dass bei einer Übersetzung immer etwas verloren geht. Er sagt aber auch, dass dafür viele andere Stellen, die der moderne Leser womöglich gar nicht oder falsch verstehen würde, wieder zugänglich werden. Ich selbst hatte nie das Gefühl, dass das Original hier verfälscht worden wäre. Von daher kann ich diese Ausgabe nur empfehlen.
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am 30. Dezember 2009
Auf den Inhalt dieses Buches und die phantastische Übertragung in ein zeitgenössisches Deutsch wurde bei der "Normalausgabe" von Eichborn in 2 Bänden bereits ausführlich eingegangen. Die vorliegende, einbändige "Geschenkausgabe" des Eichborn Verlag für den stolzen Preis von EUR 65,-- - damit um die EUR 15,-- teurer als die Standardausgabe - ist allerdings ihren Preis meines Erachtens nicht wert. Sicher, das Buch hat einen schönen Leineneinband mit goldfarben geprägten Glöckchen, ein Lesebändchen, einen gefärbten Kopfschnitt. Aber daß es Eichborn nicht auf die Reihe bekommt bei einer derartigen Kalkulation einem Buch auch eine Fadenheftung zu gönnen statt einer schnöden und weitaus weniger haltbaren Klebebindung a la Taschenbuch wird wohl ewig ein Geheimnis des Verlages bleiben.

Leider kenne ich die Standardausgabe nicht und würde mich freuen, wenn mir ein stolzer Besitzer derselben mitteilen würde (z. B. als Kommentar zu dieser Bewertung) ob auch bei der zweibändigen Standardausgabe diese Art der Bindung gewählt wurde oder ob die günstigere Variante eventuell sogar die höherwertigere Bindung besitzt.

Man fragt sich angesichts derartiger Enttäuschungen unwillkürlich wie andere Verlage, wie etwas Zweitausendeins, es immer wieder schaffen Bücher in deutlich höherwertigerer Ausstattung zu weitaus günstigeren Preisen auf den Markt zu bringen! Und ich kann nur hoffen daß man dort diesen neuübersetzten Klassiker mit ins Programm nimmt. Dort bekommt man zumindest von vornherein gesagt ob ein Buch fedengeheftet ist oder nur geklebt ...
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Was für ein Roman! Was für eine wahnwitzige Fahrt durch 762 Seiten, die aus dem Leben des "Simplicius Simplicissimus" berichten! Was für eine Geschichte voller Witz, Ironie, Spannung und geistreichen Wortwendungen!

Natürlich hat man den Begriff Simplicissimus schon mal gehört, aber richtig zu sortieren konnte ich ihn bisher nicht. Bis zu dem Tag, an dem ich zusammen mit meiner Buchhändlerin vor der Bücherwand stand und sie mir dieses dicke Buch mit dem Titel "Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch" in die Hand drückte. "Hier", sagte sie, "das müssen Sie lesen. Das ist fantastisch!" Als ich erfuhr, dass es von dem 30-jährigen Krieg handeln sollte, winkte ich ab. "Nicht mein Interessengebiet." Durch Zufall fand ich dann in einem großen deutschen Printmedium eine Rezension zu diesem Buch und der zeitgemäßen Neuübersetzung aus dem 17. Jahrhundert. Dann bei amazon noch einmal geschaut: auch nur positive Kritiken, was mein anfängliches Desinteresse zu einer Kauflust umschwenken ließ.
Was für eine brillante Entscheidung!

Ich habe noch nie ein Buch gelesen, in dem es so heiß her ging wie im Simplicissimus, noch keine Geschichte, in der so viel mit Glaube, Aberglaube, Zauberei und Krieg hantiert wurde wie hier. Die Seiten flogen so durch meine Hände, die hilfreichen Fußnoten erleichterten den Lesegenuss ungemein, so dass ich den Roman sehr schnell durchgelesen hatte.
Ich kenne die barocke Originalausgabe nicht, habe mich aber mit Deutschlehrern unterhalten, die mir davon abrieten, da das sprachliche Hindernis zu groß sei. Dank Reinhard Kaiser und der Anderen Bibliothek dürfen wir, geneigte Leser, dieses wundervolle Buch und diese wahnsinnige Geschichte nun in einem angenehmen Deutsch genießen.
Die Aufmachung und die Verarbeitung ist absolut tadellos, die Seiten sind aus feinem Papier, das Schriftbild gut zu lesen.

Ich bin froh diesen tollen Roman verschlungen zu haben und werde Simplicius in schmunzelnder Erinnerung behalten. Was hatte der bitte für ein Leben! Toll.
Bitte, liebe Leser, tauchen Sie ein in eine aberwitzige, in wunderbaren Metaphern erzählte Geschichte, die Sie ergreifen, belustigen und begeistern wird. Das ist wahrlich Jahrtausendliteratur!
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am 13. Dezember 2015
Luther hat dem Volk aufs Maul geschaut. Grimmelshausen hat mit dem Volk gelebt. Er hat fünfzehn Jahre im Krieg verbracht, wurde als Knabe von Soldaten verschleppt, war Trossknecht, Musketier, Schreiber, später Verwalter, Gastwirt und Schultheiß. Er weiß, wovon er spricht. Seine Biografie steht in krassem Gegensatz zu den Lebensläufen der zeitgenössischen Gelehrtendichter, und obgleich sein "Simplicissimus" sofort ein großer Erfolg wurde, blieb er stets ein Außenseiter im Literaturbetrieb seiner Zeit. Sein Roman strotzt nicht nur von Alltagsdetails und verschiedenen Spezialkenntnissen, etwa wie man im Würfelspiel betrügt oder die braven Bauern mit medizinischen Tinkturen übers Ohr haut, sondern er zeugt auch von einer unheimlichen Belesenheit. Kühn werden theologische, philosophische, politische, naturkundliche, astrologische Wissensdiskurse seiner Zeit in den Fluss der Lebenserzählung des Simplicissimus integriert. Dies ist ein Schelmenroman, ein Entwicklungsroman, eine soziale Satire, und ein Kompendium verschiedenster Erzählweisen. Grimmelshausen mischt fröhlich Lebenserzählung und Traktat, collagiert Gedichte und Briefe, Reportage und Phantastik. Mangel an Anschaulichkeit kann man ihm nicht vorwerfen. Quentin Tarantino ist ein Waisenknabe dagegen. Einem Bauern, der sich weigert, zehn Soldaten den Hintern zu lecken, wird mit einem Degenhieb der Kopf bis auf die Zähne gespalten. "Den Knecht legten sie gefesselt auf die Erde, sperrten ihm mit einem Holz das Maul auf und schütteten ihm einen Melkeimer voll Jauchewasser in den Leib. Einem anderen banden sie ein Seil um den Kopf, dass ihm das Blut zu Mund, Nase und Ohren herausspritzte." Die gefangenen Frauen, Mägde und Töchter hört man "aus den Winkeln des Hauses erbärmlich schreien." Nirgends ist der Roman beschaulich. Grimmelshausen hat kein Auge für liebliche Landschaften oder schöne Städte, das ist dann Goethes Sache. Zwischen diesen beiden, Luther und Goethe, steht Grimmelshausen als großer deutscher Sprachschöpfer. Wir haben es bloß nicht mitbekommen bisher, weil wir ihn nicht lesen konnten. Das verblüffend überfällige Unternehmen von Reinhard Kaiser, den Roman in ein heutiges Deutsch zu übersetzen, macht damit Schluss und gewährt einen neuen Anfang.
Die Übersetzung ist, wie auch das Lektorat und die Ausstattung, spürbar ein Werk der Liebe. Dieses Buch ist ein Geschenk. Das bildungsbürgerliche Naserümpfen über die Unverfrorenheit, einen deutschen Text zu übersetzen, geht fehl. Der Roman ist dreihundert Jahre alt. Wer bisher Grimmelshausen las, stolperte in jedem Satz zweimal; nun gleitet man dahin. "Ich lauschte wie eine Sau, wenn sie ins Wasser pisst." Im Original: "Ich lausterte wie eine Sau, die ins Wasser harnt." (Wer auf den Geschmack kommt, kann sich gern der vorzüglichen Ausgabe von Dieter Breuer im Klassiker Verlag zuwenden.) Die kraftvolle Sprache ist erhalten und wird nun erst ganz verständlich; gelegentlich helfen Anmerkungen. Die barocken Drechseleien und Latizismen erspart Kaiser uns. Er gibt uns Grimmelshausen zurück, einen Schriftsteller, der frischer, wacher und welthaltiger erzählt als die meisten der heutigen Autoren.
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am 25. Juli 2012
Hier erzählt Simplicius Simplicissimus von seinen Abenteuern im 30 jährigem Krieg (1618 - 1638) und etwas danach. Der Protagonist ist nicht dumm, wie man vermuten könnte. Er ist am Anfang nur absolut unwissend, naiv und einfältig. Oder wie er aus ausdrückt:

"Ja, ich war so perfekt und vollkommen in der Unwissenheit, dass es mir unmöglich war, zu wissen, das ich gar nichts wusste."

So wandert er durch die Weltgeschichte und schlittert von einem Abenteuer ins nächste. Ein großes Ziel auf das die Geschichte hinsteuert gibt es nicht. Einzige Konstanten sind der Simplicius und der dreißigjährige Krieg. Obwohl auch der Hauptdarsteller ziemliche Verwandlungen durchmacht. Optisch in Form von allerlei kuriosen Outfits und moralisch vom erzkonservativem Einsiedler über den Hofnarren bis hin zum Kriegsheld und später Betrüger. Garniert sind die Abenteuer mit viel Humor, der Zeit entsprechend auch mal derb. Mit dem Blick des Simplicius entlarvt er die kritischen Punkte der Gesellschaft. Wie Grimmelshausen es ausdrückte:

"Ich wünschte mir... würden auch alle anderen Leute das Treiben auf der Welt mit den Augen des Simplicius sehen."

Das Bildnis des Gesellschaftsbaums ist ein schönes Beispiel. Menschen sitzen statt Blätter auf den Ästen. Ganz oben der Adel. An den Wurzeln die einfachsten Leute. Durch einen besonders glitschigen Teil ohne Äste ist der Adel von den übrigen getrennt und der Aufstieg nicht möglich. Es folgt eine Diskussion zwischen einem Kritiker (hochgedienter Feldwebel) und einem Befürworter (passend Adelhold genannt) über das für und wieder dieser Gesellschaft.

Die Orte wechseln häufig. Das meiste spielt in Deutschland obwohl später die halbe Welt bereist wird. Hier eine Auswahl wichtiger Orte: Spessart, Hanau, Magdeburg, Soest, Lippstadt, Köln, Paris, Philippsburg, Schweiz - Einsiedeln, Wien, Schwarzwald.
Der Autor hält sich allerdings nicht mit Details zu Ortschaften oder Landschaften auf. Eine Beschreibung der Soester Altstadt mit Ihren Fachwerkhäusern und engen Gassen sollte man z.B. nicht erwarten. Er konzentriert sich mehr auf die Menschen, Gespräche und Situationen, was sich anders liest als zeitgenössische Literatur. Themen wie Glauben, Spielsucht, Geiz, aber auch Verführung und fleischliche Gelüste sind in den Geschichten zu finden. Emanzipierter Weise wird er selbst als Schönling bei den Frauen als Liebhaber rumgereicht. Der christliche Glaube ist immer Präsent. Selbst wenn man das nicht mag muss man "Glaube" einfach durch "Moral" tauschen und schon stört es nicht mehr.

Durch die Neuübersetzung aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts ins Deutsche (!) wird einem ein Stück Weltliteratur (besser) zugänglich. Hilfreiche Anmerkungen kann man hinten nachlesen, von der Menge her so abgestimmt, das der Lesefluss erhalten bleibt. Man merkt den Machern an, das hier mit viel Liebe zum Detail versucht wurde den Roman deutlich lesbarer zu machen ohne seinen alten Flair zu zerstören, und das ist gelungen! Gleiches gilt für die Gestaltung. Qualitativ hochwertig mit zweifarbigem Druck (Überschriften rot, Text schwarz) und tollem Einband.

Ganz einfacher Lesestoff ist es trotzdem nicht, aber das war es auch nicht bei seiner Erscheinung. Die Kapitel haben eine kleine gut verdauliche Größe, die kleine Schrift auf über 600 Seiten ergibt aber einen beträchtlichen Umfang.
Das der Hauptdarsteller nicht dumm ist, merkt man auch am Erzählstil. Viele Verweise auf die griechische Mythologie, Geschichte usw. zeigen einen das große Allgemeinwissen von Grimmelshausen. Da er auch wirklich im 17. Jahrhundert geschrieben wurde ist es ein "echter" historischer Roman mit dem Lebensgefühl und Humor der Zeit.
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am 14. November 2015
Das Buch habe ich diesmal das dritte Mal gekauft.
Das erste Mal kaufte ich das Buch für mich selbst. Es gefiel mir sehr gut:
Dank der Übertragung ins heutige Deutsch lässt sich das Buch wie ein heute geschriebener Roman flüssig lesen. Ein spannender "Roman"!
Mich überraschte, wie wenig sich die Menschen im deutschsprachigen Raum seit damals geändert haben. So manchen Gedanken des Ich-Erzählers hatte ich auch schon gehabt. Oder ich erinnerte mich an einen heute lebenden Menschen, der auch so denkt oder redet oder handelt.
Zahlen im Text verweisen auf Anmerkungen hinten im Buch. Die Anmerkungen betreffen hauptsächlich Ortsangaben, wo welche Seite wann kämpfte, eroberte oder sich zurückgezogen hatte. Und die Art von Allgemeinbildung, die damals wohl jeder Gebildete hatte, heute aber nicht mehr. Allgemeinbildung, Redewendungen und Geschichten aus der Bibel und aus der Geschichte Roms betreffend.

Nur weniges ist heute anders als zu Lebzeiten von Grimmelshausen:
Wir glauben nicht mehr daran, dass es sich lohnt, ein langweiliges gottgefälliges Leben zu führen, weil nach dem Tod die Belohnung oder die Strafe für unser Leben im Diesseits folgt.
Wir glauben nicht mehr an Hexen, an Hexerei und an Zauberei.

Beim zweiten Mal kaufte ich das Buch, um es zu verschenken. Und das diesmal war das dritte Mal (das erste Mal bei Amazon), da kaufte ich das Buch, um es zum zweiten Mal zu verschenken.
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