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71 von 77 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein monumentaler Torso über das düstere Herz der Welt
Wie fasst man ein 1100 Seiten Werk kurz zusammen?
Am besten gar nicht, aber wenn man es trotzdem versuchen möchte, muss klar sein, dass die epische Fülle dieses Buches auch nicht ansatzweise deutlich werden kann. önnen.
Da der Inhalt dieses Riesenwerkes aber in sehr vielen Rezensionen falsch oder missverständlich wiedergegeben wurde, will ich...
Veröffentlicht am 5. Dezember 2009 von euripides50

versus
25 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ratlos!
Durch diverse Besprechungen in Literatursendungen und Empfehlungen in der Presse war ich fest entschlossen, dieses Buch zu lieben. Leider eröffnet sich mir weder eine ungeahnte literarische Welt, noch kann ich die vielgepriesene Genialität des Romans erkennen. Der einzige Grund durchzuhalten, war die Hoffnung, dass irgendwann - vielleicht auf der nächsten...
Veröffentlicht am 26. Januar 2010 von Monty1


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71 von 77 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein monumentaler Torso über das düstere Herz der Welt, 5. Dezember 2009
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wie fasst man ein 1100 Seiten Werk kurz zusammen?
Am besten gar nicht, aber wenn man es trotzdem versuchen möchte, muss klar sein, dass die epische Fülle dieses Buches auch nicht ansatzweise deutlich werden kann. önnen.
Da der Inhalt dieses Riesenwerkes aber in sehr vielen Rezensionen falsch oder missverständlich wiedergegeben wurde, will ich es trotzdem versuchen.
Worum also geht es in dem vorliegenden Megaroman?
Das erste Buch (VON DEN KRITIKERN - S. 11-202 ) beginnt so esoterisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Vier Literaturwissenschaftler, drei Männer und eine junge Frau, allesamt Experten für das Werk des deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldo lernen sich auf philologischen Kongressen kennen und lieben. Die gemeinsame Suche der vier Literaturwissenschaftler nach dem verschwundenen Archimboli führt sie nach einigen Irrungen und Wirrungen in die nordmexikanische Stadt Santa Theresa, wo sie ihn nicht finden, aber gleichsam en passant von den rätselhaften Frauenmorden hören.
Im Mittelpunkt des zweiten Buches (AMALFITANO - S. 203-284 ) steht Professor Amalfitano, ein chilenischer Wissenschaftler, der mit seiner Tochter Rosa in Santa Theresa lebt. Er ist geplagt von Stimmen Vorahnungen und dem Gefühl eines herannahenden Verhängnisses, während in dem Ort, in dem er lebt, immer mehr ermordete Frauen aufgefunden werden.
Das dritte Buch (FATE - S. 285-428 ) führt den Leser auf den Spuren des afroamerikanischen Reporters Oscar Fate von New York erneut nach Santa Theresa mitten hinein in das widerwärtigste Machimso-Milieu und damit noch etwas näher an das sich immer beunruhigender ausweitende Phänomen der Massenmorde an jungen Frauen heran.
Das vierte Buch (VON DEN VERBRECHEN - S. 429-770) ist zweifellos der düstere Kern des gesamten Werkes. Über Hunderte von Seiten werden die Frauenmorde von Santa Theresa befremdlich detailliert dargestellt - jeder Fall für sich ist schockierend in seiner Anschaulichkeit und doch bald auch ermüdend in der Wiederholung, womit der Autor genau jenen medialen Gewöhnungseffekt simuliert, der das Grauen, zu einem Bestandteil des täglichen Lebens macht. Die kursorischen, teils unsystematischen, teils schlampigen Ermittlungen führen schließlich zur Verhaftung des Deutschamerikaners Kurt Haas, dem die korrupten Untersuchungsbehörden den Mord anzuhängen suchen.
Das fünfte und letzte Buch (ARCHIMBOLDI - S. 770-1085) erzählt die Geschichte des 1920 in Norddeutschland geborenen Hans Reiter, der am zweiten Weltkrieg teilnimmt und nach 1945 unter dem Pseudonym Benno von Archimboldo Romane veröffentlicht, die ihn, wenngleich nach einer längeren Anlaufzeit, weltberühmt machen. Seinen Neffe Klaus Haas verschlägt es nach zahlreichen privaten Bruchlandungen nach Amerika, wo er als Hauptverdächtiger für die Massenmorde an Frauen im Gefängnis von Santa Theresa landet. Über seine Schwester Lotte erfährt der jahrzehntelang im Verborgenen lebende und auch schon über achtzigjährige Archimboldi, dass sein Neffe in Mexiko ins Gefängnis sitzt und macht sich per Flieger auf nach Los Angeles. Das wars.

Soweit die Vogelperspektive auf das vorliegende Werk. Nimmt man das Buch aber dann wirklich auch zur Hand, erwartet den Leser eine phänomenale Üppigkeit an Personen und Schauplätzen, die beinahe Schmöker-Qualität besitzt, Je weiter man liest, je deutlicher entfalten sich die Konturen eines literarischen Universums, dessen Chronologie nahezu das gesamte Zwanzigste Jahrhundert und dessen Geographie den gesamten Planeten umfasst. Doch keine Angst - so unfassbar geräumig der poetische Weltentwurf daherkommt, so leicht liest sich der Leser in die verschiedenen Provinzen dieses Textkosmos ein. Bolanos Sprache ist von einer brillanten Anschaulichkeit und Tiefe zugleich - Personen, Begriffe, Handlungsketten, Theorien defilieren am geistigen Auge des Lesers vorüber, ohne dass einen Augenblick lang Verwirrung oder Langeweile entstünde. Der Roman ist kurzweilig auf eine fast verdächtige Art, ohne banal zu sein, er ist grauenhaft und schockierend ohne auf Effekte zu setzen, und er von einer unglaublichen Gelehrsamkeit, ohne zu verwirren. Vor allem aber ist er große Literatur, in der Szenen und Bilder beschrieben und gefunden werden, wie man sie noch nie gelesen hat.

Was aber ist sein Thema? Soweit sich das auf der Grundlage des vorliegenden Torsos beurteilen lässt, ist die Handlungsführung zwischen zwei Polen aufgespannt - zwischen dem Leben Benno von Archimoldos (und seiner Adepten) im ersten und letzten Buch und den Frauenmorden von Santa Theresa ( in Wirklichkeit: Ciudad Mexiko an der mexikanisch-amerikanischen Grenze), d. h. es handelt sich um eine Spannweite, wie man sie sich kaum extremer vorstellen kann: Literatur und Wirklichkeit, Mütter und Mörder, Edelrestaurant und Müllhalde, spätbürgerliches Bildungsgehabe und entmenschter Machimso, provinzielle Spießigkeit und dekadente Libertinage, Männer und Frauen, Schwarz und Weiß, Nord und Süd, Reichtum und Armut, Nazis und Juden - das und viel mehr führt den Leser in das düstere Herz der Welt und verbindet sich zu einem literarischen Strudel, der genau in dem Augenblick abbricht, wo die weit verstreuten Fäden sich durch den Aufbruch Archimboldos nach Mexiko zu verbinden scheinen.

Roberto Bolano, der vor der Fertigstellung des Romans, im Jahre 2004 in Barcelona an einer Leberzirrhose im Alter von gerade mal gut Fünfzig Jahren verstarb, hat diese Synthese nicht mehr leisten könne. Er hat ein unvollendetes Werk hinterlassen, von dem sich ein jeder am Ende des Buches fragen mag, welchen gestalterischen Weg der Autor bei der Vollendung des Werkes wohl eingeschlagen hätte. Auch wenn solche Mutmaßungen müßig sind, bin nach der Lektüre des Werke von zweierlei überzeugt. Zunächst glaube ich, dass Bolano nach diesem gigantischen Grundriss noch einmal mindestens eintausend Seiten benötigt hätte, um all die Fäden und Fährten zusammen zu führen. Aber selbst für den Fall, dass dies versucht worden wäre, hätte ich meine Zweifel, ob es auch gelungen wäre. Wie der überdimensionierte Dom von Siena oder Theodor Mommsens "Römische Geschichte", die mit Cäsars Tod abbricht, wie Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder Mahlers Zehnte Sinfonie hat es oft seinen Grund, dass große Werke am Ende unvollendet bleiben. Sie können nicht vollendet werden, ihre alle Grenzen sprengender Entwurf erlaubt keine entgültige Gestalt. Ihre Unabgeschlossenheit spiegelt in der ganz großen Form die Fragmentarität der Welt, die allem zugrunde liegt. Ein Beispiel dafür ist für mich das vorliegende Werk. Der Tod des großen Autors muss auch mit diesen Augen gesehen werden.
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90 von 100 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schön erzählte Geschichten, 26. September 2009
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Gebundene Ausgabe)
Zwei Wochen habe ich mich nun durchgekämpft durch den voluminösen Nachlass von Roberto Bolano. Oh, es war ein durchaus vergnüglicher Kampf, "2666" ist ein sehr unterhaltsamer Roman, oder vielmehr ein Sammelsurium von interessanten und spannenden Geschichten, die vielfältig und einfallsreich miteinander verwoben sind.

Das zentrale Motiv des Buchs ist die (leider sehr reale) Mordserie an Frauen im nordmexikanischen Ciudad Juárez (im Roman Santa Teresa genannt). Diese bilden quasi den modernen Gegenpol zum Grauen des Zweiten Weltkriegs, und zwischen diesen beiden Polen spielt der Roman. Zentrale Figur dabei ist der obskure deutsche Gegenwartsautor Benno von Archimboldi.
Der erste Teil handelt von vier europäischen Germanisten (eine Dame und drei Herren), die sich auf das Werk dieses Autors spezialisiert haben, im übrigen auch eine recht undefinierte Ménage à Quatre betreiben. Ihre Jagd nach dem geheimnisvollen Autor endet in Santa Teresa.
Der zweite, recht kurze Teil, schildert das Leben eines fünften Professors, eines Chilenen, der lange in Spanien gelebt hat und schließlich als Professor in Santa Teresa endet.
Fate, Protagonist des viertel Teils, hingegen ist Journalist einer Zeitung für Afroamerikaner, der für den verstorbenen Sportredakteur einspringen soll und von einem Boxkampf aus Santa Teresa berichten soll. Er stößt dabei auf die geheimnisvolle Mordwelle an Frauen in der nordmexikanischen Stadt.
Der vierte Teil kommt ohne einen durchgängigen Protagonisten aus, Bolano schildert hier in erdrückenden 300 Seiten die Mordserie in Santa Teresa, verbunden allerdings mit zahlreichen Geschichten und Portraits rund um die Stadt und ihre Bewohner.
Im letzten Teil schließlich wird das Geheimnis um die Person Benno von Archimboldis aufgelöst, wir erfahren, in welchem Verhältnis er zu den Morden in Santa Teresa steht (mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, um nicht zuviel Handlung vorwegzunehmen).

Bolanos Werk ersclägt den Leser erstmal mit seiner Fülle und seinem schon rein physischen Umfang. Es ist sicher kein Buch für eine Nacht (und im übrigen im Alltag für den U-Bahn-Leser auch etwas unhandlich, da groß und schwer).
Das Buch hat mich vor allem mit seiner klaren und unprätentiösen Sprache überrascht, gepaart mit einer unbändigen Fabulierlust. Bolano will Geschichten erzählen, und er tut dies in einer flüssigen, stilsicheren Sprache. Er versucht nicht, Sprachkunst zu erzeugen, er verliert sich auch nicht in seitenlangen Beschreibungen eines Kaffeeflecks. Tempo des Buchs und seine Handlung sind gut ausgewogen, der Stil ist ruhig und freundlich. Einfach erzählte Geschichten, ironisch, unterhaltsam, auch traurig und bitter, aber vor allem Geschichten und keine Manifeste.
Dabei verwirrt die Beschreibung des Verlags etwas. Ich weiß nicht, was sich die Damen und Herren bei Hanser bei der Abfassung des Klappentextes gedacht haben. Von diesem ausgehend könnte man glauben, es ginge um den Nazi-Stützpunkt auf dem Mond und die dunklen Geheimnisse der Area 51.
Nein, der Verlagstext rückt den Roman denkbar in ein falsches Licht und ist auch nicht fehlerfrei. So ist Benno von Archimboldi eben kein Nazi, und der Roman ist manches, aber definitiv keine Science Fiction (das einzige derartige Motiv ist eine Lebensbeschreibung eines russischen Science Fiction-Autors, der den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fällt).
Ein kleines bißchen Stirnrunzeln hatte ich auch bei der Übersetzung des Romans. Ich spreche leider kein Spanisch, kenne nur die vorliegende deutsche Übersetzung, kann also an einzelnen Stellen auch nicht beurteilen, ob eine "komische" Formulierung nicht doch sehr bewußt gewollt ist. Aber an ein paar Stellen habe ich schon gestutzt, z.B. als vom "baltischen Meer" die Rede war, das man doch gemeinhin hierzulande als Ostsee referenziert. Da kriegt das Lektorat bei mir ganz leichte Abzüge in der B-Note.
Aber das sind Randnotizen, und diese sollen den Eindruck des Buchs nicht schmälern.

"2666" ist ein Buch für Leute mit langem Atem, die sich an vielen großen und kleinen Geschichten freuen, die sich auf einen manchmal aberwitzigen und skurrilen Humor einlassen und dennoch auch mit dem tragischen Rahmengeschehen umgehen können.
Ob's der große Jahrhundertroman ist, das mögen andere entscheiden, das ist mir ziemlich egal. Zumindest ist es ein sehr, sehr vergnügliches Buch.
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Meister rezensiert sein Buch selbst, 25. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Nicht einmal die belesenen Apotheker wagen sich mehr an die großen, die unvollkommenen, die überschäumenden Werke, die Schneisen ins Unbekannte schlagen. Sie geben den perfekten Fingerübungen der großen Meister den Vorzug. Anders gesagt: Sie wollen die großen Meister bei eleganten Fechtübungen beobachten, aber nichts wissen von den wahren Kämpfen, in denen die großen Meister gegen jenes Etwas kämpfen, das uns allen Angst einjagt, jenes Etwas, das gefährlich die Hörner senkt, und es gibt Blutvergießen, tödliche Wunden und Gestank." Seite 282

Dieses Zitat, das Bolano einer seiner Figuren in den Mund legt, sagt eigentlich alles über "2666" und warum viele nicht damit zurecht kommen. Man braucht gar nichts mehr hinzuzufügen.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen DER Roman des ausgehenden 20. Jahrhunderts!, 9. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Taschenbuch)
All jenen, die (noch) keinen Zugang zu Bolanos gewaltigem Werk gefunden haben, sollten "2666" als Schlüsselwerk zur Globalisierung lesen. Bolano spannt mit seinem Text jenen Bogen, den bisher nur wenige gewagt und (auch) geschafft haben: Globalisierung vollzieht sich nicht nur auf der soziökonomischen Ebene, sondern auch auf scheinbar so unterschiedlichen Ebenen wie intellektuellem Hochmut und monströser Abartigkeit. Jetzt stellt man berechtigt die Frage, was haben ein spanischer, ein französicher, ein italienischer Germanist und eine englische Literaturwissenschaftlerin, ein afroamerikanischer Jounalist, ein spanischer Philosophieprofessor und ein deutscher Schriftsteller mit den Frauenmorden von Ciudad Juárez (im Roman "Santa Teresa")zu tun? Auf den ersten Blick nichts, außer ein paar kleiner (vernachläßigbarer)Berührungspunkte (Orte, Nebendarsteller).
Aber wenn man bereit ist, Bolanos Spuren zu folgen, so erschließt sich ein Kosmos von Zusammenhängen, der unser angefangenes 21. Jahrhundert ziemlich entgleist und voller grotesk-grausamer Absurditäten darstellt.
Zwei neurotische Literaturwissenschaftler "vögeln" in einem flotten Dreier um die Gunst einer ebenso promiskuitiven wie gefühlskalten Kollegin, um letzlich von ihrem rollstuhlfahrenden Kollegen "ausgebremst" zu werden. Ein Philosophieprofessor hängst sein Innersters an eine Wäscheleine, sinniert so über den Sinn des Daseins, während dessen seine schöne Tochter von einem Schwarzen aus Harlem vor dem Zugriff mexikanischer Zuhälter gerettet wird. Und mitten drinnen die ernüchternde und desillusionierende nahezu protokolarische Beschreibung in Santa Teresa und Umgebung aufgefundener Frauen- und Mädchenleichen. (Die dazu verwendete, grandios klare Sprache, dank eine superben dt. Übersetzung, erinnert in ihrer scheinbaren Teilnahmslosigkeit stark an Albert Drachs "Untersuchung an Mädeln")
Die Suche nach Archimboldi ist gewissermaßen die Suche nach dem Ursprung unseres heutigen gesellschaftlichen, sozialen und ethischen Dilemmas: Die Flut von Information, die Schnelllebigkeit der so genannten Aktualität und der sich wie eine Seuche ausbreitende Zwang "Sich-zu-veröffentlichen" (Face-Book, Twitter, Casting-Shows,n Reality-Shows etc.) degenerieren den Menschen zum rein virtuellen Ereignis. Da fallen ein paar hundert unaufgeklärte Frauenmorde, vergewaltigende und mordende Polizisten nicht mehr wirklich ins Gewicht. Man ist ja auf der Suche nach Höherem.
Ich habe bis jetzt nur wenige Texte gelesen, die dies einem so schmerzhaft vor Augen führen.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbare Zumutungen, 7. August 2012
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Taschenbuch)
Der Härtetest kommt früh. Gegen Ende des ersten der fünf Teile dieses Romankolosses macht Bolano zum ersten Mal ernst. Drei der vier Germanisten, die die Suche nach einem geheimnisvollen Schriftsteller in die fiktive mexikanische Stadt Santa Teresa verschlagen hat, unterhalten sich mit dem Literaturprofessor Amalfitano. Was als lockerer Dialog über den mutmaßlichen Verbleib des Schriftstellers beginnt, verengt sich bald in einen atemlosen, über mehrere Seiten gedehnten Monolog des Professors, der anfangs noch halbwegs verständlich das Verhältnis der mexikanischen Intellektuellen zur Macht beschreibt, dann aber mehr und mehr ausfranst, bizarre Bilder heraufbeschwört und immer unverständlicher wird, bis man sich auch als wohlwollender Leser entkräftet fühlt. "Ich verstehe kein einziges Wort", sagt eine Zuhörerin am Ende dieser wahnwitzigen Rede. "Ich habe auch nur Unsinn geredet", antwortet der Professor.

Natürlich ist das eine Zumutung: den Leser einem langen Strom wirrer Gedanken auszusetzen, der auch von den zuhörenden Romanfiguren nicht verstanden und von seinem Urheber selbst als Unsinn bezeichnet wird. Und an solchen Zumutungen herrscht fürwahr kein Mangel in "2666". Immer wieder bricht die Erzählung aus der - ohnehin nicht gerade dynamischen - äußeren Handlung aus. Seitenlang werden Träume beschrieben, frei schweifende Gedankengebilde, scheinbar ins Nichts führende Reflexionen, befremdliche und doch fesselnde Dialoge. Nichts davon ist konventionell im Sinne klassisch konstruierter Plot-Romane. Aber es ist doch faszinierend, mit welcher Fröhlichkeit Bolano auf diese Konventionen pfeift und auch den abstrusesten Traum irgendeiner Randfigur akribisch zu Ende schildert. Und weil er all dies in einer reichen, schillernden Sprache tut und der Roman eine Fülle großartiger, erschütternder, auch urkomischer Passagen enthält, bekommt Bolano reichlich Kredit, von dem er dann während der schwierigeren Passagen zehrt.

Über den Aufbau des Romans und die Inhalte der einzelnen Teile ist viel gesagt worden. Eine kompakte Inhaltsangabe ist gar nicht möglich. Zu vielschichtig ist die Erzählung, zu eng geknüpft das Netz der Figuren und Handlungsverwicklungen. "Das finstere Herz" des Romans ist der vierte Teil ("von den Verbrechen"), der den Leser der wohl größten Zumutung von allen aussetzt: Hier greift Bolano die erschreckende Serie von Frauenmorden in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Suarez auf, und zwar auf die denkbar radikalste, deprimierendste Weise. Einhundertacht Morde (irgendjemand hat gezählt) werden hier nacheinander abgehandelt, immer wieder durchbrochen von verschiedenen Handlungssträngen. Die Schilderung der Mordfälle setzt immer ein, wenn es zu spät ist: mit dem Auffinden der Toten. In nüchternem Protokoll-Stil werden Fundort, Zustand der Leiche, familiärer Hintergrund des Opfers und seine letzten Stunden beschrieben. Ein paar Polizisten ermitteln routiniert. Am Ende wird die Akte geschlossen, ist der Verdächtige verschwunden, gehen Beweismittel verloren. Kaum ein Fall wird aufgeklärt. Dieser Teil ist eine nicht endende Zufügung von Schmerz. Schmerz über die (teilweise bestialischen) Morde, Schmerz über die gnadenlose Wiederholung der immer ähnlichen schrecklichen Bilder, und, am schlimmsten, Schmerz über die Ohnmacht und Teilnahmslosigkeit der Behörden, die jeden Fall unaufgeklärt in der mexikanischen Wüste versanden lassen. Den Teil von den Verbrechen zu lesen heißt, die Seele von einem bösen kleinen Hämmerchen bearbeiten zu lassen, das hart zuschlägt. Und zwar immer wieder.

In der exzessiven, vermeintlich teilnahmslosen Wiederholung des Schrecklichen liegt in Wahrheit eine große Anklage: Diese Morde geschehen, sie geschehen immer wieder, und niemand tut etwas dagegen. Jede Szene ist ein Andenken an das Opfer, ein kleiner Grabstein, wie Daniel Kehlmann geschrieben hat. Irritierend ist, dass mancher die fehlende Aufklärung der Mordserie moniert. Denn darum geht es doch gerade: Den diabolischen Einzeltäter gibt es nicht, "Täter" ist eine Gesellschaft und Politik, die ein Klima der Frauenverachtung zulässt, in dem solche Morde gedeihen können und nicht ernsthaft verfolgt werden. Ein Klima, in dem sich Polizisten nach Dienstschluss johlend frauenfeindliche Witze erzählen, eine lange Kaskade dummer, bösartiger Sprüche. "Frauen sind wie Gesetze, dazu da, missachtet und missbraucht zu werden", heißt es da. Und sowenig, wie einer der anwesenden Polizisten protestiert gegen diesen brutalen Ordinärchauvinismus - im Gegenteil, es wird laut gelacht -, so wenig wird getan von Politik und Strafverfolgungsbehörden, um die Frauen in Santa Teresa zu schützen.

Man muss Bolano dankbar sein, dass er seine schmerzhaft-nüchternen Beschreibungen einmal durchbricht, als er das Leid eines Beamten beschreibt, der wochenlang an einem besonders grausamen Mord zu knabbern hat. Diese Schilderung umfasst nur eine Seite, aber sie ist wirklich wohltuend, weil endlich, nach all der kalten Hoffnungslosigkeit, ein Mensch mit Herz und Mitleid erscheint: "...dann stellte Juan de Dios Martinez die Kaffetasse auf den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen, und seinen Lippen entschlüpfte ein schwaches, deutliches Jaulen, als würde er weinen oder mit den Tränen kämpfen, aber wenn er schließlich die Hände wieder sinken ließ, kam nur seine alte, von der Mattscheibe erleuchtete Visage zum Vorschein, seine alte, unfruchtbare, trockene Haut, und nicht die Spur einer Träne". Eindringlicher kann man Verzweiflung und Selbsthass nicht beschreiben.

Aber 2666 ist vielmehr als die Behandlung einer alptraumhaften Mordserie (auch wenn es dieser Aspekt des Romans ist, der viele Leser anziehen dürfte und den auch der Verlag zum Marketing nutzt). Der erste Teil etwa schildert recht unterhaltsam die Suche eine Germanisten-Quartetts mit ausgeprägten Nerd-Qualitäten nach dem geheimnisvollen deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi und überrascht mit einem schönen, geradezu altmodisch-romantischen Schluss. Der zweite Teil ist beklemmend und unheimlich: hier begleiten wir den eingangs erwähnten Literaturprofessor, der seine fortschreitende geistige Erkrankung bewusst erlebt. Der dritte Teil ist spannend und kernig wie ein amerikanischer Gangsterroman. Der fünfte Teil schließlich - nach dem Massaker - kehrt zurück zu Benno von Archimboldi. Dieser Teil ist eine schöne Überraschung: plötzlich platzen überall schöne Anekdoten auf, Nebenstränge entwickeln sich, interessante Figuren erscheinen, die Geschichte lebt und leuchtet wie eine aufgehende Blüte. Das tut gut und war eigentlich nicht mehr zu erwarten nach der Trostlosigkeit des vierten Teils, aber hier zeigt sich noch einmal Bolanos Meisterschaft: Mühelos wechselt er Thema und Erzählstil und schafft noch einmal einen knalligen Kontrast zum vierten Teil.

Das ist 2666: ein völlig entfesselter Autor, der sich selbst laufen lässt und nichts darauf gibt, wer unterwegs abgeworfen wird. Ein tiefer Griff ins Füllbecken des Lebens, mit beiden Händen, mutig und rücksichtslos. Wunderschöne und völlig unartifizielle Sprache, die mühelos zu schweben scheint, weit über dem allermeisten, was man sonst lesen kann in diesen Tagen. Das ist oft keine leichte Kost. Und doch gibt es ganz selten Literatur, die uns das Leben so nahe bringt, ein wildes, schreckliches, wunderschönes Leben.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weltliteratur, 16. März 2013
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Taschenbuch)
Man liest und liest, schreckt auf und denkt: Das hätte er aber kürzer machen können und schon ärgert man sich über Redundanzen! Doch im nächsten Moment wird man ergriffen, weil die Episoden eine tiefere Ebene unserer Seele berühren, ohne zu wissen, warum. Sofort denkt man an Kafka.

Felicitas von Lovenberg schrieb in der FAZ: „Für ‚2666‘ muss man eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführen: bolañoesk.“ Für mich ist es ein holistisches Werk: Der Autor hat schlicht kapiert, dass alles mit allem verbunden ist und dieser Zusammenhang die Welt in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Niemand kommt auf die Idee, so unterschiedliche Aspekte wie Nazideutschland, Holocaust, Weltkriege, Serienmorde in Mexiko, europäische Literaturwissenschaft, deutsche Verlagsgeschichte und ein deutsches Autorenschicksal miteinander zu verbinden. Doch Bolaño hat es gewagt und am Ende passt alles zusammen.

Der Autor starb vor Vollendung des Manuskripts. Sein Vermächtnis gehört zweifellos in den Kanon der Weltliteratur.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen es lohnt sich, 31. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Taschenbuch)
auch wenn man am Ende des leider unvollendeten Buches etwas ratlos zurück bleibt, da letztendlich die
Verknüpfung Benno von Archimboldis mit den Frauenmorden nicht geklärt wird, lohnt sich das Lesen der
ca. 1170 Seiten ( Taschenbuchausgabe )allemal.
Zum Inhalt brauche ich nichts mehr zu sagen, für mich waren das erste, dritte und fünfte Buch am interessantesten, die ich alle drei fast in einem Fluß durchgelesen habe.
Das zweite Buch über Amalfitano ist meiner Ansicht nach das schwächste, aber zum Glück auch das kürzeste. Das vierte Buch über die Frauenmorde und die verschiedenen Ermittler, welche sich mehr oder weniger an der Aufklärung versuchen, ist zwar für mich größtenteils auch gut lesbar, aber dann doch etwas zu lang geraten. Daher nur vier Sterne.
Beeindruckend waren für mich der sehr flüssige Schreibstil Bolanos, welcher das Buch trotz des Umfangs extrem gut lesbar macht. Und die Phantasie des Autors scheint grenzenlos zu sein, so daß man ihm auch leicht die vielen teils witzigen und skurilen Nebenanekdoten, welche mit der Handlung eigentlich nichts zu tun haben, verzeiht.
2666 ist eigentlich keinem bestimmten Genre zuzuordnen, ich würde es jedem empfehlen, der gerne und
viel liest und sich von der Länge nicht abschrecken läßt.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 2666, Roberto Bolanos riesige Parabel auf die moderne Welt, 25. Januar 2010
Von 
Timo Brandt "Ways are, there you go" (Quickborn) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Gebundene Ausgabe)
1086 Seiten dick, 5 Teile und eine magische Sprache, dass ist das erste was man zu Roberto Bolanos Buch sagen kann. Das zweite ist sicherlich: Wow!

Die vier Professoren Jean-Claude Pelletier, Manuel Espinoza, Piero Morini und Liz Norton sind begeisterte Verehrer des deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi. Erst allein und dann gemeinsam vertreten sie ihn und seine Werke auf Fachkonferenzen und Tagungen zur deutschschen Literatur. Als es sie drängt ihn persönlich zu treffen, scheint er jedoch unauffindbar, letzte Spuren führen in die mexikanische Grenzstadt Santa Teresa in der seit geraumer Zeit eine große Menge an Frauen ermordet werden.
Hier wohnt auch Amalfitano zusammen mit seiner Tochter Rosa. Der schwarze Journalist Fate hält sich ebenfalls in der Stadt auf um über einen Boxkampf zu berichten. Und wenn man Bolano glauben schenkt, ist auch der deutsche Hans Reiter, alias Benno von Archimboldi, irgendwie in die Sache verwickelt'

Bolano besitzt zwei Dinge die man ihm nicht absprechen kann:
1. Eine magische Sprache, mit langen Sätzen
2. Einen Hang zu Beobachtungen und Geschichten die von ganz weit her zu kommen scheinen, die man meint irgendwo in fernster eigener Vergangenheit schon einmal gehört zu haben
Bolano bewegt sich in 2666 auf ganz sicherem Terrain, er kennt die Welt die er erschaffen hat ganz genau, sie ist im Kleinen die Welt die wir kennen, im Großen und Ganzen aber eine völlig fremde, oder andersherum, man kann es nie genau sagen.
Immer wider macht Bolano Einschnitte in der (Haupt-)Erzählung und erzählt noch die ein oder andere Geschichte die nebenan am Weg liegt. Gleichsam führt er den Leser manchmal weg von der Realität um ihn knapp vor dem Surrealismus wieder in die scheinbar normale Welt zurückzubringen. Er zeigt, dass er mehr weiß über alles, das geschieht und das er jederzeit damit rausrücken kann, es aber auch möglich ist, dass er es niemals tut. Leichtfüßig und poetisch dringt er tief in die Gefühlswelten der Protagonisten ein und trotzdem' sie bleiben uns immer seltsam fern, nicht als würden sie nicht existieren, sondern als wären sie schon vor langer Zeit gestorben.
Trotz aller Spielereien, scheint doch ein Plan hinter all dem zu stehen. Mir scheint Bolanos Werk wie eine Parabel auf das Leben selbst, auf seine Abgründe, seine Unerklärlichkeit, seine schönen Plätze, seine stille Sehnsucht, einfach auf das Leben, wie man es nicht beschreiben kann, außer man schreibt 1086 Seiten darüber um es allumfassend zu präsentieren.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vorfreude aufs Weiterlesen, 2. September 2013
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Taschenbuch)
Der Urlaub bringt die Muße für Groß-Romane. "2666" steht nicht für die Zahl der Seiten des Werks (1096), sondern transportiert die "Teufelszahl" 666 ins Jahrtausend. Denn teuflich geht es zu in Santa Teresa in Mexico, wo eine wenig bis gar nicht aufgeklärte Mordserie an Hunderten Frauen die Einwohner verstört. Realer Kern des Romans ist eine ähnliche Mordserie in Ciudad Jurarez. Ansonsten geht es bei "2666" um den fiktiven deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi und die Suche nach ihm, um Literaturwissenschaft, Liebesaffären, das Verlagsgeschäft, Drogenkartelle, Black Muslims, den zweiten Weltkrieg, Journalismus, Boxen, die oberen Zehntausend und die unteren Milliarden, Wahnsinn und Methode. Bolaño webt fünf Teile zu einem Ganzen zusammen, dessen Fäden ineinander übergehen, ohne ein klares Muster zu ergeben. Ist Archimboldi der Mörder? Gibt es ihn überhaupt? Schillernde Details, Handlungsstränge, die angedeutet, aber nicht zu Ende erzählt werden, was den Rezensenten dennoch nicht verstimmt - zu bunt sind die Geschichten, zu phantasievoll die Erzählweise. Kein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann. Aber eines, das man am nächsten Tag mit Vorfreude wieder in die Hand nimmt. "2666" ist posthum erschienen; der Autor, gebürtiger Chilene, starb 2003 in Spanien an einer schweren Krankheit.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Finstere Psychose jenseits der Lesegewohnheiten, 28. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Gebundene Ausgabe)
Schön, dass es auch noch gute Bücher gibt. Bücher, die Konzepte und sprachliche Umsetzungen jenseits althergebrachter Lesegewohnheiten anbieten. Denn Geschichten mit all den gleichen abgenutzten Motiven und Erzählweisen findet man schließlich zur Genüge im immer anspruchsloser werdenden Bücherdschungel, der stupide von medienmanipulierten Fastfood-Lesern durchforstet und sinnentleert niedergeholzt wird (die plumpe Metapher sei mir an dieser Stelle verziehen). Auch wenn es einem bei 2666 nicht leicht gemacht wird: Bolanos Erzähltechnik, der sprachliche Stil und seine psychologische Raffinesse - danke an die m.E. gute Übersetzung - sind faszinierend. Allein den ersten Teil der Kritiker verfolgte ich in atemloser Spannung. Dabei geschieht auf diesen knapp zweihundert Seiten kaum etwas. Dennoch zog mich die Geschichte in den Bann. Hochgradig mysteriös dünkten mir anfangs die Verstrickungen und die Begebenheiten um diesen komisch kauzigen Schriftsteller Archimboldi, von dem man lange Zeit gar nicht weiß, ob es sich vielleicht doch nur um ein Phantom handelt. Aber mit geradezu hypnotischer Anziehungskraft spinnt Bolano das Netz der Zusammenhänge, welches zunächst unübersichtlich und geradezu unentwirrbar erscheint, weiter. Spätestens bei der schmerzhaft detaillierten und nicht enden wollenden Aneinanderreihung von brutalen Frauenmorden gewinnt die Metaebene des Romans grauenhaften Raum und Tiefe, und erst dann eröffnet sich dem Leser nach und nach die ganze Dimension dieses Schauerstücks. 2666 ist neben den literarischen Ansprüchen v.a. ein psychologisches Bravourstück, das auf dem weiten Feld der Belanglosigkeiten unserer aktuellen Mainstream-Belletristik und sog. modernen Möchtegern-Literatur glücklicher und trauriger Weise zugleich völlig für sich alleine steht.
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2666: Roman
2666: Roman von Roberto Bolano (Taschenbuch - 5. September 2011)
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