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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Augenöffner, 9. Dezember 2013
Von 
Volker M. - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 10 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Herculaneum: Biografie einer Stadt (Gebundene Ausgabe)
Es ist schon fast 200 Jahre her, dass Pompeji Herculaneum den Rang in der touristischen Beliebtheitsskala abgelaufen hat. Pompejis Lage ist viel günstiger, die Ausgrabung ist erheblich größer und die touristische Infrastruktur um Dimensionen besser.

Aber kulturhistorisch und kunstgeschichtlich ist Herculaneum zweifellos bedeutender. Während der relativ lockere Lipillischutt von Pompeji schon in der Antike nach Fundstücken durchsucht wurde, blieb Herculaneum unter einer meterdicken und zementharten Tuffschicht sehr wirksam geschützt. Was wir heute an spektakulären Funden aus der Zeit des Vesuvausbruchs 79 n. Chr. in den Museen bewundern, das stammt zum großen Teil aus Herculaneum. Die wunderbaren Bronzen (alleine 70 aus der Villa dei Papyri!) ebenso wie Wandgemälde und sogar organisches Material, das zwar verkohlt ist, aber mit modernen restauratorischen Mitteln erhalten werden kann. In Herculaneum haben sich Möbel, Nahrungsmittel und sogar eine ganze Bibliothek mit Büchern erhalten. Die Einzige, die aus römischer Zeit überdauert hat. Auch sind nirgendwo sonst die Miethäuser über so viele Stockwerke erhalten, wie hier.

Andrew Wallace-Hadrill, emeritierter Archäologe an der Universität Cambridge und lange Zeit Leiter der British School at Rome ist am Herculaneum Conservation Project maßgeblich beteiligt. Sein Buch ist sowohl Bestandsaufnahme als auch historische Würdigung der einmaligen Ausgrabungsstätte. Er führt dem Leser aber auch die Probleme vor Augen, denen sich die Archäologen gerade in Herculaneum stellen müssen: eindringendes Grundwasser, unzureichende Konservierungskonzepte, Fehler der Vergangenheit, unterschlagene EU-Fördergelder, ... die Liste ist lang. Und im Gegensatz zu einer reichlich blauäugigen Darstellung der Ausgrabung von Pompeji, die ich kürzlich gelesen habe, hält Wallace-Hadrill diese kritische Aspekte nicht unter der Decke. Dass wir uns nicht falsch verstehen: Sein Buch ist keine Abrechnung mit korrupten Behörden und inkompetenten Archäologen, sondern eine sehr differenzierte Darstellung, die nicht nach einfachen Lösungen sucht. Alles ist irgendwie miteinander verknüpft und so plädiert Wallace-Hadrill auch dafür, vorerst keine weiteren Areale auszugraben. Es gibt genug zu tun, um das bereits Bekannte zu erhalten. Unter der Erde (gerade unter dem relativ wasserdichten Tuff Herculaneums) sind die unentdeckten Funde zweifellos sicherer aufgehoben, als an der freien Luft.

Jede Zeit hatte ihre Art, mit den Artefakten in Herculaneum umzugehen. Der Bourbonenkönig Karl ließ Anfang des 18. Jahrhunderts systematisch Tunnel in den Untergrund graben und beschädigte damit viele Konstruktionen und Wandmalereien. Später wurden die Ausgrabungen zunehmend professionalisiert, aber die Folgeschäden durch unsachgemäße Konservierungsmethoden blieben. Wirklich systematisch wurde das Areal übrigens erst zwischen den 20iger und 40iger Jahren ausgegraben, mit großer finanzieller Unterstützung des Staates, dem an einer Verherrlichung des antiken Rom natürlich sehr gelegen war. Der federführende Architekt Maiuri hat allerdings auch wesentliche Teile der Ruinen ergänzt, was man heute nicht mehr auf den ersten Blick erkennt. Bis zu 50% der Bausubstanz in Herculaneum sind nicht antik, aber die Ergänzungen haben die Originalsubstanz sehr wirksam geschützt. Nach dem Krieg brach die Finanzierung dann zusammen und eine Ausgrabung an der Villa dei Papyri in den 80iger Jahren kann man aus konservatorischer Sicht nur als katastrophal bezeichnen. Erst das Conservation Project lässt seit 2001 die alte Professionalität wieder aufleben. Bis heute hat sich allerdings die Unsitte erhalten, dass "neue" Ausgrabungen für Besucher und Fotografen tabu sind, bis sie publiziert sind, wodurch sie teilweise jahrzehntelang verschlossen bleiben. Wenn sie dann der Öffentlichkeit präsentiert werden, sind sie bereits schwer beschädigt.

Wallace-Hadrill bringt nicht nur eine große Anzahl von Abbildungen des heutigen Zustandes von Herculaneum, sondern zeigt auch in historischen Aufnahmen die alten Ausgrabungstechniken, die ebenso die durch Verwitterung entstandenen Schäden und Verluste dokumentieren. Auf- und Grundrisse, sowie sehr anschauliche Grabungspläne ergänzen das Bild.

Nicht nur der Status quo interessiert den Autor, sondern er analysiert auch die Erwähnungen Herculaneums in der antiken Literatur und zeichnet ein sehr detailreiches Bild der Bevölkerung und ihrer Lebensrealität. Unterschiedliche Gesellschaftsschichten lassen sich in Herculaneum besonders gut untersuchen, da die Stadt ausgesprochen reich war (sicherlich reicher als Pompeji). Wallace-Hadrill hat einen starken Fokus auf der Frage nach dem Lebensstandard in den verschiedenen Kasten, jeweils belegt durch Aufnahmen von antiken Fundstücken. Überhaupt ist die Qualität und Auswahl der Abbildungen herausragend. Auch wer nie in Herculaneum war, wird am Ende ein sehr umfassendes, hochaktuelles und vor allem lebendiges Bild der Stadt vor sich sehen. Nicht nur der Stadt, wie sie ist, sondern auch der Stadt, wie sie war. Wallace-Hadrill schreibt mit einer Klarheit und so fesselnd, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen will. Zumindest ist mir das so gegangen. Außerdem hat er eine sehr angenehme Art, den Akteuren der Vergangenheit für Fehler nur selten die "Schuld" zuzuschieben. Er sieht die Geschehnisse immer von einer höheren Warte, eingebettet in Randbedingungen und Zwänge - also genau so, wie die Dinge nun einmal oft sind. In den seltensten Fällen steckt hinter den Fehlern böse Absicht. Das klarzustellen ist sicherlich auch ein großes Verdienst des Autors. Er spaltet nicht, er verbindet.

"Herculaneum" ist ein wunderbares Buch über eine Stadt, die immer ein wenig im Schatten ihrer größeren Schwester Pompeji stand. Wer es gelesen hat, der wird sich fragen, warum es seit vielen Jahrzehnten die erste, an eine breite Öffentlichkeit gerichtete Publikation dieser Art ist. Andrew Wallace-Hadrill hat uns allen die Augen geöffnet. Danke dafür.
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Herculaneum: Biografie einer Stadt
Herculaneum: Biografie einer Stadt von Andrew Wallace-Hadrill (Gebundene Ausgabe - 25. Oktober 2012)
EUR 49,99
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