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5.0 von 5 Sternen Tragödie der Mechanik, 13. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Das taube Herz (Gebundene Ausgabe)
Der studierte Philosoph und Soziologe Urs Richle nimmt sich in seinem neuen Roman eines alten, immer wieder bewegenden Themas menschlicher Technik Träume an. Etwas lebendiges, fast eigenständig Denkendes, mechanisch zu schaffen. Eine Art neuer Schöpfung, die lebendige, denkende Maschine, in den Raum zu stellen.

Den tragischen, weil unfreiwillige und einem schmerzlichen Liebesdrama ausgesetzte Schöpfer der Maschine gestaltet Richle in Person des schweizerischen Uhrmachergenies Jean-Louis Sovary. Von Kindheit an entfaltet Richle die Lebensgeschichte des fiktiven mechanischen Genies, der bereits zu Kindertagen sich fast meditativ in Uhrwerke zu versetzen vermag und damit seine Passion bereits in frühen Jahren gefunden hat.

Als erwachsener Mann eilt sein Ruf als genialer Mechaniker ihm voran, leider hat sein Weg ihn in die Kriminalität geführt, Sovary fälscht die berühmtesten und bekanntesten Uhrwerke der damaligen Zeit in perfekter Art und Weise. Grund genug für den Orgelbauer Blaise Montallier, Sovary zu entführen, ihn gefangen zu halten und einen Schachautomaten zu bauen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.

Um nun eine wirklich denkende Maschine zu erschaffen, braucht es ein Gehirn. Ana de la Tour, ein junges Mädchen mit außerordentlicher Schachbegabung wird ihr junges Leben unfreiwillig verlieren, um ihr Gehirn mit der Maschine zu verbinden.

Doch noch immer fehlt es der Maschine. An etwas Eigentlichem, zu Grunde liegendem. In einer schmerzlichen, inneren Entwicklung erkennt Sovary, dass ein mitfühlendes Herz es ist, was den Menschen ausmacht. Ein Herz, das letztlich er selber in sich entdecken wird, als es eigentlich bereits zu spät ist.

Der Leser rollt diesen Lebensfaden und diese dramatische Geschichte quasi von hinten auf. Vorweg stellt Richle den Blick aus der Gegenwart eines Uhren- und Mechanismen Museums, aus dem heraus der damals entwickelte Schachapparat entwendet wird. So erfährt der Leser bereits zu Beginn, dass die Maschine selbst eine Grabmal Anas ist, aus ihren Gebeinen erbaut und verfolgt von dort an mit Spannung und von kraftvoller, assoziativer Sprache begleitet die unglaubliche Geschichte der Vermessenheit und letztendlichen Tragödie der beteiligten Menschen.

Urs Richle versteht es durch seinen ausgefeilten sprachlichen Stil und versehen mit großem Wortschatz, seine Geschichte und seine handelnden Figuren lebendig, detailreich und vielen Schattierungen versehen ins Leben zu holen. Allein schon die erste Begegnung mit Sovary auf der Höhe des Kirchenturms im Anblick und Erleben der Kirchenglocken nimmt den Leser tief mit hinein in das Erleben und die Empfindungswelt des späteren Uhrmachers. Mit Leidschaft und Liebe zum Detail gestaltet Richle auch im weiteren Verlauf seine Betrachtung menschlichen Strebens, menschlicher Verfehlungen und Scheiterns und der Tragödie, die Seite für Seite langsam mehr in den Raum tritt.

Ein schön zu lesendes Buch mit vielen Schattierungen und Ebenen, die in hervorragender sprachlicher Form vor Augen geführt werden und ein deutliches Plädoyer für die Akzeptanz menschlicher Grenzen angesichts technischer Wundergläubigkeit.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geht hier ein Menschheitstraum in Erfüllung?, 25. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Das taube Herz (Gebundene Ausgabe)
In einem kleinen privaten Museum wird das Herzstück der Ausstellung gestohlen. Eine Spieluhr, die "Grande Dame", ein kleiner Automat die nicht nur wegen seiner Fähigkeiten so besonders ist, sondern auch weil ihr Innenleben komplett aus den Gebeinen einer Frau konstruiert wurde.
Der Direktor des Museums ist untröstlich weil nicht nur der Automat, ein Wunderwerk der damaligen Uhrmacherkunst ist, sondern weil hinter der "Grande Dame" eine wahrhaft tragische Geschichte steckt. Und dann beginnt der Direktor mit der Geschichte von Jean-Louis, der gefangen in einem Keller, den raffiniertesten Automat seiner Zeit bauen soll, und die Zeit wird zurück gedreht...

Das war für mich mal eine richtig tolle Geschichte mit gleich mehreren spannenden Elementen. Erst einmal gings um die Uhrmacher und Automatenbauer in Frankreich zur Zeit von Louis XVI und Marie-Antoinette. Diese Branche war voll im Kommen und die erlauchte Gesellschaft rang geradezu dannach die neusten Spieluhren ihr eigen nennen zu können.
Mittendrin ist der kleine Jean-Louis der sich nichts sehnlicher wünscht als solche Spieluhren bauen zu können. Sein Kopf sprudelt über mit Ideen für neue, bessere und komplexere Uhren. Ein tolles und sehr interessantes Thema und mit Jean-Louis erfährt man so einiges über die Kunst des Uhrmachers.
Es gibt auch eine weitere Erzählebene. Da geht es um Ana de la Tour die zwar ein Genie im Schachspiel ist, aber durch gewisse Umstände nicht fähig sich auf andere Menschen einzulassen.
Dann gibt es einen wichtigen Teil in dem man einiges über die damalige Medizin erfährt. Ehrlich, bei den Behandlungen damals rollen sich einem heute die Zehennägel auf. Ein Wunder das die Menschen nicht an den Behandlungen der Quacksalber starben, anstatt an der Krankheit.
Durch spannende und packende Weise laufen beide Erzählstränge ineinander über und werden zu einem großen ganzen miteinander verwebt. Ein toller Roman mit einem besonderem Thema und einem traurigen aber trotzdem zufrieden stellenden Ende.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mensch und Maschine - die melancholische Romanze des 18. Jahrhunderts, 3. Mai 2011
Von 
Tanja Heckendorn "heckendorn" (Lörrach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das taube Herz (Gebundene Ausgabe)
"Diese Spieluhr trägt den Namen La Grande Dame. Sie ist das letzte, persönlichste und erstaunlichste Meisterwerk des Uhrmachers Jean-Louis Sovary, ein einzigartiges Unikum, die schreckliche Quintessenz seines Lebens."
"Und was ist daran so Besonderes?," fragte der Polizeibeamte, ein verwaistes Zahnrad zwischen den Fingern, "komplizierte Uhren mit Musik- und Figurenspielen gibt es doch viele."
"Da haben sie vollkommen recht, Herr Inspektor. Aber das ist noch nicht alles." Albert Géraux nahm dem Beamten das Zahnrad aus der Hand. "Das Figurenspiel und die Verzierungen sind zwar außergewöhnlich, machen die Grane Dame aber noch nicht zu dem, was sie ist. Was sie einzigartig macht, und deswegen wurde sie meines Erachtens auch gestohlen, ist die Mechanik, das Material, woraus Jean-Louis Sovary das Uhrwerk gebaut hat."
Albert Géraux machte eine lange Pause. Sein Gesicht war nun kreideweiß, die Lippen aschgrau. "Die Grande Dame, Herr Inspektor ist gänzlich aus menschlichen Gebeinen gebaut."
("Das taube Herz", Seite 14, 15).

Das Schweizer Uhrmacherhandwerk steht schon seit langer Zeit für Qualität und bewährte Tradition. Wie man es beispielsweise auf der Internetseite von Swissworld nachlesen kann, wurde dieser gute Ruf in den vergangenen 500 Jahren aufgebaut. Passend also, dass der Schweizer Autor Urs Richle seinen fiktiven Protagonisten Jean-Louis Sovary dort aufwachsen lässt, wo diese Tradition ihren Ursprung hat.

Der zehnjährige aufgeweckte Junge hat im 18. Jahrhundert als armer Sohn einer Bauernfamilie im Juragebirge keine glänzenden Aussichten, seine Leidenschaft für die Mechanik auszuleben. Doch eine wahre Berufung lässt sich eben nicht ignorieren. Als junger Erwachsener gelingt es im schließlich in Genf als Fälscher zu arbeiten und die besten Uhrwerke weit und breit herzustellen. Seine Begabung fällt dem berühmten französischen Orgelbauer Montallier auf, der Sovary unter einem Vorwand zu sich nach Paris lockt und anschließend gefangen nimmt. Sovary soll einen Automaten bauen, um den legendären "Schachtürken" des Barons von Kempelen in einer öffentlichen Veranstaltung bloßzustellen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, doch steht nicht nur das Überleben des Jean-Louis Sovary auf dem Spiel, sondern auch das der jungen Ana de la Tour, ein Schachgenie, welche ebenfalls für das wahnwitzige Projekt des Franzosen gefangen gehalten wird. Ausgerechnet in diesem dunklen Kellerverlies in Paris entdecken Jean-Louis und Ana ihre Liebe zueinander. Wird es den beiden gelingen, ihre unterschiedlichen und außergewöhnlichen Talente miteinander zu verbinden und mit ihrer Arbeit das Ticket der Freiheit zu erlangen?

Während der Roman im 10. Lebensjahr mit der Verfolgung des Werdegangs von Jean-Louis Sovary einsetzt, beginnt die zunächst parallel erzählte Lebensgeschichte der Ana de la Tour schon kurz vor deren Geburt. Der Graf de la Tour beruhigt seine angeschlagenen Nerven durch die schwere Schwangerschaft seiner Ehefrau mit Partien Schach. Doch auch nach der Geburt enden die Probleme des adligen Ehepaares nicht. Das schwierige kleine Mädchen ist äußerst schwer zu bändigen und verweigert jeglichen Körperkontakt. Wahrscheinlich ist Ana autistisch, eine Diagnose, die zu dieser Zeit noch kein Mediziner stellen konnte. Nachdem der Vater vergeblich ein Vermögen für Ärzte ausgegeben hat, überlässt er seine Tochter ihrem Schicksal und übergibt sie einer italienischen Hebamme, die mit ihren Kindern in einem ärmlichen Verschlag lebt. Nach dem Tod der guten Frau kommt Ana schließlich in ein Kloster, wo ihr unglaubliches Talent für das Schachspiel ent-deckt wird. Die junge Frau wird zu einer Attraktion am Ort - bis sie eines Nachts geraubt wird!
Auch Jean-Louis hat zunächst große Probleme das Vertrauen der scheuen Dame zu gewinnen. Als er jedoch aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in seinem Verlies schwer erkrankt, kümmert sich Ana rührend um ihn und schenkt ihm schließlich ihr Ver-trauen. Die zarte Liebesgeschichte der beiden wird mit der fast unheimlichen Faszination der damaligen Gesellschaft für die kuriosen Automaten verbunden, die mit ihren scheinbar unglaublichen Fähigkeiten gar dem menschlichen Geist überlegen scheinen!

In seiner Geschichte um die fiktiven Helden lässt Urs Richle auch einige historische Persönlichkeiten auftreten. Eine besonders schillernde Gestalt ist dabei der Mechaniker Wolfgang von Kempelen, der 1769 einen Schachautomaten konstruierte. Dieses Gerät wurde bald als Türke bekannt, weil eine Puppe in osmanischer Tracht zum Schachspiel gegen einen menschlichen Gegner antrat. Schon während des Siegeszuges des Schachtürken wurden immer wieder Gerüchte laut, dass in dem Automaten ein Mensch stecken müsse, der die Figur lenkt. In dem vorliegenden Roman wird das berühmte Spiel der Maschine gegen den damals weltbesten Spieler, Francois-Andre Danican Philidor, sehr plastisch und spannend in Szene gesetzt.

Mit sehr Fingerspitzengefühl für die einfühlsame Inszenierung seiner Helden und seiner spannend-tragischen Geschichte erringt der schweizerische Autor das Herz des Lesers. Die wehmütige Romanze zwischen Ana und Jean-Louis wird sehr berührend geschildert und obwohl man von Anfang an weiß, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen kann, fiebert man bis zuletzt mit Jean-Louis Savory mit.

Wen die Thematik interessiert und gerne mehr über die historischen Begebenheiten dieser Zeit erfahren möchte, dem sei an dieser Stelle unbedingt Robert Löhrs "Der Schachautomat: Roman um den brillantesten Betrug des 18. Jahrhunderts" zum weiterlesen empfohlen.
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Das taube Herz
Das taube Herz von Urs Richle (Gebundene Ausgabe - 23. August 2010)
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