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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gutes Buch, Kein Tagebuch.
Clemens Meyer macht aus Ereignissen des Jahres 2009 Prosa. Das ist dann kein Tagebuch sondern das sind kurze Geschichten, Erzählungen oder Stories, die lose vom Leitmotiv "Gewalten" zusammengehalten werden. So beschreibt Clemens Meyer das Massaker von Winnenden in der Geschichte "German Amok" aus der Perspektive eines PC Spielers in dem es darum geht einen...
Veröffentlicht am 21. März 2010 von Herr Kronemeyer

versus
12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Achtung, bissiger Hund!
Tagebücher bereiten ja meist seltsam ambivalente Leseerfahrungen.
Es stellt natürlich eine ungeheuere Versuchung dar, dem inneren Dialog eines anderen zu folgen. Der allerdings ist allein durch den Akt des Niederschreibens bereits gefiltert und zumindest imaginär auch irgendwie adressiert. Das, was P.Celan in einem Gedicht an I.Bachmann die beiden...
Veröffentlicht am 31. März 2010 von Elisa


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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Achtung, bissiger Hund!, 31. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Gewalten: Ein Tagebuch (Gebundene Ausgabe)
Tagebücher bereiten ja meist seltsam ambivalente Leseerfahrungen.
Es stellt natürlich eine ungeheuere Versuchung dar, dem inneren Dialog eines anderen zu folgen. Der allerdings ist allein durch den Akt des Niederschreibens bereits gefiltert und zumindest imaginär auch irgendwie adressiert. Das, was P.Celan in einem Gedicht an I.Bachmann die beiden Stimmen genannt hat, die heimliche und die von allen gehörte, verschmelzen in diesem Fall zu einer. Letztlich ist es am Lesenden, zu vermuten, welchen Anteil diese Stimmen besitzen. Und zu bestimmen, mit welcher Berechtigung er ihnen lauscht.
Gewalten - Ein Tagebuch muss allerdings niemanden in einen Gewissenskonflikt stürzen: Der Autor Clemens Meyer hat es im Wissen einer kommenden Veröffentlichung verfasst. Der Fischer-Verlag sei mit der Idee an ihn herangetreten, so der Autor, und die Form habe ihn herausgefordert. Meyer, dem mit ...als wir träumten 2006 ein Aufsehen erregendes Debut gelang, legte 2008 mit dem Erzählband Die Nacht, die Lichter nach und bewies darin wahre Meisterschaft. Seine Erzählungen sind groß und reich, niemals einfach nur kunstfertig. Sie atmen.
Mir scheint, als habe Clemens Meyer sich nun mit prallgefüllten Lungen daran gemacht, den Texten in Gewalten Leben einzuhauchen. Wahnwitziger Alltag, unablässiger Bewusstseinsstrom, untergründige Strömungen, Zockerglück, Verlust, nie enden wollende Assoziationsketten, das Grauen der Zivilisation, Prostituierte und Pädophile- Clemens Meyer fällt das alles an, und diesen reißenden Hund will er auch auf den Leser loslassen.
2009 scheint einige seelische Überforderungen an Clemens Meyer gestellt zu haben. Gewalten" macht das spürbar, es zu lesen, tut weh (das wunderbar passende Titelbild spricht Bände). Ein wenig auch deshalb, weil der Autor sich an seinem Anspruch, hier mehr als alles zu wollen, verhebt.
Woher auf einmal der Hang zum Welterklären und Schwadronieren, der seiner fokussierter Literatur bisher eher fremd war? Ist es doch gerade seine große Kunst, das Ungesagte mitzuschreiben, mit wenigen knappen Worten ein Gefühl zu treffen, ein ganzes Leben zu zeichnen.
Clemens Meyer ist ein junger Autor, es ist also mehr als nachvollziehbar, wenn er sich neuen Formen stellen, fremde Stimmen ausprobieren will. Doch im Vergleich zu den vorherigen Veröffentlichungen fällt Gewalten ab. Es besitzt weder die drängende Energie des Erstlings noch die sichere Tiefe seines Erzählbandes. Rastlos und dünnhäutig verlieren sich die Texte so manches Mal in Deliriumsschwanken oder Katerpessimismus. Dennoch ist Meyer ein überragender Schriftsteller, der immerhin auf beeindruckend hohem Niveau scheitert.
Und gerade bei den sehr persönlichen tragischen Erlebnissen demonstriert C. Meyer echte Tiefe. Wenn er vom Sterben des Jugendfreundes schreibt, von der vorangegangenen Entfremdung, der verdrängten Scham, der bleibenden Verbundenheit, dann findet er einen sicheren Ton. Ebenso wie im Schlusskapitel von Gewalten", dass von dem Tod seines Hundes erzählt. Meyer ist hier nah bei sich, vielleicht kann er deshalb leiser werden, auch Distanz einnehmen. Draußen vor der Tür ist ein literarischer Abschied ohne Pathos und eben deshalb tief bewegend.
Nüchtern.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gutes Buch, Kein Tagebuch., 21. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Gewalten: Ein Tagebuch (Gebundene Ausgabe)
Clemens Meyer macht aus Ereignissen des Jahres 2009 Prosa. Das ist dann kein Tagebuch sondern das sind kurze Geschichten, Erzählungen oder Stories, die lose vom Leitmotiv "Gewalten" zusammengehalten werden. So beschreibt Clemens Meyer das Massaker von Winnenden in der Geschichte "German Amok" aus der Perspektive eines PC Spielers in dem es darum geht einen möglichst hohen Bodycount an einer Schule zu erreichen. In einer anderen Geschichte geht es um den Auftrag, ein Drehbuch zum Thema Abu Ghuraib zu schreiben. Und immmer taucht die Kunstfigur Clemens Meyer auf - als Spieler von German Amok oder als Drehbuchschreiber. Die Geschichten von Gewalten spielen in Bahnhofscafes, im Bordell, auf der Rennbahn, in Kneipen.

Nach "Die Nacht, die Lichter" verdichtet Meyer seine Themen noch viel stärker zu atmosphärischen, teilweise schwer verdaulicher Prosa. Seine Stärken hat das Buch in der starken und gewaltigen Sprache und den Themen, die in der deutschsprachigen Literatur nicht alltäglich sind und in ungewöhnlicher Gestalt daher kommen. Eine inspirierende Lektüre, ein ungewöhnliches Buch, starke Geschichten, tolle Sprache.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Überfordert!?, 20. Juli 2012
Von 
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gewalten: Ein Tagebuch (Gebundene Ausgabe)
"Als wir träumten" fand ich großartig, "Die Nacht, die Lichter" hat mich begeistert. "Gewalten" hat mich leider schlicht überfordert und ich konnte mit einem Großteil der Geschichten nichts anfangen oder hab unterwegs in den Assoziationsketten irgendwie den Faden verloren. Ich habe das Buch ehrlich gesagt, nachdem ich es 3/4 durch hatte, erst mal zurück ins Regal gestellt. "German Amok" und die "Voyeur Geschichte" waren etwas anders aufgebaut, die beiden haben mir gut gefallen, insgesamt für das Buch aber dann doch nur drei Sterne.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Clemens at his best, 16. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Gewalten: Ein Tagebuch (Gebundene Ausgabe)
dieses Buch ,,Gewalten,, ist spannend und im typischen Clemens Meyer Stil erzählt. Alle Erzählungen in diesem Band handeln von irgendeiner Gewalttat, Amoklauf oder Mord.

Das Buch ,, die nacht, die lichter,, mir persönlich hat besser gefallen, weil dort vielseitiger die Kunst des Schreibens und des Erzählens vorkommt.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das flatterhafte Glück, 6. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Gewalten: Ein Tagebuch (Gebundene Ausgabe)
Clemens Meyers Gewalten. Ein Tagebuch. ist ein Versuch, dem Leben zu entkommen und es
so erträglicher zu machen. Es ist brutal, schonungslos und dabei bewegend und berührend.

Clemens Meyer hat einmal gesagt, es sei für ihn beruhigend zu wissen, dass einige der großen
amerikanischen Autoren schon einmal in der Gosse gelegen haben, bevor sie zu wichtigen
Schriftstellern wurden. Dass man es trotzdem zu etwas bringen könne. Warum dieses Wissen für
Meyer wichtig ist, kann man sich vorstellen, wenn man einerseits seine Biografie kennt und
andererseits sein neues Buch Gewalten. Ein Tagebuch gelesen hat. Meyer wirkt wie ein neuer
Charles Bukowski: Meyer raucht, Meyer trinkt, er wettet und spielt. Und Meyer offenbart seine
Empfindlichkeit und Emotionen durch Prosa an der Grenze des Erträglichen.

Der 1977 in Halle an der Saale geborene und in Leipzig lebende Meyer hat nach seinem Abitur als
Bauarbeiter gearbeitet bis Rückenprobleme ihn zwangen, aufzuhören. Daraufhin begann er am
Deutschen Literaturinstitut Leipzig zu studieren, auch wenn er keine Lust hatte auf das
'intellektuelle Gesocks' dort. Während seiner Studienzeit musste er wegen zurückliegender Delikte
in den Jugendarrest. Zwei Mal hat er in seinem Leben den Knast von innen gesehen. Und nicht nur
das macht den Anfang von Gewalten, die gleichnamige erste Episode, so wirklich, so glaubwürdig
und so erschreckend.

Der Ich-Erzähler ' vielleicht Meyer, vielleicht nicht ' ist an eine Wand gefesselt. Eine weiche
Wand, wie er tastend feststellt. Er sieht sich selbst zu, sieht sich von außen, dreht sich um sich
selbst, schwankt zwischen dem Jetzt und der Erinnerung, an das, was ihn in diese Situation gebracht
hat. In ewigen Schachtelsätzen voller Assoziationen zu Zombiefilmen und christlichen Motiven,
voller Flashbacks, ausgespuckt von einem Bewusstsein unter einer erst langsam schmelzenden
'Eisdecke', nimmt Meyers Erzählung sofort Fahrt an. Sie schwankt zwischen Da und Weg,
zwischen Realität und Fantasie, zwischen Sich-abfinden und Dagegen-ankämpfen. Meyer 'reitet' in
der Psychiatrie das Bett, an das er gefesselt ist, durch seine Zelle, er reitet die Wörter in einem
schnellen Takt durch die ersten Seiten des Buches. Er kämpft und schreit und lässt alle wissen: 'Ich
bin noch da, ihr Schweine!'

Dieser Ton, dieser Kampf ist, was sich durch Meyers Tagebucheinträge zieht. Er ist da. Auch wenn
er sich beinahe durchgehend in Zwischenwelten bewegt. Man kann sich selten sicher sein, ob
Meyer einen gerade durch seine Realität führt oder ob man lediglich teilnimmt an einer Fantasie
Meyers. Immer lässt er diese Unklarheit im Raum. Man denkt, ein Tagebuch müsse eigentlich sehr
persönlich sein, aus Erlebnissen des Autors bestehen. Und wenn der Erzähler einer der elf Episoden
schreibt, er sei Autor, er habe am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, er sei im Knast
gewesen, dann meint man Meyer zu erkennen. Aber wenn er sich verliert zwischen einer
Bahnhofskneipe und Guantanamo, wenn er einen Kindermörder beobachtet und von seiner eigenen
pädophilen Neigung berichtet, wenn er vom Jahr 1999 sagt, es sei 'kurz bevor die Computer vor
der 2000 kapitulierten und das Chaos auslösten' gewesen, dann ist man sich nicht mehr sicher, ob
der Erzähler auch der Autor ist, ob man dem Genre Tagebuch hier trauen kann.

Meyer bewegt sich nicht ohne Grund zwischen den Welten. Er erzeugt den Eindruck, dass zu viel
Realität manchmal zu schwer zu ertragen ist. In der Geschichte 'Auf der Suche nach dem
sächsischen Bergland' trifft er einen alten Bekannten am Bahnhof, in der Kneipe, in der er im Laufe
des Buches des Öfteren sitzt. Er beschreibt seinen Freund als 'unglaublich dünn', dessen Kopf als
'einen mageren Apfel auf einem dünnen langen Stiel.' Man ahnt, spätestens als von Fliegen im
Glas und strohigen Haaren die Rede ist: Meyer trifft einen Toten. Seine Beschreibungen des
Freundes sind voller Stolz, denn dieser hat ihn zum Schreiben animiert, und voller Schuld, weil
Meyer ihn kurz vor dessen Tod vernachlässigt hat. Meyer geht irgendwann, lässt seinen Freund
erneut zurück, diesmal ohne Schuld, dafür voller Ungewissheit und Hoffnung: 'Ich muss mich nicht
umdrehen, weiß, dass er winkt, weiß, dass er vielleicht nicht winkt, weiß, dass er immer noch etwas
böse ist, weiß, dass er weiß, dass ich unsere Freundschaft nie vergessen habe, weiß, dass es keine
Regeln gibt in den Momenten des Abschieds und des Sterbens.'

Diese ständige Ungewissheit, die das Leben mit sich bringt, ist das was uns immer wieder in
Gewalten begegnet. Meyer erträgt sie kaum, versucht diese auszuschalten. In den Geschichten, in
denen er spielt und auf Pferderennen wettet, sucht er nach einem verlässlichen Wettsystem, nach
etwas Ordnung im Chaos, nach festen Regeln: 'Wir müssen an Berechnungen und Kalkül glauben,
nicht an etwas so flatterhaftes wie Glück.' Aber der Weg weg von der Unberechenbarkeit, die
Ablenkung davon, ist auch das, was Meyer zerstört, was ihn Charles Bukowski so ähnlich werden
lässt: Tabak, Alkohol, Zahlen. Es sind diese gefährlichen und sinnlosen Gifte, wie Meyer schreibt,
die gleichzeitig - wie bei Bukowski ' Meyers empfindsame Seite offenbaren und die ihm vor der
Realität Schutz gewähren. 'Sie haben Angst, aber sie brauchen das Chaos', sagt ihm eine
Wahrsagerin in der 'Stadt M.' Und egal, was er versucht, egal, wie oft und wie radikal er das Hierund-
Jetzt verlässt und die Realität negiert, egal, wie sehr er sich in Assoziationsströme verliert ' das
Chaos bleibt und schreit ihn an: 'Ich bin noch da, du Schwein!' Und wenn es dieses Chaos sein
sollte, all das Unerträgliche und Ungewisse im Leben, dass Meyer zum Schreiben bringt, dann ist
dessen quälende Anwesenheit unser aller Glück.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Jetzt ist sie ein Stern am Himmel" (S. 108), 30. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Gewalten: Ein Tagebuch (Gebundene Ausgabe)
Clemens Meyer thematisiert in seinem neuen Buch "Gewalten. Ein Tagebuch" die unbegreiflichen Verbrechen unserer Zeit und bewahrt sie vor dem Vergessen

"Ein Bild aus tausend Wehklagen, schmerzenden Punkten im Weltall" (S.20), zeichnet Clemens Meyer in seinem neuen Buch "Gewalten. Ein Tagebuch". Der Leipziger Jungautor, 1977 in Halle an der Saale geboren, bringt pünktlich zur Buchmesse sein drittes erfolgversprechendes Werk auf den Markt und rückt die Gewalttaten der nahen Vergangenheit in das Zentrum seiner 11 kurzen Erzählungen. Scheinbar bewusst ausgewählt, kämpft Meyer mit der Aufnahme dieser Geschehnisse gegen das Vergessen und die Schnelllebigkeit der Gesellschaft an. Er versucht, die Ereignisse, die uns für einen kurzen Moment sprachlos machten und für uns unverständlich bleiben werden, zurück in die Erinnerung zu holen und die manchmal brutale Realität des Lebens aufzuzeigen. Gleichermaßen stellt er die Gewalten dar, deren Macht wir uns nicht entziehen können, die uns persönlich betreffen und mit denen wir täglich zu kämpfen haben.
Das Buch beginnt mit der Geschichte eines Mannes, der sich in der Notaufnahme einer psychiatrischen Anstalt wiederfindet. Ans Bett geschnallt und im Versuch, sich zu befreien, gehen ihm die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Zeit und Raum vermischen sich in Meyers Wortchaos, so wie die persönlichen und tagespolitischen Bilder des Protagonisten. Eine der Gewalten, die der Autor in seinem Werk thematisiert, ist das Familiendrama vom 18.März 2008 in Österreich, als Reinhard Steinbauer seine Frau, Tochter, Eltern und seinen Schwiegervater grausam mit einer Axt ermordete. Der junge Mann in der Psychiatrie erinnert sich an "[...] den Österreicher, der [...] fünf Leute erschlagen (hat) mit seiner Axt. [...] Magister Steinbauer hat also offenbar seiner eigenen kleinen Tochter die Hände weggehackt, als sie ihm die in dieser Abwehrbewegung entgegenhielt [...]." (S.10)
Im Abschnitt "German Amok" nimmt der Autor mit seiner erschreckend nüchternen und rohen Schreibweise Bezug auf ein Ereignis, was sich am 11.März 2009 in Winnenden ereignete. Der 17-jährige Tim Kretschmer stürmt in die Albertville-Realschule und ermordet mit seiner Pistole 15 Menschen bevor er sich selbst tötet. Im Buch heißt der Täter Robert. Meyer erzählt aus dessen Perspektive und beschreibt den Ablauf des Attentates minutiös. "[...] ein feiner Blutnebel stäubt auf beim Einschlag der Schrotladung [...] ich lade wieder durch, [...] ich jage dem Typen noch eine rein, ein zweiter Donnerschlag, da die Drecksau sich noch rührt [...]". (S.59) Doch dann stellt sich heraus, dass es sich bei dieser Beschreibung offenbar um ein Computerspiel handelt, welches dem Spieler detailliert die Schritte zur erfolgreichen Durchführung eines Amoklaufes erlernt. Wie klein der Grad zwischen Spiel und Realität dann in Wirklichkeit ist, wird ebenfalls dargestellt. "[...] Manchmal denke ich, dass ich auch [...] ins Profil gepasst hätte." (S.66)
Der Fall M: Leipzig 18.August 2008 - Gegen 15.30 Uhr verlässt das Mädchen nach den Ferienspielen den Schulhort im Leipziger Südosten. Unterwegs verabschiedet sie sich von einer Freundin. Zu Hause kommt sie nie an. "Eine Stadt sucht einen Mörder" lautet die Schlagzeile im TAGESSPIEGEL einige Tage später. Die Leiche der achtjährigen Michelle wurde bereits einen Tag nach ihrem Verschwinden in einem Teich im Stötteritzer Wäldchen gefunden. Das Mädchen wurde missbraucht und ermordet. - Eine weitere Gewalttat, die Meyer nicht in Vergessenheit geraten lassen will. Mögliche Gedankengänge des Täters werden aufgegriffen und der Tathergang genau beschrieben. "[...] hast sie doch tagelang beobachtet, hast dir immer wieder vorgestellt, wie das wohl ist, wie sich das wohl anfühlt, aber wenn du das, was du vorhast, mit ihr gemacht hast, was dann?" (S.104) Der Autor versucht, die Beweggründe und Ursachen, die zu einer solchen Tat führen können und ihm letztlich unbegreiflich sind, zu verstehen. "Und weißt du, das ist ein Punkt, da tu ich mich auch schwer, bei allem Verständnis, das ich für dich aufbringe. VON REUE HAB ICH NICHTS BEMERKT." (S.107) Meyer beschreibt detailliert, welche Qualen das Mädchen erlitt. Schmerzlich muss der Leser mit ansehen, wie sich die Tat vor dem geistigen Auge des Schriftstellers wiederholt. Letztlich bleibt nur die Frage an den Täter: "Was hast du dir dabei gedacht?" (S.110)

Meyers gesamtes Werk ist gekennzeichnet durch eine rohe, detaillierte und kräftige Sprache. So schrecklich die Gewalttaten in Realität waren, so unheimlich und präzise versteht der Autor seine Worte einzusetzen und damit die Verbrechen wieder zum Leben zu erwecken. Meyer berichtet von heillosen Nächten, erkundet Seelenlandschaften und erzählt von realgewordenen Alpträumen unserer Zeit. Ein Portrait unser Ängste und zugleich ein Versuch, die Welt zu erklären. Wer jedoch die Antwort auf das Warum? der begangenen Verbrechen erwartet, wird enttäuscht werden.
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Gewalten: Ein Tagebuch
Gewalten: Ein Tagebuch von Clemens Meyer (Taschenbuch - 13. Januar 2012)
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