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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Nacht in der Uckermark.
Fürstenfelde, ein fiktives und doch nicht so unrealistisches Dorf in der Uckermark, am Abend vor dem wichtigsten Ereignis des Jahres, dem Annenfest. Die Dorfbewohner machen sich bereit für das Fest. Jeder auf seine eigene Art.

Der Autor Sasa Stanisic breitet vor dem Leser das Panorama eines Dorfes aus, indem er kurze Episoden erzählt. Geschichten...
Vor 4 Monaten von Gulan veröffentlicht

versus
8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Schön, aber
Ein Preis gekrönter Roman - verdient, wie ich finde. Aber... Für mich ist das Buch ein typischer 'Ja-aber-Roman'. Man kann ihn gut finden, aber es bleibt ein Vorbehalt.
Bis ungefähr zur Hälfte habe ich ihn mit großem Vergnügen gelesen: besonders Stil und Sprache (an der andere Rezensenten viel auszusetzen haben) sind originell und...
Vor 6 Monaten von maria veröffentlicht


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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Nacht in der Uckermark., 10. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Fürstenfelde, ein fiktives und doch nicht so unrealistisches Dorf in der Uckermark, am Abend vor dem wichtigsten Ereignis des Jahres, dem Annenfest. Die Dorfbewohner machen sich bereit für das Fest. Jeder auf seine eigene Art.

Der Autor Sasa Stanisic breitet vor dem Leser das Panorama eines Dorfes aus, indem er kurze Episoden erzählt. Geschichten aus dem Leben, Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart, amüsante Geschichten, skurrile Geschichten, nachdenkliche Geschichten, Legenden und Mythen. Die Handlung dauert nur etwas mehr als eine Nacht und doch werden Jahrhunderte überbrückt. Der allwissende Erzähler begleitet zahlreiche Persönlichkeiten des Dorfes. Unter anderem Frau Schwermuth, Hüterin der Dorfchronik, Herr Schramm, ehemals NVA-Offizier und jetzt lebensmüder Rentner, die asthmakranke Joggerin Anna, der stumme Suzi und sein Kumpel Lada oder die Malerin Frau Kranz. Auch eine Füchsin kommt vor, auf ihrer Jagd nach Hühnereiern für ihre Welpen. Relativ zügig wechselt der Autor immer wieder die Perspektive, unterbrochen von kurzen Einschüben mit Ereignissen aus der Dorfgeschichte der letzten Jahrhunderte.

Das Besondere ist die Sprache des Buches. Knapp, schlicht, lakonisch, pointiert – aber nie abgehoben. Das Buch ist definitiv eines, bei dem man manche Sätze nochmal liest, weil sie einen wirklich beeindrucken. Die Einträge aus vergangener Zeit werden sogar in altertümlicher Sprache verfremdet. Der allwissende Erzähler repräsentiert dabei quasi das Dorf als Ganzes, immer wieder kommentiert er auch die Geschehnisse und gibt so irgendwie auch die Meinung der Dorfgemeinschaft wieder.

Das Buch handelt von Heimat, von Veränderung, aber auch von Stagnation. Es herrscht überwiegend eine Stimmung von Resignation und Melancholie. Die Charaktere werden fürsorglich und fast liebevoll, aber immer authentisch und ehrlich beschrieben. Manche nur kurz, andere begleiten wir durch die ganze Nacht. Und immer wieder gibt es etwas Neues zu entdecken.

Ein außergewöhnliches Buch über ein außergewöhnliches Dorf. Definitiv nicht Schema F. Man muss sich drauf einlassen, aber es lohnt sich. Na klar, nicht jede Episode zündet. Aber der Großteil. Und für so einen Einfallsreichtum und so eine Wortgewandtheit kann ich einfach nur die volle Punktzahl geben.
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53 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Poetisch-humorvolle Sicht auf ein Dorf, 10. März 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Humorvoll, poetisch und durchdrungen von einer tiefen Zuneigung zu den Figuren – so lässt sich wohl am besten der neue Roman – „Vor dem Fest“ heißt er - von Saša Stanišić beschreiben, eines 1978 geborenen Autoren, der erst im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland floh. Umso erstaunlicher ist es, welch souveräne Gewandtheit Stanišić in einer Sprache entwickelt hat, die nicht seine Muttersprache ist.

Der Autor, der 2006 mit seinem Erstling „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ für Furore sorgte, widmet sich nun den teils schrulligen Bewohnern, ihren Bräuchen, Traditionen und Legenden aus dem Dörfchen Fürstenfelde in der Uckermark. Da gibt es, um nur einige wenige zu nennen, die 90-jährige Frau Kranz, die alles und jedes aus ihrer Heimat gemalt hat und immer noch malt, den lebensmüden ehemaligen NVA-Soldaten Herrn Schramm, die Heimatkundlerin Frau Schwermuth, die jedes noch so kleine Detail aus der Heimatgeschichte ihres Ortes kennt, oder den alten Glöckner, der die Glocken nicht mehr läuten will. Sie alle hat der Leser nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen.

Star des Buches ist aber die zauberhaft leichte und oft überraschende Sprache, die alles mit einer liebevollen Glasur überzieht, deren Reiz man sich kaum entziehen kann und will. Dazu passt, dass Stanišić immer wieder Fürstenfelder Begebenheiten, Sagen und Geschichten aus dem 16. Jahrhundert in der Originalsprache und –Schreibweise von damals einstreut. So wirkt das gesamte Geschehen leicht entrückt, und dem Autor gelingt es auf diese Weise, die Alltäglichkeit eines Dorfes mittels Sprache in eine andere Sphäre zu transportieren.

Kehrseite der Medaille: „Vor dem Fest“ ist kein Buch, das man mal eben im Schnelldurchlauf konsumieren kann. Man muss sich schon ein wenig konzentrieren, um alle Schattierungen dieses berstend vollen Werkes zu erfassen – auch weil Stanišić nicht einer linearen Handlung folgt, sondern immer wieder von einer Figur zur nächsten springt. Trotzdem insgesamt ein richtig schönes Buch.
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mal was anderes, 2. Mai 2014
Von 
Tobias Nazemi - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich weiß nicht, warum ich dieses Buch so mag. Es ist keine leichte Kost. Es ist nicht spannend, nicht dramatisch, besonders emotional oder witzig geschrieben. Die Geschichte wechselt ständig von Jetzt auf Gestern. Dann wieder zu Vorgestern und zurück. Die Charaktere werden nur kurz vorgestellt, einige begleiten einen durchs Buch, andere haben nur einen Auftritt. Verschiedene Handlungsstränge und Rückblicke im zeitgenössischen Sprachstil - alles was normalerweise gar nicht geht, wenn man mehr als nur eine Handvoll Leser erreichen will.

Doch bei diesem Roman funktioniert es. „Vor dem Fest“ ist kein anstrengender Avantgarderoman, sondern ganz hervorragende Unterhaltung, neue deutsche Literatur mal anders. Kein Literaturexperiment und wenn doch, dann ein geglücktes. Da hat ein Autor nicht sich selbst wiedergegeben, sondern sich hineinversetzt. In ein Dorf, eine für die meisten Leser unbekannte Region, unspannend, unspektakulär und doch liebens- und lebenswert. Der Protagonist ist die Uckermark, das Dorf Fürstenfelde. Das klingt langweilig, nach trockener Geschichtsschreibung und man fragt sich, wer will das lesen?

Scheinbar viele - dem Erfolg dieses Romans nach zu urteilen. Ich verstehe auch warum. Denn man schwebt beim Lesen nur so durch die Seiten. Alles ist perfekt konstruiert, fügt sich harmonisch zu einem Bild zusammen. Und auch Passagen, die einen vielleicht nichts sagen, nerven oder auch langweilen, sind nie sehr lang und werden schnell von amüsanten, kurzweiligen Episoden abgelöst. So ist man schnell durch mit diesem Buch, stellt es zufrieden ins Regal und sagt sich: „Das war mal was anderes“.
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31 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Nacht trägt heute drei Livreen: Was War, Was Ist, Was Wird Geschehen.", 18. März 2014
Von 
HeikeG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Der Fährmann hat einmal erzählt, es gebe im Dorf jemanden, der mehr Erinnerungen von anderen Leuten besitze als Erinnerungen, die seine eigenen sind.", heißt es im frisch prämierten "Heimat"-Roman von Saša Stanišić. Erinnerungen als Zeitweiser. Denn was wir heute Heimat nennen, finden wir nicht in der Zukunft und auch nicht in der Gegenwart. Heimat kommt aus unserer Vergangenheit und entfaltet an der Schnittstelle zwischen Gestern und Morgen, dem Heute, seine Wirkung, um hernach aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen wiederum die Zukunft zu prägen. Um jene zu gestalten, bedarf es jedoch dem Wissen um das "Alte". Dazu legen wir Archive an, malen Bilder oder erzählen Geschichten: Zeitzeugen im Fluss der Erinnerung.

Der in Bosnien geborene Autor, der 1992 mit seiner Familie im deutschen Exil Zuflucht suchte, hat sich diesem Bewahren von Erinnerungen und dem Heimatgefühl angenommen. An einem einzigen Tag, genauer gesagt ist es eine Nacht, verbindet der Autor Gegenwart und Vergangenheit, vermischt Gestern mit Heute und formt daraus ein Morgen. Anhand eines fiktiven Dorfes in der Uckermark spult er auf 320 Seiten rund 500 Jahre Zeitgeschichte im Zeitraffer ab. Gegenständen wird Leben eingehaucht, das Leben mitunter vom Tod heimgesucht. Aus Altem wird Neues und Neues erscheint alt. Seinen fiktiven Handlungsort setzt er in die Uckermark: "Füstenfelde. Einwohnerzahl: ungerade. (...) Es gehen mehr Menschen tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden zu von keinem Plan. Oder vom Plan, wegzugehen." Dort wird der Leser Zeuge von den Vorbereitungen zu einem alljährlich stattfindenden Fest. "Das Dorf putzt die Schaufenster. Das Dorf poliert die Felgen. Das Dorf duscht. Die Fischerei geht auf den Hecht, die Bäckerei geizt nicht mit der Marmeladenfüllung. Mancher Haushalt wird sich wappnen mit einer doppelten Dosis Insulin (...) Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen."

Stanišić changiert dabei zwischen der Rolle des kühlen Beobachters und der eines in Bildern versunkenen Kindes. Zusammen ergibt das einen abgründigen Realismus, Kunst als Fragment - auch da, wo erzählt wird. Denn sein Text setzt sich aus verschiedensten kurzen Erzählungen zusammen. Manchmal steht gar nur ein Satz auf einer Seite. Geschichten, die für sich zu stehen scheinen, aber dennoch ein dichtes Netz ergeben und fest miteinander verwoben sind. Hinzu gesellt sich ein Geflecht unterschiedlichster Personen und Dorfbewohner. Da begegnet uns Herr Schramm, "ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz bei 'Von Blankenburg Landmaschinen'", der Glöcknerlehrling Johann und seine Mutter, die Leiterin der Heimatstube. Die Jugend in Gestalt von Lada, dem stummen Suzi und Meerrettich-Micha hat ebenso ihren Auftritt wie Dietmar Dietz, genannt Dietzsche, Briefträger vor der Wende, heute Rassehuhnzüchter, Frau Reiff mit ihrer Keramik-Werkstatt, die kranke Anna, Namensvetterin des zu feiernden Festes oder der Adidas-Mann, der leise, suspekte Fremde, wahrscheinlich Ausländer. Als verbindendes Glied fungiert Frau Kranz, die neunzigjährige Malerin, die als zentrale Figur vom Autor komponiert wurde und deren Bildsprache Stanišić in Worte umsetzt, in literarische Farbkompositionen. Ihr an die Seite wird der weise Fährmann gesetzt. Doch der ist tot, wie man bereits auf der ersten Seite erfährt. Dennoch spukt dessen Seele und die vieler anderer durch die Seiten. Geisterhafte Erzähler, die in der Uns-Form einen scheinbar unbeteiligten Blick auf das Geschehen des Dorfes werfen. "Lassen wir die Träumenden in Frieden. Vertreiben wir uns die Zeit mit den Ruhelosen: Mit unseren Seelen, sie schlafen ohnehin nie."

Auf unglaublich intensive Art und Weise versteht es Saša Stanišić, mit zum Teil minimalistischen Reduzierungen, eine ausufernde und breite Vielfältigkeit zu erzeugen. Manches ist erschreckend wahr, anderes grotesk verzerrt. Sprachgewaltig und -vielfältig sowie in Ton und Duktus an die Eigenheiten seiner jeweiligen Protagonisten angepasst, bewegt sich der Autor souverän zwischen den Zeiten, schreibt sogar in altdeutscher Ausdrucksform. Manchmal wird fast stakkatoartig, dann wieder ausufernd opulent erzählt. Ein inhaltsschwerer, mehrdeutiger und sich selbst ständig hinterfragender Text, in den man vielleicht nicht gleich hineingleitet, der 30...40 Seiten benötigt, um sich zu entfalten. Doch spätestens dann umfängt er einen und zieht unweigerlich in seinen Bann. Trotzdem fordert er eine ständige ungeteilte Aufmerksamkeit. Man muss sich fallen lassen beim Lesen, eintauchen, um den Sound unterschiedlichster Töne und Variationen, diese Gedankenmäander, wahr- und aufzunehmen, sie zu verarbeiten. "Komm, wir nehmen dich mit. Zu deiner Namensvetterin, zu den Menschen, zum Tier. Zur Fähe, zu Schramm. In den Lebenshunger, in die Lebensmüdigkeit.", rufen die unruhigen Seelen und eröffnen ein Kaleidoskop aus bunten Scherben, das geschüttelt, neue, noch faszinierendere Farbnuancen in anderer Anordnung offenbart. Ein Roman, der vergangene Aromen ausströmt und sie zu einer neuen Duftkombination zusammensetzt. Geschichten, die lange unter dem Deckel drängten und nun nach draußen gelassen werden. "Eine Haut aus Geschichten ist das, die uns wächst."

Fazit: Saša Stanišić stapelt Geschichten übereinander, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit trotzdem als gemeinsames Ganzes erweisen. Genau wie eine Trockenmauer aus Feldsteinen, so erweist sich auch sein Roman als solide Umwehrung einer kleinen Ortschaft, die trotzdem Bestandteil des großen Weltgeschehens ist. Der Autor erzählt in einer Nacht die Geschichte eines Ortes und seiner Einwohner, magisch, fast märchenhaft. Es geht um Tod, um Angst, um Nostalgie, Gegenwart, verlorene Träume, um Worte und Sätze. Es geht um den Begriff Heimat. Stanišić webt ein Sprachgespinst aus unterschiedlichsten Fäden, das durch seine Fülle und Farbigkeit fasziniert. "Es sind so Augenblicke..." oder: "Ein Gemälde des Zeitvergehens (...) So eine Nacht ist das."
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tolles Dorfporträt, 12. Oktober 2014
Von 
Kerstin Scheuer (Heppenheim (Bergstraße)) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Kindle Edition)
Warum ich es gelesen habe?

Das Buch steht auf meiner Wunschliste, seit es in der Spiegel Bestsellerliste auftauchte. Das von Schrift dominierte Cover und die Kurzbeschreibung sprachen mich an. Nachdem es bereits mehrfach ausgezeichnet wurde und jetzt auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2014 steht, musste ich es einfach lesen.

Wer mehr über meine Motivation, das Buch zu lesen, erfahren möchte, dem sei mein Neuzugang #4-Beitrag empfohlen.

Wie war mein erster Eindruck?

Spätestens seit Antonia Baums Artikel “Diese Stück Germany” für die “Meine Heimat”-Serie in der FAZ, weiß man bei uns in Südhessen, dass so ein Porträt über das dörfliche Leben für die porträtierten Bewohner sehr hässlich, unangenehm und verletzend ausfallen kann. Dass Stanisic sich nun ausgerechnet dieses Themas in seinem neuen Roman auf literarische Art annehmen wollte, hielt ich daher für ambitioniert. Aber bereits nach den ersten Kapiteln war zu erkennen, dass Stanisic gelingt, diesen Mikrokosmos in wirklich all seinen Facetten und Nuancen darzustellen – den hässlichen wie den schönen. Sollte jemals ein Porträt über mein Heimatdorf geschrieben werden, ist hoffentlich Stanisic der Autor!

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Mir hat dieses Buch wirklich sehr gut gefallen. Ich finde es höchst beachtenswert, wie es Stanisic gelingt, die Komplexität des dörflichen Zusammenlebens mit einer erstaunlichen Leichtigkeit zu schildern. Thematisch ist dabei alles enthalten, was zu einem Dorf in der Uckermark dazu gehört: Zerfall, Vergreisung, Sterben des Einzelhandels, Klatsch & Tratsch, Natur & Wetter, Perspektivlosigkeit, Kneipenleben, Gemeinschaftsgefühl, Geschichte, Tradition, … All diese Dinge verwebt Stanisic geschickt und höchst kurzweilig zu einem harmonischen Gesamtbild.

Es ist vor allem die poetische, bildhafte Sprache, die mich hierbei so begeisterte. Stanisic gelingt es, gleichzeitig eine wehmütige, leicht melancholische Grundstimmung zu erzeugen und dennoch einen witzigen und unterhaltsamen Roman vorzulegen. Selten habe ich mir in einem Roman so viele Textstellen angestrichen; einfach weil ich sie so schön formuliert fand. Stanisic zeichnet wunderschöne, leichte sprachliche Bilder. Sein Umgang mit Sprache macht wirklich Spaß!

Etwas schwierig fand ich die fehlenden Anführungszeichen bei Unterhaltungen und Telefonaten. Bisweilen war es dadurch etwas schwer zu folgen.

Auch die Erzählperspektive erschloss sich mir erst gegen Ende des Buchs.
Stanisic schreibt hauptsächlich aus einer “Wir”-Perspektive, was ich recht ungewöhnlich finde. Wer genau, dieses “Wir” ist, bleibt offen. Da es jedoch fast omnipräsent zu sein scheint, habe ich es für mich schließlich so interpretiert, dass hiermit das kollektive Wissen des Dorfes gemeint ist. Das “Wir” sind die Dorfbewohner – sowohl die Lebenden als auch die Toten.
Unter diese Hauptperspektive mischt Stanisic immer wieder geschickt Kapitel, die aus der Sicht eines bestimmten Dorfbewohners geschrieben sind, sowie Auszüge aus der Dorfchronik. Hierdurch gewinnt der Roman an Dichte, Atmosphäre und Lokalcoulleur.

Besondere Liebe scheint Stanisic in die Entwicklung seiner Charaktere gesteckt zu haben. Auch diese sind, wie der ganze Roman, weit von Stereotypen entfernt. Es sind sympathisch normale, leicht schrullig-skurrile Personen, die mit den üblichen Widersprüchlichkeiten des Lebens kämpfen. Ich habe sie alle sofort ins Herz geschlossen.

Hier passt wirklich alles! Selbst der versöhnliche Schluss – etwas, was ich wegen der Kitschgefahr nur selten gut finde – hat mir gefallen.

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24 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nicht einfach, aber lesenswert, wie auch das Leben halt!, 11. März 2014
Von 
Christian Döring "leseratte" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch hat etwas, aber so richtig warm geworden bin ich mit ihm nicht!
An den Sätzen des jungen Poeten ist leicht zu merken, dass er sich auskennt, im Leben und auch dem Lebensgefühl der Uckermark. Da ist eine Friedenssehnsucht, auch wenn die Welt im kleinen wie im großen nicht friedvoll ist.
Manchmal denke ich auf den ersten Blick: Ist der Satz wirklich vollständig? Dann fehlt ein Verb, ich lese den Satz und merke, ich weiß dennoch was Sasa Stanisic erzählt.
Was mir nicht so sehr gefallen hat: "Vor dem Fest" ist für mich kein durchgehender Roman, eher 4 - 6 Seiten lange Texte. Sie ergeben zwar ein Gesamtbild, aber alle sechs Seiten wieder neu in die Geschichte einzusteigen ist anstrengend und birgt wohl auch die Gefahr des vorzeitigen Ausstiegs.
Die unwirkliche, vielleicht märchenhafte Handlung ist äußerst symbolträchtig. Ins "Haus der Heimat" wurde eingebrochen und einige Sachen sind entfleucht. Es beginnt eine Story um Finden, Suchen und Hinüberretten in die Gegenwart.
Nicht einfach, aber lesenswert, wie auch das Leben halt!
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Schön, aber, 24. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein Preis gekrönter Roman - verdient, wie ich finde. Aber... Für mich ist das Buch ein typischer 'Ja-aber-Roman'. Man kann ihn gut finden, aber es bleibt ein Vorbehalt.
Bis ungefähr zur Hälfte habe ich ihn mit großem Vergnügen gelesen: besonders Stil und Sprache (an der andere Rezensenten viel auszusetzen haben) sind originell und gekonnt. Gerne ließ ich mich auf die skurrilen Gestalten und Geschichten rund um das Dorf in der Uckermark ein. Vieles erinnert (manches nur von sehr weitem) an große Vorbilder: Kleist, Fontane (wie andere feststellten), aber auch Grass klingt durch. Schön die historischen Einsprengsel - moderne Interpunktion im Dienste der Lesbarkeit stört mich da nicht. Schön auch das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realem und Irrealem.
Doch nun das Aber. Als die Hälfte überschritten war, ließ die Spannung nach, und ich hatte den Eindruck, dass die Geschichten begannen, sich im Kreis zu drehen. Nichts kam so recht vorwärts. Was hat sich am Ende verändert? Zu Beginn tauchen interessante Figuren auf, über die man gerne mehr erfahren hätte - was wird aus ihnen? Entweder werden sie gar nicht mehr erwähnt oder nur knapp. Und überhaupt: mir fehlt die Geschichte. Zwar werden viele, viele kleine Geschichten erzählt -mosaikartig setzt sich das Bild vom Dorf zusammen -, aber wo bleibt die 'große Geschichte'?
Nun mag man der Auffassung sein, dass es auf die Geschichte bei einem Roman nicht ankomme - eine Auffassung, die ich nicht teile. Und ich bleibe dabei: ein schöner Roman, aber ... etwas fehlt.
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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschichten werden lebendig, 22. März 2014
Von 
Villette - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Kindle Edition)
Ein Dorf in der Uckermark ist im Begriff, das jährliche Annenfest zu feiern. Warum weiß eigentlich keiner mehr so recht. Da ist es gut, dass in der Nacht vor dem Fest viele Geschichten über das Dorf wieder ans Licht kommen und jedenfalls dem Leser etwas Einsicht in das gelebte und lebendige Leben des Dorfes schenken. Aber Vorsicht! So mancher Mythos ist dabei, der eher der Vorstellungskraft der Menschen, allen voran der Stadtarchivarin Frau Schwermuth, entsprungen ist. Sicher sein kann man sich also nie. Irgendwie haben die Geschichten ein Eigenleben bekommen, so wie das Dorf selbst schon eine Art Persönlichkeit geworden ist, das sich zwischendurch immer mal wieder meldet und das Geschehen kommentiert. Auf diese Weise trifft man viele interessante, natürlich stets skurrile Figuren, die im Dorf leben und dem Leser ihre Geschichte offenbaren. Ich nenne nur den Glöcknerlehrling Johann, die verschrobene alte Malerin Frau Kranz, den lebensmüden Herrn Schramm, Poppo von Blankenburg, um dessen Tod sich so mancher Mythos rankt, u.s.w. Schnell gewinnt man die Figuren lieb und möchte mehr über sie erfahren. Das ist aber gar nicht so einfach. Denn diese Geschichte ist keinesfalls chronologisch erzählt, sondern springt von einem Fragment zum nächsten. Stilistisch ist das Buch also eine kleine Herausforderung. Sehr experimentell geht es zu, auch in der Sprache, manchmal etwas zu experimentell für meinen Geschmack. Man muss sich schon Zeit nehmen für dieses Buch. Dann lohnt sich die Lektüre aber sehr. Vor allem wird man mit sehr viel intelligentem Humor und fast genialen Ideen belohnt. Dass Autor Saša Stanišić dafür den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, ist mehr als berechtigt und freut mich sehr.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbare Entdeckung, 26. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Kaffeemaschine für Kaffeemaschine erwacht das Dorf." Mir ist ein Buch von Sasa Stanisic in die Hände gefallen. "Vor dem Fest". Auch wenn das jetzt etwas schwülstig klingt: Grandios, fand ich das. Auch wenn es "nur" von einem Dorf in der Uckermark (wo is die nochmal? Nach "Vor dem Fest" hat man fast das Gefühl, dort gewesen zu sein) handelt. Auch wenn das irgendwie was von einem Heimatroman hat. Hat es doch eigentlich gar nicht und irgendwie doch. Absolut lesenswert - allein der Sprache wegen - von der ersten Seite bis zur letzten! So viele wunderbar feine, poetische, skurrile Geschichten, so viele verschrobene und absolut normale Menschen, so viel Atmosphäre und Vergangenheit und Gegenwart, Klugheit und alles beisammen. Ich bin begeistert!
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24 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Dorf aus Sprache..., 15. März 2014
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das prämierte Buch der Leipziger Messe wurde schon im Vorfeld mit einem Preis ausgezeichnet nämlich dem Alfred Döblin Preis. Wer es noch nicht weiss: Der Alfred Döblin Preis verleiht unveröffentlichten Texten oder Auszügen, die Garantie der Fertigstellung / Veröffentlichung. Somit war wohl dieser Preis in Leipziger Kreisen zumindest, ein Preis mit Ankündigung. Stanisic beschreibt in seinem Roman ein fiktives Dorf in der Uckermark, in Ostdeutschland der ehemaligen DDR, namens Fürstenfelde. (Komposition aus: Fürstenwerder/Fürstenwalde/Prenzlau/Kraatz) Er stellt dabei altdeutsche Text die bis in 16. Jhd. zurückreichen heutigen modernen Texten gegenüber, das alleine schon ist gewöhnungsbedürftig und kann sich anfangs der Lektüre als sperrig anlesen, das zumindest ich anfangs nicht immer verständlich fand. Ein poröser und hinderlich geschriebener Text der sowohl im altdeutschen, aber auch im modernen Text der sich ständig von Kapitel zu Kapitel abwechselt. Doch was sich anfangs anstrengend anlässt fällt mit der Zeit in einen fliessenden Text, mit dem man sich immer mehr anfreundet. Texte die wie aus einer Chronik erscheinen, können ihren ganz eigenen Zauber haben, gerade wenn sie schon vielleicht 400 Jahre alt sind! (Texte aus dem 16. bis 19. Jhd.) Manches ist poetisch manchmal lustig verfasst, vieles berichtend, vor allem aber erzählend. So richtig einen Plot kann dieses Buch eigentlich nicht vorweisen, denn es sind die vielen Einzelgeschichten, Mythen, Tragödien die von einer erlebten Heimat erzählen wollen. Vielleicht ein moderner Heimatroman, der von einem Dorf erzählen will, dem das Verschwinden droht - jedoch mit seinen Geschichten dagegen hält?

Es sind Geschichten von Menschen und Tieren, vor allem einer Füchsin (Fähe), der hier eine gewisse Schlüsselrolle zugestanden wird. Durch sie verleiht der Autor der Natur eine Stimme. Es sind Geschichten die für sich stehen und doch miteinander schichtweise kreuz und quer unsichtbar miteinander verbunden sind. Sasa Stanisic hat sicherlich ein mutiges und experimentelles Buch geschrieben, dass ihm - wenn auch gewöhnungsbedürftig - sehr gut gelungen ist. Sein Geschreibe kann beizeiten dann eben doch so manches Schmunzeln beim Leser hervorzaubern, was sicher eine der bestechenden Qualitäten des prämierten Buches ist. Ja es sind Porträts von den dortigen Menschen, sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit, die aus einer liebevollen Haltung heraus geschildert werden. Wir lesen von einem Glöckner, einem Fährmann, von einem Kesselflicker oder einem Oberstleutnant, Figuren, wie wir sie heute gar nicht mehr finden. Manchmal haben diese Geschichten den Geschmack von Legenden, Stanisic versteht es Begebenheiten oder Geschehnisse die vielleicht dort vor 3- oder 400 Jahren stattfanden, kunstvoll mit der heutigen Gegenwart zu verknüpfen. Selbst ein eingefügtes handschriftlich korrigiertes Textstück über einen Kesselflicker hat seinen ganz eigenen Reiz, weil selbst durchgestrichene Textstellen zum Lesen einladen und verführen. Alles dreht sich hier um das angekündigte Annenfest, es geht um eine Nacht, der Nacht vor dem grossen Fest...Der Name "Anna" steht für verschiedene Frauenfiguren hier, doch das jener, die als Hexe verbrannt wurde, wird anfangs und am Ende erwähnt, fast als eine Art Schutzpatronin für jenes Fest um das diese Geschichte kreist. Eine unscheinbare Figur, über die ganze Zeit wie anwesend zu sein scheint - und doch das Schlusslicht darstellt, zumindest stellt Stanisic genau diese Figur bewusst an das Ende seiner Geschichte. Und vielleicht spielt es so gar keine Rolle, wo das Erzählte genau spielt oder ob es einen schlüssigen Plot vorzuweisen hat, hier geht es wirklich ums seine Umsetzung, also das WIE.

Stanisic lässt durch seine Geschichten ein Dorf neu auferstehen, als ob sie aus Sprache bestehen würde, wie ja die Preisjury in ihrem Text verlautbart. Eine Würdigung an ein Stück Heimat, das zu versinken droht und durch seine Erzählungen wie neu aufersteht. Vieles ist hier einfach klasse gemacht und raffiniert konzipiert, auch wenn ich anfangs einen Bogen um dieses Buch gemacht habe, ist es doch äusserst bestechlich lesenswert! "Vor dem Fest" berührt dadurch nicht nur ein Stück Geschichte und Heimat das zu verschwinden droht, sondern berührt eben dadurch auch das verinnerlichte Gefühl von Heimat, das wir alle in uns tragen. Auch den Verlust von Heimat ist etwas das wir alle kennen, mit Sicherheit ist das einer der Kernthemen dieses Buches. Der Autor wurde ursprünglich in Bosnien geboren und ist 1992 durch den Krieg ausgewandert. Ein Fremder der sozusagen über ein Stück deutsche Heimat schreibt und für den mit Sicherheit "Heimat" auch ein Thema sein dürfte. Stanisic war ursprünglich schon in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis- Lesen aufgefallen. 2006 hat der Autor bereits schon Wie der Soldat das Grammofon repariert: Roman veröffentlicht. Sein neuer Roman ist wie ein orchestriertes Werk, gebündelt aus vielen einzelnen Stimmen, das zu einem einzigen Refrain anstimmt: Einer Heimat eine Stimme zu geben- die davon begriffen ist, dem Vergessen anheim zu fallen. Das alleine schon hat eine beachtliche Anerkennung verdient und auch den Leipziger Buchpreis! Chapeau!

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Vor dem Fest: Roman
Vor dem Fest: Roman von Sasa Stanisic (Gebundene Ausgabe - 10. März 2014)
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