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35 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf der Suche nach der Erinnerung
Ein nicht näher vorgestellter Erzähler trifft bei seinen architekturgeschichtlichen Streifzügen durch die Städte Mitteleuropas auf den etwas älteren Austerlitz, einen universal gebildeten sehr zurückhaltenden Menschen, mit dem sich über große Zeiträume hinweg eine intensive, zuerst sachliche, später persönliche...
Veröffentlicht am 1. April 2007 von euripides50

versus
1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Etwas überschätzt
W. G. Sebald gilt gerade im Ausland als einer der besten deutschen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Irgendwann beschloss ich, ihn endlich zu lesen, und wählte dafür diesen Roman. Nun stehe ich jedoch vor einem Rätsel. Wie soll man dieses seltsame Buch bewerten?
Ich tat mich lange schwer. Begeistert haben mich die dichten, eigentümlichen...
Vor 9 Monaten von Antoine Peters veröffentlicht


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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das ist Poesie!, 29. März 2004
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Sebald fasziniert! Da wird eine sensationelle Sprache verwendet, die man bei andern Autoren so schnell nicht findet. Fast das ganze Buch ist eine indirekte Rede, in der der Autor Bericht erstattet, was ihm Jacques Austerlitz, der Protagonist des Buches erzählt. Da auch dieser selber teilweise wieder in indirekter Rede berichtet, kommen verschachtelte Konstruktionen zustande (".. sagte Vera, sagte Austerlitz."). Das Buch ist nicht einfach zu lesen. Es gibt weder Kapitel noch Absätze. Das bedeutet, dass der Leser kaum eine Gelegenheit findet, die Lektüre zu unterbrechen. Das Buch sollte eigentlich in einem Zug durchgelesen werden. Das wiederum ist kaum möglich, denn es handelt sich nicht um einen süffig geschriebenen Krimi. Es ist zwar spannend zu lesen, aber der Leser wird gefordert, weil ihn Sebald immer wieder auf Nebenschauplätze führt, wo er sich in Einzelheiten verliert (z.B. über Architektur), gekonnt, aber den Leser fordernd.
Mir ist aufgefallen, dass der Umstand, dass das Buch nirgendwo eine Pause macht, wo die Lektüre mit Grund unterbrochen werden kann, es mir manchmal schwierig machte, mich wieder vollständig an das Gelesene zu erinnern.
Dennoch, akzeptiert man dies, ist die Sprache etwas vom herrlichsten, was das Buch bietet. Es tut sich in der Phantasie des Lesers ein ganzer Bilderbogen auf. Und die teilweise unscharfen und zu dunkeln Schwarz-weiss-Photographien wären zur Imagination der Geschenisse gar nicht nötig.
Ein anspruchvolles Werk für anspruchsvolle Leser!
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das ganze Buch eine Forderung an den Leser, 4. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
"Austerlitz" ist eines der schwierigsten Bücher, die ich je in der Hand hatte. Der gesamte Text hat keinen einzigen Absatz, keine Kapitel, nur hin und wieder ein Foto als Unterbrechung, als Rastplatz für den Leser. Es ist außerdem das erste Buch, das ich mit 5 Sternen bewerte, obwohl ich es nicht zu Ende gelesen habe, weil ich einer derart dichten Erzählstruktur, die wirklich jedes Detail zur Sprache bringt, beschreibt und in allen Facetten dem Leser nahe zu bringen versucht, irgendwann nicht mehr gewachsen war. Im letzten Drittel hatte ich den Eindruck, ich lese dieses Buch nur noch um des Lesens willen. Diese Form von Lesen ist zwar ein Vergnügen, wenn man einen Sprachakrobatiker wie Sebald in Händen hält, aber letztlich nicht der einzige Grund, ein Buch zu lesen. Form und Inhalt gehören zusammen und sollten beide gleichermaßen den Leser erfreuen. Ich habe über die detailversessene, ausufernde Form den Inhalt der Geschichte oft schon nach zwei Seiten komplett verloren, sodass es eigentlich egal war irgendwann, an welcher Stelle ich das Buch zum Weiterlesen aufschlage. Dieses Versagen will ich aber nicht dem Buch anlasten, sondern meiner Erwartung und meiner Art, ein Buch zu lesen. Obwohl ich "Austerlitz" unfertig gelesen ins Regal stelle, bin ich der Meinung, dass es ein großartiges Buch ist. Es benötigt allerdings auch einen großartigen, zur höchten Konzentration fähigen Leser.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Magisches Erzähltalent, 4. August 2009
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Winfried Georg Sebald verfügt über ein magisches Erzähltalent, das die schlichteste Alltäglichkeit mit einer derartig erstaunlichen Fantasie zu beseelen vermag, die sich nur schwer begründen lässt. Er eröffnet wechselvolle episodenreiche Erzählstränge, die von unterschiedlichen Zeiten und Betrachtungsweisen durchzogen sind, von mehrere Ich-Erzählern gestaltet werden und dennoch eine Kontinuität bewahren , die zu bewundern ist.
Wie viel beeindruckender aber, dass es sich in dem Romans nicht nur um eine Alltäglichkeit oder eine ermüdende Beziehungsproblematik handelt, sondern um einen ungewöhnlichen Vorgang des Zweiten Weltkrieges, als jüdische Kinder, aus Sorge um ihr Überleben, allein auf einen Kindertransport nach England gegeben werden, deren Schicksal dann dem Einfluss der Eltern entzogen bleibt. Der die Rahmenhandlung des Romans bestimmende zweite Ich- Erzähler Austerlitz ist mit einem dieser Transporte nach England gekommen und da keine Anverwandten mehr nach dem Ende des Krieges überlebten, um nach ihm zu forschen, auch in England geblieben, immer von einer eigentümlichen Fremdheit beunruhigt, irrt er als Wissenschaftler durch die namhaften Städte Europas, sich nirgendwo heimisch fühlend. Erst als Gymnasiast erfuhr er, dass er eigentlich Jacques Austerlitz heißt und nicht Dafudd Elias, wie seine Pflegeeltern, ein eigenwilliger Prediger mit seiner Ehefrau, die ein sonderbares rigides Eheleben führten. Die Frau starb als Jacques Austerlitz 12 Jahre alt war und der Prediger Elias endete in einer psychiatrischen Anstalt. Den Aufenthalt in diesem Hause empfand Austerlitz immer als Martyrium.
Die Suche schließlich nach dem Verbleib seinen Eltern in Prag, verläuft ergebnislos. Die Mutter, hoffnungsvolle Opernsängerin, und der Vater, ein aktiver Funktionär der tschechoslowakischen sozialdemokratischen Partei, hatten sich unmittelbar vor dem Einmarsch der Deutschen in Prag getrennt. Während der Vater nach Paris geht und dort nach dem Einmarsch der Deutschen Armee offenbar deportiert wird, ereilt das gleiche Schicksal die Mutter, die nach Terezin/ Theresienstadt gebracht wird und es ebenfalls nicht überlebt.
Der Bericht, den Austerlitz über seine Nachforschungen gibt, ist von einer so prägenden Sensibilität getragen und wird durch den großartigen Erzählstil Sebalds mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit vermittelt auch ohne die bei solchen Fällen übliche Dramatik, erstaunlicher Weise ist dies jedoch der Grausamkeit der Ereignisse, unter der deutschen Besatzung in Prag, keineswegs abträglich.
Das Wachhalten der Spannung durch die stets wechselnden Ereignisse und die fesselnde Erzählkunst des Autors, lassen einen Lesegenuss entstehen, dessen Faszination dem Leser ein Rätsel bleibt.
Der Roman liest sich wie die Präsenz einer verlorenen Zeit, ein Komprimat aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als immer währende Gegenwart.
Austerlitz, geschrieben 2001 im Jahr des tödlichen Autounfalls der Autors, ist nicht nur die Schilderung eines europäischen Schicksal in Zeiten exzessiver Gewalt in formvollendeter Prosa, sondern lässt auch Fragen darüber aufkommen, was Heimat ist, welche Rolle Eltern haben, was uns die Welt bedeutet. Sebalds Roman erweckt in uns den Eindruck, dass Heimat nur in uns selbst sein kann.
Austerlitz ist einer der wenigen Romane, der von den Bitternissen des 20. Jahrhunderts berichtet, doch den Menschen im Visier hat und nicht das Verbrechen, sehr überzeugend und gleichzeitig auch kurzweilig.
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10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kühl und bewegend zugleich, 6. August 2001
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
Bis zu etwa der Hälfte des Buches habe ich mich gefragt, ob diese Detailfülle sein muss. Wahrscheinlich muss sie sein, um einem diesen Jacques Austerlitz näher zu bringen - und doch bleibt er mysteriös und fremd.
Teilweise extrem lange Sätze - und doch ist das Buch recht flüssig zu lesen. Keine einzige wörtliche Rede ist zu finden, dadurch wirkt es kühl - und ist doch bewegend. Ständig erzählt der Autor, der natürlich mit dem Erzähler identisch ist, was Austerlitz gesagt oder beobachtet hat, in einem Detailreichtum sondersgleichen - aber erzählen kann er wie kaum ein Zweiter.
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8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein etwas anderes Zeitgefühl, 25. August 2005
Von 
Francis Pierquin (Vernouillet, France - fspierqu@club-internet.fr) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Wer für die eigenartige Stimmung empfänglich ist, die von der walisischen Landschaft ausgeht, für den werden weite Strecken dieses Romans ein Genuß sein. Denn hier verbringt Dafydd Elias, so weit er sich erinnern kann, seine Kindheit und Jugend, die er später bildkräftig heraufzubeschwören weiß. Wer auch noch für London schwärmt, wird die spannenden stadtgeschichtlichen Ausführungen des Dafydd Elias zu würdigen wissen, verbrachte er doch hier als Dozent an einem kunsthistorischen Institut die meiste Zeit seines Berufslebens. Nur daß er inzwischen nicht mehr Dafydd Elias hieß, sondern Jacques Austerlitz, wie ihm behördlicherseits mitgeteilt worden war. Darob machte er sich aber nicht sonderlich viele Gedanken, nachdem er zur Kenntnis genommen hatte, daß er kurz vor Kriegsausbruch als Flüchtlingskind nach Großbritannien verschickt worden war, wo ihn eben der calvinistische Prediger Emyr Elias und seine Frau Gwendolyn aufgenommen hatten. Beide waren in den Nachkriegsjahren gestorben, ohne den Jungen über seine Herkunft aufgeklärt zu haben. Und da er „ganz ohne Eltern und Anverwandte" geblieben war und alle sonstigen Verbindungen zu seinen frühen Lebensjahren abgeschnitten zu sein schienen, hatte die Frage nach der Herkunft Dafydd bzw. Jacques, der ein überaus ausgefülltes Berufsleben hatte, nicht mehr gekümmert. Vordergründig zumindest, denn hinter der Hand konnte er sich immer weniger des um sich greifenden Eindrucks der Fremdheit im eigenen Land erwehren. Am Ende stürzte ihn, der sich frühzeitig hatte pensionieren lassen, die jahrzehntelang listenreich durchgehaltene Verdrängung gar in eine späte, ihn aber um so wuchtiger erfassende Lebenskrise. Fortan ging er nur noch der Frage seiner Herkunft nach und landete - im buchstäblichen Sinne des Wortes - an einem schönen Märztag der neunziger Jahre in Prag. Weil Vera, sein einstiges Kinderfräulein, noch am Leben war, stieß er hier unverhofft schnell auf Spuren seiner ersten, auf der Prager Kleinseite verbrachten viereinhalb Lebensjahre. Ebenso fündig wurde er bei der Suche nach Lebensspuren der Agáta Austerlitzová, seiner jüdischen Mutter, die noch im August 1939 seine Verschickung nach Großbritannien mit einem Kindertransport hatte erwirken können. Selbst allerdings hatte sie erst in Prag, dann im Ghetto von Terezín (Theresienstadt) gefangengesessen. Gegen Kriegsende wurde sie in ein weiter östlich gelegenes Konzentrationslager verlegt und dort wahrscheinlich umgebracht. In der Folgezeit bleibt Austerlitz' Geistesverfassung äußert bedrückt: „Es nutzte mir offenbar wenig, daß ich die Quellen meiner Verstörung entdeckt hatte (...) die Vernunft kam nicht an gegen das seit jeher von mir unterdrückte und jetzt gewaltsam aus mir hervorbrechende Gefühl des Verstoßen- und Ausgelöschtseins" -, wenig später rutscht er sogar für drei Wochen in den Zustand „andauernder Geistesabwesenheit". Nachdem er sich erholt hat, macht er sich alsdann auf die Suche nach Lebensspuren seines Vaters, Maximilian Aychenwald, der am 14. März 1939, gerade einen Tag vor dem deutschen Einmarsch in Prag, nach Paris noch hatte entfliehen können. Genauso fesselnd und vielsagend wie seine Ausführungen zu tschechischen Örtlichkeiten sind Austerlitz' Auslassungen zu einzelnen Pariser Stadtbauten, aber anders als in Prag, wo er viele Spuren seiner selbst und seiner Mutter finden konnte, geht er in Paris leer aus. Eines Tages erhält er zwar noch eine Nachricht, derzufolge sein Vater Ende 1942 im südfranzösischen Lager Gurs interniert worden sei, und er beschließt dem nachzugehen. Aber was daraus wird, erfährt der Leser nicht mehr, weil die Wege des alles wiedergebenden Ich-Erzählers und die von Austerlitz selbst, die einander vor dreißig Jahren kennenlernten, sich hier, zumindest vorläufig, trennen. Es spielt aber auch keine große Rolle mehr, weil die Grundstimmung des zu Erzählenden, das mit etlichen Schwarz-Weiß-Fotos unterlegt ist, bereits Zeit hatte, sich zu entfalten und den Leser zu ergreifen. Diese Grundstimmung gründet darauf, „daß die Grenze zwischen dem Tod und dem Leben durchlässiger ist, als wir gemeinhin glauben" und mündet in das Gefühl, „daß wir auch in der Vergangenheit, in dem, was schon gewesen und größtenteils ausgelöscht ist, Verabredungen haben und dort Orte und Personen aufsuchen müssen, die, quasi jenseits der Zeit, in einem Zusammenhang stehen mit uns". Der virtuos und einfühlsam fließende Erzählton sowie die durchaus gleichnishafte Romankomposition tragen in erheblichem Maße zu dieser beinahe anachronistisch anmutenden, durchweg antimaterialistischen Grundstimmung bei. Und eigenwillig ist der Stil des Autors allemal, etwa als er den monströsen Verhältnissen von Terezín nur mit einem ebenso monströsen, schlafwandlerisch durchgehaltenen, atemberaubenden, zehn Seiten langen Satz gerecht zu werden vermeint. Die meiste Zeit aber führt er eine wunderbar poetische Sprache, die den Leser nachdenklich stimmt, auch dies ein Grundzug der antimaterialistischen, ein Höheres anstrebenden Grundhaltung. Alles in allem ein durchaus lesens- und empfehlenswerter Roman also, der quer durch Europa führt, vielleicht nicht nur auf der Suche nach der Identität des Jacques Austerlitz allein, sondern zumindest streckenweise auch auf der des alten Kontinents. Wer auf einem artverwandten Pfad weiterwandeln möchte, sei auf einen Tip von Jacques Austerlitz bzw. W.G. Sebald selbst verwiesen: „Heshels Königreich" von Dan Jacobson.
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5.0 von 5 Sternen Schwarzer Kristall, 3. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Ein Buch wie ein Fieberwahn. Ellenlange Satzgespinste erzählen vom Fluch des Vergessens und brennend zurückkehrender Erinnerungen. Jaques Austerlitz weiß nichts mehr über seine Kindheit, lediglich dass er als Pflegekind aufgenommen wurde. Das Leben der Wissenschaft gewidmet, an Stelle des Wissens über sich selbst ("kompensatorisches Gedächtnis"). Austerlitz als Rastloser, Suchender, er weiß nur nicht, nach was.

Dabei ist die Perspektive völlig seltsam: Aus dem Blickwinkel eines namenlosen Ich-Erzählers, der das von Austerlitz Gesprochene in indirekter Rede wiedergibt. Anfangs ist dies am stärksten ausgeprägt, so dass eine Unschärfe zwischen Erzähler und Austerlitz entsteht (und mir auf den Keks geht). Später lässt das nach, der Text wird als Gedanken- und Redefluss zugänglicher. Sebald hat damit eine neue Erzählgattung begründet ("Modus der stellvertretenden Zeugenschaft, der Autor tritt zurück und lässt den Zeugen für sich selbst zeugen, der Erzähler fungiert nur als Medium" Irene Heisenberger-Leonhard).

Diejenigen, die zum Thema keinen Bezug haben, empfinden vielleicht die Rede in der Rede als aufgesetzt ("Germanistenprosa"). Meiner Meinung nach können Gefühle jedoch so stark sein, dass sie, wie hier, einen Puffer benötigen. Können Sie nachvollziehen, haben Sie einen Verlust und die Wucht wiederkehrender Erinnerungen erlebt? Eventuell gibt es vorher eine Sensibilität, bruchstückhafte Details, dann vielleicht einen Schlüsselreiz, einen Auslöser. Die Erinnerung erscheint: Das soeben noch als Realität gewusste verändert sich, neue Perspektiven tauchen auf, der Boden unter den Füßen wankt. Steht man seiner Vergangenheit unmittelbar gegenüber sind das extrem starke Gefühle, es gibt keine stärkeren Mechanismen als die in der Kindheit verlorenen Dinge (Lacan: objects petit: der unstillbare Wunsch, einen verlorenen Teil der Existenz wieder zu bekommen).

Oft werden monumentale Bauwerke mit besonderen, abgründigen Eigenschaften beschrieben. Eine Verteidigungsanlage, ein riesiger Jusitzpalast, immer wieder große Bahnhöfe. Die Gebäude besitzen abgelegene, unzugängliche Kammern - Synonyme für seine verdrängten Erinnerungen - es finden sich diverse Aspekte der Tiefenpsychologie im Buch. Zeitlinien erscheinen häufig verbogen bis umgekehrt, für Austerlitz scheint es, dass Vergangenes an den abgelegenen Orten noch existiert "es war, als sei hier die Zeit, die sonst doch unwiderruflich verrinnt, stehengeblieben, als lägen die Jahre, die wir hinter uns gebracht haben, noch in der Zukunft."

Visionen quälen ihn: Etwas ist dabei, an die Oberfläche zu drängen "für mich aber war es zu jener Zeit, als kehrten die Toten aus ihrer Abwesenheit zurück und erfüllten das Zwielicht um mich her." Schließlich die erste Erinnerung "ich erinnerte mich zum erstenmal, soweit ich zurückdenken konnte, an mich selber in dem Augenblick, in dem ich begriff, dass es in diesem Wartesaal gewesen sein musste, das ich in England angelangt war vor mehr als einem halben Jahrhundert. Der Zustand in den ich darüber geriet, weiß ich wie so vieles nicht genau zu beschreiben; es war ein Reißen, das ich in mir verspürte..." Nach immer wiederkehrenden Halluzinationen ein Zusammenbruch und zunächst Stillstand. Erst danach in der Zeit der Besserung gelangt Austerlitz ganz zufällig an Informationen, die ihn selbst als Kind widerspiegeln, ihn trifft der Blitz seiner Identität (kein Spoiler), er unternimmt eine Reise, die Reise in seine Vergangenheit. Auch hier ist nicht wirklich Frieden zu finden, immerhin jedoch seine Identität.

Kann ein Buch, das derart viel Verfall und Nemesis in sich trägt schön sein?! JA! Denn die alte Welt (Herrschaftsordnungen, Bauwerke, seine Pflegeeltern etc.) muss erst vergehen, damit die Erinnerung, sein Leben! wieder an die Oberfläche durchbrechen kann. Diese liebevoll gezeichneten Details: das geflutete Dorf, das Nachglimmen der Motte im Auge des Betrachters, Papageien in Cornwall, diverse fotografische Assoziationen, Wahrnehmungsverschiebungen - geschrieben in einer schönen Sprache wie ich sie (vielleicht außerhalb von mir nicht zugänglicher Lyrik) ganz selten finde.

Das ist Literatur von großer Kraft und Schönheit - Verdrängungsmechanismen und die Wiederkehr verschütteter Emotionen. Der Text gehört für mich zu den zeitlosen Sternstunden der Literatur - dreidimensional und intensiv! Wer sich für den Stoff interessiert und bereit ist, über ein paar Textschwurbeln hinweg zu lesen: Empfehlung!

Weiterführende Literatur: Öhlschläger: Beschädigtes Leben. Erzählte Risse., Schütte: W. G. Sebald: Einführung in Leben und Werk, Richter: Die Ästhetik und Poetik der Erinnerung in W.G. Sebalds Roman Austerlitz, Lazaj: Erinnerungsstrukturen in W. G. Sebalds "Austerlitz", Mosbach: Figurationen der Katastrophe. Ästhetische Verfahren in W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn und Austerlitz
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Etwas überschätzt, 11. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
W. G. Sebald gilt gerade im Ausland als einer der besten deutschen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Irgendwann beschloss ich, ihn endlich zu lesen, und wählte dafür diesen Roman. Nun stehe ich jedoch vor einem Rätsel. Wie soll man dieses seltsame Buch bewerten?
Ich tat mich lange schwer. Begeistert haben mich die dichten, eigentümlichen Schilderungen, die wirklich feine Sprache Sebalds. So etwas liest man wahrlich nicht oft. Doch genauso zäh war es leider mitunter. Die eigentliche Geschichte gerät teilweise stark in den Hintergrund, dafür erfährt man, salopp gesagt, vieles über irgendwelche Gebäude und Uhren. Erst zum Ende greift die Dramaturgie und man bekommt endlich mehr Informationen über den unter einem Unstern stehenden Austerlitz.

Mir kam es beim Lesen ehrlich gesagt so vor, als wäre ich auf einen Hype hereingefallen. Sicher, das Buch möchte gar nicht unterhalten, aber ein wenig mehr Erzählfluss wäre nicht schlecht gewesen. Zudem ist mir Wochen nach dem Lesen nicht mehr viel von dieser Geschichte geblieben. Schade. Da hat mir ein John Burnside, der eine ähnliche dichte, ausgefeilte Sprache hat, besser gefallen.
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5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen auf der Suche nach seinen Wurzeln..., 6. Juni 2004
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Ich habe das Buch eher zufällig entdeckt und mitgenommen, war also auf den Inhalt nicht wirklich vorbereitet und daher auch in mehrfacher Hinsicht überrascht. Ich hatte zuerst Probleme mit dem eigenwilligen Erzählstil von Sebald, die ganze Geschichte wird über ein dritte Person erzählt, der erzählt was ihm ein Bekannter, den er immer wieder im Abstand mehrerer Jahre trifft, erzählt. Der ganzen, sehr berührende Geschichte nähert sich der Autor sehr behutsam an, ein vorsichtiges Herantasten an die unbewältigte Vergangenheit des Hauptakteurs, seine Suche nach seiner Kindheit, seiner Herkunft. Dem Leser wird es zeitweise nicht leicht gemacht, den Lesefluß zu unterbrechen, doch es lohnt sich, einen Blick in einen Bereich unserer Vergangenheit zu werfen, der nicht allen bekannt sein wird.
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8 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch, das nicht enden sollte, 1. September 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Gebundene Ausgabe)
Man wird nicht müde, Austerlitz (und Sebald) auf ihren Wegen quer durch Europa zu folgen, man liest nicht nur von den Schauplätzen, man IST dort, man spürt die Empfindungen Austerlitz's, man leidet und freut sich mit ihm (in Prag). Und alles in einer ungewöhnlichen Sprache und in einer außergewöhnlichen Detailfreudigkeit, die zudem noch großes Wissen vermittelt. Es ist schade, dass auch dieses Buch ein Ende hat, ich könnte immerzu weiterlesen, Austerlitz wüßte sicher noch viel durch Sebald zu erzählen. Ein wunderbares Buch, unbedingt zu empfehlen!
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2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen wo hinzusehen wir nicht gewohnt sind, 13. April 2008
Von 
Walter Methlagl (Hall in Tirol, Austria) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Abgesehen vom Foto auf dem Umschlag, das gewissermaßen auf eine falsche Fährte führt, versteht es Sebald hier besser als in den meisten seiner Erzählungen, die Fotografie zur Intensivierung seiner ungewöhnlichen Beobachtungen einzusetzen.
Bald kann der Leser nachvollziehen, wie sich die Bedeutung aller menschlichen Vorhaben mit jeder Veränderung der Welt verliert oder sich ganz am Rande befindet, wo hinzusehen wir nicht gewohnt sind.
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Austerlitz
Austerlitz von W. G. Sebald (Taschenbuch - 2011)
EUR 9,95
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