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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verrat und Sprache und Gewalt - das Opus Magnum eines spanischen Genies, 29. Juni 2010
Von 
Rainer Herzog "Borstentier" (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Dein Gesicht morgen: Gift und Schatten und Abschied (Gebundene Ausgabe)
Endlich ist der 3. Teil von "Dein Gesicht morgen" von Javier Marias erschienen, ich habe lange darauf gewartet und das Warten hat sich gelohnt.
Der Umstand, dass zwischen dem Erscheinen des 2. und des 3. Teiles dieser Trilogie inzwischen 4 Jahre vergangen sind, macht die ohnehin schon schwere, anspruchsvolle Lektüre nicht leichter: Man muß natürlich an die vorangegangenen Bände anknüpfen, sich erinnern, wer war dieser, wer war jener...oder (wie ich) die vorigen Bände noch einmal lesen (Eigentlich sind die Grundcharaktere und Themen dieses Buches aber durchaus überschaubar).

Ein großes Lob gebürt zweifellos Luis Ruby, der die Übersetzung nach dem plötzlichen Tod von Elke Wehr übernommen hat - ab Seite 278 bis zum Ende, man merkt keinen Break, keinen anderen "Stil" der Sprache.

Es gab einige negative Kritik an dem 3.Teil dieser Trilogie, u.a. im SPIEGEL, aber auch in "Literaturen": Natürlich haben Marias' Kritiker nicht ganz unrecht, wenn sie sagen, dass man den Inhalt der ca. 1600 Seiten auch gut auf 400 Seiten unterbringen könnte. Ja und? Das kann man auch von den "Brüder Karamasov" oder von "Moby Dick" sagen - m.E. ist die Sprache von Javier Marias unnachahmlich und wirkliche Kunst; eine Kunst der Reflexion und der gedanklichen Tiefe, die auf hunderten von Seiten konzentriert durchgehalten wird. Man muß natürlich nicht alles "annehmen" oder philosophisch bewerten/einordnen wollen, was der Autor oder der Protagonist, Deza, sagen und denken, darum geht es in den Büchern von Marias sowieso nicht.

Der 3. Teil ist in gewissem Sinne härter und grausamer als Band 1 und 2; vor allem der Anfang, wo Deza vom seinem Chef Tupra eine ganze Nacht lang Folter- und Gewaltvideos gezeigt werden, ging mir sehr nahe.

"Dein Gesicht morgen" ist ein sehr persönliches Werk von Javier Marias, sowohl Peter Wheeler (im Roman) als auch Dezas Vater haben im konkreten Leben von Marias ihr entsprechendes Äquivalent. Beide haben die Entstehung dieses Werkes, sowie ihr Auftauchen darin mit gespannten Interesse verfolgt, beide sind während der Arbeit an "Gift und Schatten und Abschied" gestorben.

Ich bin gespannt, ob Javier Marias nach diesen 1600 Seiten noch etwas schreiben wird, in Interviews deutete er an, dass er "Dein Gesicht morgen" als Höhepunkt und Ende seines Schaffens sehen würde.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Gespenster der Gewalt sind immer lebendig., 27. März 2010
Von 
Happyx - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Dein Gesicht morgen: Gift und Schatten und Abschied (Gebundene Ausgabe)
Ich liebe Bücher, die Philosophie, Zeitgeschehen, Gesellschaftskritik und spannende Handlung verknüpfen. Selten fand ich diesen Mix schöner formuliert als in diesem dritten Teil der Trilogie. Nichts, was man erzählen kann oder hört, kann nicht auch passieren, alles mixt sich permanent und niemand hat wirklich einsichtigen Durchblick durch die dünne Decke der Kultur, die uns u.a. von der Gewalt trennt.

Javier Marías ist u.a. auch Zeitungskolumnist, ein kritischer Berichterstatter aktuellen Zeitgeschehens, der z.B. die exibitionistische Geschmackssucht der Medienkonsumenten aufspießt, der hinter die aktuellen dekorativen Make-ups blickt. In den anfänglichen, langen, zerdehnten Gesprächen dieses Buches zwischen Jaime und Bertram wird literarisches Nachdenken z.B. über One Night Stands, Busenwunder, krankhafte Ruhmsucht und Gewalt zu einem Genuss der besonderen Art. Ich persönlich liebe diese für andere wohl eher langweiligen, sprunghaften Stellen in seinem Roman mehr als den Plot, der sich erst später, langsam, aber gewaltig entwickelt.

Bis zur Mitte des Romanes wird unsere Gesellschaft, die Medienkultur beschrieben, um dann die Wirkungen an einem ganz persönlichen "Fall" zu beschreiben.

Jaime Deza werden von Bertram Tupra nachts in einem abschweifend schönen Gespräch Gewalt- bzw. Foltervideos vorgeführt, die ihn schocken, die ihm das Gift der Gewalt langsam spürbar einflößen. Die bittere Erkenntnis in ihm wächst, dass jeder verführbar ist, sie lässt ihn selbst in sich die Unschuld verlieren. Schrittweise erkrankt er daran, Jaime kann die Bilder der Gewalt nicht mehr vergessen.

Die aktuelle gesellschaftliche Zustandsbeschreibung erhellt die markante Aneinanderreihung von 3 Worten: die Grillen, Torheiten und die Pein einer immer schneller plappernden Medienkultur. Sind sie nur andere Sündenböcke für das eindimensionale Kriegsgeschehen früherer Jahre, in dem Völker mit Vaterlandsliebe etc. aufeinander gehetzt wurden? Sind sie bessere Sündenböcke? Was macht Gewalt im Fernsehen mit uns? Wenn Sie diese Fragen in sich kreisen hören, dann ist dieses Buch eine gute Antwort, eine Ansage dünnster kultureller Schichten, die auf dem vermeintlich humanen Gesicht unserer Zeit liegen.

Im zweiten Teil des Buches, dem eigentlichen Krimi-Plot, erfährt Jaime die Leiden der sich in ihm entwickelnden, ganz persönlichen Gewaltbereitschaft, als er entdeckt, dass seine Frau wohl eine Affäre hatte. Mehr sei nicht verraten.

Viele Gedanken wiederholen sich in dem Buch, so wie dies Filme und Gewalt in unserer Umgebung Tag für Tag tun, eine Spiegelung der Gesellschaft und eine Hineinspiegelung in einen selbst. Wo wird Gewalt soweit dominant, dass sie den Sprung hinaus aus den Gedanken in die Tat wagt? Was macht TV mit uns, Gewaltszenen, Gewaltspiele?

Wenn Sie auf all diese Fragen eine Antwort suchen und nicht einen schnell dahingespannten Krimiplot, wenn Sie hinter die Dinge lesen wollen, in jenes, was unsere Gesellschaft ausmacht, warum Gewalt ein Teil unseres Lebens bleibt, dann werden Sie mit diesem Roman viele Antworten finden, aber nicht alle.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles ist erlaubt in Krieg und Liebe, 18. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Dein Gesicht morgen: Gift und Schatten und Abschied (Gebundene Ausgabe)
Ein alternativer Titel für eine Besprechung dieses phänomenalen 3. Teils der Trilogie könnte sein, "Man soll nie Jemandem etwas sagen", eine Lebensweisheit von Sir Peter Wheeler (SPW), ehem. Oxford Don, Spion während des Spanischen Bürgerkriegs und 2. Weltkriegs (und vielleicht noch viel länger danach).
Alles was in den zwei ersten Teilen akribisch aufgebaut wurde, kommt zusammen in diesem Schlussteil. Diese Trilogie ergibt sich als viel autobiographischer als dieser Leser am Anfang für möglich hielt. Die Trilogie ist Javier Mariás (JM)' Vater und SPW gewidmet. Beide verstarben vor einigen Jahren innerhalb von sechs Monaten im hohen Alter. SPW war also ein realer, für den Autor sehr einflussreicher Person, der in insgesamt fünf seinen Bücher auftrat.
Angst, Einschüchterung und Gewalt spielen eine Hauptrolle in diesem Schlussteil. Jaime (etc.) Deza sieht erschreckende Beispiele aus Bertram Tupra's offenbar sehr umfangreicher Sammlung von gefilmten Bestrafungen und Hinrichtigungen. Er kann es kaum ansehen, aber er erkennt zwei Leute: der eine als Opfer, der andere als Mörder. Kurz danach bekommt Deza Erlaubnis ein paar Wochen Ferien zu machen in Madrid. Dort werden seine tiefste Ängste über die Zukunft und Schicksal der Mutter seiner Kinder bestätigt. Sie wird offenbar von ihrem neuen Liebhaber verprügelt...
Er bittet Tupra um Rat, aber der sagt nur das er die Krise selbst, schnell und für immer lösen muss.
Wie es weitergeht ist Opera. Die Trilogie ist äußerst ideenreich. Dieser Leser fürchtet das er nach fast 1.500 Seiten vielleicht 60% des Ideenreichtums verstanden hat. Es ist ein Meisterwerk dass man mehrmals lesen soll. Hoffentlich verstehe ich anfangs 2011 schon 70%. Nur ein einziges Beispiel: kann die westliche Welt heutzutage ein langfristiges gewaffnetes Konflikt gewinnen mit der Gleichmütigkeit und Aufopferungsbereitschaft wie Gross Britannien während des 2. Weltkriegs? Die Antwort ist offenbar negativ. Prinzipien wofür jahrhundertelang Kriege geführt wurden, haben Platz gemacht für Verblödung und andere wesensfremde Ideen und Äußerungen aus der ehem. Peripherie. Also sprach Deza/Marías.
Dieser Leser ist nur teilweise Befürworter von solchen Gedanken. Deza ist ein problematischer Mischung einer gewalttätiger Geschichte, liebevoller Erziehung und perfekter Ausbildung. Trotzdem fehlt ihn etwas. Wie millionen von Spaniern während des Bürgerkriegs ist es am Ende der Trilogie Deza's Schicksal immer zu schlafen mit einem Auge offen.
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Dein Gesicht morgen: Gift und Schatten und Abschied
Dein Gesicht morgen: Gift und Schatten und Abschied von Javier Marías (Gebundene Ausgabe - März 2010)
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