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am 7. April 2009
Stefan Zweig widmet sich in "Castellio gegen Calvin" innerhalb seines Werkes nicht zum ersten Mal dem Zeitraum der Reformation. Auch in diesem historischen Essay lässt er anhand zweier Protagonisten und Symbolfiguren dieser mittelalterlichen Epoche die Prinzipien von Totalität/Ideologie und Toleranz/Menschlichkeit gegeneinander laufen und zeigt auf, dass man sich immer gegen Despotie und Unterdrückung wehren kann und sollte, auch wenn der äußerliche Widerstand lebensbedrohlich wird.
Sehr präzise ist die Moral herausgearbeitet, die uns an unser Gewissen mahnen soll, dass keine noch so gut klingende (politische) Sache durch Gewalt zu erzwingen sein kann und es vielmehr andersherum gehen müsse, dass Menschen sich ihre Wahrheit selbst wählen und mit ihren differierenden Weltanschauungen friedlich koexistieren können. Das gerade Menschliche heißt zu lernen den Andersdenkenden zu achten (ganz im Sinne von Rosa Luxemburg: "Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden)
Zweig stellt sich somit gegen jedwede Gesinnungsdiktatur und sagt: " Unsere Welt hat Raum für viele Wahrheiten und nicht nur für eine, und wenn die Menschen wollten, könnten sie ..." usw. (S.156)
Ebenso fordert Zweig das ein, was Karl R. Popper tendenziell mit der "intellektuellen Redlichkeit" meinte, auch wenn sich dies hier besonders auf die Exegese der Bibel und auf Religionsfreiheit bezieht: "Alle Wahrheiten, insbesondere aber die religiösen, seien bestreitbar und vieldeutig, 'darum ist es anmaßend, über die Geheimnisse, die Gott allein angehören, mit solcher Rechthaberei zu streiten, als ob wir teilhätten an seinen verborgensten Plänen, und es ist Hochmut, sich eine Gewissheit über Dinge vorzutäuschen und vorzuspiegeln, von denen wir im Grunde nichts wissen".

Unser menschliches Wissen ist begrenzt und noch viel mehr unser individuelles Wissen und wenn wir glauben, wir hätten das Recht aufgrund unserer Annahmen und Meinungen andere Menschen zu unterdrücken, dann fehlt uns die gesunde Ehrfurcht vor dem was Wissen an sich darstellt, wie dies Sokrates am eindruckvollsten in der Philosophiegeschichte verkörperte.
Der Zusammenprall von Gewissen und Gewalt ist humanistisch immerschon vorgeschrieben und Zweig macht klar: "...Blut beschmutzt jede Idee, Gewalt erniedrigt jeden Gedanken." (S.158) und warnt somit exemplarisch vor jederlei extremistischer Auslegung und Handhabung von Weltbildern und -anschauungen.

Zweig's historische Erzählung ist reich an sprachlichen Bildern, aber auch Fragen und Imperativen. Er hält die humanistische Idee hoch, auch wenn manchmal das Idealistische ein bisschen zu aufgeladen wirkt, so zeigt sich darin nicht nur seine Zeit, sondern auch darüberhinaus die unsrige, denn das "sinnvolle Paradox" ist ja, dass man das, was man die humanistische Idee nennen könnte nicht überbetonen kann, auch wenn sich die Ergebnisse nicht immer gleich zeigen. Zweig schreibt: "Weil die Gewalttätigkeit sich in jedem Zeitalter in andern Formen erneut, muß auch der Kampf gegen sie immer wieder von den Geistigen erneuert werden; nie dürfen sie flüchten hinter den Vorwand, zu stark sei zur Stunde die Gewalt und sinnlos darum, sich ihr im Wort entgegenzustellen. Denn nie ist das Notwendige zu oft gesagt und nie die Wahrheit vergeblich. Auch wenn es nicht siegt, so erweist doch das Wort ihre ewige Gegenwart, und wer ihr dient in solcher Stunde, hat für seinen Teil bewiesen, daß kein Terror Macht hat über eine freie Seele und auch das unmenschlichste Jahrhundert noch Raum für die Stimme der Menschlichkeit." (S.160)

Dieses Buch gehört in jeden Haushalt, denn es führt das menschliche Gewissen nicht auf Gott oder irgendetwas zurück, sondern auf dessen Träger. Der Mensch ist für sein Handeln im de facto sokratischen Sinn (daimonion) selbstverantwortlich und kann entgegen jeder Prägung weitestgehend autonom die Entscheidung fällen, ob er zum Töten bereit ist oder sich seinem (positiv gemeinten) Unwissen gemäß auf die sicherlich schwierige Komplikation einlässt gewaltfrei zu handeln und jeden Anderen zu behandeln, wie er selbst behandelt werden möchte.
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am 13. April 2011
Einmal mehr hat Stefan Zweig eine schattenscharfe Studie zweier Giganten vorgelegt: Der Religionsstifter Calvin und der Gelehrte Castellio.

Genf, Mitte des 16. Jahrhunderts: In Europa toben die Religionskriege und der Franzose Calvin muß mit seinen protestantischen Ansichten nach Genf flüchten. Dort baut er nach einem kurzen Exil Zug um Zug eine fanatische, calvinistische Religionsdiktatur auf. Alles - aber auch wirklich Alles - was einem Menschen Freude bereiten könnte wird verboten. Nur arbeiten und beten und sterben dürfen die Menschen. Bleiern und endlos ist Calvins Macht und Meinungsdiktatur, die den Menschen sogar vorschreiben will, was sie denken sollen. Genf und sein Umland werden mehr und mehr eine einzige Diktatur des vom religiösen Fanatismus zerfressenen Calvin.

Castellio begehrt einmal gegen ihn auf und muß dafür ins Exil nach Basel gehen, denn Calvin duldet nicht einmal den Hauch einer Kritik, oder gar eines Widerspruchs. Dann taucht ein weiterer Charakter auf: Michael Servet. Ein verirrter Gelehrter, aufgrund seiner äußerst radikalen protestantischen Thesen aus Spanien und Frankreich vertrieben. Er stellt Thesen auf, die Calvin zur Weißglut treiben. Und der arme Servet denkt sich in Calvin einen Freund. Calvin ist empört und erschüttert und kennt nur noch eines: die Vernichtung von Servet.

Nach Flucht und Vertreibung kommt - wie es das Schicksal nun einmal so will - Servet nach Genf. Er wird sofort in den Kerker geworfen - ohne Anklage, ohne Prozess! - und wird gefoltert, damit er seiner Irrlehre abschwört, doch er weigert sich und wird gefoltert und aufs grausamste hingerichtet. Damit ist die Büchse der Pandora durch Calvin geöffnet worden. War es doch die katholische Inquisition die durch Folter und Hinrichtung die Protestanten weltweit vereinte, so sind jetzt auch die Protestanten zum Äußersten gegangen. Auch Calvin kennt nun Ketzer und Irrgläubige und die müssen mitsamt ihrer Lehre vernichtet" werden.

Da tritt Castellio auf den Plan, der alte Erzfeind des dogmatischen und fanatischen Calvins. Er prangert die Hetze und Jagd Calvins an, denn die protestantische Welt ist sich untereinander nicht einig, was die eine" Lehre ist. Castellio klagt auch an, warum eben jene ursprünglich einmal selbst verfolgten und unterdrückten Protestanten nun auch zur Inquisition greifen. Ein Machtkampf entfaltet sich zwischen Calvin und Castellion: erbittert, hasserfüllt, dogmatisch und fanatisch mit persönlichen Beleidigungen greift Calvin wutschnaubend Castellio an. Castellio wiederum legt in einem Buch ein Manifest für Toleranz und Glaubensfreiheit vor, das lange Zeit vergessen wurde und doch zu späterer Blüte im nächsten Jahrhundert gelangt. Mit Logik, ja, sogar mit Calvins ureigenen Thesen widerlegt er den Genfer Hetzer und entfaltet ein ungehörtes und für manchen damaligen Zeitgenossen unerhörtes Plädoyer für die Freiheit und die Toleranz vor.

Eine wunderbare Charakterstudie, wie aus einem ursprünglich mit guten Absichten erfüllter Religionsstifter eine grausame Religionsdiktatur aufbaut und wie ein einsamer, gelehrter Mann mit weisen Thesen niedergemacht werden soll und wird - der unschuldig schuldhaft wird und viel zu lange vergessen wurde.
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am 9. Juli 2012
Diesen Text von Stefan Zweig habe ich nicht gekannt, beim Stöbern im e-book Angebot bin ich über die vielen guten Rezensionen auf ihn gestoßen. Habe mit Begeisterung das Buch gelesen und kann es nur jedem weiterempfehlen!
Es ist ein zeitloses Werk, hat nichts eingebüßt an Aktualität, im Gegenteil: Es ist Ermahnung in unseren Tagen, Humanität und Freiheit und Menschenrecht als oberste Priorität der Weltordnung zu verteidigen und von Generation zu Generation die Idee weiterzugeben, dass die geistige Freiheit, der zwischenmenschliche Respekt, die Achtung vor der Würde des Einzelnen Grundlage der Gesellschaft sein müssen und als solche bewahrt. Das Werk entlarvt die Tyrannei, es entlarvt die Verführung der Macht, es gibt stellvertretend für Millionen, die leiden mussten und auch heute leiden, einem der Opfer ein Gesicht, schafft in einem Fall ein Stück Gerechtigkeit. Absolut lesenswert!
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am 29. Oktober 2012
Stefan Zweig kleidet sein Manifest für die Zivilcourage in eine Romanbiographie: nachdem Genf reformiert und Jean Calvin zum Stadtprediger ernannt worden war, stellte sich für die gelehrte Welt seiner Zeit ziemlich deutlich, daß dieser Mann keine Wahrheit neben der von ihm verkündeten Wahrheit zu dulden gewillt war, daß seine gegenüber der katholischen Kirche erhobene Forderung nach Toleranz in dem Moment Schall und Rauch war, als er selbst an der Macht und gefordert war, diese Toleranz zu gewähren und daß er zur Durchsetzung seines geistigen und weltlichen Machtanspruches auch zu sehr kleinlichen und äußerst hinterhältigen Mitteln zu greifen geneigt war. Ein rein theologischer Disput mit dem Arzt und Gelehrten Servet(ius) führt dazu, daß Calvin diesen, als er sich in Genf aufhält (warum ist unklar), verhaften lässt und einen inszenierten Prozeß durchführen lässt (O-Ton in der sonntäglichen Kanzelrede zum wünschenswerten Urteil inbegriffen), der mit der Verurteilung Servets zum Feuertod und einer anschließenden Verbrennung endet. Damit ist Servet der erste, der von den Protestanten (die zeitgleich in Frankreich und anderen Ländern noch als Ketzer verfolgt und verbrannt wurden!) als Ketzer verfolgt und verbrannt wurde. Der Aufschrei der gelehrten und der protestantischen Welt dagegen war leise, aber er ist nach fünfeinhalb Jahrhunderten immer noch vernehmbar. Zweig schildert vor allem das Schicksal des Sebastian Castellio, der (nachdem auch er in früheren Jahren mit Calvins Führungsanspruch aneinandergeraten war) in Basel ein Manifest gegen diesen Justizmord veröffentlicht hat. Das Fazit, daß der Preis für ein gutes Gewissen ein sehr hoher sein kann, sich davon aber niemand abhalten lassen darf, tröstet allerdings kaum. Aber daß die Diktatoren aller Länder bis heute nicht begriffen haben, daß ihre gefährlichsten Gegner die sind, die sie mit Umbringen-Einsperren-Verbannen in die Knie zwingen wollen, das verstehe wer will. Und ich würde mir wünschen, das Reformationsmuseum in Genf hätte so viel Mut und würde auch diese Geschichte erzählen, statt nur die Sonnenseiten der Reformation zu beleuchten.

Das Buch wurde im Jahre 1936 fertiggestellt, nachdem Stefan Zweig aus Österreich nach London emigriert war. Das sollte man beim Lesen im Hinterkopf behalten, denn die wenigen einzelnen (Sebastian Castellio und Miquel Servet), die hier gegen den bereits übermächtigen Vertreter einer totalitären Idee (Calvin) antreten, sind in den allgemeingültigen Aussagen des Buches (die allerdings knapp die Hälfte des Textes ausmachen) nur Platzhalter für die Vertreter totalitärer Ideen im 20. Jahrhundert (wobei der Autor keine Vorstellung davon hatte, daß bis 1936 nur ein Bruchteil aller denkbaren Greuel des Jahrhunderts stattgefunden hatte). Damit spiegelt sich das Buch sehr geschickt (und ohne, daß dies manieriert wirkt) jenes anderes Buch, das Sebastian Castellio (alias Martin Bellius) als Manifest der religiösen Toleranz verfasst hatte: "De haereticis an sint persequendi…“ – (ob man Ketzer verfolgen muß oder wie man mit ihnen umgehen sollte), das den entscheidenden Anstoß, den Justizmord Calvins an Servet, überhaupt nicht erwähnte.
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TOP 500 REZENSENTam 3. März 2007
Stefan Zweigs Buch führt den Leser zurück in die turbulenten Gründungsjahre der europäischen Reformation, genauer gesagt, in die Stadt Genf, in der es nur ein Jahr nach den Wiedertäuferexzessen von Münster dem aus Frankreich zugewanderten Prediger Calvin gelingt, am 21. Mai 1536 die Bürger der Stadt zu einem Eid auf seine Variante der Reformation zu verpflichten. Dass damit nach gut calvinistischem Geist der Abschied von allen Lebensfreuden verbunden war, merkten die Bürger aber erst später, so dass sie schon bald ihren Entschluss bereuten und den Prediger im Jahre 1538 wieder vor die Türe setzten - nur um ihn am 13. September des gleichen Jahres wieder demütig zurückzuholen, weil sich in seiner Abwesenheit Chaos und Liederlichkeit der Stadt bemächtigt hatten. Diese Wankelmütigkeit der Menschen, ihre Sehnsicht nach Ordnung und Sinn auf der einen Seite, aber auch ihre Verfallenheit an die Sinnlichkeiten des Alltags und das damit einhergehende schlechte Gewissen sind die Kräfte, aus der sich von nun Calvins Macht bis ins Unermessliche nähren soll. Aus dem ehemals so freiheitlichen Republik Genf wird das "neue Jerusalem des Protestantismus", ein totalitärer Gottesstaat, der gegen jede Abweichung mit mörderischer Konsequenz vorgeht. Freie Bürger wie der hoch gebildete Humanist Castellio (1516-1563), die gegen diese Tyrannei rebellieren, können von Glück sagen, dass sie mit der Verbannung aus der Stadt davonkommen.

Erheblich schlechter als Castellio ergeht es dagegen dem Theologen Michel Servet, der nur wenige Jahre nach Calvins epochaler "Insitutio" seine "Resitutio" vorlegt, eine Schrift, die sowohl die katholische Inquisition wie auch die reformierten Kirchen in Deutschland und der Schweiz entsetzt. Servets muss untertauchen und findet nach einigen abenteuerlichen Lebensetappen unter falschem Namen eine Stellung als Leibarzt beim Bischof Palmier von Vienne. Kein Geringer als Calvin, der jedem Abweichler nach dem Leben trachtet, denunziert den Dissidenten beim katholischen Großinquisitor in Lyon. Als es dem gefangen genommenen Servet trotzdem gelingt, aus Frankreich zu fliehen, wird er auf der Durchreise in Genf festgenommen, auf Betreiben Calvins zum Tode verurteilt. und am 27. Oktober 1553 vor den Toren von Genf bei lebendigem Leibe verbrannt.

Dieser Mord an einem Abweichler wird zur geistigen Wegscheide der europäischen Reformation. Unter dem Pseudonym Martinus Bellius verfasst der inzwischen in Basel lebende Humanist Castellio eine Kampfschrift, in der er nachweist, dass "Ketzer" einfach nur "Abweichler" bedeutet und dass auch Calvin selbst als Verfolgter in seiner "Institutio" von Franz I Toleranz gegen Abweichler gefordert habe. Leider kommt es zu keiner öffentlichen Auseinandersetzung der beiden Positionen, da es Calvin gelingt, die Drucklegung der Castellios Schriften über die Zensur zu verhindern. Bald tauchen die Agenten Calvins sogar in Basel auf, um einen Ketzerprozess gegen Castellio anzustrengen, da stirbt der Humanist völlig überraschend ( und wahrscheinlich zu seinem Glück ) im Jahre 1563 im Alter von nur 48 Jahren.

Wie geht die Geschichte weiter? Der für Calvin so peinliche Mord an Servet wird bald vergessen, und mit den Erfolgen der calvinistischen Mission in ganz Europa steigt der Finsterling aus Genf zur weltgeschichtlichen Figur auf, zu einem Weichensteller der Moderne, der sogar die Entstehung des Kapitalismus mit beeinflusst (S 219) - aber auch zum Vorbild und Ahnherrn aller totalitären Charaktere des 20. Jahrhunderts. Und was wurde aus Castellio? Kamen seine Ideen zu früh, so dass er nichts bleibt als eine halb vergessene Fußnote der Geistesgeschichte? Nein, antwortet Stefan Zweig, denn es dauerte nur ein halbes Jahrhundert, bis holländische Remonstranten, die als Abweichler innerhalb des Calvinismus agierten, Castellios Schriften wieder entdeckten und im Jahre 1612 eine erste Gesamtausgabe seiner Werke herausgaben. So hat Castellio, wenn schon nicht gesiegt, so sich doch posthum wenigstens behauptet, auch wenn der Ruhm, Vordenker der Toleranz zu sein, an Descartes, Locke und Hume geht. Wen dieses 16. Jahrhundert, die stürmische Overtürenzeit der Moderne, in der Totalitarismus und Toleranz geboren wurden, dem empfehle ich das exzellente Sachbuch "Das geteilte Europa 1559-1598" von J. H. Elliot und (mit Einschränkungen) den derzeit hoch gelobten Roman "Feuertäufer" des jungen spanischen Autors Antonio Orejedo.
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am 9. Januar 2006
Stefan Zweig beschreibt eindringlich die unglaubliche Geschichte eines religiösen Tyrannen, der zu einer Zeit gesellschaftlicher Verwirrung einen Schreckensstaat errichtet und Menschen seine "Ideen" aufzwingt.
Außerdem sorgt Zweig dafür, dass wir heute von dem mutigsten Mann dieser Zeit erfahren, der sonst, von Calvin mundtot gemacht,noch heute in völliger Vergessenheit läge. Nicht nur Parallelen zum Dritten Reich eröffnen sich, sondern auch die Frage, wie die Herrschenden in der DDR mit diesem Buch wohl umgegangen sind.
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am 30. August 2015
Kurz gesagt: Es geht um den Kampf zwischen Vernunft (des Gelehrten castellio)und die totalitäre Macht (des Despoten Calvin). Natürlich ist es umso interessanter dass Zweig diesen Roman 1936 veröffentlichte

"In Wahrheit aber ist keine Anstrengung, die aus reiner Gesinnung unternommen war, vergeblich zu nennen, kein moralischer Einsatz von Kraft geht jemals völlig im Weltall verloren."
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am 21. April 2015
Die Geschichte vom verbohrten Calvin und seinem liberalen Gegenspieler Castellio mit ihren unverblümten Bezügen zur Zeit des Nationalsozialismus (und aktuellen Parallelen etwa zum IS) ist allein schon fesselnd und lesenswert. Aber das Tüpfelchen auf dem i ist Zweigs Stil - zum Niederknien elegant. Sehr lehrreiche und anregende Lektüre.
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am 12. März 2012
Man kann sich fragen, was Stefan Zweig dazu anspornte, über diesen vergessenen Theologen und Herausforderer Calvins eine Abhandlung zu schreiben, denn Castellio war auch für Zweig völlig unbekannt. Zweig selbst hat in Bezug auf den unbeachteten Gelehrten folgendes zu sagen: »Noch heute muss sich ein gebildeter keineswegs schämen, den Namen Sebastian Castellio nie gelesen, nie vernommen zu haben. Und noch heute ist in jedem Schulbuch der Irrtum zu lesen, Hume und Locke seien die ersten gewesen, welche die Idee der Toleranz in Europa verkündeten, als wären Castellios Schriften aus dem 16 Jh. nie geschrieben und nie gedruckt worden«
Bemerkenswert ist, dass Stefan Zweig ausgerechnet von einem Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde St.Pierre in Genf unterstützt wurde diesen Essay zu schreiben; ein Pfarrer der sein Amt auf derselben Kanzel ausübte die einst auch Calvins war. Wenn ein Calvinist einen Humanisten ermutigt sich noch einmal mit der inhumansten Seite der calvinistischen Reformation zu befassen, dann müssten wir doch endlich wissen, dass auch Religion dem Wandel der Zeit unterworfen ist und es in ihrem Bereich keine absoluten und endgültige Wahrheiten calvinistischer Manier geben kann. Ergriffen über den Mut Castellios, Calvin ob seinen unmenschlichen Demütigungen, Verurteilung und grausamen Hinrichtung des Arztes Michel Servet zu konfrontieren, brauchte Stefan Zweig nicht lange, um sich von der Persönlichkeit und Werte, für welche Castellio sein Leben aufs Spiel setzte, begeistern zu lassen. In einem Brief an den Pfarrer der Genfer Kirchgemeinde antwortete Zweig: »Selten war ich vom ersten Augenblick an so von einer Persönlichkeit gefesselt und voll so spontaner Sympathie, und ich denke wohl, dass ich ihm eine Studie widmen werde.«
Es geht aber weit mehr als um nur einen essayistische Abhandlung. Beim Lesen dieses Buches bekam ich den Eindruck, dass Stefan Zweig wirklich davon überzeugt war, dass man diesen vergessenen Kämpfer für Humanität und Menschenwürde aus dem Schatten seines Gegners Jean Calvin befreien muss, um ihm endlich seine ihm zustehende Würde zuzusprechen. Die ganze Geschichte die sich um diesen christlichen Humanisten dreht, entblößt eine sehr dunkle Seite der Reformationsgeschichte. Castellio führte im Kampf gegen den Reformator Calvin einen Kampf den er selber mit »die Mücke gegen den Elefanten« betitelte. Intellektuell gesehen stehen sich in diesem Kampf zwei ebenbürtige Kapazitäten gegenüber. Was Macht und Einfluss betraf war es aber tatsächlich ein Kampf einer Mücke mit einem Elefanten. Zweig sagt: »Niemand, ein Nichts im Sinne öffentlichen Einflusses und obendrein noch ein Habenichts, ein bettelarmer Gelehrte, der mit Übersetzungen und Hauslehrstunden Weib und Kinder mühsam ernährt, ein Flüchtling im Fremdland ohne Bleibe- und Bürgerrecht. 'Wie immer in den Zeiten des Weltfanatismus steht der welcher seinem Gewissen folgt machtlos und völlig alleine'«
Obgleich es in diesem Buch um Ereignisse geht die längst der Geschichte angehören, so sind die Lehren die wir daraus ziehen können auch heute aktuell. Die Geschichte zeigt, dass die Menschheit periodisch in dunkle Epochen fällt, in welchen man der Vorstellung unterliegt, dass es so etwas wie eine einzige Art und Weise wie wir zu denken, handeln und leben hätten geben soll und dass alle die sich nicht nach dem Konsens der gegebenen Norm richten, wenn nicht tot, so zumindest mundtot gemacht werden. Denn man darf nicht vergessen, dass Zweig dieses Buch 1936 geschrieben hat, also drei Jahre nach der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland. Stefan Zweigs Beweggrund den vergessenen Theologen sozusagen zu rehabilitieren gründet dementsprechend auch darin, Castellio als Symbolfigur für Humanität und Menschenwürde zu portraitieren. Er tut dies anhand der zwei Protagonisten Calvin und Castellio, mit welchen er einer totalitären und unmenschlichen Ideologie die Prinzipien der toleranten Menschlichkeit entgegen stellt. Zweig skizziert den mitmenschlichen Charakter Castellios und stellt dessen humanistisches Denken der miesen Rechthaberei und den kaltblütigen Machenschaften Calvins gegenüber. Anhand der historischen Ereignisse der Reformationszeit warnt Zweig auch vor den Gefahren seiner eigenen Zeit. Er illustriert dies indem er sein Werk um eine Aussage Castellios herum baut, welcher dieser in Bezug auf Calvins brutales Vorgehen aussprach und Inbegriff von Castellios Motivation zusammenfasst. Es geht um die folgende Aussage: »Einen Menschen töten, heißt niemals, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten.« Wir wissen, dass er hier nebst der berüchtigten Hinrichtung Michel Servets' auch von unzähligen 'namenlosen' Bürgern sprach. Ein Argument welchem Calvin diametral entgegen stand und gegen dessen er kein christlicheres Gegenargument aus seiner Bibel zu zaubern vermochte, so dass er den Humanisten nur noch mit der primitiven Denunziation ihn als Werkzeug des Teufels zu entwürdigen wusste. Castellio wurde vom Despoten verfolgt und von seinem Lehramt enthoben, so dass er sich gezwungen sah die Stadt zu verlassen.
Stefan Zweigs Tribut an Castellio bildet, zusammen mit seiner humanistischen Monographie, »Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam« ein Plädoyer das sich entschieden gegen Intoleranz und menschenfeindliche Ideologien richtet, seien sie religiös oder politisch begründet. Zweig warnt davor, dass Heilsverkünder (ob himmlisches oder weltliches Heil verkündend), wenn sie sich der Macht bedienen um sie zu missbrauchen, auch sehr viel Unheil anrichten können. Damit stellt sich Zweig gegen jeden Machtmissbrauch gleich welcher Gesinnung, Ideologie oder Religion.
Auf Grund der Ereignisse des 30-jährigen Krieges ärgerte sich der Philosoph Descartes über die Unvernunft der Religiösen dermassen, dass er sich die Gesetze der Religion so rational wie die Naturgesetze wünschte. Als Philosoph hätte dieser eigentlich besser wissen müssen, dass wenn dies in der Philosophie nicht möglich ist, in welcher man ja noch empirisch vorgehen kann und darf, also auf Lebenserfahrung baut, dies in Bezug auf religiöse Lehren, welche im Bereich jenseits der Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen operieren, noch viel utopischer ist. Wenn man glaubt dies tun zu müssen, geschweige denn glaubt dies verwirklichen zu können, und dazu noch Macht und Einfluss hat, wie dies auf Calvins Theokratie zutraf, dann ist die Katastrophe der Tyrannei vorgeplant. Im katholischen Mittelalter und auch noch in der Zeit der Reformation bedeutete dies, dass die Menschenseelen um jeden Preis gerettet werden müssen. Man nahm die Bibel wortwörtlich wo es heisst, dass jeder dessen Hand ihn dazu verführt das falsche zu tun, sie besser abgehauen haben soll; wo jeder in Versuchung führender Fuß abgehauen wird; wo verführende Augen besser ausgerissen werden, denn es besser sei verkrüppelt zu leben und so ins Reich Gottes einzugehen, als mit heilem Körper im ewigen Höllenfeuer zu schmoren. Und dass es recht sei, wenn man jeden der ein Gläubiger mit falschen Lehren verführt, mit einem Mühlstein um den Hals gehängt, ins Meer geworfen werden soll. Nicht ganz so wortwörtlich bibeltreu (denn Zürich lag auch damals nicht am Meer), doch nicht desto weniger grausam, gingen auch gewisse Zwinglianer mit den Wiedertäufern um; sie ersäuften sie anlässlich ihrer Taufzeremonien in der Limmat.
Um überhaupt verstehen zu können warum sich dieser Castellio so vehement gegen Calvins Glauben, Denken und Handeln zur Wehr setzte und warum Stefan Zweig diesem Castellio so eine voll der Leidenschaft erfüllte Studie widmete, muss man selbstverständlich auch wissen wie sich die eben erwähnten biblischen Mahnungen in Calvins Mission veräußerten. Um dies zu illustrieren zitiere ich auch diesbezüglich am besten aus Stefan Zweigs Buch: »Am grimmigsten wird jede Regung gegen die staatliche und geistliche Unfehlbarkeit Calvins bestraft. Ein Mann, der gegen die Prädestinationslehre Calvins öffentlich gesprochen, wird an allen Kreuzwegen der Stadt bis aufs Blut gegeißelt, dann verbannt. Einem Buchdrucker, der Calvin in der Öffentlichkeit beschimpft die Zunge mit glühendem Eisen durchbohrt, ehe man ihn aus der Stadt jagt; Jacques Gruet, nur weil er Calvin einen Heuchler genannt, gefoltert und hingerichtet. ''. Einer lobte Castellios Übersetzung: aus der Stadt verwiesen. ' Jedes Vergehen, auch das nichtigste, wurde sorgfältig in den Akten des Konsistoriums vermerkt, so dass das Privatleben jedes einzelnen Bürgers ständig in Evidenz bleibt: Calvins Sittenpolizei kennt ebenso wenig wie er selbst ein Vergessen oder Vergeben.« Dementsprechend wurden die Bürger auch für Bagatelldelikte bestraft, den Calvin war davon überzeugt, dass man die Menschen nur fördere, wenn man ihnen rücksichtslos jede individuelle Freiheit nimmt und sie auch für die kleinen alltäglichen Freuden und Schwächen bestraft. Auch solche Bagatelldelikte werden von Zweig aufgelistet: »Ein Bürger hat bei einer Taufe gelächelt, drei Tage Gefängnis. Ein anderer ist, von der Sommerhitze ermüdet, bei der Predigt eingeschlafen: Gefängnis. Arbeiter haben zum Frühstück Pasteten gegessen: drei Tage bei Wasser und Brot. Zwei Bürger haben Kegel geschoben: Gefängnis. Zwei andere um ein Viertel Wein gewürfelt: Gefängnis. Ein Mann hat sich geweigert seinen Sohn auf den Namen Abraham taufen zu lassen: Gefängnis. Ein blinder Geiger hat zum Tanz aufgespielt: aus der Stadt verwiesen. Ein Mädchen wurde beim Eislaufen betreten, eine Frau hat sich auf das Grab ihres Mannes hingeworfen, ein Bürger hat während des Gottesdienstes eine Prise Tabak angeboten: Vorladung vor das Konsistorium, Vermahnung und Busse. ' Lustige Leute haben sich Dreikönigstag sich eine Bohne in den Kuchen getan: vierundzwanzig Stunden bei Wasser und Brot. Ein Bürger hat »Monsieur« Calvin statt »Maître« Calvin gesagt, ein paar Bauern nach uraltem Brauch nach dem Kirchgang über Geschäfte gesprochen: Gefängnis, Gefängnis, Gefängnis! Ein Mann hat Karten gespielt: an den Pranger gestellt, die Karten um den Hals. Ein anderer hat auf der Straße übermütig gesungen: angewiesen draußen zu singen, das heißt aus der Stadt verbannt. Zwei Schifferknechte haben gerauft, ohne dabei jemanden zu töten: hingerichtet. Drei unmündige Knaben, die untereinander Unanständigkeiten begingen, erst zum Feuertod verurteilt, dann begnadigt, öffentlich vor dem brennenden Scheiterhaufen zu stehen«. Und weiter und weiter die Liste der Verurteilungen ließe sich beschämend verlängern. Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass »gleich in den ersten fünf Jahren von Calvins Herrschaft in der verhältnismäßig kleinen Stadt dreizehn Menschen gehenkt, zehn geköpft, fünfunddreißig verbrannt, außerdem sechsundsiebzig Personen von Haus und Hof gejagt, die vielen nicht eingerechnet welche rechtzeitig dem Terror entflohen sind. ' So überfüllt sind bald die Kerker in dem 'neuen Jerusalem', dass der Stockmeister dem Magistraten mitteilen muss, er könne keine weiteren Gefangenen mehr übernehmen«. Und was das Schleifen in den Folterstuben betraf (so Zweig), war die Wahl sich selbst zu entleiben (Selbstmord begehen) nicht selten. ' Nie aber vernimmt man Wort Calvins, solche Grässlichkeiten abzustellen; im Gegenteil, auf sein ausdrückliches Anraten wird neben der Daumenschraube und dem Streckseil noch das Chauffement des pieds, die Röstung der Fußsohlen, bei peinlichen Befragungen eingeführt. Furchtbar ist der Prei, den die Stadt für die »Ordnung« und »Zucht« bezahlt, denn nie hat Genf so viele Bluturteile, Strafen, Foltern und Exile gekannt, als seitdem dort Calvin im Namen Gottes herrscht«
Es stimmt zwar, dass Freiheit ohne Autorität in Chaos endet, es ist aber genauso wahr, dass Autorität ohne Freiheit in die Tyrannei führt. Stefan Zweig war sich ob dessen Gratwanderung zwischen den zwei Abgründen bewusst und er fügt dem hinzu, »dass die immer wieder notwendige Abgrenzung zwischen Freiheit und Autorität keinem Volke, keiner Zeit und keinem denkenden Menschen erspart bleibe«. Wenn die Philosophie und die politische Wissenschaft, auf solchen Erfahrungen aus der Geschichte bauend, einige Wahrheiten entdeckt haben, dann doch zumindest diese eben erwähnte, die von Stefan Zweig im Vorwort seines Buches so deutlich porträtierte politische Gratwanderung. Sie verleiht seinem Werk auch eine konkret politische Botschaft.
Leider kam es nie zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Calvin und Castellio, Calvin gelingt es die Drucklegung von Castellios Schriften über die Zensur zu verhindern und seine Bibelübersetzung zu verbieten. Nachdem Castellio aus der Stadt fliehen musste und er sich in Basel niederlassen durfte, tauchen aber auch dort die Agenten Calvins auf, um einen Ketzerprozess gegen ihn in die Wege zu leiten. Der Humanist stirbt aber überraschend im Jahre 1563 im Alter von 48 Jahren.
Berücksichtigt man, dass Calvin als Sieger in die Geschichte einging und man ganze Bibliotheken von Büchern auf seinen Lehren aufgebaut hatte sowie weltweit Bibelschulen nach ihm benannte und Denkmäler errichtete, so liegt es auf der Hand, dass man diesen schrecklich dunkle Seite der Reformation bis heute banalisiert und bagatellisiert. Zum Schicksal tendenziöser Geschichtsschreibung sagt Zweig folgendes: »Die Geschichte hat leider keine Zeit, um gerecht zu sein. Sie zählt als kalte Chronistin nur die Erfolge, selten aber misst sie mit moralischem Maß. Nur auf die Sieger blickt sie und lässt die besiegten im Schatten. '.. Vom Geiste aus gewinnen die Worte 'Sieg' und 'Niederlage' einen anderen Sinn, und darum wird es Not tun, immer und immer wieder eine Welt, die bloß auf die Denkmäler der Sieger blickt, daran zu mahnen, dass nicht jene die wahrhaften Helden der Menschheit sind, die über Millionen von Gräbern und zerschmetterten Existenzen ihre vergänglichen Reiche errichten, sondern gerade diejenigen, die gewaltlos der Gewalt unterliegen, wie Castellio gegen Calvin in seinem Kampf um die Freiheit des Geistes und um die endliche Herankunft der Humanität auf Erden«.

Post Skriptum: Stefan Zweig wird immer wieder vorgeworfen, dass er die Ereignisse zu stark dramatisiert habe. Zweig, offensichtlich mit der Gabe des Schreibens gesegnet, benutzt selbstverständlich seine Gabe, um dem was in der Tat dramatisch war auch sprachlich gerecht zu werden. Da wir Menschen, zum Schutz vor allzu harschen Wahrheiten, je dazu tendieren das Dramatische zu banalisieren und das alltäglich Banale zu dramatisieren, braucht es immer wieder Menschen wie Zweig, die das was sich wirklich abspielte schonungslos zu portraitieren. Zudem muss erwähnt sein, dass Zweig vom Genfer Pfarrer Jean Schorer, der calvinistischen Kirchgemeinde St. Pierre, mit zuverlässigem Recherchematerial unterstützt wurde. Auch Letzterer wurde dafür gescholten und verurteilt, als Anreger und Zuträger für Zweigs Abhandlung gedient zu haben (Donald Pratrer). Für den Interessierten, aber doch noch allfälligen Zweifler, empfehle ich sich auch mit der jüngeren Castellio Biographie auseinanderzusetzen; diese wurde 1995 vom Geschichtsprofessor Hans Rudolf Guggisberg abgeschlossen. Doch wenngleich es sich bei dieser eine nüchterne und von Idealisierung freie Darstellung handelt, so ist auch diese nicht für schwache Nerven zu empfehlen; sie stimmt mit Stefan Zweigs Abhandlung inhaltlich überein: Beide sind sich einig, dass Castellio recht hatte, indem der Folterer von Genf nicht mit dem gepriesenen Vorbild eines Nachfolgers des Friedensprediger von Nazareth verwechselt werden darf, geschweige denn ihn mit seiner eigenen Wahnvorstellung zu ehren, Begründer eines neuen Jerusalems zu sein. Im Weiteren schafft Guggisberg auch Klarheit, wenn es um die Frage geht, die sich um Calvins Einfluss als politische Autorität dreht; die Beschützer Calvins argumentieren immer wieder, dass Calvin gar keinen Einfluss darauf hatte, wie die verurteilten hingerichtet wurden. Hans Guggisberg sagt, dass Sebastian Castellio dem vehement widerspricht: In seiner selbstbestimmten Position habe der Reformator die Autorität über den Genfer Stadtrat gänzlich gewonnen und damit sogar ein biblisches Grundprinzip verletzt, denn gemäss der Bibel durfte ein Geistlicher gar keinen Einfluss auf weltliche Gerichte ausüben. Dementsprechend musste Calvin auch für Servets Hinrichtung verantwortlich gewesen sein, eine Hinrichtung durch welche der Verurteilte am Brandpfahl, durch langsames Rösten bei kleinem Feuer, einen qualvollen Tod erleiden musste. Der Verursacher dieser Tragödie, der respektierte und gefürchtete Calvin, feige, wie alle Despoten, soll sich zur Zeit der Hinrichtung in seiner Studierstube verschanzt haben.
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am 29. November 2014
Wer weiß heutzutage schon etwas über Calvin?
STefan Zweig überzeugt . Kein Wudner, dass er nicht in die Schweiz emigrieren konnte.
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