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55 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Poetisch-humorvolle Sicht auf ein Dorf
Humorvoll, poetisch und durchdrungen von einer tiefen Zuneigung zu den Figuren – so lässt sich wohl am besten der neue Roman – „Vor dem Fest“ heißt er - von Saša Stanišić beschreiben, eines 1978 geborenen Autoren, der erst im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem...
Vor 11 Monaten von Andreas Schröter veröffentlicht

versus
11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ohne Abgang
Der zweite Roman des aus Bosnien-Herzegowina stammenden jungen Autors Saša Stanišic rückt ein fiktives Dorf in der Uckermark ins Rampenlicht. Dessen Bewohner feiern, der Titel «Vor dem Fest» deutet es schon an, alljährlich das traditionelle Annenfest, ohne dass jemand sagen könnte, aus welchem konkreten Anlass es eigentlich begangen wird. Es mag...
Vor 4 Monaten von Borux veröffentlicht


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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ohne Abgang, 21. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der zweite Roman des aus Bosnien-Herzegowina stammenden jungen Autors Saša Stanišic rückt ein fiktives Dorf in der Uckermark ins Rampenlicht. Dessen Bewohner feiern, der Titel «Vor dem Fest» deutet es schon an, alljährlich das traditionelle Annenfest, ohne dass jemand sagen könnte, aus welchem konkreten Anlass es eigentlich begangen wird. Es mag an der Herkunft des Autors liegen, dass in seiner sich um ein trostloses Kaff im strukturschwachen Brandenburg rankenden Geschichte, wenig mehr als zwanzig Jahre nach der Wende, die politische Vergangenheit nicht im Blickpunkt steht. Er erzählt, anders als deutsche Autoren das zu tun pflegen, weitgehend losgelöst davon, und wie er das macht, mit welchen literarischen Mitteln und in welcher Fülle an originellen Einfällen, das ist wahrlich nicht alltäglich. Sein Augenmerk gilt den individuellen Befindlichkeiten der Einwohner dieses sich langsam entvölkernden Dorfes, die er am Beispiel seiner durchaus skurrilen Protagonisten aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, ergänzt um historische Ereignisse aus dem sorgsam behüteten Heimatarchiv der kleinen Gemeinde.

Der in fünf Teile gegliederte Roman wird dreisträngig erzählt, er behandelt in seinem Hauptstrang die vierundzwanzig Stunden vor und während des Annenfestes 2013. Erzählt wird aus einer kollektiven Wir-Perspektive, die das ganze Dorf einschließt, in der jeder Protagonist Teil des dorfgeschichtlichen Chores ist und zum Canon der Hoffnungslosen seinen individuellen Beitrag leistet. Da ist zum Beispiel der ehemalige Soldat, der sich als Rentner etwas hinzuverdienen muss und als Protestwähler zur den Neoliberalen tendiert. Oder der Briefträger, der wie selbstverständlich die Post der gesamten Dorfgemeinschaft mitliest, auch nach der Wende, und sich hingebungsvoll der Hühnerzucht verschrieben hat. Es gibt die neunzigjährige Malerin, die Szenen aus dem Dorfleben in Ölbildern festhält, als Beispiel sei das Bild «Der Neonazi schläft» genannt, er sei übrigens der einzige politisch Verwirrte im Dorf, erfahren wir. Oder die depressive Frau Schwermuth (sic), die ebenso argwöhnisch wie erfolgreich über das beachtenswerte Dorfarchiv wacht. Und der uralte Fährmann, in dessen Logbuch über die Jahrzehnte hinweg nur sieben Einträge von Passagieren verzeichnet sind, einer davon ist von Angela Merkel. Schließlich tauchen unvermutet zwei fremde junge Männer auf, die in Reimen sprechen, ein durchaus verblüffendes Stilmittel des kreativen Autors. Der im Übrigen den Leser durch seinen subtilen Humor und seine überbordende Erzähllust für sich einzunehmen versteht mit seinem unkonventionellen Roman.

Aufgebaut ist diese vielschichtige Erzählung wie ein Reigen aus vielen kurzen, zunächst voneinander unabhängigen Abschnitten, die erst allmählich innere Bezüge erkennen lassen und sich dann teilweise ergänzen. Parallel zum eigentlichen Erzählstrang wird von einer Fähe, deren Bild übrigens auch den Buchumschlag ziert, und ihrem rastlosen Bemühen erzählt, beim Hühnerzüchter Eier zu stehlen, und diese Tiergeschichte ist ebenfalls häppchenweise in viele kleine Abschnitte über den gesamten Text verteilt und lose mit der Geschichte der Menschen verwoben. Gleiches gilt für den historischen Strang, der aus diversen anekdotenhaft zitierten Auszügen aus der Dorfchronik besteht, ohne erkennbare Beziehungen zueinander und mit zum Teil drastischen Berichten, zurückreichend bis ins 16ten Jahrhundert, die das Geschehen stilecht in nicht immer einfach zu lesender, dem Altdeutschen nachempfundener Sprache anreichern. Verbindungen zur eigentlichen Handlung sind nicht auszumachen, es wird vielmehr ein historischer Hintergrund beleuchtet, der das aktuelle Geschehen eindrucksvoll relativiert, schlechte Zeiten gab es schon immer, soll so dem Leser wohl bedeutet werden.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch am Ende etwas irritiert aus der Hand gelegt habe. Aber manchmal stellen sich die Wirkungen eines Textes ja erst später ein, dem Abgang beim Wein vergleichbar, der den Genuss erst perfekt macht als letztes, wichtigstes Kriterium. Genau das fehlt hier aber, wie ich inzwischen weiß, allenfalls einige amüsante Wendungen sowie der flockige Schreibstil des Autors insgesamt bleiben haften, mehr nicht. Ist das Weltliteratur, wie der Klappentext uns suggeriert? Mitnichten, da bin ich mir sicher!
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von Füchsen und Menschen, 2. September 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Sasa Stanisic wurde 1978 in Visegrad geboren und kam mit 14 Jahren als Kriegsflüchtling nach Deutschland. Wie Alina Bronsky schreibt er in erfrischend originellem, allerdings oft unorthodoxem Deutsch und hat ja für “Vor dem Fest” auch den deutschen Literaturpreis in Leipzig bekommen.
Leider kommt dieser Roman bei weitem nicht an seinen Erstling “Wie der Soldat sein Grammophon reparierte” heran, auch wenn es schon beeindruckt, wie sehr Stanisic sich in seinem uckermärkischen Fürstenfelde einlebt und geradezu liebevoll die verschiedenen skurrilen Bewohner bei ihren Vorbereitungen für das Annenfest am nächsten Tag begleitet.
Er erzählt in der Wir-Form, als kollektive Stimme des Dorfes, wobei Geschichte und Gegenwart ineinander übergehen und dadurch ein Gesamtbild entstehen soll. Als klassisches “Dingsymbol”, wenn der Leseteufel das als gerade noch p. c. sagen darf, dient die Füchsin, die um das Dorf herumstreicht, um schließlich Mord und Totschlag zumindest an den Hühnern begehen zu können: “Die Natur erobert sich zurück, was ihr gehört. Würde man woanders sagen. Wir sagen das nicht. Weil es Unfug ist. Die Natur ist inkonsequent. Auf die Natur ist kein Verlass. Und auf was du dich nicht verlassen kannst, damit bau keine Redewendungen.” (S.11)
Bis etwa zur Mitte des Buches vertieft der Leseteufel sich geduldig in diesen kleinen beispielhaften menschlichen Kosmos, dann lässt das Interesse nach, denn vieles wiederholt sich bis in die Sprachbilder hinein. Und der naive Grundton wirkt nach einer Weile manieriert. Moritz v. Uslars “Deutschboden” mag nicht so emblematisch aufgeladen und artifiziell konstruiert sein, aber bewegt den Leser letztlich wegen seiner Ehrlichkeit doch mehr.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih., 8. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Roman spielt in den 24 Stunden vor und während des Annenfestes in Fürstenfelde, einem fiktiven Ort in der Uckermark. Der Ort erscheint als typischer Schauplatz ostdeutscher Nachwendewirklichkeit: die jungen Menschen verlassen das Dorf, die Alten sterben. So auch der Fährmann, der keinen Nachfolger hat. Der Glöckner bekam einen, doch ihm kommen die Glocken abhanden. Der ehemalige NVA-Mann Wilfried Schramm kann sich nicht zwischen schnellem Selbstmord mittels einer Pistole und dem langsamen durch Nikotin entscheiden. Anna läuft. Frau Kranz malt. Andere trinken und reden. Und dazwischen versucht eine Fähe, für ihren Nachwuchs Hühnern die Eier unbeschädigt zu entwenden.

Ein kollektiver „Wir“-Erzähler, der das Dorf, die Gegend, alle Figuren einschließt, berichtet von den Ereignissen rund um das Fest. Dabei verquickt er Alltagsgeschichten mit alten Erzählungen und Mythen. Stanišić beobachtet seine meist sympathischen Protagonisten empathisch; lässt sie leuchten; »vielleicht für niemanden, vielleicht für jemanden.«

Doch das Leuchten verblasst bald. Leider ermüdet und langweilt seine Erzählweise mit der Zeit. Man freut sich fast, dass endlich der Morgen des Annenfestes graut, auch wenn Stanišić immer wieder humorvoll lokale Gegebenheiten, Befindlichkeiten und Eigenheiten entlarvt und in wunderbar schräge Bilder passt. Die Sprache, in der er Ereignisse aus früheren Jahrhunderten beschreibt, wirkt etwas unpassend. Die Vielschichtigkeit der Personen rotiert in den ausschweifenden Wiederholungen, die unterschiedlichen Perspektiven liefern Bilder, die nicht immer passen. Oder ist das nur die banale Realität?
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Schön, aber, 24. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein Preis gekrönter Roman - verdient, wie ich finde. Aber... Für mich ist das Buch ein typischer 'Ja-aber-Roman'. Man kann ihn gut finden, aber es bleibt ein Vorbehalt.
Bis ungefähr zur Hälfte habe ich ihn mit großem Vergnügen gelesen: besonders Stil und Sprache (an der andere Rezensenten viel auszusetzen haben) sind originell und gekonnt. Gerne ließ ich mich auf die skurrilen Gestalten und Geschichten rund um das Dorf in der Uckermark ein. Vieles erinnert (manches nur von sehr weitem) an große Vorbilder: Kleist, Fontane (wie andere feststellten), aber auch Grass klingt durch. Schön die historischen Einsprengsel - moderne Interpunktion im Dienste der Lesbarkeit stört mich da nicht. Schön auch das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realem und Irrealem.
Doch nun das Aber. Als die Hälfte überschritten war, ließ die Spannung nach, und ich hatte den Eindruck, dass die Geschichten begannen, sich im Kreis zu drehen. Nichts kam so recht vorwärts. Was hat sich am Ende verändert? Zu Beginn tauchen interessante Figuren auf, über die man gerne mehr erfahren hätte - was wird aus ihnen? Entweder werden sie gar nicht mehr erwähnt oder nur knapp. Und überhaupt: mir fehlt die Geschichte. Zwar werden viele, viele kleine Geschichten erzählt -mosaikartig setzt sich das Bild vom Dorf zusammen -, aber wo bleibt die 'große Geschichte'?
Nun mag man der Auffassung sein, dass es auf die Geschichte bei einem Roman nicht ankomme - eine Auffassung, die ich nicht teile. Und ich bleibe dabei: ein schöner Roman, aber ... etwas fehlt.
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55 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Poetisch-humorvolle Sicht auf ein Dorf, 10. März 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Humorvoll, poetisch und durchdrungen von einer tiefen Zuneigung zu den Figuren – so lässt sich wohl am besten der neue Roman – „Vor dem Fest“ heißt er - von Saša Stanišić beschreiben, eines 1978 geborenen Autoren, der erst im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland floh. Umso erstaunlicher ist es, welch souveräne Gewandtheit Stanišić in einer Sprache entwickelt hat, die nicht seine Muttersprache ist.

Der Autor, der 2006 mit seinem Erstling „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ für Furore sorgte, widmet sich nun den teils schrulligen Bewohnern, ihren Bräuchen, Traditionen und Legenden aus dem Dörfchen Fürstenfelde in der Uckermark. Da gibt es, um nur einige wenige zu nennen, die 90-jährige Frau Kranz, die alles und jedes aus ihrer Heimat gemalt hat und immer noch malt, den lebensmüden ehemaligen NVA-Soldaten Herrn Schramm, die Heimatkundlerin Frau Schwermuth, die jedes noch so kleine Detail aus der Heimatgeschichte ihres Ortes kennt, oder den alten Glöckner, der die Glocken nicht mehr läuten will. Sie alle hat der Leser nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen.

Star des Buches ist aber die zauberhaft leichte und oft überraschende Sprache, die alles mit einer liebevollen Glasur überzieht, deren Reiz man sich kaum entziehen kann und will. Dazu passt, dass Stanišić immer wieder Fürstenfelder Begebenheiten, Sagen und Geschichten aus dem 16. Jahrhundert in der Originalsprache und –Schreibweise von damals einstreut. So wirkt das gesamte Geschehen leicht entrückt, und dem Autor gelingt es auf diese Weise, die Alltäglichkeit eines Dorfes mittels Sprache in eine andere Sphäre zu transportieren.

Kehrseite der Medaille: „Vor dem Fest“ ist kein Buch, das man mal eben im Schnelldurchlauf konsumieren kann. Man muss sich schon ein wenig konzentrieren, um alle Schattierungen dieses berstend vollen Werkes zu erfassen – auch weil Stanišić nicht einer linearen Handlung folgt, sondern immer wieder von einer Figur zur nächsten springt. Trotzdem insgesamt ein richtig schönes Buch.
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12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschichten werden lebendig, 22. März 2014
Von 
Villette - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Kindle Edition)
Ein Dorf in der Uckermark ist im Begriff, das jährliche Annenfest zu feiern. Warum weiß eigentlich keiner mehr so recht. Da ist es gut, dass in der Nacht vor dem Fest viele Geschichten über das Dorf wieder ans Licht kommen und jedenfalls dem Leser etwas Einsicht in das gelebte und lebendige Leben des Dorfes schenken. Aber Vorsicht! So mancher Mythos ist dabei, der eher der Vorstellungskraft der Menschen, allen voran der Stadtarchivarin Frau Schwermuth, entsprungen ist. Sicher sein kann man sich also nie. Irgendwie haben die Geschichten ein Eigenleben bekommen, so wie das Dorf selbst schon eine Art Persönlichkeit geworden ist, das sich zwischendurch immer mal wieder meldet und das Geschehen kommentiert. Auf diese Weise trifft man viele interessante, natürlich stets skurrile Figuren, die im Dorf leben und dem Leser ihre Geschichte offenbaren. Ich nenne nur den Glöcknerlehrling Johann, die verschrobene alte Malerin Frau Kranz, den lebensmüden Herrn Schramm, Poppo von Blankenburg, um dessen Tod sich so mancher Mythos rankt, u.s.w. Schnell gewinnt man die Figuren lieb und möchte mehr über sie erfahren. Das ist aber gar nicht so einfach. Denn diese Geschichte ist keinesfalls chronologisch erzählt, sondern springt von einem Fragment zum nächsten. Stilistisch ist das Buch also eine kleine Herausforderung. Sehr experimentell geht es zu, auch in der Sprache, manchmal etwas zu experimentell für meinen Geschmack. Man muss sich schon Zeit nehmen für dieses Buch. Dann lohnt sich die Lektüre aber sehr. Vor allem wird man mit sehr viel intelligentem Humor und fast genialen Ideen belohnt. Dass Autor Saša Stanišić dafür den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, ist mehr als berechtigt und freut mich sehr.
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Meisterhaft, 28. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich kann mich der allgemeinen Begeisterung nur anschließen. Die stilistische Meisterschaft des Autors wird schon auf der ersten Seite deutlich.
Es wird eine Landschaft mit staunenswerter Anmut beschrieben. "Um den See kannst du theoretisch zu Fuß, immer am Ufer entlang." Das ist wirklich von zauberhafter Leichtigkeit. Mir gefällt besonders das Wort 'theoretisch' und der kluge Verzicht auf ein Verb wie laufen. "Zu Fuß können" damit ist alles gesagt. Es geht wunderschön weiter: "Allerdings haben wir den Pfad vernachlässigt. Der Boden ist sumpfig und die Stege morsch und unglücklich, das Gebüsch hat sich ausgebreitet, brusthoch steht es dem Pfad im Weg." Man will natürlich gerne wissen, was mit den morschen unglücklichen Stegen weiter passiert. Ob sie jemand repariert? Das könnte spannend werden. Das Gebüsch, das dem Pfad (aufgepasst!) im Weg (!) steht, ist so herrlich witzig, dass ich beim Lesen ausrufen musste "Donnerwetter, ist das witzig!"

Aber es wird noch besser:
"Die Natur erobert sich zurück, was ihr gehört. Würde man woanders sagen. Wir sagen das nicht. Weil es Unfug ist." Brilliant, wie das Klischee abgewehrt wird. Der Roman stellt klar, wie die Natur in Wahrheit ist: "Die Natur ist inkonsequent. Auf die Natur ist kein Verlass." Nicht wahr? Mal regnet es, mal scheint die Sonne und die Gebüsche stehen plötzlich brusthoch im Weg herum. Ich finde das auch inkonsequent. Der Absatz wird nun kunstvoll abgerundet: "Und auf was du dich nicht verlassen kannst, damit bau keine Redewendungen." Potztausend!, so gewitzt war schon lange niemand mehr.

Danke Herr Kämmerlings von der Welt, danke Herr Platthaus von der Faz für Ihr sachkundiges Urteil. Stanisic sollte den Büchnerpreis bekommen.
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32 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Nacht trägt heute drei Livreen: Was War, Was Ist, Was Wird Geschehen.", 18. März 2014
Von 
MyandMar - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Der Fährmann hat einmal erzählt, es gebe im Dorf jemanden, der mehr Erinnerungen von anderen Leuten besitze als Erinnerungen, die seine eigenen sind.", heißt es im frisch prämierten "Heimat"-Roman von Saša Stanišić. Erinnerungen als Zeitweiser. Denn was wir heute Heimat nennen, finden wir nicht in der Zukunft und auch nicht in der Gegenwart. Heimat kommt aus unserer Vergangenheit und entfaltet an der Schnittstelle zwischen Gestern und Morgen, dem Heute, seine Wirkung, um hernach aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen wiederum die Zukunft zu prägen. Um jene zu gestalten, bedarf es jedoch dem Wissen um das "Alte". Dazu legen wir Archive an, malen Bilder oder erzählen Geschichten: Zeitzeugen im Fluss der Erinnerung.

Der in Bosnien geborene Autor, der 1992 mit seiner Familie im deutschen Exil Zuflucht suchte, hat sich diesem Bewahren von Erinnerungen und dem Heimatgefühl angenommen. An einem einzigen Tag, genauer gesagt ist es eine Nacht, verbindet der Autor Gegenwart und Vergangenheit, vermischt Gestern mit Heute und formt daraus ein Morgen. Anhand eines fiktiven Dorfes in der Uckermark spult er auf 320 Seiten rund 500 Jahre Zeitgeschichte im Zeitraffer ab. Gegenständen wird Leben eingehaucht, das Leben mitunter vom Tod heimgesucht. Aus Altem wird Neues und Neues erscheint alt. Seinen fiktiven Handlungsort setzt er in die Uckermark: "Füstenfelde. Einwohnerzahl: ungerade. (...) Es gehen mehr Menschen tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden zu von keinem Plan. Oder vom Plan, wegzugehen." Dort wird der Leser Zeuge von den Vorbereitungen zu einem alljährlich stattfindenden Fest. "Das Dorf putzt die Schaufenster. Das Dorf poliert die Felgen. Das Dorf duscht. Die Fischerei geht auf den Hecht, die Bäckerei geizt nicht mit der Marmeladenfüllung. Mancher Haushalt wird sich wappnen mit einer doppelten Dosis Insulin (...) Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen."

Stanišić changiert dabei zwischen der Rolle des kühlen Beobachters und der eines in Bildern versunkenen Kindes. Zusammen ergibt das einen abgründigen Realismus, Kunst als Fragment - auch da, wo erzählt wird. Denn sein Text setzt sich aus verschiedensten kurzen Erzählungen zusammen. Manchmal steht gar nur ein Satz auf einer Seite. Geschichten, die für sich zu stehen scheinen, aber dennoch ein dichtes Netz ergeben und fest miteinander verwoben sind. Hinzu gesellt sich ein Geflecht unterschiedlichster Personen und Dorfbewohner. Da begegnet uns Herr Schramm, "ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz bei 'Von Blankenburg Landmaschinen'", der Glöcknerlehrling Johann und seine Mutter, die Leiterin der Heimatstube. Die Jugend in Gestalt von Lada, dem stummen Suzi und Meerrettich-Micha hat ebenso ihren Auftritt wie Dietmar Dietz, genannt Dietzsche, Briefträger vor der Wende, heute Rassehuhnzüchter, Frau Reiff mit ihrer Keramik-Werkstatt, die kranke Anna, Namensvetterin des zu feiernden Festes oder der Adidas-Mann, der leise, suspekte Fremde, wahrscheinlich Ausländer. Als verbindendes Glied fungiert Frau Kranz, die neunzigjährige Malerin, die als zentrale Figur vom Autor komponiert wurde und deren Bildsprache Stanišić in Worte umsetzt, in literarische Farbkompositionen. Ihr an die Seite wird der weise Fährmann gesetzt. Doch der ist tot, wie man bereits auf der ersten Seite erfährt. Dennoch spukt dessen Seele und die vieler anderer durch die Seiten. Geisterhafte Erzähler, die in der Uns-Form einen scheinbar unbeteiligten Blick auf das Geschehen des Dorfes werfen. "Lassen wir die Träumenden in Frieden. Vertreiben wir uns die Zeit mit den Ruhelosen: Mit unseren Seelen, sie schlafen ohnehin nie."

Auf unglaublich intensive Art und Weise versteht es Saša Stanišić, mit zum Teil minimalistischen Reduzierungen, eine ausufernde und breite Vielfältigkeit zu erzeugen. Manches ist erschreckend wahr, anderes grotesk verzerrt. Sprachgewaltig und -vielfältig sowie in Ton und Duktus an die Eigenheiten seiner jeweiligen Protagonisten angepasst, bewegt sich der Autor souverän zwischen den Zeiten, schreibt sogar in altdeutscher Ausdrucksform. Manchmal wird fast stakkatoartig, dann wieder ausufernd opulent erzählt. Ein inhaltsschwerer, mehrdeutiger und sich selbst ständig hinterfragender Text, in den man vielleicht nicht gleich hineingleitet, der 30...40 Seiten benötigt, um sich zu entfalten. Doch spätestens dann umfängt er einen und zieht unweigerlich in seinen Bann. Trotzdem fordert er eine ständige ungeteilte Aufmerksamkeit. Man muss sich fallen lassen beim Lesen, eintauchen, um den Sound unterschiedlichster Töne und Variationen, diese Gedankenmäander, wahr- und aufzunehmen, sie zu verarbeiten. "Komm, wir nehmen dich mit. Zu deiner Namensvetterin, zu den Menschen, zum Tier. Zur Fähe, zu Schramm. In den Lebenshunger, in die Lebensmüdigkeit.", rufen die unruhigen Seelen und eröffnen ein Kaleidoskop aus bunten Scherben, das geschüttelt, neue, noch faszinierendere Farbnuancen in anderer Anordnung offenbart. Ein Roman, der vergangene Aromen ausströmt und sie zu einer neuen Duftkombination zusammensetzt. Geschichten, die lange unter dem Deckel drängten und nun nach draußen gelassen werden. "Eine Haut aus Geschichten ist das, die uns wächst."

Fazit: Saša Stanišić stapelt Geschichten übereinander, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit trotzdem als gemeinsames Ganzes erweisen. Genau wie eine Trockenmauer aus Feldsteinen, so erweist sich auch sein Roman als solide Umwehrung einer kleinen Ortschaft, die trotzdem Bestandteil des großen Weltgeschehens ist. Der Autor erzählt in einer Nacht die Geschichte eines Ortes und seiner Einwohner, magisch, fast märchenhaft. Es geht um Tod, um Angst, um Nostalgie, Gegenwart, verlorene Träume, um Worte und Sätze. Es geht um den Begriff Heimat. Stanišić webt ein Sprachgespinst aus unterschiedlichsten Fäden, das durch seine Fülle und Farbigkeit fasziniert. "Es sind so Augenblicke..." oder: "Ein Gemälde des Zeitvergehens (...) So eine Nacht ist das."
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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mal was anderes, 2. Mai 2014
Von 
Tobias Nazemi - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich weiß nicht, warum ich dieses Buch so mag. Es ist keine leichte Kost. Es ist nicht spannend, nicht dramatisch, besonders emotional oder witzig geschrieben. Die Geschichte wechselt ständig von Jetzt auf Gestern. Dann wieder zu Vorgestern und zurück. Die Charaktere werden nur kurz vorgestellt, einige begleiten einen durchs Buch, andere haben nur einen Auftritt. Verschiedene Handlungsstränge und Rückblicke im zeitgenössischen Sprachstil - alles was normalerweise gar nicht geht, wenn man mehr als nur eine Handvoll Leser erreichen will.

Doch bei diesem Roman funktioniert es. „Vor dem Fest“ ist kein anstrengender Avantgarderoman, sondern ganz hervorragende Unterhaltung, neue deutsche Literatur mal anders. Kein Literaturexperiment und wenn doch, dann ein geglücktes. Da hat ein Autor nicht sich selbst wiedergegeben, sondern sich hineinversetzt. In ein Dorf, eine für die meisten Leser unbekannte Region, unspannend, unspektakulär und doch liebens- und lebenswert. Der Protagonist ist die Uckermark, das Dorf Fürstenfelde. Das klingt langweilig, nach trockener Geschichtsschreibung und man fragt sich, wer will das lesen?

Scheinbar viele - dem Erfolg dieses Romans nach zu urteilen. Ich verstehe auch warum. Denn man schwebt beim Lesen nur so durch die Seiten. Alles ist perfekt konstruiert, fügt sich harmonisch zu einem Bild zusammen. Und auch Passagen, die einen vielleicht nichts sagen, nerven oder auch langweilen, sind nie sehr lang und werden schnell von amüsanten, kurzweiligen Episoden abgelöst. So ist man schnell durch mit diesem Buch, stellt es zufrieden ins Regal und sagt sich: „Das war mal was anderes“.
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24 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nicht einfach, aber lesenswert, wie auch das Leben halt!, 11. März 2014
Von 
Christian Döring "leseratte" - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Vor dem Fest: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch hat etwas, aber so richtig warm geworden bin ich mit ihm nicht!
An den Sätzen des jungen Poeten ist leicht zu merken, dass er sich auskennt, im Leben und auch dem Lebensgefühl der Uckermark. Da ist eine Friedenssehnsucht, auch wenn die Welt im kleinen wie im großen nicht friedvoll ist.
Manchmal denke ich auf den ersten Blick: Ist der Satz wirklich vollständig? Dann fehlt ein Verb, ich lese den Satz und merke, ich weiß dennoch was Sasa Stanisic erzählt.
Was mir nicht so sehr gefallen hat: "Vor dem Fest" ist für mich kein durchgehender Roman, eher 4 - 6 Seiten lange Texte. Sie ergeben zwar ein Gesamtbild, aber alle sechs Seiten wieder neu in die Geschichte einzusteigen ist anstrengend und birgt wohl auch die Gefahr des vorzeitigen Ausstiegs.
Die unwirkliche, vielleicht märchenhafte Handlung ist äußerst symbolträchtig. Ins "Haus der Heimat" wurde eingebrochen und einige Sachen sind entfleucht. Es beginnt eine Story um Finden, Suchen und Hinüberretten in die Gegenwart.
Nicht einfach, aber lesenswert, wie auch das Leben halt!
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Vor dem Fest: Roman
Vor dem Fest: Roman von Sasa Stanisic (Gebundene Ausgabe - 10. März 2014)
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