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15
4,5 von 5 Sternen
Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Eine Erzählung
Format: TaschenbuchÄndern
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27 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
...und der Vatikan als große Tabaktrafik: so die Vorstellungen des 11jährigen Ich-Erzählers, wenn ihn sein - offensichtlich kettenrauchender - Präfekt (Erzieher) nächtens wieder einmal an den Schläfen streichelt. Dass eben dieser Präfekt (der "Leuchtturm") kurze Zeit später wegen Kindesmissbrauchs aus dem Internat entfernt und aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen wird, macht den Jungen ratlos.
Neben diese Ratlosigkeit stört ihn am Internat Attweg ("Heimwehfestung"), in das ihn sein Vater steckte, vor allem das Wort "Sünde". Fast alles, was der (katholischen) Norm nicht entspricht, ist Sünde; träumen ist verboten.
Beendet wird dieses Martyrium, so empfindet es jedenfalls der Ich-Erzähler, als der Knabe seinem Zeichenlehrer ein Tuch mit Erbrochenem, das er hatte aufwischen müssen, ins Gesicht schleudert - und durch den Tod des Vaters. Die Mutter holt den Sohn wieder nach Hause...
Andre Hellers Buch nennt sich etwas kokett Erzählung; offensichtlich spielen aber die biografischen Elemente die Hauptrolle. Der Autor entstammt der wirtschaftlich sehr erfolgreichen "Zuckerldynastie" Heller (immerhin erfanden die Hellers das Dragee) - und noch heute sind die "Wiener Zuckerl" von Heller (auch wenn nur mehr die Marke, nicht aber mehr die Firma existiert), fast jedem Österreicher ein Begriff. Auch der Vater, der im Buch eine Hauptrolle spielt, scheint erfolgreich; nach der Testamentseröffnung sieht die Situation allerdings etwas anders aus...
Was das Kind allerdings von seinen Vorfahren vererbt bekommt, fasziniert an Andre Heller bis heute: die unheimliche Kreativität. Ob als Poet, Sänger oder Kulturmanager (zuletzt: "Africa, Africa"): immer entführt er die Menschen in eine Phantasiewelt, aus der man nicht so schnell wieder in die Realität zurück will.
So auch mit diesem schmalen Band, bei dessen Lektüre man oft hellauf lachen muss, aber auch an die tragischen Momente der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnert wird.
Höchste Leseempfehlung!
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Andre Hellers jüngste Publikation, eine Erzählung, enthält autobiographische Kindheitserinnerungen.
Der Sprachkünstler erzählt von einem halbwüchsigen Knaben, der zunächst in einem Internat lebt, das von Jesuiten geführt wird. Er leidet unter den dortigen Gepflogenheiten.
Überall begegnet ihm das Wort " Sünde ". Der sensible Knabe fühlt sich gepeinigt und flüchtet in seine Phantasiewelt oder weint nachts stundenlang.
Am Allerheiligentag fixiert er seine Hauptängste. Er nennt Erstickungsangst, die Angst, dass seine Beine ihn nicht mehr tragen können und er sich im Rollstuhl fortbewegen muss aber auch, dass sein körperliches Wachstum unvermittelt aufhört und alle Welt ihn bis zum Ende seiner Tage als Kind betrachtet und entsprechend behandeln würde.
Mit seinen Mitschülern hat er wegen seiner Verträumtheiten und Ängste viele Probleme, so dass er schließlich vollständig in seine Phantasiewelt flüchtet.
Als sein Vater stirbt - ein Süßwarenfabrikant und zum Katholizismus konvertierter Jude-, verlässt der Halbwüchsige das Internat.
Er berichtet von diesem Vater, der offenbar ein Tyrann war und den " Schreiduellen " zwischen seinen Eltern. Der Erzähler geht in seinen familiären Schilderungen auch in die NS-Zeit und noch weiter in das vergangene Jahrhundert zurück, in Zeiten also, die der Knabe selbst nicht erlebt hat. Er ist ein Nachkriegskind.
Die Schilderungen sind dennoch aufschlussreich im Hinblick auf die Familiengeschichte des sensiblen Jungen, der übrigens eine Gestalt aus Büchern von Thomas Mann sein könnte.
Zum Begräbnis seines Vaters reisen die jüdischen Onkel aus Übersee an und berichten allerlei zunächst Verwirrendes.
So erzählt Onkel Monte vom Wesen des Tangos und dass die Uruguayerinnen sich niemals die Achselhaare rasieren würden, auch die anderen Onkel warten mit absonderlichen Anekdoten auf, die die Innenwelt des Knaben bunt beflügeln.
Es sind wohl die vielen kleinen Geschichten und Eindrücke und deren Verarbeitung in der für Dritte kaum zugänglichen Phantasiewelt, die aus einem feinfühligen, vielseitig begabten Kind einen Künstler vom Format Hellers machen.

Eine schöne Erzählung , in der wunderbar poetischen Sprache Hellers.

Empfehlenswert.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Ein interessanter Roman ist da André Heller gelungen, mit WIE ICH LERNTE, BEI MIR SELBST KIND ZU SEIN. Ungewöhnlich, da aus der Feder eines ansonsten auf anderen Gebieten so bekannten Künstlers, scheint es so - als habe André Heller auch auf literarischem Gebiet einiges zu bieten. Eine rührende und zutiefst bewegende Geschichte eines Kindes auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens und den Gründen seines Verlaufs.

Paul ist niemand anderes als André Heller selbst, welcher Teile seiner eigenen Kindheit hier szenisch einsetzt und in überarbeiteter Fassung phantasievoll umarbeitet.

Paul, ungeliebt, im Kloster aufgewachsen und dann auf in die freie Welt mit einem Kopf voller Ideen und mit viel Phantasie begabt, zeigt uns die kindliche Sicht auf die Dinge, welche uns Erwachsenen doch allzu schnell abhanden gekommen zu sein scheint.

Paul eine Ausnahme und ein Standard, begabt und begnadet mit dem Talent des Geschichten Erzählens und ein guter Zuhörer und er hört zu wenn seine Onkel und Tanten erzählen aus seiner Vergangenheit und der Vergangenheit seiner Familie.

Die Wirren des zweiten Weltkriegs, den Holocaust, die Rettung und die Suche nach dem Sinn des Lebens - eine oftmals romantische Sicht, durch die Augen eines Kindes gesehen.

André Heller ist damit etwas wirklich Außergewöhnliches gelungen - ein beachtenswerter Roman im Zeitgeist seiner eigenen Entwicklung, gesehen durch die Augen als er selbst noch Kind war

Empfehlenswert!
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 29. September 2008
In wunderschöne Sprache kleidet sich diese Erzählung der Kindheitsgrotesken eines heranwachsenden Jungen. Der Protagonist, der autobiografische Züge des Autors trägt, befindet sich am falschen Ort und bei den falschen Leuten, nicht nur in dem Jesuiteninternat, welches er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters verlässt, nein auch seine Familie bietet ihm nicht die liebevolle Ausgangsposition, die er für seine Vorhaben so dringend benötigen würde - "In einem Asbestanzug als erster Mensch in das Innere des Vesuvs hinabzusteigen, um in der glühenden Lava nach Feuerfischen zu suchen war einer meiner Pläne".
Nebst der sprachlichen Virtuosität ist es vor allem die Erkenntnis des Kindes, die dieses Buch zu einer Kostbarkeit macht. - Egal in welche familiäre Situation man hineingeboren wurde, und wie widrig die Lebensumstände auch sein mögen, man kann und muss für sich selbst die Verantwortung übernehmen, bei sich bleiben, sich selbst ermutigen und wie die wohlwollendsten Eltern für sich eintreten.
Elke Heidenreich sagt über André Heller er sei ein Magier des Erzählens und ein wahrer Sprachakrobat; ich erlaube mir mich dieser treffenden Aussage anzuschließen!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 19. Januar 2010
Dieses fiktionale Autobiographie ist eine wunderbare Mischung von Humor, der mich oft laut lachen machte, wie bitterernste Satire,in der der Autor weder seine Familie noch das katholische Internat, in dem er seine ersrten Schuljahre verbrachte, verschont. Es bedarf alleredings eines gewissen Einfühlungsvermögens in das Wiener jüdische Milieu, um die Beschreibung in ihrem ganzen Tiefgang auf sich wirken zu lassen. Um die vielen witzigen Pointen in Erinnerung zu behalten, habe ich das kleine Buch sofort noch einmal gelesen und es mehrfach bestellt, um es an ausgewählte Freunde zu verschenken.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 23. September 2008
Er ist nicht nur ein genialer Selbstdarsteller, sondern auch ein begabter Künstler - ein Mensch, der es versteht,sich selbst oder die ihm übertragenen Aufgaben stets im richtigen Licht zu präsentieren. Und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis André Heller auf die Idee verfiel, eine autobiografische Erzählung in Angriff zu nehmen. Sie ist ihm voll und ganz gelungen - schon nach der ersten Seite siegt der Voyeurismus des Lesers. Er will einfach wissen, wie es in dieser reichen, doch so morbiden Chaosfamilie weitergeht und was man dem Knaben Paul (André) noch alles an vermeintlicher Liebe angedeihen lässt. Die Mutter vornehmlich mit sich selbst und ihrer Schönheit beschäftigt, der Vater morphiumabhängig und äußerst geschäftstüchtig - beide ohne ernsthafte Interesse für das Kind Paul (André). Und so ist es nicht verwunderlich, dass er flieht - in Welten, in denen es aussieht, wie er es gerne hätte und in denen die Liebe zu Hause ist.

Eine Erzählung, die fast körperliche Pein beim Lesen bereitet - weil man ständig versucht ist, zu helfen und doch weiß, dass das Kind diese HIlfe nie erreichen wird.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 28. September 2008
Paul besucht eine katholische Bubenschule, er wirft einem Lehrer ein Tuch vollgezogen mit Übergebenem ins Gesicht, geht von der Schule, weil sein Vater stirbt.
Paul ist über keins der Tatsachen traurig. Sein Vater war ein Tyrann, einer mit Marotten zerfressener Misanthrop, der seiner Familie das Leben zur Hölle gemacht. Er schickt seine Kinder auf katholische Schulen, damit sie nicht so jüdisch sind. Er quält Leute, die Juden verpetzt haben und macht Schulden, für die seine Familie gerade stehen muss.

Eine Erzählung eines kleinen Jungen, der erwachsen wird und zu sich selbt zu finden versucht. Er stellt viele Fragen, bekommt kaum Antworten, erlebt seine erste Liebe, die in der eisernen Lunge endet, aber er behält seinen kindlichen Übermut und Optimismus.

Wir bekommen einen kleinen kurzen, aber trauma- beladenen Einblick in eine jüdische Familie aus dem Wohlstand, wo der Krieg nicht wieder gut zu machende Wunde hinein gerissen hat.

Teilweise zum schmunzeln, dann wieder zum grausen'
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7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 18. September 2008
Gekonnt ausgefranst

(André Heller: Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein, Erzählung, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2008, gebunden 138 Seiten, € 16.90)

Ein schmales Buch mit einem langen Titel, der bei aller Krudität nicht die Unverhältnismäßigkeit überspielen kann. Spielen, das ist das Stichwort. Denn das ist die Spezialität dieses Autors, die er schon in Büchern wie 'Die Ernte der Schlaflosigkeit in Wien' oder 'Auf und Davon' oder dem Roman 'Schattentaucher' vorgeführt hat. Bei diesen Büchern habe ich genau wie bei der jetzt erschienenen Kindheitsgeschichte sehr viel mehr am Anfang zu unterstreichen gehabt als hinterher. Mit dieser Machart unterscheidet sich der Autor nicht von anderen seines Fachs, im Gegenteil, er zeigt damit, dass er ein Profischreiber ist, der weiß, worauf es ankommt.

Womit André Heller sich über die meisten anderen Profischreiber hinaushebt, das ist der Einfallsreichtum in der Formulierung. Dazu verhilft ihm seine ironisch distanzierte Weltsicht und das angeborene Talent zum Wiener Schmäh. Da werden die jüdischen Verwandten genauso wortstark karikiert wie die tumben Nachbarn und kleinen Politikenthusiasten, aber auch die Jesuiten, in deren Internat der Junge gelitten hat. Und erst recht wird sein Vater, der Familientyrann, zu einer Kuriosität. Erst als er plötzlich stirbt, lebt der Junge auf, genau wie seine Mutter. Dass der Junge allerdings ebenso wenig mit seiner neu gewonnenen Freiheit anzufangen weiß wie die plötzlich Witwe gewordene noch recht attraktive Frau, lässt das Buch trotz der sehr anschaulichen und packenden Schilderung der Zerstörung der Synagoge und der ersten Mini-Kostprobe einer Liebe ausgefranst wirken.

Damit das nicht als Unwerturteil über das Buch wirkt, muss man sich klarmachen: Hier geht es um die Schilderung einer Kindheit, also um die Darstellung dieses bloßen Entwurfs zu einem Menschen, wie es einer der zur Beerdigung angereisten Onkels, lauter komische Vögel, sagt. Die Bemühung, daraus einen wirklichen Menschen zu machen, gehörte nicht mehr in dieses Buch. Es erfreut mit ganz anderen Dingen, nämlich mit apodiktischen Formulierungen, die so altklug wie neckisch sind. Das hat der Autor mit dem Kunstgriff möglich gemacht, dass er in der Rückschau mal in der dritten Person Einzahl aus der Erwachsenensicht schildert, mal in der ersten Person das Kind denken und handeln und sprechen lässt. Eine geschickt aufgebaute Alternativwelt, die über die Banalität einer nur kindlichen Schau hinweghilft und ebenso über die ewige Besserwisserei des Erwachsenen. Wie diese beiden Sehweisen sich vermischen und ergänzen, das macht den besonderen Reiz dieses Buches aus.

Hierfür ein paar Beispiele: 'Daß die Päpste nicht aus Fleisch, Knochen und Blut waren, sondern aus Stein, wusste ich, denn Jesus hatte seinen Stellvertreter mit den Worten ernannt: 'Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.'' Oder: 'Offenbar gab es für jeden von uns einen heiligen Vater und einen unheiligen. Den unheiligen nannte man auch den leiblichen.' Oder: 'Es zählt zu den nachhaltigsten Traurigkeiten meiner Kindheit, dass Mutter mich nicht unbefleckt empfangen hat. Was besaß die Mutter Gottes, dachte ich damals, das meiner Mutter fehlte?' Oder: 'Onkel Monte erzählte vom Wesen des Tangos, und dass sich eine Uruguayerin von Welt niemals, wie es jetzt bei uns die Mode sei, die Achselhaare rasieren würde, denn im weiblichen Achselhaar seien jene Gerüche beheimatet, die am wirksamsten die Wollust befeuerten.'
(Walter Laufenberg in: [...]
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 30. September 2008
Wie heißt es einleitend im Kulturteil des Falters Nummer 33: 'Die schlechte Nachricht: das Buch heißt tatsächlich 'Wie ich lernte bei mir selbst Kind zu sein. ''
Nun, selbst wenn der Titel so manch einen Zeitgenossen dahinter einen esoterischen Ratgeber zur glücklichen Lebensführung vermuten lässt, so darf doch ohne jeden Zweifel gesagt werden: die hohe Kunst des Lebens will gelernt sein!
Aus der Ironie des Schicksals der Allermeisten lässt sich ablesen, dass Eltern und Ausbildungsstätten hierbei oftmals nicht die tauglichsten Lehrmeister sind. Und so tut gut daran, wer sich selbst so früh wie möglich sein bester Freund sein lernt.
Heller's junger Protagonist Paul hat das dubiose Glück, dass im Wettstreit zur Wahl seines besten Freundes nicht gerade viele Kandidaten angetreten sind und also verlässt er sich ganz auf sein innerstes Sehnen, sucht und findet Zuflucht in seiner Phantasie und bringt letztlich genug Mut auf, seinen kraftvollen, inneren Stimmen zu folgen, welche ihn einen mit Speibe getränkten Fetzen in das Gesicht seines Zeichenprofessors Koplenig aus dem Kollegium Attweg werfen lassen.
Und wenn man dann am Ende der Erzählung ' als teils betroffener, teils belustigter, jedenfalls aber berührter Leser von der immensen Glaubens- und Vorstellungskraft des jüngst vaterlosen Paul liest, dann hofft oder weiß man sogar: diese Menschenseele wird sich nicht selbst veruntreuen. Diese Menschenseele wird ihren Weg finden.
Auch wenn dieses Ende zugegebenermaßen etwas zu schnell kommt und manch ein Leser wohl gerne noch mehr über die Empfindungen und Beobachtungen des gerade erwachten jungen Paul und seines überaus schillernden Umfeldes erfahren hätte, so muß man im Falle von André Heller sagen:
Dieses Kunstwerk ' mag es Erzählung oder Leben heißen ' ist gelungen.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Lebens- und Jugenderinnerungen sind entweder sehr authentisch oder sie sind literarisch idealisiert wie diese Autobiographie von André Heller. Heller entstammt väterlicherseits einer wohlhabenden jüdischen Süßwaren-Fabrikanten Familie, die durch die Erfindung der Dragées weltberühmt wurde. Der Autor hat sein Buch in zwei Erzählstränge gegliedert. Er hat ein so genanntes Alter Ego für sich selbst erfunden und lässt durch den Jungen Paul Silberstein Szenen und Ereignisse aus seiner Jugend einfließen.

Sein jüdischer Vater Stephan konvertiert zum Katholizismus und schickt den Sohn in ein Jesuiteninternat, in dem es sehr streng zugeht. Das Kind rettet sich mit sprühenden Phantasien aus der Brutalität des Alltags. Als der Vater stirbt verlässt er das Internat, kommt zur Mutter und erst jetzt kann er seinen Begabungen nachgehen, nämlich die Liebe zur Musik und zur Literatur. Diese phantastischen Imaginationen sind es, die uns später André Heller in seine zahlreichen Installationen, Inszenierungen und Aktionen so sympathisch gemacht haben. Er hat viele Großveranstaltungen mit Witz und Erfindungsreichtum in Szene gesetzt und phantastische Zukunftsvisionen in einer imaginären Welt geschaffen. Er ist nicht nur ein hervorragender Chansonier, Liedermacher, Schauspieler und Literat, sondern er schuf so schöne Dinge, wie den "Zirkus Roncalli", "Das Theater des Feuers", "Den Jahrmarkt der modernen Kunst", "Die Swarovski Kristallwelten", "Flug durch die Träume" oder "Afrika! Afrika!", um nur einige zu nennen.

André Heller beschreibt die poetischen Erinnerungen an eine außergewöhnliche und extravagante und in vieler Hinsicht auch merkwürdige Familie Silberstein. Turbulent geht es zu, als die jüdischen Onkel aus Übersee zur Beerdigung von Pauls Vater eintreffen. Während die Familie von der k. u. k. Zeit träumt, träumt Paul von bizarren Zukunftsvisionen. Wunderbar poetisch, wie André Heller seine Erinnerungen an die irisierende Gemeinschaft des Wiener Großbürgertums beschreibt. Ein Buch das in der Lage ist die unterschiedlichsten Leseinteressen zu bedienen. Lesenswert.
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