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3.0 von 5 Sternen Socio-Fiction, 14. April 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Ende unserer Tage: Roman (Gebundene Ausgabe)
Vom Ende unserer Tage: um ehrlich zu sein, ich habe mich bei der Lektüre nicht schlüssig entscheiden können, als was ich das Buch von Christian Schüle bevorzugt lesen sollte. Ist es, vor allem anderen, vielleicht ein aktueller Hamburg-Schlüsselroman? Wer sich in der städtischen Topographie nicht so genau auskennt, hätte da jedenfalls schon mal schlechte Karten. Ist es, summa summarum, hingegen nicht mehr und nicht weniger als stellenweise leicht schrill geratene Kapitalismuskritik? Oder doch eher ein Blick in die Abgründe der aktuellen gesellschaftlichen, politischen, jedenfalls düsteren "Agenda 2010-Ära"-Wirklichkeit in der ehemals stolzen Kaufmanns- und Hansestadt, der Stadt der meisten deutschen Millionäre? Die allerdings hier doch wohl eher metaphorisch, stellvertretend zu sehen ist.

Es werden in der Tat für alle denkbaren Szenarien, den Status quo der heutigen gesellschaftllichen Wirklichkeit nachzuzeichnen, alle gängigen Vorurteile sauber bedient, die diesen oder jenen Schluß belegen könnten. Bis hin zum täglichen Programmangebot der Prekariats-TV-Sendeanstalten, während die neoliberalen Macher, adrett gekleidet und wohlriechend parfümiert, dem als Normalität verstandenen Plattmachen ihrer Konkurrenten nachgehen und die Chinesen klammheimlich die Macht auch über die entlegensten Winkel des Gemeinwesens (traditionsreiche, altehrwürdige, hamburgische protestantische Kirchen inbegriffen) übernehmen. Oder schon übernommen haben.

Und über allem wabert unablässig ein Hauch von Naturalismus und Expressionismus, von Döblins "Alexanderplatz" und Fritz Langs "Metropolis". Einer namens Spengler bemüht sich um den Untergang des Abendlandes,und ganz viel Kafka verbirgt sich tief in den Kulissen. Am Ende doch nur eine Persiflage auf die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts? Ein erschreckter "Rückblick" auf die turbulente und im Sinne des Wortes "verhaltensgestörte" Weimarer Republik? Allerdings wird, dann nicht zeitkonform, der mittlerweile ehemalige Bundespräsident Wulf (zum Zeitpunkt des Entstehens des Romans noch in Amt und Würden) handlungsförderlich ins Bild gerückt. Wow!, ein allseits verstörendes Buch, mit dem man sich schwer tut, und in das nicht leicht Zugang zu finden ist. Ich habe mich am Ende dann doch dazu durchgerungen, mehr Satire im Gelesenen zu finden als planmäßg angsterfüllt ausgebreitetes Endzeit-Szenario oder angewiderte Neoliberalismus-Nabelschau. Mehr Socio-Fiction als Öko-Fakt. Aber auch das ist keine den Leser befriedigende Lösung und hinterläßt haufenweise offene Fragen.

Die handelnden, durchweg nicht allzu sympathischen Protagonisten stehen einem bei all dem nicht eigentlich im Wege, denn sie tauchen nur immer irgendwie als Pappkameraden in der Kulisse auf, während sich der Autor unermüdlich bemüht, ihnen durch eingegebene teils markige, teils unverständliche Aussagen, die gerne auch mal philosophisch tiefgründig daherkommen dürfen, Persönlichkeit auf den Leib zu schreiben. Was aber nur bis zur nächsten Begegnung vorhält und sich oft genug dann ins gerade Gegenteil verkehrt. Universitätsprofessoren aus der Hamburger Schickeria heißen auch mal (wahrscheinlich Dr.) Luhser, wozu einem Leser auch nicht allzu viel mehr einfällt als die Vermutung, dem Autor müsse wohl unlängst einer aus besagter Zunft heftig auf die Zehen gestiegen sein. Sei's drum!

Was das Buch jedoch, selbst im Angesicht all dieser stirnrunzelnden Einwände und möglicherweise voreingenommenen Spitzfindigkeiten, dennoch zu einem unterm Strich bemerkenswerten Leseerlebnis macht (wenn man denn so lange durchhält), ist der Umstand, daß man das dumpfe Gefühl nicht los wird, daß alles genau so sein könnte, nicht irgendwann später mal, sondern jetzt schon, wie es sich der Autor detailbesessen ausmalt. Vieles, vielleicht allzu vieles, um danach schnell wieder zum normalen Tagesgeschäft zurückkehren zu können, bewegt den Leser in der Tat nachhaltig und läßt ihm dann doch die Haare zu Berge stehen. Was wäre in der Tat wohl, wenn in der hier noch fiktiv aufscheinenden, aber schon längst irreparabel mutierten Wirklichkeit alles schon jetzt und heute so, oder so ähnlich, unterschwellig FAKT wäre, nicht nur in Hamburg, sondern überall? Und man hätte es einfach (nur: wieder einmal) nicht mitgekriegt? Wäre dann Zukunft überhaupt noch denkbar? Oder hätten wir das Ende unserer Tage im Grunde schon erreicht und stolperten blindlings auf die allerletzten Abgründe zu? Die Zukunft läge längst unter der Vergangenheit begraben.

Die bei allem sehr kreative und expressive Sprache des Buches sollte übrigens auch nicht unerwähnt bleiben bei der Aufzählung seiner Besonderheiten. Zitatfähige Belege für diesen Sachverhalt finden sich auf fast allen 457 Seiten, und die teilweise fast ausufernde Phantasie des Autors ist unbedingt bemerkenswert. Ich möchte hier lediglich ein Beispiel wiedergeben, das einen kleinen Eindruck vermittelt von der Eindringlichkeit, mit der der Autor den Dingen und Gegebenheiten überall zu Leibe rückt. Aus der Arbeitswelt (S. 121): "Wenn eine Stunde später der Schleifer die Maschine mit dem Druck des rechten Knies auf eine gepolsterte Platte und diese dann den Kontaktknopf drückte, gab es ein zischelndes Schnalzen, das kaum zu unterscheiden war vom geschnalzten Zischen, wenn an den Bänken poliert wurde."

Alles in allem 3 Sterne. Ich habe mir im Übrigen vorgenommen, das Buch (wenigstens) ein zweites Mal zu lesen, und ich will es schon jetzt nicht ausschließen, daß mir dann vieles sehr viel plausibler erscheinen könnte.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Über das Ende unserer Tage, 1. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Das Ende unserer Tage: Roman (Gebundene Ausgabe)
Über das Ende unserer Tage
Im Wandel der Wirtschaft wird Hamburg immer mehr von der neuen Industriemacht China aufgekauft. Chinesische Investoren verlagern die Produktionen, wo unter Billiglöhnen auf Masse produziert wird. Darunter leiden muss der Kleinste, der Fabrikarbeiter, der Angestellte, dessen Existenz zu Grunde geht. Kirchen werden umgebaut zu Eventagenturen und die neue Religion ist die Spiritualität, im Zeichen von Selbstmotivationslehren und innerer Selbstreflexion und -reinigung. Riten, die aus den asiatischen Kulturen zu uns überlaufen.
Mitten in diesen Wandel ist Charly Spengler, ehemaliger Direx der erfolgreichsten Kammfabrik Hamburgs, die mit ihren 'Lady Star' den Markt erobert hat. Mit seinem ganzen Herz hing er an der Produktion der Kämme und war für seine Mitarbeiter immer da. Jetzt, wo alles aufgekauft wurde, die Produktion verschifft, soll auf dem Gelände Neues entstehen. Von heute auf morgen stehen seine Mitarbeiter auf die Straße und für ihn ist es der Auslöser gegen die Übermacht der Großunternehmer und ihr Treiben vorzugehen.
An seiner Seite steht Jan-Philipp Hertz, der seinen Platz als Human Ressource-Fachmann, verloren hat. Er gründet eine Logistik und Consulting-Agentur, die das Bindeglied zwischen Spengler und den Großen der Wirtschaft bildet.
Beide zusammen stehen im Sturm der dekadenten Gesellschaft, die sich immer weiter in einem Kampf zwischen westlicher Industriekultur und östlicher Übernahme entwickelt, wo die Kleinen gegen die Großen stehen.

'Das Ende unserer Tage' zeichnet ein Hamburg, wo der Osten - und damit die Industriemacht China -, die westliche Welt aufzukaufen droht. Ein schrecklich reales Szenario, welches seine Wurzeln schon jetzt in der heutigen Zeit trägt. Zwischen Sozialphilosophie und Spiritualität steuern die Leute immer weiter auf den Untergang der Welt, im wirtschaftlichen Sinne, zu. Großunternehmer treffen sich in Salons und frönen einem dekadenten Leben, während die Kleinen zusehen müssen. Dabei gibt der Autor einen bunten Querschnitt der Gesellschaft. Sei es die depressive Künstlerin, die ihr Leben über den Tod definiert, die Frau eines krebskranken Unternehmers, die einen 'Spürsalon' eröffnet um der Spiritualität und dem Leben selbst auf den Grund zu gehen oder doch die kleinen Fabrikarbeiter, die als Gastarbeiter einst gekommen sind, und heute ihr Geld nicht mehr verdienen können, weil die Raffinerien, in denen sie einst gearbeitet haben, nicht mehr existieren. Jede Personengruppe wird eingeschlossen und gibt einen umfassenden Blick auf das Dystopische in diesen Roman.
In diesen Schmelztiegel geht es vor allem um die Suche nach dem eigenen Sein, das heute in der schnellen und immer effizienter werdenden Welt auf der Strecke bleibt. Religion wird durch Spiritualität überlagert, von Motivationsformeln angetrieben, die man aus Amerika zu Genüge kennt, mit einen Glauben und Gleichgewichtsbewusstsein aus der asiatischen Kultur. Ein ausgeglichener Körper, ein reiner Körper, bringt die Kraft, dass zu ermöglichen, was man immer wollte. Alles Dinge, denen man heute schon begegnet. Sei es das Feng Shui oder doch das im Kollektiv betriebene Yoga, die Akupunktur beim Heilpraktiker oder die speziellen Massagetechniken zur Tiefenentspannung.
Im Laufe des Prozesses nach dem Sterben nach den schneller, höher, weiter, suchen wir unsere eigene Existenz, die doch bedroht ist, durch den wirtschaftlichen Umschwung. Die Großen, die Geldverdiener regieren die Welt und machen die Kleinen unter sich platt ohne Reue, ohne Moral. Die Kleinen wehren sich, suchen sich ihre Anführer und schreien nach Revolution, wollen beachtet und nicht immer vertröstet werden.
Und dabei fällt immer wieder eins bei diesem Roman auf: Das große Ganze ist genauso wichtig, wie das Kleine. Der Teufel steckt im Detail, im undurchschaubaren Netz der heutigen Wirtschaft.
'Das Ende unserer Tage' besticht durch seinen absoluten Realismus. Die Fundamente für eine solche Entwicklung wie sie Christian Schüle beschreibt sind längst gelegt und dadurch wird 'Das Ende unserer Tage' zu einem Leseerlebnis.
Der Roman lebt durch seine Fülle, seinen kleinen Zusammenhänge der einzelnen Figuren, die einen oberflächlich erschienen, aber auf die Oberflächigkeit dieser Welt aufmerksam machen und doch so viel Tiefgang besitzen, dass man ein Bild von ihnen hat. Man ist ihnen fern und doch nah und hat einen distanzierten Blick auf die dunkle, alles verschlingende Maschinerie der Wirtschaft.
Die Dekadenz des neuen Lebens tritt sogar in die Welt der Fernsehmedien ein, so dass man Leuten auf ihren letzten Wegen begleiten kann, Leuten beim seelischer Selbstausschabung zusehen kann und gebannt vor der dem LCD-Bildschirm die für den Zuschauer wirklichfremde, fiktive Screening-Welt betrachtet. Eine Kritik an die heutige Medienwelt, die ihre Niveaulosigkeit und Persönlichkeitsausschlachtung jeden Tag auf Neue unter Beweis stellt und uns serviert.
Doch auch wenn der Inhalt stimmig ist, die reale Angst erschreckend greifbar gemacht wird, die Suche nach dem Selbst, den Individualisten im Gesamtkonstrukt der Welt, des globalen Netzes, in dem man immer kleiner wird, klar herausgestellt wird, ist es gerade die Sprache, die einem das Lesen schwer macht.
Christian Schüle schreibt wunderbar philisophisch, atmosphärisch, poetisch und metaphorisch. Bildgewaltiger und stilmittellastiger kann ein Schreibstil fast nicht sein. Es ist ein Genuss die Sprachkonstrukte zu lesen und ihnen zu folgen. Aber es bleibt das Problem, dass diese Detailverliebtheit, die Konzentration und den Lesevorgang massiv hemmt. Oft hat man Mühe beim Lesen zu Erfassen, was der Autor von einem will, ist gezwungen Passagen öfters zu lesen, weil die Gedanken ins Nirwana verschwinden.
Außerdem fehlt es bei diesem Roman an einer gewissen Linie, der ständige Perspektivwechsel und gleichzeitige Wechsel zu verschiedenen Macharten der Literatur, lassen manches unstimmig erscheinen. Manchmal ist man als Leser sich nicht sicher, was der Autor erreichen will, soll es eine Wirtschafssatire sein, eine Sozialkritik, eine Dystopie oder doch etwas völlig anderes. Eine ganze Fülle von Eindrücken rieselt auf einen hinab und verschwimmt den klaren Blick auf die Geschichte, aufgrund seiner vielen äußeren Einflüssen und Unstimmigkeiten. Teilweise zu überspitzt kommen bestimmte Geschehnisse und trüben den eigentlich hervorragend ausgearbeiteten Realismus der Geschichte.

Fazit
'Das Ende unserer Tage' ist Satire, Sozialkritik und 'dystopie zugleich und hebt sich vor allem durch sein erschreckend realistisches Szenario hervor, die den Leser erzittern lässt. Einziges Manko ist die Machart des Romans, bei der Christian Schlüte oftmals den Bogen sprachlich wie inhaltlich zu sehr überspannt hat.
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Das Ende unserer Tage: Roman
Das Ende unserer Tage: Roman von Christian Schüle (Gebundene Ausgabe - 22. Februar 2012)
EUR 22,95
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