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5.0 von 5 Sternen Fado Alexandrino - Nacht ohne Ende, 24. August 2005
Rezension bezieht sich auf: Fado Alexandrino: Roman (Taschenbuch)
António Lobo Antunes ist zweifellos ein Schwergewicht in der Klasse der Weltliteraten und schwergewichtig sind im wahrsten Sinne auch seine Bücher. Der 800 Seiten starke Roman „Fado Alexandrino" von 1983 bringt gut zwei Kilo auf die Waage. Als Reiselektüre durch Portugal ist er daher nur bedingt zu empfehlen, es sei denn, man ist bereit für diesen Klotz unbehauener Literatur ein paar andere Utensilien zu Hause zu lassen. Wie und wo auch immer man sich diesem Werk jedoch nähert, um eine weite Reise handelt es sich allemal. Es ist eine Reise in die Seele des portugiesischen Volkes. Der Leser begibt sich auf den Weg in eine entblößte Welt voller Obsessionen, Wünsche, Phantasmen, Liebe und Hass. Mitunter gewinnt man den Eindruck, es ist eine Reise geradewegs in die Vorhölle des revolutionären Portugals. In einem breit angelegten Triptychon entfaltet Antunes ein Gesellschaftspanorama zum Zeitpunkt vor, während und nach der Revolution.
In einer einzigen Nacht werden die gebrochenen Lebensläufe der vier Hauptcharaktere dargestellt. Die ehemaligen Kameraden, ein einfacher Soldat, ein Funkoffizier, ein Leutnant und ein Oberstleutnant treffen sich 10 Jahre nach der Revolution von 1974, in der das Militär erfolgreich gegen die Diktatur Salazars putschte, mit ihrem Hauptmann in einer Bar, um sich der alten Zeiten zu erinnern und sich langsam, aber konsequent zu betrinken. Je weiter die Nacht voranschreitet, desto entfesselter gerät die Erzählung, je höher der Alkoholspiegel steigt, desto entgrenzter agieren die Figuren bis endlich am frühen Morgen der Erzählfluss in einer Gosse abbricht.
Es ist bei weitem nicht nur die Begrenzung der Erzählzeit auf eine einzige Nacht, die an James Joyce Ulysses erinnert. Es sind vor allem die Methode des assoziativen Erzählens und das überbordende Verknüpfen von Leitmotiven. Antunes hat dabei die Komplexität der Erzählhaltung gegenüber Joyce noch erweitert, handelt es sich doch bei ihm um vier Charaktere, in deren Bewusstseinsstrom der Leser eintaucht und bis zur Orientierungslosigkeit versinkt. Doch bevor der Leser an der anschwellenden Sinnlosigkeit frustriert und das Buch zur Seite legt, beginnen die Dissonanzen plötzlich zu klingen und über die nächsten 750 Seiten orchestriert Antunes die verschiedenen Stimmen in seinem Buch zu einer großen traurigen Symphonie über die Revolution und das vergehende Leben.
Es ist eine Geschichte von Ernüchterung und Gewalt. Allesamt sind es Verlierer, von denen Antunes hier erzählt. Kriegstraumata, seelische und körperliche Verletzungen aus den Gefängnissen der Geheimpolizei, Minderwertigkeitskomplexe, Wolllust und schiere Bosheit bestimmen die Themen dieser vier Antihelden. In dieser erzählten Nacht lässt sich nirgends ein Lichtstreifen am Horizont erkennen. Es ist die schwärzeste Nacht, die je in der Literatur erzählt worden ist.
Je tiefer man dabei in diese Nacht eintaucht, desto virtuoser verknotet Antunes die Erzählstränge, desto dichter knüpft er den Teppich, in den die Schicksale der vier Veteranen eingewebt sind, bis er ihn in eine Art simultane Erzählung aller Figuren einmünden lässt, in der die dramaturgischen Einheiten Ort, Zeit und Handlung nicht nur innerhalb eines Kapitels oder eines Abschnitts, sondern selbst innerhalb der Sätze springen. Dennoch gelingt es dem Autor, den Leser nicht aus dem Blick zu verlieren und vor dem staunenden Auge des Lesers entfaltet sich ein gesellschaftliches Panorama, an dem er selber teilzuhaben scheint, denn es ist das Bewusstsein des Lesers, das die Verknüpfung all dieser fragmentarisierten Erzählschnipsel gewährleistet und sie zu einem umspannenden Epos formt.
Antunes erzählt die Geschichte der portugiesischen Revolution als eine universale Geschichte jeder Revolution. Es ist die Geschichte des prärevolutionären Terrors, der Euphorie und der überspannten Erwartungen sowie des postrevolutionären Terrors und er erzählt sie bis ins Detail.
Am Ende des Romans ist der Oberstleutnant nicht mehr am Leben. Er wurde im Laufe der Nacht von seinen Kumpanen erstochen, liegengelassen und vergessen. Die Überraschung hierüber weicht der Überzeugung, dass dieser Roman nur mit einem Toten hat enden können. Angesichts der Welt, die hier dargestellt wird, und der Sprache, in der das geschieht, erscheint dies geradezu als ein zwingendes kompositorisches Gesetz.
Antunes Sprache ist eine Sprache, die aus dem Vollen schöpft. Ihr Metaphernreichtum, ihre Fabulierlust, ihre obszöne Deutlichkeit entwickelt eine wahrhaftige Sogwirkung. Es ist ein mäandernder Sprachstrom, der auf seinem Weg alles, was sich ihm in den Weg stellt erfasst und mit sich schleppt und seine Figuren am Ende unter sich begräbt.
Thomas Reuter
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Fado Alexandrino
Fado Alexandrino von Antonio Lobo Antunes (Gebundene Ausgabe - 20. März 2002)
EUR 29,50
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