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34 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen atemberaubender, poetischer Alltags-Horror, 30. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Die Liebe einer Frau: Drei Erzählungen und ein kurzer Roman (Taschenbuch)
Wow! Frau Munro erzählt geheimnisvolle, atmosphärisch extrem verdichtete Kurzgeschichten aus einer kleinstädtischen Welt im Kanada der Fünfziger Jahre. Eigentlich sind es moderne Gruselstories, ähnlich denen von Roald Dahl, nur ohne krasse Effekte, vorsichtiger, poetischer, traumverlorener. Wie bei Dahl oder David Lynch lauert der Horror heimlich hinter der bürgerlichen Fassade, und enttäuschte Hoffnungen, kaputte Beziehungen, Lebenlügen, unterdrückte Ängste und Begierden werden Munros grübelnden, sich quälenden und verunsicherten Individuen ebenso unmerklich wie unweigerlich zur Hölle auf Erden. Und spannend ist das! Die Geschichten schleichen sich an, nie weiss man, wohin die Reise geht und immer erzeugt die einfache Sprache eine schwindelerregende Mehrdeutigkeit.

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17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hier stimmt jeder Atemzug, 18. Dezember 2008
Diese Geschichten beginnen ganz langsam. Geschildert wird Alltägliches - und das ausführlich. Alice Muroe schreibt leicht und sehr elegant, darum überlässt man sich gern ihren anscheinend etwas belanglosen Darlegungen. Eine junge Frau pflegt einen alten, sehr gebrechlichen Herrn, obwohl dessen Gattin sie nur schikaniert. Zwei junge Paare werden in ihrem Kleinstadtleben gezeigt - nichts Dramatisches, denkt man. Doch, weit gefehlt! Die Tücke liegt im Detail. Denn in haargenau dem Moment, in dem man sich als Leser in dem geschilderten, anscheinend so überaus "normalen" Leben eingerichtet hat, bricht die Normalität zusammen und zeigt das Besondere: Ein Verbrechen, seit Jahrzehnten ungesühnt. Oder auch die gleichen Personen, nur Jahrzehnte später, so dass ihnen (und dem Leser damit auch) das soeben Beschriebene als ungemein kostbare Erinnerung an die heile Zeit ihrer inzwischen arg blessierten Leben erscheinen muss.
Unspektakulär und leise kommen diese Begebenheiten daher - und doch könnten sie nicht einprägsamer sein. In Alice Muroes Textes stimmt jeder einzelne Atemzug jeder einzelnen Figur.
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13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Gegenseite zur so genannten Normalität, 6. November 2010
Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro, in diesem Punkte dem Filmemacher Terence Malick verwandt, löst das Problem der Blickwinkel-Übertragung, die dem Leser die eigentliche Freiheit zu schauen raubt, indem sie die Menschen in ihren Erzählungen nicht als Personen individualisiert, sondern als Perspektiven auf die Welt. Sie ist so in der Lage uns die andere Seite der Wirklichkeit zu zeigen: Den Ort wo die Geheimnisse leben. In dieser gerade in der Kunst entstehenden neuen Weltanschauung verschmilzt unsere Vorstellung vom Universalen mit individuellen Geschichten. Politisch wirkt sich dieser Blickwechsel etwa dadurch aus, dass wir jetzt begreifen lernen, dass die unzähligen hungernden Menschen auf diesem Planeten zum Objekt der Weltmarktes degradiert wurden, der vor allem der Perspektive der westlichen Welt folgte. Insofern werden wir uns der Verantwortung für die Lebensbedingungen dieser Menschen bewusst. Gleichzeitig verlieren ja die "Zehn ökonomischen Gebote" ihren Wert und die "westlichen" Menschen bekommen mit, das sie sich jetzt besser schnell von vielen antrainierten Gewissheiten trennen, bevor der Wahnsinn sie ereilt. Loslassen wird als Heilung erfahren werden, Staunen wird befreien, das Neue wird gedeihen. Die Klasse der Entbehrlichen wird resozialisiert und das Geld bekommt eine völlig neue Bestimmung.

Munros Literatur einer potentiellen Vielfalt, bei der es darum geht den sprachlichen, kulturellen, anerzogenen Zwängen einen bewusst gewählten übergeordneten Blick entgegenzusetzen, ist so auch eine direkte Auseinandersetzung mit dem Thema der sechziger Jahre Generation: Das Leben als beständiger Akt der Überschreitung. Sie wendet dabei alle Mittel feiner psychologischer Beobachtung auf - was ihr oft den Verglich mit Tschechow eingebracht hat - um auch noch die kleinsten Reste eines romantischen Menschenbildes in Frage zu stellen. Sie blickt in offene Geheimnisse, über die man solange sich keine Gedanken zu machen pflegt, bis man sich vor der Aufgabe wieder findet sie zu erzählen. Ihre Erzählungen beinhalten die üblicherweise unauffindbaren Spuren der Erfahrung, die die romantische Weltsicht ausschließt. Das, was wir einmal gewohnt waren Realismus zu nennen tritt nur noch als verborgener Subtext hervor und das eigentliche Alltägliche erscheint phantastisch durch seine Unbestimmtheit. Diese Unbestimmtheit ergründet Munro, indem sie ins Zentrum ihres Werkes jenes Geheimnis stellt, das sich immer selbst überwindet. Oder, wie es im Talmud heißt: Gott verbirgt sich dem Geist des Menschen, aber er offenbart sich seinem Herzen.

Munro arbeitet mit leichten, kaum merkbaren Schwankungen der Emphase, die dazu führen das die Storyline sich selbst in Frage stellt. Eine beständige doppelte Sicht auf die Dinge ist das charakteristische Motiv ihrer Fiktion. "It seems as if I want to get a lot of layers going... I want the story to have a lot of levels, so that the reader can draw back and perhaps instead of thinking about what happens in the story as far as development of plot goes, to think of somethink else, about live... This may be a difficult way to write fiction. Events are viewed from different angles." (Alice Munro)
Munro sieht ihr Schreiben selbst als ein Weg überhalb der Erfahrung zu gelangen. Man könnte sagen sie ist eine kreative Realistin, weil es ihr um bewusste Erfahrung geht. Dabei experimentiert sie durchweg gerne mit gespaltenen Charakteren. Die Erzählerin in ihren Geschichten ist frei die Zeitachse hoch und runter zu rutschen, die die beiden Hälften ihres Selbst trennt. Bei Munro beobachtet sich die Erzählerin nicht nur selbst, sondern klassifiziert oft auch andere Charaktere in ihrer Art sich selbst zu beobachten. Manchmal führt sie zusätzlich zu zwei Charakteren die sich gegenseitig beobachten einen allwissende Erzählerin ein, der die beiden Egos miteinander zu verbinden scheint. All dies ist ein Spiel mit dem verwirrten und verzögerten Verstehen dessen, was eigentlich geschieht.
Wie verschiedene, übereinander gerutschte Landkarten des selben Territoriums, verhindert die Vielfalt der Blickwinkel jede einseitige Interpretation der Gegend oder der Geschehnisse. Der Plot, die Geschichte, wird selbst zu einem sich ständig bewegenden Arrangement: Zu etwas in sich lebendigen.

Schließlich stehen wir angesichts einer solchen Prosa vor der Herausforderung zuzugeben, dass es keinen Unterschied geben kann zwischen einer Geschichte und der Art wie sie erzählt wird. Keinen Unterschied innerhalb einer vorgegebenen Perspektive zwischen Realität und Fiktion. Eine Tochter kann etwa durch all ihr noch so gesteigertes Selbst-Bewusstsein hindurch niemals ihre Mutter so sehen wie diese wirklich ist - solange sie nicht wirklich ihren Blickwinkel aufgibt, aufhört sich ein Bild zu machen.
Die Wirklichkeit als offenes System; als unendlich wachsende Komplexität stellt uns vor die Erkenntnis welche Bedeutung Ehrlichkeit eigentlich hat. Denn Lügen, Bilder, Geschichten sollen üblicherweise alles einfacher machen als es wirklich ist oder seien sollte - für den Lügner. Aber wir haben zum Glück Alice Munro aus deren Geschichten ungeahnte Bedeutungen herauswachsen und alles in Frage stellen, was sonst so noch geschrieben wird.

Heute, wo das ganze Charakterkonzept im Grunde überholt scheint, zeigt Munro wie, durch die Akzentuierung von Erzähl-Perspektiven, Menschen mal als dies, mal als das erscheinen können. Der Charakter wird also, als die Vorstellung die jemand von sich hat, neu definiert. Jemand denkt jemanden zu lieben, aber im Grunde liebt er nur die Vorstellung, die er von dem anderen hat. An die Stelle von Charakteren werden Perspektiven treten. Wenn man beginnt Menschen nicht mehr als Charaktere, sondern als etwas zu sehen, was über sie selbst hinaus geht und das mit allem verbunden ist, wandelt sich das gesamte Realitätsverständnis. Die Illusion der Trennung zwischen den Menschen, die Illusion des Ego löst sich auf. Munro unterstützt uns darin, zu jenen wahrhaftigen Einsichten emotionaler Psychologie zu gelangen, indem sie uns zu jenen Abgründen dunkler Ungewissheit begleitet, die offen legen wieso Menschen sich auf bestimmte Weisen verhalten. Wer kann schon ermessen, was eine kleine beiläufige Begebenheit alles auszulösen vermag? Munro zeigt auf wie unserer aller Verhalten immer von tief in uns verwurzelten Gefühlen bestimmt ist. Wie sich Menschen unter dem Eindruck eines unvorhergesehenen Ereignisses ihr Leben neu zusammen denken, ist ihr eigentlicher Stoff. So verschafft sie uns Zugang zu den Geheimkammern der Herzen, wo das Gegenprogramm zur Normalität entwickelt wird.
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Die Liebe einer Frau: Drei Erzählungen und ein kurzer Roman
Die Liebe einer Frau: Drei Erzählungen und ein kurzer Roman von Alice Munro (Taschenbuch - 21. Januar 2011)
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