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5.0 von 5 Sternen Endlich wird mal offen gesprochen!
Ich selbst war viele Jahre in der freien Theaterszene tätig und ärgerte mich über den Popanz öffentlicher Bühnen. Öfter stellte ich mir die Frage: Wie erkläre ich das eine oder andere dem Steuerzahler? Nun bin ich mittlerweile in leitender Funktion an einem Landestheater und beherzige bei der Führung desselben die Erfahrungen, die...
Veröffentlicht am 21. Mai 2012 von Matthias Winter

versus
27 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Am Ende fragt man sich ...
was wollen die Autoren mir eigentlich sagen.
Die vier Autoren wollen nach eigener Aussage mit ihrer Polemik eine Sachdiskussion anstossen, die ihrer Meinung nach längst überfällig ist. Und zwar über Sinn und Unsinn staatlicher Kulturförderung. Doch haben wir diese Diskussion angesichts leerer öffentlicher Kassen nciht längst? Ja,...
Veröffentlicht am 7. April 2012 von Danny Knnicke


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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Endlich wird mal offen gesprochen!, 21. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
Ich selbst war viele Jahre in der freien Theaterszene tätig und ärgerte mich über den Popanz öffentlicher Bühnen. Öfter stellte ich mir die Frage: Wie erkläre ich das eine oder andere dem Steuerzahler? Nun bin ich mittlerweile in leitender Funktion an einem Landestheater und beherzige bei der Führung desselben die Erfahrungen, die ich in "Freiheit" über unternehmerisches Denken sammeln und in einem Kulturmanagement-Studium vertiefen durfte. Haselbach, Opitz, Knüsel und Klein schrieben das auf, was mir jahrelang unter den Nägeln brannte. Der Kulturinfarkt für mich ist ein längst überfälliges Buch, das durch seine umfassende Betrachtung und die Expertise der vier Autoren besticht. Über kleinere Mängel wie zeitweilige Redundanzen sehe ich großzügig hinweg. Es wundert mich, dass die polemischen Thesen der vier Autoren nicht als Initialzündung einer dringenden kulturpolitischen Debatte sondern als Kahlschlagsvorlage gedeutet werden. Wenn der Kulturstaat Deutschland in Gefahr ist, dann doch nicht wegen 280 Seiten im Hardcover. Dringend lesen!!
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27 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Am Ende fragt man sich ..., 7. April 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
was wollen die Autoren mir eigentlich sagen.
Die vier Autoren wollen nach eigener Aussage mit ihrer Polemik eine Sachdiskussion anstossen, die ihrer Meinung nach längst überfällig ist. Und zwar über Sinn und Unsinn staatlicher Kulturförderung. Doch haben wir diese Diskussion angesichts leerer öffentlicher Kassen nciht längst? Ja, schon, nur leider an der falschen Stelle, meinen die Autoren. Und wollen das ändern. Und haben deshalb dieses Buch geschrieben.
Dass die staatliche Kulturförderung nciht nur Gutes bringt, liegt auf der Hand, Überförderung hier, fehlerhafte Kontrolle dort und Unterförderung allerorten. Von daher ist eigentlich jeder konstruktive Diskussionsbeitrag zu begrüßen. Ob dieses Buch einer ist, ist aber fraglich.
Denn leider schauen die vier Autoren nciht genauer hin, sondern scheren alle über einen Kamm: Kunst, Theater, Literatur, Museen, Volkshochschulen, Soziokultur, Denkmalschutz, Musik, Film usw. usf.. Alles sublimiert unter dem Begriff "Kultur". Hier liegt das erste große Manko dieses Buches: Die Autoren differenzieren nciht. Besonder deutlich wird das an den Begriffen "Kunst" und "Kultur", beide werden oft synonym gebraucht. Fast so als wäre Kultur nur Kunst und als wäre jede Kunst auch Kultur. Dabei umfasst der Kulturbegriff doch viel mehr als nur künstlerisches schaffen. Die Autoren wissen das auch, setzen Kunst und Kultur aber dennoch gleich. Ich persönlich fand das beim Lesen höchst ärgerlich.
Aus dieser Gleichsetzung ergeben sich dann auch erhebliche Unschärfen in der Argumentation. Denn unterschiedliche Kultureinrichtungen arbeiten auch unterschiedlich. Ein Theater hat andere Aufgaben als ein Museum oder eine Volkshochschule und arbeitet auch anders als diese. Davon findet sich kein Wort im vorliegenden Buch. Diese fehlende Unterscheidung zwischen verschiedenen Kulturträgern entwertet so die oft pauschalen und pauschalisiernden Urteile der Autoren. Die z. T. guten Anfangsüberlegungen verpuffen so.
Denn die Überlegungen der Autoren führen an sich in die richtige Richtung, nciht mehr alles fördern, sondern gezielt fördern und sinnvolle Strukturen schaffen, die die Förderung Einzelner überflüssig machen. Das ist richtig gedacht, aber neu ist dieser Ansatz nciht. Gerade im Kulturbereich werden seit vielen Jahren eher Verbund- und Vernetzungsprojekte gefördert anstatt einzelner Großprojekte. Für diesen Denkanstoß hätte es das Buch meines Erachtens nciht gebraucht.
Dazu kommt, dass die Autoren sehr "markthörig" sind, Markt und Wettbewerb würden ihrer Meinung nach schon alles richten. Dabei übersehen sie, dass beispielsweise Museen (die ohnehin zu kurz kommen in diesem Buch) oder soziokulturelle Zentren auch Aufgaben haben, die mittels des Marktes nicht geregelt werden können. Ein Museum besteht eben nciht nur aus seinen Ausstellungen, Vorträgen und der Museumspädagogik, sondern überwiegend aus seinen Sammlungen und der damit verbundenen Arbeit. Welcher Markt sollte das regeln? Oder die Angebote einer Volkshochschule: Wie teuer müßten diese gemäß der Marktmechanismen sein und wer könnte sie dann noch wahrnehmen? (Man beachte dabei die Bedeutung von VOLKShochschule.)
Ein weiteres kommt dazu: Die Autoren stellen vieles fest, zitieren weniges und belegen praktisch nichts. Der Leser muss ihnen einfach glauben, wenn sie einen "Kulturinfarkt" konstatieren, statistische Belege oder gar konkrete Beispiel fehlen meist. Das ist natürlich einfacher und bedient dem polemischen Charakter des Buches. Nur leider provoziert diese Vorgehensweise auch Widerspruch. Ob berechtigt oder unberechtigt ist dabei zunächst zweitrangig. Entscheidend ist, dass viele Feststellungen der Autoren auf deren subjektiven Wahrnehmungen beruhen und nicht auf belastbaren Fakten.
Leider gilt ähnliches für ihre Vorschläge, wie alles besser werden kann. Unter den meisten Vorschlägen konnte ich mir kaum etwas Konretes vorstellen. (Freilich: Das kann auch an mir liegen.) Ihr Potential zum Lösen der Probleme hat sich mir so nciht erschlossen. Hier hätten wenigstens einige konkrete Beispiele dem Buch und der Argumentation sehr gut getan.
Manche der Behauptungen grenzen auch ans Groteske, etwa wenn die Autoren feststellen, dass viele Kulturtreibende es sich auf den Fördercouches bequem gemacht haben. Offenbar haben sie schon lange keinen neuen Job gesucht und kennen die Arbeitsbedingungen nciht mehr. Von bequem kann da keine Rede sein. Auch die Behauptung, Fördergelder wären kaum an konkrete Bestimmungen und Ziele gebunden, entbehrt jeder Grundlage. Wer regelmäßig Fördermittelanträge im Kulturbereich stellt, weiß, wie sehr mittlerweile Wert gelegt wird auf konkrete Zielvereinbarungen.
Kurios ist dagegen der Vorschlag, Kulturförderung zu demokratisieren und regionale Kulturintendanten für zehn Jahre wählen und dann frei schalten und walten zu lassen. Nichts gegen Demokratie, aber wo läge in einem so mächtigen einzelnen Entscheider der Vorteil? Wo wäre das Ausdruck von Demokratie? Warum sollte dieser Mensch nciht zehn Jahre lang seine bevorzugten Freunde und Interessen fördern? Da sind mir die Landesministerien und -Verwaltungen allemal lieber!
Ein weiteres Manko ergibt sich aus dem ersten: die Sprache. Dieses Buch ist weder für Laien noch für "Nicht-Bildungsbürger" geschrieben. Zu viele Fremdworte und Fachbegriffe tummeln sich neben zu vielen intellektuellen Anspielungen in zu sehr verzweigten und verschachtelten Satzkonstruktionen. So geht vieles in einem diffusen Sprachnebel unter. Aber es kann auch sein, dass das gewollt war. Poleik eben.
Was bleibt ist ein Ansatz, der zwar in die richtige Richtung zielt, aber a.) nichts Neues bereit hält und b.) untergeht in dem intellektuellen Nebel von vier im Kulturbereich gut etablierter und situierter Herren.
Einfacher, Klarer, Konkreter hätte am Ende mehr gebracht.
Übrigens: Wie man mit einer Polemik in eine Sachdiskussion einsteigen will, erschliesst sich mehr immer noch nciht.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Provokant mit Ecken und Kanten, 5. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
Die öffentliche Diskussion welche dieses Buch ausgelöst hat, zeigt wie sehr das Thema unter vorgehaltener Hand zu lange schwelte. Auf der einen Seite die Forderung der Macher teilweise ohne den Versuch einer selbstkritischen oder gar wirtschaftlichen Betrachtung der eigenen Konzepte, auf der anderen die politische Landschaft, welche all zu gerne die Kultur als Bühne der eigenen Interessen oder Eitelkeiten annimmt. Vielleicht hilft dieser doch an manchen Stellen provozierende Text, beiden Seiten ein wenig über die eigenen Konzepte nachzudenken und der Kultur einen ihr gebührenden Stellenplatz einzuräumen. Noch wichtiger aber ist, dass es neben der schwarz-weiß-Diskussion in den Medien erlaubt sein muss den Grundsatz die Allgemeinheit muss die Kultur finanzieren, ohne nachzufragen und ohne wirtschaftliche Grundanforderungen zu stellen, zur öffentlichen Rede zu stellen.
Empfehlenswerte Lektüre, jedoch sollte man sich keine Lösung davon erhoffen, sie wirft mehr Fragen auf.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Diese Kultur geht sowieso zu Ende, 5. April 2012
Von 
Lulu "Penny" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
Die Autoren berichten von etwas, was sich ohnehin ereignen wird: Das klassische gebildete Bürgertum pflanzt sich kaum noch fort, also schwindet es anteilsmäßig in der Bevölkerung. Zuwanderer kommen ganz häufig aus einem anderen Kulturkreis und interessieren sich z. B. nicht für Wagner. Diejenigen, die das tun, haben meist längst das Rentenalter erreicht und sterben demnächst aus, während die Jugend andere Lebenswirklichkeit besitzten und sich kaum für Opernhäuser erwärmen kann. Gleichzeitig geht dem Staat das Geld aus: Immer mehr Gelder fließen in Transferleistungen, Renten etc., da bleibt für die große Kultur nichts mehr übrig.

Die Autoren bemängeln einiges an der aktuellen Situation und schlagen einige Verbesserungsmaßnahmen vor. Allein, das wird nichts nützen, da ohnehin nichts mehr zu retten ist. Ihr Vorwurf, den kulturellen Großeinrichtungen ginge es weniger um die Vermittlung sinnvoller Kultur, sondern primär um den Selbsterhalt, ist trivial, schließlich handelt es sich beim Selbsterhalt (genauer: Kompetenzerhalt, siehe meine sonstigen Rezensionen) um das Grundprinzip des Lebens. Alle Organismen und Superorganismen (und Opernhäuser sind Superorganismen) bemühen sich primär um den eigenen Kompetenzerhalt, alles andere ist vergleichsweise nachgelagert.

Wie wäre es mit einem Anschlussbuch über die Kirchen? Auch denen geht es primär um den Kompetenzerhalt. Subventioniert werden sie gleichfalls heftig, denn wozu sonst zieht der Staat die Kirchensteuer ein? Dass die Kirchen unter einem ähnlichen Problem leiden, ist oft genug aufgezeigt worden, zum Teil sogar in Filmen.

Auch könnte ich mir ein analog lautendes Buch über die Sozialwissenschaften vorstellen. Dort hat man sich mit sinnlosen Theorien wie Gendertheorie, Antibiologismus, Tabula-rasa-Theorie schön eingerichtet. Aus dem Bedürfnis heraus, die eigenen Kompetenzen zu bewahren, reproduziert man die selben, nicht falsifizierbaren Pseudoergebnisse fortan immer wieder: Von Allem zu viel und überall das Gleiche.
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13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine hilfreiche Polemik, 23. März 2012
Von 
Joerg Mergenthaler "joergmergenthaler" (Metropolregion Rhein-Neckar) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
Die Denkansätze der Autoren sind absolut richtig, man kann nur hoffen, dass das Buch dazu hilft, die Diskussion um den modernen subventionierten Kulturbetrieb wieder etwas zu beleben. Ich hatte mir trotzdem etwas mehr erhofft: Mehr praktische Beispiele zum Beispiel. Belastbares Zahlenmaterial (mit Quellenangaben) z.Bsp.. Und insgesamt eine etwas strukturiertere Gestaltung. Da haben die Autoren leider einiges verschenkt.

Dies ist auch auf den geringen Umfang dieser Streitschrift zurückzuführen. Die Kulturszene ist extrem vielschichtig, und damit sind die sich stellenden Probleme überall anders. Die Situation der hochsubventionierten Theater (die in der Regel den Löwenanteil des Kulturetats verbrauchen) ist nur schwer mit der Situation von Museen oder Bibliotheken oder gar der freien Szene zu vergleichen. Manche Institutionen, die auch oder gerade Bildung und Wissenschaft dienen, werden bei einer Forderung nach einer Selbstfinanzierungsquote von 30 Prozent, die die Autoren aufstellen, zu Recht einwenden, dass das gar nicht geht. Bei Museen und vor allem Theatern würde dies eine Kulturrevolution auslösen, darüber muss man sich klar sein. Trotzdem ist es besser, wenn man endlich anfängt, kontrolliert Wildwuchs zu beseitigen, ehe es aus Geldmangel zum unkontrollierten Kollaps kommt (und das wird passieren).

Genial sind der Titel und der Untertitel des Buches ('Der Kulturinfarkt, von allem zuviel und überall das Gleiche'). Die Problematik, um die es geht wird dadurch auf den Punkt gebracht. Ein konkretes Beispiel aus meiner Heimatstadt Mannheim. Die Stadt mit gut 300000 Einwohnern verfügt über ein Stadttheater, dessen Oper bis in die 80er-Jahre zu den führenden Wagner-Bühnen Deutschlands gehörte. Der ganz überwiegende Teil des Kulturetats der Stadt fließt in dieses Theater. Ludwigshafen liegt auf der anderen Seite des Rheins, ist etwas kleiner. Die Fahrscheine des ÖPNV gelten in beiden Städten. Zum 200. Wagner-Geburtstag 2013 bringt Mannheim den 'Ring des Nibelungen' neu heraus. Was macht man in Ludwigshafen? Richtig, man bringt den 'Ring' neu heraus, alle vier Teile. Von allem zuviel, und überall das Gleiche' . Würde es einen Zwang zu betriebswirtschaftlichem Verhalten geben wäre das unmöglich. Mit der Straßenbahn kann man übrigens auch noch das Drei-Sparten-Theater in Heidelberg erreichen, das sind 20 km. In 50 bzw. 60 km erreicht man die Staatstheater in Darmstadt und Karlsruhe, und nach Stuttgart sind es mit dem ICE 37 Minuten! Und trotzdem wird jeder zum Leibhaftigen erklärt, der es wagt, eine Kooperation zu fordern.

Ich war 10 Jahre, bis Mitte des Jahrzehnts, im Betriebsausschuss (einer Art Aufsichtsrat) dieses Theaters. Es ist schon faszinierend, wie die Gremien, die über die Zuschüsse zu entscheiden haben, belogen und betrogen werden. Konkret: Die Hälfte meiner Amtszeit habe ich gebraucht, um zu erreichen, dass dem Aufsichtsgremium nicht die vom Intendanten 'aufbereiteten' Zuschauerstatistiken präsentiert werden, sondern die Rohdaten von der Kasse. Kann ich übrigens nur empfehlen! Als die Daten dann endlich vorgelegt wurden, da war schnell klar, was die Geheimniskrämerei bezweckte: Hohe Auslastungsquoten wurden etwa erreicht, indem ein Teil der Plätze als 'gesperrt' deklariert wurde. Der Rekord war eine Schüleraufführung im Opernhaus (ca. 1100 Plätze), da wurden 550 Plätze 'gesperrt'; die Aufführung war mit 550 Besuchern 'ausverkauft'. Oder aber man sperrt im Schauspielhaus den Zuschauerraum komplett und platziert die wenigen Zuschauer auf der Bühne. Oder: Opernpremiere von 'Carmen', eigentlich ein Blockbuster, der normalerweise für ein volles Haus sorgt. Wenn dann schon bei der Premiere 222 Freikarten (die Zahl konnte man sich gut merken) verteilt werden mussten, damit die Presse nicht über die vielen leeren Plätze berichten kann, dann hätte das in einem normalen Unternehmen zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen geführt.

Das sind einige wenige, willkürlich herausgesuchte Beispiele aus einer einzigen mittelgroßen Stadt. Wenn man gesucht hätte, dann hätte man bestimmt noch viele extremere Beispiele finden können. Hamburg, gab es da nicht was mit einer Philharmonie an der Elbe? Oder Berlin, 'arm, aber sexy', und das mit drei Opernhäusern, bezahlt mit westdeutschem Steuergeld?

Das Buch ist eine Polemik, deshalb darf man keine Ausgewogenheit verlangen. Wer sich auskennt, der weiß, dass die praktische Umsetzbarkeit radikaler Kürzungswünsche extrem schwierig ist. So unterliegen große Teile der Verwaltung, aber auch von Orchester, Opernchor etc. dem Recht des öffentlichen Dienstes und sind praktisch unkündbar. Feuern kann man Solisten und Schauspieler, auf Null setzen die Ausstattungsetats der Museen. Die Null wird dann wenigstens gut verwaltet.

Ich hatte das Vergnügen, die ersten Rezensionen der veröffentlichen Meinung in der Presse zu lesen. Wenn getroffene Hunde bellen, dann hat das Buch ins Schwarze getroffen!
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ehrliche Debatten müssen sein! Gerade über die derzeitige Kulturförderpraxis, 10. April 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass das Buch mehr ist als Polemik. Sie dient nur an vielen Stellen als Stilmittel, um die Notwendigkeit eines kulturpolitischen Diskurses deutlich zu machen. Die Autoren führen allerdings eine Debatte weiter, die bereits zum 56. Kulturpolitischen Kolloqium in Loccum vor einem Jahr angestoßen wurde: Wie sieht die Zukunft der immer weiter wachsenden kulturellen Infrastruktur vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen aus? Die Lektüre ist spannender als ein Krimi, da sich praktisch jeder Leser an den Beobachtungen, Thesen und Schlussfolgerungen reiben, durch persönliche Eindrücke entweder bestätigt oder widerlegt sehen kann. Vor allem aber ist es ein Sachbuch und kein Fachbuch als Anleitung zum geordneten Kulturabbau.

Die vier Autoren »möchten den Patienten therapieren« (S. 13). Der Hilfsbedürftige ist in ihrer Wahrnehmung der deutsche Kulturbetrieb, den sie erwiesenermaßen bestens kennen. Sie fordern mehr unternehmerisches Denken und Handeln, mehr Orientierung an Markt und Nachfrage, und vor allem eine Beschäftigung mit den wirklichen gesellschaftlichen Herausforderungen: »Einwanderung, globaler Austausch, Medienrevolutionen. Sie verändern den Alltag, aber nicht den Kulturbetrieb« (S. 25).

Knüsel, Haselbach, Klein und Opitz nehmen eine ausführliche Bestandsaufnahme vor. Die schier unglaubliche Ausdehnung des Kultursektors in den letzten 35 Jahren: sieben mal mehr Bibliotheken, achtmal mehr Musikschulen, mindestens sieben mal mehr Museen. Problem 1 dabei: die steigenden Kosten. Problem 2: die nicht gewachsenen Nutzerzahlen. Für die Autoren geschah der Ausbau »planlos« im Gefühl, etwas Richtiges, Gutes zu tun. Weder Folgekosten wurden in Betracht gezogen, noch die erhofften Ziele und die Wirkung dieses Wachstums.
Einen breiten Raum nimmt im Buch die Beschäftigung mit den Denkweisen innerhalb des Kulturbetriebs und der handelnden Kulturpolitiker ein. Es ist insofern auch eine kultursoziologische Betrachtung. Die eine soziologische Betrachtung scheint die nach dem Bürger und seiner Mündigkeit zu sein. Wird er seitens der Kulturpolitik ernst genommen oder - wie die Autoren vermuten - erzogen und bevormundet? »Der demokratische Staat mutet dem Bürger eine Mündigkeit im Urteilen und Gestalten seines Lebens zu, welche Kulturpolitik ihm abspricht« (S. 25).
Eine weitere Beobachtung ist die nach der Staatsnähe, von dem der Kulturbetrieb hierzulande geprägt sei: sowohl was das Bedürfnis nach öffentlichen Stellen als auch nach Subventionen betrifft. Dies erzeuge Marktferne und damit mangelnde Innovation: »Die staatliche Förderung erlaubt ihnen, sich vom Wettbewerb abzukehren« (S. 64). Die damit ausgelöste, weitestgehende Loslösung von der Nachfrage ist bei weitem kein deutsches, sondern ein europäisches Problem, wie eines der vielen internationalen Zitate im Buch belegt: »Europa interessiert sich nicht ausreichend für die Popkultur, fürs Entertainment, die Kreativindustrien, für den Markt und die ethnische Vielfalt, deshalb erlebt es eine große kulturelle Stagnation« (Steven Erlanger von der New York Times, siehe S. 71). Nicht nur die Einbeziehung vieler solcher globalen Stimmen hat uns spontan beeindruckt, sondern auch der ganzheitliche Ansatz, der Aspekte von Bildung, Wirtschaft, Medien und vor allem von Politik und Staates einfließen lässt in eine Gesamtbetrachtung auf die Kultur im Lande.

Keine Frage: nicht alles, was die Herren Knüsel, Haselbach, Klein und Opitz an Argumenten und Beispielen zusammengetragen haben, ist neu. In der Komprimierung auf rund 280 Seiten ist das Buch dennoch geeignet, endlich die Grundsatzdebatte im Kulturbetrieb anzustoßen, die längst überfällig ist. Nicht immer werden dies Veränderungen im Sinne der Autoren sein, denn auch sie argumentieren aus individueller Sicht ihrer Generation und aus ihren Lebenserfahrungen. Da werden ganz andere Stimmen hinzutreten müssen, deren Sicht auf die Dinge wichtig sind für die Verortung und Zukunftsperspektiven. ---Dirk Heinze, Kulturmanagement Network
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Überflüssig, verschwurbelt und ressentimentgeladen, 2. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
Anfangs habe ich mich noch gefreut über die kritische Herangehensweise der vier Kulturkenner, doch spätestens bei ihren ressentimentgeladenen Bemerkungen über Kunst und Bürgertum war Schluss. Das ist für mich - ich manage kommunale Kultur und bin Mitglied im Beirat eines Staatstheaters - ein höchst ärgerliches, konzeptloses Buch voller Redundanzen, das zehn Jahre zu spät marktwirtschaftlichere Strukturen in der Kultur fordert. Wohin die Bertelsmannisierung der Öffentlichen Hand führt, wissen wir inzwischen. Der markt macht halt doch nicht alles besser. Und eine unsichtbare lenke Hand des Marktes gibt es schon gar nicht. Alles, was zählt, ist Profit, sonst nichts. Das wäre ein sehr einseitiges und allzu billiges Kulturverständnis. Aber es wäre immerhin eine Meinung. Das ist auch erlaubt, sogar erwünscht. Nur: In einem 30-Seiten-Traktat zu 2,50 Euro hätte man die ganze Polemik viel knackiger, schlüssiger und aufreizender formulieren können. Sie wäre dann zwar nicht richtiger, aber immerhin zielsicherer geworden: Als eine böse, schmerzende Attacke auf einen vielfach lahmenden Kulturbetrieb. Stattdessen ist ein verschwurbelter, überflüssiger und zu teurer Langweiler auf den Markt gekommen. Thema verfehlt, Chance verschenkt. Schade.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Konstitutionsprinzipien zahnloser Kunst, 10. Juni 2012
Von 
Gerhard Mersmann "GM" (Mannheim) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
Um gleich mit einem Lob zu beginnen: Es gehört mittlerweile große Courage dazu, sich mit den Subventionsbranchen der Republik anzulegen. Die da wären der Sozialsektor, die Integration, rudimentär die Bildung und last not least die Kultur. Allesamt wurden seit der Reformepoche der frühen siebziger Jahre des letzten Jahrtausends systematisch ausgebaut und gefördert. Das alles geschah aus der ehrlichen Überzeugung, damit die Gesellschaft gerechter und lebenswerter zu machen. Leider, und das stellen die Autoren zurecht fest, haben die subventionierten Sektoren zunehmend eine eigene Bürokratie und eine Eigendynamik entwickelt, die sie immer weiter von ihrem eigentlichen Auftrag entfernt haben. Dafür sind sie zu einer Meinungsmacht geworden, die Politik maßgeblich beeinflusst.

Das Buch Kulturinfarkt. Von allem zuviel und überall das Gleiche hat bei seinem Erscheinen einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen und die Autoren Haselbach, Klein Knüsel und Opitz wurden angefeindet und diffamiert wie man es aus den Subventionsbranchen gewohnt ist. Ihre Hauptthese ist bereits in der Überschrift lesbar und daher erübrigte es sich für viele, das Buch erst zu lesen. Es empfiehlt sich dennoch!

Die Autoren beschreiben anhand zahlreicher Beispiele und immer mit Zahlenmaterial unterlegt, das Volumen öffentlicher Mittel für das Produkt Kunst. Sie zeigen auf, in welcher Dimension sich die Zuwendung abspielt und setzen das in Kontrast zu der Qualität der erhaltenen Leistung. Letzteres lässt aus Sicht der Autoren zu wünschen übrig, weil es, und da fehlt die Erklärung, vielleicht auch, weil die Autoren, die die Kulturbranche gut kennen, es einfach voraussetzen. Der öffentlich finanzierten Kunst fehlen nämlich Schock und Affront, sie ist verkommen zu einem Sammelsurium affirmativer Etüden, die kaum noch interessieren. In ausführlichen Kapiteln jedoch beschreiben die Autoren den Weg, wie es dazu kam. Hoch interessant ist das Kapitel über die seltsame Genese des Kulturstaatsgedankens, einerseits immer protegiert vom Bildungsbürgertum seit der Weimarer Klassik und dann unterfüttert von Adorno höchstselbst, in dem er die Kulturindustrie als frivoles Herrschaftsinstrument diffamierte und die staatlich geförderte Kunst als autonom bezeichnete!

Die Forderung, die Mittel kultureller Förderung schlichtweg zu halbieren, ist von der Dramaturgie her mutig und hat zu den zahlreichen, allerdings wenig geistvollen und eher polemischen Diskussionen geführt, weil jeweils die Empfänger auf den Podien sitzen und viel zu selten diejenigen, die das Geld verteilen. Da eben begänne der eigentlich wichtige Diskurs über den Zweck von Kunst und Kultur. Die Hinweise der Autoren, wie in Zukunft der Handlungsbedarf an den Schnittstellen aussehen muss, läuft auf eine Effektivierung der Subvention hinaus, was den anfänglich provokativen Gedanken konterkariert. Insofern ist das Buch vielleicht doch ein Hinweis von Beratern, die wissen, wie man es besser macht?

Nichtsdestotrotz sind die formulierten Gedanken eine grundlegende und notwendige Bereicherung für eine Diskussion, die längst überfällig ist: In Anbetracht der Anzahl der Nutznießer öffentlich geförderter Kunst ist das Ausmaß der Förderung schlichtweg ungerecht, weil es Eliten trifft, während notwendige Investitionen in Bildung auf der Strecke bleiben. Die gezeitigte Qualität lässt zu wünschen übrig, die Quantität lenkt gar vom Wesentlichen ab. Und der beamtete Apparat des Kulturstaates ist zu weit weg vom Gedanken der Befreiung, jenem Urknall des deutschen Idealismus, dessen Tradition wir nun wirklich nicht leugnen sollten.
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9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kunst vs Kultur?, 18. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
Kulturförderung bedeutet, Menschen den Genuss von kulturellen Darbietungen mit öffentlichen Geldern von Bund, Ländern und Kommunen preisgünstiger zu ermöglichen, als es möglich wäre, wenn die Dienstleistung der Kulturproduzenten unter den Bedingungen des freien Marktes erkauft werden müssten. Damit steht der Kulturbetrieb keineswegs alleine da, denken wir nur an die Landwirtschaft. Anders aber als bei der subventionierten Landwirtschaft, bei der sowohl die Verbraucher, Konsumenten, als auch die Produzenten, Landwirte, profitieren, verhält es sich bei der Kultursubvention ganz anders (könnte aber auch sein, dass ich von der Agrarsubvention zu wenig verstehe). Und das liegt daran, dass die Produzenten im Kulturbetrieb nicht so eindeutig festzumachen sind wie in der Landwirtschaft, denn es geht nicht nur um Groß und Klein. Nicht jeder Kulturschaffende ist Künstler, und bei den Künstlern muss meiner Meinung nach zwischen produzierenden Künstlern, Autoren, Komponisten beispielsweise, und reproduzierenden, Schauspielern, Musikern, unterschieden werden. Unterschieden werden muss schon allein aus dem Grund, weil der Kulturbetrieb diese beiden Künstlergruppen ganz gravierend unterschiedlich behandelt.

Es gibt eine Hierarchie in der Subvention. Das meiste Geld erhält der Kulturgenießende, der Zuschauer, was politisch ja gewollt ist. Danach folgen die reproduzierenden Künstler, ohne die kein Kulturgenuss möglich wäre. Praktisch kein Geld aus der Subvention erhalten die produzierenden Künstler. Ein Beispiel: Die ohne Subvention nicht mehr existenten Stadt- oder Landestheater geben das meiste Geld dafür aus, dass die Bürger ins Theater kommen. Das heißt, der Zuschauer, Konsument, wird am stärksten subventioniert, weil er dafür, dass er ins Theater geht, mehr Geld bekommt als er selbst ausgibt; lässt man mal außen vor, dass er als Steuerzahler auch seinen Theaterbesuch subventioniert. Dann folgen die Beschäftigten im Theater, oftmals als reproduzierende Künstler Angestellte der Stadt oder des Landes. Die einzigen, die bei der Subvention außen vor bleiben, sind die Autoren. Die nämlich bekommen ihre Tantiemen anteilig zu dem Erlös aus dem Kartenverkauf. Jeder einigermaßen Gebildete weiß, dass die zeitgenössischen Stücke nicht notwendigerweise die mit den höchsten Zuschauerzahlen sind und dass Theater selbst diese Tantiemenzahlung umgehen, indem sie überwiegend gemeinfreie Stücke, die Klassiker halt, inszenieren.

Kommen wir - endlich! - zum Buch Der Kulturinfarkt von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz. Man könnte sie, je nach Standpunkt, als Nestbeschmutzer beschimpfen oder als Kenner der Szene, deren Urteil man vertrauen kann. Ich sage, sie sind Kenner, aber sie sind als solche nicht ganz frei von Betriebsblindheit. Die Erkenntnis: "Derzeit fördern wir Lobby und Institutionen - nicht die Kunst" ist absolut richtig, genau so richtig die der Untertitel "Von allem zu viel und überall das Gleiche". Dieser Kulturzirkus hat mitsamt der sogenannten freien Szene, teilsubventioniert, die Penetranz des Talk-Show-Pallavers angenommen, bei dem permanent die gleichen Gesichter das gleiche Zeug absondern. Es muss eine Art Reiz in dieser Form von ritualisierter Spiegelfechterei liegen, der sich mir nicht erschließen will. Ich vermute, es vermittelt eine gewisse Sicherheit, wenn wir, egal was passiert, mit den immer gleichen Floskeln beruhigt werden können.

Das Problem des Buches liegt für mich darin, dass die Autoren die Begriffe Kunst und Kultur nicht eindeutig gegen einander abgrenzen. Die Verwendung der Begriffe von Kunst und Kultur, da sie an keiner Stelle definiert werden, changiert von fast synonym bis fast antonym. Kunst ist, was Künstler schaffen, so meine These. Da die Autoren des Kulturinfakts aus dem Kulturbetrieb kommen, kennen sie (fast) nur die Kunst, die im Kulturbetrieb vorkommt. Kunst und Kulturbetrieb schließen einander nicht aus, nein, sie mögen einander sogar in Bereichen bedingen, aber sie sind und bleiben zwei sehr unterschiedliche Phänomene; und ich behaupte, die Kunst ist das, was bleibt und immer wieder kommt, der Kulturbetrieb das, was kam und gehen wird.

"Der Anteil nicht-westlicher Kunst an den subventionierten Programmen ist lächerlich" (S. 39) bedarf deshalb der Ergänzung: Die Teilhabe produzierender Künstler an den subventionierten Programmen ist praktisch nicht vorhanden.

Deswegen wage ich die These, das Buch mag den Kulturbetrieb in Unruhe versetzen und zusammen mit den unumgänglich scheinenden Kürzungen in gewissem Umfang auch reformieren, aber es wird nichts an der Situation der produzierenden Künstler ändern.
Die Situation produzierender Künstler wäre relativ einfach zu verbessern, Stichwort Goethegroschen. Das meint, dass die Nutzung der Kunstwerke, die nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind, mit einem geringen Obulus zu verbinden wäre. Man könnte an einen halben Cent für einen Van Gogh in den unzähligen Kalenderabbildungen denken, um nur ein Beispiel zu nennen. Mit diesem Geld könnte sich die Kunst selbst finanzieren. Ein Generationenvertrag der besonderen Art: die Werke der verstorbenen Künstler unterstützen die Arbeit der lebenden. Aber das ist politisch nicht durchzusetzen und wird immer weniger durchzusetzen sein, man möge sich nur die aktuelle Diskussion um ACTA anschauen. Und deswegen hat das Buch Der Kulturinfarkt auch sehr viel mit der Entwicklung des Internets zu tun. Das nämlich geht über das Anspruchsdenken des konventionellen Kulturbürgers hinaus und beansprucht prinzipiell, alles umsonst zur Verfügung zu haben.

© by Klaus-Dieter Regenbrecht, Koblenz im März 2012
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Gamescom, 21. September 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
statt Documenta? Na ja. Im Grunde läßt sich der Kulturinfarkt in einem einzigen Satz zusammenfassen: die öffentliche Hand kann ruhig die Hälfte der Theater schließen, da in wenigen Jahren sowieso das Computerspiel die ,führende Aufgabe' (frei nach Hans Sedlmayr) sein wird. Klar: die Oper als Hochkultur fürs unbewegliche, verharrende Bürgertum vs. Interactive- und Cybergedöns als kulturelles Leitmedium von morgen. Entwickelt und vorangetrieben von der Industrie, dem freien Markt, ganz ohne bzw. nur mit anfänglichen Fördermitteln. Möglich ist diese etwas schlichte Sichtweise der vier Autoren durch ihr Kunstverständnis, welches schon, man muss es so benennen, an groben Unfug grenzt. Zitat: "Kunst mit wissenschaftlicher Forschung gleichzusetzen, gar als neue Erkenntnistheorie an die Stelle Letzterer zu heben, wie es derzeit im Hochschulkontext und in der experimentellen Kunst propagiert wird, ist ein Irrweg. Kunst bewirtschaftet Emotionen, Forschung Wissen." Oder folgende Absurdität: "Der Begriff (Phantasie) taucht in der kulturpolitischen Debatte erstaunlicherweise gar nicht auf, obwohl er mit Kunst aufs Engste verbunden ist." Ach so ist das. Kunst ist also Phantasie, Gefühl und Kreativität. Nach dieser Definition hätte die Kunsttheorie des 20. Jahrhunderts praktisch nicht stattgefunden; Malewitschs Schwarzes Quadrat beispielsweise würde sich dem Betrachter demnach alleine durchs Draufglotzen erschließen. Und was für die Bildende Kunst gilt, ist nicht minder von der Darstellenden Kunst zu behaupten. Die Ablehnung einer bürgerlichen Hochkultur, welche selbstverständlich von Generation zu Generation zur Disposition stehen muss um nicht ins Museale abzugleiten, speist sich bei den Autoren allerdings aus einem Kunstverständnis, das irgendwo zwischen Volkshochschule und Altmänner-Faszination für alles, was „Underground“ und „Cyber“ als Präfix trägt, angesiedelt ist. Und das ist das eigentlich Ärgerliche.
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