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17 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leicht zu lesen, schwer zu verdauen
John Lanchester zeichnet ein neutrales Panorama der Bewohner Londons und schafft es, die Fakten und Geschehnisse für sich sprechen zu lassen. Er prangert nicht an, dass Quentina, die Akademikerin, die wegen ihres politischen Engagements aus Simbabwe verjagt wurde und nun mit einer falschen Identität in London Knöllchen verteilt. Aber er erzählt ihrer...
Vor 14 Monaten von Sebastian Langer (Media-Mania) veröffentlicht

versus
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Stark begonnen - aber stark nachgelassen - zweieinhalb Sterne
Der Autor ist ein wortgewaltiger Erzähler, aber das ist auch der Knackpunkt: Das Buch hat mindestens 100 Seiten zu viel. Nach einem starken Beginn "ertrinkt" man förmlich in detaillierten Schilderungen von irgendwelchen banalen Handlungen, Erinnerungen, Überlegungen - all das führt aber nicht zu einem Höhepunkt/Showdown/Finale, was auch immer -...
Vor 9 Monaten von dieleseratz veröffentlicht


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17 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leicht zu lesen, schwer zu verdauen, 25. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
John Lanchester zeichnet ein neutrales Panorama der Bewohner Londons und schafft es, die Fakten und Geschehnisse für sich sprechen zu lassen. Er prangert nicht an, dass Quentina, die Akademikerin, die wegen ihres politischen Engagements aus Simbabwe verjagt wurde und nun mit einer falschen Identität in London Knöllchen verteilt. Aber er erzählt ihrer Geschichte so realistisch und eindringlich, dass der Leser selbst zu einer moralischen Bewertung kommt.

Der Journalist John Lanchester bedient sich einer massentauglichen Sprache. Einfache, leicht verständliche Sätze prägen das 682 Seiten starke Werk und machen das an sich monumentale Werk zu einer angenehmen Lektüre. Die zahlreichen Handlungsstränge werden geschickt miteinander verwoben und am Ende verbunden, so dass trotz der zahlreichen Personen der Überblick gewahrt wird.

Darin unterscheidet sich Lanchester aber auch von Balzac, mit dem er auf dem Buchrücken der deutschen Ausgabe verglichen wird. Seine Figuren sind weniger detailliert gezeichnet und ihr persönlicher Hintergrund wird weniger beschrieben als dies bei Balzac und beispielsweise Tolstoi der Fall ist. Das macht seine Bücher zwar populärer, aber auch weniger epochal als beispielsweise die Werke von Jonathan Franzen.

Das Faszinierende an Lanchesters Charakteren ist ihre Durchschnittlichkeit. Sie fallen weder durch besondere Intelligenz, Schönheit oder Charakterschwächen auf, sondern sind so allgemein und gewöhnlich, dass es außer Frage steht, dass sich derartige Personen in London und anderen Metropolen finden lassen. Kapital wirkt daher wie ein Panoptikum unserer Gesellschaft, das aufzeigt, wie normale Menschen werden, wenn die Umstände so sind, wie in der westlichen Welt zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
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14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gib's ihr, Roger!, 7. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Vielleicht schafft er es ja. Vielleicht gelingt ihm tatsächlich, was er sich fast beschwörend einredet in den allerletzten Zeilen dieses Romans, als er ein letztes Mal zurückblickt auf den Eingang des eindrucksvollen Anwesens in der Londoner Pepys Road, in dem er so lange gelebt hat: dass er sich ändern kann. Roger Yount, 40 Jahre alt, Ex-Investmentbanker und Noch-Millionär, ist gefeuert worden in den unruhigen Tagen nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008. Das Haus, über Jahre hinweg sichtbarste Manifestation seines Erfolgs und Wohlstands, hat er verkaufen müssen, und nun zieht er mit seiner Familie aufs Land, irgendeinem diffusen Neuanfang entgegen, auf den er sich freuen will: "Es war Zeit, etwas anzupacken, etwas zu machen. Soweit war sich Roger vollkommen sicher, wenngleich ihm nicht ganz klar war, was genau er damit meinte - was genau er anpacken oder machen würde. Nun ja, irgendetwas."

Die Aufbruchsstimmung ist also da, aber sie ist fühlt sich merkwürdig hohl an. Jahrelang hat Roger das typische Leben eines hochrangigen Bankers in der Londoner City geführt: hat Handelsgewinne für seine Bank erwirtschaftet, in dem er seine Mitarbeiter mathematische Prozesse steuern lies, die er selbst nicht verstand, hat renditehungrige Kunden umworben, seinem jährlichen Bonus entgegengefiebert und sich ansonsten der Verwaltung seiner privaten Bilanzposten gewidmet: dem Millionenanwesen in der Pepys Road samt feinstem Equipment, dem Wochenend-Landsitz in Gloucestershire, den 10.000 Pfund-pro-Woche Sommerurlauben, der Privatschule, den drei Autos. Die Betreuung der beiden kleinen Söhne haben die Younts` weitgehend an Kindermädchen ausgelagert, die natürlich auch ihren Preis haben. Aber für Arabella, Rogers genuss- und konsumfreudige Ehefrau, ist die Sache klar: "Für die Betreuung kleiner Kinder musste man geschaffen sein, und sie, Arabella, war nun einmal nicht dafür geschaffen, ganz einfach." Obwohl sie, natürlich, ihre Kinder ganz "lovely" findet, nur möchte sie halt ungern zu sehr von ihnen in Anspruch genommen werden. Und dieser Roger Yount, dieser Prototyp eines City-Bankers, der jahrelang nichts anderes getan hat als auf der Welle des Turbo-Kapitalismus zu surfen, dessen Leben jede einzelne Sekunde auf die Mehrung und Verwaltung von Vermögenswerten ausgerichtet war: Er soll nun plötzlich einen Neuanfang schaffen, mit dieser Frau, ohne Millionenbonus, ohne Kinderbetreuung, ohne all die Insignien des Materialismus, mit denen er jahrelang gelebt hat?

Es ist ungemein spannend zu lesen, wie Lanchester den rapiden Abstieg eines Super-Kapitalisten schildert, und man darf zugeben, dass ein nicht unerheblicher Teil des Lesegenusses einer grimmigen Schadenfreude entspringt. Wenn Roger sich vor Entsetzen buchstäblich übergeben muss, als er erfährt, dass sein Jahresbonus praktisch ausfällt, dann gibt die Geschichte dem Leser ein wenig von der Genugtuung, die in der realen Aufarbeitung der Finanzkrise leider allzu oft ausgeblieben ist. Und wenn er gleich darauf seine Frau (die er längst hasst für ihren materialistischen Lebensstil) bestraft, indem er ihr fast genüsslich mitteilt, dass nun alle Ausgaben drastisch gekürzt werden müssten und sie nun auch eine "Mama" sein müsse - da entfährt dieser nur ein leises "Oh", und man möchte gleich einstimmen in den bösen kleinen Freudentanz, den Roger innerlich vollführt. Nein, an diesen Stellen bringt der Roman nicht die nobelsten Gefühle im Leser hervor, aber es ist ein höllisches Vergnügen, das zu lesen!

Und das lässt sich nun ohne jede Einschränkung für den gesamten Roman sagen. "Kapital" ist ein geradezu perfektes Buch: Unfassbar smart geschrieben, spannend wie ein Thriller, intellektuell, hochaktuell, bewegend, witzig und tiefgründig. Erzählt werden über den Zeitraum eines Jahres die Geschichten von mehr als ein Dutzend Personen, die locker miteinander verwoben sind. Den globalen Hintergrund bildet das Dräuen der Finanzkrise, die gegen Ende des Romans ausbricht; London mit seiner Mischung aus Turbo-Kapitalismus und ethnischer Vielfalt ist der Schauplatz. Die Geschichte von Roger Yount bildet das erzählerische Rückgrat des Romans, aber die anderen Erzählungen sind kaum weniger packend, und es ist unmöglich, ihnen allen hier gerecht zu werden. Mehr noch als die großen, aus dem öffentlichen Diskurs bekannten Themen wie Finanzkrise, Terrorhysterie oder Einwanderungsproblematik (obwohl hier allesamt in restlos überzeugende Geschichten eingebunden) berühren dabei die subtilen Alltagsdramen, die Lanchaster schildert. Zbigniew, ein polnischer Handwerker, lässt sich leichtfertig auf eine Affäre mit Davina ein, obwohl er nicht viel mit ihr anfangen kann - nur, der Sex ist halt so verdammt gut. Als Zbigniew Davina satt hat und sich von ihr trennen will, taucht Davina wieder bei ihm auf, ein Bild des Jammers, sagt, dass sie nicht ohne ihn leben kann. Jetzt erst merkt Zbigniew, in was für eine Falle er sich begeben hat, dass er, ohne es zu wollen, Verantwortung übernommen hat für ein fremdes Leben, die ihn zu erdrücken droht. Und die er nicht einfach wieder abgeben kann wie einen gebrauchten Pulli. Als Zbigniew diese Einsicht kommt, sitzen die beiden schweigend Hand in Hand auf einer Parkbank, inmitten des sprudelnden Londoner Lebens, während die Wände über ihn hereinbrechen. Oder Matya, das sexy ungarische Kindermädchen, von Roger in einem Notfall rekrutiert, nachdem sich Arabella Hals-über-Kopf in einen Kurzurlaub mit Freundin verabschiedet hat: Roger verguckt sich in die Frau, und als man sich innerlich schon auf eine schwüle Vater-mit-dem-Kindermädchen-Episode einrichtet, geht die Geschichte einen völlig anderen Gang. Matya erwidert Rogers Begehren keineswegs, sondern verliebt sich auf mütterliche Weise in Josh, Rogers dreijährigen Sohn, und dieser in sie. Diese Liebe zwischen einer jungen Frau und einem Kleinkind ist auf ganz einfache Weise richtig und schön - und für den Leser ist es sehr erfreulich, wenn die eigenen abgeschmackten Erwartungen so enttäuscht werden. So auch bei Smitty - ein egozentrischer, eitler Aktionskünstler mit ausgewachsener Hybris und "leckt-mich"-Attitüde, der dann aber heimlich ins Sterbezimmer seiner Großmutter schleicht, um in den letzten Stunden bei ihr zu sein. Immer wieder zeigen die Figuren in diesem Roman solche warmherzigen, zutiefst menschlichen Züge, und das gibt dem Buch über alle technische Virtuosität hinaus auch ein besänftigendes, optimistisches Strahlen. Das macht das Lesen nicht nur zu einer ästhetischen Erfahrung, sondern auch zu einer seelischen Wohltat.

Formal ist der Roman ohnehin über alle Zweifel erhaben. Lanchaster ist ein Meister der Sentenz. Immer wieder bündelt er Gedanken und Wahrnehmungen in pointenhaften Wendungen, die so gelungen und treffend sind, dass man verblüfft auflachen möchte. Man liest und fühlt sich glücklich wie ein Kind vor einem sprudelnden Becken, aus dem immer wieder die schönsten Seifenblasen aufsteigen. Die Leichtigkeit, mit der sich das liest, der Flow, der sich beim Lesen einstellt, sollte nicht zum Schluss verleiten, man habe es hier mit "einfacher" oder gar "trivialer" Literatur zu tun. Man kann es nicht oft genug sagen: Ein Text, der so verständlich und überzeugend ist, dass er beim ersten Lesen mit unmittelbarer Wucht im Bewusstsein einschlägt, der einen so in den Bann schlägt, dass man beim Lesen kaum zum Atmen kommt (oder spät abends noch einmal das Büro vom Wachmann öffnen lässt, weil man das Buch dort vergessen hat), erfordert viel mehr Begabung, Können und Anstrengung als die vermeintlich anspruchsvolle Assoziationsorgie mit Originalitätsneurose. Ambitioniert ist Lanchesters Schreibstil nur insoweit, als er auf höchstem Niveau unterhalten will. Und schwieriger geht es nicht. Hier gelingt's. Einer der besten Romane der letzten Jahre.
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39 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Eines mußte man London lassen: Es gab ziemlich viel davon.", 24. Oktober 2012
Von 
Kalamaria - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieser opulente, facettenreiche Roman handelt vom Leben in London in den Jahren 2007 und 2008 am Vorabend und während der Wirtschaftskrise. London konzentriert sich hier auf die Pepys Road, eine Straße, in der sich ein buntes, die untere bis obere Mittelschicht repräsentierendes Sammelsurium an Bewohnern und einem Kreis von weiteren Akteuren, die in unterschiedlichster Form einen Bezug zu diesem Umfeld haben, tummelt.

Ein wenig gemahnt dieser Roman in seinem Ansatz an den Film "Short Cuts" von Robert Altman, der allerdings in L.A. spielt. Wie dort werden fragmentarische Sequenzen aus dem Leben einiger Menschen aufgeführt und wie im Film steht hier die Stadt im Hintergrund und bildet die Kulisse zur Handlung, vielmehr zu den vielschichtigen Parallelhandlungen des Romans.

Die Rentnerin Petunia, der pakistanische Lebensmittelhändler Ahmed, der Finanzhändler Roger, das hoffnungsvolle senegalesische Fußballtalent Freddy - sie alle leben im Kreise ihrer Familien in der Pepys Road, haben Träume und hegen Hoffnungen und Wünsche... und werden von unheimlichen, regelmäßig eintreffenden Karten mit der Botschaft "Wir wollen das, was Ihr habt" belästigt, denen bald weitere, ähnlich störende Aktionen folgen, um die sich das lokale Polizeipräsidium mehr oder weniger motiviert kümmert.

Doch das Leben in der Pepys Road zieht weitere Kreise: nicht nur um diese Sendungen rankt sich die Handlung: Nein, weitere Figuren, die in Zusammenhang mit dieser Straße stehen, beispielsweise der polnische Handwerker Zbigniew, das ungarische Kindermädchen Matya, Freddys Vertrauter Mickey, um nur einige zu nennen... sie alle haben ihren Auftritt, ihren Anteil an der Geschichte.

Ein mitreißendes, pralles und monumentales Buch, das trotz der vielen darin vorkommenden Figuren nie verwirrend ist und nicht eine Länge aufzuweisen hat. Obwohl viel Alltägliches beschrieben wird, ist die hier erzählte Story voll von überraschenden Entwicklungen - es fällt wirklich schwer, die Lektüre zwischendurch zu unterbrechen, zumal neben der Darstellung der Erfahrungen, der Sorgen und Nöte auch der Humor an keiner Stelle zu kurz kommt.

Der Leser spürt, dass jede einzelne Seite wichtig und bereichernd ist - denn, um es mit Zbigniew, dem polnischen Handwerker zu sagen: "Eines mußte man London lassen: Es gab ziemlich viel davon" (S.541) - und zwar jede Menge pralles Leben, mit dem der Rezipient des Romans konfrontiert, durch das er mit allen Sinnen angeregt und mit Hilfe dessen er amüsiert wird. In diesem Sinne lege ich "Kapital" jedem ans Herz, der einen sowohl anspruchsvollen als auch unterhaltsamen Roman, der gut geschrieben und ebenso gut übersetzt ist, zu genießen vermag.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Stark begonnen - aber stark nachgelassen - zweieinhalb Sterne, 29. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Autor ist ein wortgewaltiger Erzähler, aber das ist auch der Knackpunkt: Das Buch hat mindestens 100 Seiten zu viel. Nach einem starken Beginn "ertrinkt" man förmlich in detaillierten Schilderungen von irgendwelchen banalen Handlungen, Erinnerungen, Überlegungen - all das führt aber nicht zu einem Höhepunkt/Showdown/Finale, was auch immer - die Story versandet irgendwie und zurück bleibt nur gepflegte Langeweile.
Wie gesagt, der Autor ist ein sehr guter Erzähler, aber es genügt nicht, aus dem Leben einer Straße bzw. der Bewohner zu erzählen ohne dass man etwas zu erzählen hat, was den Leser auch mitzittern, mitleiden, mitfiebern läßt. Das ist hier leider nicht der Fall. Man hofft immer, dass etwas Großartiges oder Schockierendes passiert, was endlich die Geschichte vorantreibt. Doch Fehlanzeige.
So bleibt man mit einem schalen Gefühl zurück und denkt sich: Das war's ? Was sollte das eigentlich ?
Ich las das englische Original "Capital", kann also zur Qualität der deutschen Übersetzung nicht sagen.

Fazit: Zu langatmig, zu wenig Überraschungen, keine richtige Handlung. Wunderbar erzählt, aber nur bedingt lesenswert.
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25 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mit leichtem Ton in den Untergang, 16. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Kapital" - da kann man natürlich lange diskutieren, was darunter zu verstehen sei? Das Geld auf dem Konto? Die Einkünfte am Monatsende? Der Jahresbonus der Bank, bei der man arbeitet? Ist es die Arbeitskraft, die man einbringen, anbieten und so veräußern kann? Oder sind es die eigenen Beine, die man vertraglich vergoldet bei einem Fußballverein? Oder ist es die Kreativität, die man einsetzt, wofür auch immer: In der Kunst, oder im Kriminellen, um andere zu ver- und zu zerstören? Oder ist das eigene Leben, die Erinnerungen und Gefühle und Gedanken an jene, die einen begleitet haben, das eigentliche Kapital, das wir besitzen, das einzige, das wir nie verlieren werden (so uns denn keine Demenz einholt)?

Die Figuren in diesem Panoptikum, das John Lanchester hier vor uns ausbreitet, werden auf die eine oder andere Art heruasfinden, welches ihr Kapital ist. Manche wird dies zu einem besseren Leben, einige in den (gefühlten) Untergang führen.

Da sind die Eheleute Yount, er Banker mit einem erwarteten Jahresbonus von 1 Mio. Pfund, sie Hausfrau mit Shoppingzwang, gemeinsam haben sie zwei Kinder, deren Kindermädchen Matya, eine Ungarin, in London ihr Glück zu machen hofft. Sie trifft den polnischen Handwerker Zbigniew, der für Mary das Haus derer Mutter streicht und auf Vordermann bringt, denn die Mutter, Petunia Howe, liegt im Sterben. Sie, Petunia, lebte ihr ganzes Leben in diesem haus in der Pepys Road, im Süden Londons. Alle diese Menschen (und es sind noch viele mehr), sind an diese Straße gebunden - entweder, indem sie dort wohnen, oder, wie die Politesse Quentina, Asylantin ohne Arbeitserlaubnis, weil sie dort arbeiten. Oder, wie der 17jährige Freddy Kamo, weil man ihn und seinen Vater Patrick - sie stammen beide aus Afrika - hier untergebracht hat, während Freddy seine Laufbahn bei einem Premier-League-Klub beginnen soll. Da ist der Künstler Smitty, Enkel von Petunia, der sich einen Namen durch Anonymität macht, und schließlich sind da die pakistanischen Kioskbesitzer, drei Brüder, die die Straße kennen und in ihrer Fremdheit dennoch außen vor bleiben und in die Mühlen der Justiz geraten. Sie alle sind irgendwie mit der Pepys Road verbunden. Und eines Tages liegt bei allen eine Karte im Briefkasten, auf der das jeweilige Haus abgebildet ist. Und auf den Karten steht nur ein Satz: WIR WOLLEN WAS IHR HABT. Da fragt man sich natürlich: Was haben diese Menschen alle?

Lanchester breitet diese Geschichte ohne Hauptfiguren und im Grunde ohne Handlung auf nahezu 700 Seiten vor dem Leser aus. Er umfasst dabei den Zeitraum vom Herbst 2007 bis in den Winter 2008, als die weltweite Wirtschaftskrise anfing, sich mit dem Zusammenbruch der "Lehmann Brothers Bank" auszubreiten. Dabei setzt er einen hohen, ironischen Ton, der die Figuren liebevoll, jedoch mit leisem Spott, beschreibt. Unmerklich jedoch zieht er die Spirale an und fast unmerklich ändert sich dabei dieser Tonfall (und an dieser Stelle ein großes Lob für Dorothee Merkel, der es gelingt, diese leisen Umschwünge in der deutschen Übersetzung nicht untergehen zu lassen). Doch bleiben all die Geschichten durchaus in einem realistischen Rahmen - das Sterben eines lieben Menschen, die fälschliche Verhaftung aufgrund der Hautfarbe und Herkunft, selbst das Bankerehepaar Yount, die mit Abstand wohlhabensten Menschen in diesem Plot, bleiben in ihrem Verlust an Welt (die sie komplett durch Konsum ersetzt haben) glaubwürdig. Lanchester versteht es, den Leser spüren zu lassen, wie sich das Leben dieser Menschen verändert und auch, daß dabei vieles traurig wird, verloren geht (und sei es nur der Glaube an Gerechtigkeit).

Was man Lanchester vorwerfen kann, ist zum einen die etwas parabelhafte Zusammensetzung dieser Straße (würde ein angehender Superfußballer nicht eher in einer vereinseigenen Villa, umgeben von hilfreichen Geistern, untergebracht?), zum anderen, daß es ihm nicht gelingt, durchgängig klischeefreie Figuren zu zeichnen. Daß einige Handlungsstränge offen bleiben, bzw. schlichtweg versanden, kann man noch als gewollt betrachten. Hier geht es weder um Spannung oder Thrill, noch darum, den Leser in eine treibende Story hineinzuziehen. Es geht Lanchester um eine Gesellschaftsportrait, ein Sittengemälde am Vorabend der "großen Kirse", in der wir nach wie vor stecken. Und so sollte man auch von dewr Story rund um die Postkarten mit ihrem scheinbar klassenkämpferischen Aufdrucken nicht allzu viel Spannung erwarten. Auch darum ist es lanchester offensichtlich zu tun: Er will uns zeigen, daß alltägliches Leben, mit all seinen Vorkommnissen, aber auch seinen Fährnissen und seiner Langeweile, schon Spannung genug bietet. Daß dabei der eine oder andere mal auf blöde (kindische) Ideen kommt miteingeschlossen.

Man merkt dem Autoren nicht nur die Liebe zu "seiner" Stadt, also zu London, an, sondern auch die zu seinen Figuren. Wirklich weh tun will er keinem davon. Und so gibt er z.B. die Younts selbst dann nicht dem ätzenden Spott preis, als deren Welt unterzugehen droht. Andererseits kann man ihm vorwerfen, daß er die Nöte einer Quentina, die schließlich in Abschiebehaft landet, nicht wirklich darzustellen weiß (und sie dann auch etwas zu heldisch ausmalt); ebenso sieht es mit Shahid aus, dem Sprössling der kioskbesitzenden Familie Kamal, wenn er unter (falschem) Terrorverdacht für einen Monat einfach verschwindet und in Haft genommen wird. Eine solche Behandlung stellt in jedem Land der westlichen Welt einen Skandal dar, bei Lanchester wird es zu einem "Ereignis" im Leben.

Es ist vielleicht kein wirklich großer Roman, der dem Engländer Lanchester da gelungen ist, doch unterhaltsam und nachdenklich stimmend ist er allemal. Vielleicht um gut einhundert Seiten zu lang (denn irgendwann merkt man, worauf all dies hinausläuft und weiß, daß es keinen Clou geben wird), hat man es hier mit einem letztlich gut dargestellten Querschnitt der englischen Gesellschaft in diesen Zeiten zu tun. Und daß bei nahezu 20 gleichberechtigten Hauptfiguren (oder Nebenfiguren, wenn man davon ausgeht, daß dieses Buch keine Hauptfiguren kennt) einige etwas oberflächlich geraten sind, sei dem Autoren verziehen.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Vorher (zu) viel versprochen, 27. Januar 2014
Von 
Th. Leibfried "TL" (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
John Lanchesters Roman "Kapital" hatte ich schon eine Weile auf der Leseliste und nun war es soweit. "Ein englischer Balzac" steht auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe. Dass der Autor "mit Ironie und britischem Witz", mit "spöttischem Blick" ein "schillerndes, atemlos erzähltes Metropolen-Panorama" erzählt. Und schließlich schrieb hieß es bei Spiegel Online: "Ein fulminanter Gesellschaftsroman zur Finanzkrise". Bis auf das "Metropolen-Panorama" habe ich einen anderen Roman gelesen. Aber da irre wohl eher ich als all die begeisterten Stimmen. Fulminant ist der Roman aus meiner Sicht nun wirklich nicht und unter schillernd und atemlos verstehe vielleicht nicht nur ich etwas anderes.

Die Pepys Road, etwa fünf Meilen südöstlich der City of London gelegen, und ihre Bewohner stehen im Mittelpunkt dieses Episodenromans. Die 82jährige Petunia Howe, ihre Tochter Mary, deren Sohn, ein Künstler namens Smitty, dessen Assistent und wiederum dessen Freundin, so sieht eine Zelle an Personen aus, die mittels Zbigniew, eines polnischen Tausendsassas, mit einer anderen Zelle um den Banker Roger, seine Frau Arabella, die beiden Söhne und deren ungarisches Kindermädchen verbunden wird. Aber auch mit einem pakistanischen Kioskbesitzer und dessen Familie, bestehend aus Ehefrau, Kindern, Bruder und Mutter, einem Juristen, der für einen Fußballclub aus der Premier League arbeitet und einen sehr jungen Fußballer aus dem Senegal und dessen Vater bei sich wohnen hat, eine illegale Politesse aus Simbabwe und andere mehr. Alle wohnen oder arbeiten nicht nur in der Pepys Road, sondern kommen auch auf die eine oder andere Art und Weise mit einer Bedrohung in Berührung, die unter dem Motto "Wir wollen was Ihr habt" steht.

Es gibt unterhaltsame Momente in dem Roman, aus meiner Sicht allen voran die Geschichte um den Banker Roger, seine anstrengende Frau und die beiden Nerv tötenden Kinder. Und dieser Handlungsstrang ist auch die einzige Verbindung zur Finanzkrise 2008. Warum das Buch deshalb "ein Roman zur Finanzkrise" sein soll, erschließt sich mir nicht. Und diese Erwartung meinerseits führte auch zu einer Enttäuschung. Außerdem kann ein Autor auf 680 Seiten die Vielzahl von Charakteren nicht wirklich herausarbeiten, so dass vieles Stückwerk und an der Oberfläche bleibt, auch nicht frei von Stereotypen.

Dennoch spricht Lanchester ein breites Lesepublikum an. Die männlichen Leser - und nun bemühe ich Stereotypen - werden durch das Finanzmetier, den Fußball und attraktive Kindermädchen angelockt, weibliche durch Liebes- und Ehegeschichten, Haus- und Wohnungsbeschreibungen und eine Mutter-Tochter-Erzählung. Gut, ein bisschen komplexer sind Leserstrukturen. Keine Warnung vor dem Roman von meiner Seite, aber durchaus der Hinweis, sich von Umschlag und Zitaten nicht in die Irre leiten zu lassen. Sprachlich ist der Text sehr einfach gehalten, auch hier hatte ich mir deutlich mehr Anspruch und Komplexität erhofft.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kapitaler Roman, 13. November 2012
Von 
Marius (Augsburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Leider lässt sich der wunderbar zweideutige Titel „Capital“ im Original nur ungenügend ins Deutsche übertragen. Dennoch trifft auch "Kapital" fast den Kern der Sache, auch wenn das Buch noch einen zweiten Hauptdarsteller kennt, nämlich die Finanzkapitale London.
Diese bricht John Lanchester gekonnt auf die Pepys Road herunter, die Hauptdarsteller im Buch ist. In ihr lebt ein buntes Panoptikum an Londoner Bürgern und Lanchester lässt uns an deren täglichen Leben und Sorgen teilhaben. Es wird geliebt, gestorben, getäuscht und gespielt. Der Autor berichtet von Bankern, Senioren, illegalen Immigranten und Fußballtalenten. Stets souverän erzählt ihr von ihren kleinen und großen Sorgen und entwickelt so einen höchst ansprechenden Episodenroman. „Kapital“ kann als literarische Antwort auf die Finanzkrise gelesen werden – spielt ja ein Banker mit großen Problemen eine der zentralen Rollen im Buch. Ebenso kann der Roman aber auch als Panorama unserer Zeit und unserer Probleme gelesen werden, wenn man nicht unbedingt die Verbindung zur akuten Finanzkrise herstellen will.
Als subtiles Thema flicht John Lanchester den Erzählstrang von mysteriösen Briefen und Nachrichten ein, die verkünden „Wir wollen was ihr habt“. Mal droht diese Strang ganz zu verschwinden, dann mäandert er wieder in voller Breite durch das Buch, immer um zu zeigen, wie die Bewohner die Pepys Road verändert haben und wie die Pepys Road die Menschen geändert hat. Deshalb aber aus dem Buch einen Krimi stricken zu wollen, wäre verkehrt. Vielmehr zeigt Lanchester in diesem kurzen Stück Literatur gewordener Gegenwart auf, wie sich unsere Leben gegenseitig beeinflussen und welche Folgen manche Handlungen haben können. Besonders eindrücklich wird dies an den Stellen, an denen der Engländer von einer illegalen Immigrantin oder von einem unter Terrorismusverdacht geratenen muslimischen Bürger berichtet.
Ein fesselndes Buch, da es nicht mehr sein will als eine kurze Skizze unseres täglichen Lebens. Ein Buch über Einzelschicksale, London und über das Leben allgemein!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Jahr der Veränderungen, 5. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
In KAPITAL geht es um das Leben mehrerer Anwohner der fiktiven Pepys Road in London, die alle eines Tages die ominöse Nachricht "Wir wollen, was ihr habt" in ihrem Briefkasten finden.
Die Häuser in dieser Straße wurden einst als Arbeitersiedlung gebaut, doch im Zuge der Gentrifizierung haben sich die Häuser, die Preise der Häuser und auch die Zusammensetzung ihrer Bewohner stark verändert.
Wir lernen die älteste Bewohnerin der Straße kennen, die 82jährige Witwe Petunia Howe, die ihr ganzes Leben hier verbracht hat, später dann auch ihre Tochter und den Enkel, einen Künstler, der unter dem Namen Smitty bekannt ist. Nebenan lebt der erfolgreiche Banker Roger Yount, der offensichtlich über seine Verhältnisse lebt - nicht ganz schuldlos daran seine anspruchsvolle und konsumbesessene Gattin Arabella. Der siebzehnjährige Freddy Kamo, ein angehendenr Fußballstar, ist aus dem Senegal nach London gekommen, um hier Karriere zu machen.. Auch er wohnt mit seinem Vater in einem Haus in der Pepys Road, das der Fußballverein für ihn gemietet hat. Dann ist da noch die pakistanische Familie von Ahmed Kamal, der im Haus, in dem er wohnt, einen Convenience Store betreibt. Und es geht auch um die Leute, die in der Pepys Road arbeiten: Matya, das ungarische Kindermädchen der Younts, den polnischen Handwerker Zbigniew und die afrikanische Politesse Quentina, die als Asylantin ihren Job nur auf illegale Weise bekommen konnte.
Wir folgen den Schicksalen dieser Leute für ein Jahr, einige werden ausführlicher behandelt als andere, aber bei allen gibt es einschneidende Veränderungen - am Ende dieses Jahres ist nichts mehr so, wie es vorher war. Und diese Veränderungen sind unter anderem bedingt durch Finanzkrise, Globalisierung, Migration und Terrorismusangst.
Der anfänglich sehr wesentlich erscheinende Handlungsstrang um die "Wir wollen, was ihr habt"-Postkarten erweist sich als weniger zentraler, wenn auch durchaus spannnender, Nebenschauplatz.
John Lanchester bietet einen faszinierenden Querschnitt durch alle Gesellschaftsschichten, ein bewegendes, packendes und humorvolles Kaleidoskop menschlicher Lebensentwürfe und Schicksale. Der fast 700 Seiten umfassende Schmöker unterhält größtenteils hervorragend, ein paar kleine Hänger zwischendurch fallen nicht ins Gewicht.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gesellschaftskritik und Einzelschicksale, 11. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Kindle Edition)
Derartige Vorhaben gelingen nicht immer gut: einzelne Schicksale werden vorgestellt, weiter entwickelt und das Ganze auch noch parallel. Und zusätzlich gibt es noch ein großes Ganzes, die Klammer darüber, die ein zusätzliches Thema eröffnet, das gesellschaftskritisch rüber kommt - in mehreren Ebenen.
Pepys Road - eine Straße in London, hochgespült durch den Mittelstand, künstlich hochtupierte Lebenshaltungskosten und natürlich Neid. Das alleine gibt schon genug Stoff. Gepaart mit gesellschaftlicher Übervorsicht, Paranoia, Denunziation, Geltungsdrang und schlichtweg Angst ist das schon was, was ein Buch füllen kann. Dass dabei auch noch die verschiedensten Einzelschicksale der Bewohner (und der Wirkenden) in Pepys Road dargestellt werden ist umso interessanter und nimmt den Leser voll und ganz in den Strudel des Lebens dieser Straße mit.
Lanchester ist das zusammenfügen dieser Parallelhandlungen sehr gut gelungen. Lupenrein.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kapitulation des Kapitals, 23. März 2013
Von 
Felix Richter - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Kapital: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Rezension bezieht sich auf das englische Original, aber ist für Leser der deutschen Ausgabe hoffentlich auch von Interesse.

Capital erzählt von den Auswüchsen des Kapitalismus in der Hauptstadt (capital) des Kapitalismus. Ort der Handlung ist die Pepys Road im Süden Londons, und die Geschichte beginnt Ende 2007, als die Immobilienblase noch nicht als solche bezeichnet wurde, aber die ersten Dominosteine schon zu wackeln begannen.

In der Pepys Road wohnen nur Reiche. Entweder vor kurzem reich geworden, weil sie schon lange dort wohnen und sich der Wert ihrer Häuser in den letzten Jahren vervielfacht hat, oder reich genug, um sich so ein Haus in der Pepys Road leisten zu können. Da ist zum Beispiel die alte Dame, die noch in dem Haus wohnt, wo sie geboren wurde und nie woanders gelebt hat. Da ist der Bänker, dessen nicht eben geringe Einkünfte dennoch gerade ausreichen, die extravaganten Bedürfnisse seiner konsumbesessenen Gattin zu befriedigen. Da ist das siebzehnjährige Fußballwunder aus Senegal, dem eine spektakuläre Karriere beim FC Chelsea (nicht ausdrücklich genannt, aber unschwer zu erkennen) bevorsteht. Und da ist schließlich der pakistanischen Ladenbesitzer mit hübscher Frau und zwei süßen Kindern, dessen Brüdern der Spagat zwischen englischer Bürgerlichkeit und religiösem Fundamentalismus arg zu schaffen macht.

Und dann sind da die Menschen, die sich niemals ein Haus in der Pepys Road leisten könnten, die aber dennoch das Leben dort mitprägen: Der polnische Handwerker, der kaum hinter den erratischen Gestaltungswünschen seiner Auftraggeber(innen) herkommt, die ungarische Nanny, ohne die die Bänkerfamilie ihren Söhnen hilflos ausgeliefert wäre, die simbabwische Politesse, die mit diesem (illegal ergatterten) Job ihrem trostlosen Asylantenleben etwas Sinn gibt und die Strafzettel umso lieber verteilt, je teurer das Auto ist. Und schließlich ist da noch Smitty, den Enkel der alten Dame, ein geheimnisvoller Aktionskünstler, der dem mysteriösen Sprayer Banksy nachempfunden ist, und dessen künstlerische Bedeutung im wesentlichen darauf beruht, dass niemand seine Identität kennt.

Eines Tages finden die Anwohner in ihrer Post Karten mit Fotos ihrer Häuser und einem kurzen Text: "We want what you have". Damit beginnt eine merkwürdige Kampagne, die allein dadurch etwas Bedrohliches hat, dass keiner weiß, was der oder die Akteure eigentlich im Sinn haben, und die im Verlauf der Geschichte immer sinistrere Forman annimmt. Man ahnt, wer dahinter stecken könnte, dennoch bleibt es spannend bis zum Schluss. Dieser Teil der Story ist der Kitt, der die einzelnen Erzählstränge zusammenhält.

John Lanchester ist es in humorvoller und einfühlsamer Weise gelungen, alle Charaktere gleichermaßen mit Leben zu erfüllen. Eine Hauptperson gibt es deshalb nicht, und wenn, dann ist es das "capital", sowohl im Sinne des Geldes als auch der Stadt, die es beherrscht. Das Geld derjenigen, die unanständig viel davon haben und trotzdem nicht klarkommen, und derjenigen, die wenig haben, aber mit diesem Umstand zu leben gelernt haben. Alle haben einschneidende Herausforderungen zu meistern, die ihr Leben in dramatischer Weise ändern werden, und dass am Ende fast alles offen bleibt, schmälert den Lesegenuss in keiner Weise. Wer es noch nicht wusste, der weiß es jetzt: Geld allein macht nicht glücklich, aber kein Geld noch weniger, und das Leben ist dann am schönsten, wenn man endlich herausgefunden hat, was man wirklich damit anfangen möchte.
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Kapital: Roman
Kapital: Roman von John Lanchester (Gebundene Ausgabe - 7. Januar 2014)
EUR 24,95
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