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5.0 von 5 Sternen Über Kulturentwicklung..., 5. Februar 2007
Von 
Shaun - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Im wichtigsten Text dieses Bandes "Das Unbehagen in der Kultur" kommt Freud auf die in "Die Zukunft einer Illusion" drei Jahre zuvor gemachten Äußerungen zur Kulturentwicklung dadurch zurück, dass er Romain Rollands Kritik an dieser ersten Schrift zum Ausgangspunkt einer erweiterten Theorie macht (Freud hatte darin Religion als Illusion, also Wunschvorstellung bezeichnet, Rolland jedoch verwahrte sich als religiöser Mensch dagegen und nannte sein "ozeanisches" Gefühl einer Verbundenheit mit dem "Ewigen", "Unbegrenzten" eine primäre Quelle religiöser Energie, die er einfach habe, fertig aus).

Der Ausgangspunkt hin zur kulturellen Entwicklung beginnt für Freud zunächst mit dem Streben des Menschen nach Glück als entweder (negativ gewendet) Meiden von Schmerz und Unlust oder (positiv ausgedrückt) Erleben starker Lustgefühle. Aber dieses Lustprinzip wird von drei Seiten mit Leid bedroht: vom eigenen Körper, von der Außenwelt und von anderen Menschen, in der Leidvermeidung entwickelt es sich notgedrungen weiter zum Realitätsprinzip. Zu den verschiedenen Möglichkeiten der Leidabwehr kann neben Intoxikation und Triebabtötung durch z.B. Yoga aber auch die sogenannte Libidoverschiebung zählen, also die innerpsychische Sublimierung der Triebe hin zu beispielsweise Kunst und Wissensdrang, so dass einem die Nichterfüllung der primären Wünsche nichts anhaben kann. Für manche Menschen bleibt allerdings nur der krankhafte Weg der Flucht in die Neurose. Für die Kulturentwicklung sind Triebverzicht und Triebsublimierung ganz wichtige Prozesse.

Kultur dient nach Freud a) dem Schutz des Menschen gegen die Natur und b) der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander. Letztlich wird die Macht des Einzelnen durch die der Gemeinschaft ersetzt, damit entstehen Recht und Gerechtigkeit, um den Einzelnen um der Anderen willen einschränken zu können.

Neben den libidinösen Triebregungen (Eros als verbindende Kraft) erkennt Freud jedoch auch nicht minder mächtig einen Aggressions- bzw. Destruktions-/Selbstvernichtungstrieb ("Homo homini lupus" - "Der Mensch ist des Menschen Wolf", nach Plautus), der ihm das Bibelwort "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" als Überforderung erscheinen lässt, die selbst sogar gerade in Hinblick auf ihre Unerreichbarkeit aggressive Tendenzen auslösen kann. Die Aggressionsneigung bedroht den Einzelnen wie auch die Kulturentwicklung. Das Ausleben von Aggression nach außerhalb wiederum ermöglicht Libidobestrebungen innerhalb der Gemeinschaft, auf diese Weise erklärt sich nach Freud gerade der Hass benachbarter Gemeinschaften wie etwa Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten. Der Kampf beider Triebe (also des aufbauenden und des zerstörenden) um die Vorherrschaft finde sowohl innerhalb des Menschen, wie auch in der Kulturentwicklung statt.

Im Menschen, der sich die Aggression nicht auszuführen gestattet, kommt es dann zur Verschiebung, zur Introjektion der Aggressionslust in das Über-Ich, daraus entsteht das Gewissen und das Schuldbewusstsein als Spannung zwischen dem strengen Über-Ich und dem unterworfenen Ich (Angst des Kindes erst vor der Autorität, später als Erwachsener vor dem Über-Ich). -

Der lesenswerte Band enthält noch folgende Schriften Freuds: "Das Unbehagen in der Kultur" (1930), "Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität" (1908), "Zeitgemäßes über Krieg und Tod" (1915), "Warum Krieg?" (1933) und "Massenpsychologie und Ich-Analyse" (1921).

Wer "Die Zukunft einer Illusion" (1927), "Totem und Tabu" (1913), "Zur Gewinnung des Feuers" (1932) und "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" (1939) ebenfalls lesen mag, der greife allerdings gleich zum 9. Band der wunderbar aufbereiteten Freud-Studienausgabe im S. Fischer-Verlag. (4.02.07)
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer der interessantesten Texte von Freud, 1. Januar 2005
Von 
Roman Werner (Lübbenau/Spreewald) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Zentrales Thema dieser Schrift von Freud ist das Verhältnis von Individuum und Kultur, die unvereinbar seien und als Folge zum Unbehagen beim Individuum führen.
Der Mensch hat - ständig nach Triebbefriedigung strebend - keine Chance, glücklich zu werden in einer Kultur, die maßgeblich auf Triebverzicht aufgebaut ist.
Die Unmöglichkeit des Auslebens der eigenen Triebe, die kulturell nicht akzeptiert seien, führe dazu, dass die Menschen sich auf "Methoden des Lustgewinns und der Unlustvermeidung" einlassen. Freud nennt hier u.a. die Verwendung von Rauschmitteln, Libidoverschiebung bzw. Sublimierung, die "Flucht" ins Irreale, den wahnhaften Versuch, die Realität zu verändern, die Flucht ins Neurotische, sowie "eine auf dem Glückswert der Liebe gegründete Lebenstechnik".
Von Interesse ist außerdem das von Freud (nicht nur) in diesem Werk gezeichnete Menschenbild. Der Mensch wird in seinen Beziehungen dargestellt als seinen Trieben unterliegender "reißender Wolf" (homo homini lupus), was dieses Werk vor allem sozialpsychologisch interessant macht. Ein zu dieser Auffassung kontrastives Bild zeichnet das Spätwerk Alfred Adlers (Der Sinn des Lebens), bei dem sich der Mensch als ein von Gemeinschaftsgefühl geleitetes Wesen wiederfindet.
Herbert Marcuse hat den Freud'schen Antagonismus zwischen Kultur und Individuum aufgegriffen und reformuliert (Der eindimensionale Mensch). Der Antagonismus löse sich in einer Eindimensionalität zunehmend auf, die tanszendentale kulturelle Qualität löse sich dadurch auf, dass der Mensch sich insbesondere durch repressive Entsublimierung bei gleichzeitig glücklichem Bewusstsein (bzw. "happy consciousness") die Kultur mehr und mehr den eigenen Triebregungen angleiche.
Insgesamt also ein absolut lesenswertes Buch, das eine Menge Denkanregungen mitbringt und zu kontroverser Diskussion anregt.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eros und Ananke, 28. Januar 2007
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
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"Nach langem Zögern und Schwanken haben wir uns entschlossen, nur zwei Grundtriebe anzunehmen, den Eros und den Destruktionstrieb. [...] Das Ziel des ersten ist, immer größere Einheiten herzustellen und so zu erhalten, also Bindung, das Ziel des anderen im Gegenteil, Zusammenhänge aufzulösen und so die Dinge zu zerstören. [...] Wir heißen ihn darum auch Todestrieb." (Abriss der Psychoanalyse, Zweites Kap. Trieblehre) Auf ihnen beruht unsere Kultur. Und im vorliegenden Buch heißt es weiter: "Eros und Ananke sind auch die Eltern der menschlichen Kultur geworden."

Die Psychoanalyse Freuds ist im Allgemeinen und in erster Linie als therapeutische Veränderungsform bekannt und teilweise geachtet. Freud jedoch ging es hauptsächlich um die Wahrheiten, die er mit der Psychoanalyse über das Wesen der Menschen und ihre konfliktreiche Verflechtung mit der sie umgebenden Kultur ausfindig machen wollte. Auf dieser Suche stieß Freud auf sehr unangenehme Wahrheiten über unsere Kultur. Er hält unserer Kultur den Spiegel vor, und es geht einer kritischen psychoanalytischen Forschung und Tradierung von Freuds Werk darum, das Unbehagen in der Kultur auf seine Relevanz für heutige Verhältnisse hin zu befragen.

Aus der Welt, wie sie ist, können wir nicht fallen. Wir sind darin und müssen uns ihr stellen. Das heißt, dass das subjektive Ich sich nach Außen zu richten hat, Ich-Grenzen, auch in ihrer Unbeständigkeit sind aufzulösen, die Lust hat sich dem drohenden Draußen zu stellen. Die einmal gemeinte Vollkommenheit des Ichs wird aufgelöst, weil quasi die Außenwelt abgeschieden wird. Kann also das Ursprüngliche neben dem daraus entstandenen Späteren bestehen?

Von hieraus entwickelt Freud seine Ideen der Subjekt (Individuum)-Kultur Beziehung. In insgesamt acht Abschnitten unterteilt, geht er der Frage nach dem Verhältnis und Umgang des Menschen zu der ihn umgebenden Kultur nach. Überlegungen zur Rolle und Bedeutung von Glück, Unglück und dem Gefühl der Aggression in unserer Kultur (vgl. Sloterdijk 2006, Zorn und Zeit), die eine Kultur der Vermeidung von Leiden und der Todesverdrängung ist; in der das Ende des Alterns proklamiert werde, in der das Fehlen von Trauerritualen Symptom einer Unfähigkeit zu trauern und Ursache eines chronischen Leidens sei.
Leiden wird aus drei Quellen geboren: 1. Übermacht der Natur, 2. Hinfälligkeit des Körpers, 3. Unzulänglichkeiten im menschlichen Beziehungsgeflecht. Nun, da 1. und 2. nicht beeinflussbar sind, bleibt Aktivität für die Beziehung. Nimmt man an, dass Glück in primitiven Verhältnissen am größten war, trägt die Kultur Schuld an unserem Elend. Damit und in Folge ist Kulturfeindlichkeit genährt vom Boden einer langen Unzufriedenheit. Die Kultur versagt dem Menschen subjektive Befriedigung durch auferlegte Ideale, die in einer ins Primitive zurückgeführten Welt keine Gültigkeit haben. Voltaires Candide beschreibt das reiche Volk als eines, das den menschlichen Grundzügen des Zusammenseins nicht entgegen wirkt durch die Untugenden, die durch Reichtum entstehen. (siehe Voltaire 1759, Candide). [Die Frage, ob die Philosophischen Bissen von Kierkegaard nicht Freuds Denken beeinflusst haben, ist wohl offen.]

"Kultur wird als die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur [1. und 2. werden eliminiert] und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander." Die entscheidende Kulturleistung, der Triebverzicht, das Akzeptieren der Einschränkung der eigenen persönlichen Freiheit, ist, um es mit Freud zu sagen, in unserer Welt der Fehlverteilung von Wohlstand, in der Überproduktion neben Hungerkatastrophen steht, ungerecht verteilt. Freud schreibt dazu: "Es ist nicht so leicht zu verstehen, wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung zu entziehen."
"Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen." Dieser Satz ist der Anfang Freuds Überlegungen und macht hier schon deutlich, dass sein Unbehagen in der Kultur geprägt ist vom Fehlen menschlicher Beziehungs- und Wertvorstellungen. Damit ist es für das 21. Jahrhundert höchst aktuell. Aber durch die Erhöhung subjektiver Befindlichkeiten in dieser globalen Welt, ist mit der conclusio Freuds nicht zu spaßen.

Sein Essay dient der Diagnose und sein Endergebnis ernüchtert, wenn er sagt: "dass der Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird."
Schuldgefühl ist eine Triebfeder der Aggression. Es ist subjektiv auf Personen wie auf Nationen bezogen und beeinträchtigt das zufriedene, friedliche Glücksmoment. "Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen", schrieb der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche
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13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zu Das Unbehagen in der Kultur und Warum Krieg?, 26. August 2003
Zu Das Unbehagen in der Kultur. - Was ist der Sinn des Lebens? Man weiß es nicht. Was ist der Sinn, den die Menschen dem Leben geben, d. h. worauf zielt ihr ganzes Streben? Auf Glück. Die Menschen wollen glücklich sein, oder - wenn sie mit dem Alter gereift sind und erkennen, dass dies wohl auf ewig ein frommer Wunsch bleiben wird - zumindest Unglück und Leid vermeiden.

Kultur und Gesellschaft sind aus diesem Streben heraus erwachsen und entwickeln sich ob dieses Zweckes weiter fort und fort. Kultur und Gesellschaft also als die Orte, in denen das Glück zuhaus ist, oder zumindest als die Orte, zu denen Unglück und Leid keinen Einlass haben. Tatsächlich? Freud, und unsere Zustimmung ist ihm ohne Zweifel gewiss, ist da anderer Ansicht. Doch warum ist dies so? Woher stammt dies Unbehagen in der Kultur, fragt er sich - und wir uns mit ihm - und geht dieser Frage auf den folgenden rund 80 Seiten, auf im Ergebnis psychoanalytischem Wege, nach...

Sigmund Freuds kulturtheoretische Schrift enthält interessante, anregende und richtige Gedanken, Anleihen bei Arthur Schopenhauer (und Auseinandersetzung, wohl eher unbewußt, mit ihm) sind ebenso wenig zu übersehen wie die Tatsache, dass Theodor W. Adorno später Gedanken aufgreifen und weiterentwickeln wird, die Freud bereits ein paar Jahrzehnte früher, in der vorliegenden Schrift, äußert.

Obwohl eine interessante und anregende Lektüre, muss ich gestehen, dass mir das Ergebnis dieser psychoanalytischen Analyse der Gesellschaft nicht recht behagt. Es ist mir letztendlich doch wohl zu 'freudsch', um mich wirklich damit anfreunden zu können. Mehr Bedeutung messe ich den Gedanken bei, die Freud eher am Rande erwähnt, ohne tiefsinniger darauf einzugehen, bzw. weiterzudenken. Ein hochinteressanter, richtiger und wichtiger Ausgangspunkt, doch der Weg, auf welchem der Frage nachgegangen wird, ist nicht primär der meine.

Zu Warum Krieg? - Ebenfalls ein sehr interessanter und lesenswerter Aufsatz Freuds (in Form eines Briefs an Albert Einstein), in dem er tatsächlich NICHT der Frage "Warum (gibt es) Krieg(e)?" nachgeht, sondern vielmehr bemüht ist, auf Einsteins an ihn gerichtete Frage "was man tun könne, um das Verhängnis des Krieges von den Menschen abzuwehren", Antwort zu geben.
Warum aber wurde dieser Aufsatz/ Brief dann mit "Warum Krieg?" betitelt? Freud erkennt ganz richtig, dass, bevor Einsteins Frage beantwortet werden kann, erstmal die Frage beantwortet werden muss, warum es überhaupt zu Kriegen kommt - Erst wenn eine Antwort darauf gefunden ist, kann überlegt werden, wie Krieg zukünftig verhindert werden kann, und es zeigen sich eben diese Überlegungen Freuds, obwohl sie genau genommen nur Mittel zum Zweck sind, als eigentlicher Kern seiner Ausführungen und führen Einstein als auch den Leser in Freuds Theorie vom Eros sowie vom Destruktions-, bzw. Todestrieb ein.

Zweifelsohne war Sigmund Freud ein kluger Mann und scharfsinniger Denker, dessen Gedanken nachzudenken und sich mit ihnen zu beschäftigen, eine außerordentlich lohnende Angelegenheit ist. Wer Interesse an Freud hat und Wahrheit bei ihm findet, dem lege ich sehr ans Herz, den oben bereits erwähnten Arthur Schopenhauer vorzunehmen; Schopenhauer war ein großer Psychologe und sein Werk ist eine unerschöpfliche Schatztruhe brillanter Gedanken und Weisheit. Freud war offensichtlich sehr von Schopenhauer beeinflusst, was er jedoch bedauerlicherweise nur allzu selten ausgesprochen hat.
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen freuds philosophie-geschichtliche bedeutung ..., 26. Februar 2003
Von 
FrizzText "frizz" (Wuppertal) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)   
mit seinen kultur-theoretischen schriften steuert freud an, was man ihm eigentlich ohne zögern eigentlich schon immer zugestehen müsste: dass er wesentlichen anteil auch an der philosophischen selbst-bestimmung des menschen hat. nachdem die geborgenheiten des christlichen weltbildes zersprungen waren, die philosophen-branche mit kierkegaard das zurückgefallensein auf die schiere individualität proklamiert hatte, sogar die einseitigkeit naturwissenschaftlichen erkennens schon seit KANT bewusst war - lieferte freud, natürlich präziser als nietzsche (der es zuweilen mehr pathologisch als erkennend in sich rumoren fühlte): psychoanalytische details. während schopenhauer noch relativ dumpf den willen als treibende kraft des weltgeschehens ausmachte und dem verstand nur die rolle eines zaungastes zuwies, wurde freud konkreter: die triebkraft, ja die destruktions-kraft des menschen sei der kern des zu beachtenden. mühselig sublimiert in braves verhalten, kippe es denn doch allzu oft in selbst-aggression um - oder in fremd-aggression. es ist freuds verdienst, dies als anthropologische grundkonstante eingehämmert zu haben. freud ist somit mit schopenhauer völlig deckungsgleich, was die pessimistische grundstimmung anbetrifft. die naivität der damals aktuellen lebensphilosophie teilt er also nicht, nicht einmal den gewissen optimismus des bei henri bergson beginnenden existentialismus - wen wunderts: er war machtlos eingekeilt zwischen zwei weltkriegen. seine befreiend distanzierten kultur-theoretischen schriften sind somit vielleicht noch viel bedeutsamer als der düstere nah-bereich seiner kranken-geschichten ...
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12 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von den unsichtbaren Winden die uns biegen und verbiegen, 1. September 1999
Von Ein Kunde
"Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. Die Menschen haben es in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzen Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung." (Sigmund Freud)
Wer die Schriften dieses Buchs - "Das Unbehagen in der Kultur", "Die >kulturelle< Sexualmoral und die moderne Nervosität", "Zeitgemäßes über Krieg und Tod", Warum Krieg?" - eingehend studiert, wird erfahren, worum es Freud in seinen kulturtheoretischen Schriften zentral ging: Um die Wechselwirkung zwischen Individuum und Kultur. Gemeinsam ist allen diesen Texten die These vom "Antagonismus" zwischen Kultur und Triebleben des Menschen, zwischen den von der Kultur dem Menschen auferlegten Begrenzungen und Zwängen und dem jedem Einzelnen eigenen Streben nach Freiheit und Selbstentfaltung. Später hat sich Freuds Sichtweise dann mehr auf den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb verlagert, und dies begründet mit die erstaunliche Aktualität des Freudschen kulturtheoretischen Denkens in unserer Zeit. Zudem ist es auch sprach- und formstilistisch ein Genuß, Freud zu lesen. Ein "Muß" für alle, die mehr über die uns zunächst und zumeist verborgenen Hintergründe und Zusammenhänge in unserer Gesellschaft oder "Lebenswelt" wissen wollen.
[Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.] (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Extrem lesenswert!, 14. August 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Unbehagen in der Kultur: Und andere kulturtheoretische Schriften (Fischer Klassik) (Taschenbuch)
Ich halte die Schrift, die dieser Sammlung ihren Namen gibt, für eine der wichtigsten, die Freud je verfasst hat. Wer wissen möchte, warum Kultur ein Unbehagen mit sich führt und was dies mit der Annahme zu tun hat, dass ein Säugling noch keinen Unterschied zwischen sich und der Außenwelt machen kann, ist hiermit bestens bedient. Sie kann zurecht als tiefenpsychologisch oder sogar metapsychologisch bezeichnet werden und lässt sich sogar für Menschen gut lesen, die harten akademischen Stoff nicht unbedingt gewohnt sind, da der alternde Freud hier recht moderat mit der Sprache umgegangen ist. Die fünf Punkte, die ich dieser Schrift gebe, stehen dafür, dass ich sie für eine der wenigen Schriften halte, in der man wirklich etwas Wesentliches über den Menschen und seine Kultur erfährt.
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Das Unbehagen in der Kultur: Und andere kulturtheoretische Schriften (Fischer Klassik)
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