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Kundenrezensionen

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am 7. Juli 2003
Buch beginnt in gewohnter Weise der GGM-Werke stark vereinnahmend, der Teil mit Familiengeschichte, Beschreibung der Zustände etc. ist sehr bildlich, ausführlich und hochinteressant. Ich hätte mir nur gewünscht, dass der Autor diese fesselnde Ansprache weiterführen hätte können. Ab dem Zeitpunkt als Redakteur in Bogota verliert man die zeitliche Dimension, es wird langatmig, man hat den Eindruck auf der Stelle zu treten, als würde das Buch nicht zu einem Ende finden. Es wäre auch wünschenswert gewesen, die politischen Ereignisse besser darzustellen. Was ich vermisse, ist eine Zeittafel bzw. hin und wieder die Erwähnung des Zeitpunktes gewisser Ereignisse. Im großen und ganzen denke ich jedoch, dass die Erwartungshaltung zu hoch war.
Zusammenfassend: 4 Sterne für die erste Hälfte des Buches, 2 Sterne für die zweite Hälfte
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HALL OF FAMEam 10. Dezember 2002
Um es gleich vorwegzunehmen, dieses Buch ist sicher das wunderbarste und faszinierendste seit langem. In unvergleichlicher Weise berichtet Marquez über die ersten zwanzig Jahre seines Lebens wie in einem Roman. Dabei ist der Literaturnobelpreisträger von 1982 immer noch der begnadete Erzähler, der den Leser mit diesen Erinnerungen genauso zu fesseln vermag wie mit seinen übrigen Werken. Dabei leidet er an einer schweren Krankheit und hat den ersten Teil seiner Memoiren (drei sollen es werden) in den Pausen zwischen den Therapien in nordamerikanischen Krankenhäusern fertiggestellt. Die Struktur des Buches und jedes einzelnen Satzes ist einfach, doch von besonderer Präzision in der Wortwahl. Man stößt auf wichtige Begebenheiten und wird inspiriert, die bedeutendsten Werke dieses Autors mal wieder zu lesen (Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt / Hundert Jahre Einsamkeit). Das Werk endet am Höhepunkt seiner Lehrjahre, nachdem er den Entschluss gefasst hat, Journalist und Schriftsteller, nicht aber Rechtsanwalt zu werden - welch glückliche Fügung!
In Kolumbien gab es übrigens tumultartige Szenen vor den Buchhandlungen, und manchmal wurde zur Präsentation des neuen Werkes von García Márquez sogar die Nationalhymne gespielt. Die Leute feierten ihr Idol begeistert. Wer seine Bücher und vor allem dieses kennt, weiß warum. Es verleiht auch unseren Tagen Tiefe. „Unser Leben ist nicht das, was geschah, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern." (Marquez)
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am 2. Januar 2003
Um dieses Buch gebührlich zu preisen, bedürfte es meterweise Platz. Ich will es kurz machen: Schlagt es auf und ihr seid in Kolumbien in flirrender Hitze und einer anderen Welt.
Wer wissen möchte, wie Garcia Márquez derjenige wurde, der er ist, nämlich ein meisterhafter Erzähler, der kann es in diesem Buch erfahren.
Schon der kleine G.G.M. ist ein Erzähler. Wenn er mit seinem Großvater Papalelo unterwegs ist, beobachtet er die Magier, lauscht den Akkordeonspielern und ihren Liedern, geht ins Kino und ist bemüht am Familienesstisch verwickelte Episoden wieder zu erzählen. Er saugt alles Gehörte auf wie ein Schwamm, beobachtet Familienmitglieder und beginnt schon als Dreikäsehoch sich rudimentäre Erzähltechniken anzueignen. Warum? Um die Realität unterhaltsamer zu gestalten.
Immerhin eine Realität, die nicht gerade wenig zu bieten hat.
Familiengeschichten und eigene Erlebnisse des G.G. Marquez: Dieses Buch stellt die Meisterwerke des Schriftstellers nicht in den Schatten, sondern erhellt sie. Manchmal ein wenig zu langatmig und ausführlich, doch vorwiegend packend.
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am 22. Februar 2003
Eine Mogelpackung verspricht mehr Inhalt, als tatsächlich vorhanden ist. Und so ging es mir mit diesem Buch. Als ich den Anfang in einer Zeitung las, wollte ich sofort weiterlesen, so sehr nahm mich diese atmosphärisch dichte Beschreibung gefangen, die ich in ihrem Spiel zwischen Traum und Realität an Marquez so liebe.
Ich habe dieses Buch nicht zu Ende gelesen. Es hat mich einfach zu sehr gelangweilt. Der Rest des Buches ergeht sich in langatmigen Erzählungen uninteressanter Details und vermochte mich nicht dauerhaft in seinen Bann zu ziehen.
Marquez sagt irgendwo in "Leben, um davon zu erzählen", daß ein Buch so gut sein müsse, daß man es immer wieder lesen will. Mit seinen anderen Büchern geht es mir so, mit diesem nicht.
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am 15. September 2005
Die Wirklichkeit und das Leben ist spannender als jede Fiktion...Nach der Lektüre dieses Buches erscheint mir dieser Satz nicht mehr ganz gerechtfertigt. Die Erzählung zerfällt in viele mehr oder weniger interessante Anekdoten. Die Darstellung der Leidenschaft für die Literatur, die wohl den roten Faden des Buches darstellen soll, reicht nicht aus, um den Leser zu fesseln.
Dieses Buch war mein erster Kontakt mit GGMs Oeuvre. Ich muss zugeben, dass es auch eines der ersten Bücher war, die ich nicht zu Ende gelesen habe. Ich kann mich der Meinung einiger Rezensenten nur anschließen: Lektüre für Fans!
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am 18. April 2014
Wenn die FAZ schreibt, Gabriel Garcia Marquez hätte als Motto zu seinem autobiographischen Buch den Satz gewählt: "Das Leben ist nicht das, was geschah, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert.", dann stimmt es nicht. Marquez hat nämlich etwas Gegenteiliges behauptet, tatsächlich hat Marquez geschrieben: „Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert, um es zu erzählen.“ - „La vida no es la que uno vivió, sino la que uno recuerda y, cómo la recuerda para contarla.” Auch deswegen hat Marquez diesem seiner letzten Bücher den Titel: „Vivir para contarla“ – „ Leben, um davon zu erzählen“ gegeben. Um davon zu erzählen, und nicht lediglich, um sich daran zu erinnern.
Offenbar wollen jedoch die meistens erst dann einem zuzuhören, wenn man tot ist, wie heute am Karfreitag. Dann ist es aber zu spät. Und so erzählen die einen, und die anderen hören ihnen nicht zu, und andere wollen zuhören, aber der Erzähler ist tot. Und es gibt nicht immer den Ostersonntag, an dem der totgeglaubte wieder fröhlich herumhüpft und Ostereier verteilt. Einem Schriftsteller kann man jedoch auch nach seinem Tod zuhören, denn er spricht weiterhin in seinen Texten. Lesen heißt zuzuhören, und schreiben bedeutet zu erzählen. Früher konnten Analphabeten weder lesen noch schreiben, nur erzählen, heute können sie schreiben und lesen, aber nicht mehr erzählen. Gabriel José de la Concordia García Márquez konnte sehr gut erzählen. Und was heißt es: gut zu erzählen? Jeder Mensch besteht aus einer Art seelischen Haut, die wie ein Schutzblech ihn unsichtbar von der Welt trennt, wie eine mittelalterliche Ritterrüstung. Bestenfalls hat der Mensch in diesem Blech kleine Löcher, wie die Haut Poren, durch die er aus- und einatmet, durch die er mit der Welt kommuniziert. Bei den meisten Menschen sind aber durch mangelnde Psychohygiene die Poren durch Mitesser verstopft, so daß sie ihre seelische Haut nicht mehr atmen kann, sie ersticken allmählich unter ihrem Schutzblech und senden Klopfzeichen durch ihre Smartphones, und es klopft wie verrückt, aber der Austausch ist perdu (das ist französisch und bedeutet: verloren). Marquez war jedoch fähig, seine Mitteilungen so zu formulieren, daß sie sogar in die wenigen versteckten Löcher in den seelischen Rüstungen die darin durch eigene Unmündigkeit eingesperrten Menschen treffen und ihre Herzen erreichen. Da seine Worte wohltuend sind, sind seine Texte wie Medizin, sie tun den Menschen gut. Und diese Gabe machte ihn zu einem großen Schriftsteller, zu einem der größten.
Warum soll man Marquez, warum soll man große Literatur lesen?
Um mit sich, mit anderen, mit dem Leben klar zu kommen, braucht man gewisses Maß an Aufmerksamkeit, die Fähigkeit zu überlegen, was man will, was andere wollen, was geht und was nicht geht. Das alles geht in dem zunehmenden Chaos an Quatsch, das sich als Information und Kommunikation ausgibt, jedoch keine von den beiden ist, in der zunehmenden Menge an Blip-Blop Geräuschen und Bling-Blong blinkenden Lämpchen an allen möglichen Geräten, verloren. Dadurch werden Menschen zu Geräten, zu Apparaten die Signale geben und empfangen, die gar nichts bedeuten. Auf diese Weise werden immer mehr Menschen schon als Kinder zu Kokainisten der Nervenreize, so daß ADHS zur Norm und Menschen, die Bewegungen ihrer Glieder, Gedanken, Worte und Handlungen nicht mehr beherrschen, immer mehr. Wenn Menschen nur noch Geräusche von sich geben, die sie auch über Geräte übertragen, dann weiß keiner mehr worum es ihm und worum es dem anderen geht. Und dann heißt es: „Ich habe nichts zu erzählen.“ Wenn man Bücher liest, sehr gute Bücher, große Literatur, dann lernt man jemandem zuzuhören, denn ein großer Schriftsteller erzählt jedem Leser individuell, so wie der Leser den Text liest, also jedem Leser auf dessen persönliche Weise. Durch den Akt des Lesens wird das Buch zum persönlichen Individuellen Text, der Leser gestaltet den Text im Lesen mit. Man darf aber dabei nicht über Worte, Zeilen, Seiten hüpfen, man darf nicht nach blinkenden und klingenden Stellen im Text suchen. Große Schriftsteller erzählen über sehr vieles, was Menschen in ihrer Hast, in ihrer Angst und ihrer Wut, in ihrer Gier nach immer neuen, immer stärkeren Nervenreizen, die sie ständig als körpereigenes Kokain produzieren, nicht mehr sehen, nicht mehr hören und nicht mehr fühlen. Große Schriftsteller erzählen über alles, ohne sich zu empören, sie beschreiben liebevoll auch Schufte und miserable Charaktere. Sie schreiben ruhig und entspannt. Kleine Schriftsteller produzieren Sensationen, also das geistige Kokain. Medien auch. Mittlerweile fast alle: „Hast du schon gehört?! Nein, das darf doch nicht wahr sein! Wirklich?!“, usw. Schumi, Edathy, Ukraine, bald wird eine andere Sau durchs Dorf gejagt. Das gesamte Leben als Show. Kein Wunder, daß sich kaum jemand noch für das „Wetten, daß?“ interessiert, wenn die gesamten Medien täglich, ständig angebliche Sensationen, die sie sich aus den Fingern saugen, als Nachrichtenmeldungen dem dauernd überregten Publikum vorgaukeln . Es sind keine Nachriten mehr, es ist nur noch Show, es sind keine Politiker mehr, sondern Gaukler. Wenn man wirklich mehr über die Welt, über das Leben erfahren will, soll man Werke von großen Schriftstellern lesen, die sind immer aktuell, gleich wie alt sie sind.
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am 13. Oktober 2009
ERZÄHLEN UM DAVON ZU LEBEN (LUDWIG WITZANI)
"Leben, um davon zu erzählen", der erste Teil der auf drei Bände angelegten Autobiographie des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez, ist ein Buch, in dem die Hühner auf dem Tisch herumlaufen, der Papagei in den Eintopf fällt, in dem die Ehefrauen die Bälge des unruhigen Ehemannes aufziehen und die Geistlichen im Bordell einen Rabatt erhalten - kurz, es ist ein echter Garcia Marquez, nur mit dem Unterschied, dass der Autor diesmal seinen Lesern einen Blick in das Unterfutter seiner Inspiration gestattet. Das Buch beginnt im Jahre 1950 mit dem gescheiterten Verkauf des Familienhauses in Aracataca, der schnell zum Anlass wird, den Werdegang der Eltern zu erzählen, in denen der Garcia Marquez-Fan unschwer das Grundgerüst der Handlung von "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" wieder erkennen wird. Als sich die wohlhabende Mutter und der arme Vater-Telegraphist endlich gefunden haben, kommt er kleine Gabriel ("Gabito") auf die Welt, um in einem Aratacata aufzuwachsen, das sich als ein Kosmos voller Originale und Schrullen erweist, ebenso bunt und üppig wie das Macondo aus "Hundert Jahre Einsamkeit". Schließlich verschlägt es den jungen Gabito nach Zentralkolumbien auf eine Oberschule im Norden von Bogota, in der er am Ende ein geschenktes Abitur erhält, ehe er als Student in die Hauptstadt geht. Dort soll er nach dem Willen der Eltern eigentlich Jura studieren, doch er beschäftigt sich nur mit Lesen und Literatur. "Man kann sich kaum vorstellen, wie die Poesie damals unser Leben bestimmte", heißt es dazu auf Seite 313. "Sie war eine heftige Leidenschaft, eine andere Art zu leben, ein Kugelblitz, der überall auftauchen konnte. Wir öffneten die Zeitung und sogar im Wirtschaftsteil oder in den Gerichtsreportagen, erwartete uns die Poesie, um sich unserer Träume zu bemächtigen." So etwas liest jeder Leser gerne, auch wenn er als Nicht-Lateinamerikaner mit den zahlreichen anschaulichen, aber insgesamt am Ende kaum noch überschaubaren Kurzbiographien kaum etwas anfangen kann. Interessanter als diese literaturgeschichtlichen Lokalglossare aber sind Garcia Marquez Erinnerungen an seine prägenden Leseindrücke, bei denen Franz Kafkas "Verwandlung" an erster Stelle stand, gefolgt von Faulkner, Hemingway und Borges. So weit so gut. Aber der keine Gabito wächst in einem Land auf, in dem ein notorischer Bürgerkrieg die Menschen seit der Abdankung von Simon Bolivar in Atem hält. Welche Rolle spielte also die Politik im Leben des heranwachsenden jungen Garcia Marquez? In der ersten Hälfte des Buches jedenfalls keine sonderlich herausragende, wenn man einmal von dem gelegentlichen Geraune von einem "Krieg der tausend Tage" und einem "Aufstand der Landarbeiter" absieht. Erst nach dreihundert Seiten tritt die Geschichte mit Macht in das Leben des jungen Studenten Gabriel, als am 9.April 1948 mit der Ermordung des liberalen Politikers Jorge Gaitan in Bogota die große kolumbianische Violencia beginnt, der in den nächsten 10 Jahren 200.000 Menschen zum Opfer fallen sollten. Vordergründig handelte es sich um einen Kampf der liberalen und konservativen Eliten um die Macht im Staat, im Kern aber war die große Violencia die irrationale Raserei einer durch und durch gewalttätigen Gesellschaft, die der reife Garcia Marquez selbst in seine Reportage "Nachrichten von einer Entführung" analysiert hat. Sofort nach dem Ausbruch der Violencia raste der Mob durch die Straßen, rollten die Köpfe und ging die Hauptstadt in Flammen auf, und wer konnte, floh aufs Land oder in das noch friedliche Cartagena de las Indias, in das es Ende 1948 auch den jungen Gabito verschlug. Hier leidet er altersgerecht an sich und der Welt (schöne Passage: 454), schreibt seine Kolumnen für ein paar Pesos, macht seine ersten Erfahrungen mit dem magischen Realismus (La Sierpe S. 434) und vertieft sich immer aufs Neue in literarische Projekte, zuerst in das nie geschriebene "Wir haben das Gras schon gemäht" (das später von einigen journalistischen Knalltüten als das erste Große Werk des Autors gerühmt werden sollte), dann das abgebrochene "La Casa" und Schließlich "Laubsturm", seinen Erstling. An dieser Stelle der Autobiographie, wir befinden uns etwa um Seite 500, rate ich jedem das dicke Buch für ein paar Tage wegzulegen und den besagten Erstling "Laubsturm" zu lesen, ein ganz erstaunlich reifes Werk, mit denen der junge Gabito all die Hoffnungen, die er in sich selbst und die seine Freunde in ihn setzen auch einlöst. Der Unterschied zwischen der packenden Empathie des jungen Autors, die in "Laubsturm" auf jeder Seite hervortritt, und dem etwas abgehobenen Erzählduktus der Autobiographie ist jedenfalls für jeden Leser eine literarische Erfahrung. Der Großlektor Guillermo Torre, der schon Nerudas "Aufenthalt auf Erden" abgelehnt hatte, aber findet das nicht und lehnt den "Laubsturm" ab., was den jungen Gabriel niederschmettert. Aber der Existenzkampf im Kolumbien der Fünfziger Jahre ist viel zu hart, um lange zu trauern: um sich am Leben zu erhalten muss Gabriel als Bücherverkäufer über Land reisen, Drehbuchfassungen für Radiohörspiele entwerfen, und weiter seine ungezeichneten Kolumnen schreiben, bis er endlich als fest angestellter Redakteur bei der renommierten Zeitschrift "El Espectador" unterkommt. Damit ist die literarisch relevante Autobiographie eigentlich zu Ende, hier und da gibt es noch Erörterungen über das Musikhören beim Schreiben(S.564) oder das Interview als solches (S.554), doch all das ist mehr dahingeworfen als ausgearbeitet. Stattdessen stehen nun die journalistischen Aktionen des frisch gebackenen Redakteurs im Mittelpunkt der Darstellung. Man liest die erschütternde Geschichte der im Zuge des Bürgerkrieges verschleppten Kinder, einen Aufsehen erregenden Bericht über ein Schiffsunglück, man wird Zeuge, wie die Redaktion von El Espectador wie heutzutage RTL ein Riesengewitter über Bogota als Sensationsmeldung ausschlachtet und lernt, wie der junge Gabito seine ersten zaghaften Kontakte zur kommunistischen Partei knüpft. Derweil versinkt das Land selbst immer weiter in Agonie, der staatlich gelenkte Terror der Rechten und der Gegenterror der Linken überbieten sich gegenseitig, doch der Alltagshatz und den regelmäßigen Cafebesuchen der Reportergemeinde tut das keinerlei Abbruch. Man tanzt auf einem Vulkan, man feiert und zecht, diskutiert, liebt und hofft ganz einfach, dass das Verhängnis an der Presse vorübergehen wird. Das tut es natürlich nicht. Als aufgehetzte Schlägerbanden beginnen, die Redakteure von der oppositionellen Zeitschrift El Espectador zu bedrohen, geben die die führenden Gestalten Fersengeld und verlassen das Land - unter ihnen auch Garcia Marquez, mit dessen melancholischen Reminiszenzen im Flugzeug das Buch endet. Das ist im wesentlichen das vorliegende Werk, ein sechshundert Seiten dickes Konvolut mit hunderten von Namen, die sich kein Mensch wird merken können und nur wenigen Charakteren, die in Erinnerung bleiben. Es ist ein zweifellos unterhaltsam geschriebenes Buch voller meisterhafter Metaphern, das Sehnsucht erweckt nach dieser üppigen karibischen der emotionalen Unmittelbarkeit, es ist aber auch ein Buch ohne eine wirkliche Liebesgeschichte ( sieht man einmal von der Geschichte der Eltern ab) und mit viel zu wenig Sozialkolorit und Hintergrundinformationen. Das wichtigste aber ist etwas anders. Wenn es richtig ist, dass die großen Leseeindrücke zu Meilensteinen der eigenen Biographie werden, dann ist es für die Liebhaber der Bücher von Garcia Marquez so, als streife man bei der Lektüre von "Leben um davon zu erzählen" die Stationen des eigenen Werdeganges, mit anderen Worten: das Buch führt uns zurück in jene glücklichen Tage, in der wir alle Garcia Marquez lasen. Das ist das Beste, was man über das vorliegende Buch sagen kann.
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TOP 500 REZENSENTam 15. Juni 2006
"Leben, um davon zu erzählen", der erste Teil der auf drei Bände angelegten Autobiographie des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez, ist ein Buch, in dem die Hühner auf die Tischdecke kacken, der Papagei in den Eintopf fällt, in dem die Ehefrauen die Bälge des unruhigen Ehemannes aufziehen und die Geistlichen im Bordell einen Rabatt erhalten - kurz, es ist ein echter Garcia Marquez, nur mit dem Unterschied, dass der Autor diesmal seinen Lesern einen Blick in das Unterfutter seiner Inspiration gestattet. Das Buch beginnt im Jahre 1950 mit dem gescheiterten Verkauf des Familienhauses in Aracataca, der schnell zum Anlass wird, den Werdegang der Eltern zu erzählen, in denen der Garcia Marquez-Fan unschwer das Grundgerüst der Handlung von "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" wieder erkennen wird. Als sich die wohlhabende Mutter und der arme Vater-Telegraphist endlich gefunden haben, kommt er kleine Gabriel ("Gabito") auf die Welt, um in einem Aratacata aufzuwachsen, das sich als ein Kosmos voller Originale und Schrullen erweist, ebenso bunt und üppig wie das Macondo aus "Hundert Jahre Einsamkeit". Schließlich verschlägt es den jungen Gabito nach Zentralkolumbien auf eine Oberschule im Norden von Bogota, in der er am Ende ein geschenktes Abitur erhält, ehe er als Student in die Hauptstadt geht. Dort soll er nach dem Willen der Eltern eigentlich Jura studieren, doch er beschäftigt sich nur mit Lesen und Literatur. "Man kann sich kaum vorstellen, wie die Poesie damals unser Leben bestimmte", heißt es dazu auf Seite 313. "Sie war eine heftige Leidenschaft, eine andere Art zu leben, ein Kugelblitz, der überall auftauchen konnte. Wir öffneten die Zeitung und sogar im Wirtschaftsteil oder in den Gerichtsreportagen, erwartete uns die Poesie, um sich unserer Träume zu bemächtigen." So etwas liest jeder Leser gerne, auch wenn er als Nicht-Lateinamerikaner mit den zahlreichen anschaulichen, aber insgesamt am Ende kaum noch überschaubaren Kurzbiographien kaum etwas anfangen kann. Interessanter als diese literaturgeschichtlichen Lokalglossare aber sind Garcia Marquez Erinnerungen an seine prägenden Leseindrücke, bei denen Franz Kafkas "Verwandlung" an erster Stelle stand, gefolgt von Faulkner, Hemingway und Borges. So weit so gut. Aber der keine Gabito wächst in einem Land auf, in dem ein notorischer Bürgerkrieg die Menschen seit der Abdankung von Simon Bolivar in Atem hält. Welche Rolle spielte also die Politik im Leben des heranwachsenden jungen Garcia Marquez? In der ersten Hälfte des Buches jedenfalls keine sonderlich herausragende, wenn man einmal von dem gelegentlichen Geraune von einem "Krieg der tausend Tage" und einem "Aufstand der Landarbeiter" absieht. Erst nach dreihundert Seiten tritt die Geschichte mit Macht in das Leben des jungen Studenten Gabriel, als am 9.April 1948 mit der Ermordung des liberalen Politikers Jorge Gaitan in Bogota die große kolumbianische Violencia beginnt, der in den nächsten 10 Jahren 200.000 Menschen zum Opfer fallen sollten. Vordergründig handelte es sich um einen Kampf der liberalen und konservativen Eliten um die Macht im Staat, im Kern aber war die große Violencia die irrationale Raserei einer durch und durch gewalttätigen Gesellschaft, die der reife Garcia Marquez selbst in seine Reportage "Nachrichten von einer Entführung" analysiert hat. Sofort nach dem Ausbruch der Violencia raste der Mob durch die Straßen, rollten die Köpfe und ging die Hauptstadt in Flammen auf, und wer konnte, floh aufs Land oder in das noch friedliche Cartagena de las Indias, in das es Ende 1948 auch den jungen Gabito verschlug. Hier leidet er altersgerecht an sich und der Welt (schöne Passage: 454), schreibt seine Kolumnen für ein paar Pesos, macht seine ersten Erfahrungen mit dem magischen Realismus (La Sierpe S. 434) und vertieft sich immer aufs Neue in literarische Projekte, zuerst in das nie geschriebene "Wir haben das Gras schon gemäht" (das später von einigen journalistischen Knalltüten als das erste Große Werk des Autors gerühmt werden sollte), dann das abgebrochene "La Casa" und Schließlich "Laubsturm", seinen Erstling. An dieser Stelle der Autobiographie, wir befinden uns etwa um Seite 500, rate ich jedem das dicke Buch für ein paar Tage wegzulegen und den besagten Erstling "Laubsturm" zu lesen, ein ganz erstaunlich reifes Werk, mit denen der junge Gabito all die Hoffnungen, die er in sich selbst und die seine Freunde in ihn setzen auch einlöst. Der Unterschied zwischen der packenden Empathie des jungen Autors, die in "Laubsturm" auf jeder Seite hervortritt, und dem etwas abgehobenen Erzählduktus der Autobiographie ist jedenfalls für jeden Leser eine literarische Erfahrung. Der Großlektor Guillermo Torre, der schon Nerudas "Aufenthalt auf Erden" abgelehnt hatte, aber findet das nicht und lehnt den "Laubsturm" ab., was den jungen Gabriel niederschmettert. Aber der Existenzkampf im Kolumbien der Fünfziger Jahre ist viel zu hart, um lange zu trauern: um sich am Leben zu erhalten muss Gabriel als Bücherverkäufer über Land reisen, Drehbuchfassungen für Radiohörspiele entwerfen, und weiter seine ungezeichneten Kolumnen schreiben, bis er endlich als fest angestellter Redakteur bei der renommierten Zeitschrift "El Espectador" unterkommt. Damit ist die literarisch relevante Autobiographie eigentlich zu Ende, hier und da gibt es noch Erörterungen über das Musikhören beim Schreiben(S.564) oder das Interview als solches (S.554), doch all das ist mehr dahingeworfen als ausgearbeitet. Stattdessen stehen nun die journalistischen Aktionen des frisch gebackenen Redakteurs im Mittelpunkt der Darstellung. Man liest die erschütternde Geschichte der im Zuge des Bürgerkrieges verschleppten Kinder, einen Aufsehen erregenden Bericht über ein Schiffsunglück, man wird Zeuge, wie die Redaktion von El Espectador wie heutzutage RTL ein Riesengewitter über Bogota als Sensationsmeldung ausschlachtet und lernt, wie der junge Gabito seine ersten zaghaften Kontakte zur kommunistischen Partei knüpft. Derweil versinkt das Land selbst immer weiter in Agonie, der staatlich gelenkte Terror der Rechten und der Gegenterror der Linken überbieten sich gegenseitig, doch der Alltagshatz und den regelmäßigen Cafebesuchen der Reportergemeinde tut das keinerlei Abbruch. Man tanzt auf einem Vulkan, man feiert und zecht, diskutiert, liebt und hofft ganz einfach, dass das Verhängnis an der Presse vorübergehen wird. Das tut es natürlich nicht. Als aufgehetzte Schlägerbanden beginnen, die Redakteure von der oppositionellen Zeitschrift El Espectador zu bedrohen, geben die die führenden Gestalten Fersengeld und verlassen das Land - unter ihnen auch Garcia Marquez, mit dessen melancholischen Reminiszenzen im Flugzeug das Buch endet. Das ist im wesentlichen das vorliegende Werk, ein sechshundert Seiten dickes Konvolut mit hunderten von Namen, die sich kein Mensch wird merken können und nur wenigen Charakteren, die in Erinnerung bleiben. Es ist ein zweifellos unterhaltsam geschriebenes Buch voller meisterhafter Metaphern, das Sehnsucht erweckt nach dieser üppigen karibischen der emotionalen Unmittelbarkeit, es ist aber auch ein Buch ohne eine wirkliche Liebesgeschichte ( sieht man einmal von der Geschichte der Eltern ab) und mit viel zu wenig Sozialkolorit und Hintergrundinformationen. Das wichtigste aber ist etwas anders. Wenn es richtig ist, dass die großen Leseeindrücke zu Meilensteinen der eigenen Biographie werden, dann ist es für die Liebhaber der Bücher von Garcia Marquez so, als streife man bei der Lektüre von "Leben um davon zu erzählen" die Stationen des eigenen Werdeganges, mit anderen Worten: das Buch führt uns zurück in jene glücklichen Tage, in der wir alle Garcia Marquez lasen. Das ist das Beste, was man über das vorliegende Buch sagen kann.
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am 10. Januar 2006
Ich halte die Bücher von Marquez für sehr gut, deshalb verschlug es mich auch zu seiner Biographie.
Einen Einblick in sein Leben gewährt dieses Buch. Allerdings muss man bereit sein sich durch eine viel zu hoch dosierte Ansammlung von Namen zu quälen.
Laureano Gomez, Alberto Lleras, Ospina Perez,Guillermo Leon Valencia, Dario Echandia und Gaitan sind zum Beispiel Namen die nur auf einer Seite (S.360) aufgeführt werden. Dieser Namenswahnsinn durchzieht das ganze Buch.
Die meisten erwähnten Menschen sind literarisch oder politisch sicherlich bedeutsam, ich kannte den Großteil jedoch nicht.
Marquezs Fähigkeit so wunderbare Geschichten zu erzählen taucht in diesem Buch in verschiedenen Episoden immer wieder auf, ist aber für 604 Seiten viel zu knapp ausgefallen.
So ist dieses Buch leider keines, das ich verschenken oder gar noch mal lesen werde.
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am 17. Mai 2005
Erschreckt von den 600 Seiten begann ich lustlos irgendwo - und wurde eingefangen. - Meine Vor-Rezensenten haben Wesentliches schon gesagt. Was mich bestach: Dieser ruhige, beherrschte Fluss des Erzählens zu einem Leben, das bunter und chaotischer nicht sein konnte. Verzicht auf Emotionsausbrüche und Spannungsladungen, dabei unerhörte Farbigkeit. - Freilich, die Überfülle der Begegnungen - allen freundlich zugewendet - verführt den Leser zum Springen
Der spanische Titel Vivir para contarla" meint nicht nur "erzählen" sondern auch "abrechnen". Dies macht einiges deutlicher, vor allem den Motivsatz: Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das was wir erinnern und wie wir es erinnern, "UM DAVON ZU ERZÄHLEN".
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