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59 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bizarres Jahrhundertwerk
Ein Sinologe, der völlig abgeschieden und weltlichen Interessen abgeneigt in seiner Bibliothek lebt, heiratet die schäbige, blauberockte und obendrein noch verblödete Haushälterin Therese, nachdem er Zeuge wurde, wie pfleglich, wie liebevoll sie eines der von ihm geliehenen Bücher behandelt.Ein Trugschluß, denn bei der Rückkehr vom...
Veröffentlicht am 26. Januar 2004 von Seidler Till

versus
14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ein freudloses Buch
Dr. Kien ist hochgelehrt und hochgeehrt, aber lebensabgewandt, lebt ausschließlich in der Welt seiner Bücher. Seine Haushälterin Therese, “ ich bitt Sie“, ein dummes ungebildetes Weib im gestärkten blauen Rock, ist da schon gewitzter. Ausgerechnet ihr gelingt es, Dr. Kien in eine Ehe zu locken, in dem sie ihm mit Bauernschläue eine...
Vor 21 Monaten von Sabaga veröffentlicht


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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die gesammelten Dummheiten der Menschen, 17. April 2011
Von 
HeikeG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
"Ich bin in einer Irrenanstalt!" Diese Worte spricht Peter Kien, vierzigjähriger Hauptprotagonist in Elias Canettis monströsem und befremdlichen, einzigen Roman gegen Ende des ersten Teils aus. Und zu diesem Urteil ist mittlerweile auch der Leser gekommen, allerdings in einem umfassenderen Sinn, als es der Stoßseufzer des Geblendeten, Privatgelehrter von Beruf und "der größte Sinologe seiner Zeit", ausdrückt. Der lebt in seiner riesigen Bibliothek wie in einer Muschel, aller Welt entfremdet, wortlos und einsam. Sein abstraktes Denken macht es ihm unmöglich, die Realität zu begreifen: "Man näherte sich der Wahrheit, indem man sich von den Menschen abschloss. Der Alltag war ein oberflächliches Gewirr von Lügen."

Bis ihn seine sechzehn Jahre ältere Haushälterin durch einen schamlosen Trick in die bestimmt grauenhafteste Ehe der Weltliteratur lockt. Von da an kämpfen beide verbissen um die 25.000 Bände starke Bibliothek des Sinologen und um vermeintlich höchst lukrative Testamente. Thereses blauer gestärkter Rock wird zum obsessiven Voodoo-Kult. Kien tut sich in Folge mit einem buckligen Zwerg und Zuhälter namens Fischerle zusammen, den er in der Bar "Zum idealen Himmel" kennenlernt. Therese wiederum findet einen Beschützer in dem gewalttätigen Hausbesorger Benedikt Pfaff, der bereits Frau und Tochter zu Tode prügelte. Alle zusammen bewegen sich in einer exzessiven Gefühls- und Geistesverfassung, die an die Grenzen der Tollheit stößt.

"Die Blendung" offenbart nichts Gutes. Jedermann ist Jedermanns Feind und bekämpft einander buchstäblich bis zum Wahnsinn. Canettis Figuren haben zwar Jedermanns-Gesichter, aber ihnen gelingt es aus jeder Normalität einen Prozess zu machen. Nichts Unmenschliches ist ihnen fremd. Alle Figuren der Handlung, vom Kanalräumer bis zum Polizeioffizier, vom Hausmeister bis zum Psychiater, sind zugleich irre und gewöhnlich. Der Autor siedelt das Geschehen in einer Sphäre des Grotesken an, wo das Ungeheuerliche als das Normale erscheint. Am Ende kriegen alle ihre Strafe: Fischerle wird auf grausame Weise ermordet, Therese und Pfaff werden von Kiens Bruder kaltgestellt, und Kien selbst verbrennt in seiner Bibliothek.

In drei Bücher gliedert sich der Roman: "Ein Kopf ohne Welt", "Kopflose Welt" und "Welt im Kopf"; erst im dritten Teil stellt der Erzähler die eigentliche Schlüsselfigur, Kiens Bruder, seines Zeichens Psychiater, genauer vor. Die inneren und äußeren Monologe der einzelnen Protagonisten, ihr halblautes Vorsichhin-Murmeln, ihre irren Selbstgespräche, bei Kien vor allem seine Ich-Gespaltenheit im Wachzustand, sind dabei die "Sahnehäubchen" des Romankonstrukts. Jeder Mensch, so lautet das Credo Canettis, lässt sich auf seine akustische Maske reduzieren. Und diese hat er in dem Buch par excellence herausgearbeitet. Primitive Sätze reiht er wie Dominosteine aneinander und offenbart damit die komplexe Psychose, "den einzigen Krüppel", "die einzige Bestie" mit Namen Menschheit. "Betrachte der Menschen Art zu sein, beobachte die Beweggründe ihres Handelns, prüfe das, woran sie Befriedigung finden. Wie kann ein Mensch sich verbergen! Wie kann ein Mensch sich verbergen!", lässt Kien Konfuzius verzweifelt ausrufen.

Letztendlich leitet Canetti durch die eigentliche Hauptfigur George, Psychiater und Bruder Peter Kiens, auf sein späteres Hauptwerk "Masse und Macht" über. Im Drang der Menschen, in einer höheren Tiergattung, der Masse, aufzugehen und sich darin so vollkommen zu verlieren, als hätte es nie EINEN Menschen gegeben, erkennt dieser die viel tiefere und eigentliche Triebkraft der Geschichte. Bildung sieht er dabei als "Festungsgürtel des Individuums gegen die Masse in ihm selbst" an. "Den sogenannten Lebenskampf führen wir, nicht weniger als um Hunger und Liebe, um die Ertötung der Masse in uns. Unter Umständen wird sie so stark, dass sie den einzelnen zu selbstlosen oder gar gegen sein Interesse laufenden Handlungen zwingt. (...) Zahllose Menschen werden verrückt, weil die Masse in ihnen besonders stark ist und keine Befriedigung findet."
Zurück bleibt die Frage: "Bis zu welchem Grad von Leichenstarre kann es ein Mensch maximal bringen, der noch atmet und dessen Herz schlägt?" "Die Blendung" jedenfalls ist ein schrecklich großartiger Roman, der solch grauenhaft-abstrakten Seelenlandschaften en masse zu Tage fördert.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Einsamkeit des Vernünftigen, 16. Februar 2003
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
Dieses Buch enthält alles, was man wissen muß: Wie es einem bei dem Versuch ergeht, als Einzelgänger eine eigene Insel der Vernunft, der Bildung aufzubauen und sie gegen die feindliche Umgebung zu verteidigen. Es erzählt von den Reaktionen dieser Umgebung. Und wie es einem ergeht, wenn man es aufgibt, für diese Insel Mitbewohner zu suchen. Es zeigt das gnadenlose Untergehen des gebildeten Einzelnen, zwar ein Untergang in der berechtigten Überzeugung persönlicher Überlegenheit, dabei aber trotz allem untergehender Versager. Darin sehe ich die Kernproblematik Canettis, aus der er, ganz in der großen Tradition des Humanismus, keinen Ausweg kennt.
Es ist ein tragisches Buch, am Vorabend des Faschismus geschrieben und von einer visionären Kraft, die sehr, sehr selten ist. Die Blendung gehört zu den wichtigsten Werken der europäischen Literatur überhaupt.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Canettis frühes Meisterwerk, 2. Juli 2009
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
In der Räuberhölle, wie die Welt auf den letzten Seiten einmal genannt wird, ist der Elfenbeintürmler Dr. Peter Kien ein ideales Opfer für alle in seinem Umfeld, die ihn nach Strich und Faden ausnehmen, plagen, verraten, hintergehen, belügen. Sein Bruder Gregor hilft ihm, die entstandenen Kalamitäten zu glätten und ihm die verlorene Bibliothek wieder zu verschaffen. Aber der grösste lebende Sinologe, Privatgelehrte und Bibliothekar, Peter Kien, kann das nicht richtig einschätzen, er kann es nicht schätzen, denn er misstraut auch seinem Bruder. Darum geht am Schluss alles in Flammen auf.

Die Welt, wie sie Canetti vor uns stellt, ist ein Unort erster Güte. Alle sind geblendet, die meisten vom Geld. Die Lektüre indessen ist mehrheitlich sehr vergnüglich, denn Canettis lakonischer Witz überstrahlt die Düsternis des Geschilderten.

Etwas vom Vergnüglichsten sind die Phantasien der Unmenschen. Mit diesen Phantasien stehlen sie sich aus ihrem Elend fort. Zuvorderst die Phantasie des verkrüppelten Fischerle, der seine Intelligenz nur ins Schach umsetzt. Mit dem Kien gestohlenen Geld sieht er sich in den USA ein riesiges Schloss bewohnen, wo er, gerade Schachweltmeister geworden, in allen Zimmern gegen viele Gegner simultan gewinnt. Mit seiner Frau, einer Hollywood-Schönheit, fährt er einmal pro Woche über Land. Kurz vor der Abreise wird er ermordet.

Weil es das einzige ist, dass viele kleinmütige Leser von ihrer Lektüre zu sagen wissen, sage ich es nicht gerne, aber Canetti ist ein Stylist der deutschen Sprache, wie es selten ist. Es steht auch immer das träfste, treffendste, richtigste Wort, um das wir so oft ringen. Auch das macht die Lektüre leicht und heiter.

Zum Schluss noch eine Verwunderung: Diesen grossen, strukturierten, ausgreifenden, erfahrungssatten Roman hat ein 26-jähriger geschrieben!
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit Mut geschriebenes Buch, 1. Februar 2002
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
Canettis Roman "Die Blendung" ist ein Buch von Gewalt und Perversion. Jedoch muss man einsehen, daß es einem viel Mut und Strenge benötigt, das Zerfallensein der menschlichen Gesellschaft in der Zwischenkriegszeit aufzuzeigen. In der Form einer Fiktion ist Elias Canetti sehr gelungen, dem Leser sein anthropologisches Verständnis und seine scharfe Gesellschaftskritik zu erschliessen. Die Charaktere in Roman sind durch sprachliche Eigenheiten im Gespräch und besonders in den jeweiligen inneren Monologen ausgezeichnet. Gleichzeitig wird das Mißverständnis - das tragische "Aneinandervorbeireden" der Menschen durch nuancierte psychische Schilderungen zur Schau gestellt. Es wird in diesem Roman keine literarische "Zuflucht" angeboten, sondern eine sowohl historische als auch gegenwärtige Realität. Ein neues Fenster wird mit dem Buch geöffnet; frische Winde kommen mit Stärke und Wut.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wundervolle Sprache, grotesker Humor, eizigartige Charaktere, 7. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung: Roman (Gebundene Ausgabe)
Elias Canetti gehört für jeden an Weltliteratur interessierten Leser auf jeden Fall auf die Liste. Die Geschichte, in der ein fanatischer Bücher-Liebhaber dem Wahn verfällt, unterhält auf kafkaesk-groteske Weise. Seine Charaktere entwickelt Canetti mit Liebe für skurrile Details und verwebt deren individuelle Sicht auf das Geschehen zu einem teils unterhaltsamen, teils erschütternden Mix aus Realität und Wahn. Die Eskalation ist unvermeidlich, der Weg dorthin jedoch voller ungeahnter Wendungen, die einen das Buch viel schneller lesen lassen, als man eigentlich vorhatte. Uneingeschränkt zu empfehlen.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bildung ist ein Festungsgürtel..., 13. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
...gegen die Masse in uns selbst...

heißt es an einer Stelle des Romans. Und dennoch, dies beweist Canetti auf den über 500 Seiten seines Meisterwerks, ist sie nicht zwangsläufig ein Festungsgürtel gegen die Unbilden des Lebens.

Der Inhalt ist in den bisherigen Besprechungen schon ausführlich dargestellt worden, deshalb hier nur die Rahmendaten: Ein Gelehrter (der Sinologe Kien) lebt zurückgezogen in seiner zur Bibliothek mutierten Wohnung, seinem Elfenbeinturm. Versorgt von seiner Haushälterin hält er Abstand zur Welt und der Gesellschaft. Bis er - aus Kalkül - eben diese Haushälterin heiratet und durch die damit ausgelösten Verwicklungen auf eine Katastrophe zusteuert.

Was alles Canetti in diesem fast kafkaesk zu nennenden Roman aufarbeitet, ist kaum außerhalb eines Seminars zu erfassen. Vor allem ist es der Zusammenbruch von Kommunikation, die Erkenntnis, daß das, was wir äußern noch lange nicht das ist, was beim andern ankommt und das, was wir äußern jederzeit veränderbar/verzerrbar ist, bis hin zu dem Moment, wo unsere eigenen Äußerungen uns selbst zu vernichten drohen.

Doch zugleich ist hier auch eine deprimierende Allegorie auf eine Gesellschaft in ihrer Zeit entstanden, die die Härte, die Sprachlosigkeit und Brutalität dessen, was dann ja wirklich kam, durchaus fühlbar vorweg nimmt. Ist Kien der Intellektuelle, der nicht sieht, wie sich Unheil zusammenbraut? Oder ist er der Intellektuelle, der hochmütig darüber hinweg sieht, was sich da zusammenbrauen könnte? Die "Betrachtungen eines Unpolitischen" kommen einem in den Sinn, dieser vielleicht schwächste Text Thomas Manns (zumindest auf der inhaltlichen Ebene), der gerade diesen Hochmut ausstellt.

Die Haushälterin Therese bewundert und verehrt Kien - genauso lange, bis sie ihn ehelicht, dann kommt der ganze Furor ihrer Verachtung (geboren aus Unbildung und Desinteresse) zum Ausdruck. Sie kann gelesen werden als Metapher auf eine Gesellschaft, die ihre eigenen Errungenschaften vergessen hat, das, was sie einst stark und auch bewundernswert gemacht hat. Und der antiintellektuelle Gestus, den sie sich mehr und mehr zu eigen macht, spiegelt sicherlich wider, was ein wahrer Bildungsbürger wie Canetti gesehen und empfunden haben muß angesichts dessen, was sich Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre im Deutschland der Weimarer Republik abgespielt hat. Bildung, Intellektualität, Wissen - diese Werte standen schließlich nicht mehr hoch im Kurs. Zugleich ist dieser Gestus aber auch eine Reaktion auf ein Gebildetsein, das sich zunehmend selbst genügt und somit kaum mehr gesellschaftlich-kulturelle oder gar politische Impulse geben konnte.

Canetti erzählt vom Chaos - scheinbar ein Chaos in den Köpfen, doch tut er dies mit der denkbar größten Strenge und Klarheit. Der Roman ist sprachlich nicht allzu schwer zu lesen, auszuhalten ist er kaum. Ein grotesker Humor zeichnet das Werk aus, jedoch ist es ein Humor, der dem Leser das berühmte Lachen im berühmten Halse stecken bleiben läßt. Einigen der Dialogpassagen zu folgen, in denen meisterlich dargelegt wird, wie extrem man aneinander vorbei kommunizieren kann, ist fast physisch schmerzhaft. Man legt das Buch weg, nach vielleicht 20 Seiten, und meint sich erholen zu müssen, nur um alsbald zur Lektüre zurück zu kehren und weiter zu lesen und an einen Punkt zu kommen, an dem man sich fragt, ob man aus diesem Labyrinth des geistigen Schreckens je wieder wird herausfinden können.

"Meisterwerk", "Weltliteratur", "große Kunst" - Begriffe, mit denen man immer vorsichtig sein sollte, die aber in diesem Falle alle gerechtfertigt sind. Ob man Canetti mag oder nicht, seine eher autobiographischen Werke goutiert oder nicht, "Masse und Macht" als philosophisches Werk anerkennen mag oder nicht - "Die Blendung" ist ein zentrales Werk der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts und ihm gebührt alle Ehre, die man Literatur erweisen kann.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Blendung (Hörspiel), 17. März 2014
Von 
Poldis Hörspielseite - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung (Audio CD)
Erster Eindruck: Intelligent und von zwischenmenschlichen Beziehungen überfordert

Der Sinologe Peter Kien geht hochmütig durch die Welt und hat für alle, die nicht so gebildet sind wie er, nur Verachtung übrig – und das sind seiner Meinung nach alle. Meist verkriecht er sich in seiner Bibliothek und hat wenig Kontakt zur Außenwelt. Doch als er seine Haushälterin Therese Krumbholz bei der liebevollen Behandlung eines Buches beobachtet, beschließt er die zu heiraten. Doch die wenig gebildete Frau verschreckt ihn schon in der Hochzeitsnacht…

Literatur als Hörspiel hat es oft schwierig, denn die 1:1-Übernahme eines hervorragenden Werkes muss nicht gleichzeitig auch als Hörstück überzeugen, folgt dieses doch oft anderen Gesetzmäßigkeiten, braucht neue Reizpunkte und einen gewissen eingängigen Fortlauf. Indes will man das Werk auch nicht zu sehr bearbeiten und es möglichst ursprünglichen wirken lassen. Und gerade das ist die Schwierigkeit bei „Die Blendung“, das so nicht allzu leicht zugänglich wirkt. Zugegeben, die Sprecher sind hervorragend und lassen ihre Figuren sehr intensiv wirken und rücken ihre Charaktere nahe an den Zuhörer. Doch diese sind alles andere als einfach zugänglich, Sympathieträger sucht man hier vergebens. Und es dauert, bis man sich in die Geschichte hineingefunden hat, bis man an ihren Kern vordringt, bis man sich in der hochtragenden Sprache zurechtfindet. Ist diese Einstiegshürde jedoch genommen, wird die unheilvolle Beziehung zwischen Kein und seiner Haushälterin sehr genau und differenziert beleuchtet, wird der sich steigernde Kampf zwischen den beiden intensiv dargestellt, wird auch das gewaltsame Ende erlebbar gemacht. Bei der Laufzeit von über 10 Stunden muss man sich viel Zeit für dieses Werk nehmen, auch nebenbei gehört geht „Die Blendung“ völlig unter. Es fordert viel Aufmerksamkeit und Konzentration, zeigt dann aber auch ein außergewöhnliches Hörspiel voller verschiedener Facetten.

Samuel Finzi ist als Peter Kein zu hören, die verstockte, menschenfremde Art des studierten Intellektuellen kann er mit seiner harten, unnachgiebigen Stimme sehr gut darstellen. Besonders seine gespielte Freundlichkeit am Anfang des Hörspiels ist hervorragend umgesetzt und stellt die Weichen für die nachfolgende Wirkung seiner Figur. Sehr gut gefallen hat mit auch Birgit Minichmayr als Therese Krumbholz, die mit ihrer derben, fast schon ungehobelten Art das genaue Gegenteil zur hochtrabenden Wirkungsweise ihres Gatten bildet und mit ihrem österreichischen Akzent viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Erzähler Manfred Zapatka nimmt sich als Erzähler hier deutlich zurück und setzt auf eine eher neutrale Art, seine markante Stimme und die eingängige Betonung lassen aber auch diese Parts gut wirken. Weitere Sprecher sind Wolfgang Böck, Brigitte Neumeister und Gottfried Breitfuß.

Für die Aufnahme aus dem Jahr 2013 wurde ein eigenes Cover entworfen. Im Vordergrund steht dabei der Titel des Hörspiels sowie dessen Autor, beides wird in einfachen Lettern vor dem beigefarbenen Hintergrund dargestellt. Darunter wird, spiralförmig angelegt, beides oft wiederholt, sodass ein leichter dreidimensionaler Effekt entsteht. Das Booklet im Inneren der Box enthält zahlreiche weitere Informationen.

Fazit: Kein einfacher Stoff, hier wird viel Aufmerksamkeit und eine Affinität zu Werken dieser Art vorausgesetzt. Ungewöhnlich auch im Verlauf, denn die gänzlich unsympathischen Charaktere arbeiten immer weiter gegeneinander und reiben sich aneinander auf. Der langwierige Einstieg ist nötig, um den Charakter des Peter Kein vorzustellen, bildet aber auch eine gewisse Einstiegshürde. Eine interessante Betrachtung zwischenmenschlicher Beziehungen, von denen beide nicht zu einer solchen fähig sind.
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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weltliteratur, 19. Februar 2003
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
Die Blendung handelt vom hochgebildeten Einzelnen Kien, der versucht, seine Insel der Bildung gegen die feindliche Umgebung abzuschotten und dabei untergeht. Der Roman zeigt, daß Vernunft und Bildung untergehen, wenn man es aufgibt, Gleichgesinnte und Mitkämpfer zu suchen, bzw wenn man sie nicht findet. Canetti weist aus diesem Dilemma keinen Ausweg, er ist ratlos, weil sich am Vorabend des Faschismus, als die Blendung geschrieben wurde, die humanistische Hoffnung auf die Kraft der Vernunft als zweifelhaft erwiesen hatte.
Die Blendung ist nach meiner Auffassung eines der ganz, ganz großen Werke der europäischen Literatur.
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5.0 von 5 Sternen Ein Buch, das man gelesen haben sollte, 26. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
Peter Kien, ein berühmter Sinologe, lebt abgeschottet von der Welt mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek. Seine Welt ist im Kopf, aber sein Kopf ist ohne Sinn für die Welt. Von seiner hässlichen und dummen Haushälterin zur Ehe verführt, rettet er sich in den Wahnsinn.
Der Roman kann als Metapher für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit gelten, einer Wirklichkeit, die beileibe auch nicht immer ohne Wahnsinn ist. Das Buch ist trotz der grotesk anmutenden Handlung packend geschrieben, ja man spürt mitunter einen Hass gegen die dumme Haushälterin aufsteigen, die mit der Zeit tatsächlich nicht nur Kein, sondern auch den Leser anwidert. Ein Roman, den jeder mal gelesen haben sollte.
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ideale Charaktere, 30. August 2002
Von 
Tim Farin (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
Canettis Blendung ist ein ungeheuer umfangreiches, begeisternd starkes Buch. Die Auswahl der Charaktere ist von so tiefgreifender Präzision, Vielfalt und Fantasie - mir fällt momentan keine Parallele ein! Es geht um Verstrickungen, um Herrschaft und Ethik (die vielleicht nicht vorhanden ist), um soziale und persönliche Zwänge. Unheheuer geistesbetont: Die Dinge spielen sich irgendwie - obwohl sie doch in der realen Welt zu sein scheinen - in einer fantastischen, idealisierten Welt ab - die Charaktere sind so stark überzeichnet, dass das Lesen sogleich Freude bereitet, aber auch stets zum Nachdenken anregt.
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Die Blendung. Roman.
Die Blendung. Roman. von Elias Canetti (Taschenbuch - 1. Oktober 1965)
EUR 9,95
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