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72 von 92 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Menschheitsgeschichte als Fortschritt - Wer hätte das gedacht ?!
Als ein eher zum Pessimismus neigender Typ war auch ich natürlich skeptisch bis ablehnend: ein Rückgang der Gewalt im Verlauf der Geschichte ? Kann das sein ? Wir wissen doch alle, dass das 20. Jahrhundert das mit Abstand blutigste der Geschichte war, und dass das 21. auch schon schlecht angefangen hat, mit Terrorismus, Bürgerkriegen, Gewalt in der U-Bahn...
Veröffentlicht am 25. Oktober 2011 von Samuel "Sammy" Burt

versus
21 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen zu wenig Struktur
Zum wesentlichen Aufbau des Buches ist dank der anderen Rezensionen wenig hinzuzufuegen. Das Buch scheint sehr umfassend und detailreich. Mein Eindruck war aber schon nach wenigen Kapiteln, das man mindesten 75% des Geschriebenen haette weglassen koennen, ohne den Inhalt zu beschaedigen (300 Seiten haetten sicherlich genuegt). Es ist nicht nuetzlich, die Todesarten und...
Veröffentlicht am 2. Dezember 2011 von P. Keller


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72 von 92 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Menschheitsgeschichte als Fortschritt - Wer hätte das gedacht ?!, 25. Oktober 2011
Als ein eher zum Pessimismus neigender Typ war auch ich natürlich skeptisch bis ablehnend: ein Rückgang der Gewalt im Verlauf der Geschichte ? Kann das sein ? Wir wissen doch alle, dass das 20. Jahrhundert das mit Abstand blutigste der Geschichte war, und dass das 21. auch schon schlecht angefangen hat, mit Terrorismus, Bürgerkriegen, Gewalt in der U-Bahn usw.
Und dann kommt da Steven Pinker, von Haus aus Psycholinguist, und behauptet, dieser Eindruck sei einer Art "historischen Kurzsichtigkeit" geschuldet. Seine These: Die Menschheitsgeschichte ist, was die Gewalt betrifft, eine Geschichte des Fortschritts. Und weil der Autor um die Skepsis seiner Leser weiß, versucht er jeden nur denkbaren Einwand vorwegzunehmen und mit hunderten von Statistiken und Graphiken zu entkräften.

Mein Eindruck ist: dieser Versuch ist gelungen. Allerdings, und dies ist eigentlich auch schon mein einziger Kritikpunkt, macht dieses Vorgehen nicht nur das Buch sehr dick, sondern den Text an einigen Stellen auch sehr detailverliebt. Der Autor ergeht sich manchmal in Darlegungen, die eher dazu führen, dass man als Leser den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht (so z.B. wenn er lang und breit die mathematischen Berechnungen erklärt, wenn es um die Frage geht, welche Kriege der letzten 200 Jahre auf der Gewalt-Skala wie zu gewichten sind). Aber diese Stellen sind die Ausnahme. Ansonsten liest sich das Buch flüssig und spannend.

Aber der Reihe nach. Steven Pinker macht sechs große positive Trends der Geschichte und der Gegenwart aus:
1. Einen Prozess der allg. Befriedung (= Pacification Process): der in Jahrtausenden zählende Übergang von der anarchischen Lebensweise der Jäger und Sammler hin zu den ersten größeren Gemeinwesen oder Staaten. Dieses Kapitel wird all denen nicht gefallen, die immer noch der weit verbreiteten romantischen Vorstellung anhängen, die Steinzeit sei, zumindest was die Gewalt betrifft, eine Art Garten Eden gewesen, aus welchem die Menschheit nach der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht vertrieben wurde. Pinker zitiert eine Reihe von Statistiken die belegen, dass die vorgeschichtlichen Menschen keineswegs die Edlen und friedlichen "Wilden" waren, und dass dieser Übergang mit einer etwa fünffachen Verringerung der Tötungsrate einherging (unter Männern, wohlbemerkt).

2. Einen Zivilisationsprozess (durchaus im Sinne von Norbert Elias), als Folge einer doppelten Steuerung der Individuen: einmal von außen, durch eine Konzentration und Stärkung der öffentlichen, d.h. staatlichen Gewalt, als auch von innen, durch vermehrte Aneignung von Normen ('Gewissen'). Auch vermehrter Austausch und vor allem Handel bewirkte Schritt für Schritt eine Zivilisierung des Umgangs der Menschen untereinander. Zudem outet sich Pinker hier auch als Anhänger von Thomas Hobbes: das zunehmende Gewaltmonopol des Leviathan hatte zur Folge, dass die Einzelnen ihre Konflikte nicht mehr unter Einsatz von Gewalt unter sich ausmachen mussten, sondern den Anderen verklagen konnten.

3. Einen Humanisierungsprozess: Beginnend mit der Aufklärung kam es nach und nach zur Verringerung oder gar Abschaffung bis dahin gängiger grausamer Traditionen, etwa der Folter von Verdächtigen, öffentlicher Hinrichtungen (je grausamer, desto besser !), Sklaverei, Hexenverfolgung, Gewalt gegen Kinder (die Tötung Neugeborener etwa war früher gang und gäbe, heute ist es ein monströses Verbrechen) und Gewalt gegen Tiere (die gibt es auch heute noch, aber wenns publik wird, ist die Öffentlichkeit entsetzt; früher war das nicht der Fall). Als treibende Kraft hinter dem Humanisierungsprozess mach Pinker die zunehmende allgemeine Bildung aus, die von den Eliten ausgehend nach und nach das einfache Volk erfasste: durch vermehrte Lektüre (Romane, Reiseberichte, Sachbücher...) lernten immer mehr Menschen, sich die geistige und emotionale Position Anderer anzueignen; zudem lernten sie, sich selbst quasi von außen zu betrachten, und so in Frage zu stellen (Wissenschaft!). Immer größere Bevölkerungsteile waren an einem allgemeinen Gedankenaustausch beteiligt, was wiederum dazu führte, dass man eigene Vorurteile hinterfragen musste.

4. Die vierte große Veränderung nennt Pinker den "Langen Frieden", und meint damit den Zeitraum seit dem Zweiten Weltkrieg, der insofern einzig in der Geschichte sei, als noch nie zuvor so lange die führenden Mächte der Welt keinen Krieg gegeneinander geführt haben. In diesem Kapitel kommt die schon erwähnte Mathematik voll zum Einsatz, etwa in der Frage, ob die beiden Weltkriege Teil eines Trends oder eher statistische "Ausreißer" (freak events) waren.
Fünftens glaubt der Autor seit dem Ende des Kalten Krieges einen Neuen Frieden ausgemacht zu haben. Dieses Kapitel hat mich nicht sonderlich überzeugt, denn die Zeit von 1989 bis heute ist m.E. zu kurz, um hier schon einen echten Trend feststellen zu können.

Sechstens schließlich die "Revolution der Rechte": in den letzten 200 Jahren wurden immer mehr Menschen und Gruppen Rechte zuerkannt, was es so vorher nicht gab: Angefangen bei den allgemeinen Menschenrechten, über die Rechte von Frauen, von Tieren, Kindern, bis hin zu Rechten von Minderheiten und Homosexuellen. Hier zeigt Pinker überzeugend, dass unser Eindruck, es gebe immer mehr Gewalt, vor allem von einer verstärkten, in manchen Bereichen sogar geradezu überzüchteten Sensibilität herrührt (siehe political correctness). Diese Sensibilität der Zeitgenossen ist ein Indiz dafür, dass die Gewalt seltener geworden ist.

Dieses Buch ist vollgestopft mit kurzen Einführugen und Darlegungen zu den unterschiedlichsten Gebieten: Konflikte in der Steinzeit; das Leben von Jägern und Sammlern vor 20.000 Jahren und heute ; die Entstehung der ersten Staaten ; Menschenopfer ; die Geschichte der Kindheit, der Sklaverei, der Folter, der Vergewaltigung ; die Ergebnisse der Spieltheorie ; die Bedeutung Immanuel Kants für die Rechtsdiskussion im 19. und 20 Jahrhundert ; Pluralistische Ignoranz und Konformismus und deren Bedeutung für Gewalt zwischen Gruppen ; Spiegelneuronen (und warum sie überschätzt sind) ; der Flynn-Effekt (d.h. insbesondere die abstrahierende Intelligenz nimmt seit 100 Jahren zu), und und und ... Dieses Buch ist geradezu ein Lesebuch der Geschichts-, Psycho- und Sozialwissenschaften, zusammengehalten durch das Thema Gewalt. Hier schreibt kein Fachidiot ein jargonlastiges Fachbuch für Fachkollegen, sondern wirklich ein umfassend gebildeter Wissenschaftler schreibt für alle, die das Thema Gewalt in all seinen Dimensionen (historisch, sozial, psychologisch) interessiert. Keine leichte Kost. Aber es lohnt sich ungemein.

Dies ist zudem ein im besten Sinne unzeitgemäßes Buch. Zeitgemäß wäre es, entweder im Stil des postmodernen Diskurses alle Seiten darzulegen, und sich dann auf eine scheinbar überlegene Position des Alles hängt von der Perspektive ab" zurückzuziehen. Oder gleich auf das zynische "Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast" . Pinker dagegen präsentiert sich in diesem Buch als engagierter Aufklärer und Humanist. Das wird die überraschen, die in ihm einen Vertreter der finsteren Soziobiologie sehen, welche bekanntlich behauptet, dass der Mensch von Natur aus böse sei (Stichwort Aggressionstrieb; Homo homini lupus), dass das immer so war und immer so sein wird. Pinker zeigt in diesem Buch sehr klar, dass der Homo sapiens selbstverständlich als ein biologisches Wesen eine Natur hat, dass aber zu dieser Natur nicht nur die "inneren Dämonen" (wie Gier, instrumentelle und ideologische Gewalt, Macht- und Dominanzstreben, Rachegelüste, Sadismus) zählen, sondern eben auch "The Better Angels of our Nature" (so der Originaltitel des Buches) : Empathie; die Möglichkeit zur Selbstkontrolle; ein Gefühl für Fairness und Moral und schließlich das Vernunftvermögen (wie unzeitgemäß ist es, dieses Wort überhaupt noch anders als ironisch zu verwenden !).

Und diese Besseren Engel sind es, die nach und nach den Fortschritt in Sachen Gewalt bewirkt haben, und ihn noch bewirken. Der in meinen Augen interessanteste Gedanke ist dabei der: Die Besseren Engel gehören seit zig-tausend Jahren zur menschlichen Grundausstattung. Warum aber gewinnen sie erst seit kurzem (seit etwa 500 Jahren) vermehrt Einfluss ? Pinker meint, dass der wichtigste Katalysator dieser positiven Entwicklung der reale und ideelle Umgang der Menschen miteinander gewesen sei. Eine fortschreitende Vernetzung der Gehirne, und die daraus resultierende Fähigkeit, von der eigenen Position (und - nicht minder wichtig - von der Position der eigenen Gruppe !) abstrahieren zu können (siehe das Kapitel über die Vernunft) verhalf und verhilft den Besseren Engeln unserer Natur zum Durchbruch.

Es ist ziemlich sicher, dass dieses Buch Wellen schlagen wird. Ich glaube zudem, dass es das Zeug zu einem Standardwerk hat, das alle gelesen haben sollten, die sich kompetent zur historischen Dimension der Gewalt äußern wollen. Bleibt nur zu hoffen, dass alle, die Pinker kritisieren wollen (was natürlich vollkommen legitim ist), dies auch auf seinem Niveau tun, und sich nicht darauf beschränken, mit Schlagwörtern wie "Soziobiologie" oder "Rosinenpickerei" um sich werfen. Und - ganz wichtig ! - dass sie vorher das Buch überhaupt gelesen haben. Und zwar ganz.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Riesen-Quelle fuer alle, die sich ueber die ..., 21. Januar 2015
Von 
miki101.Michaela "Jai yen" (VR/Italy) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
...neuesten soziologischen Entwicklungen auf der Basis der geschichtlichen Erforschung der Gewalt mehr als nur oberflaechlich informieren wollen. Hier sind SIE richtig, der/die wissen mag, woher und warum unsere Vorfahren ueberhaupt 100-jaehrige, 40-jaehrige, 2 "Welt"-Kriege ueberlebt haben und wir jetzt ueberhaupt noch auf der Welt sind.
Ein Riesenwerk, das allerdings im Original "Better Angels" a) circa 350 Seiten weniger hat b) sich in selbigem aber noch fluessiger liest.
Ein absolutes Muss fuer all diejenigen, die sich fuer das Kommen und Gehen - und dem Intervall, das wir in Terra/Gaias Geschichte gerade bestmoeglich zu ruinieren dran sind - des Homo Erectus interessieren. Ich sage absichtlich nicht "Homo Sapiens" - DAS haben wir schon lange verspielt...
Ein fuer mich persoenlich absolut lohnender Kauf.
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein befriedigendes Meisterwerk, 19. Mai 2012
Unter den Sachbuchautoren ist Steven Pinker unübertroffen. Hoch verständlich, präzise formuliert und strukturiert, unterhaltsam und intelligent, ohne Arroganz oder übertriebene Gewissheit. Die Freude, die er bei mir als Leser bereits mit The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature und How the Mind Works (Penguin Press Science) hervorgerufen hatte, setzte sich mit The Better Angels of Our Nature: The Decline of Violence In History And Its Causes fort.

Das Buch ist schnell zusammengefasst: Kapitel 2-7 dokumentieren den historischen Rückgang der Gewalt in den teilweise überlappenden Sequenzen Pazifizierung, Zivilisierung, Humanisierung, langer Frieden (nach 2. Weltkrieg), neuer Frieden (nach Kaltem Krieg) und Menschenrechte. Kapitel 8-9 behandeln gewaltfördernde (Prädation, Dominanz, Rache, Sadismus, Ideologie) und gewaltmindernde (Empathie, Selbstkontrolle, Moralität/Tabu, Vernunft) Elemente der menschlichen Natur. Das letzte Kapitel fasst fünf Trends zusammen, die den Rückgang der Gewalt bedingt haben: Leviathan, Handel, Feminisierung, Ausdehnung der moralischen Kreise, und Vernunft (Pinker nennt hier auch Faktoren, die nicht in einem klaren Zusammenhang mit Gewalt stehen: Waffentechnologie, Ressourcen und Macht, Wohlstand, Religion).

Den größten Teil des Buches machen die Kapitel 2-7 aus. Nach deren Lektüre war ich überzeugt, dass Menschen sich heute weniger Gewalt antun als vor 100 Jahren, vor 100 Jahren weniger als vor 1.000 Jahren, und vor 1.000 Jahren weniger als vor 10.000 Jahren. Diese Erkenntnis hatte ich, wie vielleicht der ein oder andere Leser, schon erahnt. Aus dieser Ahnung macht Pinker mit zwei Mitteln aber Gewissheit: Erstens mit den essenziellen Statistiken ("narratives without statistics are blind", S. 193), in deren dutzenden graphischen Repräsentationen die Trends von links oben (früher, mehr Gewalt) nach rechts unten (später, weniger Gewalt) verlaufen. Zweitens mit Beschreibungen zahlreicher Gewaltanwendungen in ihrer heute kaum mehr vorstellbaren Alltäglichkeit ("statistics without narratives are empty", S. 193). Mord, Krieg, Genozid, Folter, Verstümmelung, Vergewaltigung, aber auch weniger schwerwiegende Gewalt wie Unterdrückung/Ungleichberechtigung/Verfolgung von Andersgläubigen, Schwarzen, Frauen, Kindern, Schwulen, Tieren waren früher viel häufiger als heute. Dieser historische Trend ist umfassend und robust, was nicht heißt, dass in der Vergangenheit ein stetiger Rückgang zu verzeichnen war oder heute ein Nullpunkt erreicht ist. Pinker hält sich zudem fern von Prognosen (vgl. Future Babble). Zahlen und Beschreibungen von Greueltaten können natürlich keine 450 Seiten füllen. Die Kapitel sind durchsetzt mit hochinteressanten Diskussionen: Etwa zu den statistischen Eigenschaften von Kriegen, den relativen Beiträgen von Demokratie, Handel, oder Atomwaffen zum Frieden, gewaltsteigernden Gegenepisoden zu Aufklärung (Nationalsozialismus, Kommunismus), Pazifizierung (Entkolonisierung) oder Zivilisierung (1960er), oder zur höheren Gewaltrate in den USA verglichen mit Westeuropa. Hier ist sicherlich für jeden etwas dabei.

Kapitel 8-9 befassen sich mit der Wissenschaft der menschlichen Natur im Bezug auf Gewalt. Hier nimmt die Informationsdichte etwas zu, beispielsweise musste ich die Abschnitte über die beteiligten Hirnareale zweimal lesen. In den Kapiteln werden zahlreiche psychologische Experimente besprochen. Wenngleich es klare Belege für die Heritabilität von Gewalt gibt und wir alle Mechanismen für Gewaltausübung (und Gewaltverzicht) in uns tragen, bleibt die Ausübung von Gewalt ein Resultat der Umweltbedingungen; Zitat: "The violent inclinations of human nature are a strategic response to the circumstances rather than a hydraulic response to an inner urge" (S. 52). Pinker sieht keine überzeugenden Hinweise für eine kürzliche biologische Evolution des Menschen zu einer friedlicheren Natur, sondern macht stattdessen sich ändernde Umweltbedingungen verantwortlich.

In Kapitel 10 fasst Pinker die in den vorhergehenden Kapiteln bereits angeklungenen Erklärungsansätze für den Gewaltrückgang zusammen. Erstens reduzierte sich die Gewalt durch die zunehmende Konsolidierung der Staatsmacht. Wie ein Schiedsrichter steigert der Staat die Kosten gewalttätigen Verhaltens, indem er dieses Verhalten bestraft (im Zuge wird Gewaltverzicht als Norm internalisiert). Ein staatliches Gewaltmonopol steht in einer positiven Rückkopplung mit dem zweiten Faktor, dem Handel. Das gewaltreduzierende Potenzial von Arbeitsteilung und Handel ist vielleicht der von allen Faktoren am wenigsten anerkannte. Handel ist win-win, oder, in den Worten von Friedensforscher Nils Petter Gleditsch: "make money, not war" (S. 288). Der dritte Faktor ist die Feminisierung. Aufgrund fundamentaler biologischer Realitäten ist das weibliche Geschlecht weniger gewaltgeneigt als das männliche (abzulesen in jeder Kriminalstatistik). Der zunehmende Einfluss von Frauen bedeutet, dass primär männliche Nullsummenspiele um Status, Ehre, Dominanz und Ruhm abnehmen. Hinter dem vierten Faktor, der Ausdehnung moralischer Kreise, verbirgt sich das Hineinversetzen in Menschen anderer ethnischer Herkunft, Nationalität, etc. Ursachen sind für Pinker Druckpresse und sinkende Transportkosten (Verbreitung des Romans und anderer literatischer Werke) und später Massenmedien (globales Dorf). Bildung und Kosmopolitismus fördern auch den fünften Faktor, die Vernunft. Wissen und Vernunft erlauben es, sich der Realität zu nähern und sich damit von Aberglaube (z.B. Hexerei) und anderen schlecht gerechtfertigten Praktiken (z.B. Sklaverei) abzuwenden.

Pinker füttert seine Ausführungen mit vielen Veröffentlichungen der Kriminalistik, Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Neurowissenschaft, Ökonomie, Geschichts- und Politikwissenschaft. Es gefällt, dass er große Theoretiker (Hobbes, Kant, Elias, etc) nicht einfach erwähnt, sondern sie quantitativ hinterfragt. Als Laie des Forschungsfelds Gewalt/Krieg kann man jedenfalls eine Menge lernen und weiteren Erkenntnishunger mithilfe des umfangreichen Literaturverzeichnisses stillen. Ob man Pinkers Ausführungen überzeugend findet oder nicht: die Lektüre des Buchs lohnt sich allein schon aufgrund der Fülle des zusammengetragenen und unterhaltsam vermittelten Wissens.
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21 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen zu wenig Struktur, 2. Dezember 2011
Zum wesentlichen Aufbau des Buches ist dank der anderen Rezensionen wenig hinzuzufuegen. Das Buch scheint sehr umfassend und detailreich. Mein Eindruck war aber schon nach wenigen Kapiteln, das man mindesten 75% des Geschriebenen haette weglassen koennen, ohne den Inhalt zu beschaedigen (300 Seiten haetten sicherlich genuegt). Es ist nicht nuetzlich, die Todesarten und Mordvorgaenge en detail zu beschreiben oder wenig erhellende Abbildungen zu zeigen; ein gut strukturiertes Kapitel ueber den Wandel der "Gewaltkultur im Alltag" haette dem Buch besser getan. Darueberhinaus finde ich, dass die statischen Methoden einwandfrei sind, auch wenn relative Todeswahrscheinlichkeiten gerade in Bezug auf die Massenmorde des 20. Jahrhunderts etwas unangebracht scheinen. Sie geben ein klareres Bild ab darueber wie stark die Gewalt rezipiert wurde oder wie stark die Auswirkungen der Gewalt (Krieg etc) den einzelnen betroffen hat. Leider sind die Schlussfolgerungen aus den Daten und Texten (wie etwa Benimmbuechern, etc) oft sehr voreilig und werden nicht wirklich glaubhauft begruendet.

Mich persoenlich hat der Autor zumindestens davon ueberzeugt, dass die Menge an taeglich erfahrener Gewalt heute wesentlich kleiner ist, als noch vor Jahrzehnten. Ob man daraus aber einen generellen Abwaertstrend extrapolieren sollte, bleibt fraglich. Als (sehr) leicht verdaulicher Einstieg in die Thematik durchaus zu empfehlen.

Zusammengefasst: mehr Struktur, dafuer weniger Schauergeschichten haetten aus diesem Buch einen Klassiker gemacht.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Steven's Zahlenritt durch die Geschichte!, 7. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dr. Steven Pinker sieht auf der welthistorischen Bühne Gewalt und Krieg auf dem Rückzug und hat evolutionspsychologische Begründungen dafür anzubieten!

Die Zeiten, in denen apokalyptische Kriegsszenarien die Zukunftsvorstellungen der Europäer beherrschten, sind so lange noch nicht her. Sie haben die Menschen mobilisiert und zu Hunderttausenden gegen die Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen protestieren lassen. Für Dr. Steven Pinker, einen gebürtigen Kanadier, der in Harvard und am MIT Psychologie lehrt, waren diese Proteste zugleich Missverständnis und Symptom eines Trends, wonach Krieg und Gewalt in Politik und Gesellschaft auf dem Rückzug sind und noch nie in der Geschichte eine so marginale Rolle gespielt haben wie in unserer Gegenwart: Symptom, weil der Krieg als Mittel der Politik vehement abgelehnt wurde. Missverständnis, weil ein Gewaltszenario entworfen wurde, das eigentlich schon gar nicht mehr existierte!

Mit Gegenwart meint Dr. Pinker freilich nicht nur die letzten Jahrzehnte, sondern das ganze zwanzigste Jahrhundert. Was im kollektiven Gedächtnis der Europäer und Ostasiaten ein ungeheurer Ausbruch der Gewalt war, der alles bis dahin Dagewesene übertroffen habe, ist für Pinker nur ein weiterer Schritt in einem sich beschleunigenden Rückgang von Krieg und Gewalt... bedingt durch den extremen Wertewandel und der erstaunlichen Einsichtsfähigkeit der Europäer der 2. Jahrhunderthälfte. Es muss eben schlimm kommen, soll es gut werden! Steven Pinker sieht das Europa der letzten 60 Jahre als die Instanz des Besseren! Um diese These zu belegen, hat Pinker komplizierte Statistiken erstellt, historische Zeugnisse zusammengetragen, Zivilisationstheorien referiert und diskutiert, zuhauf psychologische Experimente dargestellt und sie mit hirnphysiologischen und neurologischen Untersuchungen in Verbindung gesetzt. Daraus ist ein Buch entstanden, das man als den "Anti-Spengler des 21. Jahrhunderts" bezeichnen könnte: Hatte Oswald Spengler bekanntlich den Untergang des Abendlandes vorausgesagt, so ist bei Steven Pinker weder von Untergang noch von Niedergang, sondern von Fortschritt die Rede.
Und wenn bei Spengler der infolge von Überzivilisiertheit und Verweichlichung schwindende Selbstbehauptungswille Europas für dessen Niedergang verantwortlich gemacht wird, während die „Barbaren“ vordringen, sieht Dr. Steven Pinker in der schwindenden Bedeutung von Gewalt und Gewaltandrohung ein Zeichen dafür, dass sich das Menschengeschlecht „in einem beständigen Fortschritt zum Besseren“ befinde, bei dem Europa eine Führungsrolle übernommen habe. Kant, der als einer der ersten von einem beständigen Fortschritt des Menschengeschlechts gesprochen hat, machte für ihn allenfalls historische Indizien geltend; Pinker will ihn mit wissenschaftlichen Methoden beweisen. Ganz ohne Mathematik kommt man dabei nicht aus.
Was sonst ein mit interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftlern besetzter "Thinktank" leisten soll, hat sich Steven Pinker ganz allein vorgenommen. Zwangsläufig hat er sich dabei auf Gebiete vorgewagt, auf denen er kein ausgewiesener Fachmann ist. Umso mehr muss er hier darauf vertrauen, dass die mathematischen Modelle und statistischen Berechnungen, mit denen er bevorzugt arbeitet, das ausgleichen, was ihm an quellenkritischer Sensibilität abgeht. So nimmt er etwa die Zahlenangaben von Chronisten über die Gewaltopfer bei den Eroberungszügen Dschingis Khans oder Timur Lenks und multipliziert sie mit dem Faktor, um den die Weltbevölkerung heute größer ist als damals. Auf diese Weise sollen die Auswirkungen der Gewalt und die Todesraten quer durch die Geschichte miteinander vergleichbar gemacht werden. So kommt Pinker zu dem Ergebnis, dass der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Toten auf einer ewigen Rangliste der Gewaltkatastrophen erst auf den neunten Platz kommt, während die mongolischen Eroberungen den zweiten und der Sklavenhandel im Nahen Osten den dritten Platz einnehmen. Die Ermordung der Juden Europas ist bei solchen Berechnungen dann kein besonders einzigartiges Ereignis mehr, ja sie taucht in Steven Pinkers Liste der zwanzig größten Gewaltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit nicht einmal auf. In der Nacht der Statistik sind nun einmal alle Katzen grau; das ist der Preis, den eine Methode zahlen muss, die mit den historischen Umständen auch alle Besonderheiten und Einmaligkeiten in quantitativen Größen verschwinden lässt. Pinker weiß das und weist darauf hin, zieht aber nicht die Konsequenz eine entsprechende "qualitative" Gewichtung in seine Berechnungen einfließen zu lassen, vielleicht auch um einer kühlen, nicht näher erläuterten Objektivität willen; denn so sehr uns der Holocaust auch an die Nieren geht, so klar muss es sein, dass eine solche qualitative Gewichtung bei der Bewertung hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben wäre, dass die größte menschliche Katastrophe des 20. Jahrhunderts eben doch erst ein paar Jahre zurück liegt und alleine deshalb in unserem kollektiven Gedächtnis noch viel schlimmere Narben verursacht als die zahlreichen fürchterlichen und brutalen Genozide, die im Laufe der Jahrhunderte oder gar Jahrtausende stattfanden.

Aber sind die Zahlen, die Pinker teilweise übernimmt, teilweise selbst errechnet hat, wirklich zuverlässig? Hier sind erhebliche Zweifel angebracht, haben doch die Chronisten früherer Zeiten mit den von ihnen gemachten Angaben oft nur die Größe und Ungeheuerlichkeit eines Ereignisses emotional zum Ausdruck bringen wollen. Selbst wenn sie ihre Angaben hätten empirisch verifizieren wollen, sie hätten es nicht gekonnt. Die Zahlenkolonnen, die Steven Pinker aufbietet und die an- und absteigenden Linien seiner Grafiken erwecken den Eindruck, er wüsste es ganz genau... und das ist in einigen Fällen auch so, etwa bei den dramatisch rückläufigen Raten der Tötungsdelikte in Europa und Amerika oder der Anzahl der zum Tode Verurteilten und Hingerichteten in aller Welt. Pinker fragt: Warum? Zurecht! Andere Grafiken dagegen beruhen eher auf vagen Schätzungen, kommen aber, zumindest formell, mit demselben wissenschaftlichen Dignitätsanspruch daher.

Es mangelt auch hier an Konsequenzen, denn natürlich weiß Pinker um die Unzuverlässigkeit mancher seiner Zahlen, notiert dies auch mehrfach, lässt es dann dabei aber bewenden und behandelt die Zahlen, trotz aller Zweifel, als seien sie in der Epoche der amtlichen Statistik erhoben worden. Diese wundersame Verwandlung des Unzuverlässigen ins Zuverlässige durch das Eingeständnis der Unzuverlässigkeit ereignet sich in Pinker's Buch aber keineswegs nur bei den Statistiken, sondern auch im Umgang mit den Quellentexten selbst.

Sowohl Homers „Ilias“ als auch die Bücher der hebräischen Bibel werden von Pinker oft als historische Quellen gelesen, mit denen sich die exzessive Gewalt früherer Zeiten belegen ließe - nachdem er zuvor durchaus zugestanden hat, dass es sich um Literatur, Rachephantasien und ähnliches handle. Wie sind solche Inkonsistenzen der Argumentation bei einem wissenschaftlich versierten Autor zu erklären? Erstens durch die Realität: Wer wollte ernsthaft bestreiten, dass in der Antike Menschen, auch schon wegen verhältnismäßig geringfügiger Delikte, gefoltert und ans Kreuz genagelt wurden? Wer wollte bestreiten, dass es im Mittelalter zur Freizeitbeschäftigung der Menschen gehörte, als Auftakt zu einem gelungenen Fest, ein paar lebendige Katzen langsam zu verbrennen und sich über deren "Äußerungen" zu amüsieren, die sie taten, um ihren fürchterlichen Qualen Ausdruck zu verleihen? Zweitens: Vermutlich haben wir es hier mit verschiedenen Schichten aus dem Entstehungsprozess des Buches zu tun: Pinker hatte den Text geschrieben, Kolleginnen und Kollegen, die die Rohfassung lasen, machten ihn auf methodische Probleme aufmerksam, er hat die Hinweise übernommen und in den Text eingebracht - aber die Konsequenzen daraus hat er nicht gezogen.

Pinker's These lautet, dass vor der Entstehung von Staaten die Tötungsrate unter den Menschen sehr viel höher gelegen habe. Während die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes in Jäger- und Gärtnergesellschaften bei durchschnittlich fünfzehn Prozent gelegen habe, sei sie in den Kriegen des siebzehnten Jahrhunderts auf zwei Prozent und im zwanzigsten Jahrhundert auf einen Wert zwischen drei und 0,7 Prozent gesunken. Glaubwürdig! Es ist das Argument des Thomas Hobbes, dass die Monopolisierung der Gewalt beim Staat nicht nur den durch Ehrvorstellungen gesteuerten Mechanismus von Rache und Widerrache durchbricht, sondern auch dafür sorgt, dass der in einer anarchischen Gesellschaft herrschende Zwang zur präventiven Gewaltanwendung außer Kraft gesetzt wird. In Pinker's Buch wunderbar erklärt!

Für die vor- und frühgeschichtliche Gewaltrate will sich Pinker aber nicht nur auf Hobbes verlassen, sondern bemüht auch Darwin: Eine hohe Gewaltbereitschaft der Männer habe hier Evolutionsvorteile gehabt, denn mit jedem Mann, den man tötete, eignete man sich dessen Frauen an und sorgte so für mehr Nachkommenschaft mit den eigenen Erbinformationen. Später kommt Pinker dann auf die gewaltlimitierenden Effekte zu sprechen, die mit der Durchsetzung der Monogamie verbunden waren: Monogamie begrenzt die Evolutionsvorteile von Töten und Rauben und zivilisiert so die Männer. Es ist aber nicht nur der Staat, der durch seinen Anspruch auf das Monopol legitimer physischer Gewalt die Tötungsrate gesenkt hat, sondern es kommt auch eine Form gesellschaftlicher Selbstzivilisierung ins Spiel, wie sie von Norbert Elias vor Jahrzehnten bereits untersucht worden ist. Es schließt sich als weitere Geschichtsetappe die von Pinker so bezeichnete „humanitäre Revolution“ an, die im Wesentlichen mit der Aufklärung identisch ist und in deren Verlauf Gewalt und Grausamkeit delegitimiert wurden. Pinker beschreibt eindrucksvoll die Wandlung der reaktionären "Gesellschaften der Ehre" zu den fortschrittlichen "Gesellschaften der Würde". Darauf folgt bei ihm der „Lange Frieden“, der sonst Kalter Krieg heißt, und dann der „Neue Frieden“ nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Dr. Pinker gesteht zu, dass in diesen auch neue Kriege eingelagert seien, bezweifelt aber, dass sie höhere Tötungsraten aufwiesen als die klassischen Staatenkriege, und verweist dazu auf die waffentechnischen Defizite der Gewaltakteure. Wie dieses Argument mit der von ihm angenommenen hohen Tötungsrate in primitiven Gesellschaften zusammenpasst, muss sein Geheimnis bleiben...

Im Prinzip sind diese historischen Kapitel, die mehr als die Hälfte des Buches ausmachen, nur Beobachtungen mit dem Anspruch auf eine wissenschaftliche Fundierung, die erst nachgereicht wird. Dann nämlich, wenn Pinker die Antriebe und Verhaltensweisen von Menschen im Hinblick auf Habgier, Wollust, Ehrgeiz, Dominanzstreben, Rachebedürfnisse und Sadismus untersucht, die Effekte von Ideologie, aber auch Empathie, Vernunft und Selbstbeherrschung als Blockaden der Gewalt ins Auge fasst. Die Grundlage dafür sind zahlreiche psychologische Experimente aus den letzten Jahrzehnten, in denen die Reaktionen von Menschen beobachtet und gemessen wurden. Seit dem Aufstieg der Neurowissenschaften können diese Beobachtungen mit Aktivitäten des Gehirns verknüpft werden. In diesen Passagen wird eigentlich erst klar, warum sich Pinker auf den riskanten Ritt durch die Geschichte eingelassen hat, denn nun verbindet er historische Etappen und psychologische Reaktionsbeobachtung miteinander, um Erklärungen dafür zu offerieren, warum der Prozess der schwindenden Gewalt sich keinen Zufällen verdankt, sondern zwangsläufig vonstatten geht.

Wer vieles weiß, hat es schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Steven Pinkers Buch lässt sich weder in einem Zug noch ohne große Mühe lesen! Wer's wirklich ganz lesen und verstehen will, sollte sich auf eine Lesezeit von mehreren Monaten einstellen. Es ist nämlich ein wirklich dickes Ding (ca. 1033 zu lesende Seiten) und es enthält zahllose Abschweifungen und methodische Erläuterungen. So mutet es manchmal an wie eine Vorlesung, in der die Studierenden anhand einer Überfülle von Beispielen in die Methodologie eines Fachs eingeführt werden. Das ist mitunter nicht uninteressant. Jungen Leuten, die ihren "Bachelor" oder "Master" machen und ein Vorbild für's grundsätzliche wissenschaftliche Arbeiten suchen, sei dieses Werk besonders empfohlen. In „einer neuen Geschichte der Menschheit“ ist es aber doch zumeist störend oder zumindest partiell ziemlich langatmig Pinker's Beweisführung zu folgen. Sinnvoller wäre es gewesen, wenn Pinker mehr Aufmerksamkeit auf Probleme seiner Argumentation verwandt hätte, etwa darauf, wie zusammenpasst, dass er die Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts letztlich in der Macht dreier Männer - Hitler, Stalin und Mao - kulminieren lässt, deren politischer Aufstieg keineswegs zwangsläufig war, wo doch seine Argumentation auf der Aussagekraft großer Zahlenmengen beruht. Dennoch: Trotz der beschriebenen Schwächen in der grundlegenden Beweisführung, kann Pinker den eindrucksvollen Beweis dafür antreten, dass ein verhaltener Optimismus, was die Entwicklung der Menschheit hin zu immer mehr Humanität und Zivilisation absolut gerechtfertigt ist.

Steven Pinker's Credo gipfelt in der Aussage, dass mit zunehmender, vielschichtiger Bildung, das "Barbarentum" zwangsläufig abnimmt!
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42 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Überraschend unbedarfte, säkularisierte Heilsgeschichte, 25. April 2012
Von 
FMA - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Das Buch entspricht in etwa allen Klischees, von denen man gemeinhin denkt, dass ostentativ säkulare Humanisten sie im Kopf haben. Die Evolution des Menschen wird als säkularisierte Heilsgeschichte aufgefasst. Wie in vergilbten Ostblock-Stabü-Büchern wird alles immer besser; je mehr Bildung, desto mehr Liebe unter den Menschen.

Die grundlegende geschichtsphilosophische Matrix bezieht der Autor dabei allerdings nicht von Marx und Lenin, sondern von Norbert Elias Theorien zum Zivilisationsprozess. Hier kann man nur die Lektüre von H.P. Dürr empfehlen, der diesem - vergleichsweise spärlich unterlegtem - Theoriegebäude eine überwältigende Materialfülle entgegensetzt und belegt, dass die Menschen des MA in den wesentlichen ethisch-moralischen und ästhetischen Fragen nicht soviel anders empfanden wie wir. Gewalt war keineswegs in einem Maße allgegenwärtig, wie dies vom Autor dargestellt wird.

Wesentliche Aspekte werden in dem 1000seitigen Werk, dass sich - trotzdem der Autor einen durchaus anregenden Schreibstil pflegt - über weite Strecken in der Erörterung von Trivialitäten ergeht, nicht einmal angesprochen. Menschen haben im Allgemeinen eine natürliche innere Sperre hinsichtlich der Gewaltanwendung gegenüber Mitmenschen. Es muss "gute" Antriebe geben, um diese zu überwinden. Für den Wohlstandsmenschen der westlichen Kultur fällt hier die Motivation notvoller Lebenssituationen bereits weg. Auf den ersten Blick könnte man auch meinen, es verhielte sich ebenso mit dem, was volkstümlich als Gier und Habsucht beschrieben wird.

Aber auch in diesem Bereich wird sich nicht ohne Weiteres ein Prozess moralischer Besserung konstatieren lassen. Wir haben längst andere, subtilere Wege gefunden unsere übersteigerten materiellen Bedürfnisse zu befriedigen, als einander auszurauben. Weniger destruktiv sind wir dabei allerdings nicht. Statt personaler Übergriffe lösen nun - hoch zivilisierte - Gesellschaften gleich globale Krisen mit unvorhersehbarem Ausgang aus. Parteiprogramme und Wählermehrheiten für das nötige Gegensteuern hinsichtlich einer nachhaltigen Sicherung der Sozial-, Öko- und Finanzsysteme, sowie einer effizienten Entwicklungshilfe finden sich nirgends.

Auch der Zusammenhang von Bildung und Moral, den der Autor herstellt, erscheint konstruiert. Wer bspw. die Statistiken weltweiter Tötungsdelikte mit der von Alphabetisierungsraten vergleicht, sieht, dass es hier nur sehr begrenzte Zusammenhänge gibt. Der indische Subkontinent inkl. weiterer Teile Südasiens mit einer Bevölkerung, die zur am schlechtesten ausgebildeten gehört, hat vergleichsweise wenig Kapitalverbrechen aufzuweisen. In Lateinamerika ist das Gegenteil der Fall. In Afrika hat gerade das Land mit dem besten Bildungssystem eine der höchsten Gewaltquoten. In der mittelafrikanischen Region könnte man einen Zusammenhang sehen. Aber auch hier wissen wir viel zu gut, welchen Einfluss gerade der zivilisierte, nach den dortigen Rohstoffvorkommen gierende Westen bei der Etablierung einer Gewaltkultur spielte.

Ad Absurdum führen die Statistiken der UNODC auch Pinkers Pauschal-Verlinkung von Religion und Gewalt. Gerade im muslimischen Kulturkreis sind bspw. die Kapitalverbrechensquoten vergleichsweise gering - im ehem. atheist. Ostblock - EU ausgenommen, sieht es da schon anders aus.

Grundsätzlich wenig überzeugend ist auch Pinkers Proportionalitästsperspektive. Gewalt hätte nur proportional zum Bevölkerungswachstum abgenommen. Hier werden elementare Erkenntnisse der Gewaltforschung, die u.a. einhellig in einem gut funktionierenden und konsequent Gewalt sanktionierendem Rechtssystem einen ganz entscheidenden Faktor sehen, einfach ausgeblendet. Das Gewaltmonopol des Staates, eine entwickelte Legislative und Exekutive sowie vielfältige andere Formen der sozialen Einbindung, Sanktionierung, Belohnung, Kontrolle - das alles ist nur bei einer gewissen Bevölkerungsdichte möglich.

Während der Begriffskomplex Gott/göttlich/Glauben/Religion im Stichwortverzeichnis eine ganze Seite füllt, findet sich der in der gegenwärtigen Konflikt- bzw. Friendensforschung zentrale Begriff der Demografie überhaupt nicht. Man muss "Youth-Bulge"-Phänomenen nicht gleich einen so hohen Stellenwert beimessen, wie etwa der deutsche Soziologe G. Heinsohn dies tut. Dass es hier jedoch Zusammenhänge gibt, die eine wichtige Rolle spielen, dürfte außer Frage stehen und diesen Aspekt im Mammut-Werk Pinkers nicht einmal angesprochen zu finden, mutet merkwürdig an.

Wie nicht anders zu erwarten, durchzieht auch ein Defizit an objektiv-kompetenter historischer Einordnung das Werk wie ein roter Faden. So spielen für den Autor bspw. im Dreißigjährigen Krieg nur Glaubensmotive eine Rolle, wenngleich diese spätestens von dem Zeitpunkt an, als der Realpolitiker Richelieu seine Fäden auf der Weltbühne spinnt, immer mehr in den Hintergrund treten. Beim Nazi-Terror sieht Pinker einseitig die Gegenaufklärung" einen Begriff, den er völlig unhistorisch und inadäquat zur sonstigen Verwendung in der Fachwelt gebraucht, am Werk. Beim RAF-Terror sieht er schon gar keine weltanschaulichen Motive im Hinter- bzw. Vordergrund.

Natürlich zeigt das Werk auch viele Zusammenhänge auf, deren Beachtung in der richtigen Gewichtung zweifellos Sinn macht. Wer wollte bestreiten, dass sozialer Ausgleich, Demokratie, internation. Handel, zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit, vielfältige Begegnungsmöglichkeiten, Bildung, ein Rechtsystem mit humaner Strafzumessung etc. dazu beitragen können, ein friedliches Miteinander zu kultivieren.

Der Autor kippt jedoch auf der anderen Seite vom Pferd, wenn er übersieht, dass all diese - quasi externen Faktoren - nicht unbedingt mit einem moralischen Fortschritt der Menschheit zu tun hat. Wer das meint, steht in Gefahr, eine Blauäugigkeit zu kultivieren, wie sie in weiten Teilen des Westens auch zur Zeit des NS vorzufinden war und zum Hintergrund einer naiven Passivität und Appeasement-Politik wurde.

Auch schleicht sich unversehens in das Theoriegebäude des Autors ein deutlich diskriminierender Unterton, wenn nach seiner absurden Auffassung die weniger Intelligenten und Gebildeten die im Schnitt moralisch schlechteren Menschen wären.

Last but not least birgt natürlich die latente Religionsfeindlichkeit, die in neu-atheist. Manier, religiösen Zeitgenossen pauschal bescheinigt, ein Hindernis für den Fortschritt der Menschheit zu sein, ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotenzial. Dieser - im Grunde menschenrechtskonträre Ansatz - der besonders durch die Pamphlete des Pinker-Freundes Richard Dawkins inzwischen weltweit Verbreitung findet, befeuert schon jetzt in Ländern wie China und Vietnam, wo man aggressive Bücher wie "God Delusion" in jeder Buchhandlung mit englischsprachiger Abteilung findet, die Verfolgung von Christen und anderen religiösen Menschen.

Fazit: "Eine neue Geschichte der Menschheit" entwirft der Autor mitnichten. Vielmehr spannt er die alte - mit aller Gewalt - auf das Prokrustesbett einer ideologieförmigen, neu-atheistischen Heilslehre; mit der Gefahr eben, für die Lehren der Gewaltgeschichte der Menschheit blind zu werden.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hochinteressant - aber weniger ist manchmal mehr, 22. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit (Taschenbuch)
Das Werk betrachtet die Menschheittsgeschichte unter einem ganz neuen und hoch interessanten Blickwinkel, der angesprochenen Tendenz in Richtung einer drastischen Verminderung der Gewalt wird man bei Berücksichtigung des zur Verfügung gestellten Zahlenmaterials kaum widersprechen können, was insgesamt (endlich einmal) einen sehr optimistischen Blick in die Zukunft erlaubt. Sehr ansprechend ist vor allem die von Besserwisserei und Missionierung weit entfernte kühle und sachliche Argumentation. Ein SACH-Buch also schlicht und einfach.
Einen Vorwurf kann man dem Autor nicht ersparen:
Alles, was da in 1200 Seiten vorgebracht wird, hätte er auch in 300 Seiten geschafft, und zwar OHNE auch nur den geringsten Verlust an relevanter Information- und mehr, als auf 300 Seiten Platz hat kann man sich ohnehin kaum dauerhaft merken. Es ist frustrierend, eine Woche oder mehr lektüremäßig blockiert zu werden, wenn zwei Tage auch gereicht hätten.
Trotzdem: empfehlenswert (v.a. wenn man eine Woche Strandurlaub plant), und hoffentlich gibt es auch einmal eine Kurzfassung.
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10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Umfassend, intelligent und unbedingt lesenswert, 22. Dezember 2011
Von 
Gospelsinger (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Schon wieder ein Amoklauf. Schon wieder ein mörderischer Anschlag. Schon wieder ein tätlicher Angriff im öffentlichen Nahverkehr. Schon wieder Tote und Verletzte. Jeden Tag lesen wir von neuen Gewalttaten. Es wird immer schlimmer, unsere Gesellschaft wird immer gewalttätiger.
Stimmt nicht, sagt Pinker, im Gegenteil. Er vertritt die These, dass die Gewalt sogar abgenommen habe. Und diese These belegt er in diesem zu Recht als Standardwerk bezeichneten Buch sehr gründlich und ausführlich.
Pinker betrachtet die langfristige Entwicklung der Gewalt und stellt erst einmal sehr plastisch die alltäglichen Gewalterfahrungen in früheren Gesellschaften dar. Das Mittelalter beispielsweise, das uns so sehr fasziniert, dass sich historische Romane hervorragend verkaufen, war kein gemütlicher Ort. Da wurde gefoltert, als öffentliche Belustigung zu Tode gequält, Kinder wurden misshandelt und getötet, Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung, die kleinsten Vergehen zogen drastische Strafen bis hin zum Tod nach sich. Auch die Ritter des Mittelalters waren nicht gerade die edlen Männer, als die sie gemeinhin dargestellt werden. Sie schützten ihre Minnedamen nur davor, von anderen Rittern geraubt zu werden, nicht vor der eigenen Brutalität.
Das gleiche trifft auf alle anderen früheren Gesellschaften zu, wie das alte Rom oder das antike Griechenland. Im alten Rom wurden Folterungen zum öffentlichen Schauspiel. Im berühmten Kolosseum kamen fast 500 000 Menschen auf grausamste Arten um, unter den Augen eines begeisterten Publikums.
Auch die Bibel bildet da keine Ausnahme. Sie forderte in erster Linie Gehorsam gegenüber der Autorität Gottes, ein Menschenleben hatte demgegenüber keinen Wert. Eine der schlimmsten Foltermethoden, die Kreuzigung, wurde zum Sinnbild der christlichen Religion, deren Führungskräfte die systematische Folter in Europa salonfähig machten. Die Bibel ist so voller brutaler und ausführlicher Gewaltbeschreibungen, dass sie nach heutigen Kinderschutzmaßstäben erst ab einem Alter von 18 Jahren gelesen werden dürfte.
Das Gleiche gilt für Grimms Märchen, in denen es vor Gewalttaten nur so wimmelt. Mord, Kindesaussetzung, Kindesmord, Kannibalismus, Vergiftung, Verstümmelung, Verbrennung und sexueller Missbrauch sorgen für nicht so süße Träume nach Vorlesen der Gutenachtgeschichte.
Selbst noch im 20. Jahrhundert war Gewalt in der Ehe keine Straftat, und das Verprügeln von Kindern war eine anerkannte Erziehungsmethode.
Massive Gewalt war zu allen Zeiten und in allen Gegenden der Welt ein ganz normaler Bestandteil des Alltags.
Aber wodurch hat sich das geändert? Wie kommt es, dass wir heutzutage nicht mehr davon bedroht sind, gepfählt oder aufs Rad geflochten zu werden? Wie kommt es, dass Folter und die Todesstrafe in weiten Teilen der westlichen Welt verpönt sind? Warum werden heute Menschen für geringe Vergehen nicht mehr an den Pranger gestellt, wo sie ohne Nahrung aushalten müssen und mit Exkrementen beworfen werden? Warum werden kluge Frauen nicht mehr als Hexen verbrannt?
Pinker erklärt das unter anderem mit dem Aufkommen und Erkämpfen von Rechten und mit der Entwicklung des Mitleids.
Der Autor teilt den Prozess des Gewaltabbaus in mehrere Phasen ein: Dem Befriedungsprozess, dem Prozess der Zivilisation, der Humanitären Revolution, dem Langen Frieden, dem Neuen Frieden und der Revolution der Rechte.
Im Befriedungsprozess fand der Übergang von der Steinzeitgesellschaft der Jäger und Sammler hin zu den sesshaften Gesellschaften statt. Pinker macht es sichtbar Spaß, mit romantischen Vorstellungen aufzuräumen, denn die ursprünglichen Gemeinschaften waren nicht natürlich, edel und gut, sondern wesentlich gewalttätiger als ihre Ackerbau und Viehzucht betreibenden Nachfahren. Besonders hart wurde um Frauen gekämpft, natürlich ohne deren Mitspracherecht. Der Prozess der Befriedung senkte das Risiko eines Mannes, Opfer einer Gewalttat zu werden, um ein Fünftel.
Der Zivilisationsprozess hatte das Merkmal, dass die Gewaltausübung institutionalisiert und auf den Staat übertragen wurde. Der Gewaltrückgang fand überwiegend in den oberen Schichten statt, denn vor allem dort wurde sie ausgeübt. Unterstützt wurde dieser Prozess durch den Handel, der es notwendig machte, über den eigenen Tellerrand zu sehen, sowie durch einen Wandel in der Psyche hin zu mehr Selbstkontrolle und besserem Benehmen. Bei Fischern, Bauern und Viehzüchtern entwickelten sich informelle Normen. Ein wichtiger Motor des Zivilisationsprozesses war die Heirat, denn Frauen haben offensichtlich eine friedensstiftende Wirkung auf Männer.
Zentral war die Humanitäre Revolution. Die Aufklärung sorgte für ein Umdenken. Tötungen aus Aberglauben, wegen Gotteslästerung und wegen Ketzerei wurden abgeschafft, Grausamkeit und Folter, auch gegenüber Kindern und Tieren, wurden geächtet, die Rechte der Menschen wurden wichtig. In dieser Phase wurde auch die Sklaverei abgeschafft. Die Wertschätzung wendete sich nicht mehr Seelen, sondern Leben zu. Das erforderte die Fähigkeit, für die anderen Menschen Mitleid zu empfinden. Ermöglicht und verstärkt wurde dieser Prozess durch das Aufkommen der Wissenschaft, durch die Verbesserung der Hygiene, die Menschen weniger abstoßend machte, und vor allem durch die Verbreitung des Lesens. Die Alphabetisierungsrate stieg, und als immer mehr preiswerte Bücher zur Verfügung standen, stieg auch die Motivation zum Lesen. Dazu kam die 'Leserevolution', nämlich die Veränderung des Leseverhaltens. Statt religiöser Texte wurden säkulare gelesen, und die Bandbreite der Textarten nahm zu. Der Horizont der Lesenden erweiterte sich über die unmittelbare Umgebung des eigenen Dorfes hinaus und führte, besonders durch die Lektüre von Romanen, zu einer größeren Fähigkeit, sich in die Denkweisen anderer Menschen einzufühlen und den eigenen Standpunkt, die eigenen Gewohnheiten und Sitten zu relativieren. Kein Wunder, dass der Klerus Romane auf den Index der verbotenen Bücher setzte!
Die Periode des Langen Friedens bezieht sich auf die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Nie in der Geschichte gab es weniger Kriege als in dieser Phase. Pinker hat in diesem Kapitel eine herrlich plastische Art zu zeigen, wie Wahrscheinlichkeiten berechnet werden und welche Fallstricke in solchen Berechnungen lauern. Dieser Teil ist sehr statistiklastig, aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der 2. Weltkrieg historisch gesehen wirklich nur ein statistischer Ausrutscher war. In diesem Teil zeigt sich nämlich auch, wie schwierig es ist, Kriegsopfer gegeneinander aufzurechnen. War der Völkermord in Ruanda wirklich so viel weniger schlimm als andere Genozide?
Zurzeit sind wir in der Phase des Neuen Friedens, in dem auch der Kalte Krieg überwunden wurde. Ob es so friedlich bleibt, kann niemand voraussagen, dazu ist diese Phase einfach noch zu kurz. Aber immerhin haben wir es bisher geschafft, dass keine der so zahlreich vorhandenen Atomwaffen auch wirklich eingesetzt wird. Bleibt zu hoffen, dass auch die Regierungen des Irans und Nordkoreas diese Vernunft zeigen. Pinker rückt in diesem Abschnitt auch das Ausmaß der Terrorgefahr in die richtige Dimension und zeigt, dass die Gegenmaßnahmen der Regierungen, aber auch die Angst der Bevölkerung, völlig überzogen sind. Durch den Verzicht auf das Fliegen und den Umstieg aufs Auto sind mehr Menschen gestorben, als bei den Anschlägen am 11. September. Die übersteigerte Angst ist den Regierungen gerade recht, können sie doch so ungestraft die persönlichen Freiheiten gesetzlich beschneiden. Sehr plausibel finde ich die Ausführungen Pinkers, warum die Humanitäre Revolution noch nicht in den islamischen Ländern angekommen ist, nämlich wegen der Ablehnung der Buchdruckpresse im Mittelalter und dem Widerstand gegen den Import von Büchern und gegen das freie Denken. Der arabische Frühling wird das hoffentlich ändern.
Ein weiterer zentraler Prozess für den Rückgang der Gewalt sind die Revolutionen der Rechte. Ehemals unterdrückten Minderheiten werden Rechte zugestanden, die ihnen lange verweigert wurden. Die Erklärung der Menschenrechte, die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die gewaltlose Erziehung von Kindern, der Tierschutz, all das hat zu einer vorher undenkbaren toleranten Gesellschaft geführt. In früheren Zeiten wäre beispielsweise eine offen gelebte Homosexualität lebensgefährlich gewesen (in einigen Ländern ist sie das bis heute), heute sucht ein Bauer im Fernsehen einen Mann. Zurzeit übertreiben wir es fast schon mit dem Einsatz für vermeintlich Unterdrückte, wie einige Auswüchse der political correctness zeigen. Wahrscheinlich haben wir auch deshalb den Eindruck, dass die Gewalt zugenommen hat, weil einfach mehr darüber berichtet wird.
Um die Mechanismen von Gewalt zu verstehen, sieht Pinker sich die inneren Dämonen an. Die neuesten Erkenntnisse aus Hirnforschung, Verhaltensbiologie und Psychologie werden anhand der Beschreibung von Experimenten dargestellt. Wurzeln der Gewalt sind demnach Raub, Dominanzstreben, Rache, Sadismus und Ideologie. Der von Pinker beschriebene Flynn-Effekt ist meiner Meinung nach hervorragend geeignet, um die Mechanismen von Rassismus zu erklären. Diesen Teil fand ich am spannendsten zu lesen, zeigt er doch, wie dünn unsere zivilisatorische Schicht ist, wie unzuverlässig unsere Selbsteinschätzung ist, was in unseren Gehirnen abläuft, wenn wir wütend sind, und wie anfällig wir für Gruppenzwang, pluralistische Ignoranz und Gradualismus sind. Letzteren Mechanismus hat auch Götz Aly in seinem Buch 'Warum die Deutschen? Warum die Juden?' beschrieben.
Die Existenz der heutigen Besseren Engel ist für Pinker in erster Linie eine Folge der Vernunft. Für ihn ist die Vernunft der zentrale Faktor, der für den Rückgang der Gewalt verantwortlich ist, und somit noch wichtiger als Empathie.
Zur Untermauerung seiner Thesen wendet Pinker statistische Verfahren an, wodurch seine gründlichen Ausführungen sehr anschaulich werden. Trotz des sehr umfangreichen Zahlenwerks, der vielen Tabellen und Graphen schafft Pinker es, gut lesbar zu bleiben.
Überhaupt hat mir der Schreibstil sehr gut gefallen, besonders im letzten Absatz des Buches, in dem Pinker seine Gefühle beschreibt. Immer wieder wird der Text durch lockere Bemerkungen und satirische Seitenhiebe aufgelockert, zum Beispiel, wenn es um US-Präsidenten oder um die Veränderungen der Kindheit geht: 'Ein weiteres Sakrament ist die Kampagne, mit der man Kinder noch von dem leisesten Hauch einer Spur einer Ahnung einer Erinnerung an Gewalt abschirmen will.' (S. 656). Dem kann ich nur zustimmen. Ende der sechziger Jahre konnte ich mich noch mit einem Klassenkameraden prügeln, ohne verklagt zu werden. Heute reicht schon ein kleiner Schubser in der Sporthalle für eine Anzeige wegen Körperverletzung. Die Sorge um das Wohl der Kinder ist völlig hysterisch geworden, nicht nur bei amerikanischen Eltern.
Überwältigend fand ich die Fülle der Fachgebiete, die Pinker heranzieht. Geschichte, Politikwissenschaft, Psychologie, Verhaltensbiologie, Statistik und Kulturwissenschaft vermengen sich zu einem großen Ganzen, einem Standardwerk eben. Besser kann Interdisziplinarität nicht gelingen.
Allerdings sieht Pinker für mein Empfinden die Gewalt zu stark quantitativ und zu wenig qualitativ. Die Opferzahlen früherer Kriege sind kaum zu berechnen, zu unterschiedlich sind weltweit die Definitionen, ab wann von einem Krieg gesprochen wird. Noch schwieriger zu berechnen sind die indirekten Todesfälle, die deshalb von Pinker nicht berücksichtigt werden. Ich kann auch Pinkers Argument, dass die geringere Zahl von Zivilopfern ein Indiz für eine sinkende Brutalität sei, nicht uneingeschränkt folgen. Der medizinische Fortschritt dürfte meiner Meinung nach eine viel größere Rolle bei der sinkenden Zahl der Zivilopfer spielen.
Außerdem hat Pinker einen halbblinden Fleck, wenn es um Afrika und Indien geht, besonders im Hinblick auf die Situation der Frauen. Genitale Verstümmelung und Mitgiftmorde werden in wenigen Sätzen abgehandelt, was mir angesichts des Umfangs dieses Buches entschieden zu wenig ist. Zugute halten muss man Pinker aber, dass er die besondere und zentrale Rolle der Frauen sowohl als Gewaltopfer als auch als Friedensstifterinnen erkennt.
Meiner Meinung nach sieht Pinker auch die Marktmechanismen zu positiv. Dass der internationale Finanzmarkt und die ungleichen Voraussetzungen der Staaten auf dem Weltmarkt Kriege zur Sicherung der Märkte, Ungerechtigkeiten, Armut, Umweltzerstörung und eine immer größere Spaltung zwischen Arm und Reich verursachen, blendet er weitgehend aus.
Auch die Thesen des Utilitaristen Peter Singer hat Pinker meiner Meinung nach zu unkritisch wiedergegeben. Die behindertenfeindlichen Auswirkungen dessen Thesen hat er nicht berücksichtigt.
Die These Pinkers, die Frauen seien heutzutage von der Last der Hausarbeit befreit, trifft leider ebenfalls nicht zu. Trotz Berufstätigkeit verbringen Frauen immer noch mehr Zeit mit Hausarbeit als Männer, und die Haushaltsgeräte haben zwar die Dauer einer einzelnen Arbeit verringert, dafür aber die Ansprüche erhöht, zum Beispiel, jeden Tag frisch gewaschene Bekleidung zu tragen, während sie früher ausgelüftet wurde.
Sehr sinnvoll hingegen finde ich Pinkers moralpsychologischen Lösungsansatz für den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Ich denke, so könnte es wirklich funktionieren. Vorausgesetzt, jemand lässt den politisch Verantwortlichen das Buch zukommen und zwingt sie zum Lesen.
Bei der Buchvorstellung in der Urania wurde deutlich, dass der Autor, dessen Buch einen höchst umfangreichen Anhang mit Nachweisen und Quellenangaben besitzt, sicherlich nicht geguttenbergt hat, so kompetent und intelligent hat er die Fragen beantwortet.
Trotz der kleinen Kritikpunkte, die angesichts des Umfangs nicht ins Gewicht fallen: Dieses Buch ist nicht nur ein Standardwerk, sondern auch glänzend und intelligent geschrieben, und somit unbedingt lesenswert.
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10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Ende des Jammerns, 8. Dezember 2011
Was ist mit unserer Lieblingsüberzeugung, die Welt werde immer brutaler? Sie ist falsch. Die Zahlen, die Steven Pinker in seinem - ich wage ein großes Wort - epochalen Werk "Gewalt" aufführt (und deren Methodik genau belegt wird), sind so eindeutig wie möglich: Gewalt, in all ihren Formen, hat über lange Zeiträume (Jahrzehnte, Jahrhunderte) gesehen immer weiter abgenommen, nicht nur hier, sondern, mit Verzögerung, in allen Teilen der Welt, selbst den ärmsten.
Das wußte ich nicht, und dass ich es nicht wusste und Ihr vielleicht auch nicht, hat viel damit zu tun, wie wir die Welt betrachten: anekdotisch, nicht statistisch. Wir hören von Massakern, sehen die Bilder von Kriegsopfern (in den 90ern sogar in unserer Nachbarschaft), begegnen, wenn dies unser Beruf ist, den Opfern in Person und wir folgern, so schlimm sei es noch nie gewesen.
Zudem macht gerade der für uns schon selbstverständlich gewordene Humanismus, der diesen Veränderungen zugrunde liegt - die Überzeugung letztlich, dass jedes Menschenleben zähle - es uns schwer, das Offensichtliche wahrzuhaben (z.B. dass die Kriege unserer Tage, Bürgerkriege meist, so schlimm sie auch sind, viel begrenzter sind als die großen zwischenstaatlichen Kriege der Vergangenheit und deshalb auch weit weniger Opfer fordern).

Pinker weiß natürlich, wie mühsam es ist, die intellektuell und politisch korrekte Vorstellung der Welt als Tal des wachsenden Jammers in Zweifel zu ziehen; er nimmt er sich (in der deutschen Übersetzung) 1400 Seiten Raum, um seine Zahlen zu präsentieren und Erklärungen zu suchen, welche Faktoren die Veränderung bewirkt haben und immer noch bewirken. Wozu die Mühe? Will er, wie manche deutschen Kritiker vermuten, sich und uns die Welt perfiderweise schönreden, als Entschuldigung für selbstgerechte Tatenlosigkeit? Im Gegenteil: indem er den Beweis führt, dass die Bemühungen um die Zivilisierung der Welt - bei allen Rückschlägen - langfristig enorme Verbesserungen herbeiführen und zwar nicht, wie gerne behauptet, nur hier im Westen und auf Kosten der Ärmeren, erschüttert er den politischen Nihilismus, der unsere Zunge lähmt und unsere Phantasie tötet. Die Folgerungen sind so einleuchtend wie erstaunlich:
1. Wir können die Welt DOCH verbessern. 2. Je mehr wir über uns Menschen wissen (d.h. über unsere Psychologie), umso effektiver werden wir sein.
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6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Höchst interessant und anregend, 30. April 2012
Wissenschaftliche Werke kommen in zwei Varianten:

Da sind zum einen diejenigen, die sich strikt an die Standards halten: Vorsichtig, abwägend, nüchtern. Und langweilig. Höchstens relevant für ein paar Kollegen vom Fach, die ähnlich arbeiten. Davon gibt es genug, etwa 95% der wissenschaftlichen Literatur gehört in diese Gruppe.

Und dann gibt es einige Bücher, deren Autoren es wagen, einen Teil des Wissenschaftler-Habitus über Bord zu werfen und wirklich ausdrücken, was sie denken und meinen. Damit verlassen sie die Deckung des Durchschnittlichen und machen sich angreifbar. Aber sie sind das Salz in der Suppe, denn hier finden sich aufregende, neue, interessante, kontroverse, wegweisende Dinge. Vielleicht nicht in jedem Detail bis ins Letzte verifizierbar, aber dafür geeignet, wirklich zum Weiterdenken anzuregen. Geht es nicht letztlich genau darum im Wissenschaftssystem?

Dieses Buch von Pinker gehört eindeutig in die zweite Kategorie. Das kann man auch sehr schön an den polarisierten Meinungen dazu ablesen. Wer sich also gerne anregen lässt, der findet hier interessante Gedanken in Hülle und Fülle. Wer zur wissenschaftlichen Paragraphenreiterei neigt oder lieber an einem gepflegten Zukunftspessimismus festhalten will, der sollte sich lieber ein Werk aus dem Mainstream der empirischen Sozialforschung holen.

K.S.
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Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit
Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit von Steven Pinker (Taschenbuch - 16. Mai 2013)
EUR 12,99
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