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42 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gelungen!, 19. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Um es gleich zu sagen: Das Buch ist besser als sein Titel. Der ist eine kalauernde Wortspielerei. Von der Sorte finden sich zwar noch einige im Buch - etwa wenn der Autor über seinen Nazi-Großvater schreibt, dass er sich gefallen lassen müsse, wenn nun Geschichte über ihn geschrieben werde, wo er doch so gerne selbst Geschichte geschrieben hätte. Oder wenn er angesichts der räumlichen Enge in seiner Berliner WG über mangelnden 'Lebensraum im Osten' witzelt. Aber solche Entgleisungen sind angesichts der Stärken dieses Buches in meinen Augen verzeihlich.

Per Leo kann schreiben, mehr: er kann erzählen. Und er hat etwas zu sagen. Das macht das Buch zu einer wirklich anregenden Lektüre.

Leo erzählt die Geschichte seiner Familie. Im Mittelpunkt stehen dabei sein Großvater, ein überzeugter Nazi, und dessen Bruder Martin, der sich der Naturwissenschaft zuwendet, dabei aber geistig und religiös offen bleibt. Die besondere Stärke von Leos Erzählung liegt darin, dass er über die Rekonstruktion der Biographien hinaus diese Lebensgeschichten auch in die geistesgeschichtlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts einordnet. Beide Lebenswege erscheinen so als Variationen des gleichen Themas, nämlich der Ur-Frage nach dem Verhältnis des Einzelnen zur Welt. Hier kann Per Leo aus den umfangreichen Recherchen für seine Dissertation über Ludwig Klages schöpfen, ohne dass der Text dadurch hölzern oder akademisch würde.

Etwas irritierend erscheint, dass die Personen aus der Elterngeneration des Autors (wahrscheinlich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes) meist nur mit Chiffren wie 'W38' oder 'M41' bezeichnet werden, ohne dass dies erläutert würde.

Die Bezeichnung 'Roman' für das Buch erschließt sich mir nicht. Meines Erachtens ist das Buch ein biographisch-historischer Essay, eine Tiefenbohrung in die Geschichte einer Familie und die geistesgeschichtliche Entwicklung in Deutschland im 20. Jahrhundert. Das haben auch andere Autoren geleistet, mir fällt etwa Stephan Wackwitz mit seinem exzellenten Buch 'Ein unsichtbares Land' ein. Per Leo braucht diesen Vergleich nicht zu scheuen.

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18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Selbstportrait der alten Bundesrepublik, 12. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Der Text nennt sich Roman, ist aber eher ein autobiografischer Essay: Der Autor nennt sich selbst einen „Nazienkel“. Er hat die ererbte Bürde angenommen, ist Historiker geworden, hat die Biografie seines Großvaters genau recherchiert und auch eine Dissertation zu dessen geistigem Umkreis geschrieben. Nun merkt er, dass auch das ihn nicht von der Last der Schuld befreit, er versucht es jetzt mit einer größer angelegten Analyse seiner Familie. Angeregt wird er dazu von seinem Vater (dem Nazisohn). Man hat den Eindruck, der Vater will den abtrünnigen Sohn und Nazijäger damit wieder in die Familie zurückholen, indem er die Fährte auf den unbelasteten Onkel (den Bruder des Nazis) legt.
Was der Autor, Per Leo, aus der aufgenommenen Fährte macht, ist ein Familienportrait, das, so finde ich, exemplarisch für das Geschichtsbild Bundesrepublik stehen kann.
Sein Großvater ist der missratene Sohn eines Gymnasiallehrers, dessen Familie ganz buddenbrooksch unter der Last vergangenen Unternehmerruhms und –reichtums leidet. Er findet Halt im rechten Milieu, engagiert sich in der bündischen Jugend, lernt Forstwirtschaft, träumt davon, Siedler zu werden. Die Diktatur eröffnet ihm dann eine Karriere, mit der er eine Familie gründen kann: Als Parteibonze im „Rasse- und Siedlungsamt“ der SS ist er für die Einbürgerung nach rassischen Kriterien zuständig, eine Position, die man sich anrüchiger kaum vorstellen kann. Nach dem Krieg dann deklassiertes Weiterleben, erst auf dem Dorf, später (noch demütigender) in der Villa der Vorfahren.
Und was macht nun Per Leo, der Enkel, aus dieser Geschichte? Zunächst sucht er nach den Wurzeln der großväterlichen Ideologie und findet sie im Irrationalismus der Jahre um 1900 – dessen Innovationsfreude er entsprechend als „Dornröschenschlaf“ missversteht (S. 106). Wie sein Vater, der Ingenieur, sein Großonkel, der Chemiker geworden ist, gilt ihm der Materialismus als Schutz vor amoralischen Versuchungen.
Entsprechend baut er seinen Großonkel als Gegenbild zum Großvater auf: einen anständigen Menschen, der aufgrund einer Krankheit von den Nazis sterilisiert wurde, der sich in den dunklen Jahren und auch danach in Pedanterie und Technikbegeisterung zurückzog.
Dann versucht der Autor, die Schuld des Großvaters aufzulösen, indem er sie anhand der Akten erklärt. Das funktioniert natürlich nicht. Von einer Schuld, die der Täter selbst nicht eingestanden hat, kann ein Nachfahre sich schwer und auf rationale Weise schon gar nicht lösen. Denn worin das Verbrecherische bestand, das lässt sich so zwar erschließen, nacherlebbar wird es nicht: Die Opfer, die Tatorte bekommen kein Gesicht, nur immer wieder der Täter und seine Lügen selbst. Ebenso, wie außen vor bleibt, was seine Frau eigentlich so lange macht, wo und wie sie lebt, wie seine Kinder aufwachsen.
Irgendwie fehlt da die Bodenhaftung. Wenn der Großvater 1945 in amerikanischer Gefangenschaft und gemeinsam mit anderen SS-Gefangenen ein Pamphlet verfasst, das seinen Kindern als moralischer Ratgeber dienen soll, dann hat es wenig Sinn, diesen Text brav ideologiekritisch zu analysieren, wie Per Leo es tut. Denn natürlich kann man da nicht viel mehr rauskriegen, als dass die Verfasser wohl „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ hatten, wenn sie z. B. forderten: „Erkenne, daß das größte Unheil [...] durch Schwatzhaftigkeit weniger Wissender entstand.“ (S. 267) Denn natürlich ist das alltagspraktisch zu verstehen: „Verpetzt mich nicht bei den Allliierten!“
Dieses Theoretisieren ist, finde ich, das typische Geschichtsverhalten der alten Bundesrepublik: Der Blick auf die Täter wie das Kaninchen auf die Schlange. Akteneinsicht statt persönliches Annehmen der Schuld. Das Verschieben der Schuld auf die Neuromantik der Jahrhundertwende. Der sehnsüchtige Blick auf die Unternehmer und dass Armut der Bevölkerungsmehrheit ausschließlich als demütigend wahrgenommen wird. Und natürlich die Vernachlässigung der weiblichen Sphäre.
Ganz typisch, wie Leo diese Schieflage ausgleicht: wieder durch Lob des Großonkels. Der hat (als Chemiker in Bitterfeld) in der DDR gelebt und sich anthroposophisch betätigt. Ist das nicht auch wieder ganz typisch westdeutsch: Alles Gefühlige verdammen – aber dann als Ventil ausgerechnet die Anthroposophen akzeptieren und natürlich die nette Familie im Osten?
Tja, und jetzt, was ich so toll finde an Per Leos Buch: Der Autor weiß das alles, was ich hier aufführe, an den schönsten Stellen lässt er dieses Wissen ironisch aufblitzen, etwa wenn er ein Kapitel „The making of a Nazienkel“ betitelt. Und ganz deutlich im großartigen letzten Kapitel des Buches, in dem der Analysierer Per Leo sich wieder zurück in den Menschen Per Leo verwandelt: der – wie sein Großvater – eigentlich keinen bürgerlichen Beruf hat, der wie sein Großvater vieles nicht weiß und eine sehr subjektive Weltsicht an den Tag legt, der aber – anders als sein Großvater – diese Beschränktheit einsieht und versucht, sein Kind so gut wie möglich großzuziehen. Denn darum geht es letztendlich: sich nicht über andere zu erheben.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kein Roman, trotzdem interessant, 13. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Das Wichtigste soll gleich zuerst genannt werden, um falschen Erwartungen vorzubeugen: Auch, wenn der Untertitel Anderes erwarten lässt: Dies ist KEIN Roman. Es gibt keinen Protagonisten, keine Dramaturgie, keinen Spannungsbogen, ja, nicht einmal wirklich eine Handlung im klassischen Sinne. Wer Unterhaltungslektüre erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Als "Roman" erhielte das Buch allenfalls drei Sterne. Wer es hingegen als persönlich gefärbtes Sachbuch, als Selbsterfahrungsbericht liest, wird einiges Lernen können: über die Geschichte der Familie des Autors, die jüngere deutsche Geschichte - nicht Daten und Fakten, sondern, was sie mit den Menschen machte und wie "einfache" Menschen sie mitgestalteten, über die Geschichte Vegesacks und Bremens.

Dieses Buch ist die autobiografische Familiengeschichte des Autors. Hauptthema des Buches ist die kritische Auseinandersetzung des Autors mit seinem SS-Großvater sowie der Vergleich dieses Mannes mit dessen ältestem Bruder, einem feinsinnigen Beobachter, mit dem der Autor seinen Großvater kontrastiert. Interessant ist das Buch daher auch aus "systemischer" Sicht: Welche Eigenheiten, Familienmythen und Traditionen wurden über die Generationen hinweg weitergegeben und wie? Wie entwickelten sich unterschiedliche Mitglieder ein und derselben Familie?

Sprachlich liest sich das Buch sehr gut. Die beschriebenen Personen und Orte werden anschaulich und farbenreich gezeichnet. Ab und an gibt es Längen, wenn der Autor einzelne Themenbereiche allzu lang aus seiner persönlichen Philosophie heraus betrachtet oder historische Abhandlungen zum Besten gibt.

Alles in Allem für Interessierte an der jüngeren deutschen Geschichte oder an Familienschicksalen sehr lesenswert, aber eben keine leicht weglesbare Unterhaltungslektüre.
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5.0 von 5 Sternen Bildungsroman at its best, 16. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
leicht im Ton und gleichzeitig in die Tiefe gehend - welche Linien setzen sich fort, welchen Ursprung haben kleine Absonderlichkeiten der älteren Generation, die gleichzeitig für die um 1970 geborene Generation Kindheitserinnerungen sind, wie kann man die Menschen, die um 1920 geboren sind und die man nur in der Großelternrolle erlebt hat, in ihrer ganzen Biographie erfahren, für die sowohl die Entwicklung 1933ff., als auch der "Zusammenbruch" 1945 (bzw. die Befreiung) einschneidende Erlebnisse waren? Dass hier eine Familie beschrieben ist, in der sich zwei Brüder nicht nur in Täter- und Opferrolle auseinanderlebten (und doch immer zusammen gehörten), sondern auch nach dem Kriege die Teilung Deutschlands in West- und Ostgesellschaft exemplarisch durchlebten, ohne dass dies künstlich und aufgesetzt wirkt, sondern eine logische Folge ihrer jeweiligen Entwicklung ist, ist faszinierend und zauberhaft geschrieben - zumal immer wieder der gemeinsame, "bildungsbürgerliche" Hintergrund anklingt, der Hang zum "hohen Ton", ein gewisser Anspruch auf geistige Elite, auch wenn die Wirklichkeit insbesondere die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation dem sehr entgegensteht. Wer so etwas oder ähnliches in der eigenen Familie kennt oder erlebt hat, fühlt sich in dem Buch sofort zuhause.
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20 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "The Making of a Nazienkel", 24. Februar 2014
Von 
Michael Daum (Nürnberg, Bayern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Da ich selbst der Enkelgeneration angehöre, hat mich das Buch aufgrund der positiven Bewertung auf spiegel-online sehr interessiert. Ich bin jetzt zur Hälfte durch und muss sagen: Klasse Buch!
Verbrechen werden nicht geschönt, aber die Personen auch nicht dämonisiert, eine Sichtweise, mit der ich persönlich viel anfangen kann.
Zwischendurch gibt es Querverweise auf deutsche und abendländische Literatur und Philosphie.
Die Personen gab/gibt es wohl wirklich, auch der Ort des Geschehens (Weserstraße 84, Bremen).
Dass der Autor über seine eigene Familie schreibt, finde ich sehr mutig und gelungen, da er auf eigene Empfindungen und umfangreiche Schriftstücke zurückgreifen kann.
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5.0 von 5 Sternen ein kluges und sensibles Buch, mit viel Witz und Selbsteinsicht, 27. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
ein überaus kluges, intelligentes und sensibles Buch, das sich wohltuend von dem häufig zu lesenden larmoyanten Geschwätz abhebt. Brilliant formuliert.
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5.0 von 5 Sternen bewegender Familienroman unserer Zeit, 9. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Scharfsinnige Charakterisierung der konträr denkenden und handelnden Mitglieder einer bildungsbürgerlichen Familie mit ihren Erfolgen - dem berechtigtem Familien-stolz, existenziellen Niedergängen, Überlebenskämpfen, dem Großvater Friedrich als unbeirrbar überzeugtem Nazi, der warmherzigen Großmutter Trina - und beneidenswerter, sensibler, z. T. auch liebevoller Zuwendung den sehr unterschiedlichen Lebenssituationen einzelner Familienmit-glieder. Ein absolut gelungener Roman, überlegt aufgebaut, in z. T. gelungenem, originellem Stil. "Flut und Boden" werde ich zum drittem Mal lesen. Auf das näch-ste Buch von Per Leo freue ich mich. Ihm wünsche ich viele begeisterte Leser und den verdienten Erfolg als zeitgenössischer Schriftsteller.
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4.0 von 5 Sternen Sehr ruhig und dicht erzählt, 30. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Der eigne Großvater war eigentlich ein Fremder. Auch wenn klar war, dass er vorher ein intensives Leben gelebt hatte. Danach fühlte Per, als er den Großvater bewusst kennenlernte, eher Distanz.

Aber nicht zur Großmutter. Das Symbol für „ein dazugehören wollen, einfach so“, ein Anker im Sturm des Lebens, eine Anlaufstelle, ein zu Hause.

Als die Großmutter stirbt, das alte Haus langsam sich entseelt, irgendwann aus dem Leben verschwindet und Per selber nicht wirklich einen Fuß auf den „Boden des Lebens“ bekommt, nur „irgendwie Historiker“ als Beruf sich vorstellen könnte (vielleicht einfach aus der Begegnung mit einem konkreten Professors heraus, der ihn sehr beeindruckt hat), beginnt, er, Jahre später, die Geschichte des Großvaters, des „Nazi-Opas“, der „Obersturmbannführers“, des „Major der Waffen-SS) Schicht für Schicht näher zu ergründen.

Mit deutlicher Distanz, zunächst. Mit Unverständnis, keine Frage. Und doch mit einem langsam sich öffnendem Zugang zu diesem Friedrich Leo. Ein Zugang, der noch erleichtert wird durch einend er Brüder seines Großvaters, den älteren Martin, der wie ein Gegenentwurf, wie ein „ganz anderes Leben“ in dergleichen Familien, zu gleichen Vorzeichen der Zeit aufwächst.

Unterschiedliche Entwicklungen, aber auch innere Ähnlichkeiten, verschiedene Stellungen in der Familie, aber doch das gleiche Umfeld, verschiedene äußere Wege (der eine hinein und hoch hinaus im Militär, der andere intellektuell, fragend, forschend) aber doch ein nicht unvergleichbarer innerer Antrieb, je mehr sich der Historiker von heute in die Persönlichkeiten der jungen Männer damals hineinversetzt, desto klarer treten die Personen und Motive, die Familie und das Umfeld, die Atmosphäre der Zeit und die persönlichen Wege auch dem Leser vor Augen.

Eine Erzählung auch, die dem Leser die geistige, aber auch räumliche Enge der vergangenen Zeit vor Augen führt. Diese Konzentration auf „die Familie“, auf den Respekt vor dem Vater, auf die Rituale im Jahresrhythmus, die Per in der Gegenwart noch erlebt hat, die ihm auf eine unnennbare Weise das Gefühl von guter Vertrautheit vermittelten (beim ersten Lied war es noch peinlich, ab dem dritten Lied auf Familienfesten dann fast wohlig).

Eine Familie, die in den Hauptpersonen des Buches sich symbolhaft zu Grundhaltungen verdichten. Grundhaltungen, die wiederum im Zusammenspiel des „Hortes Familie“ und in ihrer stringenten Ausprägung die „Inhalte“ dann „flexibel“ gestalten. Und so dann aus der eigenen „Verwurzelung“ ein „richtig und falsch“ kreieren können, dass im „Geist der Zeit“ sich dann eben in „Herrenmenschen und Untermenschen“ manifestiert. Ebenso aber auch als Fan eines Vereins mit entsprechenden „Hymnen“ Ausdruck finden kann.

Welche „deutschen“ Geisteshaltungen diese Zeiten geprägt haben (und bis heute wirken als „Typen“), das bindet Leo an konkrete Personen, familiäre Interaktionen und daraus entstehende emotionale „Hintergründe“, die wiederum die konkreten Personen in ihren je eigenen inneren Lebensweg senden.

Sehr hintergründig, sehr intelligent verbindet Leo all diese inneren und äußeren Fäden, die abgehackte Ausdrucksweise des Großvaters mit dem breiten Gedankenfluss dessen Bruders, das Dunkle mit dem Hellen.

Kurzweilig jedoch, das sei gesagt, ist dieser Roman nicht. In ausgefeilter Sprache und oft mit doppeltem Boden und notwendiger symbolhafter Interpretation ist dies eher ein konzentriert zu erarbeitendes (und nachzufühlendes) Buch als ein „Roman für nebenbei“.

Eine sehr zu empfehlende, sprachlich geschliffene Lektüre, die aber nicht einfach zu lesen ist und hohe Ansprüche stellt.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen EIn "goetheanisches Erlebnis", 31. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Diese in dem vorliegenden Werk gebrauchte Definition für die ganzheitliche Auffassung einer unserer grössten Dichter und Denker trifft für mich persönlich auch auf den Roman als Ganzes zu. Ich habe dieses Buch mit allen mir zur Verfügung stehen Sinnen buchstäblich verschlungen; verständlicherweise, gehöhre ich doch selbst zu dieser als "edel" beschworenen Familie (ältester Sohn von W36). Endlich steht es also schwarz auf weiss und man liest, riecht, schmeckt, hört und ertastet all das was sich jahrelang verschollen oder verdrängt den Weg an die Oberfläche verwehrt hat. Die Bilder springen geradezu ins Auge, der Geruch des Hühnerfikassee's und des Treppenhauses ziehen wieder in die Nase, und vergessen geglaubte Zusammenhänge werden sichtbar, ja fast greifbar, so dass es einem wie Schuppen von den Augen fällt. Auch Gänsehaut habe ich gekriegt... Am Ende steht man da und der Grossvater ist endlich an dem Platz der ihm gebührt! Die Therapie ist gelungen.

Per tat es für sich. Ob er ahnen konnte, dass es für den einen oder anderen von uns eine ebenso grosse Bedeutung haben würde?

Für jeden Leser wird es die Entdeckung eines Autor's sein dessen Liebe zum Detail, verbunden mit hoher Sensibilität, auf eine lange und aufwendige Recherche schliessen lässt. Dazu ein flüssiger und witziger Erzählstil der Lust auf mehr macht, und allen äusserst vergnügliche Stunden bereiten dürfte.

Per, mach weiter so, du wirst nicht nur die begeistern die sich für Dampfschiffe und Grapholgie interessieren.

M.F.
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5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Familie als Steinbruch, 31. März 2014
Von 
Marius (Augsburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Flut und Boden: Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)
Von der Dissertation zum Roman – diesen nicht alltäglichen Weg beschritt Per Leo mit seinem Roman „Flut und Boden“. Ursprünglich als Dissertation über den Graphologen Ludwig Klages konzipiert, stieß er schon bald auf familiäre Verstrickungen ins Dritte Reich. Er beschäftigte er sich daraufhin mit seiner Familiengeschichte intensiver und das Endergebnis seiner Forschung ist nun der Roman „Flut und Boden“.

Per Leo nutzt die seine Familiengeschichte als Steinbruch, an der er sich abarbeitet, die Quell der Inspiration ist und die in ihrer Ambivalenz sinnbildlich für das Nachkriegsdeutschland steht. Dabei wagt Per Leo einen wilden Parforceritt durch die Familiengeschichte, Familienmitglieder werden zu Chiffren abgekürzt und der Duktus seiner Erzählung ist auch raschen Veränderungen unterworfen. Mal erzählt Leo mäandernd und detailversessen, dann wechselt er wieder ins Harte, Staccatohafte. „Flut und Boden“ hat keinen richtigen Erzählrhythmus, die einzelnen Kapitel wirken selbst ins sich nicht geschlossen, sondern sind viel mehr Collagen.

Die Frage, die mich umtrieb, war folgende: Kann man „Flut und Boden“ eigentlich als Familienroman bezeichnen? Natürlich ist es der Roman über eine Familie, aber das Buch Leos ist weit weg von jeder Behäbigkeit und gravitätisch chronologischer Abfolge. Diese Familiengeschichte ist weniger „Buddenbrooks“ denn mehr schneller Musikclip durch die Jahrzehnte. Leos Montagetechnik ringt dem doch schon recht zu Tode erzählten Familienroman-Genre neue Seiten ab und lohnt das Entdeckt-Werden!
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Flut und Boden: Roman einer Familie
Flut und Boden: Roman einer Familie von Per Leo (Gebundene Ausgabe - 31. März 2014)
EUR 21,95
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