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12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das beste Buch über Kunst, 3. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde (Gebundene Ausgabe)
Ich beginne mit dem einzigen Manko des Buches: der Titel ist irreführend. Thomas Junker hat ein spannendes Werk zu einer Frage verfasst, auf die es so viele Antworten gibt – von Kunsttheoretikern, Laien und Künstlern selbst -, dass man normalerweise ratlos zurück bleibt: Was ist Kunst? Immerhin verrät der Titel so viel, dass hier ein Evolutionsbiologe spricht. Was Junker von anderen seiner Fachrichtung unterscheidet: er setzt sich mit den Antworten konkurrierender Fachrichtungen wie Philosophie und Soziologie auseinander. Und das nicht, um deren Theorien zu erledigen, sondern um sie in seine Hauptthese, die er im Laufe des Buches entwickelt, einzubauen.

Das Buch kann man in drei große Komplexe unterteilen:

1. Die gängigen Kunsttheorien und deren Kompatibilität mit der Evolutionstheorie.
2. Die (Natur-)Geschichte der Kunst von den ersten Menschen bis zur Gegenwart
3. Kunst als Organisator des Superorganismus Gesellschaft

Ich habe das Buch an einem Rutsch durchgelesen. Es ist gut geschrieben, immer verständlich, unterhaltsam, immer wieder mit netten ironischen Zwischentönen. Eine Kunstsoziologie zu lesen ist in der Regel grässlich – Junker versteht es, die Theorien der Kunstsoziologen eingängig darzustellen, so dass man nebenbei einen beträchtlichen Wissensgewinn hat. Weil er die Ergebnisse von Philosophie und Soziologie nicht zur Abgrenzung, sondern zur Belegung seiner These vom Superorganismus nutzt, liest man seine Ausführungen gerne. Wo er widerspricht, ist das kein Ergebnis einer bornierten soziobiologischen Haltung, sondern wirklicher Auseinandersetzung mit konkurrierenden Thesen. Was er zur modernen Kunst zu sagen hat: Ein Gewinn.

Kurz: Dieses Buch hat mich an keiner Stelle genervt.

Kunsttheorie und Künstler mögen biologische Argumentation oft nicht. Das könnte sich mit diesem Buch ändern.

Junkers Schlussfolgerung am Ende seiner Darlegung sollten alle zur Kenntnis nehmen, die sich mit Kulturförderung beschäftigen (und Gelder zu vergeben haben …): „Die Künste sind mehr als ein unersetzliches Weltkulturerbe – sie sind ein lebendiges Weltnaturerbe, das es zu bewahren gilt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kunst als Selektionsvorteil, 28. August 2013
Von 
karin1910 - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde (Gebundene Ausgabe)
Schon seit frühster Vorzeit ist die Menschheit von einer Faszination für Kunstwerke erfasst - der wohl eindruckvollste Beweis dafür sind die in verschiedenen Teilen der Welt aufgetauchten Höhlenmalereien. Doch woher kommt diese Begeisterung für das kreative Schaffen, die trotz gewisser Vorläufer im Tierreich eine einzigartige menschliche Eigenschaft zu sein scheint? Wie lässt es sich aus Sicht der Evolution erklären, dass so viel Energie für eine Sache aufgewendet wird, die nicht unmittelbar dem Überleben dient?

Thomas Junker versucht hier, diesen Fragen nachzuspüren, wobei er sich der Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten bedient. Er sieht sich nicht nur an, was Evolutionsbiologen bisher zu diesem Thema zu sagen hatten, sondern bezieht auch Stellungnahmen von Kunstexperten in seine Überlegungen mit ein.

So gelingt es ihm durchaus überzeugend darzulegen, dass die Kunst den Menschen bei der Organisation ihres Zusammenlebens half und daher einen Selektionsvorteil darstellte.
Abschließend wirft er dann noch einen Blick auf die Frage, ob sie auch in einer durch moderne Medien geprägten Zukunft weiterhin in der Lage sein wird, ihre Aufgabe zu erfüllen.

Obwohl man bei manchen Argumentationen natürlich unterschiedlicher Meinung sein kann, bietet dieses Buch doch jedenfalls eine Reihe interessanter Diskussionsansätze. Es gibt vielleicht ein bisschen zu viel allgemeines Gerede über das Wesen der Kunst und die Frage, was als Kunstwerk gelten darf, insgesamt ist die Lektüre aber sicherlich lohneswert und zeigt, dass die Evolutionstheorie nicht nur zur Erklärung körperlicher Merkmale herangezogen werden kann.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Entwicklungsgeschichte der vielfachen Formen der Kunst, 4. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde (Gebundene Ausgabe)
Kunst ist ungeheuer vielfältig, sowohl in den Ausdrucksformen als auch in den Wirkungen auf die je verschiedenen Betrachter oder Hörer.
Dies ist die Feststellung, die Thomas Junker, Professor für Biowissenschaften an der Universität Tübingen, zu Beginn seiner Betrachtungen trifft.

„Was aber ist Kunst? Wann ist sie entstanden, wie funktioniert sie und welcher Zweck wird mit ihr verfolgt?“, das sind die Leitfragen, die sich aus dieser ersten Feststellung für Junker ergeben und denen er im Verlauf des Buches durchaus differenziert folgt. Die gängige Antwort, dass Kunst aus dem „Schönheitssinn“ des Menschen heraus sich entfaltet, ist dabei für Junker zu kurz gegriffen angesichts der Vielfalt all dessen, was Kunst ist und wie diese ebenso vielfältig ihre Wirkungen zeigt.

Überzeugend zeigt Junker im weiteren Verlauf der Lektüre vor auf, ganz im Rahmen der Evolutionsforschung der letzten Jahre und Jahrzehnte, dass Kunst ebenso eng wie mit einem „Schönheitssinn“ verknüpft ist mit „biologischen Lebenszielen“. Im evolutionären Verständnis muss es ja so sein, dass auch die Kunst nicht als „kultureller Luxus“ sich entwickelt hat, sondern für die Gattung Mensch als ein „unverzichtbarer Bestandteil der Natur“ zu gelten hat.

So weitet Junker den Blick, stellt Erkenntnisse der Philosophie und der Kulturwissenschaften neben die Ergebnisse der Naturwissenschaften und der Evolutionsforschung und schafft so durchaus eine Synthese im Blick auf die „Kunst“ und ihre Bedeutung und Entwicklung für die Gattung Mensch in biologischer und kultureller Hinsicht. Wobei Junker nicht vorgibt, alles ins ich schlüssig in ein Gesamtsystem einordnen zu können. Offene Fragen spricht er an und lässt diese auch offen stehen, wo eine Antwort nicht durch Fakten abgeleitet werden kann. Das Buch stellt einen „Brückenschlag“ zwischen Natur- und Kulturwissenschaft im Blick auf die Entwicklung und Bedeutung der Kunst her, der durchaus als gelungen zu bewerten ist.

Gerade in der Betrachtung der Künste als „eine spezielle Sprache des Menschen“, die zur Verständigung über „unbewusste Gefühle und Wünsche“ dient, erschließt sich die Teilmenge der verschiedenen Betrachtungsweisen und zeigt sich, wie an der Sprache selbst, zum einen die Bedeutung für das „Überleben der Art“ an sich, wie auch für die faszinierende kulturelle Entwicklung der Menschheit in der Geschichte. Eine Entwicklung, die nicht nur auf der technischen Kommunikation von Fakten und nicht nur auf der emotionalen und ethischen Kommunikation durch Laut- und Körpersprache begründet ist, sondern eben auch auf dem Austausch unbewusster und tiefliegender Elemente, die sich symbolhaft in der Kunst Ausdruck verschaffen.

Im ersten Teil führt Junker hierzu ein in die kontroversen Haltungen und Standpunkte zur Kunst („Wie wird Kunst erklärt“). Im zweiten Teil führt Junker die Ergebnisse der evolutionären Forschung zum Faszinosum der Kunst ein („Wie funktioniert Kunst?“), bevor er im dritten Teil des Buches die Folgerungen aus den Ergebnissen der evolutionären Forschung zieht und diskutiert („Welches Problem soll die Kunst lösen?“).
Wie nun die Kunst entstanden ist (nachdem die Zwecke offen gelegt wurden im Buch), das ist Thema des vierten Teiles, der von den „evolutionären Vorformen“ bis zur ausgeprägten „Massenkunst“ reicht. Die Frage, „ob es in Zukunft noch Kunst geben wird“, schließt diese interessanten und ungewohnten Einsichten und Darlegungen im Buch dann ab.
Auch diese abschließende Betrachtung hängt eng mit der Frage nach der „Funktion“ der Kunst zusammen, denn Kunst im heutigen Sinne steht durchaus in Gefahr, zu verschwinden, wenn sie ihre ursprüngliche kommunikative Funktion und Aufgabe im modernen Leben mehr und mehr verliert.

Fundiert und sehr interessant, ein ganz anderer Blick auf die Kunst, als er gewohnt ist, ohne die kulturwissenschaftliche Betrachtung zu sehr zu vernachlässigen (auch wenn der Schwerpunkt deutlich erkennbar im Buch naturwissenschaftlich gesetzt ist), alles in allem ein Buch, das mit Gewinn zu lesen ist und in Stil und Form sehr verständlich sich darstellt.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was als Geschichtsbuch beginnt, endet mitten in der Gegenwart!, 31. Juli 2013
Von 
Christian Döring "leseratte" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde (Gebundene Ausgabe)
Wo kommt die Kunst eigentlich her? Warum brauchen wir sie dringender als wir vielleicht vermuten? Hauptsächlich diese Fragen verfolgt Junker und geht dabei sehr übersichtlich, nach Zeitabschnitten in der Entwicklung von uns Menschen vor.

Spannend wie Thomas Junker Kunst erklärt. Egal ob als der Ort der Menschen zusammenführt, Identität schafft oder auch nur die Plattform für Auseinandersetzung. Kunst ermöglichte ein Vorwärts zu allen Zeiten und Epochen.

Leider ziehen mich des Autors nachdenkliche Sichtweisen auf die Kunst der Gegenwart ein wenig runter. Ich sage "leider" und muss ihm zugleich recht geben in seiner Einschätzung. Kunst war vielleicht nie so gefährdet wie in der Gegenwart. Vieles ist heute in Windeseile möglich, ist aber auch verbunden mit Anonymität. Ist es das was wir wollen?

Fazit: Was in meinen Augen als Geschichtsbuch begann, endete mit der Auseinandersetzung des Kunstbegriffes im Hier und Heute. Plötzlich wird das buch ungemütlich, weil ich als Leser nicht nur Informationen vorgesetzt bekomme, sondern vom Autor in einen Denkprozess hineingezogen werde, in dem meine Meinung gefragt ist. Eine geschickte Heranführung an ein sehr wichtiges Thema, dem leider sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird!
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Haben wir Menschen vielleicht ein "Kunst-Gen" in uns?, 26. September 2013
Von 
HG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde (Gebundene Ausgabe)
"Als Duchamp im April 1917 bei der großen Kunstausstellung der Independent Artists in New York ein handelsübliches Urinal einreichte, das er in einem Sanitärgeschäft erworben, mit 'R. Mutt 1917' signiert und mit dem Titel 'Fontaine' versehen hatte, wurde es mit dem Argument abgelehnt, das Objekt sei 'nach jedweder Definition kein Kunstwerk'. Mittlerweile gilt Duchamps 'Fontaine' als eines der Schlüsselwerke moderner Kunst. Was aber macht es zu einem Kunstwerk? Dass es bei einer Kunstausstellung präsentiert werden sollte? Dass es von Duchamp signiert wurde, d. h. von einem anerkannten Künstler und nicht von einem Klempner?"

Dieses von Thomas Junker angeführte Beispiel zeigt deutlich wie schwierig es ist, den weiten Begriff "Kunst" zu bündeln und ihm eine feste Definition zu geben. Trotz alledem ist Kunst ein fester und untrennbarer Bestandteil der menschlichen Evolution. Ohne sie "hätte das Leben unserer Vorfahren einen anderen Verlauf genommen, dann wären die Menschen vielleicht nicht zum 'dominantesten Tier' geworden, 'das jemals auf dieser Erde erschienen ist', wie es Charles Darwin 1871 so treffend formulierte. Junker zeigt in seinem Buch auf, dass uns Kunst keineswegs als überflüssiger Luxus mit in die Wiege gelegt wurde, "sondern als ein unverzichtbarer Bestandteil der Natur des Menschen, vergleichbar mit Sprache und Kultur." Er ist der Meinung, dass der immer wieder Misstrauen erweckende und auf Unverständnis stoßende evolutionäre Blick auf die Kunst, ein kurzsichtiger ist. Denn, so Junker, "damit verspielt man sich die Chancen und Möglichkeiten einer neuen Sicht auf ein vertrautes und scheinbar bekanntes Phänomen wie die Kunst". "Revolutionäre" Ideen wären nicht zum ersten Mal der Anstoß für eine umwälzende Entwicklung und neue Erkenntnisse, die bis dato in einer Sackgasse feststeckte. Sein informatives und interessantes Brevier offenbart dabei keineswegs eine starre Meinung eines einzelnen Fachbereiches, sondern der Autor zieht für seine Betrachtungen die Erkenntnisse und Gedanken von Philosophen, Historikern, Psychologen und natürlich Evolutionsbiologen heran: ein Brückenschlag zwischen Kultur- und Naturwissenschaftlern.

In fünf umfassenden Kapiteln unternimmt er den Versuch, das komplexe Phänomen Kunst aus der darwinschen Perspektive zu betrachten. Zunächst erklärt Junker unterschiedlichste Begrifflichkeiten, die mit dem kleinen/großen Wort einhergehen. Er beschäftigt sich mit der grundsätzlichen Kritik an evolutionären Kunsttheorien und erläutert den Nutzen der Kunst, der zum einen im Überleben und Wohlergehen der Individuen, zum anderen als deutliches Signal bei der Partnerwahl, also der sexuellen Auslese, steht. Zudem verbirgt sich in der Kunst ein unglaublich großer Erfahrungsspeicher, der Sprache, Kreativität, Emotionalität, Geschicklichkeit und Bewegung nahezu spielerisch trainiert. Einen großen Teil widmet der Autor der Beantwortung der Frage, wie Kunst eigentlich funktioniert und "warum es so schwierig ist zu sagen, was Kunst ist". Thomas Junker geht auf die Sprache der Gefühle ein und versucht zu ergründen, warum Kunst magische Kräfte hat bzw. warum sie so unglaublich vielfältig ist. Der Autor führt zudem auf, wie Kunst entstanden ist und welchen evolutionären Zwängen sie sich unterordnen musste. Letztendlich gestattet er sich noch einen Blick in die Zukunft und fragt sich, ob Kunst vielleicht gar "vorm Aussterben bedroht" ist. Denn unzweifelhaft haben sich ursprünglich vorteilhafte Eigenschaften durch Veränderungen der Umwelt und der Lebensweise in ihr Gegenteil verkehrt und könnten somit zu Fehlanpassungen führen.

Fazit: Anspruchsvoll, aber trotzdem verständlich, anschaulich, gut gegliedert und durchaus überzeugend unternimmt Thomas Junker einen Versuch, Kunst als wesentliches evolutionäres Merkmal zu definieren, das fest in uns Menschen verortet ist. Dabei agiert sein Buch keineswegs als strenge wissenschaftliche Abhandlung, sondern gestaltet sich als unterhaltsamer und trotzdem hochinformativer und lohnenswerter Gedankenanstoß über die eindrucksvolle, möglicherweise evolutionäre Erfindung, der wir den Namen Kunst gegeben haben. Zweifelsohne bleibt dabei einiges im spekulativen Bereich angesiedelt, aber interessant und klar argumentiert ist es allemal. Denn eines ist unbestritten: "Ihre inspirierenden und glückspendenden Eigenschaften, die unser Leben in einzigartiger Weise bereichern, können sich aber nur entfalten, wenn sie gefördert werden.", so Thomas Junker. Und weiter: "Die Künste sind mehr als ein unersetzliches Weltkulturerbe - sie sind ein lebendiges Weltnaturerbe, das es zu bewahren gilt."
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Biologie und Kunst – zwei Seiten der selben Medaille!, 24. März 2014
Von 
Mag Sarah Krampl "sarahkrampl" (Villach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde (Gebundene Ausgabe)
Thomas Junker, geboren 1957 – Studium der Pharmazie und Habilitation zur „Geschichte der Naturwissenschaften“ , ist ein Evolutionsbiologe, welcher heute an der Universität Tübingen Geschichte der Biologie, Geschichte der Evolutionstheorie und der Anthropologie, Evolution des Menschen und Evolutionäre Psychologie, lehrt.

In diesem Buch versucht Junker (Evolutions-) Biologie mit Kunst zu verbinden und aufzuzeigen, dass Kunst - nachdem er dieses Wort erklärt – denn was sollte man überhaupt unter Kunst verstehen? - genauso wie die Gene, ein natürliches Element sind und dass die Kunstfähigkeit in jedem Menschen angelegt ist. Ein sehr spannendes Buch, denn dieser Ansatz ist neu und auch etwas befremdend, denn Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, Natur und Religion oder Philosophie werden seit jeher bearbeitet und zusammengefügt, Biologie und Kunst jedoch nicht, sie scheinen eher im Widerspruch zu stehen. Die Radikalität dieses Buches besteht eben darin, Biologie und Kunst zusammen bringen und denken zu wollen. Die Überlegungen in diesem Werk sind aufgrund ihrer Neuartigkeit sehr interessant. Diese neuartige Technik, die sich auf eine wohlwollende Betrachtung von konventions- und geschichtlich bedingten Widersprüchen bezieht, ist heute auch in anderen Wissensgebieten zu beobachten. Unterschiedliche Erkenntnisse miteinander zu verschmelzen bzw. zu kombinieren bedeutet neue Möglichkeiten des Verständnisses zu erlangen. Junker versucht hier auch komplexe Erkenntnisse aus zwei unterschiedlichen „Wissenschaften“ in Einklang zu bringen. Nachdem die Postmoderne gegen die Einheit alles fragmentiert hat und für eine Pluralität plädierte, die unterschiedliche Dinge nebeneinander gelten ließ, zeichnet sich nun ein Weg in Richtung Plausibilität der Zusammenführung der unterschiedlichen Fragmente ab. Diese Kombination, auch wenn beliebig, führt immer zu einer neuen plausiblen Erkenntnis. Das gelingt Junker in diesem Buch insofern sehr gut, weil er seine neuen Erkenntnisse aufgrund methodischer und konsequent durchdachter Gedanken präsentiert.
Ich finde, dass Junker für dieses Buch auch sehr gute Recherchen im Bereich Kunst, die eigentlich nicht sein berufliches Thema ist, angestellt hat. Zur Veranschaulichung seien hier am besten ein paar Textstellen angeführt:

Genauso wie ein Auto mehr ist als eine Anhäufung von Stahl und Plastik sind Organismen mehr als die einzelnen chemischen Prozesse und Stoffe, auf denen sie beruhen. […] Nicht so einfach zu verantworten ist, ob die wissenschaftliche Erklärung die Freude an der Kunst zerstört und ihre Wirkungen behindert.

Als weitere Funktion der Künste wird ihre positive Wirkung auf die Individuen selbst, auf ihre emotionale, geistige und körperliche Reifung hervorgehoben. Indem die künstlerische Phantasie die Spiele der Kinder weiterführt, verbindet sie lustvolle Wunscherfüllung mit überlebenswichtigem Training. Schon in klassischen Texten zur Kunsttheorie wurde die Nähe von Spiel, Kunst und Leben betont. Immanuel Kant vermutete, dass „die Lust am Schönen“ aus dem „freien Spiel der Erkenntnisvermögen“ entsteht. Für Friedrich Schiller war das Spiel nicht nur eine unter vielen Tätigkeiten der Menschen, sondern es macht ihr eigentliches Wesen aus: Denn „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.[…]
Welche Funktion erfüllt die Kunst als spielerische Tätigkeit? Wie beim Spiel der Kinder werden Sprache, Kreativität, Emotionalität, Geschicklichkeit und Bewegung trainiert, was eine wichtige Voraussetzung für die Reifung, Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Gehirnfunktionen sei.

So rufen Melodien starke Gefühle hervor, weil sie den emotionalen Signalen unserer Spezies ähneln. Die Melodien täuschen diese Signale aber nur vor, wie Pornographie oder Süßstoff enthalten sie gerade nicht das Eigentliche: echte Emotionen (bzw. echte Sexualität oder echten Zucker).

Vielfalt ist etwas, mit dem die Biologie in allen Bereichen konfrontiert ist. Sie ist auf der molekularen und zellulären Ebene ebenso anzutreffen wie bei körperlichen Merkmalen, beim Verhalten und bei den Arten der Lebewesen. Es gehört zu den großen Erfolgen der biologischen Wissenschaften, gezeigt zu haben, dass diese Vielfalt nicht chaotisch und regellos ist, sondern von wenigen kausalen Faktoren verursacht wird und eine klare Ordnung hat.

Kunst spricht die Gefühle an, so wie die Wissenschaft den Intellekt anspricht.

Die Ambivalenz von Nutzlosigkeit und Nützlichkeit der Kunst erinnert an die Grundlagenforschung in der Wissenschaft. Auch dieser geht es nicht darum, unmittelbar nützliche technische Anwendungen zu entwickeln, sondern sie strebt reinen Erkenntnisgewinn an. Es gehört nun zu den interessantesten Ergebnissen der Wissenschaftsgeschichte, dass die scheinbar unnütze, reine Forschung sich als sehr viel effektiver erwies als ein unmittelbar praxisorientiertes Vorgehen, das bei jedem Schritt auf die Verwertbarkeit schielt. Letztlich beruhen die Überlegenheit der neuzeitlichen Wissenschaft und viele technische Errungenschaften der Moderne auf dieser Erfahrung. Mit der Kunst verhält es sich ähnlich: Um zu den wirklich bedeutsamen Wünschen und Lebenszielen vordringen zu können, muss sie von den unmittelbaren Bedürfnissen absehen.

Denn „kaum ein Künstler wird bei der Wahl zwischen Geld und Aufmerksamkeit zögern“, sich für Letzteres zu entscheiden.

[…] durch das Wort teilt ein Mensch dem andern seine Gedanken mit […], durch die Kunst aber teilen die Menschen einander ihre Gefühle mit.

Eine verlässliche Kommunikation über Gefühle und Wünsche ist alles andere als einfach. Die menschliche Sprache ist wegen der Willkürlichkeit der Wortbedeutungen und wegen der Möglichkeit, nicht-existente und nicht-anwesende Dinge zu thematisieren, in hohem Maße anfällig für Täuschungen und bedarf der Interpretation. …. Viele Wünsche und Gefühle sind nicht bewusst. Wie kann es zur Verständigung kommen, wenn die Individuen nichts mitteilen können oder wollen? Hier spielt die Kunst eine wichtige Rolle.

Wie die Philosophie eröffnet die Kunst „dem Menschen ein Asyl, wohin keine Tyrannei dringen kann, die Höhle des Innerlichen, das Labyrinth der Brust: und das ärgert die Tyrannen.“ (Nietzsche)

Ernst Cassierer […] er glaubte, dass die Menschen „nicht mehr in einem bloß physikalischen, sondern in einem symbolischen Universum leben. Statt mit den Dingen hat es der Mensch nun gleichsam ständig mit sich selbst zu tun. So sehr hat er sich mit sprachlichen Formen, künstlerischen Bildern, mythischen Symbolen oder religiösen Riten umgeben, dass er nichts sehen oder erkennen kann, ohne dass sich dieses artifizielle Medium zwischen ihn und die Wirklichkeit schöbe. In diesem Sinne definierte der Kulturanthropologe Clifford Geertz den Menschen dann später als „ein Tier, das in Bedeutungsgeweben schwebt, die es selbst gesponnen hat“.

Wissenschaft, Recht und Kunst decken jeweils andere Bereiche des Wissens ab. Während die Wissenschaft zur Lösung lebenspraktischer und technischer Schwierigkeiten beiträgt und das Recht Interessenkonflikte beilegen soll, werden in der Kunst Szenarien durchgespielt, die zeigen, wie sich emotionale und soziale Probleme lösen lassen. Insofern ist die Kunst die Machiavell’ische Technik schlechthin. […] Die Erzählungen der Künstler sind von existenzieller Bedeutung für die geistige und emotionale Reifung. Indem sie die großen und kleinen Probleme und Konflikte des Alltags ebenso wie Lebensschicksale aufgreifen, stellen sie einen reichen Pool an Handlungs- und Bewertungsstrategien bereit. […] Und es gibt kaum eine bessere, angenehmere und effektivere Art des Lernens sozialer Strategien als die Beschäftigung mit den Künsten.

Konkurrenz ist eine allgegenwärtige und „herrschende“ Triebkraft des Lebens – dies gilt aber auch für die Kooperation.

Man kann Kunst als eine neue Technik verstehen, mit Gefühlen umzugehen und sie zu vermitteln.
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4.0 von 5 Sternen Ein recht interessantes Buch!, 13. Dezember 2013
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Rezension bezieht sich auf: Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde (Gebundene Ausgabe)
In Mathematik und Naturwissenschaft spielt Phantasie eine eminent wichtige Rolle - vielleicht die wichtigste Rolle überhaupt - und mich hat schon immer sehr interessiert, wie es (auch aus evolutionswissenschaftlicher Sichtweise) dazu kommt. Das Buch handelt aber vorwiegend von Kunst als einem sehr allgemeinen Begriff (eingeschlossen Musik, Theater Literatur etc.) und den Vorstellungen, die sich verschieden Leute dazu machen, unterfüttert mit 12 Seiten Zitate und 16,5 Seiten Literaturangaben. Für mich, der sich für diesen Bereich bisher nur mäßig interessiert hat und im Grunde auch keine Vorkenntnisse hat, war dieses Buch wegen des erheblichen wissenschaftlichen Anspruches deshalb auch gar nicht so leicht zu lesen, wie es andere Rezensenten für sich beschreiben. Neben einer allgemeinen Erweiterung des Gesichtskreises führt das Buch auch zu der Überzeugung, dass Kunst in der Evolution eine erhebliche gesellschaftliche Relevanz besaß und wohl z. T. auch noch heute besitzt. Die heutige Förderung von Kunst an Stelle von Wissenschaft oder Technik - öffentlich oder auch durch Mäzene - bleibt aber auch nach Lesen dieses Buches ausgesprochen fragwürdig.
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Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde
Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde von Thomas Junker (Gebundene Ausgabe - 31. Mai 2013)
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