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27 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Choreografie der Emotionen in der Kulisse des Alltags, 26. März 2013
Von 
HeikeG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Alles nur Konsum: Kritik der warenästhetischen Erziehung (Taschenbuch)
"In China erzählt man sich seit mehr als zweitausend Jahren die Geschichte eines Geschäftsmannes, der mit Perlen handelte. Da er einen möglichst guten Preis erzielen wollte, bemühte er sich um eine besonders edle Verpackung. Für die Schachtel wählte er wertvolles Holz, ferner bestückte er sie aufwendig mit Edelsteinen und parfümierte sie zusätzlich mit teuren Aromen. Schnell fanden sich zahlreiche Interessenten, und der Höchstbietende erhielt schließlich die Schachtel. Die Perlen jedoch gab er, so die Pointe, dem Händler zurück, gefiel ihm doch eigentlich nur die Verpackung."

Mit dieser Geschichte, die nie aktueller als heute ist, leitet Wolfgang Ullrich einen Abschnitt seines Buches ein. Denn gerade in unserer Zeit inszeniert man viele Produkte mit derart kolossalem Aufwand, dass die Verpackung oft zur Hauptsache wird. Hersteller müssen meist nicht viel tun, um den Gebrauchswert ihrer Güter garantieren zu können. Im Gegensatz dazu stecken sie mehr und mehr große Summen in Markforschung, Werbung, Design und Markenentwicklung, einzig für deren raffinierte Gestaltung. Ullrich, der als Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrt und bekannt dafür ist, gegen den "gefälligen Strich" zu bürsten, geht dem Konsum auf den Grund, aber ganz bestimmt nicht - wie die Mehrzahl von uns - auf den Leim. Er setzt sich auf kritische Art und Weise mit dem Thema auseinander und scheut sich dabei auch nicht, mit der herkömmlichen Markenkritik abzurechnen, ohne allerdings die heutige Konsumwelt nicht minder kritisch zu betrachten.

Egal ob Pfeffermühle, Joghurt, Kosmetikcreme, Tee oder Mineralwasser, es gibt kaum noch etwas in den Regalen der Einkaufstempel, "das nicht auch Psychotherapie, Energie, Entspannung, Erfolg, Authentizität oder gutes Gewissen in Aussicht stellt", so Ullrich. Dabei besteht die Methode der Hersteller darin, nicht nur zu überlegen, wem man ein Produkt verkaufen will, sondern zudem auch noch darauf zu achten, für welche Anlässe dieses passend ist und welche Sinneseindrücke beim Konsumenten erzeugt werden sollen. So kann zum Beispiel das Duschgel zum passgenauen Stimmungsaccessoire des Abends werden, Kaugummi und Kräuterquark Ausgeglichenheit verheißen, ein Badezusatz gute Laune in Aussicht stellen oder aber Schokolade am Ehrgeiz kitzeln. Eine derartige Choreografie der Emotionen gehört mittlerweile zum täglichen Programm. Gebrauchsgüter modellieren zunehmend unsere jeweilige Lebens- und Erlebniswelt und rufen nahezu von jedem Regal fast hörbar: "Ich verändere dich!" Wir Konsumenten folgen scheinbar nur allzu gern diesem Transformationsvorschlag und lassen uns mit derart sanftem Druck durch das Leben führen oder Verhaltensnormen aufdrücken. Erzieherische und sozialisierende Hilfe bei der Rollenfindung nehmen wir dankend an und sind dann sogar bereit, einen besonders angemessenen Betrag zu zahlen.

Produktentwickler avancieren somit zu den neuen Goethes und Schillers. Sie leisten mit ihrem Einfluss, was man sonst eher von Dichtern und Künstlern erwartet. Heutzutage "ist die Kulisse des Alltags aufwendiger ausgestattet denn je; sie ist vollgestellt mit Konsumprodukten jeglicher Art, die ihrerseits Triebe und Affekte sublimiert in Szene setzen und so dazu beitragen, die Menschen zu erziehen.", stellt der Autor folgerichtig fest. Wolfgang Ullrich wirft in neun Kapiteln einen kritisch-intelligenten Blick auf:

Fiktionswerte
Inszenierungsfolgen
Situationsfaschismus
Konsumpolytheismus
Spiegelkonsumenten
Metaphernethik
Gewissenswohlstand
Konsumpoesie
Wertekapitalismus

Letztendlich kann seine Vermutung nur bestätigt werden, "dass noch keine andere Kultur die Menschen mit einem so dichten Gespinst an positiven Gefühlen umgeben hat wie die heutige Konsumwelt." Im Gegensatz dazu sollte man sich vielleicht auch den Satz von David Wagners Protagonisten aus seinem Roman "Vier Äpfel" auf der Zunge zergehen lassen, der da meint, dass sich der Geisteszustand unserer Kultur auch an Flaschen- und Dosenformen diverser Haarpflegeprodukte ablesen lasse: "Nicht so gut, denke ich, als ich lese, was auf den Etiketten steht: Total Repair Spülung, Milde & Balance Therapy, Haar-Auffüller, Lift & Definition, Color & Care, Repair & Pflege. Es scheint ziemlich viel kaputt zu sein, wo so viel Reparatur, Therapie und Pflege nötig sind."

Fazit: Wolfgang Ullrichs Kritik der warenästhetischen Erziehung gestaltet sich als lohnenswerte literarische Kost bei der Konsumbürger-Aufklärung und bläht trotz geistigem "Kalorien-Reichtum" nicht auf. Allerdings ist sein Buch auch nicht frei von Nebenwirkungen: Es entkleidet die Inszenierungen des Marketing ihrer Bedeutungen und schärft einen kritischen Blick, der den ein oder anderen zukünftig mit anderen Augen durch die Regale der Supermärkte schlendern lässt.

Friedrich Theodor Vischer: "Auch Einer" (1879)
"Es ist auch deswegen in Ordnung, daß der Mensch endlich stirbt, er soll sich schon deswegen gern darein fügen, weil sich mit der Zeit gar zu viel Sach um ihn ansammelt. Man erfährt das so recht bei einem Umzug. Nicht nur Bücher, - Briefe, Blätter, Blättchen, Zeitungsnummern, Büchsen, Schachteln, Salben, Pulver, tausend Geräte. Wie oft, alter Narr, willst du die alte Papiertüte hinten in der Schubladenecke noch einmal hervorziehen, öffnen, finden, daß ein Rest Holder- oder Wollblumentee darin steckt, dich besinnen, ob du ihn wegwerfen willst, ihn noch einmal behalten? - Mach, geh fort, nimm Abschied auf einmal von all dem Quark!"
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was steckt hinter dem Axe-Effekt., 6. Dezember 2013
Von 
Thomas Brasch (München) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
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Rezension bezieht sich auf: Alles nur Konsum: Kritik der warenästhetischen Erziehung (Taschenbuch)
Wer "Habenwollen" von Wolfgang Ullrich gelesen und für gut befunden hat, findet hier die etwas akademischere - doch immer noch sehr angenehm lesbare - Vertiefung des Themas "Konsum". Schon eingangs verweist Wolfgang Ullrich auf ein Paradox, das in unserer Gesellschaft nur sehr selten kritisch wahrgenommen wird. Wenn wir Meinungen und Bewertungen von Buchkritikern, Kunst-, Musik- und Theaterkritikern, aber auch Kapitalismus- und Gesellschaftskritikern einholen, unterstellen wir jedem ein profundes Wissen über die Gegenstände seiner Kritik. Ein Buchkritiker, der erklärt, dass er auf Bücherlesen weitestgehend verzichtet, da er die Verfilmungen bevorzugt, würden wir bestenfalls für exzentrisch erachten, jedoch seine Meinung über Bücher als wenig relevant einstufen. Ganz anders verhält es sich in unserer Gesellschaft mit den Konsumkritikern. Diese bilden die einzig bekannte Kritikergruppe, die hohe gesellschaftspolitische Anerkennung erhält, obwohl sie vom Gegenstand ihrer Kritik offenkundig nichts versteht und keine Erfahrung damit wünscht. Selbst ein Kapitalismuskritiker muss zunächst eine wirtschaftstheoretische und auch -praktische Expertise vorweisen, bevor wir ihm kompetente Kritikfähigkeit zugestehen. Doch Konsumkritik erschöpft sich bei den meisten in der vehement, mit missionarischem Eifer verbundenen Aufforderung zum Konsumverzicht.

Wolfgang Ullrich fällt nicht in dieses Paradox. Im Gegenteil, was die Feuilleton-Redakteure für die Kultur sind, ist Wolfgang Ullrich für den Konsum. Kaum jemand versteht es so gründlich und ideologiefrei den Konsum zu analysieren, so dass jeder Konsum-Dilletant sich aus seiner selbstverantworteten Unwissenheit befreien und nach dieser Lektüre und dem so geschulten Denken zum aufgeklärtem Konsumbürger wandeln kann. Denn erst dann gelingt es, bewusst über das eigene Konsumverhalten zu reflektieren und die vielen Aspekte zu durchschauen, die uns leiten und verleiten - auch die vorgeblichen Konsumverweigerer. Ein solcher Typus findet sich ja in dafür angebotenen Nischen, wie dem Body-Shop oder bei Weleda oder auch beim Schmökern im Manufactum-Katalog. Ganz treffend - so finde ich - sieht hier Wolfgang Ullrich auch schon die Schwarz/Grüne-Koalition vollzogen, die sich politisch noch bilden muss. Und neben vielen anderen spannenden Analysen wird auch jedem nach der Lektüre klar sein, warum der Axe-Effekt so wirksam ist.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Keine Bettlektüre, 4. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Alles nur Konsum: Kritik der warenästhetischen Erziehung (Taschenbuch)
Alles was wir schon immer ahnten und nur nicht erklären konnten. Hier ist es erklärt. Regt zum Umdenken an. Besser als erwartet.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faszinierende Thesen, hervorragend präsentiert, 7. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Alles nur Konsum: Kritik der warenästhetischen Erziehung (Taschenbuch)
Wieder brilliert Ullrich mit Objektivität, so wie er es schon im Vorwort ankündigt. Er nimmt den Begriff "Kritik" wörtlich, und betrachtet die heutige Konsumgesellschaft (im Gegensatz zu vielen links-schreibern verwendet Ullrich diesen Begriff ohne negative Betonung) von allen Seiten objektiv. Dabei lässt er keine Facette aus, und geht auch auf Platonische Grundsätze ein, welche die Bewertung des Konsums bis heute beeinflussen.

Enorm lehrreich, hervorragend, auf den Punkt gebracht und angenehm geschrieben.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Demaskierung der Produktwelt bzw. des forcierten Konsums., 23. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Alles nur Konsum: Kritik der warenästhetischen Erziehung (Taschenbuch)
Sehr empfehlenswert, auch wenn es einem nach der Lektüre sehr schwer fällt ohne längere (kritische) Überlegung zu jedem Produkt seinen Supermarkt-Einkaufswagen zu füllen.
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Alles nur Konsum: Kritik der warenästhetischen Erziehung
Alles nur Konsum: Kritik der warenästhetischen Erziehung von Wolfgang Ullrich (Taschenbuch - 5. März 2013)
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