Kundenrezensionen


1 Rezension
5 Sterne:    (0)
4 Sterne:
 (1)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Recht interessant, doch nichts wirklich Neues, 7. März 2011
Von 
Lulu "Penny" - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur (Gebundene Ausgabe)
Das Buch enthält 21 Artikel von 20 größtenteils namhaften AutorInnen (Bernhard Verbeek ist zweimal vertreten) zu unterschiedlichen Aspekten der Evolution, mit Schwergewicht auf den Menschen und die kulturelle Evolution. Die Beiträge entstammen Vorträgen aus zwei Tagungen des VBIO in Dresden anlässlich des Jahres der Geisteswissenschaften (2007) und des Darwin-Jahres (2009).

Ich habe nicht alle Artikel gelesen und beschränke mich deshalb auf einige Eindrücke, die ich gewonnen habe.

Den Anfang macht Fernsehphysiker Harald Lesch mit einem Überblick über die sog. kosmische Evolution: "Was hat das Universum mit uns zu tun?" Der Artikel passt zwar eigentlich nur bedingt in das Hauptthema des Buches, ist aber dennoch sehr interessant und kurzweilig geschrieben. Es schließt sich der kulturpessimistische Artikel "Evolution: Treibende Kräfte in Natur und Kultur" von Franz M. Wuketits an, in dem die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der biologischen und kulturellen Evolution herausgestellt werden. Der Artikel leidet - wie viele andere auch - unter dem Fehlen einer abgestimmten Evolutionstheorie für kulturelle Entwicklungen.

Mit Gewinn las ich hingegen "Sterblichkeit: der paradoxe Kunstgriff des Lebens ..." von Bernhard Verbeek, in dem dieser die evolutionäre Vorteilhaftigkeit der Sterblichkeit aufzeigt (68): "Unsterblichkeit behindert also die Evolutionsfähigkeit ihrer eigenen Nachkommen. Ausgerechnet ihre Unsterblichkeit führt zu ihrem Aussterben." Hier fehlte mir lediglich der Hinweis, dass die Sterblichkeit auch aufgrund vorhandener Entwicklungsbeschränkungen existierender Vielzeller letztlich eine Notwendigkeit ist: Diese können nämlich ihren genetischen Code nicht Zelle für Zelle, sondern nur einheitlich und gleichzeitig für alle Zellen ändern.

In "Schönheit und andere Provokationen - Eine neue evolutionsbiologische Theorie der Kunst" äußert Thomas Junker die gewagte Hypothese (105), dass mit der Kunst die Menschen nichts anderes erreichen und feiern "als die (partielle) Lösung eines der größten Probleme, vor denen jede Gemeinschaft aus Individuen mit unterschiedlichen Interessen steht: Die Koordination und Synchronisation ihrer divergierenden Ziele als Voraussetzung für eine erfolgreiche Kooperation." Wenn dort Religion statt Kunst gestanden hätte, hätte mir dies möglicherweise noch eingeleuchtet, so aber nicht. Auch bei diesem Artikel war das Fehlen einer abgestimmten Evolutionstheorie für nichtbiologische Entwicklungen schmerzlich zu spüren.

In "Menschliches Erkennen in evolutionärer Sicht" gibt Gerhard Vollmer auf knappem Raum einen Überblick über die denkbaren evolutionären Phasen der uns umgebenden Welt (von der kosmischen bis zur wissenschaftlichen Evolution) und eine Einführung in die wichtigsten Konzepte der evolutionären Erkenntnistheorie, und zwar aus einer "innerphilosophischen" Argumentation (143f.) heraus. Dabei erklärt er den sog. Mesokosmos als die kognitive Nische des Menschen in der uns umgebenden Natur und beantwortet die Frage, ob es auch einen sozialen Mesokosmos gibt, positiv. Dieser sei allerdings noch nicht so gut untersucht wie sein kognitives Analogon (153). Zwei Artikel weiter resümiert Eckart Voland zum Thema "Die Evolution der Religiosität" aus Sicht der Theorie der ehrlichen Signale (172): "Auch wenn die Forschung unbestreitbar noch viel zu klären hat, spricht die gegenwärtige Befundsituation dafür, dass Religiösität ein Bündel von biologischen Funktionen erfüllt. Hierzu zählen zuallererst eine erleichterte persönliche Kontingenzbewältigung, die Sichtbarmachung und Stärkung von In-group/out-group-Unterschieden im Zuge einer Zwischengruppenkonkurrenz um Lebens- und Überlebensvorteile, und die Überwindung des Schwarzfahrerproblems auf zwei Ebenen. Diesbezüglich scheint die Hypothese, dass wir es mit einem Komplex evolutionärer Angepasstheit zu tun haben, wohl begründet ..." Im Vergleich zu anderen Arbeiten wie z. B. Gott, Gene und Gehirn: Warum Glaube nützt - Die Evolution der Religiosität von Vaas und Blume konnte mich dieses Ergebnis nicht wirklich überzeugen, da der Fortpflanzungsaspekt darin zu wenig zur Geltung kommt.

Mit dem allergrößten Interesse und zunehmender Faszination las ich schließlich "Evolutionstheorie als Geschichtstheorie - Ein neuer Ansatz historischer Institutionenforschung" von Werner J. Patzelt, in dem unter anderem eine "Allgemeine Evolutionstheorie" dargelegt wird. Im Grunde beginnt der Artikel sehr vielversprechend. Es werden die richtigen Fragen gestellt. Ferner wird auf modernen theoretischen Konzepten aufgesetzt (z. B. Systemtheorie). Lediglich die Beispielwelt der Institutionen irritierte mich ein wenig, da die heute alles beherrschenden menschlichen Superorganismen (Institutionen) - die Unternehmen - wenn überhaupt nur beiläufig erwähnt werden, dabei kann gerade an ihnen so viel transparent gemacht werden, da sie auf den Märkten - ähnlich wie Lebewesen in ihren Lebensräumen - unmittelbar miteinander um Ressourcen (das Geld der Kunden) konkurrieren. Um so enttäuschter war ich, als dann das Feld der Systemtheorie unvermittelt verlassen und alles Weitere der Memetik überlassen wurde (den gleichen Fehler begeht Gerhard Schurz in Evolution in Natur und Kultur: Eine Einführung in die verallgemeinerte Evolutionstheorie). Hier möchte man dem Autor raten, die Allgemeine Evolutionstheorie durch das solidere Fundament der Systemischen Evolutionstheorie zu ersetzen. Denn anders als die Memetik oder die Theorie der egoistischen Gene versucht die unter anderem auf systemische Weise zu beschreiben, warum Individuen miteinander konkurrieren. Knappe Ressourcen reichen dazu bei Weitem nicht. Auch ist der gewählte Replikatorenansatz von Patzelts Allgemeiner Evolutionstheorie letztlich völlig verfehlt (191): "Erst recht gehörten 'Vorgeschichte', Geschichte und Evolutionstheorie eng zusammen, wenn die biologische Evolutionstheorie ohnehin nur die bislang am besten ausgearbeitete Sonderanwendung einer 'Allgemeinen Evolutionstheorie' ist, die ihrerseits darlegt, dass (...) der Evolutionsprozess auf allen Schichten der Wirklichkeit im Grunde gleich abläuft und auf diesen Schichten nur jeweils spezielle Replikatoren in Rechnung zu stellen sind ..." Eine gewagte These, für die es keinerlei Belege gibt. Warum sollte Evolution stets auf Replikatoren beruhen? Unabhängig davon scheinen mir die meisten seiner durchaus wohlbegründeten Aussagen dennoch Bestand zu haben.

Als äußerst lesenswert empfand ich den sich anschließenden Artikel "Biologie statt Philosophie?" von Christian Illies, auch wenn ich mit dem Autor nicht in allen Punkten einer Meinung bin.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur
Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur von Jochen Oehler (Gebundene Ausgabe - 4. Oktober 2010)
EUR 29,99
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen