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am 4. Oktober 2015
KLAPPENTEXT
Es ist die Nacht vor dem Fest im uckermärkischen Fürstenfelde. Das Dorf schläft. Bis auf den Fährmann - der ist tot. Und Frau Kranz, die nachtblinde Malerin, die ihr Dorf zum ersten Mal bei Nacht festhalten will. Ein Glöckner und sein Lehrling wollen die Glocken läuten, das Problem ist bloß: die Glocken sind weg. Eine Füchsin sucht nach Eiern für ihre Jungen, und Herr Schramm, ein ehemaliger Oberst der NVA, kann sich nicht entscheiden, ob er Zigaretten holen soll oder sich in den Kopf schießen. Alle haben sie eine Mission. Alle wollen sie etwas zu Ende bringen, bevor die Nacht vorüber ist. Keiner von ihnen will den Einbruch ins Haus der Heimat beobachtet haben. Das Dorfarchiv steht aber offen. Doch nicht das, was gestohlen wurde, sondern das, was entkommen ist, quält die Schlaflosen. Die Nacht gebiert Ungeheuer: Alte Geschichten und Erinnerungen, Mythen und Märchen, sind ausgebrochen und ziehen mit den Menschen um die Häuser.
ZUM BUCH:
Umwerfend tragikomische Heimatchronik mit absolut liebenswert-kaputten Charakteren. In kurzen Kapitelchen erspinnt Stanisic zahlreiche Rückblenden des Dorfes Fürstenfelde und schleicht sich gekonnt in den Mikrokosmos Dorf (incl. der Gedankenwelt einer Fähe!) ein. Mit einer entlarvend-poetischen Sprache wechselt Stanisic zwischen heimatlichen Bildern à la Siegfried Lenz und sehr eigenen (überzeichneten?) Figuren à la .... (in dieser Form einzigartig). Manche Passage will zwei Mal gelesen sein, herrlicher Sprachduktus auch in den Passagen aus früheren Jahrhunderten. Insgesamt ensteht bei der Lektüre jedoch ein leicht melancholischer Eindruck der Uckermarck und ihrer Landsleute, der allerdings im gelungenen Schluss wieder relativiert wird.
FAZIT:
Verlangt dem Leser dieses oder jenes ab. LOHNT SICH ABER DENNOCH - absolute Herbst-Empfehlung!
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am 24. Mai 2014
Ein Preis gekrönter Roman - verdient, wie ich finde. Aber... Für mich ist das Buch ein typischer 'Ja-aber-Roman'. Man kann ihn gut finden, aber es bleibt ein Vorbehalt.
Bis ungefähr zur Hälfte habe ich ihn mit großem Vergnügen gelesen: besonders Stil und Sprache (an der andere Rezensenten viel auszusetzen haben) sind originell und gekonnt. Gerne ließ ich mich auf die skurrilen Gestalten und Geschichten rund um das Dorf in der Uckermark ein. Vieles erinnert (manches nur von sehr weitem) an große Vorbilder: Kleist, Fontane (wie andere feststellten), aber auch Grass klingt durch. Schön die historischen Einsprengsel - moderne Interpunktion im Dienste der Lesbarkeit stört mich da nicht. Schön auch das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realem und Irrealem.
Doch nun das Aber. Als die Hälfte überschritten war, ließ die Spannung nach, und ich hatte den Eindruck, dass die Geschichten begannen, sich im Kreis zu drehen. Nichts kam so recht vorwärts. Was hat sich am Ende verändert? Zu Beginn tauchen interessante Figuren auf, über die man gerne mehr erfahren hätte - was wird aus ihnen? Entweder werden sie gar nicht mehr erwähnt oder nur knapp. Und überhaupt: mir fehlt die Geschichte. Zwar werden viele, viele kleine Geschichten erzählt -mosaikartig setzt sich das Bild vom Dorf zusammen -, aber wo bleibt die 'große Geschichte'?
Nun mag man der Auffassung sein, dass es auf die Geschichte bei einem Roman nicht ankomme - eine Auffassung, die ich nicht teile. Und ich bleibe dabei: ein schöner Roman, aber ... etwas fehlt.
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am 6. November 2015
Für mich ist "Vor dem Fest" eins der wunderbarsten Bücher der letzten Jahre. Auch wenn es nicht die klassische Form eines Romans hat sondern eine lockere Reihe paraleller kleiner Geschichten ist, die sich berühren und überschneiden. Erzählt werden die Geschichten einer Nacht, in der ein Autounfall geschieht, Kirchenglocken gestohlen werden, eine Füchsin versucht, ein paar Eier für ihre Jungen zu stehlen (eine genial dramatische und dichte Passage) und vieles mehr - und doch ist es eigentlich eine Nacht, in der nichts passiert. Daraus entsteht aber das Bild eines Dorfes und seiner Menschen - sogar über Jahrhunderte. Denn der Autor schafft es, Alltag und märchenhafte Passagen zu verbinden. Er erschafft lebendige Charaktere, die er oft ironisch, aber immer warmherzig schildert (Herr Schramm, ein Mann mit Haltung und Haltungsschaden). Dabei schreibt er plastisch, ohne geschwätzig oder verquast zu sein. Und er wechselt souverän zwischen Stilen, vom mittelalterlicher Chronik bis zum Rap. Einfach wunderbar, aber das hatte ich ja anfangs schon geschrieben.
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TOP 1000 REZENSENTam 22. März 2014
Ein Dorf in der Uckermark ist im Begriff, das jährliche Annenfest zu feiern. Warum weiß eigentlich keiner mehr so recht. Da ist es gut, dass in der Nacht vor dem Fest viele Geschichten über das Dorf wieder ans Licht kommen und jedenfalls dem Leser etwas Einsicht in das gelebte und lebendige Leben des Dorfes schenken. Aber Vorsicht! So mancher Mythos ist dabei, der eher der Vorstellungskraft der Menschen, allen voran der Stadtarchivarin Frau Schwermuth, entsprungen ist. Sicher sein kann man sich also nie. Irgendwie haben die Geschichten ein Eigenleben bekommen, so wie das Dorf selbst schon eine Art Persönlichkeit geworden ist, das sich zwischendurch immer mal wieder meldet und das Geschehen kommentiert. Auf diese Weise trifft man viele interessante, natürlich stets skurrile Figuren, die im Dorf leben und dem Leser ihre Geschichte offenbaren. Ich nenne nur den Glöcknerlehrling Johann, die verschrobene alte Malerin Frau Kranz, den lebensmüden Herrn Schramm, Poppo von Blankenburg, um dessen Tod sich so mancher Mythos rankt, u.s.w. Schnell gewinnt man die Figuren lieb und möchte mehr über sie erfahren. Das ist aber gar nicht so einfach. Denn diese Geschichte ist keinesfalls chronologisch erzählt, sondern springt von einem Fragment zum nächsten. Stilistisch ist das Buch also eine kleine Herausforderung. Sehr experimentell geht es zu, auch in der Sprache, manchmal etwas zu experimentell für meinen Geschmack. Man muss sich schon Zeit nehmen für dieses Buch. Dann lohnt sich die Lektüre aber sehr. Vor allem wird man mit sehr viel intelligentem Humor und fast genialen Ideen belohnt. Dass Autor Saša Stanišić dafür den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, ist mehr als berechtigt und freut mich sehr.
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am 26. Juni 2016
Ein sprachlich verspielter, sich modern gebender Heimatroman aus den Zeiten nach der Wende, durchsetzt mit Anspielungen auf Gegenwart und Vergangenheit, so mag es der Schnellleser auf den ersten Blick empfinden und dennoch die Fremdheit des Erzählens genießen. Das rückseitige Cover indes kündigt das Buch in der anspruchsvollen Wertung der FAZ als ernstzunehmende „Weltliteratur aus der Uckermark“ an.
Worum geht es? Das Buch führt eine Art Reste-Welt vor, gelegen in der ehemaligen DDR , indem es das tägliche Leben eines halben Dutzend verbliebener Dorfbewohner, alles menschliche Originale, vorführt, die ihren Alltag erleben, sich aber zugleich auf ein großes Dorffest, das ererbte Annenfest, vorbereiten. Es soll am Ende des Buches in alter, inzwischen obsolet gewordener Manier stattfinden und das weite Land mit der Attraktivität seiner zwei Seen, seiner einladenden Natur und den gebotenen Veranstaltungen für Stunden touristisch beleben und damit an die die Vergangenheit anknüpfen.
Fürstenfelde, der Name des erfundenen Schauplatzes in der Uckermark, war einst eine respektable Stadt, wovon allerdings nur mehr das Heimatmuseum kündet, das ebenso wie der örtliche Geschichtsverein Erinnerungen an die lange Stadtgeschichte bewahrt. So dass der Autor einige davon hier und da als Geschichten aus alter Zeit und in alter Sprache in das Gelebte der Gegenwart einbringen kann, Alles im Stil eines stilistisch überhöhten und anspruchsvollen Erzählens, das versucht, den Menschen und ihrem banalen Alltag auf dem Hintergrund der verrinnenden Zeit und Ewigkeit gerecht zu werden. Wie sich der ominöse Wir-Erzähler fühlt, eröffnet mit überraschenden kurzen Statements mancher der vielen Erzählsplitter.
Der Autor setzt auf diese Weise nicht nur die aus der untergegangenen DDR- Literatur vertraute Art des scheinbar jedermann zugänglichen Erzählens fort, er öffnet sich mit seiner besonderen Erzählmanier zugleich dem Thema vergangener Größe. Alles im Leben ist anders geworden. Darum heißt es: „Wir sind von Natur aus historisch interessiert“. So beginnt das zweite der fünf Kapitel und die Phrase greift damit die eingangs zitierte Strophe aus einem Song der Band auf, die des Buches eröffnet. Das Hauptinteresse des phantasievollen und sprachlich originellen Erzählens könnte damit dem in Zeit und Raum eingefangenen Leben der verbliebenen Dorfbewohner gelten. Jenseits aller früheren Größe. Die Füchsin, die in mehreren Szenen das Dorf geheimnisvoll umschleicht, wäre wie eine Ausgeburt dieses Erzählens.
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am 8. September 2014
Der Roman spielt in den 24 Stunden vor und während des Annenfestes in Fürstenfelde, einem fiktiven Ort in der Uckermark. Der Ort erscheint als typischer Schauplatz ostdeutscher Nachwendewirklichkeit: die jungen Menschen verlassen das Dorf, die Alten sterben. So auch der Fährmann, der keinen Nachfolger hat. Der Glöckner bekam einen, doch ihm kommen die Glocken abhanden. Der ehemalige NVA-Mann Wilfried Schramm kann sich nicht zwischen schnellem Selbstmord mittels einer Pistole und dem langsamen durch Nikotin entscheiden. Anna läuft. Frau Kranz malt. Andere trinken und reden. Und dazwischen versucht eine Fähe, für ihren Nachwuchs Hühnern die Eier unbeschädigt zu entwenden.

Ein kollektiver „Wir“-Erzähler, der das Dorf, die Gegend, alle Figuren einschließt, berichtet von den Ereignissen rund um das Fest. Dabei verquickt er Alltagsgeschichten mit alten Erzählungen und Mythen. Stanišić beobachtet seine meist sympathischen Protagonisten empathisch; lässt sie leuchten; »vielleicht für niemanden, vielleicht für jemanden.«

Doch das Leuchten verblasst bald. Leider ermüdet und langweilt seine Erzählweise mit der Zeit. Man freut sich fast, dass endlich der Morgen des Annenfestes graut, auch wenn Stanišić immer wieder humorvoll lokale Gegebenheiten, Befindlichkeiten und Eigenheiten entlarvt und in wunderbar schräge Bilder passt. Die Sprache, in der er Ereignisse aus früheren Jahrhunderten beschreibt, wirkt etwas unpassend. Die Vielschichtigkeit der Personen rotiert in den ausschweifenden Wiederholungen, die unterschiedlichen Perspektiven liefern Bilder, die nicht immer passen. Oder ist das nur die banale Realität?
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Humorvoll, poetisch und durchdrungen von einer tiefen Zuneigung zu den Figuren – so lässt sich wohl am besten der neue Roman – „Vor dem Fest“ heißt er - von Saša Stanišić beschreiben, eines 1978 geborenen Autoren, der erst im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland floh. Umso erstaunlicher ist es, welch souveräne Gewandtheit Stanišić in einer Sprache entwickelt hat, die nicht seine Muttersprache ist.

Der Autor, der 2006 mit seinem Erstling „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ für Furore sorgte, widmet sich nun den teils schrulligen Bewohnern, ihren Bräuchen, Traditionen und Legenden aus dem Dörfchen Fürstenfelde in der Uckermark. Da gibt es, um nur einige wenige zu nennen, die 90-jährige Frau Kranz, die alles und jedes aus ihrer Heimat gemalt hat und immer noch malt, den lebensmüden ehemaligen NVA-Soldaten Herrn Schramm, die Heimatkundlerin Frau Schwermuth, die jedes noch so kleine Detail aus der Heimatgeschichte ihres Ortes kennt, oder den alten Glöckner, der die Glocken nicht mehr läuten will. Sie alle hat der Leser nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen.

Star des Buches ist aber die zauberhaft leichte und oft überraschende Sprache, die alles mit einer liebevollen Glasur überzieht, deren Reiz man sich kaum entziehen kann und will. Dazu passt, dass Stanišić immer wieder Fürstenfelder Begebenheiten, Sagen und Geschichten aus dem 16. Jahrhundert in der Originalsprache und –Schreibweise von damals einstreut. So wirkt das gesamte Geschehen leicht entrückt, und dem Autor gelingt es auf diese Weise, die Alltäglichkeit eines Dorfes mittels Sprache in eine andere Sphäre zu transportieren.

Kehrseite der Medaille: „Vor dem Fest“ ist kein Buch, das man mal eben im Schnelldurchlauf konsumieren kann. Man muss sich schon ein wenig konzentrieren, um alle Schattierungen dieses berstend vollen Werkes zu erfassen – auch weil Stanišić nicht einer linearen Handlung folgt, sondern immer wieder von einer Figur zur nächsten springt. Trotzdem insgesamt ein richtig schönes Buch.
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am 22. April 2016
Das ist schon ein skurriler Roman! Aber sprachlich brillant! Ich kann die Lektüre nur empfehlen, aber man sollte Zeit mitbringen, um sich auf diesen nicht alltäglichen Stil angemessen einzulassen zu können!
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am 21. Oktober 2014
Der zweite Roman des aus Bosnien-Herzegowina stammenden jungen Autors Saša Stanišic rückt ein fiktives Dorf in der Uckermark ins Rampenlicht. Dessen Bewohner feiern, der Titel «Vor dem Fest» deutet es schon an, alljährlich das traditionelle Annenfest, ohne dass jemand sagen könnte, aus welchem konkreten Anlass es eigentlich begangen wird. Es mag an der Herkunft des Autors liegen, dass in seiner sich um ein trostloses Kaff im strukturschwachen Brandenburg rankenden Geschichte, wenig mehr als zwanzig Jahre nach der Wende, die politische Vergangenheit nicht im Blickpunkt steht. Er erzählt, anders als deutsche Autoren das zu tun pflegen, weitgehend losgelöst davon, und wie er das macht, mit welchen literarischen Mitteln und in welcher Fülle an originellen Einfällen, das ist wahrlich nicht alltäglich. Sein Augenmerk gilt den individuellen Befindlichkeiten der Einwohner dieses sich langsam entvölkernden Dorfes, die er am Beispiel seiner durchaus skurrilen Protagonisten aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, ergänzt um historische Ereignisse aus dem sorgsam behüteten Heimatarchiv der kleinen Gemeinde.

Der in fünf Teile gegliederte Roman wird dreisträngig erzählt, er behandelt in seinem Hauptstrang die vierundzwanzig Stunden vor und während des Annenfestes 2013. Erzählt wird aus einer kollektiven Wir-Perspektive, die das ganze Dorf einschließt, in der jeder Protagonist Teil des dorfgeschichtlichen Chores ist und zum Canon der Hoffnungslosen seinen individuellen Beitrag leistet. Da ist zum Beispiel der ehemalige Soldat, der sich als Rentner etwas hinzuverdienen muss und als Protestwähler zur den Neoliberalen tendiert. Oder der Briefträger, der wie selbstverständlich die Post der gesamten Dorfgemeinschaft mitliest, auch nach der Wende, und sich hingebungsvoll der Hühnerzucht verschrieben hat. Es gibt die neunzigjährige Malerin, die Szenen aus dem Dorfleben in Ölbildern festhält, als Beispiel sei das Bild «Der Neonazi schläft» genannt, er sei übrigens der einzige politisch Verwirrte im Dorf, erfahren wir. Oder die depressive Frau Schwermuth (sic), die ebenso argwöhnisch wie erfolgreich über das beachtenswerte Dorfarchiv wacht. Und der uralte Fährmann, in dessen Logbuch über die Jahrzehnte hinweg nur sieben Einträge von Passagieren verzeichnet sind, einer davon ist von Angela Merkel. Schließlich tauchen unvermutet zwei fremde junge Männer auf, die in Reimen sprechen, ein durchaus verblüffendes Stilmittel des kreativen Autors. Der im Übrigen den Leser durch seinen subtilen Humor und seine überbordende Erzähllust für sich einzunehmen versteht mit seinem unkonventionellen Roman.

Aufgebaut ist diese vielschichtige Erzählung wie ein Reigen aus vielen kurzen, zunächst voneinander unabhängigen Abschnitten, die erst allmählich innere Bezüge erkennen lassen und sich dann teilweise ergänzen. Parallel zum eigentlichen Erzählstrang wird von einer Fähe, deren Bild übrigens auch den Buchumschlag ziert, und ihrem rastlosen Bemühen erzählt, beim Hühnerzüchter Eier zu stehlen, und diese Tiergeschichte ist ebenfalls häppchenweise in viele kleine Abschnitte über den gesamten Text verteilt und lose mit der Geschichte der Menschen verwoben. Gleiches gilt für den historischen Strang, der aus diversen anekdotenhaft zitierten Auszügen aus der Dorfchronik besteht, ohne erkennbare Beziehungen zueinander und mit zum Teil drastischen Berichten, zurückreichend bis ins 16ten Jahrhundert, die das Geschehen stilecht in nicht immer einfach zu lesender, dem Altdeutschen nachempfundener Sprache anreichern. Verbindungen zur eigentlichen Handlung sind nicht auszumachen, es wird vielmehr ein historischer Hintergrund beleuchtet, der das aktuelle Geschehen eindrucksvoll relativiert, schlechte Zeiten gab es schon immer, soll so dem Leser wohl bedeutet werden.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch am Ende etwas irritiert aus der Hand gelegt habe. Aber manchmal stellen sich die Wirkungen eines Textes ja erst später ein, dem Abgang beim Wein vergleichbar, der den Genuss erst perfekt macht als letztes, wichtigstes Kriterium. Genau das fehlt hier aber, wie ich inzwischen weiß, allenfalls einige amüsante Wendungen sowie der flockige Schreibstil des Autors insgesamt bleiben haften, mehr nicht. Ist das Weltliteratur, wie der Klappentext uns suggeriert? Mitnichten, da bin ich mir sicher!
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Ich weiß nicht, warum ich dieses Buch so mag. Es ist keine leichte Kost. Es ist nicht spannend, nicht dramatisch, besonders emotional oder witzig geschrieben. Die Geschichte wechselt ständig von Jetzt auf Gestern. Dann wieder zu Vorgestern und zurück. Die Charaktere werden nur kurz vorgestellt, einige begleiten einen durchs Buch, andere haben nur einen Auftritt. Verschiedene Handlungsstränge und Rückblicke im zeitgenössischen Sprachstil - alles was normalerweise gar nicht geht, wenn man mehr als nur eine Handvoll Leser erreichen will.

Doch bei diesem Roman funktioniert es. „Vor dem Fest“ ist kein anstrengender Avantgarderoman, sondern ganz hervorragende Unterhaltung, neue deutsche Literatur mal anders. Kein Literaturexperiment und wenn doch, dann ein geglücktes. Da hat ein Autor nicht sich selbst wiedergegeben, sondern sich hineinversetzt. In ein Dorf, eine für die meisten Leser unbekannte Region, unspannend, unspektakulär und doch liebens- und lebenswert. Der Protagonist ist die Uckermark, das Dorf Fürstenfelde. Das klingt langweilig, nach trockener Geschichtsschreibung und man fragt sich, wer will das lesen?

Scheinbar viele - dem Erfolg dieses Romans nach zu urteilen. Ich verstehe auch warum. Denn man schwebt beim Lesen nur so durch die Seiten. Alles ist perfekt konstruiert, fügt sich harmonisch zu einem Bild zusammen. Und auch Passagen, die einen vielleicht nichts sagen, nerven oder auch langweilen, sind nie sehr lang und werden schnell von amüsanten, kurzweiligen Episoden abgelöst. So ist man schnell durch mit diesem Buch, stellt es zufrieden ins Regal und sagt sich: „Das war mal was anderes“.
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