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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Nacht in der Uckermark.
Fürstenfelde, ein fiktives und doch nicht so unrealistisches Dorf in der Uckermark, am Abend vor dem wichtigsten Ereignis des Jahres, dem Annenfest. Die Dorfbewohner machen sich bereit für das Fest. Jeder auf seine eigene Art.

Der Autor Sasa Stanisic breitet vor dem Leser das Panorama eines Dorfes aus, indem er kurze Episoden erzählt. Geschichten...
Vor 1 Monat von Gulan veröffentlicht

versus
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih.
Der Roman spielt in den 24 Stunden vor und während des Annenfestes in Fürstenfelde, einem fiktiven Ort in der Uckermark. Der Ort erscheint als typischer Schauplatz ostdeutscher Nachwendewirklichkeit: die jungen Menschen verlassen das Dorf, die Alten sterben. So auch der Fährmann, der keinen Nachfolger hat. Der Glöckner bekam einen, doch ihm kommen die...
Vor 7 Tagen von Mimir veröffentlicht


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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Nacht in der Uckermark., 10. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Fürstenfelde, ein fiktives und doch nicht so unrealistisches Dorf in der Uckermark, am Abend vor dem wichtigsten Ereignis des Jahres, dem Annenfest. Die Dorfbewohner machen sich bereit für das Fest. Jeder auf seine eigene Art.

Der Autor Sasa Stanisic breitet vor dem Leser das Panorama eines Dorfes aus, indem er kurze Episoden erzählt. Geschichten aus dem Leben, Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart, amüsante Geschichten, skurrile Geschichten, nachdenkliche Geschichten, Legenden und Mythen. Die Handlung dauert nur etwas mehr als eine Nacht und doch werden Jahrhunderte überbrückt. Der allwissende Erzähler begleitet zahlreiche Persönlichkeiten des Dorfes. Unter anderem Frau Schwermuth, Hüterin der Dorfchronik, Herr Schramm, ehemals NVA-Offizier und jetzt lebensmüder Rentner, die asthmakranke Joggerin Anna, der stumme Suzi und sein Kumpel Lada oder die Malerin Frau Kranz. Auch eine Füchsin kommt vor, auf ihrer Jagd nach Hühnereiern für ihre Welpen. Relativ zügig wechselt der Autor immer wieder die Perspektive, unterbrochen von kurzen Einschüben mit Ereignissen aus der Dorfgeschichte der letzten Jahrhunderte.

Das Besondere ist die Sprache des Buches. Knapp, schlicht, lakonisch, pointiert – aber nie abgehoben. Das Buch ist definitiv eines, bei dem man manche Sätze nochmal liest, weil sie einen wirklich beeindrucken. Die Einträge aus vergangener Zeit werden sogar in altertümlicher Sprache verfremdet. Der allwissende Erzähler repräsentiert dabei quasi das Dorf als Ganzes, immer wieder kommentiert er auch die Geschehnisse und gibt so irgendwie auch die Meinung der Dorfgemeinschaft wieder.

Das Buch handelt von Heimat, von Veränderung, aber auch von Stagnation. Es herrscht überwiegend eine Stimmung von Resignation und Melancholie. Die Charaktere werden fürsorglich und fast liebevoll, aber immer authentisch und ehrlich beschrieben. Manche nur kurz, andere begleiten wir durch die ganze Nacht. Und immer wieder gibt es etwas Neues zu entdecken.

Ein außergewöhnliches Buch über ein außergewöhnliches Dorf. Definitiv nicht Schema F. Man muss sich drauf einlassen, aber es lohnt sich. Na klar, nicht jede Episode zündet. Aber der Großteil. Und für so einen Einfallsreichtum und so eine Wortgewandtheit kann ich einfach nur die volle Punktzahl geben.
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51 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Poetisch-humorvolle Sicht auf ein Dorf, 10. März 2014
Von 
Andreas Schröter "Andreas Schröter" (Dortmund) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Humorvoll, poetisch und durchdrungen von einer tiefen Zuneigung zu den Figuren – so lässt sich wohl am besten der neue Roman – „Vor dem Fest“ heißt er - von Saša Stanišić beschreiben, eines 1978 geborenen Autoren, der erst im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland floh. Umso erstaunlicher ist es, welch souveräne Gewandtheit Stanišić in einer Sprache entwickelt hat, die nicht seine Muttersprache ist.

Der Autor, der 2006 mit seinem Erstling „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ für Furore sorgte, widmet sich nun den teils schrulligen Bewohnern, ihren Bräuchen, Traditionen und Legenden aus dem Dörfchen Fürstenfelde in der Uckermark. Da gibt es, um nur einige wenige zu nennen, die 90-jährige Frau Kranz, die alles und jedes aus ihrer Heimat gemalt hat und immer noch malt, den lebensmüden ehemaligen NVA-Soldaten Herrn Schramm, die Heimatkundlerin Frau Schwermuth, die jedes noch so kleine Detail aus der Heimatgeschichte ihres Ortes kennt, oder den alten Glöckner, der die Glocken nicht mehr läuten will. Sie alle hat der Leser nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen.

Star des Buches ist aber die zauberhaft leichte und oft überraschende Sprache, die alles mit einer liebevollen Glasur überzieht, deren Reiz man sich kaum entziehen kann und will. Dazu passt, dass Stanišić immer wieder Fürstenfelder Begebenheiten, Sagen und Geschichten aus dem 16. Jahrhundert in der Originalsprache und –Schreibweise von damals einstreut. So wirkt das gesamte Geschehen leicht entrückt, und dem Autor gelingt es auf diese Weise, die Alltäglichkeit eines Dorfes mittels Sprache in eine andere Sphäre zu transportieren.

Kehrseite der Medaille: „Vor dem Fest“ ist kein Buch, das man mal eben im Schnelldurchlauf konsumieren kann. Man muss sich schon ein wenig konzentrieren, um alle Schattierungen dieses berstend vollen Werkes zu erfassen – auch weil Stanišić nicht einer linearen Handlung folgt, sondern immer wieder von einer Figur zur nächsten springt. Trotzdem insgesamt ein richtig schönes Buch.
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mal was anderes, 2. Mai 2014
Von 
Tobias Nazemi - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich weiß nicht, warum ich dieses Buch so mag. Es ist keine leichte Kost. Es ist nicht spannend, nicht dramatisch, besonders emotional oder witzig geschrieben. Die Geschichte wechselt ständig von Jetzt auf Gestern. Dann wieder zu Vorgestern und zurück. Die Charaktere werden nur kurz vorgestellt, einige begleiten einen durchs Buch, andere haben nur einen Auftritt. Verschiedene Handlungsstränge und Rückblicke im zeitgenössischen Sprachstil - alles was normalerweise gar nicht geht, wenn man mehr als nur eine Handvoll Leser erreichen will.

Doch bei diesem Roman funktioniert es. „Vor dem Fest“ ist kein anstrengender Avantgarderoman, sondern ganz hervorragende Unterhaltung, neue deutsche Literatur mal anders. Kein Literaturexperiment und wenn doch, dann ein geglücktes. Da hat ein Autor nicht sich selbst wiedergegeben, sondern sich hineinversetzt. In ein Dorf, eine für die meisten Leser unbekannte Region, unspannend, unspektakulär und doch liebens- und lebenswert. Der Protagonist ist die Uckermark, das Dorf Fürstenfelde. Das klingt langweilig, nach trockener Geschichtsschreibung und man fragt sich, wer will das lesen?

Scheinbar viele - dem Erfolg dieses Romans nach zu urteilen. Ich verstehe auch warum. Denn man schwebt beim Lesen nur so durch die Seiten. Alles ist perfekt konstruiert, fügt sich harmonisch zu einem Bild zusammen. Und auch Passagen, die einen vielleicht nichts sagen, nerven oder auch langweilen, sind nie sehr lang und werden schnell von amüsanten, kurzweiligen Episoden abgelöst. So ist man schnell durch mit diesem Buch, stellt es zufrieden ins Regal und sagt sich: „Das war mal was anderes“.
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31 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Nacht trägt heute drei Livreen: Was War, Was Ist, Was Wird Geschehen.", 18. März 2014
Von 
Heike G. (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Der Fährmann hat einmal erzählt, es gebe im Dorf jemanden, der mehr Erinnerungen von anderen Leuten besitze als Erinnerungen, die seine eigenen sind.", heißt es im frisch prämierten "Heimat"-Roman von Saša Stanišić. Erinnerungen als Zeitweiser. Denn was wir heute Heimat nennen, finden wir nicht in der Zukunft und auch nicht in der Gegenwart. Heimat kommt aus unserer Vergangenheit und entfaltet an der Schnittstelle zwischen Gestern und Morgen, dem Heute, seine Wirkung, um hernach aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen wiederum die Zukunft zu prägen. Um jene zu gestalten, bedarf es jedoch dem Wissen um das "Alte". Dazu legen wir Archive an, malen Bilder oder erzählen Geschichten: Zeitzeugen im Fluss der Erinnerung.

Der in Bosnien geborene Autor, der 1992 mit seiner Familie im deutschen Exil Zuflucht suchte, hat sich diesem Bewahren von Erinnerungen und dem Heimatgefühl angenommen. An einem einzigen Tag, genauer gesagt ist es eine Nacht, verbindet der Autor Gegenwart und Vergangenheit, vermischt Gestern mit Heute und formt daraus ein Morgen. Anhand eines fiktiven Dorfes in der Uckermark spult er auf 320 Seiten rund 500 Jahre Zeitgeschichte im Zeitraffer ab. Gegenständen wird Leben eingehaucht, das Leben mitunter vom Tod heimgesucht. Aus Altem wird Neues und Neues erscheint alt. Seinen fiktiven Handlungsort setzt er in die Uckermark: "Füstenfelde. Einwohnerzahl: ungerade. (...) Es gehen mehr Menschen tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden zu von keinem Plan. Oder vom Plan, wegzugehen." Dort wird der Leser Zeuge von den Vorbereitungen zu einem alljährlich stattfindenden Fest. "Das Dorf putzt die Schaufenster. Das Dorf poliert die Felgen. Das Dorf duscht. Die Fischerei geht auf den Hecht, die Bäckerei geizt nicht mit der Marmeladenfüllung. Mancher Haushalt wird sich wappnen mit einer doppelten Dosis Insulin (...) Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen."

Stanišić changiert dabei zwischen der Rolle des kühlen Beobachters und der eines in Bildern versunkenen Kindes. Zusammen ergibt das einen abgründigen Realismus, Kunst als Fragment - auch da, wo erzählt wird. Denn sein Text setzt sich aus verschiedensten kurzen Erzählungen zusammen. Manchmal steht gar nur ein Satz auf einer Seite. Geschichten, die für sich zu stehen scheinen, aber dennoch ein dichtes Netz ergeben und fest miteinander verwoben sind. Hinzu gesellt sich ein Geflecht unterschiedlichster Personen und Dorfbewohner. Da begegnet uns Herr Schramm, "ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz bei 'Von Blankenburg Landmaschinen'", der Glöcknerlehrling Johann und seine Mutter, die Leiterin der Heimatstube. Die Jugend in Gestalt von Lada, dem stummen Suzi und Meerrettich-Micha hat ebenso ihren Auftritt wie Dietmar Dietz, genannt Dietzsche, Briefträger vor der Wende, heute Rassehuhnzüchter, Frau Reiff mit ihrer Keramik-Werkstatt, die kranke Anna, Namensvetterin des zu feiernden Festes oder der Adidas-Mann, der leise, suspekte Fremde, wahrscheinlich Ausländer. Als verbindendes Glied fungiert Frau Kranz, die neunzigjährige Malerin, die als zentrale Figur vom Autor komponiert wurde und deren Bildsprache Stanišić in Worte umsetzt, in literarische Farbkompositionen. Ihr an die Seite wird der weise Fährmann gesetzt. Doch der ist tot, wie man bereits auf der ersten Seite erfährt. Dennoch spukt dessen Seele und die vieler anderer durch die Seiten. Geisterhafte Erzähler, die in der Uns-Form einen scheinbar unbeteiligten Blick auf das Geschehen des Dorfes werfen. "Lassen wir die Träumenden in Frieden. Vertreiben wir uns die Zeit mit den Ruhelosen: Mit unseren Seelen, sie schlafen ohnehin nie."

Auf unglaublich intensive Art und Weise versteht es Saša Stanišić, mit zum Teil minimalistischen Reduzierungen, eine ausufernde und breite Vielfältigkeit zu erzeugen. Manches ist erschreckend wahr, anderes grotesk verzerrt. Sprachgewaltig und -vielfältig sowie in Ton und Duktus an die Eigenheiten seiner jeweiligen Protagonisten angepasst, bewegt sich der Autor souverän zwischen den Zeiten, schreibt sogar in altdeutscher Ausdrucksform. Manchmal wird fast stakkatoartig, dann wieder ausufernd opulent erzählt. Ein inhaltsschwerer, mehrdeutiger und sich selbst ständig hinterfragender Text, in den man vielleicht nicht gleich hineingleitet, der 30...40 Seiten benötigt, um sich zu entfalten. Doch spätestens dann umfängt er einen und zieht unweigerlich in seinen Bann. Trotzdem fordert er eine ständige ungeteilte Aufmerksamkeit. Man muss sich fallen lassen beim Lesen, eintauchen, um den Sound unterschiedlichster Töne und Variationen, diese Gedankenmäander, wahr- und aufzunehmen, sie zu verarbeiten. "Komm, wir nehmen dich mit. Zu deiner Namensvetterin, zu den Menschen, zum Tier. Zur Fähe, zu Schramm. In den Lebenshunger, in die Lebensmüdigkeit.", rufen die unruhigen Seelen und eröffnen ein Kaleidoskop aus bunten Scherben, das geschüttelt, neue, noch faszinierendere Farbnuancen in anderer Anordnung offenbart. Ein Roman, der vergangene Aromen ausströmt und sie zu einer neuen Duftkombination zusammensetzt. Geschichten, die lange unter dem Deckel drängten und nun nach draußen gelassen werden. "Eine Haut aus Geschichten ist das, die uns wächst."

Fazit: Saša Stanišić stapelt Geschichten übereinander, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit trotzdem als gemeinsames Ganzes erweisen. Genau wie eine Trockenmauer aus Feldsteinen, so erweist sich auch sein Roman als solide Umwehrung einer kleinen Ortschaft, die trotzdem Bestandteil des großen Weltgeschehens ist. Der Autor erzählt in einer Nacht die Geschichte eines Ortes und seiner Einwohner, magisch, fast märchenhaft. Es geht um Tod, um Angst, um Nostalgie, Gegenwart, verlorene Träume, um Worte und Sätze. Es geht um den Begriff Heimat. Stanišić webt ein Sprachgespinst aus unterschiedlichsten Fäden, das durch seine Fülle und Farbigkeit fasziniert. "Es sind so Augenblicke..." oder: "Ein Gemälde des Zeitvergehens (...) So eine Nacht ist das."
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih., 8. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Roman spielt in den 24 Stunden vor und während des Annenfestes in Fürstenfelde, einem fiktiven Ort in der Uckermark. Der Ort erscheint als typischer Schauplatz ostdeutscher Nachwendewirklichkeit: die jungen Menschen verlassen das Dorf, die Alten sterben. So auch der Fährmann, der keinen Nachfolger hat. Der Glöckner bekam einen, doch ihm kommen die Glocken abhanden. Der ehemalige NVA-Mann Wilfried Schramm kann sich nicht zwischen schnellem Selbstmord mittels einer Pistole und dem langsamen durch Nikotin entscheiden. Anna läuft. Frau Kranz malt. Andere trinken und reden. Und dazwischen versucht eine Fähe, für ihren Nachwuchs Hühnern die Eier unbeschädigt zu entwenden.

Ein kollektiver „Wir“-Erzähler, der das Dorf, die Gegend, alle Figuren einschließt, berichtet von den Ereignissen rund um das Fest. Dabei verquickt er Alltagsgeschichten mit alten Erzählungen und Mythen. Stanišić beobachtet seine meist sympathischen Protagonisten empathisch; lässt sie leuchten; »vielleicht für niemanden, vielleicht für jemanden.«

Doch das Leuchten verblasst bald. Leider ermüdet und langweilt seine Erzählweise mit der Zeit. Man freut sich fast, dass endlich der Morgen des Annenfestes graut, auch wenn Stanišić immer wieder humorvoll lokale Gegebenheiten, Befindlichkeiten und Eigenheiten entlarvt und in wunderbar schräge Bilder passt. Die Sprache, in der er Ereignisse aus früheren Jahrhunderten beschreibt, wirkt etwas unpassend. Die Vielschichtigkeit der Personen rotiert in den ausschweifenden Wiederholungen, die unterschiedlichen Perspektiven liefern Bilder, die nicht immer passen. Oder ist das nur die banale Realität?
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Schön, aber, 24. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein Preis gekrönter Roman - verdient, wie ich finde. Aber... Für mich ist das Buch ein typischer 'Ja-aber-Roman'. Man kann ihn gut finden, aber es bleibt ein Vorbehalt.
Bis ungefähr zur Hälfte habe ich ihn mit großem Vergnügen gelesen: besonders Stil und Sprache (an der andere Rezensenten viel auszusetzen haben) sind originell und gekonnt. Gerne ließ ich mich auf die skurrilen Gestalten und Geschichten rund um das Dorf in der Uckermark ein. Vieles erinnert (manches nur von sehr weitem) an große Vorbilder: Kleist, Fontane (wie andere feststellten), aber auch Grass klingt durch. Schön die historischen Einsprengsel - moderne Interpunktion im Dienste der Lesbarkeit stört mich da nicht. Schön auch das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realem und Irrealem.
Doch nun das Aber. Als die Hälfte überschritten war, ließ die Spannung nach, und ich hatte den Eindruck, dass die Geschichten begannen, sich im Kreis zu drehen. Nichts kam so recht vorwärts. Was hat sich am Ende verändert? Zu Beginn tauchen interessante Figuren auf, über die man gerne mehr erfahren hätte - was wird aus ihnen? Entweder werden sie gar nicht mehr erwähnt oder nur knapp. Und überhaupt: mir fehlt die Geschichte. Zwar werden viele, viele kleine Geschichten erzählt -mosaikartig setzt sich das Bild vom Dorf zusammen -, aber wo bleibt die 'große Geschichte'?
Nun mag man der Auffassung sein, dass es auf die Geschichte bei einem Roman nicht ankomme - eine Auffassung, die ich nicht teile. Und ich bleibe dabei: ein schöner Roman, aber ... etwas fehlt.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sprachwitz oftmals nur durch "wörtlich nehmen", 30. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Um es vorweg zu sagen, den ersten Roman "Soldat-Grammofon" habe ich mit grossem Vergnügen an der Sprache und viel Erkenntnisgewinn gelesen und mich sehr auf "Vor dem Fest" gefreut. Im ersten vorfestlichen Kapitel habe ich laut gejuchzt. Bin auch weiterhin mit grossem Vergnügen dem poetischen Sprachwitz gefolgt, habe Sätze langsam auf der Zunge zergehen lassen. Und nach der guten Hälfte des Buches (war jetzt nicht beabsichtigt, aber ich könnte wirklich sagen nach der Guten Hälfte des Buches) verliess mich der Elan, fing ich an, das zerschüttelte Kaleidoskop - aus Dorfbewohnern, historischen Textschnipseln, handschriftlich umfabuliertem Märchen, der Perspektive einer Füchsin - mühsam zu finden und nicht interessant genug, um der plotlosen Geschichte weiter zu folgen. Und ich meine überhaupt nicht, Sasa Stanisic sollte seine Geschichten weiter in Bosnien ansiedeln. Nein, gar nicht. Sein Umgang mit der deutschen Sprache ist auf sehr befriedigende Weise poetisch und originell. Aber mir sind seine Figuren in diesem Roman zu exzentrisch gestaltet, zu überhöht. Das fing an, mich zu langweilen. Nach der Guten Hälfte eben.
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24 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nicht einfach, aber lesenswert, wie auch das Leben halt!, 11. März 2014
Von 
Christian Döring "leseratte" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch hat etwas, aber so richtig warm geworden bin ich mit ihm nicht!
An den Sätzen des jungen Poeten ist leicht zu merken, dass er sich auskennt, im Leben und auch dem Lebensgefühl der Uckermark. Da ist eine Friedenssehnsucht, auch wenn die Welt im kleinen wie im großen nicht friedvoll ist.
Manchmal denke ich auf den ersten Blick: Ist der Satz wirklich vollständig? Dann fehlt ein Verb, ich lese den Satz und merke, ich weiß dennoch was Sasa Stanisic erzählt.
Was mir nicht so sehr gefallen hat: "Vor dem Fest" ist für mich kein durchgehender Roman, eher 4 - 6 Seiten lange Texte. Sie ergeben zwar ein Gesamtbild, aber alle sechs Seiten wieder neu in die Geschichte einzusteigen ist anstrengend und birgt wohl auch die Gefahr des vorzeitigen Ausstiegs.
Die unwirkliche, vielleicht märchenhafte Handlung ist äußerst symbolträchtig. Ins "Haus der Heimat" wurde eingebrochen und einige Sachen sind entfleucht. Es beginnt eine Story um Finden, Suchen und Hinüberretten in die Gegenwart.
Nicht einfach, aber lesenswert, wie auch das Leben halt!
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12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Porträt eines Dorfes, 23. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
In dem faszinierenden und witzigen Buch ist das Porträt eines Dorfes in der Uckermark gezeichnet. Stanisic lässt verschiedene Erzähler bzw. Perspektiven zu Wort kommen: Das Dorf selbst, einige Bewohner, die Geschichte der letzten Jahrhunderte und schließlich eine Füchsin. Insgesamt ergibt die eine Nacht, die das Buch umfasst, ein rundes und umfassendes Bild der Menschen im Dorf und der Atmosphäre, die sich dort seit hunderten von Jahren entwickelt hat.
Das größte Plus des Buches ist die Sprache und die Struktur. Stanisic unterstützt die verschiedenen Perspektiven durch entsprechende Sprachstile. Es gibt die barocke Ebene für die Geschichten des Dorfes und die moderne Sprache, die für einige surreale Augenblicke in Reime übergeht. Das macht Herr Stanisic sehr gut, wodurch das Buch sehr speziell und interessant wird. Das Märchen vom Kesselflicker, das Stanisic in zwei Versionen sozusagen in den Mittelpunkt der Buches stellt, habe ich als Idee zur Interpretation des Buches wahrgenommen: Man kann es als einfache, manchmal magisch angehauchte Erzählung über ein Dorf sehen, die keinerlei Wertung oder Moralität hat. Wenn aber der Leser seine eigenen Werte und Assoziationen hnzufügt, wird es ein spannendes Psychogramm einer dörflichen Gemeinschaft in der Gegenwart. Ich finde, diese Doppelbödigkeit zeichnet Literatur gegenüber der bloßen Unterhaltung aus.
Und Assoziationen gibt es viele: Shakespeare-Komödien, die auch häufig mehrere Figurengruppen haben, Hollywoodfilme über abenteuerlustige Engel am Rande des Abgrunds, natürlich die vielen deutschen Schriftsteller, die über die gleiche Ecke berichten, und altertümliche Sagen Deutschlands. Dazwischen erzählt Stanisic einige konkrete Geschichten aus den letzten Jahren, die die Probleme und Belastungen der Nachwendezeit trocken und witzig bebildern und sehr lebendig darstellen, wie die betroffenen Menschen damit umgehen.
Insgesamt ein gut zu lesendes, interessantes Buch, das ich ohne Einschränkung empfehlen kann.
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24 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Dorf aus Sprache..., 15. März 2014
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das prämierte Buch der Leipziger Messe wurde schon im Vorfeld mit einem Preis ausgezeichnet nämlich dem Alfred Döblin Preis. Wer es noch nicht weiss: Der Alfred Döblin Preis verleiht unveröffentlichten Texten oder Auszügen, die Garantie der Fertigstellung / Veröffentlichung. Somit war wohl dieser Preis in Leipziger Kreisen zumindest, ein Preis mit Ankündigung. Stanisic beschreibt in seinem Roman ein fiktives Dorf in der Uckermark, in Ostdeutschland der ehemaligen DDR, namens Fürstenfelde. (Komposition aus: Fürstenwerder/Fürstenwalde/Prenzlau/Kraatz) Er stellt dabei altdeutsche Text die bis in 16. Jhd. zurückreichen heutigen modernen Texten gegenüber, das alleine schon ist gewöhnungsbedürftig und kann sich anfangs der Lektüre als sperrig anlesen, das zumindest ich anfangs nicht immer verständlich fand. Ein poröser und hinderlich geschriebener Text der sowohl im altdeutschen, aber auch im modernen Text der sich ständig von Kapitel zu Kapitel abwechselt. Doch was sich anfangs anstrengend anlässt fällt mit der Zeit in einen fliessenden Text, mit dem man sich immer mehr anfreundet. Texte die wie aus einer Chronik erscheinen, können ihren ganz eigenen Zauber haben, gerade wenn sie schon vielleicht 400 Jahre alt sind! (Texte aus dem 16. bis 19. Jhd.) Manches ist poetisch manchmal lustig verfasst, vieles berichtend, vor allem aber erzählend. So richtig einen Plot kann dieses Buch eigentlich nicht vorweisen, denn es sind die vielen Einzelgeschichten, Mythen, Tragödien die von einer erlebten Heimat erzählen wollen. Vielleicht ein moderner Heimatroman, der von einem Dorf erzählen will, dem das Verschwinden droht - jedoch mit seinen Geschichten dagegen hält?

Es sind Geschichten von Menschen und Tieren, vor allem einer Füchsin (Fähe), der hier eine gewisse Schlüsselrolle zugestanden wird. Durch sie verleiht der Autor der Natur eine Stimme. Es sind Geschichten die für sich stehen und doch miteinander schichtweise kreuz und quer unsichtbar miteinander verbunden sind. Sasa Stanisic hat sicherlich ein mutiges und experimentelles Buch geschrieben, dass ihm - wenn auch gewöhnungsbedürftig - sehr gut gelungen ist. Sein Geschreibe kann beizeiten dann eben doch so manches Schmunzeln beim Leser hervorzaubern, was sicher eine der bestechenden Qualitäten des prämierten Buches ist. Ja es sind Porträts von den dortigen Menschen, sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit, die aus einer liebevollen Haltung heraus geschildert werden. Wir lesen von einem Glöckner, einem Fährmann, von einem Kesselflicker oder einem Oberstleutnant, Figuren, wie wir sie heute gar nicht mehr finden. Manchmal haben diese Geschichten den Geschmack von Legenden, Stanisic versteht es Begebenheiten oder Geschehnisse die vielleicht dort vor 3- oder 400 Jahren stattfanden, kunstvoll mit der heutigen Gegenwart zu verknüpfen. Selbst ein eingefügtes handschriftlich korrigiertes Textstück über einen Kesselflicker hat seinen ganz eigenen Reiz, weil selbst durchgestrichene Textstellen zum Lesen einladen und verführen. Alles dreht sich hier um das angekündigte Annenfest, es geht um eine Nacht, der Nacht vor dem grossen Fest...Der Name "Anna" steht für verschiedene Frauenfiguren hier, doch das jener, die als Hexe verbrannt wurde, wird anfangs und am Ende erwähnt, fast als eine Art Schutzpatronin für jenes Fest um das diese Geschichte kreist. Eine unscheinbare Figur, über die ganze Zeit wie anwesend zu sein scheint - und doch das Schlusslicht darstellt, zumindest stellt Stanisic genau diese Figur bewusst an das Ende seiner Geschichte. Und vielleicht spielt es so gar keine Rolle, wo das Erzählte genau spielt oder ob es einen schlüssigen Plot vorzuweisen hat, hier geht es wirklich ums seine Umsetzung, also das WIE.

Stanisic lässt durch seine Geschichten ein Dorf neu auferstehen, als ob sie aus Sprache bestehen würde, wie ja die Preisjury in ihrem Text verlautbart. Eine Würdigung an ein Stück Heimat, das zu versinken droht und durch seine Erzählungen wie neu aufersteht. Vieles ist hier einfach klasse gemacht und raffiniert konzipiert, auch wenn ich anfangs einen Bogen um dieses Buch gemacht habe, ist es doch äusserst bestechlich lesenswert! "Vor dem Fest" berührt dadurch nicht nur ein Stück Geschichte und Heimat das zu verschwinden droht, sondern berührt eben dadurch auch das verinnerlichte Gefühl von Heimat, das wir alle in uns tragen. Auch den Verlust von Heimat ist etwas das wir alle kennen, mit Sicherheit ist das einer der Kernthemen dieses Buches. Der Autor wurde ursprünglich in Bosnien geboren und ist 1992 durch den Krieg ausgewandert. Ein Fremder der sozusagen über ein Stück deutsche Heimat schreibt und für den mit Sicherheit "Heimat" auch ein Thema sein dürfte. Stanisic war ursprünglich schon in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis- Lesen aufgefallen. 2006 hat der Autor bereits schon Wie der Soldat das Grammofon repariert: Roman veröffentlicht. Sein neuer Roman ist wie ein orchestriertes Werk, gebündelt aus vielen einzelnen Stimmen, das zu einem einzigen Refrain anstimmt: Einer Heimat eine Stimme zu geben- die davon begriffen ist, dem Vergessen anheim zu fallen. Das alleine schon hat eine beachtliche Anerkennung verdient und auch den Leipziger Buchpreis! Chapeau!

Empfehlung.
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Vor dem Fest: Roman
Vor dem Fest: Roman von Sasa Stanisic (Gebundene Ausgabe - 10. März 2014)
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